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Rolf WiĂ&#x;kirchen Gedichte

43

dreiundvierzig

Mit Drahtzeichnungen von Stephan Brenn


Bibliothek Belletristik Quartheft 01

43 dreiundvierzig Gedichte von Rolf Wißkirchen Mit Drahtzeichnungen von Stephan Brenn © 2006 Verlagshaus J.Frank | Berlin | Wien | Paris Wörther Straße 38 | 10435 | Berlin Alle Rechte vorbehalten. Drahtzeichnungen: © 2006, Stephan Brenn Gedichte: © 2006, Rolf Wißkirchen ISBN: Printed in Germany, 2006 Druck und Bindung: inprint GmbH, Erlangen www.belletristik-berlin.de www.belletristik-wien.at

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Inhalt

Ich Stand der Erkenntnis Idylle Konsum Theorie Immer - Wieder HÜhlengleichnis Amor fati Weiher im Herbst Empirismus Ballonfahrer Selbst verständlich Fortschritt Glaube Der Taucher Der Steinwurf in den Teich Sauber Tantalus Grausam Neptun Weinprobe U-Bahn Zusammen

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Einfach Menschlich Du Stark Die Erkenntnis Alles nicht so schlimm Der Trick Tropisch Das System Du Warten Optimismus Kunst Realismus Einsamkeit Egal Einfluss Liebe Idiotie Wahrheit Das Leben

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Ich

Dummheit auf Eis Fläche dann Bruch - Grund Wasser löst das Weiß Blick hin ! das Ufer – das Ufer – – der Dummheiten Leid in Ewigkeit !

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Stand der Erkenntnis

Ja – ihr glaubt weil wir die Augen jede Fahne jede Klarheit und selbstverständlich auch unser Glück auf Halbmast tragen wir könnten Nichts mehr sehen !

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Idylle Ah sozial unnatürlicher Vasall animal dual alte Leier Bank Auszug – ! Blüten überziehen – liebevoll den Weiher Ort der Ruhe – natürlich ! Betrug 8


Konsum Theorie Du sagst zum Leben Ja Doch wenn‘s dich hat bist du der Narr Es zaubert dir am hellsten Fleck Den dir vertrauten Schatten weg Verengt sich dann noch die Pupille Beschaffst du dir schnell Schirm und Brille Und so bestichst du jedesmal auf‘s Neue Bist innoviert und ohne Reue

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Immer - Wieder Soziales ist im Politischen zuhause Dramatisches im Menschensein dazwischen hangelt handlungsarmer Gestaltungstrieb meist philosophisch oder ideel wattiert im besten Fall Klarheit รถffnend wird im Werk Deine Sicht der Zeit skizziert.

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Höhlengleichnis Fassungslos im Waagerechten mit der Ambition zum Nichts angenommen nur Rauchgenüsse und die Hoffnung auf das Abendlicht setzt die Kreatur zum letzten Mal ihr „Unbedingtes“ ihr „selbst gemusstes“ nur so!

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Amor fati Wunden Narben RiskierenRekonvaleszent wieder Verlieren – : Spannung! – Nichts – im Anblick Gestürzt vom Jetzt Ermöglicht das Letzte das artistische Glück.

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Weiher im Herbst Blattabfall Und leichtes Wellenspiel Auf eng umgrenzter Oberfl채che Sind letzte Boten einer Zeit die keine Gnade kennt f체r den der verharrt um einem Zug zu folgen der kalt und fl체gellos in keinem AugeMeer sich wieder sieht

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Empirismus „Es ist“ schon das zuviel – Täuschung bezgl. Tabak und Brot undsoweiter. Sicherlich nicht ! – aber alles darüber hinaus?

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Ballonfahrer Ballast der nötig ist um nicht zu früh dem inneren Drang zu folgen – zu entschwinden in eine Höhe die umschließt und doch den Blicken

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Linien lässt

in stets geahnten Strömen

die niemals enden

sich alles löst

die immer weiterführen

in einen Raum

nichts mehr halten

der ewig Strand

bis endlich

und

tief

grundlos blieb


Selbst verst채ndlich Die Theorie das Wissen Liebe L채ngst der Glaube Sind weggerutscht auf ein Paar das wohlgeformt und stark einst nur meine Schulter war.

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Fortschritt TWenn doch das Sinken möglich wäre ganz langsam sanft und ohne Ziel dann schlössen sich im leichten runterwiegen für jeden alle Türen auf

Glaube

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Wenn

verwähre ihr den Raum

die Verzweiflung

nicht

erst anklopft

denn Du

dann eintritt

hast die Zeit

sich breit macht

alle Zeit!


Der Taucher Das Wellenspiel bei einem Untergang der leicht und ohne Schwermut abwärts führt ist soviel feiner als der sichere Stand da er die Glieder löst und ungeahntes uns entgegen führt

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Der Steinwurf in den Teich Der Augenblick war endlich aufgetaucht der trug die einst so klar gef端gten Z端ge aus ihrem alten Zentrum fort bis sie sich l旦sten so das ein Angesicht am Rand endlich im Dickicht seiner selbst zur端ck entschwand

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Sauber Mensch dem Fegefeuer wirst Du nicht entgehen pah – den Ordnungsgegenständen unterjocht ergießt der lineare Orgawahn brachiale Wahnvorstelungen in die rote Bahn die durch Euch jagt und kalkuliert die Knochen jener schleift die viel zu spät erfahren – : sind meist keine Zauberbesen die Eure Lebensräume sauber fegen. 21


Tantalus Man will das Glück das Absolute und oft so oft hast Du’s vor Dir – in Deinen Händen jedoch – bleibt davon nie eine Spur – : es bleibt die Jagd nach einem Licht von dem Du niemals mehr als seinen schwachen Schein erfuhrst – in weiter Ferne zeigt es an wie grausam blind Du existierst im Hier und Heute diesem schwarzen Wahn.

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Grausam Was zerbricht Dir das Herz ? was bereitet Dir Kummer ? das seelenlose Gezappel des dampfenden Hummers das Kreischen in Nächten voll höchster Lust ? oder das Sehende. das Bewußtsein. das Tränende – ohne Verlust?

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Neptun Wenn Grenzenloses herüberschwappt – im 6 `Std Takt sickert Blut durchs Krustenabstrakt fordern grausig entsetzt „Landüber“- Rufe der Peripherie Haltung – vor einsetzender Krümmung der Anatomie jedoch verstoßen vergessen verdrängt und akrobatisch umrahmt erzwingt ein Keim in solchen Momenten dass das Ich sich enttarnt! 24


Weinprobe Halbiert zerquetscht zerdrückt – manchmal gezuckert und auch vermischt weggeschluckt unhaltbar! – aus! gepißt!

U-Bahn Endstationen haben den Vorteil zurückfahren zu müssen wenn Bleiben nicht geht und stehen bleiben die zurückliegenden Stationen zu früh vertreibt.

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Zusammen Es ist gut wenn die Kneipen voll sind die da drin müssen ja irgendwie miteinander und dürfen einfach sein sprechen in den Raum der wird durch dieses Murmeln abgesteckt – ganz neu erschaffen die Zeit – versteckt – zu spüren nur auf der Toilette auf dem Rest - room ab und an und schließlich öfter besonders wenn das Licht im Winter sich versteckt.

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Einfach Das mit dem Geld und seinem Wert was Liebe, Haus und Renten sichern manchmal meint ist notwendig und vereint die die es haben oder nicht so realisiert das Tagwerk einen jeden und l채sst doch jedem einen Traum ein anderes Sein zu achten und zu sp체ren.

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Menschlich Das Bewusstsein und – das stille Glück gelenkt betrachtet durchtrieben von vielen zu sein – denn ohne Zeit Räume durcheilen bewahrt vor allzu eindimensionaler Innenschau.

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Du Wenn Dich jemand stoppt bleibt es nicht aus Dich zu erkl채ren dann winkt der Idiot den Du schon immer sahst der bleibt Dir erhalten treib ihn nicht aus in Deinem Haus gillt nur der eigene Stolz.

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Stark Toleranz ist die Größe Intoleranter gegenüber Irrtümern der Menschen welchen die Nähe anderer Defekten unerträglich bleibt.

Die Erkenntnis Einsamkeiten

Verantwortung

wehmütige Erinnerungen

skizzieren den Verlust

nicht beachtet – gewesen zu sein

Leben so zu verstehen –

Prägungen

aber es nicht zu sehen.

Beziehungen 30


Alles nicht so schlimm Ach – bloßgestellt wird niemand angezogen alle von vielem Ach – die Mode legt keine Knochen frei basiert auf Geschmack der Interpretationen auf dem Wunsch angesagte Zeit zu betreiben.

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Der Trick Betriebene Sensationen beglaubigen Dir jeden Tag das Neue Offenbarungen sind es nicht aber immerhin chaotischer Rahmen f체r unertr채gliche Lagen.

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Tropisch Progression Wachstum Triebkapitulation im Regenwald wer sollte da nach Einhalt schreien und die Decke wegziehen für Übersicht und Klarheit wenn er für himmlische Katastrophen höchstens Regenschirme in seiner Auslage vorbereitet statt Sonnenbrillen.

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Das System Was heiĂ&#x;t eigentlich Demokratie wenn jeder machen kann was er will? aber – jeder Einsatz, den mancher bringt in der materiellen Masse versinkt umsonst gesungen umsonst vollbracht die SchĂśnheit umgarnt und trotz allen freien Taten demokratisch am Ende verarmt.

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Du Sprich nicht von Vertrauen sei es selber denn Du traust Dir hoffentlich immer öfter oder nie der Glanz wird Wegen leuchten kreuz und auch quer wird Sehenswürdiges eröffnen dem dem es ergeht!

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Warten Im Sitzen ruhig zulassen das Betrachten dem Handeln gegenĂźber auf diesem festen Grunde immer offen begabt im Angeln nicht im Jagen dann beiĂ&#x;t alles an selbst die schlechtesten Tage.

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Optimismus

Keine Sorge Du kehrst nicht wieder nicht nach Hause bleibst draußen kehrst nicht heim kannst offen denken sprechen schreiben fühlen was Du willst die Räume sind alle längst nicht vollgestellt die Dich erwarten.

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Kunst Gestalten werden es sein – wenn Öffentlichkeiten Ansammlungen ermöglichen – ist das die Form die exakte Linie der Rahmen? einfach nur geschenkt? – wenn Du nicht Deine eigene Kraft zur Gestaltung Überdenkst und lenkst?

Realismus Dem nachgeben wem Menschen wann wenn Du akzeptierst wen die die sind!


Einsamkeit Menschen die sich nicht ausdrücken können nicht schweigen in ihrer Umgebung ahnst Du die Antimaterie das schwarze Loch schluckt alles weg dann siehst Du spürst Du und hörst Du nicht mehr dann stehst Du am Fenster dahinter Straßen und Menschen aber Du traust Dich nicht mehr.

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Egal Laßt Euch nicht einsperren die meisten werden sowieso nur gelebt von wegen Freiheitsambitionen die Warteschlangen vor den HaftAnstalten sind lang und dann die alte Weisheit! – wer mal herauskommt ist bald wieder drin – schreit nach Ruhe hinter den Gittern.

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Einfluß Sollte man nicht doch jedem zu nahe treten oder warten auf deren Bewegung ein Fluß der besetzt dich in ein völlig unüberschaubares Delta schwemmt viel zu spät für alle hilfreiche Arme dann noch zu erkennen.

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Liebe Hast Du schon einmal mit jemandem erlebt der alles anders sieht – interpretiert über lange Zeit hinweg verschwiegen war um dann anzukündigen wie dumm Du fühlst und jetzt Neues Reales und Hartes Dich erwartet Weil jener einfach geht?

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Idiotie Wir sind anders aber macht uns dies nicht aus jemanden herüberziehen in seine Welt wo bleibt da Distanz – ? andere zu mögen besonders wenn sie strahlen warum dann immer wieder den Vorhang vorziehen – ? wahrscheinlich kann man es nicht haben den anderen Schein zu ertragen.

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Wahrheit Das stimmt das was man sagt und tut nicht immer Dich bestimmt Dich persönlich nicht nur meint sondern hinüber – hinaus verweist – das absondert was manchem als persönlich erscheint.

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Das Leben Nicht der Mensch nicht die Dinge wandeln die Begriffe Ăśffnen Zeiten die Bedeutung ist dynamisch relativ sind die GefĂźhle die sie meinen da Begriffe unsere kurze Lebensspanne ganz und einfach nur zusammenreimen

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Q01 // Rolf Wißkirchen // dreiundvierzig // Gedichte  

Rolf Wißkirchens Gedichtband „43“ versammelt Texte des Autors, die zwischen 1980 und 2005 entstanden. Intensive, aphoristische Gedichte, die...

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