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WEG.SICHTEN

Wege Die Wege, die wir im Laufe unseres Lebens begehen, bestimmen was wir sehen. Die Wege, die wir gehen sind direkte Entscheidungen wie wir sehen. Vergangene Wege bestimmen Erinnerungen und unsere zukĂźnftigen Wahrnehmungen. Ăœber den Einfluss unserer Wege an Orten, an denen wir niemals vorher waren.

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FOR MEN DER WA H R N E H M U N G

Kunst und Kultur Skagen

Landschaft, Kunst und Architektur – eine vielschichtige Landschaft, eine prägende Geschichte, ein bewegter Ort.

Reisetagebuch W Ort–Sichten Heft 1


7 Tage und 7 Nächte

Geschichten meiner persönlichen Entdeckungen.

Verena Felicitas Jehle Masterthesis Architektur‘18 287 645 | HTWG Konstanz Betreuer Prof. Myriam Gautschi


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„ Our eyes convey to us a surface image of

things around us, and the mind possesses the viewed objects into ideas and creates an inner world that we interpret in the most varied of ways.“ – August Sander 2


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Heft 1

7 Tage und 7 Nächte

Reisetagebuch Skagen, der nördlichste Ort Kontinental Dänemarks, 2018. Sieben Tage und sieben Nächte – Ein Versuch Erlebtes zu deuten, zu dokumentieren und entsprechend aller menschlichen Sinne darzustellen, Erinnerungen festzuhalten. Der Mensch als sinnliches Wesen verfügt über eine erweiterte Raumwahrnehmung, die über das tatsächlich visuelle Umfeld hinausgeht. Wir müssen um das Bild herumgehen. ‚Erinnerung‘ als ein menschliches Urbedürfnis. Was wir sehen und erleben formt unsere künftigen Erfahrungen und Wahrnehmungen. Dies beeinflusst ganz persönlich, wie wir wahrnehmen, was wir wahrnehmen.

Das Reisetagebuch gliedert sich in insgesamt vier Bücher. ‚Teil 1‘ befasst sich mit den Worten, die ein Ort hervorbringt, den Texten, die Orte erschaffen. ‚Teil 2‘ dokumentiert fragmentarisch und detailliert die Besonderheiten des Ortes. Das Tagebuch ‚Teil 3‘ zeichnet persönliche Standpunkte auf, visualisiert mit Skizzen und gemalten Bildern, welche vor Ort entstanden sind. ‚Teil 4‘ ist Rückblick und Ausblick von Begegnungen und Dialogen. Allen vier Reisetagebüchern ist eine Wegdokumentation beigefügt, welche die gegangenen und erfahrenen Wege dokumentiert und auf unterschiedliche Weisen präsentiert.

W Ort–Sichten geformt von den Wegen die wir gehen. Was wir erkennen, verknüpft sich mit dem was wir kennen, mit unserer Identifikationsfläche. Architektur spricht heute weniger den Geist, als vielmehr das Gemüt des Menschen an. Doch wie selektiv kann das menschliche Wesen angesprochen werden, wenn die Wahrnehmung des Menschen als sinnliches Wesen von dessen ganzheitlicher Erfahrung geprägt ist. W Ort–Sichten geformt von den Wegen die wir gehen, meine Wege in Skagen. Ein Blick ins Detail, Verfremdung und Fragmentierung, Kontext und Selektion, Nähe und Ferne, Schärfe und Unschärfe, Licht und Schatten, das gesprochene und das geschriebene Wort. 3


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„ Our eyes convey to us a surface image of

things around us, and the mind possesses the viewed objects into ideas and creates an inner world that we interpret in the most varied of ways.“ – August Sander 4


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I N H A L T

Vor Wort

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W Ort-Sichten

Ein Ort der Sinne – Tagebuch des architektonischen Gedächtnis. Ortsanalyse und Erfahrungen, Eindrücke und Atmosphären formuliert und festgehalten im geschriebenen Wort, Wortbilder, freie Texte und Zitate erzeugen erste Bilder. Einladung zur Interpretation.

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Literaturverzeichnis

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V O R W O R T

Geschichte meiner Entdeckungen

Meine Reise durch Dänemark führte von Kopenhagen über Ribe, die Stadt am Wattenmeer und schließlich nach insgesamt etwa 650 km mit dem Zug an mein Ziel – Skagen, die nördlichste Stadt Dänemarks Festland. Ein Gebiet im Norden Jütlands, knapp 25 km lang und etwa 4,5 km breit, ragt die Landzunge ins Meer heraus aus einem landschaftlichen Ganzen. Bis Hirtshals wären es sogar etwas mehr als 45 km, wenn wir der Linie der Nordküste bis an die Spitze Grenens folgen, wo sich die Meere treffen. In meiner wissenschaftlichen Arbeit möchte ich mich mit dem ‚Genius Loci‘ des Ortes befassen. Wie sich Mitte des 19. Jahrhunderts an Dänemarks Nordspitze eine Künstlerkolonie, geboren aus dem Impressionismus, ansiedeln konnte und gerade die Abgeschiedenheit und die schwere Erreichbarkeit des Ortes, zu internationalem ansehen führte. In unserer heutigen Zeit des steten und immer schneller werdenden Wandels versucht jeder ein Stück ‚Beständigkeit‘ zu finden. Jeder sucht nach einem Rückzugsort, einem Ort des Moments, einem Ort der Sehnsucht.

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Ich schreibe mein Vorwort nach meiner Reise und empfinde heute genau dies. Skagen als ein Ort des Rückzugs. Die Landschaft als ein Ort des flüchtigen Moments. Wenn die Zeit hörbar wird, durch den regelmäßigen Intervall der Wellenschläge gegen die flache Sandküste. Wenn die Zeit fühlbar wird, durch die

Windböen die schwächer und stärker um den eigenen Körper herum davon zu treiben scheinen. Wenn der Ort zu einem Sehnsuchtsort wird, von Reisenden, Einwohnern, Künstlern und Fischern, die sich flüchten, verstecken und, so scheint es, mit dem Beginn des Frühlings langsam erwachen und allmählich in die Stadt zurückkehren. Die einzelnen Elemente der Landschaft verdichten sich zu Bildern – werden zu Worten – werden zu Orten. Die Wege die wir gehen, bestimmen wohin es uns künftig zieht. Bestimmen unsere Identität, unsere Empfindungen und Erinnerungen, unsere Stand.Punkte und Sicht.Weisen.


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„ Ein

Blick ins Detail, Verfremdung und Fragmentierung, Kontext und Selektion, Nähe und Ferne, Schärfe und Unschärfe, Licht und Schatten, das gesprochene Wort, das Geschriebene. 7


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„ Almost

all the visitors to Skagen up to 1890, when the railway was built, had tales to tell about the difficulties in getting there.“1

Mittwoch 28.03.2018

Ich erreiche Skagen mit dem Zug um 23.04 Uhr und finden langsam meinen Weg.

Skagen’s Geschichte als Fischerort findet weit in der Vergangenheit seinen Anfang. 1413 erhielt die Stadt als königliche Gemarkung wichtige Privilegien. Die erstmalige Erwähnung, damals noch auf die Landschaftliche Besonderheit reduziert, findet Skagen bereits im 1. Jh. n. Chr. von Plinius dem Älteren: „Die Landzunge der Kimbern, welche weit hinaus in die Meere führt, bildet eine Halbinsel, die Tastris genannt wird.“

Ich versuche meine ersten Eindrücke, die Stimmung des dunkelblauen Himmels mit meinen Wasserfarben zu erhalten und notiere die erste Gedanken an einem kleinen hölzernen Esstisch. Das Kellerfenster, durch dass ich sitzend in einem steilen Winkel nach Außen blicke, rahmt den Himmel wie ein Bild von dunklen Schattierungen. Der einzige Hinweis auf meine Position lässt sich an den Baumspitzen festmachen, welche im rechten unteren ‚Bildrand‘ des Fensters zu sehen sind.

Der Drachmannsvej bildet eine fast geradlinige Achse Richtung Süden von der Haltestelle Frederikshavensvej, an der ich mit dem Zug ankomme. Ich folge der Straße, die Rollen meines Koffers gleiten sanft über große Gehwegplatten und geben ein summendes Hintergrundgeräusch, bis ich mein kleines Zimmer im Untergeschoss des Hauses Nummer 22, mit tiefgezogenem Satteldach, erreicht habe. Der Drachmannsvej wird auf Höhe meiner Beherbergung auf der einen Seite von Häusern, zur anderen Seite von einem weit auslaufenden Sportplatz gesäumt. In der Dunkelheit liegt dieser wie ein dunkles Feld hinter dem noch erkennbaren Metallzaun, der eine klare Grenze bildet. Begrüßt werde ich von einem netten dänischen Ehepaar. 1 Jacobs, Michael: The good and simple Life, Artist Colonies in Europe and America, Oxford, 1985, S. 93.

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Mondlicht Ankunft in Skagen Der Himmel präsentiert sich in einer dunklen Kraft aus Ultramarinblau. Hellere Schattierungen um den Mond herum brechen die Dunkelheit des Himmels und verleihen diesem Nuancen aus Türkisblau. Skagen steht kurz vor Vollmond, so dass das Licht des Mondes zwischen dunklen Wolkenschwaden hell über den schwach beleuchteten, leeren Straßen schwebt. Alles wird intensiviert durch die vom vorhergehenden Regen nassen Straßen, welche das künstliche Licht der Straßenlaternen, aber vor allem das natürliche Licht des Himmels bei Nacht, reflektieren. Vereinzelt lassen sich Sterne hinter dem Wolken erkennen und senden ihr flirrendes Licht Richtung Erde. Der Wind weht nur ganz leicht und es scheint so, dass sich nicht nur bereits alle Einwohner zur Nachtruhe zurückgezogen haben – vielmehr scheint der gesamte Ort in einen tiefen Schlaf gebettet zu sein. 9


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„ Die landschaftlichen Eindrücke wechseln

in kurzen Abständen, fließen ineinander, verlieren sich ins Undeutliche der Übergänge, verdichten sich zu Orten besonderer Gestalt, die wir in Erinnerung behalten.“2

Donnerstag 29.03.2018

Ich mache mich auf den Weg.

KELLERFENSTER RAHMEN HIMMEL HELLBLAU LICHT

FRAGMENT INTENSITÄT

LANDSCHAFT BAUMKRONE WOLKEN SONNE WIND

BILD RUHE

VOGEL NATUR

Zu Fuß verlasse ich das Haus. Die Kälte der eisigen Windböen treibt die warmen Sonnenstrahlen davon. HAFENPROMENADE HAFEN SCHIFFE HORN MÖWE FISCH GERÜCHE GERÄUSCHE VERKEHR RUHE GLASBLÄSEREI DEKOR RATHAUSPLATZ SONNE WIND CAFÉ WÄRME RUHE Über den Drachmannsvej in Richtung Stadtzentrum gelange ich an einer Vielzahl von gelb gestrichenen, mit Einfriedungen versehenen Häusern in die Innenstadt des Ortes. Eine erste Station zur Rast zu finden, bedarf einiger Zeit. Die Hafenpromenade spricht aus dem städtischen Kontext heraus eine andere Sprache – die Industriebauten Fluchten entlang der Straße auf einer Linie, stehen dem Wind Spalier. HANDEL MENSCHEN WIND SONNE TREPPEN EINGÄNGE SONNENSCHIRME WINDBÄNDER SCHATTEN GASSEN STRASSEN PLÄTZE FENSTER TREPPEN EINGANG RUHE MUSEUM Die wärme des Skagener Kunstmuseums schlägt meinem kühlen Gesicht wie eine leichte Wand entgegen. Ich tauche in ein Gebäude mit mäßigem Besucheransturm ein. Zu meiner linken Seite gibt es einen offenen Raum der entlang seiner geschlossenen Wände eine Zeitleiste zur Historie der 2 Zumthor, Peter; Labs-Ehlert, Brigitte: Poetische Landschaft. Die Orte der Gedichte, Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe, II. Druck - Faltbuch, 1999, S. 18.

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Kunstgeschichte in Skagen führt, welche mit der bekannten Künstlerkolonie beginnt. Die Ausstellung stellt ihren Auftakt mit Portrait- und Aktmalereien von Marie Krøyer, gegenübergestellt im selben Raum befinden sich Gemälde der Italienreise ihres Mannes Peder Severin Krøyer (im späteren nur noch als P.S. Krøyer bezeichnet), dem bekannten dänischen Maler. Die Ausstellung der Skagenmaler beginnt mit Werken ohne den bestimmten Ortsbezug zur Künstlerkolonie des Nordens. Der Besucher nähert sich der Thematik der Skagenmaler zunächst, so interpretiere ich dies, über ihre Hintergründe und Erfahrungen, ihre Reisen und Sichtweisen. ENGE SEITENLICHT BILDER RAHMEN INFORMATION WÄRME SAAL OBERLICHT GEDÄMPFTHEIT STIMMUNG KUNST RAUM ZENTRUM WEISS ARKADE OFFEN NAH FERN FARBEN Nach der Museumsbesichtigung erreiche ich, den von dem alten Hauptgebäude eingefassten, Museumsgarten, in dem das ehemalige Wohn- und Ateliergebäude der Anchers liegt. Die Fassade ist zu zwei Seiten in gelb und zu zwei Seiten in rot gehalten. Das Dach zieht sich tief über den eingeschossigen Baukörper. Der Garten ist von der strahlenden Sonne des klaren, blauen Himmels getränkt und liegt Windstill hinter einer kleinen Umfriedung, umfasst von Bäumen. Hinter dem heutigen Museumscafé befindet sich das ehemalige Atelier von P.S. Krøyer, ein kleines weißes Gebäude mit großer Gaube in Richtung Norden, welche heute von Zimmerpflanzen bevölkert wird. BÖEN SONNE BLAU REED SCHILF HAFEN

HIMMEL ZÄUNE HÄUSER DÄCHER KUNSTGALERIEN SAND STEINE DÜNEN MEERESRAUSCHEN SALZGESCHMACK FEINHEITEN KATTEGAT Zwischen den Dünen legt sich der Wind, obwohl ich dem Meer immer näher komme. Die Landschaft teilt sich plötzlich und das tiefe Blau der Ostsee setzt sich in einem starken Kontrast vom hellen Horizont und dem feinen, von Schilf gesäumten Sand, deutlich ab. Mit der Aussicht umfasst mich auch der Wind wieder, in ungleichmäßigem Rhythmus treffen Wellen und Wind die Ufer, bewegen den Sand, das Schilf, die Menschen lassen sich treiben, die Spuren im Sand verschwinden.

ERINNERUNG AN DAS GEFÜHL VON FEINEN SANDPARTIKELN UND MEERSALZ AUF DEN LIPPEN… Salzgeschmack auf den Lippen, der Sand rieselt fein wie Mehl zwischen den Fingern hindurch, in der Luft ist der Geruch des frischen Fisches vom Hafen aus vernehmbar und vermischt sich mit der frischen Luft der See. Der Wind heult, die Gischt der Wellen zischt, jeder Schritt sinkt sachte in den weichen Sand, das Schilf liegt hart zwischen den Fingern, wiegt sich mit dem Wind. 11


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Freitag 30.03.2018

Durch das schmale Oberlicht meines Zimmers dringt zwischen den Vorhängen die Sonne hindurch, der Himmel strahlt in einem kräftigen Hellblau.

Die Architektur der Reihenhäuser wiederholt sich, die Zwischenräume jedoch unterscheiden sich von Haus zu Haus. Ich nehme einen kleinen, versandeten Pfad parallel zu einer Hauptstraße um weiter nach Gammel Skagen zu kommen. Meine Räder versinken im noch feuchten Grund des Bodens.

Ich packe meinen kleinen Aquarellblock und die dazugehörigen Wasserfarben, zwei Pinsel, eine kleine Flasche mit Wasser, eine Palette in der ich die Farben anmische, mehrere Stifte und meine Kamera ein. Der Fußweg in die Stadt dauert knapp 30 Minuten, das erste Geschäft in dem ich mir ein Fahrrad ausleihen möchte hat noch geschlossen. Der Verleih öffnet erst mit der Saison, welche ab Ende April beginnt, entnehme ich dem Türschild. Bei der zweiten Verleihstelle habe ich mehr Glück und leihe mir ein Fahrrad mit einem kleinen Korb auf dem Gepäckträger aus, es gilt den Rest der Halbinsel zu erkunden. Ich nehme den direkten Weg nach Norden. Der Fahrradverleih befindet sich in der Nähe des Bahnhofs, welcher mit seiner geschwungenen Schienennetzlinie die Stadt zu teilen scheint, gleich hinter der Bahnstrecke verändert sich das Gesicht der Stadt. Das Gelb der Häuserfassaden zieht sich zurück und sichtbar bleibt der dunkelrote Klinker mit dem hier nahezu alle Häuser gebaut scheinen. Die Ziegel der Dächer werden dunkler, ihre weißen Umrandung, deren Ursprünge im späten 19. Jahrhundert liegen, verschwinden.

Nur wenige Autos passieren mich, während ich entlang der Straße fahre. Ich komme an Industrie und Brachland vorbei, nur wenige Minuten entfernt und durch die lange Gerade der Fahrbahn bereits erkennbar, das Ortsschild ‚Højen‘, auch als ‚Gammel Skagen‘ (altes Skagen) bekannt. Je näher ich dem Ort komme, desto mehr spiegelt sich das typische Stadtbild des Zentrums von Skagen wieder. Die Fassaden erscheinen erneut in verschiedenen Nuancen der Farbe Gelb und die Dächer sind erneut mit strahlend roten Ziegeln bedeckt, deren äußeren Elemente mit weißer Kalkfarbe überzogen sind. Sie erzählen Geschichten vergangener Tage, eines gelebten Lebens. Parallel zur Straße gebaut, mit sprossenversehenen Fensteröffnungen, geben sie wenig Einblick, dafür Ausblick auf das Geschehen der Stadt – wenngleich nicht viel zu passieren scheint. Hin- und wieder werde ich von einem Auto überholt und fast häufiger noch kreuzt hier und da ein Passant mit seinem Hund die Straße. Westlich erkenne ich ein hölzernes Konstrukt. Die mit Holzlamellen versehene Giebelseite ist pyramidenförmig aufgebaut und steht auf drei schlanken Beinen. Ein Wahrzeichen um an die alten Leuchtfeuer der Vergangenheit zu erinnern,


„ […] Und darauf sprachen

welche auf Hochpunkten zwischen den Dünen positioniert waren um passierende Schiffe zu leiten. Ich steige von meinem Fahrrad, da sich der eben noch geteerte Weg im Sand zu verlaufen scheint, der Übergang ist fließend. Ich laufe auf den Hügel und zu dem hölzernen Wahrzeichen. Die Überraschung ist gelungen. Die wenigen Meter des Anstiegs reichen aus, um Skagen und Grenen bis zur Spitze überblicken zu können. Der Wind weht aus voller Kraft, der hölzerne Turm steht unbeeindruckt, die Sonne scheint von dem nahen Himmel, der sich in Tönen von dunklem Blau hin zu hellen Nuancen Lichtblaus schattiert, kleine Wolken wirken wie Luftkissen am Himmel und strukturieren, ähnlich dem Weidegras die Sandlandschaft, das Erscheinungsbild. Die orange-rote Dachlandschaft steht in Kontrast zum dunklen Blau des Meeres, zum Weiß des Sandes, zum Hellgrün des Schilfs und zum leuchtenden Blau des Himmels. Ein Ort, an dem sich Himmel und Erde begegnen. Von hier aus sind es nur wenige Meter an den Strand, zwischen den Dünen tut sich ganz unerwartet, der Blick auf die Nordsee auf, doch davor, genau vor mir, steht ein verlassenes Haus, noch nicht ganz eine Ruine und dennoch unbewohnbar, eingestürzt, ein zerstörtes Dach, die Platten des Bodens vom Sand durchbrochen und teils begraben, scheinen die Spitzen ins Freie zu strecken. 3

Andersen, Hans Christian: Geschichte aus den Dünen, aus: http://gutenberg.

spiegel.de/buch/-1227/113 Stand 16.04.2018.

sie nichts weiter und gingen auf ihr Haus zwischen den Sanddünen zu; plötzlich erhob sich von einer dieser Dünen, an der das Strandgras den Sand nicht mit seinen langen Wurzelgeflecht festhielt, gleichsam eine dicke Rauchwolke, ein Windstoß bohrte sich in die Dünen und wirbelte die feinen Sandteilchen hoch auf, noch ein Windstoß, und all die mit Fischen zum Trocknen behangenen, ausgespannten Schnüre schlugen mit Macht gegen die Wand des Häuschens, und alles war wieder still; die Sonne strahle warm herab. […] die Dünen, die wie ungeheure Wogen aus Sand, plötzlich in ihrer Bewegung aufgehalten, dastanden; der Sandhafer und das Dünengras mit ihren blaugrünen Halmen gaben dem weißen Sand etwas Farbe. […] Der Abend kam heran, in der Luft tönte ein heranschwellendes Sausen, heulend, klagend, wie eine Heerschar verzweifelter Geister, […].“ 3

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Die Brandung des stillen Meeres schlägt gegen die mit Sandsäcken gestützten Grundmauern des Gebäudes, welche außerdem mit großen Steinen gestützt werden. Die Kraft der Natur, die hier gewütet haben muss, zeigt deutlich die Vergänglichkeit der Menschheit. Wie ein Bild steht dieses Haus hier, aus dem Kontext gerissen scheint es, in seiner Einsamkeit manifestiert, dennoch erzählt es stumm seine Geschichte, weist auf Vergangenes und Zukünftiges, spiegelt gleichzeitig die Vergänglichkeit der Menschheit und die Kraft der Natur wieder. Ich setze mich zwischen die großen Felsbrocken, nah ans Wasser und blicke an einer nicht enden wollenden Küste entlang. Einsamkeit. Am Horizont schimmert eine Linie des gegenüberliegenden Festlandes, vielleicht nur projizierte Imagination? Ich versuche die Lichtstimmung festzuhalten und male nicht mit dem mitgebrachten Leitungswasser, sondern mit dem vorhandenen Salzwasser der Nordsee, die Farben der Landschaft in meinen Aquarellblock. Ich gehe zurück zu meinem Fahrrad, lasse die Nordküste hinter mir und fahre in Richtung Süden. Eine Passantin weist mir den Weg und gibt in etwa zehn Minuten Fahrtzeit bis zum versandeten Kirchturm an. Erneut werde ich von dem weichen Grund gezwungen mein Fahrrad an dem für Autos vorgesehenen Parkplatz zurückzulassen, eine kleine Gruppe Touristen kommt mir entgegen, als ich den von Kiefern gesäumten, versandeten 14

Weg zur Kirche hin einschlage. Im 19. Jahrhundert diente der weiße Kirchturm als Seezeichen für passierende Schiffe, auch wenn die Kirche durch stetige Versandungen für den Gottesdienst längst unbrauchbar und das Kirchenschiff bereits zurückgebaut worden war. Während ich den lichten Waldweg, so möchte ich den von Bäumen gesäumten Weg bezeichnen, entlanggehe, werde ich mir der vielen Grenzen hier in Skagen bewusst. Die natürlichen Grenzen in Skagen sind eindrucksvolle Begrenzungen von Landschaften, von Bereichen, der Horizont begrenzt das ebene Land, das Wasser die Halbinsel, die Wälder den Sand und die Dünen die Landschaft zwischen Stadt und Meer. Die baulichen Grenzen bestehen in der vertikalen zur Horizontalen, in den vielen Einfriedungen, dem festhalten und des Versuchs eine sich stetig verändernde Landschaft zu ‚Bewahren‘. Skagen umgeben von zwei Meeren, im Norden die Nordund im Süden die Ostsee, die Nächste Umrandung wird durch den weichen Sand geformt, unbebaubar, in Form von Dünen eine Grenze vom Festland zum Wasser hin – die vielen Wege die sich plötzlich im Sand zu verlaufen scheinen, das Wasser und der Himmel, Licht und Schatten, weiche, fühlbare Grenzen, Weite und unerreichbare Grenzen. Gartenzäune – von Menschenhand erbaute Umfriedungen, gekrönt von den vielen in privaten Gärten gehissten dänischen Flaggen an weißen Mästen.


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Der Wald, der sich plötzlich zu erheben scheint und zugleich meinen Blick leitet, der die Aussicht versperrt und scheinbar gleichzeitig zu Rahmen versucht, Blick zum Himmel – Blick zu den Baumkronen. Sie begrenzen den Weg, geben ihn gleichzeitig frei. Der Übergang vom Weg zum Ort. Die Spitze des Kirchturms wird gleich erkennbar, die Sonne lässt das Weiß der Mauern stark leuchten. Über einen schmale Treppenaufgang kann das oberste Geschoss des Turms, direkt unter dem offenen Dachstuhl, begangen werden. Das Licht, welches durch die offenen Fenster scheint, lässt die feinen Partikel aus Staub und Sand im Inneren tanzen. Ich fahre zurück ins Standzentrum und biege dieses mal zum Hafen ab. Es ist bereits kurz nach 18 Uhr, die Hafenbecken sind gefüllt von kleinen Schifferbooten, sie spiegeln sich im tiefen Blau des Hafenbeckens. Vor den Anlegestellen stehen Eimer und Körbe mit Angelutensilien für die nächste Ausfahrt bereit. Die größten Schiffe im Hafen, vordergründig für den Fischfang bestimmt, sind über 60m lang. Am äußeren Rand des Hafens, gefasst von einer Brandungsmauer, die immer noch mit Eis bedeckt ist, steht ein Frachter mit 162m Länge. Die Reise, die er vor sich hat, die Reise die hinter ihm liegt, sind dem 1983 erbauten Schiff anzusehen. Still liegt es am Hafen und doch voller Bewegung im Rhythmus des Wassers, in der Bewegung der Wellen.

Die Sonne steht sehr tief, ich fahre in der entgegen gesetzten Richtung noch einmal nach Nord-Osten, an den Rand der Stadt und besteige die kleine Erhöhung, auf der in Erinnerung an das ehemalige ‚Vippefyret‘ heute der hölzerne Nachbau in Originalgröße steht. Das teerfarbene Holz mit dem wehenden Eisenkorb thront kontrastreich vor der hellnuancierten Landschaft. Im Hintergrund ein paar Nadelbäume, hinter denen sich ein weißer Leuchtturm mit schwarzer Krönung versteckt. Dankend nimmt die helle Fassade die warmen Strahlen der Sonne entgegen und taucht sich in ein glimmendes Orange. Die tiefstehende Sonne lässt den nicht allzu hohen Turm lange Schatten ziehen, über die Brachflächen hin, die ihn umgeben. Er säumt das Ende der Stadt in Richtung Grenen, und wird, wie dem Schild daneben zu entnehmen ist, heute als Kunstturm genutzt. Der Turm lässt sich für temporäre Ausstellungen und Veranstaltungen mieten. Es mag an der späten Stunde liegen, der Ort wirkt mystisch, wie die Landschaft in schattenhafte Nuancen der Sonne getaucht ist und der Himmel doch immer noch in klarem blau erstrahlt. Das Wasser ist weniger als 100 Meter von mir entfernt, ich kann es hinter den Dünen doch nur als Erinnerung hervorrufen, nicht sichtbar.

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Samstag 31.03.2018

Meine Reise beginnt heute mit dem Besuch des Drachmannshaus. Ich bin etwas zu früh, das Haus ist noch geschlossen, doch ich kann den Hof bereits betreten. Ich gehe durch das hölzerne, rote Tor hindurch und befinde mich, in einem für die zentrumsnahe Lage, weitläufigen Garten. Das Licht des Himmels ist an diesem Morgen noch nicht sehr stark. Die Schatten der noch blattlosen Bäume zeichnen dünne, weiche Linien auf dem sandig, gräsernen Boden. Die einzigen Möbel im Garten sind ein Tisch und eine weiße Holzbank. Ich laufe um das lange, eingeschossige Gebäude aus weiß verputzen Klinkern herum. Ungewohnt für das bestehende Stadtbild ist das schwarz gestrichene, sichtbare Fachwerk, welches die Konstruktion des Hauses auszubilden scheint. Hinter dem langen Gebäude, am Rande des Grundstücks, steht ein kleines, ebenfalls in weiß gehaltenes Haus um 90 Grad versetzt zum Hauptgebäude. Später stellt sich heraus, dass es sich hierbei um das ehemalige Sanitärhaus des Anwesens handelt. Ich stelle mich zwischen die kargen Bäume auf der von der Straßenseite abgewandten Gebäudehälfte und versuche die Beziehung zwischen den Gebäuden in meinem Skiz-

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zenbuch festzuhalten. Typisch für die Skagener Bauweise ist auch hier die Darstellung eines Sockels um das gesamte Gebäude herum. Sockel können das Gebäude entweder tief mit der umgebenden Landschaft verankern, oder wie in diesem Fall, abheben, eine Barriere zwischen Landschaft und Wohn-Landschaft bilden. Beim Betreten des Hauses knarrt der dunkle Holzboden unter meinen Füßen, die grüne Haustür besitzt einen kalten, dunklen, metallenen Griff, der Wohnraum ist sehr niedrig. Ich versuche mir vorzustellen, wie der 1,93m große Dichter Drachmann durch den niedrigen Raum geht, die weiße Holzdecke lässt das Zimmer trotz der kleinen Fenster sehr hell erscheinen. Die Räume wirken gemütlich – ein Haus für das Gemüt eines Lebemannes. In Richtung Nord-Ost ist das Wohnhaus um ein Atelier erweitert. Der Unterschied zwischen den beiden Räumen ist sofort sichtbar und spürbar. Der Raum weitet sich in vertikaler Richtung und reicht ohne abgehängte Decke bis unter den Giebel, das dunkle Holz der Konstruktion dämpft die Stimmung, es gibt nicht wie im Hauptgebäude kleine Fenster auf der Südseite, sondern nur eine sehr große, gezielte Öffnung, für Ateliers typisch, in Richtung Nord-Ost. Vor diesem Fenster steht ein massiver Schreibtisch, überdeckt mit Werken des Dichters, neben dem Kamin hängt ein Bild von Michael Ancher, der als Vermittler zwischen dem Maler und Dichter Holger Drachmann und dem Maler P.S. Krøyer galt. Das Bild stellt dar, wie


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Drachmann vor dem erleuchteten Kamin sitzt und sich das Licht des Feuers auf seinem Körper reflektiert, gemalt von P.S. Krøyer, festgehalten durch Michael Ancher. Der Museumswart erzählt mir von der lebhaften Persönlichkeit Drachmanns und von den heute noch gehaltenen Veranstaltungen in dem Raum des Ateliers. Im Anschluss besuche ich das Haus der Anchers, mich interessiert wie die Künstler hier vor Ort gelebt haben, der Kontrast könnte kaum größer sein. ‚Anwesen‘ trifft die Beschreibung der Behausung der Anchers wohl besser. Zunächst betrete ich ein eingeschossiges, schmales, langes Gebäude, in dem aktuell Fotografien der damaligen Künstler ausgestellt werden. Die Holzdielen und die Decke sind weiß gestrichen, die Maserung des Holzes ist jedoch weiterhin erkennbar, die Wände sind in einem kalten Eisblau gehalten und das warme Sonnenlicht hinterlässt gelbliche Abdrücke der offenen Fenster auf dem Boden. Der Raum erweckt bildhafte Ausschnitte des Lebens der Anchers, wenngleich sie nie in diesem Gebäude gewohnt haben und es sich hierbei viel mehr um die Stallungen des Anwesens handelt. Durch den Park gelange ich, über einen geschwungenen, angelegten Weg zum Hauptgebäude. Bevor ich eintrete, verlasse ich kurz den Hof, um mein Fahrrad außerhalb der Umfriedung zu parken und betrete dann das Gebäude. Es ist sehr stickig, eine Frau sitzt am Tresen und kontrolliert sogleich meine Eintrittskarte, im Anschluss händigt sie mir weiße Stoffscho-

ner aus, die ich über meine Schuhe ziehe. Die Räume sind klein, dunkel und sehr voll mit Kunstwerken und Sammlerstücken der Familie. Die Ausstellungsstücke sind mit einem kupferfarbenen Draht gesichert, im Nebenraum ist eine Führung auf dänisch zu vernehmen. Ich komme kaum an der großen Gruppe vorbei, die in den kleinen Räumlichkeiten fehl am Platz wirkt. Der Aufgang in das obere Geschoss ist gesperrt und nur die unteren Räumlichkeiten sind der Öffentlichkeit vorbehalten. Ich bin froh, als ich das im Norden angegliederte Atelier erreiche, durch seine Raumhöhe, die weit größer ist, als die der anderen Räume. Das Klima ist weitaus angenehmer, es ist weniger stickig und gleichmäßig hell. Der Besucher kann sich nur eingeschränkt in dem Raum bewegen, die Kunstwerke, welche durch eine feine elektrische Sicherung geschützt werden, sind um mindestens einen Meter vom Weg des Besuchers versetzt angeordnet. Ich bin froh, als ich mit dem Fahrrad an den Rand der Stadt fahre und den Wind spüre. Über mir hat der Himmel zu seinem gewohnten, intensiven Blau zurückgefunden und es ist weniger kalt als am vorhergehenden Tag. Ich passiere den weißen Leuchtturm erneut und halte kurz inne, um mir die Umgebung bei hochstehender Sonne noch einmal anzusehen. Der moosbewachsene Boden, mit dem hellen Sand, dem Schilfgras und dem festen Trampelpfad nuancieren im gleißenden Sonnenlicht. Der Turm leuchtet und ist gerade vor dem dunklen Hintergrund der Tannen deutlich erkennbar. D I E RH Y THME N D E R S IC H WA N D E LN D E N L A N DSC H A F T

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„ Es sind die wohlbekannten, komplementären Gegensatzpaare, mit den

horizontal – vertikal, irrational – rational, warm– kalt, Erde – Himmel, […] M Und es sind besonders jene Orte, die beide Ortskomponenten in sich ver ansprechen; denn sie entsprechen der Komplexität unseres eigenen Wesen

Die Straße an die Spitze der Landzunge, in Richtung Grenen, gleicht einer Achse und verläuft sich scheinbar am Horizont. Ich fahre mit dem Fahrrad vorbei an einer flachen, einsamen Landschaft, zur einen Seite verläuft die von zwei Seiten gefasste Vegetation der Halbinsel, welche vor 15.000 Jahren zum Ende der Eiszeit entstanden ist, als trockene Mooslandschaft, auf der anderen Seite das feuchte Sumpfgebiet. Dicht an der Straße befindet sich ein kleiner Kiefernwald, der abgelöst wird von frisch gefällten Baumstämmen, dahinter: Land, Feuchte Seen, die sich durch Unwetter, zwischen den von Sandstürmen aufgehäuften Hügeln, gebildet haben. Zu meiner rechten eine schmale Fläche, mit Moos bewachsene Ebene, gesäumt von einer kontinuierlichen Dünenkette, hier und da findet sich ein kleines Sommerhaus, ich passiere einen Campingplatz und erkenne den grauen Leuchtturm. Zunächst fahre ich vorbei, doch dann drehe ich um, bin magisch angezogen von dem hohen grauen Turm.

Weite, Meer, tiefes Blau, Himmel, Schiffe, Wellen, Gischt, Steine, Sandbänke, Bunker, Dünen, Gras- und Mooslandschaft, Heide, Dächer, Leuchtturm, Wald, flache Ebene, Nordsee, die gerade der Straße, freie Wege, die Wege des Wassers und in einem klaren Kontrast ablesbar auch der Weiße Leuchtturm, der sich deutlich vor der niedrigeren Silhouette der Stadt abhebt.

Die Parkplatzfläche ist mit Kies ausgelegt, doch zum Eingang des Leuchtturms hin gibt es eine harte Kante, der freie Belag wechselt an einer scharfen Linie zu einem feinen Betonboden, fugenlos liegt die hellgraue Fläche vor dem geschützten Innenhof um den Turm herum. In dem ehemaligen Wohngebäude des Leuchtturmwächters ist heute ein Vogelkundemuseum eingegliedert, ich erreiche nach 210 schmalen, hohen Stufen die Spitze des Leuchtturms.

Die Natürlichkeit wird plötzlich unterbrochen, als ich an einem ehemaligen Bunker der deutschen Alliierten vorbeilaufe. Er ist zerbrochen, mit Graffiti besprüht, auf Deutsch steht hier ‚Zimmer frei‘, Teile des Bunkers liegen im Wasser und werden von den Wellen umspült. Die offenen Armierungseisen sind die wohl wirklich bedrohlichen Reststücke des Mahnmals. Ich laufe weiter durch den feuchten Sand, meine Füße sinken nur ganz leicht ein. Ich sehe wie die vom

Im windgeschützen Innenhof der Anlage halte ich die Eindrücke fest. Die Aussicht auf die Spitze von Grenen hat mich gepackt, die Linie, an der sich die Meere zu treffen scheinen ist bis zum Horizont hin klar ablesbar. Ich fahre weiter und lasse mein Fahrrad am alten Badehotel stehen, die letzten Meter gehe ich zu Fuß bis zur Spitze. Ab und zu werde ich von entgegenkommenden Menschen passiert, wir bewegen uns in einer lichten Menge.

4 Valena, Tomáš: Beziehungen. Über den Ortsbezug in der Architektur, 1. Neuausgabe, Berlin 2014, S. 28.

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nen der Raum- beziehungsweise Körperort apostrophiert werden könnte: Materie – Geist, Gemeinschaft – Isolation, passiv – aktiv, Bindung – Freiheit. reinen, welche uns mit ihrer Vielschichtigkeit unmittelbar und nachhaltig ns.“4

Wind angetriebenen Sandkörper über den Boden laufen. Dem Ende der weit ins Meer laufenden Landzunge komme ich immer näher, der Wind wird stärker, je weiter ich mich von den schützenden Dünen entferne. Die Auswirkungen des Tourismus werden mir hier in ihrer Reinheit vor Augen geführt: ein Traktor mit Anhänger chauffiert die Touristen in kurzen Hosen und mit Kamera gewappnet bis an die Spitze, seine Räder haben tiefe Spuren im Sand hinterlassen. Ich versuche zu Fuß auch bis an die Spitze zu kommen, an einer Stelle überspült das Wasser leicht die Landzunge, durch den Druck der Räder ist der Boden hier noch weiter abgesunken. Ich sehe hinaus, entlang der Linie des Aufeinandertreffens der Meere und bemühe mich das Geräusch des Traktors auszublenden. Glücklicherweise verlässt dieser nach wenigen Minuten wieder die Spitze und mit ihm verschwindet eine ganze Handvoll lärmender Touristen. Ich genieße die plötzliche Ruhe, die durch das schwappen des Wassers und durch vereinzelte Rufe der Möwen durchbrochen wird. Zwischen den Dünen suche ich den Windschatten und beobachte die Landschaft, die Gräser wiegen sich mit dem Wind, der Sand tanzt. Ich entdecke verschiedene Spuren von Menschen, Maschinen, Tieren und natürlichen Elementen im Sand. Während ich zwischen den Dünen hindurch zurücklaufe, erkenne ich meine schnell verwehenden Fußspuren im weichen Sand – über die Vergänglichkeit des Menschen und die Spuren der Zeit.

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Sonntag 01.04.2018

Um 10 Uhr am Morgen des heutigen Tages habe ich bereits die Nordküste der Halbinsel erreicht. Ich folge einer Stichstraße, vorbei an verschiedenen Industriegebäuden und blicke direkt auf das Wasser, welches die Dünen freigeben. Der Strand ist verlassen. Der Himmel ist hellgrau, die Stimmung diesig, wodurch die dunkle, gesättigte Landschaft in einem starken Kontrast erscheint. Die Nordsee und der Himmel gehen am Horizont fließend ineinander über. Das röhrende Geräusch, ausgelöst durch Moto-Cross-Maschinen deren Fahrer sich innerhalb eines hinter mir liegenden, abgesteckten Gebietes eifrig Wettrennen zu liefern scheinen, übertönt das Geräusch der Wellen zu dieser Seite der Küste. Da ich mir nicht sicher bin ob, ich an diesem stürmischen Tag an der Küste in Richtung Westen gehen kann, nehme ich das Fahrrad und kehre um. Die großen Windräder, drei an der Zahl, drehen sich schnell im Wind. Bis ich ‚Gammel Skagen‘ erreiche, hat der Himmel sein intensives Blau wieder erlangt. Das Licht der vergangenen Tage ist wieder zurück, spiegelt sich im Wasser wieder und reflektiert sich im Sande. Der Sand der Dünen ist sehr weich. In dem Buch ‚Rural artists‘ colonies in Europe 1870-1819’

von Nina Lübbren lese ich ein Zitat von Hanna Rönnberg, einer finnischen Künstlerin über ihre erste Reise nach Skagen. Sie beschreibt ihren beschwerlichen Weg mit einer Kutsche durch die sie fesselnde Landschaft. Zunächst gilt die bedeutungsvolle Wirkung nur ihrem Blick, dann tatsächlich ihrem Vorankommen, die Kufen der Kutsche versinken im weichen Sand „[…] it was like riding in flour, up dune and down dune, foot by foot.“5 Jeder meiner Schritte versinkt im federnden Untergrund. Ich durchkämme die Dünenlandschaft und versuche mich nicht zu verlieren. Eine Familie mit Hund kommt gerade von ihrem Strandspaziergang zurück und eilt in eines der wenigen, weit verstreuten Häuser, die sich hier am Ortsrand zwischen den Dünen zu verstecken scheinen. Die Dächer der Häuser, welche aus meiner Perspektive aus dem Boden zu wachsen scheinen, wirken, vermutlich durch den Kontrast der roten Ziegel zum hellen Grün der Heide, fremdartig. Ich durchquere ein letztes mal das kleine Zentrum, vorbei an den vielen ‚Til Salg‘ Schildern, welche die eingezäunten und mit einer dänischen Flagge versehenen Vorgärten der Häuser zieren. Ein schweigender und doch für sich sprechender Hinweis über die noch ansässige Bevölkerung. Viele Personen steigen vor den Hotels in ihre vollbepackten 5 Lübbren, Nina: Rural artists‘ colonies in Europe 1870-1910, Manchester 2001, S. 147.

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Ablagerungen

Gegenwart

Vergangenheit

Identität

Geschichte

TAG 5


Mensch

Natur

Heidenebene

Düne

Sandküste

Straße

Wasser

Landschaft

Bewegungen

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.neredna med thcielg seniE Autos, dänische, schwedische, norwegische und deutsche Kennzeichen zieren die Geländewagen. Die Asphaltierung endet abrupt und geht in eine feste, aus Sand und Kies bestehende Landstraße über. Entlang dieses geschwungenen Weges erreiche ich erneut den Rand der Dünen. Zwischen der Stadt und der Küste liegt hier eine etwa 800 Meter lange Heidelandschaft. Mein Weg verläuft sich in einem kreisrund angelegten Parkplatz, ein Schild mit Informationen über die örtlichen Baderichtlinien in verschiedenen Sprachen deutet an, wie die Landschaft, welche gerade still und verlassen zwischen den Dünen eingebettet liegt, zum Sommer hin von Touristen bevölkert wird. Ich nehme einen kleinen Weg quer durch die Heide, am anderen Ende erkenne ich mehrere drei- bis viergeschossige Mehrfamilienhäuser. Eine Agglomeration von neu errichteten Gebäuden, deren Fassaden und Dach einheitlich schwarz gehalten werden. Nur eine Frau begegnet mir, während ich den Häusern immer näher komme. Was ich von Weitem nicht erkannt habe, war die Ansammlung weiterer acht eineinhalbgeschossiger Einfamilienhäuser. Jedes verfügt über eine nebenstehende Garage. Eines gleicht dem anderen, Wohnhäuser aus dem Katalog. Am Rande der Stadt in Richtung Grenen, gesäumt von weiten Freiflächen, besteht eine Ansammlung von Fertighäusern, keines ist bewohnt. Eines gleicht dem anderen.

Die Landschaft spricht. Sanfte Dünen, dunkle Moosflächen, helle Gräser, weißer Sand, Wege begangen von Menschen, Spuren der Tiere, Ebenen der Flüsse, ein endlos verzweigtes Gewebe, der Ort verdichtet sich, schafft Übergänge. Ich fahre zurück nach Skagen und denke über die Thematik der Grenzen nach. Die wohl kleinste bauliche Grenze ist der Sockel vor jeder Haustür, keines der Häuser ist ebenerdig zugänglich. Die nächste Grenze wird weitaus prägnanter, von der Vielzahl an variierenden Einfriedungen, in Form von Zäunen, Mauern und Erdaufschüttungen, markiert der Däne seinen Besitz. Die Haupteinkaufsstraße ist gesäumt von Eingängen und den davorstehenden Auslagen, Garderoben und Tischenzur Präsentation der Waren, welche alle mit Gürteln fest vertäut sind, der starke Wind könnte sie sonst davontragen. Auch diese Ebene wirkt wie eine Grenze, eine zusätzliche Zone zwischen dem freien Bewegungsraum außen und innen. Klar grenzt sich auch das städtische Gefüge von der umgebenden Natur ab. Im Plan lässt sich eine genaue Linie ziehen und doch findet man zwischen den Dünen immer wieder einfache, freistehende Häuser – ganz ohne Einfriedung erobern sie sich den Naturraum und verweisen mit Schildern auf die privaten Flächen.

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Zurück in der Stadt, nur drei Geschäfte vom Kunstmuseum entfernt, finde ich den Laden ‚Kunst og Rammer‘. Davor steht ein großer Korb mit Steinen, welche alle mit Löchern versehen sind. Der Besitzer Peter Danielsen erzählt mir vom Phänomen der ‚Hühnergötter‘, Steine die von der Ostsee zu bestimmten Zeiten an den Strand gespült werden und bedingt durch Kalkablagerungen ein Loch in sich tragen. Diese Steine sammeln die Skager, fädeln sie auf und dekorieren damit die Fassaden ihrer Häuser – aus weitaus mystischeren Gründen, Glück soll es bringen.

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Stufen

Hecke

Busch

Hügel

Erdwall

Mauer

Zaun

rot weiß – rot rot – weiß rot – weiß rot – weiß rot – weiß rot – weiß rot – gelb weiß – grün weiß – weiß weiß – grün weiß – weiß grün – weiß weiß


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Jede Einfriedung hat ihr Pendant – es entsteht ein gleichmäßiger Rhythmus. Im Museumscafé lerne ich die Kellnerin kennen, während die tiefstehende Sonne durch die Sprossenfenster Licht und Schatten auf meine vor mir liegenden Bücher wirft. Die Decke ist sehr niedrig, an der Wand steht viel über die Geschichte des Gebäudes geschrieben. Die Kellnerin erzählt mir, dass sie noch bis vor wenigen Jahren im grauen Leuchtturm gelebt hat. Außerdem von der schwierigen Anreise nach Skagen mit der Postkutsche, als es vor vielen Jahren noch keine Hauptverbindungsstraße in die Stadt gab. Das Café des Skagenmuseums ist heute in einem der ältesten Gebäude Skagens untergebracht. Erstmals wird das eineinhalbgeschossige Gebäude 1801 erwähnt, seinen Namen als ‚Gartenhaus‘ erhielt es, als es in den 1840er Jahren in den Besitz der Familie Brøndum überging. Typisch für die Bauweise zu dieser Zeit war die Verkleidung der Nordfassade mit Holz, wohingegen die Süd- und Westseite, welche den extremeren Wetterseiten entsprachen, aus Mauerwerk errichtet wurden. Das Dach war während der gesamten Zeit mit Ziegeln und Stroh bedeckt. Die Ziegel erhielten 1885 die für das Ortsbild typische, weiße Kalk-Umrandung. Als Skagen 1853 von einer Choleraepidemie heimgesucht wurde, diente das Gebäude als Lazarett. Weiter wurde es 1873, als das Gasthaus der Familie Brøndum abbrannte, als Wohnstätte und Lebensmittelgeschäft genutzt. Anna und

Michael Ancher zogen nach ihrer Hochzeit Jahre später in das Haus ein und bauten den Ostflügel in ein gemeinsames Atelier um. Heute ist das Gebäude zu zwei Seiten in gelb und zu zwei Seiten in rot gestrichen, nachdem herausgefunden wurde, dass es ursprünglich rot gestrichen war. Es ist gerade kurz nach 17 Uhr, als ich erneut durch die Haupteinkaufspassage fahre. Alle Geschäfte sind geschlossen, kein Mensch ist mehr unterwegs, zwei Möwen streiten sich um einen Essensrest.

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TAG 6

Montag 02.04.2018

An meinem vorletzten Tag verlasse ich das Haus mitsamt Kamera und Skizzenbuch. In den kleinen Nebenstraßen, von denen viele nach den Skagener Künstlern benannt sind, versuche ich die unterschiedlichen Materialien und Straßenquerschnitte aufzunehmen. Sind die Grenzen der privaten Grundstücke nicht mit einem Zaun markiert, so liegt das daran, dass entweder die Häuserwand direkt auf die Grenze gebaut wurde oder das ein Teil der Zufahrt für den Geländewagen mit norwegischem Kennzeichen, freigehalten wurde. Ich passiere ein paar Kinder, die vor ihrem Elternhaus einen kleinen Flohmarkt mit selbstgemalten Bildern veranstalten. Drei Dänische Kronen kostet jedes der Werke. Über ihnen sind die Preise auf großen Schildern geschrieben, daneben steht ‚Mobile Pay‘ und die dazugehörige Telefonnummer. Sie scheinen den Geschäftssinn ihrer Eltern übernommen zu haben. Die schmalen Wege vor den historischen Gebäuden des 19. Jahrhunderts sind vereinzelt mit feinem Flugsand bedeckt, er sammelt sich an der Kante von dem Gehweg zur Straße. Ein großteil der Gebäude stammt aus der ‚Gelben Periode‘ von 1875 bis etwa 1907, was an der für die Epoche typischen Architektur abzulesen ist. Heute dienen die Häuser bevorzugt dem Alters- oder Zweitwohnsitz und wirken daher sehr anonym.

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Die kollektiven Werte der Erinnerung scheinen im Konservieren einer Ära – die mehr als 100 Jahre zurückliegt, verloren gegangen zu sein. Die Geschichte wirkt ablesbar, ist erlebbar, beinahe wirken die verlassenen Gassen, wie die eines großen Freilichtmuseums, Spuren einer neuen Generation sind zwischen den traditionellen Fassaden kaum zu entdecken. Die sich ständig verändernde Landschaft ist in diesem Sinne der konträre Punkt zum gebauten Ort. Würde man im Regelfall von einer stabilen Landschaft sprechen und die Werke des Menschen als vergänglich empfinden, finde ich mich hier zwischen zwei Häusern aus der ‚Gelben Periode‘ Skagens wieder, hinter dem weißen Gartenzaun weht die Dänische Flagge und hinter den großen Fenstern in Richtung Straße ist eine Staffelei zu erkennen. Im anderen Garten steht eine Miniaturausgabe des ‚Vippefyret‘, dem ältesten Leuchtturm der Stadt. Krøyersvej – die Straße in der ich stehe ist nach dem Maler P.S. Krøyer benannt – die Echos gelebten Lebens sind verhallt und der Wind trägt sie davon. Der Wind ist ein Zeichen der Vergänglichkeit – gerade hier in Skagen, formt er nicht nur die Landschaft von feinen Dünen umgeben von Wasser täglich neu. Der Wind lässt auch die Spuren, die bei jedem Schritt im weichen Grund


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hinterlassen werden, in nur einem Augenblick verschwinden. Gleichzeitig ist der Wind Symbol und Kraft der Bewegung, der die Menschen in Skagen, beim durchwandern der Landschaft, vorantreibt. Die Südseite des Ufers wurde mit der Errichtung des Hafens ab dem Jahre 1904 grundlegend verändert und gefestigt. Dieser Sprung, nicht nur maßstäblich, sondern auch zeitlich, ist klar abzulesen. Die Straße zwischen Stadt und Hafen, gesäumt von alten Eisenbahnschienen ist sehr breit und der Wind kann sich seiner Energie, so scheint es mir heute, vollends erledigen. Die Fabrikgebäude sind mit Wellblech verkleidet, Kräne in verschiedenen Höhen säumen den äußeren Rand des Hafens, in den Hafenbecken liegen kleine Fischerboote aus Holz und gleich dahinter befinden sich die großen Frachter der Fischereiunternehmen. Ein kontrastreiches Spiel. Ich zeichne einen Schnitt zwischen historischer Straßenfassade und dem angegliederten Industriegebiet des Seehafens, welcher heute den größten Fischereihafen Dänemarks bildet. In der Sonne vor kleinen Fischrestaurants entlang einer Bucht sitzen viele Personen – es herrscht ein reges Treiben – die Möwen bemühen sich im Sturzflug um jedes verlorengegangene Stück Fisch von den Tellern der Menschen.

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Ich fahre weiter in Richtung des grauen Leuchtturms und versuche, die Wandlung der Umgebung in Straßenansichten skizzenhaft festzuhalten. Alle paar Meter halte ich mit meinem Rad an, um zu zeichnen. Hin und wieder werde ich von einem Auto, einmal sogar von einem Fahrradfahrer passiert. Der Himmel strahlt in einem intensiven Blau. Je näher ich der Küste komme, desto stärker scheinen die Farben zu werden. Die dunklen Steine der Wellenbrecher nuancieren in Grau bis Schwarz, der Sand: Weiß, das Meer Tiefblau. Die Parkplatzfläche vor dem Grauen Leuchtturm, heute das Museum der Vogelkunde, ist mit festem Kies belegt und der Bereich des Leuchtturms ist, wie sollte es auch anders gestaltet sein, mit einem hohen Zaun versehen. Davor greift die Ebene Fläche des angelegten Betonbodens in die freie Kiesfläche ein. Ich empfinde den Ort auf eine andere Weise, nachdem ich mir vorstelle, wie hier noch vor wenigen Jahren die Kellnerin aus dem Museumscafé ihre Kindheit verbracht hat.

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TAG 7

Dienstag 03.04.2018

Schneefall – während der vergangenen sechs Tage herrschten Wind und Sonne um den klarblauen, intensivstrahlenden Himmel. Heute ist dieser in ein klares, helles Grau - Weiß getaucht. Die Landschaft ist gesättigt. Die Fassaden der Häuser, welche in den letzten Tage strahlend gelb leuchteten wirken heute eher Ockerfarben, bestimmt von der vorherrschenden Atmosphäre. Zeit, Klima, Licht und Wind als bedingende Faktoren. Wie sehr das Aussehen der Landschaft vom Licht geprägt ist, ist vor allem an der Farbe des Meeres zu erkennen. Die letzten Tage wanderten die Wellen eines tiefblauen Meeres sachte an die Ufer, heute schlagen die Wellen mit weißem Schaum gegen die sandige Küste, brechen an den dunklen Steinen und strömen zurück in das grau-türkisfarbene, entsättigte Meer. Obwohl es im Vergleich zu den vergangenen Tagen heute wärmer ist, fällt der letzte Schnee. Die Erde ist noch warm von der Kraft des Sonnenlichts der letzten Tage. Ich durchkämme noch einmal das Gebiet zwischen dem Weißen und dem Grauen Leuchtturm. Die moosbesetzte und mit Flechten gesäumte Landschaft nuanciert heute in dunkelroten Tönen und das hohe Gras dazwischen Hellgrün vor dem Tiefgrün der Kiefern im Hintergrund. Der Duft der frisch gefällten Bäume entlang des Straßenrandes liegt in der Luft, es riecht leicht nach Harz, die umgefällten Bäume säumen in hohen Tür-

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men die langgezogene, verlassene Straße in Richtung Grenen. Nachdem die Landschaft von dem gefällten Baumbestand befreit ist, finde ich einen Weg quer durch die Ebene. Schon von Weitem erkenne ich ein holzverkleidetes Haus zwischen den Dünen. Nach 362 Schritten erreiche ich die Küste, vor mir liegt dunkel und bedrohlich ein ehemaliger deutscher Bunker aus dem zweiten Weltkrieg. Kein anderes Bauwerk in Skagen ist mit einer Sichtbetonoberfläche gestaltet, wenn es überhaupt Gebäude aus einem anderen Material als Holz und Stein zu geben vermag, wirken die verlassenen Bunker, vier in der Zahl wenn ich in Richtung Skagen zurückblicke, bei dem heute stürmischen Wetter noch viel bedrohlicher. BUNKER BRECHER

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WELLENBRECHER BUNKER –

– WELLENBRECHER WELLENBRECHER –

Unbeeindruckt des vergangenen Schauspiels brechen die Wellen in ihrem eigenen Rhythmus an die Küste. Zwischen den Dünen nähere ich mich dem verlassenen Einfamilienhaus. Die Fenster sind verbarrikadiert, die Architektur neu, eine Terrasse mit Windschutz wurde in die Düne gegraben – auch diese Gebäude ist wohl mehr Sommer- und Zweitwohnsitz, als das es tatsächlich jemanden dauerhaft in diese, zumindest heute, verlassene Umgebung verschlagen würde. Die Gebäude liegen verstreut in der Landschaft, werden umschlossen vom abstrakten Panorama

– B WELLE


BUNKER – ENBRECHER

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der Umgebung und treten in eine Beziehung miteinander. Der graue Leuchtturm, welcher mehrere hundert Meter Luftlinie von mir entfernt liegt, ist auch bestimmt von der Beziehung zwischen seiner gebauten Vertikalität und natürlichen Horizontalität der Landschaft, ein sich befruchtendes Schauspiel. Der leichte Schneefall lässt die Umgebung in einen mystischen Schimmer verfallen. Wenn über den Genius Loci der nordischen Landschaften gelesen wird, so wird dieser meist mit der heute herrschenden Stimmung verglichen – ein tiefer Himmel, dunkles Grün der Bäume, sumpfige Erde, Moos, Flechten und der feine Nebel. Die herrschende Stimmung lässt den Charakter einer wilden Landschaft aufleben.

WELLENBRECHER – WELLENBRECHER

BUNKER – – FLACHER

WELLENSTRAND

Kein Mensch begegnet mir heute auf dem Weg zwischen den zwei Leuchttürmen. Die Tourismussaison beginnt erst Ende April, das sonnige Osterwochenende liegt bereits einige Tage in der Vergangenheit und auch keiner der Einwohner scheint an einem stürmischen Tag wie heute an einem Spaziergang zwischen den Elementen interessiert. Mein Fahrrad steht einsam und verlassen an der Straße, auffordernd neben einer leeren Bank in Richtung Landesinnere. Am Kunstmuseum vorbei passiere ich den Laden ‚Skagen Denmark‘, eine ehemals dänische Uhren-

marke, die in Skagen gegründet wurde. Eine Mitarbeiterin, welche hier in Skagen wohnt, erzählt mir, dass die Gründer der Marke genau in diesem Haus gelebt haben. Gegenüber des Museums, die Firmenanteile aber haben sie an amerikanische Investoren verkauft und sind dann weggezogen. Auch heute noch kommen die Designer zum Entwerfen nach Skagen, berichtet sie mir. Als ich sie auf das Stadtzentrum und seine eigenwillige Atmosphäre und Gestaltung anspreche, wirkt sie gleichgültig. Für sie habe das nichts mehr mit der Geschichte zu tun – die Stadt lebe vom Tourismus. ‚Skagen Denmark’, die Uhrenmarke wurde 1989 gegründet. Die Stadt Skagen hingegen, verkauft sich heute ebenfalls mehr als Konsumgut, denn als Landschaft im Wandel. Die physischen und kulturellen Werte des Ortes sind ihrem Sein heute vollständig entfremdet. Dabei hat gerade dieser Ort die Fähigkeit, das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt erneut ins Gleichgewicht zu bringen, die Elemente sind stark genug. Stark genug um als Identitätspunkte zu fungieren, Bezugspunkte zu schaffen. Kein Reservat. Bewegung suggeriert landschaftlichen Alltag, voll von Merkmalen der Benutzung. Die Vielfalt der Formen, die vielschichtigen Orte wecken die Aufmerksamkeit – zwischen den Dünen liegt ein See, der Wind lässt seine Oberfläche brechen und nimmt ihm die Plastizität. Die Waldränder fassen die Ebene, die sanften Rundungen der Dünen, die langen Geraden der Kanäle und Wege, die weichen Moosflächen und Sandhügel. 27


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Eigentlich ist alles da.

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„ Der Verlust des Ortes hat für die Menschen und für die

Gesellschaft katastrophale Folgen: langsam nehmen wir sie wahr. (…) Alle menschlichen Handlungen brauchen notwendigerweise einen angemessenen Ort, um sich ereignen zu können. Der Ort ist also integrierender Teil der Handlungen, und andererseits ist der Mensch nicht zu denken ohne Bezug auf die Orte.“6

6 FSAI (Hrsg.): Ort/Lieu. Snozzi, Luigi: Der Ort oder die Suche nach der Stille, in: archithese 3-84, 1984, S. 23.

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Literaturverzeichnis

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Jacobs, Michael: The good and simple Life, Artist Colonies in Europe and America, Oxford, 1985, S. 93.

2 Zumthor, Peter; Labs-Ehlert, Brigitte: Poetische Landschaft. Die Orte der Gedichte, Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe, II. Druck - Faltbuch, 1999, S. 18. 3 Andersen, Hans Christian: Geschichte aus den Dünen, aus: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-1227/113 Stand 16.04.2018. 4 Valena, Tomáš: Beziehungen. Über den Ortsbezug in der Architektur, 1. Neuausgabe, Berlin 2014, S. 28.

5 Lübbren, Nina: Rural artists‘ colonies in Europe 1870-1910, Manchester 2001, S. 147.

6 FSAI (Hrsg.): Ort/Lieu. Snozzi, Luigi: Der Ort oder die Suche nach der Stille, in: archithese 3-84, 1984, S. 23.

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„ Ort und Imagination – eigene Vorstellungsbilder geprägt

von den Wegen die der Mensch gegangen ist. Ein Ort bringt einen Text hervor – ein Text lässt Orte entstehen. Textbilder die zur Interpretation einladen.


Masterthesis | W Ort Sichten 1  

Die Reihe 'W Ort Sichten' besteht aus vier Teilen und entstand im Zuge meiner Masterarbeit. Die Teile Formen das Reisetagebuch meines Aufent...

Masterthesis | W Ort Sichten 1  

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