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21. April 2011

Frohe Ostern!

Internet-M채rchen Die digitale Generation gibt es nicht


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Die Medien-Panik Eine Sonderausgabe mit Oster-Lekt端re


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Was machen die jungen Leute da im Internet eigentlich so genau? Solche Fragen beschäftigen die ältere Generation in Politik und Medien immer häufiger und aufgeregter. Merkwürdige Artikel, Urteile und Gesetze sind die Folge. Warum es beim Streit ums Internet nicht ums Internet geht, erklärt unsere Autorin Hannah Pilarczyk. Die SPIEGELONLINE-Kulturredakteurin hat ein Buch über die digitale Generation geschrieben, das in diesen Tagen erscheint. V.i.S.d.P. bringt einen Auszug als Lektüre für die Osterfeiertage. Illustrationen: Jörg Liebsch

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s ist nicht besonders lange her, dass westliche Gesellschaften anfingen, sich ihre Jugendlichen genauer anzusehen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts, in enger Verbindung mit dem Aufstieg der »jungen Nation« USA zur Weltmacht, rückte die Jugend in den Mittelpunkt gesellschaftswissenschaftlicher Analysen. Die Vereinigten Staaten waren im doppelten Sinne »jung«: nicht nur lag die Staatsgründung kaum 120 Jahre zurück; die Nation erlebte darüber hinaus einen kaum begrenzten Zufluss junger Immigranten aus Europa, die Hunger und Arbeitslosigkeit über den Atlantik trieb. Gleichzeitig wurde Kinderarbeit zunehmend verpönt, längere Ausbildungszeiten für Heranwachsende wurden die Norm – und zwischen Kindheit und Arbeitsleben bildete sich nach und nach eine eigenständige Lebenszeit heraus: die Jugend. Schnell stürzten sich Wissenschaftler auf Jugendliche als Forschungsgegenstand und fingen an, ihnen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensmuster zuzuschreiben. Jugend »ist das Zeitalter der Gefühlsregung und


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Religion, der rapiden Stimmungsschwankungen, und die Welt erscheint seltsam und neu«, schwärmte der Pädagoge und Psychologe G. Stanley Hall 1904 in seinem Klassiker »Adolescence «, dem ersten Standardwerk zum Thema Jugend. Ebenso schnell entdeckten Werber Jugendliche als Konsumenten und entwickelten eigene Produkte und Zeitschriften für sie, die bald zu einem eigenständigen Markt wurden. Mit dem Aufstieg der USA zur politischen und ökonomischen Welt-

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macht kam schließlich auch der Aufstieg des Jugendlichen als Motor gesellschaftlichen Wandels: Jugendliche, das war auf einmal nicht nur eine Gruppe, die zahlenmäßig auftrumpfte. Mit eigenen Werten, Regeln und Geschmäckern grenzte sie sich auch bewusst von den Eltern ab und formierte sich als Gemeinschaft. Was in ihr galt, würde bald für die gesamte Gesellschaft gelten. Es entstand, was im Laufe der Zeit einen sehnsuchtsvollen Beiklang entwickeln sollte: Jugendkultur.

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eitdem stehen Jugendliche unter genauester Beobachtung – von ihren Eltern, die prüfen wollen, welche Regeln und Werte ihre Kinder von ihnen übernehmen werden, und von Gesellschaftskritikern und -Forschern, die sehen wollen, welche Regeln und Werte die Jugendlichen neu schaffen. Was bleibt, was kommt? Was verlieren wir, was gewinnen wir? Nach diesem Muster diskutieren Erwachsene seitdem Jugendkulturen – und so auch die Kultur, die sich Kinder und Jugendliche mithilfe des Internet schaffen. Die Digitalisierungs-Euphoriker feiern die Gewinne, die Apokalyptiker


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betrauern die Verluste. Dieser Lagerkampf verschärft sich besonders, wenn ein neues Massenmedium entsteht. Der britische Historiker John Springhall hat das anschaulich an einem Beispiel herausgearbeitet, das zunächst sehr fern zu liegen scheint: an den »penny gaffs«, den Kleinkunsttheatern, die im viktorianischen England um 1820 herum eine kurze Blütezeit erlebten. Die »Groschenkaschemmen« hatten ihren Namen wegen ihres niedrigen Eintrittspreises, aber auch ihr Angebot

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war nicht gerade hochwertig. Für heutige Maßstäbe boten sie ein reichlich unübersichtliches Programm mit mehreren Theaterstücken sowie Musikeinlagen innerhalb einer einzigen Vorstellung an. Unter Kindern und Jugendlichen waren die »penny gaffs« wegen dieser Vielfalt und natürlich auch wegen des günstigen Eintrittspreises äußerst beliebt. Vor allem boten sie ihnen aber eine der wenigen Möglichkeiten, sich nach Arbeitsende und jenseits der Straße zu treffen und zu amüsieren. Zeitgleich


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häuften sich in den englischen Medien die Berichte über die steigende Kriminalität unter jungen Menschen. Obwohl es keine Beweise dafür gab, wurden im öffentlichen Bewusstsein die beiden neueren Entwicklungen miteinander verknüpft – und plötzlich galten die »penny gaffs« als Auslöser für die moralische Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen. »Keimzellen der Sünde in ihrer übelsten Form«, nannte der Sozialreformer Blanchard Jerrold die Theater, »der Ort, an dem jugendliche Armut auf jugendliches Verbrechen trifft.« Eine Medienkampagne gegen die Unterhaltungskaschemmen setzte ein, und die Polizei verschärfte die Lizenzauflagen für die »gaffs« derart, dass sie letztlich jeden Künstler, der in ihnen auftrat, wegen Lizenzverstößen verhaften konnte.

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as Ende der »penny gaffs« wurde allerdings durch zwei ganz andere Entwicklungen besiegelt: zum einen verlängerte sich die durchschnittliche Schulzeit, sodass es insgesamt weniger stromernde Kinder auf den Straßen gab. Zum anderen stiegen die Standardlöhne, so dass sich

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Jugendliche, die bereits arbeiteten, teurere Unterhaltungsangebote als die »gaffs« leisten konnten. Die Kontroverse um die »penny gaffs« ist damit gleich doppelt beispielhaft dafür, wie um Jugendliche und ihre Lieblingsmedien gestritten wird: Einerseits zeigte sich, dass sich mit den Lebensumständen von jungen Menschen auch ihre Vorlieben, wie sie ihre Freizeit verbringen, veränderten – der Aufstieg (und Fall) eines Mediums kommt also nicht von ungefähr, sondern hängt eng mit größeren gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. Andererseits hat der Streit um die »penny gaffs« auch das Muster vorgegeben, nach dem Erwachsene auf das Aufkommen eines neuen Jugendmediums reagieren.

»Jedes Mal, wenn die Einführung eines neuen Massenmediums als Bedrohung für die Jugend definiert wird, können wir erwarten, dass sich Erwachsene für Regulierung, Verbot oder Zensur einsetzen wer-


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den «, schreibt Springhall. »In der Folge wird das Interesse abebben, bis ein neues Medium die öffentliche Debatte wiederbelebt. Jede neue Panik wird sich dabei so entfalten, als würde die Problematik zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit debattiert. Dabei ähneln sich die Debatten verblüffend.« Tatsächlich wurde mit Worten und Argumenten, die sich fast deckungsgleich in der aktuellen Debatte um die Digitalisierung wiederfinden, in den vergangenen hundert Jahren immer wieder gegen die bei Jugendlichen beliebtesten Medien agitiert. 1896 empörte sich etwa der deutsche Pädagoge HeinrichWolgast in einer berühmten Streitschrift über »Das Elend unserer Jugendliteratur«: »Was dem Kinde eine Lust war, in körperlicher Arbeit seine Kräfte und seine Sinne, ja seinen Geist zu gebrauchen, wird ihm zur Qual; es wird unlustig zu Spiel und Arbeit, und selbst der Unterricht hat nur selten den Vorteil

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von der alle Kräfte absorbierenden Lektüre. « Wolgast formuliert damit einen fast klassischen Katalog an Einwänden gegen neue Jugendmedien: sie binden zu viel Aufmerksamkeit, zwingen zu Passivität und lassen Jugendliche den Anschluss ans Alltagsleben verlieren. Eines der Bücher, die Wolgast besonders herausgriff, war übrigens Else Urys »Nesthäkchen« – heute ein eher biederer Klassiker der Jugendliteratur.

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ass neue Medien den moralischen Werteverfall unter Jugendlichen beschleunigen, war in den 1950er Jahren ein bestimmendes Motiv. Comic-Hefte gerieten damals ins Zentrum der Kritik – vor allem durch den kämpferischen Einsatz des deutschstämmigen Psychologen Fredric Wertham. Sein Pamphlet »Seduction of the Innocent « (Verführung der Unschuldigen) wurde zur Grundlage etlicher Gesetzesinitiativen zur Zensur von Comics. Diese traten zwar nie in Kraft, trotzdem erschütterte Werthams Kreuzzug die Comic- Industrie. Viele Zeichner verließen die Branche, weil sie die Stigmatisierung ihrer Arbeit nicht ertrugen. Werthams zen-


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»Heutzutage kommt das nur allzu häufig vor. Wenn sexuelle Fantasien bei Hunderttausenden von Kindern (durch explizite Darstellungen in Comics) stimuliert werden, ist es unausweichlich, dass einige ihre Fantasien ausleben werden. « Ansonsten ist von Werthams Werk vor allem eines geblieben: seine Kritik an Batmans Lebensumständen. Wertham vermutete nämlich, dass Batman und sein Gehilfe Robin ein Paar seien und heranwachsende Comicleser somit unterschwellig zur Homosexualität verführt würden. trales Argument war, dass Comics Kindern Handlungsanleitungen für Verbrechen und sexuelle Übergriffe lieferten. »Vor der Comicbuch- Ära waren die sexuellen Spiele von Kindern selten von Brutalität, Gewalt oder Sadismus gekennzeichnet «, schrieb er in einem seiner zahllosen Zeitungsartikel, mit denen er seinen Ruf als wichtigster Experte in der Debatte um Comics aufbaute und untermauerte.

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enseits dieser skurrilen Auswüchse bleibt eine Frage: Warum wiederholt sich der Streit um neue Medien so unermüdlich? Der Historiker Springhall, von dem das Beispiel der »penny gaffs« stammt, sieht den Ursprung dafür in einem Machtkonflikt zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, der stets mit dem Aufstieg eines neuen Mediums einhergehe. Durch


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ihre Mediennutzung würden junge Menschen oft beiläufig technische und kulturelle Kompetenzen erwerben – jedenfalls in der Wahrnehmung der Erwachsenen. Diese würden den vermeintlichen Kompetenz-vorsprung der Jugendlichen als Bedrohung ihrer eigenen Machtposition empfinden und deshalb gegen das neue Medium in Form von »Medienpaniken « mobilisieren. »Medienpaniken können dabei behilflich sein, den Status quo zwischen den Generationen, den die avancierte kulturelle Positionierung von Jugendlichen untergraben hat, wiederherzustellen «, schreibt Springhall. Ins Visier genommen würden dabei Gewalt- und Sexdarstellungen in den Medien, die Jugendliche am intensivsten nutzen.

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ie von Erwachsenen bevorzugten Medien wären dagegen von Kritik ausgenommen. Sieht man sich die Debatten um die Verbreitung von Pornos im Internet an, bestätigt sich dieser Befund: YouPorn, eine der beliebtesten Porno-Websites der Welt, ist zwar ständig in der Diskussion, aber nicht wegen ihrer Inhalte, sondern wegen des kaum regulierten

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Zugangs für Minderjährige. In erster Linie wird nicht um Pornografie an sich gestritten, sondern um ihr Gefahrenpotenzial für Kinder und Jugendliche. Nicht umsonst heißt pornografisches Material auf Englisch auch »adult content« – Erwachseneninhalte. Das soll nicht heißen, dass Jugendschutz nicht sinnvoll ist. Die Ausschnitthaftigkeit der Debatte zeigt jedoch, dass nicht die Technik an sich umkämpft ist: Es ist die Art, wie Teenager sie nutzen, die für Wirbel sorgt. »Medien- oder Moralpaniken«, schließt Springhall seine Studie ab, »erzählen uns oft sehr viel mehr über die Sorgen von Erwachsenen, über Ängste vor der Zukunft und vor technologischem Wandel sowie der Erosion moralischer Absolutheiten denn über jugendliches Fehlverhalten.«

Hannah Pilarczyk: Sie nennen es Leben – Werden wir von der digitalen Generation abgehängt? Heyne Verlag, 12 Euro.


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V.i.S.d.P. – Magazin für Medienmacher

Chefredakteur: Sebastian Esser Herausgeber: Dr. Hajo Schumacher Design: Markus Nowak, Supermarkt Studio Redaktion: Till Schröder, Wendelin Hübner, Susan Mücke, Frank Joung, Patrick Weisbrod Lektorat: Carla Mönig Anzeigen: anzeigen@visdp.de Mediadaten: http://www.visdp.de/magazin/mediadaten/ Adresse: Lietzenburger Straße 51, 10789 Berlin Telefon: 030 2196 27287 E-Mail: info@visdp.de Facebook: http://www.facebook.com/visdp Twitter: http://www.twitter.com/visdp

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Die Lektüre zur Osterwoche: Sie nennen es Leben.