Page 22

REISEN

Tour de Klotz Text und Fotos: Ruedi Eichenberger

Ohne Schweiss kein Preis: Auf der Velotour rund um den Luberon ist Muskelarbeit gefragt. Die Hänge des provenzalischen Hügelmassivs belohnen das stete Auf und Ab mit mittelalterlichen Dörfern, grandiosen Ausblicken und vielerlei Düften.

W SCHWIERIGKEITSGR AD

Das Bergmassiv des Luberon, ein steter Begleiter auf der viertägigen «Tour du Luberon».

ie eine Fata Morgana taucht vor uns ein rechteckiger Weiher auf. Umrahmen tun ihn mächtige Platanen, die in der Nachmittagssonne grün und gelb leuchten. Dahinter ein Bistro und ein honiggelbes Hotel;

links das alte Stadttor. Der Weiher ist ein ehemaliger Löschwasserteich, doch wir lechzen danach, mit 80 Tageskilometern in den Beinen unseren Durst zu löschen. Am besten mit dem roten Getränk der Einheimischen. Diese Idee unterstützt der Kellner lebhaft. Also einen Monaco, das südfranzösische Panaché mit Grenadine – «ihr werdet es mögen». Ländliche Ruhe, alte Häuser und eine Rast unter Bäumen: Haben wir uns die Provence nicht immer so vorgestellt? Fehlen nur die Pétanquespieler; diesen sind wir im vorherigen Dorf begegnet. Die Zwergstadt Cucuron ist der ideale Etappenort am Südfuss des Grand Luberon. Wegen seines monegassischen Teichs, aber mehr noch wegen seines umwerfenden Ortsbilds: In den engen Gassen und beim Blick von der Schlossruine über die Ziegeldächer glaubt man sich zurückversetzt ins Mittelalter, das im Cucuron von heute konserviert ist. Kein Wunder, dient es auch als Location für Spielfilme. Dabei zeigt es sich uns deutlich weniger touristisch als das nahe Lourmarin, der letzte Wohnort von Albert Camus. Begonnen haben wir unsere viertägige «Tour du Luberon» in Cavaillon. Oder präziser, knappe 40 Velokilometer westlich davon, mit einer kurzen Aufwärmetappe entlang des Durance-Flusses ab Avignon. Jeder zweite Franzose ein verkappter Radrennfahrer: Dies offenbarte sich uns auf den

22

VCS MAGAZIN 1/16

ersten Kilometern beim Überholen eines älteren Paars. Der Mann schwärmte von früheren Alpenmarathons und von seinem glänzend neuen Tourenvelo aus der regionalen «Vagabond»Manufaktur. Vom Hausberg der Melonenstadt Cavaillon aus, der Colline Saint-Jacques, zeigt sich der Luberon als Klotz in der Landschaft. Weiter in Nordrichtung machen wir einen weiteren erratischen Block aus, den Mont Ventoux, gefürchtet von den Fahrern der Tour de France. Dann doch lieber den Luberon umrunden. Wie, klärt sich am nächsten Morgen. Es bedeutet: stets hinauf und hinunter. Die Anstiege sind kurz, aber heftig und zahlreich – ein in Scheiben zerlegter Mont Ventoux. Das haben sich die Erfinder der «Tour du Luberon» schlau ausgedacht. Auf unserer ersten Etappe ist der Grund für die Berg- und Talfahrt offensichtlich. Dorf für Dorf klebt hoch am Hang. Die schroffe Schönheit der Horste entschädigt jedoch die Mühe reichlich. Herausragend: Oppède-le-Vieux und Lacoste, das nichts mit dem Kleiderkonzern zu tun hat, aber mit Pierre Cardin, und die Burg mit der Familie des Marquis de Sade. Die folgenden Etappen sind gnädiger. Nach der Kleinstadt Apt, einem weiteren Bijou, verlaufen sogar zehn Kilometer flach, auf dem Trassee einer ehemaligen Bahnlinie. Ein reiner Radweg wird zwar auf der bestens ausgeschilderten «Tour du Luberon» die Ausnahme bleiben. Der

Profile for VCS-ATE

VCS-Magazin Nr. 1/2016  

VCS-Magazin Nr. 1/2016  

Advertisement