Issuu on Google+

26

vcp Pfadfinden

anp 02|15

BREITGETRETEN

Die ­dunkelste Zeit ­Deutschlands VON IRA BAIER, KASSEL

Marschierende Jungs mit Fahnen – davon gibt es ­viele Schwarzweiß-Fotos in unserem Archiv. Sind das nun Hitlerjungen oder Pfadfinder?! Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit die ­nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland. Grund für uns, ins VCP-Archiv zu schauen und zu fragen: Wie ­durchlebten ­Pfadfinderinnen und ­Pfadfinder das Hitler-Reich?

Zeitgeist

Um 1930 sollten deutsche Jungen und Männer möglichst stark und kämpferisch sein. Mädchen und Frauen hatten die Aufgabe, Kinder zu bekommen und die Familie zu versorgen. So lasen die Pfadfinder-Jungen in der anp über das Soldatenleben, die Mädchen übers Strümpfe stricken. Diese engen Rollenbilder verstärkten sich noch, als 1933 Adolf Hitler mit den Nationalsozialisten an die Macht kam.

Noch im selben Jahr schluckte die staatliche Hitlerjugend alle evangelischen Jugendgruppen. Von da an waren im Pfadfinden alle Trachten, Fahrten, Tänze und Spiele verboten. Weil die Nazis aber wussten, dass man damit Kinder und Jugendliche begeistern kann, wanderte, sang und zeltete nur noch die Hitlerjugend. Die Nazis haben die pfadfinderischen Ideen für ihre Zwecke missbraucht!

Judenfeindlichkeit Alexander Lion, dessen „Pfadfinderbuch“ 1909 das deutsche Pfadfinden begründete, war jüdischer Herkunft. Kritiker der Pfadfinderbewegung spotteten damals über den „Judensport in Wald und Feld“. Bis 1933 gab es in Deutschland Kadima (hebräisch „Vorwärts“), den ­ Jüdischen Pfadfinderbund. Die Nürnberger Gesetze erklärten 1935 ­jüdische Deutsche zu weitgehend rechtlosen Menschen. 1942 ­beschlossen die Nazis die endgültige Vernichtung allen jüdischen Lebens in Europa – etwa 6 Millionen Juden haben die Deutschen schließlich ­systematisch ermordet.

Wieso sind christliche Pfadfinder ­marschiert?! Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg (1914–1918), den weltweiten Krieg mit Millionen Opfern, begonnen und verloren. Über den Anstifter verhängten die europäischen Nachbarländer im Versailler Vertrag harte Strafen. Deshalb fühlte die deutsche Jugend den Wunsch, ihr Land endlich wieder stark zu machen – auch militärisch! Deshalb übten auch christliche Pfadfinder-Gruppen Marschieren und Exerzieren.

Austritt aus dem ­Völker­bund. Eine Berliner EMPerin berichtet von diesem ­Ereignis: „Jedes Mädel strahlt. Das war ein­­herrlicher Abschluss des ­Tages …“

Schon 1930 übte eine ­Darmstädter CP-Gruppe den sogenannten ­„deutschen Gruß“

1930

1931

1932

1933

1934

Fotos: VCP-Archiv

Pfadfinden und Hitlerjugend


anp 02|15