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Berlin | Wien | Paris


Erzählung | Im Himmelsflug abgetaucht | 33

werden, will ich mir Mühe geben, die Dinge klar zu sehen. In einem überarbeiteten Bild von mir selbst beleuchte ich den Vordergrund – nächstes Jahr dann. Ich habe das richtige Weihnachtsgeschenk für ihn gefunden. Natürlich nicht in Düsseldorf, sondern noch in der Schweiz, vor ungefähr zwei Wochen. Seitdem trage ich es überall mit mir herum. Mit einem hektischen Griff von der Sorte, die überprüfend nach dem Mobiltelefon, den Schlüsseln oder dem Geldbeutel greift, fühle ich in die Innenseite meiner Manteltasche und finde dort eine kleine Schachtel, deren raue Oberfläche sehr angenehm anzufassen ist. Darin ist es, ich habe an vielen Orten danach gesucht, bis ich es überraschend – beinahe ein Himmelsgeschenk – auf dem Tresen eines Zürcher Antiquariats entdeckt habe. Nachdem die Maschine aufgesetzt hat bleibe ich noch lange sitzen. Für einen Augenblick, von einer beruhigenden Leichtigkeit überfallen, bleibt mir die Lust mich zu bewegen abhanden. Unaufgefordert, ein einziger Blick einer Stewardess genügt, erhebe ich mich abrupt, verlasse spät, als letzter, das Flugzeug und verabschiede mich auf Französisch von dem Flugpersonal. Aus ersichtlichen Gründen bin ich nur mit Handgepäck unterwegs, die Aktentasche hängt um meine Schultern. Ich mag nicht länger warten, so verabschiede ich mich gleich von Soros, der gelangweilt an einen Pfeiler gelehnt auf sein aufgegebenes Reisegepäck wartet. Zwei Küsse, links, rechts. Wir warten kurz, lächeln, wünschen uns frohe Weihnachten und küssen noch ein drittes Mal: Wie in der Schweiz. Seine Berührung hallt noch auf meinem Handrücken, ein vertraut elektrisierendes Gefühl. Durch ein komisches Gewirr an provisorischen Gängen trete ich nach draußen. Flughafen Tegel, unter nachtdunklem Himmel. Ich winke ein Taxi heran. Der Fahrer hält ruckartig neben mir, drängt, ich soll die Türe schließen, bitte schnell wieder schließen. Ein wenig verwundert, ich erkläre ich hätte beide Hände voll, nehme ich unregelmäßig atmend auf dem Rücksitz Platz. Wir fahren los, er entschuldigt sich. Seine dunkle Hand reicht nach hinten zu mir, bietet mir einen Kirschkaugummi an. Ich nehme ihn dankend entgegen. Winterkirsche im Mund. Lau verbreitet sich der Geschmack über

den Filz meiner trockenen Zunge. Wie ich auf der Kirsche kaue, knirscht es zwischen meinen empfindlichen Zähnen. Er sei ursprünglich aus FranzösischGuinea, sagt der Fahrer, er lebe aber seit 27 Jahren in Berlin. In knappen Sätzen bespricht er Anweisungen seiner Zentrale über ein Funkgerät und kurz darauf beginnt er zu mir, auf Französisch und Deutsch gemischt, über das Amerikanische – das Dumme im Menschen seiner Meinung nach – zu schimpfen. Wir sprechen vom Krieg, dem neuen amerikanischen Verteidigungsminister und davon, dass er Weihnachten mag, obwohl er Muslim sei. Ich öffne das Fenster per Knopfdruck, halte meine Hand in die angenehme Dezemberluft und spiele Luftklavier, eine Oktave in die schwarzen Wolken hinein. Das Auto hält an der Linienstraße, neben uns in einem Graben einer Baustelle liegt verkeilt ein älterer Alfa Romeo. Bitte: machen Sie zwanzig Euro und ich brauche eine Quittung. Nachdem ich ausgestiegen bin versuche ich mich zu orientieren, dem wegfahrenden Taxi sehe ich nicht nach. Hier bin ich richtig, endlich angekommen. Ich gehe einige Stufen hoch, an eine Haustüre heran und drücke die richtige Klingel. Die Türe geht nach einem kratzenden Geräusch von alleine auf. In Gedanken stelle ich mir vor, wie ich innen drin einem fiktiven Enkel von Ennio Morricone begegne, wir angeregt über Joan Baez diskutieren und uns eine französische Variation von The Ballad of Sacco & Vanzetti auf einem Kassettenband anhören. Himmeltraurig, vorweihnachtlich. Stattdessen begegne ich innen drin einer geräumigen Stadtwohnung, mit hohen, gebogenen, Zimmerdecken, mit vielen maskierten Menschen. Auf der Einladung stand Maskenball: Arche Noah. Ich fische aus meiner Handtasche eine Hasenmaske und befestige den Gummizug hinter meinen Ohren. Im Entrée leuchtet ein brillierender Mistelzweig, es sieht aus, als sei er mit konservierendem Glanzlack besprüht, ausgetrocknet vom letzten Jahr – wiederholtes Traditionsgeschwätz. Darunter stehe ich, vor mir ein anderes Mädchen, ihre verfärbten Wellenhaare zu einem unsorgfältigen Zopf geknotet, unsere Blicke stürzen von der Decke ineinander. Wir schieben uns die Masken gleichzeitig vom Gesicht, dabei stehen wir uns schon berührend nahe. Unsere


Zungen vermischen sich, ohne Hemmung, sanft, mit modernem Gefühl, zum Glück habe ich eben noch meine Lippen mit Glitzerstift bestrichen, ich streichle ihren Unterarm. Einige umherstehende Männer fühlen sich angemacht. Uns egal. Wir geben uns hin, küssen, drehen die Pirouette, als ob wir auf einer berühmten Bühne stehen würden. Nach einer Weile verneigen wir uns still vor einem stummen Publikum, gehen in verschiedene Richtungen in andere Zimmer und ich hole mir an der Bar einen Wodka Soda im Pappbecher. Auf der Arche Noah fliegen Friedenstauben um die Wette, Ölzweige in den Schnabel geklemmt, als der Krieg der Vögel sich dem zu Ende zuneigt. Ich stoße an mit einer Eiderente, streichle ihren flauschigen Bauch. Im oberen Stock setze ich mich auf einen Schaukelstuhl von Charles & Ray Eames. Hin und her wippend, ein Schluck nach dem anderen. Der Atem siegt über die Luft. Vor mir ein mannshohes Ölbild von Damien Hirst, viele farbige Punkte auf einer schneeweiß bemalten Leinwand. Jeder Punkt in einem anderen Ton. Ich versuche vergebens, die einzelnen Farbpunkte in meinem getrübten Fokus einzufangen, dabei tauchen eingebildete graue Kopien der farbigen Punkte auf, die in den weißen Zwischenräumen nacheinander aufblitzen. Das ist ein Trick, denke ich mir. Die Eiderente kommt zurück von der Bar, in den Händen einen aufgespießten Schokoladenapfel. Die Frucht vom Baum der Wahrheit, oder war es altmodische Erkenntnis, überreicht zum eigenen Verzehr. Dabei bin ich es selbst, die Schlange zu meinen eigenen Apfel. Von der welken Baumkrone bis hin zum Stumpfsockel, mit meinem Körper umschlungen, nehme ich Platz auf meinem morschen Thron, ohne mit der dünnen Zunge zu kokettieren. Täglich blättert eine weitere Hautschicht im Wind auf den grasleeren Boden. Unter dem Licht von einem immer vollen Himmelskörper erkenne ich es: Im Mondaufgang aufgehängt. Ich entschuldige mich bei anderen Paradiesvögeln, den Frühmenschen, für einen immer weiter wachsenden Haufen meines toten Gewebes. Zu einem anmutenden durchsichtigen Hügel wahllos angehäuft, eine Schicht meiner Oberfläche nach der Anderen. Ausgetrocknete Abfallhaut. Aber: Niemand kann sich so durchs Leben schlängeln, ohne hin und wieder seine Haut zu wechseln. Es ist ein schauriger

Quietsch-Ton, die Melodie dahin tragend, der sich aus meinem Innern ergibt. Ich schreie auf, es gelingt. Und wenn das eigene Fruchtfleisch verdorrt, angeschimmelt und zerfressen von Maden überquillt, dann, ja genau dann weiß ich, es hat funktioniert. Es ist der richtige Weg. Ich fuchtle mit allen Vieren. Es dreht sich längst alles. In meinen Augen, in verschiedene Richtungen schielend, spiegelt sich das Übrige. Nichts kündigt sich an, keine Vorkehrung wird getroffen. Die gekannten Dinge nehmen ihren leider etwas vorhersehbaren Lauf im unaufhaltsamen Kreisverkehr. Niemand ahnt irgendeinen Anschein, es gibt keine Anzeichen, außer das bittere Giftsekret, das mir aus den Mundhöhlen rinnt. Es riecht scharf, brennend, lässt niemanden ungewarnt. Obwohl viele meiner Giftzähne abgebrochen, in vielen Bissen verstrickt, ausgefallen oder angefault sind, wachsen sogleich neue nach, bereits vorgebildet in der Unschuld der warmen Schleimhaut. Wenn der Moment kommt, klappt sich der Apparat, mein Todesbiss, das lähmende Gerät, heraus und schnappt zu. Als mich die Eiderente vom Boden hoch hebt, zurück auf den Schaukelstuhl, halte ich den Schokoladenapfel immer noch fest in meiner Hand. Einige andere Gäste, auch ein paar der vorherigen Voyeure, haben sich um mich versammelt, viele besorgte Worte werden gesprochen. Es geht mir gut, ich gebe Entwarnung. Aus meiner Hosentasche krame ich eine 0,5 mg Tablette Xanax, die ich in zwei Hälften breche und mit der Eiderente teile. Ich suche in meinem Mantel nach einer Zigarette und bemerke, dass die kleine Schachtel weg ist. Ich denke wieder an Leichtsinn, aber auch an eine farbig glühende Paradiesfrucht: Innen drin, gar nicht verborgen, nur sorgfältig beschützt, sitzen die wartenden Kerne, die verheißungsvollen Samen, mit denen ich mich zum Schluss unter die lockere Erde begebe. Damit auch Nachwuchswurzeln aus meinem Fleisch hinein in den nahrhaften Boden etwas in die Zukunft schlagen können. Es wächst weiter, somit bin ich zufrieden. Egal, wer gerade die Lautsprecher verführt, es ist Zeit sich zu verabschieden. Billie Jean, neugeboren, tipple ich auf den Zehenspitzen am Gastgeber vorbei, zur schweren Haustüre, im Falsett singe ich: Tschü-üss. Da treffe ich das Mädchen, sie küsst bereits fremd. Ich tippe ihre Schulter und lasse die Türe hinter mir in das knarrende Schloss fallen. Obwohl, es gibt noch viel mehr: Hallo, Taxi! Ja, bitte Berghain.


Erzählung | Im Himmelsflug abgetaucht | 35

Die Fahrt dauert ewig. Das Luftklavier ist mir um diese Uhrzeit zu langweilig, vielleicht sollte ich an Drogen denken. Auf meinem Mobiltelefon klebt etwas Rotes. Ich frage den Taxifahrer, ob er nicht, bitte, die Popmusik lauter drehen könnte, auch wenn wir uns dem zweiten Jahrzehnt im neuen Millennium nähern. Ich bezahle dieses Mal ohne nach einer Quittung zu fragen, ein einfaches Dankeschön und frohe Festtage genügt. Die Warteschlange vor dem Berghain sieht länger aus, als ich überhaupt vorhatte zu bleiben. Mein Mobiltelefon klingelt. Es ist Soros. Die Zeit bleibt still, für immer bis morgen. Mir wird schwindlig warm in der Brust. Und dann schließe ich meine Augen – in der Erinnerung.


/B04_Leseprobe  

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