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Magazin für Medienmacher

Terror-Alarm: Morgen große V.i.S.d.P.Verbrennung

10 / 09 / 10

Sarrazin und kein Ende flut von Leserbriefen RedaktIONEN schlagen Alarm

e t u e ! ! l e i h d c r u d n e h e r D

! R E H C A M U H C S

Die frühe Medienwirkungsforschung ging vom Pawlowschen Modell aus: Zeitung schreibt, Leser glaubt und handelt, gleichsam ferngesteuert. Dieses mechanische Weltbild ist längst überholt, erfreut sich aber dennoch vieler Anhänger, vor allem unter Bloggern. Genau die hätten eigentlich jubeln müssen dieser Tage. Wahr wurde der Wunsch vom emanzipierten User, der es denen da ob mal so richtig zeigt. Noch nie zuvor haben die Reaktionen soviel Druck vom Publikum gekriegt, überwiegend elektronisch: „Freiheit für Sarrazin“ – dieser Schlachtruf dröhnte dermaßen laut durch die Redaktionen, dass mancher Kommentator noch rasch seine Argumentation auf leserfreundlich umstrickte. Der Volkssturm 2.0 (Darf man das noch sagen?) versetzte die chronisch auflagenbesorgten Verlage in helle Panik. Wohl nie hat das Volk seine Medien dermaßen vor sich hergetrieben. Nicht nur die Politik, auch die Leitmedien haben offenbar ein kleines Kontaktproblem mit dem Bürger.


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Woche drei der Sarrazin-Melange ist fast um, und noch immer kehrt keine Ruhe ein. Wie üblich schwankt die Debatte inzwischen in die andere Richtung – Politik und Kommentatoren verlangen, das Thema Integration müsse nun ausführlich thematisiert werden (als ob es daran mangeln würde). Dennoch ist bei Politikern wie Journalisten eine Verunsicherung darüber zu spüren, wie heftig die Reaktionen der Wähler und Leser ausgefallen sind. Selbst nachdem Sarrazin vom Gen sprach, das alle Juden verbinde – was ihn in jeder anderen deutschen Diskussion disqualifiziert hätte –, hörten sie nicht auf, die zustimmenden Anrufe und Zuschriften. Leserbriefredaktionen bei Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendern arbeiteten hart; die Leser-Kommentare unter den Sarrazin-Texten der Online-Portale mussten regelmäßig von Schimpf und Schund gesäubert werden. Blogs wie das des Journalisten Michael Spreng stellten die Kommentarfunktion gleich ganz ab, weil die Diskussion immer unfruchtbarer und unerfreulicher wurde. Ein Höhepunkt der gesamten Debatte war Sarrazins Auftritt in der

ARD-Sendung „Hart aber fair“. Nicht nur vor der Kamera war die Diskussion lebhaft, sondern auch die Zuschauer meldeten sich in ungekannter Intensität. Die Menge der Gästebucheinträge, Telefonanrufe, Briefe und Mails schlug alles, was die Redaktion zuvor erlebt hatte. Während und nach der bisher erfolgreichsten Sendung, in der es um Scientology ging, kamen nur halb so viele Zuschriften: Bis Donnerstagmorgen waren es etwa 16.000 Gästebucheinträge und um die 4.000 Mails. Die beiden wichtigsten Reaktionen: Die einen Zuschauer geben Sarrazin grundsätzlich recht, oft ergänzt um den Zusatz, er habe sich unglücklich ausgedrückt; die anderen sagen, die Diskussion sei der Integration abträglich, und man solle Sarrazin dafür keine Plattform bieten. Wobei die erste Gruppe deutlich in der Mehrheit ist. „Der Mann spricht uns aus der Seele“, ist der Tenor. „Endlich sagt es mal einer.“

Die vielen Fakten und Gegenbeispiele, die die „Hart aber fair“-Macher wie viele andere Redaktionen auffuhren, um die Diskussion mit journalistischer Recherche anzureichern, kommen bei den Zuschauern

Besonders die vielen, oft anonymen Mails und Kommentare im Internet scheinen von einer Klientel zu stammen, die für Verschwörungstheorien, Überfremdungsängste und Bedrohungsszenarien empfänglich ist. Wenn Thilo Sarrazin nach Frank Schirrmacher der „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“ ist, dann haben Redaktionen im ganzen Land diese Leute gerade am Telefon. Repräsentative Umfragen zeigen aber auch, dass es sich um eine lautstarke Minderheit handelt. Was folgt daraus? Politiker und Journalisten haben die Stimmung falsch eingeschätzt. Sarrazins Thesen waren mit SPIEGEL- und BILD-Vorabdruck zwar medial perfekt vermarktet, ja, aber sie treffen vor allem einen Nerv. Die These von der inszenierten Clownerie, die V.i.S.d.P. noch vor zwei Wochen für plausibel hielt, lässt sich nicht aufrecht erhalten. Viele Zuschauer, Hörer und Leser haben offenbar das oft nicht an. Es ist die klassische se- Gefühl, dass ihre Meinung in den lektive Wahrnehmung: Sie hören nur, Medien nicht vorkommt. Warum ist was ihre eigenen Überzeugungen das so? Darüber könnte man mal mit ihnen reden, den Leuten da draußen. bestätigt.


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Frauen fragen: »wie bin ich?« – Männer fragen: »wie war ich?« Roman Maria Koidl – Autor Scheisskerle

Thilo Sarrazin hat Freude an der Provokation – das haben wir inzwischen kapiert. Dass er Nazi-Vergleiche dabei selten scheut, zeigt diese kleine YouTube-Sequenz aus einer Pilot-Sendung, in der er dem Moderator Benjamin von Stuckrad-Barre einen Zettel mit der Aufschrift „Josef Goebbels“ an die Stirn heftet.

© Jim Rakete

Die nächste Runde

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JOBWECHSEL

SPIEGELBestseller

Katrin Wolff heißt die neue Redaktionsleiterin des Fachblatts AUTO BILD MOTORSPORT. Vorgänger Thomas Arndt schreibt nun frei für das Blatt. Mandy Sachse wird befördert: Statt CvD ist sie nun Mitglied der Chefredaktion von BILD.DE.

Platz 3 in der Schweiz

Justus Demmer, Pressesprecher der DPA, geht als neuer Unternehmenssprecher zum RBB. Vorgänger Ralph Kotsch geht zurück zur BERLINER ZEITUNG. Die immerfröhliche, dreifache Olympiasiegerin mit Signal-GranatapfelHaarfarbe Kati Wilhelm analysiert künftig für die ARD BiathlonWettkämpfe.

Kuzmany geht online TAZ-CvD Stefan Kuzmany geht als Kulturreporter zu SPIEGEL ONLINE. Das bestätigte er V.i.S.d.P. Er wird von November an vom Berliner SPIEGELBüro aus für das Kulturressort berichten und ersetzt damit Daniel Haas, der zur FAZ geht. Seine TAZ-Stelle ist nicht wieder besetzt, sondern wird wohl intern wegorganisiert.

Platz 8 in Österreich

5 Monate im Markt 6 Auflagen vergriffen 15 Wochen SPIEGEL Top 10 Bald 100.000 Exemplare verkauft

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DIE MEDIENWOCHE

Das Medientagebuch SAMSTAG: Die FRANKFURTER RUNDSCHAU feiert 65. Geburtstag. Der Gesundheitszustand lässt zu wünschen übrig. MONTAG: Der Prozess gegen Jörg Kachelmann beginnt in Mannheim. Alice Schwarzer berichtet für BILD. MONTAG: Die DAPD nimmt ihre Arbeit auf mit dem Ziel, die DPA überflüssig zu machen. Sie ist zumindest schon mal billiger, hat aber keinen Sport. DONNERSTAG: „Google Instant“ nennt die Suchmaschine ihre neue Technik: schon beim Tippen verändern sich die Suchergebnisse. Boss Eric Schmidt sprach anlässlich der IFA in Berlin zu den Deutschen.

» Liebe Kolleginnen und Kollegen, Helmut Markwort und ich möchten Sie darüber informieren, dass wir zum 30. September 2010 die Geschäftsführung der FOCUS Magazin Verlag GmbH an Philipp Welte abgeben werden. Mit besten Grüßen, Helmut Markwort, Frank-Michael Müller « Vollständiger Wortlaut

Marcell Jansen kommentiert online zurück: Reporter Gerd Gottlob hatte behauptet, der Nationalspieler sei als zu schlecht ausgewechselt worden. Dabei war er verletzt.

Gewinner Verlierer

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einer Mail an die FOCUS-Redaktion

230 Reporter sind seit dem Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak getötet worden, 90 Prozent davon Iraker. Das meldet Reporter ohne Grenzen.

LIEBLING der wochE Lieber Markus Lanz, uns fehlen die Worte, wir sind so glücklich: Sie haben beim ZDF verlängert! Statt „Stern TV“ bei RTL sehen wir Sie weiter kochen und plaudern auf Gebührenzahlerkosten. Wir verstehen zwar nicht, was Sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu suchen haben, aber das war bei Kerner ja auch schon so.

Erika Steinbach, weil die VertriebenenVerbandsVorsitzende sich an Sarrazin ein Beispiel nimmt und mit Provokation ganz rechts Karriere machen will.


’s war IFA, und also lud das Medienboard BerlinBrandenburg 1.500 handverlesene Gäste aus Medien und Politik ins prächtig illuminierte Museum für Kommunikation, wo am Fuße des ersten Tages der die Funkausstellung begleitenden „Medienwoche“ Getränke gereicht wurden, unter anderem.

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MONTAG MEDIANIGHT, BERLIN

»Endlich ein Mann, der es wagt, die Wahrheit zu sagen.« Anita »Volltreffer!« Annika »Ich war gefesselt, das war viel tiefer und ernster, als der Titel erwarten ließ.« Daniela »Das Buch beantwortet die quälende Frage nach dem ›Warum‹.« Elke »Das Buch ist der Hammer!« Eveline

© Jim Rakete

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Die Leserinnen sagen:

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Die Presse sagt: »Ein gnadenlos ehrliches Buch« BLICK, Schweiz

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»Koidl beschreibt ein Phänomen.« Hamburger Abendblatt »Roman Koidl hat gute Antworten.« WOMAN, Österreich »Koidl entlarvt die Strategien der Beziehungsneurotiker.« Berliner Kurier

Illuster plauderten unter anderen die Herren Aust, Marmor, Lobo, Beckedahl, Bender, Jobatey ...

© Jim Rakete

IFA-Trend 3D

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POSTSCRIPTUM Magazin für Medienmacher

In der vergangenen Woche haben wir FAZ-Autor Richard Wagner Homophobie vorgeworfen. In seiner Kolumne „Das war‘s“ erschien am Sonntag folgende Sequenz, die man wohl als Antwort lesen kann. Wir lernen: Phobien können auch begründet sein ...wird Wagner von Männern verfolgt?

IMPRESSUM

„Derweil wurde einem vom brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) wieder überdeutlich vor Augen geführt, dass nicht jede Phobie eine unbegründete Angst vor Situationen, Gegenständen, Tätigkeiten oder Personen ist, sondern oft sehr gut begründet ist, wie etwa im Fall unglaublich giftiger australischer Spinnen die Arachnophobie oder im Falle Platzecks die Ossiphobie, die er mit seinem Gejammer über fehlende ‚kleinste symbolische Gesten in Richtung Osten‘ anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Einigungsvertrages neu genährt hat. Dabei wurde leider wieder allzu deutlich, dass damals den sogenannten Ostdeutschen offenbar nicht eindringlich genug vermittelt worden war, dass sie alles aus nur einem Grunde wegwerfen mussten, weil ja nun alles wirklich zum Wegwerfen war.“

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Herausgeber Dr. Hajo Schumacher Chefredakteur Sebastian Esser Stellvertreter des Chefredakteurs Wendelin Hübner Stellv. Chefredakteure Susan Mücke, Frank Joung Leitender Redakteur Patrick Weisbrod Leiterin Lektorat Carla Mönig Adresse Lietzenburger Straße 51, 10789 Berlin Telefon 030 2196 27287

Wer sich am 3. Oktober mit ARDModerator Sven Lorig, ZDF-Moderator Karsten Schwanke und RTL-Moderator Peter Kloeppel im Halbmarathon messen will, sollte sich schnell dafür anmelden – heute läuft die Anmeldefrist ab. Der ganze Marathon geht natürlich auch. www.koeln-marathon.de FOTOS: S.4: Springer (2), RBB, SWR, privat; S.5: ZDF, Google, DFB, CDU; S.6/7: Medienboard.

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