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WeiĂ&#x;e Frucht Janine Lancker. Illustrationen von Katharina Berndt.


WeiĂ&#x;e Frucht Janine Lancker. Illustrationen von Katharina Berndt.

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Prolog Ich im Gerät. Die Backen kleben an der Glasablage fest, Gewicht von rechts nach links. Luftvolle Ohren, schnapp, den Atem enttüdeln, schnapp, Druck steigt an. So stell ich mir Kernspinkapseln vor. Die Stirn wird heiß, zu heiß, den Strahler schalt ich ab. Die dunkle Scheibe spiegelt: mein Anwesen — dran

festhalten, Isa! Der weiße Zylinder knackt, surrt, dröhnt . Bedenklich erst. Aber langsam tut es gut. Tut gut, Isa, tut gut. Und warm. Einfach schön warm. In elfeinhalb Minuten werde ich so wenig anziehen, dass ich mich nackt fühlen kann: kurzes Schlauchkleid und Zehenstegsandalen. Gebraucht, wie neu, gediegen. Schlaffe Haut

über dem Knie, aber einer meines Alters daraus einen Vorwurf


machen? In Blöße auf einer aufgeklappten Riesenmuschel und windige Haare bedecken die Scham: borstiges Rascheln. Es blieb meinem Vater vorbehalten, meine Mutter nackt zu sehen. Ich weiß, 6 wie die Frauen von irgendwelchen Spielern ohne alles aussehen, bewerte

Brüste, schaue Hintern — meine Mutter kenn ich eigentlich nicht. Meine Eltern kennen sich seit zweiundvierzig Jahren. Die beiden kaufen Socken, die farblich nicht zu ihren Oberteilen passen. Sie werden nur da braun, wo Sonne hinkommt und wenn’s regnet, bleiben sie halt weiß. Sie wollen zu allem eine Meinung haben, noch schlimmer, äußern sie dann auch. Sie denken, es genügt, gebügelte Klamotten anzuhaben, von Softskills und dergleichen hamse nie gehört. Wollen sie auch nix von wissen. Meine Mutter denkt, sie kann einen ganzen Rotbarsch kaufen, um ihn zu Hause auszunehmen. Ihn kochen und dann auf dem Tisch enthäuten, Filetieren mache mein Vater dann. So’n Fisch kriegt man natürlich gar nicht mehr. Die im Geschäft, die starren meine Mutter an, die das gar nicht erst kapiert. Kapieren will. Durchgeknallt wieder raus. Yvonne wartet darauf, dass ihr das Amt eine Maßnahme im Grenzgebiet zahlt. Studieren später, erst mal Geld verdienen. Der schönste und der schlimmste Reiz, so isses nämlich Mama, hat sie mir erklärt, die beiden sind identisch, also eins. Der steht so im Raum und hat auf beiden Seiten ein Gesicht. Es kommt drauf an, von wo du gerade schaust. Da ist auch Glück dabei. Am besten aber Mama, du greifst einfach blind in seine grobe Richtung und denkst dir nichts dabei. Für ihr Alter ist sie sehr professionell. Ich kann ihr leider zu nichts anderem raten. Alles ist drauf ausgelegt, Schaden zu begrenzen. Juliane ruft aus Frankfurt an. Konsterniert: Die Ausdrucke sind viel zu klein. Doppelt so groß wie DIN A4 meint: DIN A3. Ob ich mir das merken könne? Aber … Zu klein, haste


dich vertan! Schweigen im Walde. Sie bricht das Gespräch ab. Ich habe noch welche von den großen Zetteln hier und nehme einen aus dem Karton. Dann leg ich zwei Standardblätter drauf: DIN A4 plus DIN A4, passgenau DIN A3. Das Deutsche Institut für Normung kann Juliane mal. 7

Isa — eine Zehnjährige, die jeden Werktag ein dreiteiliges Puzzle zusammensetzen darf. Ja, weiter so. Das hast du gut gemacht. Oh, das können wir aber besser, Isa, gell? Fortbildungspunkte sammeln. Mach ruhig nochmal neu. Fleißig, fleißig. Stets bemüht. Jawohl, jetzt hast du’s fast. Als ich zuletzt in Frankfurt war, hab ich die Toilette aufgesucht. Sie ist grad nicht am Platz. Da hing ein dünner Faden aus der Schranktür raus, war eingeklemmt, direkt gegenüber meiner Knie. Ein Test, ob ich die Tür geöffnet habe? Rumschnüfflerin? Wissbegier? Ordnungssinn? Ich ließ ihn hängen. Tagesfertig, alles aufgegessen, Königin. Am Dienstag wäre mir beinah ein Auto auf den Kopf gefallen. Das Wörtchen »Glück« nehm ich Yvonne krumm. Nach ’nem miesen Tag warte ich auf grünes Licht an der Kreuzung »Technologiepark«. Kleines Scheppern, dreh mich hin und schau. Da fliegt ein Fahrzeug vorbei. Nach ’nem großen Salto auf dem Dach gelandet. Hinten gleich einer kopfblutend aus’m Fenster. Viel Blut, Keuchen, ich und zwei vorne im zerquetschten Teil. Wie ich da stehe — da lässt sich nichts zu sagen, auch Zeitansagen wären jetzt verkehrt. Seh mich dabei im Spiegel, wie ich mich dabei im Spiegel sehe, wie ich … Ist halt Erinnerung. Eine Chirurgin außer Dienst kommt grad vorbei und hilft. Die beiden vorne robben aus dem Wagen: Kauern sich auf den Bürgersteig, ist wohl gut gegangen. Ich steh so da, leih dem Wunden meinen Mantel, mehr geht nicht, steh einfach da und denke: kalt. Irgendwann später gibt mir einer von dreißig Mann — Polizei, Rettung, Feuerwehr — den Mantel wieder. Ich nahm die nächste Straßenbahn.


Drei Tage hat sich der Wagen in meinem Kopf überschlagen. Heute ist Tag vier. Dreht sich nicht mehr, stattdessen lauter gravierende Gedanken. Den geschlossenen Tiegel einfach auf den Kopf drehen, damit der Puder durch das feine Sieb 8 in den Deckel gelangen kann. Den Puder mit dem Pinsel aus dem Deckel aufnehmen und

überschüssige Partikel aus den Borsten klopfen, dass kein Puder mehr sichtbar an ihnen hängen bleibt. »Wir testen mal.« Die Verkäuferin hat mir das abgenommen. Ihre goldene Haut duftet nach Zedernholzaromen und Vanille. In Kreisen lässt sie den Pinsel über meine Wange, Nase, Wange gleiten. Sie lächelt: Perlmuttschimmer, basiert auf reinen Mineralien. Wohltat für gestresste Haut. Dann hält sie mir einen Spiegel vor. Wir sehen beide, wie ich schwitze. Stirn und Kinn mattieren wir noch nach. Gerne würde ich in ihre Locken fassen. Bin verlegen, weil ich mit so viel Nähe heute nicht gerechnet habe. Wiederholen Sie den Vorgang so lange, bis die gewünschte Farbgebung erreicht ist. Alles glatt und braun und sauber, das Gesicht umrahmt von voluminösem Haar. Sich verdingen, an den Dingen abarbeiten. Meine bessere Hälfte ist das Material. Ordnen, säubern, glätten. Der Staub lauert in den Ecken, falls du nicht auf Zack bist, springt er dir wie Jack entgegen. Und du kriechst pelzig auf der Modererde rum. — Radio beim Mittag musste sein. Im Nebenzimmer unnachgiebiges Schreien mit Mund zu. Meine Oma wehrte sich im Schlaf gegen ein winziges Zerfressen in Brauenhöhe. Ich konnte es sehen, obwohl ja drin im Kopf. Seitdem ekeln mich bröcklige, zerfaserte Strukturen. — Hendrik bewahrt seine abgeschnittenen Fingernagelreste in einer kleinen Dose auf. Seine Art, Ertrag abzuwerfen. Wir telefonieren. Er ruft mich an. Er denkt, ich hab was gegen Pink Floyd und Ego-Shooter. Ein Arsenal gelber Hornhalbmonde.


Wenn ich Fotos von mir sehe, denke ich: Du schlecht gelaunte Kuh. Das wird an meinem Gesichtsschnitt liegen. Die linke Seite ist eigentlich ´nen Tick zu schmal, das gleicht ein sanfter Rotton aus. Im »Sinatra´s« werde ich´s morgen mal drauf ankommen lassen. Einmal hat das neulich ja ganz gut geklappt. Reiner mit e-i. Noch ´n Stückle, noch ´n Stückle. Einmal »Ah« machen, bitte. 9 Du solltest dich nicht so sehr versteifen. Darf ich da auch hin? — Ich unterhalte mich mit Harvey, dem Freund, den ich am besten fand, der mich seitdem bei allem begleitet und anerkennend nickt. Vom Winkel her gut, gute Körperspannung, ja, genau so, sehr schön Isa. Gleich hast du´s geschafft. Der Wind im Haar / Die Zeit im Wind / Kein Problem / Hab Gold im Zahn.


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Q14 // Janine Lancker // Weiße Frucht // Erzählungen  

Erstaunlich vielseitig zeigt sich die Bremer Autorin Janine Lancker nun zwischen Prosa, Märchenadaption und Lyrik. Die Bildhaftigkeit der Sp...

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