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Illustrationen von Florian Hauer.

marion dick

fieber im thermometer


FIEBER IM THERMOMETER Erz채hlungen. Marion Dick. Illustrationen von Florian Hauer.


Fieber im Thermometer

Mit der Scherbe im FuSS


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Mein Vater geht bald zum Nervenarzt. Das ist nichts Neues. Es ist nichts Neues, dass man zum Nervenarzt geht, meine ich. Von ihm habe ich das ja gelernt, dass man zum Nervenarzt geht. „Was machst du, wenn dir der Fuß weh tut? Gehst du zum Arzt!“ „Stimmt“, habe ich gesagt. „Was machst du, wenn dir die Seele weh tut? Gehst du zum Arzt!“ „Okay“, habe ich gesagt. Als ich in sein Hotelzimmer komme, bleibe ich einen Augenblick stehen. Ich bin nicht sicher, wo ich mich setzen soll. Es gibt nur den Schlafplatz, ein Sofa und einen aufrechten Stuhl am Tisch. Protokollführen kann ich nicht. Mein Vater liegt auf dem Doppelbett, also nehme ich Platz auf der Couch. „Und, wie geht es dir jetzt?“ Ich ziehe eine Schublade auf, weil ich etwas hineinlegen will, aber etwas liegt schon darin. „Eine Bibel!“, rufe ich erstaunt, und mein Vater sagt kalt: „Klar, gibt es in jedem Hotel.“ „Wieso das denn?“, frage ich entsetzt. „In jedem guten zumindest“, sagt er. Heute Morgen habe er dem Arzt zum ersten Mal mächtig Druck gemacht. „Sie, so geht es nicht weiter“, habe er gesagt. „Ich sitze ja förmlich da und warte darauf, dass es wieder losgeht!“ Und irgendwann sei es jetzt doch an der Zeit, die Sache erledigt zu kriegen. „Erledigt!“ Ich mache ein Häkchen in meinem Kopf, das ihn zu sprengen droht. Der Arzt heute Morgen hat dasselbe gesagt wie der Arzt gestern Abend: „Vegetatives Nervensystem.“ Stress, sagt man auch, das klingt normal, aber vegetativ klingt hoffnungsvoll. Man stellt sich blühende Landschaften vor. Natürlich gibt es verschiedene Vegetationen, aber das ist egal.

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„Was machst du, wenn dir die Nerven weh tun? Gehst du zum Arzt!“ „Stimmt“, sagte der Arzt. Jetzt hat mein Vater einen Überweisungsschein. Gestern hat mein Vater einhundertsiebzehn Bienen das Leben gerettet. Wir saßen draußen im Garten des Hotels und tranken Holundersaft. Bald sind die Bienen in Schwärmen gekommen und haben sich da hineingestürzt wie Seemänner, von Nymphen gebannt, ins Meer. An einem Punkt schauten sie so tief ins Glas, dass sich ihr Hinterteil in die Lüfte hob und ihr Körper vornüber kippte. So, wie die Titanic einst entschlossen untergegangen war. Ich zählte die Bienen, meine Mutter und meine Schwester redeten über sie – doch mein Vater war es, der sie einzeln an einem Grashalm aus dem Holundersaft zog, anschließend das Glas an die Lippen setzte und es wahrscheinlich leer getrunken hätte, wäre ich nicht zuvor aufgefahren, um es ihm schreiend aus der Hand zu schlagen. Solche Absenzen häufen sich. Vor dem Holundersaft draußen im Garten lief er sieben Mal um den Teich und danach stand er auf dem Fachwerkbalkon und blökte den Schafen zu. Ich hätte ihn gerne für eines der Schafe gehalten, nur, um ihm einen Gefallen zu tun. Aber ich weiß ja, dass das Schaf eine Ausrede war, um noch nicht schlafen zu gehen. „Was machst du, wenn dir der Schlaf weh tut? Gehst du zum Arzt!“ „Bestimmt“, habe ich gesagt. Vorgestern hat mein Vater einen halben Tag lang gezittert. Schon vor dem Zittern sieht er aus, als sei etwas im Busch, er hört mir nicht zu wie früher und sonst. Nein, er lächelt, als erzählte ich einen Mädchenroman, kneift mit den Augen,

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als blende es ihn. Und tatsächlich färbt sich das Glas seiner Brille blau – ein Ultrareflexsystem. Ich unterbreche ihn nicht und mich nicht, weil der Schutzfilm sonst reißt, und ich bin sicher, das wollen wir beide nicht. Aber auch nichts sagen ist umsonst, denn nachher sitzen wir im Garten, auf dem Bett oder an der Bar, und auf einmal sind seine Brillengläser wieder klar – mein Vater fängt an zu zittern. Sein Versteck fällt wie Schuppen von ihm ab, die ich ihm einzeln zurückgeben will, doch ich flüstere nur immerzu: „Ausatmen, ausatmen!“ und vergesse es selber dabei. Als das Zittern nicht aufgehört hat, hat meine Mutter gesagt: „Ich stehe doch nicht im Urlaub hier rum und warte, bis sich etwas löst, das sich sowieso nicht löst!“ „Wo denn sonst, wenn nicht im Urlaub?“, habe ich sie gefragt. Dann ging sie los und nahm meine Schwester mit. Meine Mutter braucht auch irgendwann einen Nervenzusammenbruch. Ich musste meinem Vater eine Zeitung holen, die er später nicht las, denn er schaffte es nur bis zum Stuhl, nicht bis zur Rezeption. Und als der Hotelier ihn begrüßen kam, sprang ich, ohne zu wissen, aus welchem Grund, zwischen ihn und den Mann. Wie ein Ultrareflexsystem. Vor dem Zittern hat mein Vater zum ersten Mal Yoga gemacht. Das war meine Idee. Nach dem Yoga fing sein Herz an zu pochen und vor dem Pochen hat der Kopf weh getan. Kurz davor hat er Schwindel gespürt und nach dem Schwindel fehlt ihm der Sauerstoff. Dazwischen hat er sich stark konzentriert. Dann fing das Zittern an. Ich bin froh, dass mein Vater die Reihenfolge kennt, denn die Logik verstehe ich nicht. Mein Vater wird sicher noch einmal zittern, aber nicht mehr ins

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Yoga gehen. Täte Yoga ihm gut, wäre er ja krank, aber wenn Yoga ihn krank macht, ist er wahrscheinlich gesund. Doch diese Logik versteht mein Vater nicht. „Was machst du, wenn du nicht weißt, was dir weh tut? Gehst du zum Yoga!“ „Mal sehen“, hat er gesagt. Jetzt tut ihm alles auf einmal weh. Vor ein paar Wochen hatte ich ihn noch am Telefon. Wir redeten über allerlei triviales Zeug, häuften Müll in gleichmäßigen Bergen an, bis genug Alltag zwischen uns lag, um ihn mit einem Satz aus dem Weg zu räumen. „Zum ersten Mal“, so fängt er an – aber das nicht zum ersten Mal und ich spüre allmählich gesättigte Euphorie – „zum ersten Mal habe ich das Gefühl, der Sache wirklich und ein für alle Mal auf den Grund zu gehen.“ Seine Stimme dringt wirklich aus tiefstem Grund, doch das muss sie, weil sie den Müllberg zwischen uns sieht und alle Zweifel wegfegen will. Er hat gemerkt, dass der Schwindel nicht nach dem Pumpen kommt, sondern das Herz nach dem Schwindel pumpt, dass die Achillessehne vor Jahren gerissen war und dass ihm etwas im Nacken sitzt – „Ich“, sage ich, „ich glaube ja auch an ganzheitliche Medizin. Aber manchmal ist der eingebildete Kranke der gesunde Gebildete.“ Doch mit diesem Satz verliere ich ihn, und der Müll fällt auf uns zurück. „Warte!“, rufe ich, schon von Kippen bedeckt, doch meine Stimme erstickt im Schlamm. „Die Wiederherstellung der Gesundheit ist doch nur die Wiederherstellung der Voraussetzung, krank zu sein!“ Dann bricht die Leitung ab. Und jede Hoffnung auf keinerlei Wiederherstellung sinkt durch den Alltag hinab auf den Grund.

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„Was machst du, wenn dir der Müll weh tut? Gehst du zum Arzt!“ „Ist gut“, habe ich gesagt. Vor einhundertachtzehn Tagen schließlich fuhren wir alle zusammen Autobahn. Mit zweihundert Stundenkilometern und zweihundertzwanzig PS rauschten wir die äußerste von drei Spuren entlang, dass wir vergaßen, uns anzusehen. Dann ist der Unfall passiert. Ein Unfall, bei dem alles langsamer wird, der nur einen unschuldigen Wagen und vier ratlose Insassen trifft. Mein Vater bremst langsam ab. Ich sehe nur seinen Hinterkopf und ahne ein starres Gesicht. Noch nie hat er sich dabei umgesehen, wenn er die Überholspur verlässt. Jetzt werden wir schon rechts überholt, doch im Wagen ist es mucksmäuschenstill. Ich beuge mich vor, um vielleicht seine Hände zu sehen, die Linke liegt leicht an der Brust. Dann wende ich mich nach hinten, ob auch alles gut geht, wir sind schon fast auf der mittleren Spur. Es ist der Wagen, der nicht mehr funktioniert, es muss der Wagen sein, sage ich mir. Die Luft wird dicker und dünner zugleich, ein breites Schweigen zerquetscht das Vakuum im Raum – eine Frage, deren sich keiner erbarmt. Ich weiß auch nicht, wie man sie auf den Boden bannt, denn ich finde keinen Ton und kein erstes Wort, und auf einmal ist meine Blase randvoll. Der Wagen mogelt sich an den weißen Streifen vorbei und schleust sich in die rechte Spur ein. Keiner hupt, keiner blinkt, alles gleitet, fast homogen, und ich denke, das ist der Autopilot. Fast elegant, so ein Untergang. Doch ich warte auf eine Bombe, die explodiert, recke den Kopf, um vielleicht sein Gesicht, seine Augen, etwas von ihm im Rückspiegel zu sehen, und weiß, wenn sich die Stille noch eine Sekunde

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länger staut, dann werde ich explodieren. Dann wird sich meine Blase entleeren. Jetzt rauschen sie links am Fenster vorbei und die Masse an Wagen entlässt uns, mit Stil, an den rechten Fahrbahnrand. Gleich kommen wir zum Stehen. In der Not funktioniert alles wie von selbst, denke ich und da spüre ich endlich die Frage in meinem Mund, wie sie mir auf die Zunge beißt: „Aber wo verdammt noch mal ist denn Papa nur hin?“ Doch noch bevor ich mit diesem Satz endlich Wasser lassen darf, berührt meine zittrige Hand seinen Arm und meine Mutter schreit: „Kann mir jetzt verdammt noch mal jemand sagen, weshalb wir anhalten?“ „Ich kriege keine Luft mehr“, sagt er. Heute Morgen, als mein Vater dem Arzt zum ersten Mal mächtig Druck gemacht hat, hat meine Mutter sich uns vorgeknöpft. Meine Schwester hat sie mit Essen vollgestopft und mich mit Fragen bombardiert, aus denen ich keinen Ausweg weiß. Ich weiß nur alles besser, benutze Wörter wie Warten, Mitfühlen, Zeit und schick sie mit denen zu ihm. Als der Mund meiner Schwester zum ersten Mal leer ist und sie immer noch schweigt, zische ich sie an: „Und du? Jetzt sag du doch auch mal was!“ Sie überlegt, schluckt noch einmal, bevor sie sagt: „Also, wenn wir jetzt arm werden, das macht mir überhaupt nichts aus!“ Armut ist auch ein Wort reich an Mitgefühl, doch dann merke ich, ich habe selbst keines mehr, denn die Scherbe im Fuß tut mir weh. Die Scherbe, von der ich weiß, dass man sie drinnen vergaß, als man den Fuß wieder zugenäht hat. Ihn mit Nadel und Faden und meinem Vater am Krankenbett rigoros zugenäht hat, obwohl die Scherbe noch drinnen war. Die Scherbe von

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damals, als ich so laut weinte und schrie und dachte, es sei mein Vater, der schreit. „Keine Angst, Papa, ich werde nicht sterben!“, hab ich geweint, weil ich selbst dachte, ich sei gleich tot. „Was machst du, wenn dir der Fuß weh tut? Gehst du zum Arzt!“ „Nein!“, hätte ich gesagt, wenn ich gewusst hätte, dass man die Scherbe vergisst. Da ich nichts habe, was ich in die Schublade hineinlegen könnte, nehme ich die Bibel heraus. Meine Mutter ruft aus dem Garten an, wahrscheinlich trinkt sie Holundersaft. Und mein Vater scherzt: „Ich habe hier eine hübsche Begleitung bei mir, willst du wissen, wie sie aussieht?“ Ich hasse es, wenn er so spricht. „Wie dein Fräulein Tochter“, sagt er, und meine Mutter lacht im Hintergrund auf. Dann flüstert er wie ein Junge, der seine Aufgaben macht: „Ich habe heute viel ausgeatmet!“ Und einen Moment lang wundere ich mich. Weil ich es doch war, die einen halben Tag lang „Ausatmen!“ zu ihm gesagt hat. Mein Nervenarzt sagt, ich überidentifiziere mich mit meinem Vater. Das ist natürlich Quatsch. Aber er ist doch mein Vater!

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Margot. Portrait â„– 02


Q12 // Marion Dick // Fieber im Thermometer // Erzählungen  

Die Protagonistinnen in diesem Erzählband haben alle eines gemeinsam: Sie haben Fieber. Ein Fieber, das immer da ist. Sie spüren es, wissen...

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