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Dominic Angeloch.


Selbstportrait in Restaurant mit Mantel und Kellner Du siehst deine Hand auf dem Griff zögern und wartest, bis sie doch die Tür anschiebt; dann trittst du ein in Wärme und Rauch. Der Luftzug läßt einen Bebrillten im hinteren Teil des Restaurants aufblicken, aber nun, die Tür hat sich ja schon selbst ins Schloß geschoben. Du gehst am Rücken eines Wildlederjackenträgers vorbei, zwischen Theke und Wand entlang: nickst dem Kellner zu, wartest darauf, daß seine Glatze vor den vielen bunt etikettierten Flaschen zurück nickt – und folgst seiner Geste um die Ecke, Ziel: der dritte Tisch, der am Fenster. Du gehst zwischen den Tischen hindurch: drei Tische, zwei Tische – dann, am Fenster, läßt du dich auf die Holzbank fallen: So hältst du eine Wand im Rücken; den Gastraum im Blick links. Die Frau zwei Tische weiter, Typus höhere Büroangestellte wie ihre Begleiterin, rückt die Brosche am Aufschlag ihres hellgrauen Hosenanzuges zurecht. Nachdem sie am Boden ihres Weißweinglases offenbar etwas gesehen hat, das sie die Augenbrauen dauerhaft heben macht, stellt sie es wieder in seinen Sockelkreis und führt zwischen ihren weit gespreizten Fingern ein silbernes Mundstück ans erhobene Kinn. Über dir eine Leiste goldgerahmter Spiegel, vor dir die schwarze Tischfläche, auf der ein Brotkrümel liegt. Nach einer Weile verschwindet der Krümel unter der Speisekarte, 10


die dir die irgendwie auch glatzköpfige Hand des Kellners zuschiebt. „Ein Glas Bier, bitte“: Als du aufblickst, siehst du diese neblige Kugel „Bitte“ durch den Raum zwischen dir und dem Kellner wabern, einen Moment seine Glatze einhüllen … und an jenem „Sofort“ zerplatzen, das der Kellner durch ein bedauerndes Lächeln drückt. Dann gelingt es dir nur noch mit Mühe, deinen immer schwerer werdenden Kopf aufrecht zu halten. Als du der immer stärkeren Versuchung, ihn nur ein wenig zu senken, nachzugeben beginnst, versagen dir für einen Augenblick die Nackenmuskeln – so daß dein Kopf fast auf die Speisekarte fällt, abgestützt allenfalls noch durch die Buchstaben dazwischen: Viktoriabarsch in Buttersauce mit Siedekartoffeln. Lachsfilet an Kaviarschmand mit frischem Baguette. Gebratene Hähnchenbrust auf Blattsalaten der Saison in Kräutervinaigrette. Lammhäxle in Paprikasud an Serviettenknödeln. Zwiebelrostbraten in Rotweinsauce mit hausgemachten Spätzle. Marillenknödel mit Vanillesauce. Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Ein ganz schönes Brimborium, denkst du, diese Wirbel, diese Schnörkel, diese Unterlängen – und als der Kellner wieder an deinen Tisch herantritt und die Haut seiner nackten Stirn so zusammenzieht, daß sich die buschigen Augenbrauen leicht auf und ab bewegen, weißt du auf einmal, daß die Handschrift auf der Speisekarte niemandes anderen Handschrift sein kann als die seine. Du gibst die Karte nebst einer Bestellung an den Kellner zurück und schließt die Lider. 11


Als du sie wieder öffnest, schiebt sich gerade ein großer weißer Teller vor dich. Du nimmst die silberne, schwere Gabel in die linke und das silberne, schwere Messer in die rechte Hand: Der breite Rand des großen weißen Tellers ist grün bestreut, feingehackter Schnittlauch. Jetzt stichst du die langen Gabelzinken in das mit dunkler Sauce nur halb bedeckte, daumenwurzeldicke Fleisch, setzt die Messerschneide ein Stück dahinter an und führst sie hin und her, bis sie sich so weit in den Fleischkörper gesenkt hat, daß sich ein Stück abzulösen beginnt. Das kleine Stück ein wenig in der Sauce herumschieben, während eine laute Stimme am großen Tisch neben der Theke einen lauten Satz lacht. Einen Augenblick warten, bis irgendetwas darauf erwidert, das Lachen von irgendeiner Antwort umhüllt worden ist. Dann die Gabelzinken an den Mund führen, die Lippen um den Fremdkörper schließen und ihn von den Zinken in den Mundraum herunterziehen: Plötzlich schmeckst du Zwiebeln und Pfeffer und Rotweinsauce und an den Zungenrändern einen Hauch Blut. Das weiche, warme Fleisch kauen, als faserigen Brei an den Rachen wälzen und hinunterschlucken. Augenblicklich spürst du, wie dein Magen schwerer wird, schwerer und warm. An den Nebentisch hat sich inzwischen eine korpulente Dame gezwängt. Durch ihre übergroßen Brillengläser, die in Form eines Schmetterlings mit ausgebreiteten Flügeln geschliffen und mit einem breiten Goldrand eingefaßt sind, mustert sie dich jetzt über ihre vorsorglich zwischen sich und dich gestellte, ebenfalls übergroße Handtasche hinweg. 12


Als sie nach einer Weile noch immer nicht aufgehört hat, dich zu mustern, fällt dir auf: Dir wurde so heiß, weil du deinen guten alten dicken Wintermantel die ganze Zeit anbehalten hast. Also ziehst du ihn aus, erleichtert über die Abkühlung, die diese Bewegung sofort mit sich bringt, und legst ihn neben dich auf die Bank. Im Blick einen Vorwurf, den du nicht verstehst, nimmt die korpulente Dame ihre Handtasche und stellt sie links neben sich, weg von deinem Mantel. Als sie den Kopf wieder zurückdreht, hüpfen ihre Pupillenbälle von deinem Gesicht auf die Illustrierte, die schlaff vor ihr auf dem Tisch liegt, und bleiben darin liegen. Du siehst zu, wie sie ihre Hand so fest gegen die Wange stemmt, daß ihre rosig-bläuliche Haut unter dem Auge Wülste bildet. Du siehst zu, wie ein Zeichen, das der Glatzköpfige auf seinen kleinen Block schreibt, sich in einen rosafarbenen Cocktail übersetzt, der lange unberührt vor der Illustrierten stehenbleibt. Auf dem Teller noch ein halbes Stück Fleisch, auf dem Zwiebeln, und neben dem Teller ein weißes Schälchen, in dem noch hellgelbe, verknotete Teigfäden liegen. Du schaust aus dem Fenster neben dir, es reicht vom Boden bis zur Decke, schaust auf die Straße, in die Richtung des alten Turms. Du siehst ihn nicht, unsinnig zu starren. Und eigentlich müßte es doch ausreichen: das Wissen, daß er da ist, dort nach ein paar hundert Metern, am Fuße der Anhöhe. Die Hauswand gegenüber ist gleichmäßig mit Mondlicht bestrichen; ein Schild schaukelt über einem Ladeneingang. 13


In dem mit warmgelber Beleuchtung ausgegossenen Schaufenster stehen zwei Puppen ohne Arme, unbekleidet bis auf rote Pumps; von ihren Körpern blättert die Hautfarbe ab. Die eine trägt eine lange Perlenkette um den Hals. Und die zweite Puppe, deren aufgemalte blaue Augen an der Krempe eines grünen Herrenhutes vorbei zum Schaufensterrahmen emporschauen, fiele um, wenn sie nicht von einem Stab, der in ihrem Rücken steckt, gestützt würde. Den Kopf zurückwenden. Den Blick geradeaus an die Wand gegenüber stemmen. In deinem Augenwinkel wimmelt der Gastraum. Unter deinem Blick steht, auf dem Tisch, dein Teller, und, an dem Tisch, ein Thonet-Stuhl; so schief, denkst du, als sei gerade jemand davon aufgestanden. Aber es ist besser, alleine zu essen, denkst du, das ist so ein sonderbares Gefühl, wenn einer die Eßbewegungen beobachtet – zu intim. Zunächst ohne daß du eine Notiz davon nimmst, verstummt allmählich das Stimmengewirr um dich herum – aber als es beinahe still geworden ist, bemerkst du es doch und fragst dich: Wohin sind die Leute? Jetzt schon gegangen? Dann hörst du nichts mehr, bis auf ein lautes Schaben – aber das sind nur deine Finger, die sich neben dem Teller bewegen. Dir ist, als spürtest du ein Kribbeln, genau hinter den Augen. Aber auch, wenn du dem Impuls, dich dort zu kratzen, nicht folgen kannst, macht das nichts, denn das sind die frühen Herbstabende, sind die frühen Herbstabende, der bald einsetzende Regen wahrscheinlich, und vielleicht das gute Essen, das dich schon gesättigt hat, obwohl es noch gar nicht auf14


gegessen ist. Von dem faden Bier aus dem schmalen Glas kaum ein Drittel getrunken. Der mit einer dicken weißen duftenden Serviette ausgelegte Brotkorb ist auch noch ganz voll. Gemäß deiner alten Gewohnheit wirst du nachher wohl Brot in mundgerechte Stücke zerreißen und damit die Sauce aufnehmen, bis der große Teller weiß gewischt ist. Was ist das jetzt; dein Körper fühlt sich ganz leicht an auf einmal – es ist, als beginne er, sich von der Holzbank zu heben. Dir schwindelt, etwas in deinem Hinterkopf hat begonnen, sich immer schneller zu drehen – rasend schon, ein Wirbel, dessen Macht nun deinen ganzen Kopf erfaßt. Und wirklich heben sich jetzt die Füße vom Boden und die Hände vom Tisch und du – schwebst ein Stück darüber! Kein unangenehmes Gefühl, willst du denken, als du auf einmal nur noch Schwärze siehst, mit offenen Augen ist es, als hieltest du die Lider geschlossen. Hin und her spürst du dich die Augäpfel drehen, immer diesen kleinen Lichtexplosionen was um Gottes willen was ist das jetzt immer diesem rosa und silber und grünen und roten und goldenen und roten und gelben und blauen Sternsterben hinterher.

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Q05 // Dominic Angeloch // Blinder Passagier // Erzählungen  

Träume. Alptraumszenarien. Der richtige Moment und der Moment, an dem man sich hätte treffen können. Und immer wieder der Versuch, sich zu e...

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