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Verlagshaus J. Frank | Berlin Edition Belletristik | Quartheft 25


Die Leiden des Herrn Kurz

Herr Kurz hat zwei unterschiedlich lange Beine. Seit seiner Kindheit trägt er Einlegesohlen aus dem Sanitätshaus. Er steht mit dem rechten Bein auf und spürt ein Gefälle in den Zehenspitzen des linken Fußes. Ob er Rechts- oder Linksfüßer ist, fragen sich die Orthopäden vergeblich. Als er jung war, begegnete er Frauen, die seine verschieden langen Gliedmaßen betrachteten. Er musste sich nackt vor ihnen ausziehen und sie durften ihn am kürzeren Ende kitzeln. Dieses Spiel verlor seinen Reiz mit den Jahren. Herr Kurz bewohnt eine Zweizimmerwohnung unweit der Rotenbaumallee. Die Chaussee grenzt an das Parkcenter mit Einkaufsspaß bis 22 Uhr, ausgenommen Sonn- und Feiertage. Nachts gurgeln die Fische im Aquarium des Wohnzimmers und er sieht sich, in einem der dritten Programme die schönsten Bahnstrecken des Landes befahren. 4


Eines Tages im Juni beschloss er, an die Mosel zu reisen. Man ließ ihn probieren vom Saft der saisonalen heimischen Reben. Wenn er einen Schwips bekommt, spürt er das Gefälle nicht mehr. Alles wird ähnlicher. Eine ausgleichende Gerechtigkeit erfasst seinen Gehapparat. Alles wird gleich, denkt er. Anderes gleicher. Miststück! Genau genommen passt er so richtig in jedes Bett und in keines. Auf dem Tennisplatz versuchte er es mit dem Kickaufschlag. Es ist alles eine Frage der Schnellkraft, rief ihm der Lehrer zu. Die rote Asche stob auf, das Racket landete im Netz. Spiel, Satz und Sieg Rückschläger. Sind Sie schon einmal mit der Cocktailkirsche im Ausschnitt einer Dame verschwunden, fragt er sich leise, wenn der Dimmer herunterfährt. Herr Kurz mimt eine Fliege an der Decke. Von niemandem bemerkt werden, unbemerkt von allen zu sein, das wäre es: Nicht einmal der Steuerprüfer sähe mich. Herr Kurz schlägt die Beine übereinander. Zum Frühstück die Welt und Himbeerkonfitüre. Der Gang ins Büro mit innerlich angezogenen Knien. Die Sekretärinnen, in den Spätbarock gekommene Haubitzen. Auf dem Spielplatz schlängelt sich eine Traube halbwüchsiger Kinder. Herr Kurz lanciert den Passat durch den Kreisverkehr. Einparken. Aufschieben der Haustür. Hinein in den Fahrstuhl. Ein Knacken im Schloss. Lösen des Stricks am Hals. Faustgroße Flecken unter den Hemdachseln, später die gefüllte Plastiktüte für die Trockenreinigung. 5


Morgen wird die Buchung getätigt, das Bestätigungsfax gesendet. Herr Kurz wendet sich den Antillen zu. Korallenriffe und Muschelbänke. Gespreizt hält er Daumen und Zeigefinger. Die beringten Gelenke des Animateurs spiegeln sich in seinen Sonnengläsern, während die Wellen anschlagen. Das Zucken in den Wadenmuskeln. Das Fehlen krampflösender Mittel. Ein Bein liegt auf, das andere hängt in der Luft. Die Pensionskasse schreibt Herrn Kurz maschinenschriftliche Briefe. Gültig auch ohne händische Unterschrift. Er erhalte ab einem bestimmten Datum, das deutlich in der Zukunft liegt, monatliche Abschläge. Er könne das Alter zwischen den gedämmten Wänden seiner Eigentumswohnung gemächlich ausklingen lassen. Er blättert im Katalog der Agentur. Er wünscht sich eine halbspäte Lebensabschnittsbegleitung, exotisch, aber doch mit häuslichen Qualitäten. Wir hätten da einige verjüngte Damen für Sie, beteuert die Akquisiteurin, eine bereifte Frau mit Stil jenseits der Vierziger. Nicht was Sie denken, Frauen mit Reife und Geschmack. Herr Kurz verspürt ein Ziehen in der Magengegend. Am Sonntag ruft die Mutter gewöhnlich an. Sie ist alleinstehend, seit ihr Mann, Herbert, verstarb. Das liegt beinah fünfzehn Jahre zurück. Herr Kurz schaut auf seine Armbanduhr, eine Montblanc, Geschenk der Mutter zu seinem 50. Geburtstag. Er möchte einfach nur seine Ruhe haben, schnauft er, und schaut die Fische im Aquarium fragend an. 6


Auf einem Bein stehen, angeschrägt, mit Wachs überzogen. Den Geschmack von Patina auf den Lippen. Das Denkmal des unbekannten Apothekers. Langsam einregnen. Moos bilden an den Brillenrändern. Zuwachsen, von Efeu umwoben werden. Das Telefon klingelt zur vereinbarten Stunde. Herr Kurz nestelt an der Hemdtasche. Heute ist der Tag, an dem sein Leben eine gravierende Änderung nehmen muss, sagt er sich gefasst und eindringlich. Er will die Kündigung persönlich aussprechen, ins Gesicht des Vorgesetzten. Sein Personenkraftwagen schwimmt durch die Schneisen des Parkhauses. Der Aufzug blinzelt neurotisch. Er hat die Krawatte festgezogen. Hinter der Feuerschutztür hört er das Schlagen von Äxten. Durch die Rohrpostanlage huschen Silberfische. Es ist die Stunde vor der entsetzten Empfindung, die sich um die Treppengeländer windet. Er steht am Watt, leicht gebeugt, hinter sich die Buhnen. Er hat eine Flasche des 92er Rosso di Montepulciano im Anschlag, die er aus einem seiner Italien-Urlaube vor der Jahrhundertwende mitgebracht hat. Man könnte hier ins Meer gehen, ohne abgelegte Kleider. Die Fähre tutet am oberen Bildausschnitt. Er möchte ihr zuwinken, doch die Auflösung ist zu schlecht, die Belichtungszeit abgelaufen. Dicke Tropfen kleben karminrot am Glasrand. Viertel vor elf verschwindet Wolfgang Kurz aus der Hotellobby. Es regnet doch stärker als angenommen. So ein Satz oder ähnlich schwingt mit aus der menschenlosen Bar. Ein Klaviersolo verliert sich in den Gästetoiletten. 7


Wenig später brechen die Sterne über ihn herein wie Gottesanbeterinnen, die sein Fleisch aufräufeln. Er träumt, aufgespießt zu werden auf einem langen Pfahl. Es sind kosmisch verkleidete Außerirdische: Indianer, Untote oder Ausgestorbene, die, während sie beginnen, ihm die Haut abzuziehen, sein zu kurzes linkes Bein nicht einmal bemerken. Er möchte ihnen den Ausweis zeigen, der ihm ausgestellt wurde, über seinen Behinderungsgrad von über fünfzig Prozent. Er möchte ihnen noch zurufen, dass er gegen den Krieg demonstriert hat vor fast vierzig Jahren. Doch da haben sie ihm schon den Hirnlappen herausgezogen und wedeln mit seinem Skalp und preschen davon auf dem Datenhighway, in ihren schweren Karossen, fort und dahin durch die galaktische Einbahnstraße.

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