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Baustoffe

ES IST HÖCHSTE ZEIT FÜR NACHHALTIGE BAUMATERIALIEN Es gibt sie schon lange, die nachhaltigen Baumaterialien, die zudem auch noch ein gesundes, angenehmes Wohnklima für die Bewohner erzeugen. Holz, Lehm, Stroh, Kalk gehören zu den meistgenannten Materialien für das nachhaltige Bauen. Warum? Ich greife Stroh heraus, weil es vielleicht, das in der Bauwelt noch am wenigsten bekannte ökologische Baumaterial ist: Bauen mit Stroh

... ist gesund. Verbaut zusammen mit Holz und Lehm entsteht ein behagliches Raumklima: ausgleichende Luftfeuchtigkeit, saubere Atemluft, trockene, warme Wände. ... ist erneuerbar. Nach der Nutzung sind Strohgebäude komplett rückbaubar oder können kompostiert werden. In der Schweiz produzieren wir momentan 30 Tonnen Bauabfall pro Minute, dies entspricht 65 Prozent des gesamten anfallenden Abfalls der Schweiz. ... ist CO2-arm. Die Gewinnung, der Transport und die Verarbeitung von Stroh verbrauchen im Schnitt sechs Mal weniger Energie als herkömmliche Baustoffe. ... ist einfach. Stroh muss zur Abwehr von Schädlingen oder Schimmel oder zur Erhaltung der Formstabilität nicht mit Zusatzstoffen ausgerüstet werden. ... ist günstig. Das Nebenprodukt der Weizenproduktion ist regional in grossen Mengen verfügbar und von lokalen Handwerkern verarbeitbar. So steigern wir die regionale Wertschöpfung. ... ist langlebig. Die ersten Strohhäuser wurden um 1850 in Nebraska USA gebaut und weisen auch heute noch keine unüblichen Schäden auf. ... hält. Mit beidseitigem Verputz erfüllen Stroh-Elementwände die Feuerwiderstandsklasse F90. Strohwände werden von Ungeziefer und Tieren gemieden und schimmeln nicht, wenn sie konstruktiv richtig ausgeführt werden. Für Holz kann ähnlich oder gleich argumentiert werden. Holz wird seit geraumer Zeit wieder häufiger als Konstruktionsmaterial eingesetzt. Auch für grosse Baukomplexe, zum Beispiel das

Mehrgenerationenhaus in Winterthur Hegi, wo für die Gesewo (Genossenschaft für selbstverwaltetes Wohnen) 155 Wohneinheiten entstanden sind. Das Gebäude erhielt 2014 den SIA Nachhaltigkeits-Preis. Gerade Genossenschaften sehen in ökologisch Baustoffen wegen ihrer Nachhaltigkeit einen langfristigen Nutzen. Bestimmend ist die Haltung der Genossenschaftsmitglieder, die auf ihre Gesundheit und diejenige ihrer Kinder besonders achten. Die übrigen Bewohner der Schweiz müssen in Häusern wohnen, die auf dem Markt angeboten werden. Der Markt regelt aber einen nachhaltigen klimaschonenden Einsatz der Baumaterialien nicht. Leider lassen kommerziell orientierte Anleger ihre Gebäude immer noch grossmehrheitlich von Architekten und Bauunternehmern errichten, die sich wenig für graue Energie, nachwachsende Baustoffe oder wiederverwendbare Bauteile interessieren, sondern für kurzfristigen Rendite. Auch die Ausbildung hinkt Jahrzehnte hinterher, statt voraus zu denken. Warum?

Wir haben es fertig gebracht, unbedacht weit mehr Ressourcen zu verbrauchen, als uns zustehen würden. Ja, es wird auch heute noch bestritten, dass sich das Klima menschgemacht negativ verändert. Aber wir sind ja noch nicht am Ende, es geht uns gut. Nur unsere Jugend geht streiken, sie fordern Veränderung, eine neue nachhaltige Wirtschaftsordnung: «Wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.» Die Bauindustrie produziert munter weiter. Ist es nicht an uns, jetzt etwas zu tun? Fangen wir endlich an, nach echt ökologischen, baubiologischen Kriterien zu planen, zu gestalten und zu bauen. Es gibt Ausbildungen, zum Beispiel baubio.ch/bildung, es gibt Anleitungen, snbs-cert.ch, es gibt Labels, zum Beispiel natureplus.org, die schon längst angewendet werden könnten. Ein Lichtblick ist auch die Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie, die das Gemeinwohl vor den finanziellen Gewinn stellt und eine neue Wirtschaftsordnung aufbauen will, gwoe.ch. E

Alfred Rüegg, Arch. HTL, Baubiologe Baubioswiss, seit 40 Jahren praktisch tätig für gesunde, nachhaltige Architektur und in der Ausbildung von Planer/-innen und Handwerker/-innen auf diesem Gebiet. www.arba-bioplan.ch

Nachhaltiges BAUEN 2019

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