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hat man ein bisschen den Mythos des Weisen, weil man hinter den Vorhang geblickt hat, andererseits den Stempel ‚Achtung‘ auf der Stirn“, sagt Hausmann. „Sie kommen dann in die Redaktionsrunde rein und werden kritisch beäugt, und die denken, der will uns doch nur parteipolitisch in eine bestimmte Richtung beeinflussen.“ Zunächst einmal heißt es dann sich zu behaupten und die eigene Objektivität unter Beweis zu stellen. „Man muss den Leuten zeigen, dass man unabhängig und kritisch ist. Wenn die Redaktionen dann merken, dass man keine Parteipolitik macht, dann geht das“, sagte Klaus Bölling, der nach sieben Jahren als Regierungssprecher von Helmut Schmidt heute als Publizist arbeitet, 2005 im V.i.S.d.P.Interview. Aller Skepsis zum Trotz kann die Presse auch davon profitieren, einen Ex-Sprecher im Team zu haben. Hausmann hat beispielsweise sein Bild vom Journalismus erst während der Sprecherzeit gerade gerückt. Er hält es seitdem für grob fahrlässig, von Objektivität im Journalismus zu sprechen. „Dann waren Sie bei einer Veranstaltung, lesen hinterher darüber

» In den Medien gibt es keinen Platz für jemanden, der zweimal die Seite gewechselt hat « und denken, dass Sie bei einer anderen Veranstaltung waren.“ Objektiver Journalismus sei nur ein Fiktion, an der man zwangsläufig scheitere, und sei es nur, weil jede menschliche Wahrnehmung subjektiv ist. Auch Bölling sieht seinen Ausflug an die andere Seite als Bereicherung für seine journalistische Arbeit an. Der Blick hinter die Kulissen lässt ihn Zusammenhänge besser erkennen und einordnen. Diese Erfahrung unterscheidet ihn von anderen Journalisten, findet er: „Es gibt ja eine Menge Journalisten, die kennen die Meinungsbildungsprozesse nicht. Wenn man selber im Getriebe gewesen ist, hat man mehr Wissen, um mehr objektive Urteile abzugeben.“ Deswegen kann Bölling sich keiner Seite mehr eindeutig zuordnen: „Durch diese sieben Jahre Regierungssprecher bin ich natürlich schon kein klassischer Journalist mehr. Ich

bin ein Grenzgänger zwischen Journalismus und Politik geworden.“ Er hat nicht mehr versucht, in eine Redaktion zurückzukehren. Ein weiteres Problem beim Versuch, in den Medien wieder Fuß zu fassen, ist die erreichte Hierarchieebene, die den Kanzlersprechern im Weg steht. „Regierungssprecher ist eine exponierte Tätigkeit. Da ist man im professionellen Journalismus nicht mehr so beliebt“, so Hausmann. Aber nicht nur die Arbeitgeber haben damit ein Problem, auch die Ex-Sprecher selbst fremdeln beim Gedanken an eine Tätigkeit unterhalb des Chefredakteurs: „Das ist unwürdig, wenn man so einen langen komplizierten Weg gehabt hat, dann als Hauptstadtkorrespondent wieder morgens zu Pressekonferenzen zu rennen“, sagt Ludger Reuber. Text: Sandra Middendorf

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