Issuu on Google+

Der preis ist scheiSS: Alles 체ber das spektakul채re Kisch-Desaster

204

#

13. Mai 2011

Traum und Wirklichkeit der Eurovision

Gucken wir zusammen,

Bitte?


Kolumne

V.i.S.d.P.-Herausgeber Hajo Schumacher über das Kisch-PreisDesaster und die Folgen

Der Preis ist Scheiß Junge Filmemacher und Literaten kennen das Problem: Wer einen Preis gewinnt, hat zwar Trophäe und vorübergehende Konto-Entspannung – aber der Ruf in der Branche leidet. Preisträger gelten oft als arrogant, widerspenstig und natürlich viel zu teuer. Die Jury des Nannen-Preises hat dem Phänomen „Diskriminierung durch Preise“ eine besonders perfide Variante hinzugefügt. Dem SPIEGEL-Redakteur René Pfister wurde die bis zur vergangenen Woche anerkannte Auszeichnung für ein Seehofer-Porträt verliehen und dann wieder aberkannt. Kollege Pfister wird sich wohl wünschen, den Preis nie erhalten zu haben.

Der Nannen-GAU (ja, ein schiefes Bild, aber diese Geschichte wird auch nicht eingereicht) illustriert ein paar generelle Eigenarten von Wettbewerben. So stellt sich die Frage, was ausgerechnet ein Porträt über eine politische Weißwurst in der Kategorie „Reportage“ zu suchen hat? „Relevanz“ sollte ein Kriterium sein. Aber Seehofer erfüllt es nicht. Gab es im ganzen Jahr 2010 wirklich nichts Spannenderes und vor allem Reportagigeres? Porträts folgen schließlich eigenen Regeln, viele Bausteine werden nicht durch Kischsches Hingucken gewonnen, sondern aus Gesprächen mit Menschen drumherum. Ohnehin sind viele Stücke heute Hybride, die sich kaum


Schumacher!

lupenrein klassifizieren lassen in Bericht, Reportage, Feature, Porträt. Auch zwei Siegerstücke beim diesjährigen AxelSpringer-Preis, „Ich will´s wieder haben“ von Katrin Blum und „Glücklich ist tot“ von Gerhard Drißner, steigen ein mit dermaßen Privatem, dass sich Zweifel ergeben könnten, ob die Autoren tatsächlich alles genauso miterlebt haben. Der Jury, keinen Deut schlechter besetzt als bei Nannens, missfiel diese Technik nicht weiter. Wobei man durchaus die Frage stellen kann, ob derlei durchaus gebräuchliche Kniffe, von vielen Stars seit Jahren vorgemacht, nicht vielleicht doch zu sehr zur Faction einladen. Zweite Frage: Ging es beim NannenNachspiel tatsächlich nur um journalistische Super-Sauberkeit, die man bei den Preisträgern der letzten Jahre auch noch mal nachprüfen konnte? Oder sah ein Teil der Jury auch eine willkommene Gelegenheit, den KischMächtigen eines mitzugeben? Ist ja kein Geheimnis, dass die Preisträger überwiegend aus Hamburg kommen, dort, wo der Preis verliehen wird und die Geldgeber sitzen. Gut möglich, dass Pfister geprügelt wurde, um seinen

5

Arbeitgeber zu treffen, einfach so, aus Lust am Dissen. Letzter Punkt: Dass die Jury einen Weckruf der Nannen-Enkelin brauchte, um erst zur hektischen Telefonkonferenz und dann zur Guillotine zu schreiten, weist erstens auf mangelndes Selbstbewusstsein der Juroren hin, denen offenbar die eigenen Kriterien nicht ganz klar waren und zweitens darauf, wie panisch ansonsten ganz vernünftige Menschen reagieren, wenn auch nur leisester medialer Wind aufkommt. Umgehend muss gehandelt werden, egal wie. Genauso funktionieren WesterwelleMerkelGabriel. Dass die Informationen aus den Jury-Sitzungen noch reichlicher sprudelten als aus einem Partei-Präsidium, weist zudem auf ein eigenartiges Loyalitätsverständnis mancher hin. Am Ende kam alles so, wie wir es jeden Tag in der Politik erleben: Maximale Thermik, halbgare adhoc-Entscheidung und beträchtliche Schäden, insbesondere für den Ruf des Kollegen Pfister. Denn im Archiv und im kollektiven Gedächtnis bleibt nicht der Hintergrund, sondern die Schlagzeile. Dieser Preis war Scheiß. Mehr zum Kisch-Desaster ab Seite 22


Update

Das Tagebuch

FREITAG: Der Zeitungsverlegerverband NRWwill gegen den “Dreistufentest” klagen, mit dem die Öffentlich-Rechtlichen die Rechtmäßigkeit ihrer Online-Inhalte prüfen. Die Zeitungen fürchten gebührenfinanzierte Konkurrenz. MONTAG: Die FTD bietet ausgewählte Artikel auf ihrer Seite nur noch gegen Bezahlung an. Die Politik dahinter: “Bezahlt wird, was es anderswo nicht gibt”. Weitere Gruner+JahrTitel könnten folgen. DIENSTAG: Die reichlich rechtsdrallige JUNGE FREIHEIT wirbt mit Sarrazin-Büchern um neue Abonnenten. DIENSTAG: Microsoft kauft den Online-Telefonie-Dienst Skype für 8,5 Fantastillionen Dollar. EBay hat 2005 nur 2,6 Milliarden gezahlt. Die neue Dotcom-Blase schwillt bedrohlich.

DONNERSTAG: Peter Kloeppel ist der beliebteste männliche NachrichtenModerator, so das Ergebnis eine Emnid-Umfrage. Kleber und Buhrow folgen.

Manfred Bissinger glaubt immer noch an eine Kartell-Lösung für das Problem, dass die Leute von heute für Journalismus im Netz einfach nicht zahlen mögen.

0,00%

der Zuschauer wollten laut MEEDIA beim Bezahlsender SKY die Bundesligabegegnung VfL Wolfsburg gegen 1. FC Kaiserslautern sehen.

Fotos: RTL / Stefan Gregorowius

DONNERSTAG: DSDS geht glanzlos zu Ende. Beim nächsten Mal soll der Gewinner 500.000 Euro bekommen, wenn es schon mit der SuperstarKarriere ganz ohne Zweifel nichts werden wird.

„Wenn also Verleger, Redakteure und Autoren den Mut fänden und sich verabredeten, ihre Kunst der Zuspitzung, ihre Kraft zu Auswahl und Reduzierung, ihre Fähigkeit zu Recherche auf einen Schlag kostenpflichtig zu machen, dann wäre das Gemurmel um die Krise des Gedruckten schnell verstummt.“


Update

7

Gewinner

Judith Rakers

weil die TagesschauSprecherin als EurovisionVorentscheid-Moderatorin – Überraschung – viel besser ist, als befürchtet. Dass Anke Engelke toll ist und Stefan Raab eher nicht, das war ja zu erwarten.

Verlierer

Fotos: cc WikiCommons, NDR, SPON (Screenshot)

Wolfgang Liebling der Woche Schäuble Liebe Audrey Tomason, auf dem jetzt weil der Minister nun seine schon legendären Osama-Exekutions-Situation-Room-Foto sehen Sie zwar aus wie eine Schülerpraktikantin, haben aber als “Director for Counterterrorism“ einen so wichtigen Job, dass so gut wie nichts über Sie bekannt ist. Wer sind Sie?

engsten Mitarbeiter filzen lässt, um herauszufinden, wer ein internes Papier über einen möglichen Euro-Austritt Griechenlands an SPIEGEL ONLINE weitergegeben hatte. Als die Börsen nachgaben, hatte Schäuble noch dementiert.


Leute

Die wechsel der Woche

Iris Woehrle hat die Chefredaktion von BRAVO GIRL übernommen. Sie folgt auf Ann Thorer, die zur MAXI wechselte. Carolin Streck ist ab sofort stellvertretende VITAL-Chefredakteurin. Sie war bisher „Ressortleiterin Text“ bei der GRAZIA.

Anton Notz, Online-Chef der Gruner+JahrWirtschaftsmedien, geht zurück zur FTD. Das FTD-Gründungsmitglied folgt als Kommentarchef auf Ulrike Sosalla, die nun stellvertretende Ressortleiterin Politik und Wirtschaft ist. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender wird Kolumnist: Im Wechsel mit Michael Rutz und Johann Michael Möller schreibt er „Briefe an die Bundeskanzlerin“ in der ZEIT-Beilage CHRIST & WELT/RHEINISCHER MERKUR.

Fotos: NDR,,Bauer Verlag, Jalag, G+J/Klaus Knuffmann, Archiv

Andreas Gerling leitet den neu geschaffenen Programmbereich „Quiz und Showentwicklung/ZDFneo“ des ZDF. Gerling war vorher beim NDR für die Primetime-Shows zuständig.


9

Leute

Abpfiff Udo Lattek hört auf. Nach 750 Sendungen „Doppelpass“ hat die 74-jährige Trainerlegende genug davon, einer Million Zuschauern jeden Sonntag die Bundesliga zu erklären. Schiri, Telefon!


Di Zuku des E tra


ie unft EuroaSh


12

Gucken wir

Wenn morgen Abend ganz Europa vor dem Fernseher sitzt, um sich wie jedes Jahr ein wildes Varieté an blinkenden Eurotrash-Schlagern zu Gemüte zu führen, dann fragt man sich ganz willkürlich: Warum machen wir das eigentlich nicht öfter? Nun, es gibt ein paar Gründe dafür, dass paneuropäisches Fernsehen bisher nicht so richtig funktioniert hat. Text: Till Schröder Nur zwei Mal im Jahr setzt

Warum eigentlich? Es wäre doch ziemlich interessant zu erfahren: Wer fängt bei den Litauern die Bösen? Wer empfiehlt in Italien gute Bücher? Wann belächeln die Portugiesen

Klar, knapp 61 Prozent aller Fiction-Formate im europäischen Fernsehen kommen aus den USA, da bleibt neben den nationalen Produktionen nicht viel Raum für Europa. Auch mangelt es nicht an Reisereportagen und Boulevardmeldungen aus dem europäischen Ausland. Aber kaum ein Fernsehmacher, der nicht in irgendeine Europa-

Alle Fotos: (cc) Jonas Fischer/re:publica

sich Europa zusammen vor den Fernseher: beim Eurovision Song Contest, der morgen Abend aus Düsseldorf auf den ganzen Kontinent übertragen wird, und zum Finale der Champions League. Wahrhaft europäisch ist Fernsehen also nur beim Schlager und im Stadion. Unsere Nachbarn interessieren uns erst, wenn wir uns aneinander messen. Den Rest des Jahres guckt jede Nation wieder ihren eigenen Kram. Paneuropäisches Fernsehen gibt es nicht.

ihre Regierung? Und bei welchem Serienhelden schmachten die Türken? Auf solche Fragen gibt das Fernsehen keine Antwort. Früher war die Kiste gleichzeitig Abbild des Lebens im eigenen Land und Fenster zur Welt. Dem Fernsehen ist das Verständnis für andere Kulturen abhanden gekommen.


13

zusammen?

Eurocops: Sieben europäische Anstalten produzierten eine gemeinsame Krimiserie (1988 bis 1993). Redaktion ausgelagert wurde, interessiert sich für europäischen Alltag. So etwas läuft in „Auslandsjournal“ und „Weltspiegel“.

gibt es besonders viele Wissenschaftssendungen, nicht erst seit der „KnoffHoff-Show“. Wer fernsieht, hat ein schlechtes Gewissen.

Und es gibt natürlich ARTE, den deutsch-französischen Bildungsauftrag in 625 PAL/SECAM-Bildzeilen, der außerhalb Europas durchaus als europäisches Fernsehen wahrgenommen wird. Aber bei uns selbst bleibt ARTE ein Nischenprogramm, gespeist aus dem sehr deutsch-französischen Selbstverständnis: Fernsehen hat zu bilden. So galt in Frankreich bis vor Kurzem ein stinknormales Diktat als TV-Straßenfeger schlechthin: die jährliche Buchstabier-Olympiade „Dicos d‘Or“ mit Literaturpapst Bernard Pivot. Und in Deutschland

Da haben die meisten anderen Europäer eine pragmatischere Beziehung zu ihrem Fernsehen: Ihnen dient es schlicht der Unterhaltung. In ganz Italien flimmern die Kisten nebenher – in Bars, Kiosken oder Haushalten. Hinschauen tut niemand, TV ist Hintergrundrauschen. In Spanien ist das größte TV-Ereignis des Jahres die landesweite Weihnachtslotterie, bei der herausgeputzte Kinder die gezogenen Zahlen singen. In der Türkei besteht das Hauptabendprogramm aus epischen Soaps, deren Folgen à 90 Minuten nachei-


14

Gucken wir

Kommissar Rex: Verkauft in 150 Länder, erfolgreichste Krimiserie aller Zeiten (1994 bis nander ablaufen, so dass ein Türke abends im Schnitt fast 200 Minuten Serienschmonzette konsumiert, auf fast jedem Kanal, fast jeden Tag. Die Idee, ein supranationales Vollprogramm könnte diese disparaten Vorlieben und kulturellen Besonderheiten bündeln und somit die Einheit Europas fördern, spukt seit 1965 durch Politik und Medien. Damals wollte die Europäische Rundfunkunion (EBU), der Verbund der öffentlich-rechtlichen Sender Europas, ein mehrstündiges Programm starten. Das verhinderten die Grenzen der damaligen Technik.

Das Europäische Parlament

wollte nach seiner Gründung 1979

das Zusammenwachsen der Staaten auch der Bevölkerung schmackhaft machen. Tatsächlich sendete 1982 EURIKON für ein paar Wochen in sechs Sprachen – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zu sehen nur für Politiker und Journalisten. Es fehlte das Geld für Lizenzen. 1985 folgte EUROPA TV, ein Projekt des deutschen, niederländischen, italienischen und irischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Nach einem Jahr scheiterte auch dieses Experiment am redaktionellen Aufwand, fehlenden Werbeeinnahmen, Sprachbarrieren und vor allem den rechtlichen Schwierigkeiten, Lizenzen für grenzübergreifende Ausstrahlungen zu erwerben.


15

zusammen?

Mankells Wallander: schwedische Serie auf Grundlage der Krimi-bestseller, seit 2005 Die Lizenzen bleiben bis heute die größte Hürde für paneuropäisches Fernsehen. Es bleibt für einen Sender wenig attraktiv, eine (sehr viel) höhere Lizenzgebühr zu entrichten, um „europäische“ Rechte zu erwerben, wenn sein Markt oder sein öffentlich-rechtlicher Auftrag auf einen einzelnen Mitgliedstaat beschränkt ist. EUROSPORT und EURONEWS sind da zaghafte Ausnahmen, aber auch nur, weil sich ihr Programm aus dem überschüssigen Bildmaterial der EBU-Mitglieder speist, die das gar nicht alles selbst versenden könnten. Produzenten und Verleiher teilen weiterhin die Rechte entlang von Staatsgrenzen auf und pochen

auf Verschlüsselungstechniken, um ein „Überschwappen“ über die Grenzen zu verhindern. Sie verweisen gern auf kulturelle Eigenheiten und Zuschauervorlieben in den einzelnen Staaten. Faustregel: Im Süden schaut man anders und später als im Norden. Dass ARTE sein Programmschema umstellte und sich an der deutschen Gewohnheit orientierte, das Hauptprogramm um 20:15 Uhr zu beginnen, statt um 20:45 Uhr wie in Frankreich, galt als Revolution.

Die große Geste, das gesamteu-

ropäische Funkhaus, die EurovisionHymne, all das ist ziemlich obsolet. Die große europäische Öffentlichkeit gibt es heute weniger denn je


16

Gucken wir

Engrenages: Düstere französische Flic-Serie, seit 2005 in 70 Länder verkauft – schließlich sind auch die nationalen Öffentlichkeiten zersplitterter. „Microcasting“ nennt sich der Trend zu Spartenkanälen. Außerdem schauen gerade junge Leute gern Fernsehen im Internet, egal woher es kommt. Ein Sender für alle, so etwas wird es jedenfalls nicht mehr geben.

Gerade diese Zersplitterung

erweist sich als Chance für gemeinsame, grenzüberschreitende Fernsehgewohnheiten in Europa: Die vielen Nischen-Sendeplätze werden gern mit gutem, aber günstigem europäischen Fernsehen gefüllt. Wenn es ein Genre gibt, das europäisches Verständnis existentiell bestimmt, dann ist es der Krimi.

Kein Format wird so viel getauscht, gehandelt und adaptiert. Wallander, Barnaby, Derrick sind die Fenster nach Europa. Liebe, Hass, Tod, Depression, Bürokratie und unterbezahlte Polizisten gibt es eben überall. In Großbritannien avancierte Hauptkommissarin Laure Berthaud aus „Engrenages“ zur Kultfigur, Frankreichs Antwort auf „The Wire“. Der hyperreale Krimi ist die meistverkaufte französische Serie aller Zeiten. Chronisch depressive Skandinavier ermitteln schon lange in großer Zahl auf europäischen Bildschirmen. Und „Allein gegen die Mafia“ formte das deutsche Italienbild so nachhaltig wie „La Dolce Vita“ in den 1950ern. Im Gegenzug reimen sich die Italiener mit Vor-


17

zusammen?

Allein gegen die Mafia: italienische Serie als Straßenfeger in Deutschland (1984 bis 2001) liebe österreichische und deutsche Polizeitugenden per „Kommissar Rex“ und „Derrick“ zusammen. Und bei den „Eurocops“ konnte der Kontinent gleich mehrere Fahnder parallel vergleichen. Für Deutschland war Heiner Lauterbach im Rennen. In den Segmenten Kinderformate und Dokus sieht es ähnlich aus. Gerade bei den Dokus zwingt der Trend zu aufwendigen Spezialeffekten die Macher, sich Koproduzenten in Europa zu suchen. Und sogar „Scripted Reality“ und Gameshows sorgen für europäische Harmonisierung. Endemol, Fremantle Group und die BBC bestücken das europäische Fernsehen unablässig mit Formaten wie „Big Brother“, die anscheinend problemlos übertragbar sind.

Auf der diesjährigen Weltfernsehmesse MIPCOM verkauften sich europäische Formate ähnlich gut wie amerikanische.

Der europäische TV-Pathos hat

sich also einfach selbst abgeschafft. Gut erzählte Geschichten und unterhaltende Ablenkung setzen sich auch ohne didaktische Kulturbeflissenheit durch, egal in welcher Sprache.


Desaster

23

Alle Bilder: © Waberseck/stern

Das Kisch Desaster Es war der Skandal der Woche: Am Freitag verlieh die Henri-Nannen-Preis-Jury René Pfister vom SPIEGEL den Egon-Erwin-KischPreis für die beste Reportage des Jahres 2010. Und am Montag nahm sie ihm die Auszeichnung wieder weg. Pfister hatte auf der Bühne treuherzig gestanden, nie in Horst Seehofers Keller gewesen gewesen zu sein, den er als Einstieg des ausgezeichneten Porträts ausführlich schildert. Er hatte die Szenerie nur recherchiert. Reicht das?, fragten sich nun viele. Die Reaktionen in den Tagen darauf stehen jedenfalls im harten Kontrast zu den Bildern der festlichen Gala, die wir auf den folgenden Seiten zeigen. Stifter-Enkelin Stephanie Nannen, offenbar bestens vertraut mit den internen Auseinandersetzungen der prominentest besetzten Chefredakteurs-Jury, teilte im HAMBURGER

ABENDBLATT heftig aus: “Pfisters Text ist ein Betrug an der Wahrheit, ist Verrat dessen, woran Journalisten mindestens zu glauben vorgeben.“ Harter Tobak – offenbar leitet Nannen aus ihrer familiären Herkunft besondere Kompetenz beim Beurteilen der Nannen-Preis-Würdigkeit ab. Die Jury stritt sich dann eineinhalb Stunden lang am Telefon und verpasste Pfister, der kurz zuvor noch ganz oben war, die Tracht Prügel seines Lebens. Was bleibt ist ein geschmähter Schreiber und ein wütender SPIEGEL. Der wichtigste deutsche Journalistenpreis wird in Zukunft weniger wert sein wird als noch vor einer Woche. Wenigstens einer bleib gelassen. Horst Seehofer, der in Pfisters Porträt überaus schlecht wegkommt, sagt der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: “Das ist mir egal.”


24

Die Skandal-Jury

Das Kisch-


Desaster

25

Andreas Petzold (Chefredakteur stern), Gerhard Steidl (Verleger), Ulrich Reitz (Chefredakteur WAZ), Frank Schirrmacher (Herausgeber FAZ), Peter-Matthias Gaede (Chefredakteur GEO), Elke Heidenreich (Journalistin), Helmut Markwort (Herausgeber Focus), Ines Pohl (Chefredakteurin taz), Anke Degenhard (Kuratorin und Galeristin), Mathias M端ller von Blumencron (Chefredakteur Der Spiegel), Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur Die Zeit), Jan-Eric Peters (Chefredakteur der Welt-Gruppe), Thomas H旦pker (Fotograf und Dokumentarfilmer), Kurt Kister (nicht auf dem Bild, Chefredakteur S端ddeutsche Zeitung). Gaede, Schirrmacher, Kister und Blumencron stimmten gegen das Aberkennen, der Rest der Jury war daf端r.


26

F端r die Pro-Pfister-Fraktion: Peter-Matthias Gaede

Das Kisch-


Desaster

27

GEO-Chef Peter-Matthias Gaede überreicht René Pfister die irderne Nannen-Büste. Später sagte er dem HAMBURGER ABENDBLATT:

“Ich war durchaus überrascht davon, dass René Pfister den Keller des Herrn Seehofer nicht persönlich betreten hat. Doch muss man sich fragen, ob es nicht ein viel entscheidenderes Kriterium für die Bewertung des Textes gibt: Hatte René Pfister authentische Quellen (nämlich die Quelle Seehofer selber), hat er die Wahrheit geschrieben, hat er plausible und legitime Schlüsse gezogen? Davon gehe ich nach wie vor aus.”


28

Helmuth Markwort, der sich am Mittwoch von FOCUS ONLINE interviewen ließ und Verschiedenes zu erkennen gab:

Erstens, dass er den ausgezeichneten Text ohnehin nicht für würdig befinde: “Ich finde die Geschichte qualitativ schwach, keineswegs die beste Reportage, und habe in der Jury auch gegen sie gestimmt.” Zweitens, dass das Krisentelefonat der Jury auch eine Reaktion auf die Anwürfe der Nannen-Enkelin waren: “Nach dem Bekenntnis Pfisters auf der Bühne und dem massiven Angriff der Enkelin von Henri Nannen in der Öffentlichkeit (‘Hamburger Abendblatt’) durfte die Jury sich nicht wegducken und feig schweigen.”

Das Kisch-


Desaster

29

Drittens, welchen anderen Favoriten er hatte: “Wenn es nach dieser Entscheidung ein Opfer gibt, dann ist das Christian Schüle von der ZEIT. Er hat eine hervorragende Reportage mit dem Titel ‘Kein Bock’ geschrieben. Das war für mich die beste Reportage des Jahres. Fast alle Juroren sagen, dass sie nicht für Pfister gestimmt hätten, wenn sie die Hintergründe gekannt hätten.”

Für die Kontra-Pfister-Fraktion: Helmuth Markwort


30

Das Kisch-

SPIEGEL-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron im TAGESSPIEGEL:

„Seine Quellen waren eigene Gespräche mit Horst Seehofer, zwei ,Spiegel‘-Kollegen, die in dessen Keller waren, schließlich Archivmaterial, in dem die Modelleisenbahn des Ministerpräsidenten ausführlich beschrieben wird.“ WELT-Chef Jan-Eric Peters auf seiner Facebook-Seite:

„Dass es sich um keine Lappalie oder eine gängige Praxis handelt, hat schon das hörbare Erstaunen der vielen Hundert Kollegen bei der Preisvergabe im Schauspielhaus gezeigt, die eben noch begeistert applaudiert hatten und dann ungläubig erschraken: Wie? Er war gar nicht im Keller? Der Jury ging es nicht anders.“


Desaster

31

Frank Schirrmacher in der FAZ:

“So sehr sich die Jury bemüht, in ihrer Preisentzugs-Meldung deutlich zu machen, dass der Autor allenfalls handwerkliche Fehler gemacht hat, und so verantwortungsbewusst alle Juroren mit ihrem Urteil waren – dieser Zug scheint längst abgefahren. Aus einer handwerklichen Diskussion wird eine moralische. Ehrabschneiderische Artikel, in denen Pfister wie ein Betrüger dasteht, und Journalisten, die die Ethik des Journalismus verteidigen wollen, sich selbst und ihre Kollegen aber als „versammelte Journaille“ kennzeichnen, haben die Geschäftsgrundlage der Debatte nachhaltig verändert. Ehe man also zu der in der Tat notwendigen Debatte über Preise im Journalismus, über Formen und Genres kommt, und auch über Jurys, ist etwas zur Ehre von René Pfister zu sagen.”


32

Das Kisch-


Desaster

33

Wolf Schneider, Gründer der Henri-NannenJournalistenschule und von Gruner+Jahr-Chef Bernd Buchholz mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet, über das Aberkennen des Preises durch die Jury: „Ich finde diese Reaktion übertrieben.“


34

Weitere Hรถhepunkte

Die Arbeitsministerin im Nude-Look

Das Kisch-


Desaster

35

Sabrina Staubitz und Giovanni di Lorenzo


36

Julia J채kel und Ulrich Wickert

Das Kisch-

Marietta Slomka Christof Lang


Desaster

a und

37

Christiane und Hans-Ulrich Jรถrges


INBOX Recht und Rache

Schumachers Beitrag (und andere!) ist ein weiterer Beleg für die ungeheure Arroganz europäischer und vor allem deutscher Intellektueller gegenüber der US-Primitivkultur und den politischen und geistigen Repräsentanten der USA. Das hat eine lange Tradition – und es gehört ja zum guten Ton, bei jeder sich bietenden Gelegenheit besserwisserisch und belehrend gegenüber den USA aufzutreten. Da hilft es nicht, gegen Ende des Beitrags “etwas mehr Differenzierung” einzufordern. Zur Erinnerung: Die Primitivlinge und Rechtsbrecher aus Übersee haben unter großen Opfern zwei von den Deutschen angezettelte Weltkriege beendet, haben den Kommunismus in der DDR erledigt und halten überall auf der Welt (sicher auch aus eigenem Interesse!) ihren Arsch hin – vor allem da, wo die Deutschen ihn zusammenkneifen. Insofern: der billige Anti-Amerikanismus im Zusammenhang mit der Erledigung von Bin Laden kotzt mich an. Jürgen Sabarz per Kommentar Dieser Artikel vertritt im Ansatz sicherlich einen guten Grundsatz, nämlich den der Gleichheit. Sei es moralischethisch, oder aber einfach vor dem Gesetz. Jedoch hinterlässt die polemisierende Machart ein ungutes Gefühl. Es dürfte unbestritten ein Akt von Rache sein, der dazu führte, dass Bin Laden

exekutiert und nicht gefangen genommen wurde. Gleichfalls unbestritten sollte sein, dass dieser Akt eben den Grundsätzen zuwiderläuft, die die sogenannten demokratisch-freiheitlichen Staaten für sich in Anspruch nehmen. Jedoch wird vergessen und mit keinem Wort erwähnt, welch brutaler Akt von Menschenverachtung dazu führte, dass die USA ihren Erzfeind, die Verkörperung ihrer Verwundbarkeit und Schwäche, hinrichteten, statt ihn einem Gericht zu übergeben. Etwas mehr Differenzierung hätte dem Autor gut getan. „Voll Ka“ per Kommentar

Deutschland – ein Kirchentag Ein sehr bissiger Kommentar, aber wie so oft steckt im Biss auch Wahrheit, obgleich sie doch unangenehm wirkt. Ich wünsche dem Herrn Kaiser jede Menge Durchhaltevermögen bei der Verteidigung seiner Meinung. Andy Dietrich per Facebook Ich danke Ihnen für diesen Beitrag. Man kann sich nur noch für die Arroganz deutscher Kommentatoren schämen. „hh44“ per Kommentar Sagen Sie uns Ihre Meinung per Mail (post@visdp.de), Facebook-Kommentar, Tweet oder kommentieren sie direkt auf unserer Seite.


ANZEIGE


ende

Inhaltsverzeichnis zum anklicken und verteilen Titelgeschichte

Gucken wir zusammen?

Schumacher

Der Preis ist Scheiß

Update

Liebling der Woche: Audrey Tomason Das Tagebuch

Zitat der Woche: Manfred Bissinger Zahl der Woche: SKY Gewinner/Verlierer: Judith Rakers/ SPIEGEL ONLINE

Leute

Udo Latteck, Andreas Gerling, Iris Woehrle, Ann Thorer, Carolin Streck, Anton Notz, Ulrike Sosalla, Nikolaus Brender, Michael Rutz, Johann Michael Möller

V.i.S.d.P. – Magazin für Medienmacher

Chefredakteur: Sebastian Esser Herausgeber: Dr. Hajo Schumacher Design: Markus Nowak, Supermarkt Studio Redaktion: Till Schröder, Wendelin Hübner, Susan Mücke, Frank Joung, Patrick Weisbrod Lektorat: Carla Mönig Anzeigen: anzeigen@visdp.de Mediadaten: http://www.visdp.de/magazin/mediadaten/ Adresse: Lietzenburger Straße 51, 10789 Berlin Telefon: 030 2196 27287 E-Mail: info@visdp.de Facebook: http://www.facebook.com/visdp Twitter: http://www.twitter.com/visdp


#204