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23 / 04 / 10 Immer Ärger mit den Nazis Magazin für Medienmacher

die rache Stefan Austs comeback als Chef eines Nachrichtenmagazins steht kurz bevor. die konkurrenz sollte sich warm anziehen

! R E H C A M U H SC

Der peinlichste aller Teutonen ist der schnäppchengeile Pauschaltourist. Erst dem niedrigsten Preis hinterhergeiern, dann lässig in FlipFlops zum Flughafen, die blasierte Bonsai-Töle dabei und drei leere Koffer, um im Süden tonnenweise Effenberg-Fashion mit „Love-willnever-dry“-Dreck einzuladen. Leider AGB´s nicht gelesen. Da plötzlich kommt die Wolke. Der Teutone mutiert zum Profi-Opfer, ruft bei RTL an, will erlesene Beköstigung im Airport und umgehend freien Rückflug, wahlweise LufthansaBusiness oder Bundeswehr. Das Leben macht halt nur Freude, wenn es fast umsonst, zugleich aber vollkasko-versichert ist. Und mancher volksnahe Medienvertreter stimmt auch noch ein in das Konzert der Empörten, die der Verbraucherministerin vorwerfen, dass bei einer Flugreise für 29 Euro Klauseln im Kleingedruckten stehen. Andersherum ist es richtig: Vor Geiz-istgeil-Verbrauchern, die jeden Dumping-Dreck möglich machen, muss das Land geschützt werden.


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Mit Becks-Bier und Weißwein stießen die zwei Dutzend Redakteure am Montagabend um halb sechs in Stefan Austs Entwicklungsloft am Hamburger Hafen an, um die Fertigstellung ihres vorerst letzten Dummys zu würdigen. Es gab noch mehr zu feiern: Der Chef verkündete, dass alle unter ihnen auch Teil der wirklichen Redaktion seines neuen Nachrichtenmagazins sein werden – sollte es wirklich erscheinen. Und die Chancen dafür standen nie besser. Zum Stand der Dinge teilte Aust in seiner kleinen Rede mit, dass der Axel-Springer-Verlag den Hauptanteil übernehmen möchte. Auch er, Aust, und möglicherweise ein weiterer Investor würden Anteile halten. Die WAZ, die seit etwa einem Jahr die Entwicklung des Blatts finanziert, muss sich offenbar noch endgültig entscheiden. Sieben Dummys hat das Entwicklungsteam um Ex-MAX-Chef Christian Krug bisher fertiggestellt, jeden Monat einen. Das Ergebnis ist

Stefan Aust dazu geeignet, SPIEGEL, FOCUS, STERN, aber auch den Sonntagszeitungen Angst einzujagen: Ein klassisches Nachrichtenmagazin, nur moderner und zugänglicher. Offiziell bemüht sich Aust, den Ball flach zu halten. „Inwieweit sich unsere inhaltliche Orientierung vom SPIEGEL oder anderen Magazinen unterscheidet, möchte ich nicht beantworten“, sagt er. „Wir gehen unseren eigenen Weg und definieren uns nicht über andere. Ich möchte auch keinesfalls den

Eindruck erwecken, wir würden einen ‚Gegen-SPIEGEL‘ planen. Der SPIEGEL ist und bleibt unangefochten das wichtigste Magazin der Republik, wir gehen andere Wege.“ Und tatsächlich: Vor allem optisch grenzt es sich von Austs altem Arbeitgeber ab. Statt dröger Zurückhaltung, Textbergen mit gelegentlichen DPA-Fotos, prägen große Fotos, Freisteller und Grafiken das Layout von Art Director Uwe C. Beyer. Es wirke ein wenig unseri-

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öser, aber eben auch zugänglicher, sagen Leute, die die Dummys kennen. „Wir werden weder den Journalismus noch das Layout neu erfinden können oder wollen. Etwas jünger wäre gut“, sagt Aust. Auch inhaltlich herrscht mehr Freiheit als bei den etablierten Mitbewerbern. Die Redakteure sind keinen festen Ressorts zugeordnet, sondern schreiben überall. Nicht jede Geschichte ist ein immer gleich gebautes Magazinfeature wie beim SPIEGEL, stattdessen gibt es viele Reportagen. Exklusives, Investigatives soll Aust – wenig überraschend – sehr wichtig sein. Zeitgeschichte eine große Rolle spielen. Freuen wir uns also auf jede Menge RAF-Geschichten. Und: Anders als FOCUS, wie der Chefredakteur in spe Wolfram Weimer ihn sich offenbar vorstellt, und anders als es der SPIEGEL immer gehalten hat, will das Blatt sich und die Welt nicht so unglaublich ernst nehmen. Aust selbst wird als Autor einen prominenten Platz einnehmen, wie er bestätigt: „Ein klassisches Edi-

torial wird es nicht geben, aber wohl ein Kommentar zum Thema der Woche. Und da muss ich wohl selber ran.“ In der Marktforschung soll das ChefStück gut abgeschnitten

» Der SPIEGEL ist und bleibt unangefochten das wichtigste Magazin der Republik, wir gehen andere Wege « haben, so ist zu hören. Mehr als 120 Mitarbeiter – Redakteure, Layouter, Dokumentare etc. – sollen das neue Heft am Ende stemmen. Die Redaktion wird, und das stand von Anfang an fest, in Berlin angesiedelt sein. Natürlich würde sich eine räumliche Nähe zu N24 anbieten, sollte Aust mit seinem Übernahmeangebot zum Zug kommen. Eine direkte Zusammenarbeit mit den Fernsehleuten ist aber nicht vorgesehen. Anders als vielerorts berichtet soll die Zeitschrift nicht DIE

WOCHE heißen. Über den Namen soll längst entschieden sein – aber das dementiert Aust. Noch steht nicht fest, ob das Magazin tatsächlich am Sonntag erscheinen und so vom BAMS- und WAMS-Vertriebsnetz profitieren würde. „Sie dürfen über sieben verschiedene Varianten nachsinnen – so wie wir es auch noch tun“, beliebt Aust zu scherzen. Ob es schon im Sommer losgeht, hängt davon ab, wie schnell sich die Investoren einig sind. Sebastian Esser

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JOBWECHSEL DER WOCHE

Theo Koll beim r e n in w e G e ist der groß tmehr h ic n n u n t e ZDF: Er leit politik, n e ß u A g n u il nur die Abte esellG , n e n In h sondern auc tik. Er li o p s g n u d il B schafts- und n, die te s u a h c S a beerbt Bettin geht. n li r e B h c a n y für Peter Fre

Tita von Hardenberg Die ehemalige Polylux-Moderatorin und -Produzentin führt zukünftig durch die 3SAT-Theatersendung „Foyer“. Sie übernimmt vom ZDFMann Theo Koll, der im Kästchen oben rechts eine Rolle spielt.

Meike Win nemuth gibt nach n ur wenigen Monaten ihren Poste n als stellve rtretende Chefredakt eurin von COSMOPOLITAN w ieder auf ( was uns die Möglich keit gibt, ih ren Namen dieses Mal richtig z u schreiben). Sie ar beitet zunäc hst frei.

Heinz-R udolf Ot hm wird ne uer Ge erding sc und Che fredakteu häftsführer r der Age DPA-AFX ntur . Bisher war er in DPA-Che der fredaktio n für die landsdie Ausnste zus tändig.

Reann e m t l u a a e N t l m Michae r seine gesa art („Weltba n e dith H f f u o itJ t f M u is a n s e i g i mal los. B e n h o i e t k e l a l d a r die e n e m i b e a h ) ram W n. f l o bühne“ W sse von a l r r e e t i v e arb ERO C I C t f i r Zeitsch CKER+++ TICK ER +++ TICKER +++ TI +++ Stefan Raue ist neuer Stellvert reter von Theo Ko ll (siehe links ob en) beim ZDF. +++ Die ehemalige Kulturstaatsministeri n Christina W eiss schreibt künftig eine Kolumne fü r die WELT. +++ Joc hen Bendel („R uck Zuck“) moderiert bei RTL2 eine n eue Sendung namen s „Der Kreuzfah rtkönig“. +++ Micha ela Mielke wird Entwicklungs-Chefre dakteurin bei Bu rda.

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DIE MEDIENWOCHE

  Das Medientagebuch 

Charly Hübner, weil der neue PolizeirufKommissar ein echter Kerl ist, ohne sich so peinlich ranzuschmeißen an uns Zuschauer. Guter erster Auftritt – schnell weiterdrehen.

freitag bis sonntag: Die ARD-Brennpunkte zum Vulkanausbruch mit anschließendem Flugchaos waren so dilettantisch, dass man sich jeden Abend auf neue Pannen von Moderations-Legende Alois Theisen freute. Sonntag: „Deutschland sucht den Superstar“ ist endlich vorbei. Die Quoten waren nie besser, aber die Sendung war nie blöder. Gottseidank für wieder ein Jahr Pause.

Gewinner

Verlierer

montag: Nach nur vier Wochen stellt die neue Zeitung SPORT TAG ihr tägliches Erscheinen ein. dienstag: Thomas Garms hat sich nach langer Zeit bei Springer selbstständig gemacht und bringt das brasilianische Magazin TRIP in Deutschland heraus. Es sind nackte Frauen drin.

Liebling der Woche Lieber Dingsa-Professor! Zu einer Zeit, als es Fritz Egner noch gab, warst Du das lustigste Kind in einer netten Rate-Sendung (kleines Bild). Heute sind Sie, Andreas Turiff, „Mitarbeiter der Portland State University im Bereich IT-Sicherheit“. Sie reden noch genauso wie damals, und Sie sind immer noch total süß.

Rainer Esser, weil der ZEITGeschäftsführer an freie Autoren üble neue Verträge verschickt. Alle Rechte weg, rückwirkend, für gleich wenig Geld – das ist unanständig.

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DIE MEDIENWOCHE

Scrollen kann Recherche sein Springer geht nun juristisch gegen BILDBLOG vor. Eine Anti-WELTOnline-Solidaritäts-Aktion ging allerdings nach hinten los Deutschlands moralisch-ethisch, handwerklich und gesellschaftspolitisch bedeutendster Medienwächter hat ein kleines Problem: Auf BILDBLOG.DE bemängelte Stefan Niggemeier, dass WELT ONLINE eine Rüge des Presserates nicht abgedruckt habe und verlinkte auf den entsprechenden Artikel. Es ging um ein bitterrotes Getränk aus Italien, das nach Meinung des Presserats etwas zu lieblich besprochen worden sei. Dummerweise stand die Rüge aber längst beim Beitrag. Merke: Scrollen kann auch Recherche sein. Nun wehrte sich die WELT wiederum und ließ Niggemeier einen Anwaltsbrief inklusive der üblichen Drohrituale schicken. Emotions-Profi Niggemeier begab sich routiniert in die Opferrolle, mutmaßte eine Methode, um Blogger mundtot zu machen, und rief zum Spenden auf.

Twitter-König Lobo solidarisierte sich und rief dazu auf, WELT KOMPAKT zu entfollowen. Das brachte WELT KOMPAKT 90 neue Follower (siehe Grafik). Niggemeier, der kostenlosen juristischen Beistand schätzt, sitzt nun auf etwa 2.400 Euro Anwaltskosten, ein stolzer, aber nicht ungewöhnlicher Preis für unzureichende Recherche. Kleiner Tipp: Einfach in der Kanzlei Hogan&Hartson Raue anrufen. Die Herren sind gar nicht so hartleibig und gewähren notorisch guten Menschen bestimmt einen Discount.

BoykottAufruf

» Es könnte auch sein, dass ich Ihnen einen Kuss gebe. Vielleicht küsse ich Sie gleich, vielleicht aber auch erst in einem Jahr. «

Bayern-Trainer Louis van Gaals Antwort auf die Frage eines SZ-Reporters, ob er wirklich schon mal einen Spieler geküsst habe

„Eines der besten Cafés in Deutschland“ DER FEINSCHMECKER „Die besten Törtchen Berlins“ GEO „Einmal probiert, schon verführt“ FREUNDIN

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Immer Ärger mit den Nazis Der SPIEGEL berichtete über einen hochrangigen NS-Verbrecher, der in einem Stuttgarter Altenheim lebe. Der war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon tot. Absicht oder nicht – die rechte Presse schlachtet den Fall aus Es war eine ungewöhnliche Notiz auf der letzten Seite des Heft 15 vom 12. April. In der Rubrik „Der SPIEGEL berichtete“ war zu lesen, der SS-Offizier Martin Sandberger, den SPIEGELAutor Walter Mayr in einem Stuttgarter Altenheim ausfindig gemacht hatte, sei am 30. März gestorben. Das Merkwürdige daran: Dieses Datum liegt noch vor dem Redaktionsschluss jener Ausgabe, in dem das fünfseitige Stück erschienen war. Wollte sich der SPIEGEL seine Geschichte nicht durch den unpraktischen Zeitpunkt von Sandbergers Tod verderben lassen? „Ganz sicher können Sie sein, dass wir die Geschichte – in Kenntnis des Sandberger Todes – so nicht gedruckt hätten“, sagt Redaktions-Sprecher Hans-Ulrich Stoldt. Er erklärt die Sache so: „Am Dienstagmorgen (30.3.) hat der Autor im Seniorenstift ange-

rufen und gefragt, ob Herr Sandberger noch dort sei. Das wurde bejaht. Am Abend ist er gestorben. Am selben Abend war Redaktionsschluss für jenen Teil des Heftes, weil der SPIEGEL wegen Ostern früher erschien. Das ist unglücklich gelaufen, war aber nicht zu ändern.“ Statt den Fehler den Lesern zu erklären und zu korrigieren, platzierte die Redaktion die besagte Meldung kleinstmöglich auf der letzten Seite. WELT und BILD fielen herein und berichteten am 7. und 8. April, eine Woche nach Sandbergers Tod, über den vermeintlich letzten noch lebenden hochrangigen SS-Offizier. Die PREUSSISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG, ein Wochenblatt vom äußersten rechten Rand des Mei-

nungsspektrums, nahm den SPIEGEL-Fauxpas sogleich zum Anlass, Medienkritk zu üben – Chefredakteur Konrad Badenheuer mahnte staatsmännisch „Maß und Sorgfalt“ an und schrieb etwas von „Leichenfledderei“. Nur ein Mangel an Transparenz macht solche Kritik möglich.


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Wir sind Top! Der Bauer-Verlag ist so stolz auf den Erfolg seiner Zeitschriften, dass er ihnen einen Top 100-Sticker verpasst, wenn sie zu den oft verkauften gehören. Die Konkurrenz vermutet dahinter den Versuch, die Kioskbetreiber zu manipulieren. Alles Quatsch: Auch V.i.S.d.P trägt diese Auszeichnung, und zwar mit Stolz, denn wir haben es in die Top 100 der am meisten verbreiteten wöchentlichen PDFMedienmagazine geschafft. Danke, danke, danke!

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info@visdp.de Herausgeber Dr. Hajo Schumacher Chefredakteur Sebastian Esser Stellvertreter des Chefredakteurs Wendelin Hübner Stellvertretende Chefredakteurin Susan Mücke Leitender Re-

dakteur Patrick Weisbrod Leiterin Lektorat Carla Mönig Zentrale V.i.S.d.P., Lietzenburger Straße 51, 10789 Berlin Telefon: 030 2196 2728 7

der tipp Heute empfehlen wir mal drei Medienjournalismus-Kollegen aus dem Ausland. Die Sendung „On the Media“ kümmert sich jede Woche für den amerikanischen öffentlichen Radiosender NPR sehr hörenswert um Medienthemen. Eine besondere Form von Online-Fernsehen hat dagegen Daniel Schneidermann in Frankreich etabliert: Seit er den Öffentlich-Rechtlichen zu kritisch war, und er gefeuert wurde, sendet er im Internet für zahlende Benutzer seine Sendung „Arrêt sur Images“. Und das klappt jetzt schon jahrelang: www.arretsurimages.net. Schließlich sind nach vielen Jahren die bösem Medien-Gossip-Leute von GAWKER in New York immer noch unterhaltsam und manchmal sogar aufklärerisch. FOTOS: S.1 bis 3: www.marco-urban.de; S.4: ARD, ZDF, Archiv, DPA, Archiv; S.5: HR, Youtube (2), NDR, DIE ZEIT; S.8: THE EUROPEAN.


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