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# 228

3. Februar 2012


Die Woche

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Die Woche

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Foto: WDR

Liebling der Woche

Nun muss sich Deutschlands beste Fernseh-Blondine schon zwei Wochen wohlfeile Ratschläge anhören, da werden unsere auch nicht mehr schaden. Also: Die Sendung ist zu kurz, und sie kommt zu früh. Gottschalk könnte Deutschlands

Oprah sein. Ein Nachmittag mit dem Thommy, daran würden sich die ARDZuschauer, eh im Pensionsalter, schon gewöhnen. Aber um halb acht, da gibt’s Abendbrot, kein Fernsehen. Also: länger, früher, Problem gelöst. Keine Ursache.


Die Woche

4 Gewinner der Woche

Ansgar Heveling weil es dem bislang unbekannten Bundestags-Hinterbänkler gelungen ist, mit ein paar absichtsvoll unbedarften Äußerungen im HANDELSBLATT den stets empörungsbereiten Teil der OnlineÖffentlichkeit zu aktivieren. Jetzt hat er seinen Shitstorm und ist berühmt. So geht das heute.

Verlierer der Woche

Paul-Josef Raue weil es Wolf Schneiders Co-Autor, verantwortlich für den Internet-Teil des gemeinsamen Journalismus-Handbuchs, ganz offensichtlich an Internet-Journalismus-Kompetenz mangelt. Um das zu beurteilen, reicht ein kurzer Blick auf die von ihm früher oder heute mitverantworteten Seiten newsclick.de und thueringer-allgemeine.de.

Freitag

27.1.2012

Die erste Ausgabe der deutschen Ausgabe des Andy-Warhol-Magazins INTERVIEW erscheint. Die Kritiken sind gut, das Heft ist es auch. Die Mischung aus Berliner Hipstertum, Hollywood, Kunst und Luxusprodukten wirkt allerdings irgendwie irritierend. Möglicherweise sorgt einfach das Duo aus Finanzier und Immo-Oligarch Vladislav Doronin und dem Stasi-verdächtigen Verleger Bernd Runge für schlechtes Charma. Dienstag

31.1.2012

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden ... wie Otto von Bismarcks Stimme klang. Ziemlich normal nämlich. Der Audio-Post des eisernen Herrn aus dem Jenseits sorgt mittels Edison-Walze vorübergehend für ein erneutes Anschwellen der Preußen-Euphorie im deutschsprachigen Internet.


Die Woche Zitat der Woche

„Aenne Burda, for those who don’t know, was my husband’s wife ... no! Sorry! Haha! I guess that’s what you call a freudian slip, right?“ Right! Maria Furtwängler, Hubert Burdas – Moment ... – Frau, erinnert auf der DLD-Konferenz an ihre Schwiegermutter. Liste der Woche

Die Hitliste der Tagesthemen-Kommentatoren 2011. Ausgezählt von der FUNKKORRESPONDENZ 1. Ulrich Deppendorf (WDR) 18 2. Rainald Becker (SWR) 15 – Sigmund Gottlieb (BR) 15 4. Stefan Niemann (NDR) 14 5. Tina Hassel (WDR) 11 6. Reinhard Borgmann (RBB) 8 – Rolf-Dieter Krause (WDR) 8 8. Michael Zeiß (SWR) 7 9. Marcus Bornheim (BR) 6 10. Golineh Atai (WDR) 5 – Clemens Bratzler (SWR) 5 – Gabriele Kostorz (NDR) 5 – Mario Schmidt (NDR) 5 – Jörg Schönenborn (WDR) 5 – Christian Thiels (SWR) 5

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28.1.2012

Brigitte Nielsen wird „Dschungelkönigin der Sendung „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ – die war 2012 mal wieder gern gesehen, aber sorgte fpür bedeutend weniger Aufmerksamkeit als noch im vergangenen Jahr. Nebeneffekt: RTLKonkurrent SAT.1 kam im Januar auf einen desaströsen zielgruppen-Marktanteil von 9,9 Prozent.

Mittwoch

1.2.2012

VOCER heißt eine Internetseite, die sich ein Hamburger Netzwerk-Professor seit einigen Wochen von verschiedenen Stiftungen und der Bundeszentrale für Politische Bildung finanzieren lässt. Darauf veröffentlichen Medienfuzzis Großkopfertes über die Medien an sich und überhaupt. Nicht auszuschließen natürlich, dass darunter ab und zu etwas Interessantes zu finden sein wird.


Christoph Schwennicke (1) , früher für die SÜDDEUTSCHE in Berlin, seit 2007 politischer Porträtist und Kommentator für den SPIEGEL, wechselt nach Informationen eben dieser SZ im Sommer als Chefredakteur zu CICERO. Michael Naumann hatte zwar bei seinem Antritt vor knapp zwei Jahren angekündigt, den Job nicht ewig machen zu wollen, damals aber Stellvertreter Alexander Marguier, den er von der FAS geholt hatte, schon zum Nachfolger erklärt. Daraus wird nun wohl nichts.

Leute

Alexander von Streit (2) wird Chefredakteur der deutschen WIRED-Ausgabe, die in diesem Jahr zwei Mal erscheinen soll. Für die erste Ausgabe im Herbst trug noch Thomas Knüwer die Verantwortung, der nun den Condé-Nast-typisch albern betitelten Job „Editor-at-Large“ übernimmt. Michael Inacker (3) wird Büroleiter des HANDELSBLATTS in Berlin und Stellvertreter von Chefredakteur Gabor Steingart. Er wechselt vom Job des Metro-Pressesprechers zurück in den Journalismus.

Fotos: Axel Springer (3), Droemer Knaur, Condé Nast, Metro, G+J

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Kim Lenar (4) wird neue „Ressortleiterin Nachrichten“ der Bundes-BILD. Vorgänger Thomas Rosin geht als stellvertretender Redaktionsleiter zu BILD HAMBURG. Simone Knauss (7) ist neue Textchefin beim Magazin LIVING AT HOME. „Revolution jetzt! Was ist heute links?“ titelt Chefredakteur Rainer Schmidt auf dem aktuellen ROLLING STONE. Und schon trennt sich Axel Springer plötzlich kommentarlos von ihm. Hm.

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Es folgen Sebastian Zabel (5) von der BERLINER MORGENPOST (ganz früher SPEX) beim „Stone“, Severin Mevissen (6) beim MUSIKEXPRESS.


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Venice Beach aufm Alex „This ain’t California“ – auf der Berlinale läuft ein famoses Stück Zeitgeschichte über Skateboarder in der DDR und beweist, dass man deutsch-deutsche Geschichte ohne Geifer erzählen kann. Text: Hajo Schumacher Auf seinem Weg zum Handball-Training musste der pummelige Junge mit seinem Fahrrad jeden Donnerstag an diesem Parkplatz entlang, wo diese anderen mit ihren Rollbrettern herumstolperten. Richtiger Sport ist das nicht, dachte der pummelige Junge. Die hatten ja gar keine Trainingsanzüge an und Turnschuhe auch nicht. Dafür fielen sie häufig hin und lungerten ansonsten um einen alten Citroën-Bus herum. Diese Überreste der Hippie-Ära passten nicht ins ordentliche Münster. Aber spannend waren sie doch, diese Skateboard-Fahrer. Der alte Bus gehörte Titus Dittmann, der Anfang der achtziger Jahre seinen Job als Lehrer geschmissen hatte, um Skateboard-Papst zu werden. Er importierte die ersten Achsen und Bretter aus Kalifornien, er veranstaltete Skate-Wettbewerbe, baute ein kleines Handels-Imperium für Skater-Bedarf und ist heute einer der wenigen deutschen Senioren, die peinliche Mützen mit Würde tragen können. Aus dem Freak von damals ist ein Vorzei-

gebürger seiner Stadt geworden, dekoriert mit Orden, Urkunden und Lehrauftrag an der Uni Münster. Dittmann, selbst nicht übermäßig normal, hat viele Verrückte erlebt in der Welt der Skater. Aber eine Szene hat ihn besonders beeindruckt: „Die Jungs damals im Osten. Leute wie Goofy. Das waren die wahren Helden.“ Der Dokumentarfilm „This ain‘t California“, klug durchwirkt mit Super-8-Material aus jener Zeit, zeigt Leben, Leiden und Lieben der kleinen Community von Rollbrettfahrern, die sich in der DDR eingerichtet haben. Auf der Berlinale läuft dieses famose Stück Zeitgeschichte und beweist, dass man DDR-Geschichte ohne Geifer, aber mit viel Herz erzählen kann. Goofy, mit bürgerlichem Namen Torsten Schubert, gehörte zur kleinen verschworenen Gemeinschaft ostzonaler Skateboarder, ein paar Dutzend Verrückter in Dresden, Leipzig und Ost-Berlin, die ebenso infiziert waren vom Rausch auf dem Rollbrett wie die Z-Boys in Santa


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Monica oder die Bürgersöhne auf dem Parkplatz in Münster. Im Sommer 1981 hingen Heerscharen Teens etwa in Leipzig an der Moritzbastei ab, um die Rollbrettfahrer zu bestaunen, die neben Breakdancern ihre Kunststücke zeigten. Bald war der Hype vorbei, aber Goofy rollerte weiter. Eine andere freie deutsche Jugend verteidigte zäh ihr Anderssein, das nicht in der ewigen Leistungsschau des DDRSports endete. Das Problem der Ost-Skater: Material. Klappte der Nachschub frischer Ware von Kalifornien in die Bundesrepublik auch dank Dittmann schon recht bald reibungslos, so waren die Brüder drüben auf ihren Einfallsreichtum angewiesen. Am Anfang war das Brett, relativ humorlos aus einer Tür gesägt, mit Rollschuhrollen darunter. Später fanden Goofy und die anderen heraus, dass offenbar mehrere Schichten Furnier übereinander geleimt werden mussten. Sechs Millimeter dickes Furnier war allerdings rar. Zumal sich später herausstellte, dass sechsv mal zwei Millimeter deutlich elastischer waren als zwei mal sechs. Egal. Da schwamm die Küche schon, weil das Holz ja über mehrere Stunden eingeweicht werden musste, um dann im Backofen in Form getrocknet zu werden. Glasfibermatten und Epoxidharz bedeuteten übrigens nur unwesentlich weniger Schmiererei. Verzweifelte Mütter, tobende Väter, Kids, die ihren Weg gingen, so unbeirrt wie das nur Skater schaffen – so wie überall auf der Welt. Nur hatte die DDR-Szene noch

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zusätzlich das Achsen-Problem. Denn Rollschuh-Teile taugten nicht wirklich. Und „Speed“, das Brett des Germina-Kombinats, war auch nicht gerade ein Ausweis der Coolness mit dem albernen Stopper, der sinnfrei an der Spitze prangte. Goofy erinnert sich noch immer gerührt an diesen Tag im Herbst 1987. Hilfssendungen gab es öfter mal, meist „Altkleidersammlungen“ der Kollegen aus dem Westen. Aber Achsen für Sachsen, geschmuggelt in der Unterwäsche einer Kurierin, die waren etwas sehr Besonderes. Titus Dittmann hatte Wort gehalten und tatsächlich die „Street Shadows“ geschickt, das Beste, was es damals gab, wofür er im Gegenzug selbstgegossene Alu-Achsen bekam, die er bis heute verwahrt: „Das ist historisches Material.“ Von den vielen Subkulturen, die die DDR hervorbrachte, waren die Rollbrettfahrer wohl die bizarsten, unangepasster als Breakdancer oder Stehbrettsegler, deutlich dezenter selbstverliebt als die vielen Poser in Ost-Berlin: freie, ungezähmte Geister, die sich mit dem System gar nicht erst anlegten, sondern es vielmehr durch Nichtachtung straften. Sie wollten nur skaten, Tricks probieren, rumhängen, ob an der Moritzburg oder am Alex. Andere Jugendliche, die waren wie sie, kamen dazu. Ohne dass viel organisiert werden musste, wuchsen Cliquen zusammen. Ihr Bewusstsein, anders zu sein, hielt die Richtigen von allein zusammen. Sie schraubten, sie übten und stürzten, sie malten Schriftzüge nach, sie freuten sich wie Bolle, als im Jahn-Sportpark 1987 tatsäch-


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lich ein Skater-Treffen stattfand, mit den sam fremde Welt von Goofy und den andeganzen coolen Jungs aus Ost und West. ren noch einmal aufleben, mit Hilfe von verschüttet geglaubten Super-8-Filmen aus Skater kennen keine politischen Systeme jener Zeit. Der Dokumentatarfilm zeigt ein oder nationale Grenzen, sondern nur ein Stück kleiner Freiheit in der DDR, weder Brett mit vier Rollen. Okay ist, wer mindes- aus der Gute-Onkel-Perspektive des Westens einen soliden Ollie hinlegt. Die tens noch mit dem Anspruch, die ganze Sprünge beherrschten die DDR-Skater große Geschichte neu zu deuten. Mit dem übrigens erst ziemlich gut, als sie westli- konsequent nonkonformistischen Blick ches Material hatten, „denn unsere schwe- des Skaters wird einfach nur eine Gruppe ren, trägen Eigenbauten verlangten uns junger Menschen porträtiert, die sich den viel mehr Sprungkraft und Technik ab“, üblichen Jugendbespaßungs-Einrichtunerklärt Goofy, der bis heute gern aufs Brett gen wie Sportverein, FDJ-Schwoof oder springt. Kulturklimbim entzog. Mit einer gewissen Dickköpfigkeit eroberten sie stattdessen eine Öffentlichkeit, die zum Spielen nicht vorgesehen war – die Straße, den Platz, die urbane Fläche. Ihr Statement bestand darin, dass sie kein

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„This Ain‘t California“ (Regie Marten Persiel) läuft auf der Berlinale in der „Perspektive Deutsches Kino 2012“. Produziert vom West-Berliner Michael Schöbel und vom Ost-Berliner Ronald Vietz, lässt er die selt-


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Statement abgaben, sondern rollern wollten. Das verstand nur niemand in einer Welt, die gewohnt war, jede Geste als Pro oder Contra zu deuten. Also gewöhnten sie sich daran, dass oft ein Polizeiwagen in Sichtweite stand, wenn sie übten. Sie wunderten sich, dass Funktionäre heran geschlichen kamen, um ihnen viel bessere Trainingsbedingungen als Pappkartons, Mülleimer und Geländer anzubieten. Einzige Gegenleistung: Skateboarden musste eine Unterabteilung im Rollsportverband bleiben, die Unangepassten sollten ins Sys-

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tem charmiert werden. Tatsächlich gab es sogar einen Übungsleiterlehrgang, zu dem sich die Skater aus Berlin, Leipzig und Dresden trafen. Eine Organisation ist nie draus geworden. Aber Zusammenhalt. Und der wirkt bis heute. Die Dreharbeiten zu „This ain‘t California „waren wie ein Klassentreffen“, sagt Goofy, der jetzt Umwelttechnik in Berlin studiert. Manche Leute hatten sich seit dem Jahn-Park 1987 nicht mehr gesehen. Aber sofort wieder erkannt und bestens verstanden. Es hat offenbar was mit Freundschaft zu tun.


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„Erhängen war schon ehrlicher. Aber beim Dschungelcamp können die Kinder zuschauen“


16 Schritt 1: Drucken Sie das erste PDF (Vorderseiten). Schritt 2: Legen Sie die ausgedruckten Seiten mit der Schrift nach oben und in Richtung des aufgedruckten Pfeils wieder in den Papierschacht Ihres Druckers. Schritt 3: Drucken Sie das zweite PDF (Rückseiten). Falten Sie das Magazin in der Mitte. Fertig. PS: Im Ausnahmefall – bei einigen wenigen Druckern – müssen Sie die ausgedruckten Seiten mit der Schrift nach unten in Richtung des aufgedruckten Pfeils wieder einlegen, statt nach oben. Bitte ausprobieren.

V.i.S.d.P. – Magazin für Medienmacher Redaktion: Sebastian Esser Herausgeber: Dr. Hajo Schumacher Design: Markus Nowak Lektorat: Carla Mönig Adresse: Lietzenburger Straße 51, 10789 Berlin Telefon: 030 2196 27287 E-Mail: info@visdp.de

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