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Peter Roth

Wisst ihr denn nicht? Ein Requiem für die Lebenden

I N H A LT S V E R Z E I C H N I S

Vorwort 5 Der Komponist 6– 7 Mitwirkende 8–9 Teil 1 – Die gesungenen Texte 11 – 27 Teil 2 – Gedanken zum Werk 29 – 51 Quellen, Literatur 52 Unterstützer 53 Aufführungstermine 54


Vorwort


I

m Mittelalter prägte die Furcht vor dem Tod das Leben der Menschen. Die katholische Kirche machte sich zur einzigen Verwalterin des Jenseits, erliess für ihre Dienste Ablassprämien und bezog aus dem lukrativen Handel und der damit verbundenen Abhängigkeit der Gläubigen eine ungeheure Macht. Aufklärung und Reformation befreiten die Menschen zwar von dieser Angst und Abhängigkeit, liessen sie aber durch den Verlust ihrer naiven Gläubigkeit aus der Schutz und Sicherheit gewährenden Geborgenheit herausfallen. Die Entwicklung der Naturwissenschaften, und die damit einhergehende materielle Ausrichtung des Lebens, liessen in den Menschen ein Gefühl der Entfremdung von sich selbst und von der Gruppe aufkommen und führten das Individuum in modernen Gesellschaften zu Isolation und Einsamkeit. Das von der Wachstumswirtschaft verordnete Heilmittel, eine gefährliche Mischung aus Konsumismus und Leistungssteigerung, führte die Menschen in einer sich selbst verstärkenden Schlaufe direkt ins Hamsterrad eines immer reicheren Habens

und immer ärmeren Seins; in die grassierenden Symptome von Burnout und Depression. Das Requiem für die Lebenden thematisiert diese Entwicklung auf den drei folgenden Ebenen: 1. Latein und Deutsch Im Gegensatz zu den jenseitigen, liturgischen Teilen in lateinischer Sprache, erzählen die deutsch gesungenen Soli und Chöre die gewaltsame Geschichte des Christentums und die starken Botschaften von Häuptling Seattle, Dorothee Sölle und Nelson Mandela. 2. Komposition und Improvisation Während SolistInnen und Chor, getreu der schriftlichen Partitur, die vorgegebenen Noten singen, improvisieren in der afro-amerikanischen Tradition von Blues und Jazz aus dem Moment heraus – und darum in jeder Aufführung anders! 3. Jenseits und Diesseits Dieses «Requiem» gedenkt nicht der Toten, sondern zeigt den Lebenden, dass die Befreiung aus der irren Vorstellung von Schuld und entmündigender Abhängigkeit möglich ist. Und das bedeutet ein menschenwürdiges Leben in Freiheit und Verantwortung! PETER ROTH

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D E R KO M P O N I S T

Peter Roth – Musiker, Komponist, Chor- und Kursleiter

P

eter Roth setzt sein musikalisches Talent, seine politische Weitsicht, sein scharfsinniges Gespür für gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse, seine Achtsamkeit in Bezug auf ökologische und soziale Entwicklungen, kurz seine Kraft und Hingabe ein für hohe Werte: Solidarität, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Toleranz und Völkerverständigung.

mit der Schöpfung und dem Klang – «Klang macht sinnlich erfahrbar, dass wir schwingende Wesen in einem schwingenden Universum sind», sagt Peter Roth in der Überzeugung, dass alles Seiende miteinander verbunden ist. Was die Quantenphysik als Einsichten formuliert, macht Klang sinnlich erfahrbar. In Peter Roths Kompositionen ist Klang ein verbindendes Element. So werden die Schönheit und die Kraft der Naturtöne der Toggenburger Volksmusik dank dem Schaffen von Peter Roth auch zu Türöffnern für

Als geerdeter, und gleichermassen spiritueller Mensch bezieht Peter Roth seinen Weitblick aus der Verbundenheit

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Texten verbinden; das Jodeln genauso wie Obertöne und Naturtongesänge aus verschiedensten Kulturen, nebst Schellen und Talerbecken, Gongs und Klangschalen der buddhistischen Tradition.

den Blick auf andere Lebensweisen und Kulturen. Alles ist miteinander verbunden. Dieses Verbindende kommt berührend zum Ausdruck in seinen völker- und kulturverbindenden Klangprojekten, welche betonen, dass alles Lebendige auf unserer Erde aufeinander angewiesen ist.

Der Klang, als zutiefst universelles und religiöse Phänomen (religere = wieder verbinden), ermöglicht damit einen neuen Zugang zur Religion und Spiritualität, lässt uns nach Innen hören, bringt uns zu uns selbst und damit in Verbindung mit allem Seienden!

Es ist die tiefe Sehnsucht, dem Geheimnis alles Lebenden auf die Spur zu kommen, die Peter Roth in seinem Schaffen antreibt. Seine Überzeugung, dass Klang etwas Ur-Religiöses ist, lässt ihn Elemente aus der Volksmusik mit geistlichen

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Mitwirkende

| Sax, Schwyzerörgeli Geboren in Luzern. Ausbildung an der Akademie für Schul- und Kirchenmusik Luzern, Studien an div. Jazzschulen. Als Multiinstrumentalist und Komponist zahlreiche CD-Aufnahmen mit eigenen Bands, Tourneen in Europa, Asien, Afrika. Ausgezeichnet mit dem Schweizer Musikpreis 2017. | www.albinbrun.ch

ALBIN BRUN

| Trompete, Flügelhorn Geboren im Appenzellerland. Studium Trompete und Jazz-Improvisation an der Jazzschule St.Gallen, bei Eddie Henderson, Cecil Bridgewater und Mike Le Donne in New York, Kompositions-Semester bei Andy Middleton am Konservatorium in Wien. Eigene Band seit 2000. | www.michael-neff.ch

MICHAEL NEFF

| Kontrabass Geboren im Engadin, Jazz-Musikstudium mit Lehr- und Performancediplom SMPV am Kontrabass. Weiterbildung «körperorientierte Musik» u.a. am IAC in Zürich, Unterrichtstätigkeit, Konzerte, Performances und Vertonungen von Text, Bild, Theater. | www.adelinafilli.ch

ADELINA FILLI

| Schlagzeug und Perkussion Geboren in S. Daniele del Friuli (Italien). Studium an der Jazzschule St. Gallen bei Heinz Lieb und Reto Giacopuzzi, Weiterbildung bei Pierre Favre und Masterkurse u.a. bei Joey Baron und Joel Rosenblatt. Konzerte im In- und nahen Ausland. Unterrichtet seit 1989 an der Musikschule Toggenburg. | www.todosband.ch

MAURIZIO GRILLO

| Leitung und Klavier (zur Person siehe S. 6/7) www.peter-roth.ch

PETER ROTH

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| Jodelstimme Lebt in Alt St. Johann und bewirtschaftet zusammen mit ihrer Familie einen Bergbauern-Betrieb. Ist Jodlerin im Churfirstenchörli und singt im evangelischen Kirchenchor in Alt St. Johann. In der Klangwelt als Kursleiterin tätig. Jodlerin und Sängerin in verschiedenen Projekten von Peter Roth.

ANNLIES HUSER-AMMANN

DORIS BÜHLER-AMMANN

| Sopran In Alt St. Johann aufgewachsen. Ausbildung als populäre Kirchenmusikerin C+B an der EKMS St.Gallen. Dirigentin des evang. Kirchenchores von Alt St. Johann und des Singkreises Halden St.Gallen. Kirchenmusikerin, Kursleiterin Klangwelt Toggenburg. Jodel und Gesang in Projekten von Peter Roth.

REGINA HUSER |

| Mezzosopran In Alt St. Johann im Berg aufgewachsen. Singt seit 2013 als Altistin im katholischen Kirchenchor Alt St. Johann und in verschiedenen Projekten von Peter Roth.

| Alt In Lichtensteig aufgewachsen. Gesangsstudium an der Musikhochschule Winterthur. Lehrdiplom bei Lena Hauser, Konzertdiplom bei László Polgár. Zahlreiche Meisterkurse. Intensive Beschäftigung mit Barockmusik. Sie lebt als Sängerin und Gesangslehrerin in Graz.

MARGRIT HESS

| Bass In St.Gallen geboren, Gesangsausbildung bei Heidi Juon am Konservatorium Winterthur, bei Jakob Stämpfli und Denis Hall in Bern. Mehrere Jahre mit Opera Factory Schweiz unterwegs, unter anderem bis ans Adelaide Festival in Australien.

PETER WALSER

CHORPROJEKT ST.GALLEN

| Der Verein Chorprojekt St.Gallen zählt heute ca. 80 Mitglieder. In den einzelnen Projekten wirken jeweils etwa 45 bis 50 Sängerinnen und Sänger mit. www.chorprojekt.ch

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TEIL 1

Die gesungenen Texte

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Wisst ihr denn nicht? REQUIEM AETERNAM

CHOR Chor

Requiem aeternam dona eis requiem et lux perpetua luceat eis. ALT Alt

Was wollt ihr hoffen, was wollt ihr warten bis nach eurem leiblichen Tod?

Denn ohni Ruum und ohni Zit lebt Gott als Liecht i mer. Wenn’s i mer ganz stille werd, erschient mer Zit als Ewigkeit, lös mi vo Vergangeheit und weg sind alli Zuekunftsängscht. Denn ohni Ruum und ohni Zit lebt Gott als Liecht i mer.

Wisst ihr denn nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass das göttliche Licht in euch wohnt! TERZETT Terzett

Wenn’s i mer ganz stille werd, denn spür i s’ewig Liecht i mer. s’isch s’glich Liecht wo üs im Tod so hell und strahlend lüchte werd.

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Wenn’s i mehr ganz stille werd, denn git’s e gär kei Grenze meh. I bi selber, was i ghör und i bi selber, was i gseh. Denn ohni Ruum und ohni Zit lebt Gott als Liecht i mer.


CHORAL Choral

SOLI UND CHOR

Du Morgenstern, du Licht vom Licht, das durch die Finsternisse bricht. Du gingst vor aller Zeiten Lauf in unerschaff ’ner Klarheit auf.

Et lux perpetua luceat eis. Amen.

Du Lebensquell, wir danken Dir, auf Dich Lebend’ger hoffen wir. Denn Du durchdrangst des Todes Macht, hast Licht und Leben uns gebracht. Bleib bei uns Licht, verlass uns nicht, vertreib die Finsternis du Licht, bleib auch am Abend dieser Welt als Hilf und Hort uns zugesellt.

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Ein Mann mit Namen Felix Manz KYRIE

ALT

CHOR

Abraham, nimm deinen einzigen geliebten Sohn und opfere ihn auf einem Berg, den ich dir zeigen werde!

Kyrie eleison! BASS

Ich als Papst Innozenz sage euch Soldaten Christi: Widmet euch der Vernichtung von Ketzerei und Häresie mit allen Mitteln, die unser Gott, der Herr euch eingeben wird! Tötet sie alle, tötet sie alle, denn Gott, der Herr, wird die Seinigen erkennen!

BASS

Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm mit sich zwei Knechte und seinen gliebten Sohn, dass er ihn opfere zum Brandopfer. Und als sie an die Stätte kamen, baute Abraham einen Altar und legte Holz darauf und band seinen Sohn und legte ihn oben auf das Holz. Und reckte seine Hand aus, dass er seinen Sohn schlachtete.

SOLI UND CHOR

Christe eleison!

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BASS

CHOR

Das sollte dann sein Todesurteil sein! Drum wurden ihm die Händ und Knie gebunden grad wie einem Stück Vieh. Ein Knebel durchgestossen, dann mit einem schweren Stein daran. So wurde der Mann ins Wasser geworfen, dann aus einem Kahn. Auch Zwingli war am Ort, blieb leider stumm und fand kein Wort.

Ein Mann mit Namen Felix Manz, der war wie Zwingli voll und ganz ein Pazifist und gegen Gewalt. Er hat dies mit dem Leben bezahlt! Denn Zwingli entschied sich doch für den Krieg. Er wollte den Sieg und machte auch nicht Halt vor dem Gebrauch von Waffengewalt! Als Täufer war Manz überzeugt: Kein Kind ist für die Taufe bereit! Drum taufte er – sei’s Frau, sei’s Mann – nur wer dazu JA sagen kann. Das durfte nicht sein, der Rat schritt drum ein und mit diesem Nein, liess Zwingli Manz allein.

SOLI UND CHOR

Kyrie eleison!

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3

Mer sind no Fraue ohne Recht OFFERTORIUM

Mer sind no Fraue ohne Recht, elei mit Männergwalt!

QUARTETT

Mis Herz isch schwer, i fühl mi leer wenn i a all diä Männergwalt und all diä Unterdrückig denk!

CHOR

O Domine Jesu Christe rex gloriae libera anima defunctorum, de ore leonis ne absorbeat tartarus.

CHOR

O Domine Jesu Christe rex gloriae libera anima defunctorum de poenis, de poenis infernis e de profundo lacu.

TERZETT

Sie wössed scho, was ghöre wönd und gend nöd vorher uf: Dass Nochbers Chue kei Milch me git und denn en Beseritt. Mit Chrüter gheilt, mit Chrüter gschadt und Hagel öber d’Stadt! Im Wald han i de Tüfel gseh, als junge grüene Ma, ha Gott abgschwört und gib’s halt zue: au mit em Unzucht gha!

TERZETT

Sie schlepped üs vo eim Verhör zum andre gnadelos, sie henked zerscht üs ane Seil und bindet Gwicht a d’Füess, en erschts und denn grad immer meh, bis üs denn fascht verrisst! Sie bindet üs of s’Nagelbrett und foltred üs of s’Bluet. Sie mured üs lebendig i bis ghöred, was ne passt!

Mer sind no Fraue ohne Recht, elei denn au im Tod!

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CHOR

CHOR

Hostias et preces tibi, Domine laudis offerimus! Faceas Domine de morte transire ad vitam.

O Domine Jesu Christe rex gloriae libera anima de poenis aeternis! Amen, Amen!

TERZETT

QUARTETT

Wenn’s ghöred was för’s Urteil brucht, denn schicked’s üs in Tod!

Elei mit Gwalt und Tod! Amen!

Sie bindet d’Händ und Schenkel üs und werfed üs i d’Sihl, sie bindet üs uf en Stoss Holz und s’Füür brennt liechterloh! Als Akt vo Gnad enthauptets üs, bevor me üs verbrennt und d’Äsche wo no übrig bliib, diä werd i d’Limmat gleert! Mer sind no Fraue ohne Recht, elei mit Gwalt und Tod!

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Jeder Teil dieser Erde ist heilig SANCTUS

Dass alles Leben heilig ist! Jedes Sandkorn am Strand und jeder Schneekristall, jedes Quantenteil und jeder Stern im All! Jeder Sonnenstrahl und jeder Morgentau, jeder grüne Halm und auch des Himmels Blau: Jeder Teil dieser wunderbaren Erde ist heilig!

ALT

Das sind die Worte des Häuptlings Seattle im Kongress von Amerika im Jahre achtzehnhundertfünfundsiebzig. TERZETT

Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter, denn eines wissen wir: Jeder Teil dieser Erde ist heilig und alles ist verbunden und was die Erde befällt, befällt auch die Töchter und Söhne der Erde!

QUINTETT

Sanctus, Sanctus, Sanctus dominus deus sabaoth! Pleni sunt coeli et terra gloria tua, osanna in excelsis!

CHOR

Und wenn Ihr Macht, Besitz und Geld über alles Andre stellt, so bitten wir, dass ihr in euren Herzen wisst:

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Jeder blühende Baum und jedes Blatt im Wind, jeder glänzende Wurm und jedes trächtige Rind. Jedes Kribbeln der Haut und jeder Tropfen Blut, jede Träne, die fliesst und jeder Atemzug, jeder Teil dieser wunderbaren Erde ist heilig!

ALT

Und sagte: Wie können wir euch verkaufen, was uns selber nicht gehört! Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter. Drum lehret eure Kinder: Die Erde ist unsere Mutter und bedenkt, wir sind ihre Kinder. Und was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an.

SOLI UND CHOR CHOR

Sanctus, Sanctus, Sanctus dominus deus sabaoth! Pleni sunt coeli et terra gloria tua, osanna, in excelsis! Amen!

Auch wenn nichts zählt, nur Konsum und Geld und wenn nichts gilt, als Ehr’ und Ruhm, so bitten wir, dass ihr in euren Herzen wisst: Dass alles Leben heilig ist.

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Aufrecht gehen sollen alle PIE JESU

Aufrecht gehen sollen alle, die Opfer von Gewalt und Unrecht sind, denn sie seien aufgerichtet! Denn sie seien aufgerichtet!

JODEL UND CHOR

Pie Jesu domine, dona eis requiem, sempiternam requiem!

Aufrecht gehen sollen alle, die auf der Flucht und ohne Rechte sind, denn sie seien aufgerichtet!

TERZETT

Und als er sah, wie viele kamen, stieg er auf einen erhรถhten Platz und als das Gemurmel abgeklungen war, erhob er seine Stimme und sprach: Aufrecht gehen sollen alle, die traurig, arm und hungrig sind, denn sie seien aufgerichtet!

SOLO UND CHOR

Pie Jesu domine, dona eis requiem, sempiternam requiem!

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Aufrecht gehen sollen alle, die nicht für den Bau von Mauern sind, ihnen gehört diese Erde! Ihnen wird die Erde gehören!

TERZETT

Aufrecht gehen sollen alle, die ohne Waffen und gewaltlos sind, ihnen gehört diese Erde! Ihnen wird die Erde gehören!

JODEL UND CHOR

Seid mutig und seid unbequem, denn wisst: Gott will unsern aufrechten Gang!

Aufrecht gehen sollen alle, die mit den Armen solidarisch sind, ihnen gehört diese Erde! Ihnen wird die Erde gehören!

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Es gibt ein Leben vor dem Tod AGNUS DEI

CHOR

SOLI UND CHOR

Agnus dei miserere nobis. Agnus dei dona nobis pacem!

Agnus dei miserere nobis. Dona nobis pacem!

CHORAL

CHORAL

Wohl denen, die da streiten, den Frieden aufzubaun’, von Gott sich lassen leiten, der Rüstung nicht vertrau’n. Es werden nur die Ratten sein, die uns noch überleben nach einem dritten Krieg!

Aus Herzensgrund wir mahnen: Gott schütze uns vor Krieg, vor denen, die planen, schütz uns vor ihrem Sieg! Sie brauchen elffach Sicherheit zu löschen jedes Leben im Land des bösen Feind’s!

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CHOR

Agnus dei miserere nobis. Agnus dei dona nobis pacem! CHORAL

Raketen und Kasernen sind nicht von Gott gemacht. Den Frieden zu erlernen, hat er uns zugedacht. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Wenn wir es nicht zerstรถren, hat jeder Brot, ja Brot genug!

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7

Mauern LIBERA ME

BASS

BASS

Erbarmungslos, gedankenlos, ja schamlos wurden grosse Mauern, hohe Mauern rund um mich gebaut.

Nun sitz ich hier der Verzweiflung nah, ja Tag und Nacht plagt mich der Schmerz und mein Geist verliert sich im Meer der Traurigkeit.

DUETT

DUETT

Jedoch nie drang der Maurer Lärm an mein Ohr, kein Ton, kein Ton. Unbemerkt ging mir die Welt und ich mir selbst verloren!

Jedoch nie drang der Maurer Lärm an mein Ohr, kein Ton, kein Ton. Unbemerkt ging mir die Welt und ich mir selbst verloren! SOLI UND CHOR

SOLI UND CHOR

Libera me domine! Libera me domine de morte aeterna, in die illa tremenda in die illa: Quando coeli movendi sunt et terra: Dum veneris judicare saeculum per ignem!

Libera, libera me domine! Tremens factus est sum ego et timeodum discussio venerit, at que ventura ira. Dies illa, dies ira calamitatis et miseriae, dies magna et tamara valde.

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Requiem aeternam dona eis domine et lux perpetua luceat eis.

SOLI UND CHOR

Libera me domine de morte aeterna, in die illa tremenda in die illa: Quando coeli movendi sunt et terra: Dum veneris judicare saeculum per ignem!

BASS

Denn Vieles hatte ich zu tun zur Zeit dieser Mauern aus Steinen der Dummheit und MĂśrtel der Angst. Warum gab ich, ach nicht acht? DUETT

Jedoch nie drang der Maurer Lärm an mein Ohr, kein Ton, kein Ton. Unbemerkt ging mir die Welt und ich mir selbst verloren.

DUETT

Libera me domine de morte aeterna!

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Hend kei Angscht und läbet s‘Liecht I N PA R A D I S U M

TERZETT UND CHOR

TERZETT UND CHOR

I mach mi immer wieder chli, viel chliner, als i wörkli bi. I zeig mi immer wieder schwach und chlag de Welt mis Weh und Ach. Und chlag de Welt mis Weh und Ach.

Wem nützt das wenn mi chliner mach? Bi schö und starch und zeig mi schwach! S’nützt dene, wo im Grössewahn üs chli wönd gseh i erem Plan! Üs wönd chli gseh i erem Plan! Und dene, wo mit Macht und Geld dä Wahnsinn schaffed, wo üs quält. S’nützt dene, wo mit Macht und Geld, dä Wahnsinn schaffed, wo üs quält!

Nöd s’Dunkel isch es, wo üs hemmt, nei s’Liecht, wo mer nöd zeige wönd! Nöd s’Dunkel isch es, wo üs hemmt, nei s’Liecht, wo mer nöd zeige wönd! JODEL UND CHOR

JODEL UND CHOR

In paradisum deducant angeli, deducant angeli. Chorus angelorum te suscipiat. Et cum Lazaro quondam paupere, habeas requiem, sempiternam requiem!

In paradisum deducant angeli, deducant angeli. Chorus angelorum te suscipiat. Et cum Lazaro quondam paupere, habeas requiem, sempiternam requiem!

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TERZETT UND CHOR

SOLI UND CHOR

I allne Gschöpf isch s’Liecht und d’Chraft, wo Grechtigkeit und Friede schafft. Mer sind doch i diä Welt iächo zum üsers Liecht hell schiine loh! Zum üsers Liecht hell schiine loh!

Drum hend kai Angscht und läbed s’Liecht, denn s’unglebt Liecht beschert dä Welt diä Höll vo Macht, Konsum und Geld!

Wenn i das läb und mi getrau, machts Muet und andri läbeds au! Wenn i das läb und mi getrau, machts Muet und andri läbeds au! QUINTETT

Wisst ihr denn nicht, dass das göttliche Licht in den achtzig Billionen Zellen eures Körpers leuchtet und strahlt!

Drum hend kei Angscht und läbed s’Liecht, denn s’unglebt Liecht beschert dä Welt diä Höll vo Macht, Konsum und Geld! Hend kai Angscht und läbed s’Liecht vor em Tod i däre Welt! Hend kai Angscht und läbed s’Liecht vor em Tod i däre Welt! Amen.

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TEIL 2

Gedanken zum Werk

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Die Angst überwinden!

fürstlich bezahlen liess. Oder wie Zwingli über Bischöfe und Kardinäle predigte: «Schüttelt man sie, so fallen Dukaten und Kronen heraus!»

«Wisst ihr denn nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass das göttliche Licht in euch wohnt!» Ein zentrales Anliegen der Reformation war die Überwindung der Angst vor Gott und den Strafen im Jenseits. Denn diese Angst führte zur unumschränkten Macht der katholischen Kirche, die sich für den Sündenerlass, selbst für die bereits Verstorbenen,

Ulrich Zwingli von Wildhaus, 1506 in Konstanz zum Priester geweiht, glänzte durch eine umfassende humanistische Bildung, die er sich an den Universitäten von Wien und Basel holte. Für ihn war darum klar, dass nur Menschen, die

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die neue Doktrin, könne weder durch Anbetung der Heiligen noch durch Opferhandlungen und Ablass auf die Entscheidung Einfluss nehmen, ob der Himmel sich erbarme. Und wie jede Revolution ergriff die Reformation fast jeden Lebensbereich.»

lesen und sich ihre eigene Meinung bilden können, fähig sind, die Angst vor Gott und der ewigen Strafe in Fegefeuer und Hölle zu überwinden. So war denn die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache bei ihm und Martin Luther die Grundlage für das zentrale Anliegen der Reformation: «Weder den Heiligen noch den Geistlichen komme die Macht zu, das Seelenheil, die Gnade zu sichern. Die einzelne Seele, so

(Peter Kamber in seinem Essay über Ulrich Zwingli)

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WISST IHR DENN NICHT

Im Licht ist alles Jetzt. REQUIEM AETERNAM

L

«Lux aeterna luce at eis – Das ewige Licht möge euch leuchten – nach dem Tod», so singt der Chor zu Beginn des Requiems. «Wisst ihr denn nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und dass das ewige Licht in euch wohnt» antwortet die Altstimme mit den Worten des Apostels Paulus.

schneller als Licht, ja über der Lichtgeschwindigkeit würde sich die Zeit umkehren – wer schneller als Zeit reisen kann, wird jünger! So bildet denn das Licht in der Physik die Grenze menschlicher Wahrnehmung – und in spirituellen Traditionen bildet es von schamanischen Feuerritualen bis zum Ewigen Licht in den katholischen Kirchen eine Art Brücke zum Jenseitigen, zur Welt, die unsere Vorstellung übersteigt. Christina von Dreien, eine junge Frau, mit einer multidimensionalen Wahrnehmung, 2001 im Toggenburg geboren, sagt: «Es ist alles Jetzt: Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart – alles findet genau JETZT statt. Um ein Beispiel zu geben: Angenommen, wir falten ein Blatt Papier mehrmals; und eine der dadurch entstehenden Seiten sei die Gegenwart, eine andere die Ver-

Das Licht bildet in allen spirituellen Traditionen und Religionen eine zentrale Rolle: Das Licht als Schleier zum Jenseits, das Licht als Abglanz göttlicher Gnade, das Licht als Inspiration und Hoffnung, die über unsere menschliche Wahrnehmung und Vorstellung hinausreicht. In der Physik von Albert Einstein bildet das Licht die absolute Grenze unserer Wahrnehmung: Nichts bewegt sich

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Dieser Gedanke führt uns in die Quantenphysik und die nondualen Konzepte östlicher Philosophie und Weisheit. Lassen wir in der Meditation das rationale Denken hinter uns, öffnet sich diese Erfahrung der universellen Einheit. Diese Einsicht greift dann der folgende Choraltext von Johann Gottfried Herder (1744 - 1803) aus dem Kirchengesangbuch, auf: «Du Morgenstern, Du Licht vom Licht, das durch die Finsternisse bricht. Du gingst vor aller Zeiten Lauf in unerschaffner Klarheit auf!»

gangenheit und wieder eine andere die Zukunft. Wenn wir nun mit einem Zahnstocher hindurch stechen, befindet sich das dadurch entstehende Loch gleichzeitig auf allen Seiten. Genau so läuft alles ab. Alles ist eigentlich am selben Punkt!» Das Frauenterzett nimmt dann diesen Gedanken auf: «Wenns i mer ganz stille wird, erschient mer Ziit als Ewigkeit.» In der folgenden Strophe singen die drei Frauen: «Wenns i mer ganz stille wird, denn gits e gär kei Grenze meh. I bi selber, was i ghör und i bi selber, was i gseh».

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EIN MANN MIT NAMEN FELIX MANZ

Monotheistische Religionen und Gewalt KYRIE

D

auch innerhalb des Islams – bekämpft werden. Historisch trifft sie auf das Christentum und gegenwärtig auf Evangelikale zu. Am wenigsten trifft sie auf das Judentum zu, wo die Durchsetzung der Wahrheit auf Erden Gottes Sache ist und nicht unsere. Allerdings sticht auch bei israelischen Nationalreligiösen die militante Selbstgerechtig keit ins Auge.»

ie drei grossen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam haben ihre gemeinsamen Wurzeln im Alten Testament der Bibel. David Signer schreibt unter dem Titel «Töten für Gott» in der NZZ: «Gemeinsam ist den drei Religionen die Unterscheidung zwischen ‹wahrem› und ‹falschem Gott›, zwischen ‹Gläubigen› und ‹Ungläubigen›. Mit dem exklusiven Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religion entstand die Ablehnung, Ausgrenzung und Bekämpfung Andersgläubiger. Der universale Anspruch dieser Weltreligionen macht sie problematisch; denn gemäss ihrem alleinseligmachenden Anspruch sollen alle gerettet werden und in den Genuss ihres Heils kommen – notfalls mit Gewalt. Insbesondere in angespannten Zeiten wird dieser Sprengstoff, der in den Buchreligionen angelegt ist, gefährlich. Diese Analyse trifft heute auf die radikalen Strömungen im Islam zu, wo Andersgläubige –

D

ie Inspiration für den ersten Teil des Kyrie lieferte Navid Kermani in seinem Buch «Ungläubiges Staunen über das Christentum» (S.199):

«Lange fand ich das Ungeheure, das Abstossende, das Bedrohliche des Glaubens – des Glaubens an nur einen Gott – im zweiundzwanzigsten Kapitel des ersten Buches Mose zwischen dem zweiten und dritten Vers. Richtig: nicht im zweiten, nicht im dritten, sondern im Abgrund

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der Gefühllosigkeit, der sich zwischen beiden Versen auftut. Der zweite lautet: ‹Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.›

zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt hatte.› Und dazwischen: Nichts. Kein Zögern, kein Nachfragen, keine Bekümmernis um den Sohn, kein Mitleid mit seiner Frau, keine Rücksicht überhaupt auf ein irdisches Urteil. Er hätte es ohne Wimpernzucken getan.»

Der dritte: ‹Da stand Abraham des Morgens früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz

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2

EIN MANN MIT NAMEN FELIX MANZ

Gehet hin und tötet sie alle! CHRISTE

Das Christe erinnert an die Gräueltaten der KreuzzugRitter in Europa und in den arabischen Ländern. Es nimmt Bezug auf den sogenannten Albigenser Kreuzzug im Süden von Frankreich: Im 11. Jahrhundert war es in Europa zu einer Entfaltung der Geld- und Warenwirtschaft und zur Expansion der Städte gekommen. Verlierer waren die Landbevölkerung und der niedere Adel und Klerus, aus deren Reihen sich in der Folge eine Gegenbewegung zur offiziellen Kirche

rekrutierte, die das Materielle als unrein zurückwies und die Sakramente der an die Geldund Warenwirtschaft angepassten Kirche ablehnten. Die Anhänger der Bewegung sind als Albigenser oder Katharer bekannt. Im 12. Jahrhundert gelang es der Bewegung, in Südfrankreich eine Gegenkirche zu etablieren. Diese stellte für die römische Kirche eine gefährliche und völlig neue Bedrohung dar. In den Augen der Päpste galt die katharische Bewegung als Ketzerei und ihre theologi-

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schen Standpunkte wurden als absurd, wenn nicht gar als diabolisch betrachtet. Papst Innozenz III versuchte zuerst über den Weg von Gesprächen die Katharer wieder für die Kirche zu gewinnen. Dieser Versuch scheiterte jedoch. So rief er zum Kreuzzug gegen die Katharer auf, der gnadenlos geführt wurde. Im Jahr 1209 setzten sich 10’000 Kreuzritter in Bewegung. Auf die Frage, wie denn die Ketzer von den normalen Bewohnern unterschieden werden, hiess es:

«Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen schon. (Caedite eos! Novit enim Dominus qui sunt eius.)». Männer, Frauen und Kinder wurden gleichermassen umgebracht, selbst wenn sie in Kirchen Schutz gesucht hatten. Mit derselben Grausamkeit wateten die christlichen Kreuzritter im Blut der Araber. Ziel verschiedener grosser Kreuzzüge war es, das «heilige» Land und die Stadt Jerusalem von den ungläubigen, heidnischen Muselmanen zu befreien.

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2

Ein Mann mit Namen Felix Manz KYRIE

Die Wiederholung des Kyrie hat dem ganzen 2. Satz seinen Titel gegeben und erinnert an die erbarmungslose Gewalt, mit der Zwingli und der Rat von Zürich gegen die Bewegung der Täufer vorging. Felix Manz war zu Beginn der Reformation ein enger Weg-Ge-

fährte des Zürcher Reformators. Als jedoch Zwingli unter dem Druck des Rates von Zürich von den gemeinsamen Postulaten Erwachsenen-Taufe und Pazifismus abrückte, kam es zur offenen Rebellion. Felix Manz musste diesen Bruch mit Zwingli teuer bezahlen: Zu lebenslangem

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Limmat und singt lauthals den Psalm «In Deine Hände, Herr, übergebe ich meinen Geist.» Von einem Nachen aus redet ein Prediger auf ihn ein, während ein Scharfrichter mit aller Kraft am Seil zieht, das er dem zum Tod Verurteilten um den Hals geknüpft hat. Rufe gellen über das Wasser. Es ist die Mutter von Manz, die ihm vom Ufer aus zuruft, er solle standhaft im Glauben bleiben.

Kerker verurteilt, gelang ihm die Flucht und er wurde erneut verurteilt. Diesmal zum Tod durch Ertränken,eine Hinrichtungsart, die als besonders schändlich galt, weil sie eigentlich Frauen vorbehalten war. Ein grausam symbolisches Ende für einen, der das Wasser der Taufe in den Mittelpunkt seines Glaubens gesetzt hatte! Am 5. Januar 1527 kauert Felix Manz mit gefesselten Händen und Füssen auf der Plattform des Fischerhäuschens in der

Manz ertrinkt elendiglich in der eiskalten Limmat.

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MER SIND NO FRAUE OHNE RECHT

Die Frauenopfer OFFERTORIUM

ständnis der Verleugnung Gottes und damit ursächlich verknüpft der Teufelsbuhlschaft (sich körperlich einlassen mit dem bösen Geist) vorliegen. Die Strafe war zwingend das Verbrennen durch das Feuer. Weitere damals unter Strafe gestellte Widrigkeiten gegen menschliches und göttliches Gesetz, die oft unter Hexerei liefen, wie Schadenzauber an Mensch und Tier, Wetterzauber, Hexenritte, Hexensabbat,

Zwischen 1487 und 1701 wurden allein im Stadtstaat Zürich 79 Frauen nach Hexenprozessen hingerichtet. Der ehemalige Leiter des Zürcher Staatsarchivs, Otto Sigg, hat 2012 diese Justizmorde aufgrund von Quellen aus dem Staatsarchiv in seinem Buch «Hexenprozesse mit Todesurteil» dokumentiert. Er schreibt in der Einleitung dazu: «Um eine ‹Unholdin› hinzurichten, musste ein Ge-

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Zauber, Verwandlung in Tiergestalt, magische Praktiken auch mit heilkundigen Aspekten genügten für sich allein in Zürich nicht für die Feuerstrafe».

und berührenden Gesängen um den Beistand von Jesus in Angst und Not angesichts von Tod und ewiger Verdammnis. Damit entwickelt sich ein Dialog zwischen den während zweihundert Jahren auf dem Scheiterhaufen geopferten Frauen und den Opfern der Vorstellung eines grausam rächenden Gottes im Jenseits.

Auszüge aus diesen von Otto Sigg veröffentlichten Folterprotokollen singt das Frauenterzett auf einen groovigen Moll-Blues. Im schmerzlichen Kontrast dazu bittet der Chor in ernsten

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JEDER TEIL DIESER ERDE IST HEILIG

Die Erde gehört uns nicht – Wir gehören zur Erde. SANCTUS

Mitte des 20.Jahrhunderts wurden die in vorangegangenen Jahren und Jahrhunderten rücksichtslos bekämpften «Indianer» zu einem Symbol für Gemeinschaft, Spiritualität und einem harmonischen Verhältnis zur Natur – Werte, die in der modernen Welt im Rahmen des Profites rücksichtslos geopfert werden.

seVerbreitung gefunden.Noah Seattle war Häuptling der Suquamish und Duwamish, zweier Indianerstämme, die an der Westküste der heutigen USA lebten. Als bekannter Anführer und bedeutender Redner verfolgte Seattle eine Strategie der Anpassung an die weissen Siedler. Die Hauptstadt des Bundesstaates Washington trägt wohl deshalb seinen Namen.

Auf diesem alles Leben bedrohenden Hintergrund haben die starken Worte des Indianerhäuptlings Seattle eine gros-

Die, Seattle zugeschriebene, Rede wurde seit 1854 vielfach

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publiziert. Sie ist erstmals in einem in der Zeitung «Seattle Sunday Star» veröffentlichten Artikel dokumentiert, der allerdings erst 33 Jahre später geschrieben wurde. Die heute bekannten Fassungen bestehen mit grosser Wahrscheinlichkeit nur zum Teil aus Texten der Rede von Seattle. Die aktuell populärste Version, aus der die gesungenen Texte des Sanctus stammen, hat in der Ökologie-Bewegung des 20. Jahrhunderts eine grosse Resonanz gefunden. Auf dem

Hintergrund dieser eindrücklichen und weisen Aussagen – die im Zeitalter des von den Menschen verursachten Klimawandels und des rasanten Artensterbens noch an Bedeutung und Brisanz gewonnen haben – singen dann die SolistInnen und der Chor, zusammen und im Wechsel, die liturgischen Texte des Sanctus: «Heilig, heilig, heilig – voll ertönen Himmel und Erde von Gesängen der Ehre und Ehrfurcht!»

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AUFRECHT GEHEN SOLLEN ALLE

Gott will unseren aufrechten Gang. PIE JESU

Aus «Selig sind……» wird «Leute geht aufrecht!» Diese packende Übersetzung der Bergpredigt von Hans Rudolf Hilty, ehemals Germanistikprofessor an der Kantonsschule St.Gallen,

bildet den Prolog der Toggenburger Passion. Im vorliegenden Requiem wird dieser aufrüttelnde Text als grooviger Song vom Frauen-Terzett zelebriert und in traditioneller

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als auch sein politisches Engagement erinnern uns an den kämpferischen Jesus der Bergpredigt, der die lateinamerikanische Befreiungstheologie von Boff bis Cardenal prägte.

Gospeltradition vom Chor bestärkt – call and response! Nur am Rande sei erwähnt, dass Hans Rudolf Hilty als Dozent an der Kantonsschule St.Gallen 1959 entlassen wurde, weil er im Abstimmungskampf öffentlich und pointiert die damals geplante Atombewaffnung der Schweiz bekämpft hatte!

Der andere, versöhnliche und barmherzige Jesus wird dann im lateinischen Text des Pie Jesu angerufen, in einem schlichten, ruhigen Chorsatz, über dem die berührende Jodelstimme von Annelies Huser schwebt.

Sowohl Hans Rudolf Hiltys Übersetzung der Bergpredigt

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ES GIBT EIN LEBEN VOR DEM TOD

Kanonen und Kasernen sind nicht von Gott gemacht! AGNUS DEI

Die im 2003 verstorbene, deutsche Theologin ist eine der bekanntesten und umstrittensten Frauen in der politischen und kirchlichen Szene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; streitbare Zeitgenossin und spirituelle Begleiterin einer ganzen Epoche des Widerstands.

In der Liturgie wird das «Agnus dei» dreimal gesungen – zweimal mit «miserere nobis»: Lamm Gottes, erbarme Dich unser – und ein drittes Mal mit «dona nobis pacem»: Lamm Gottes gib uns Frieden! Diese uralte Bitte um den Frieden zwischen den Menschen und auf der Erde bildet den Schwerpunkt des lateinischen Textes. Der Chor singt eindringlich und immer wieder über einem unnachgiebigen und pochenden Beat von Kontrabass und Schlagzeug.

«Absolut furchtlos – grenzenlos glücklich – immer in Schwierigkeiten!», an diesem Lebensideal aus der Tradition der Quäker wollte sie sich orientieren und wurde so zur radikalen und prophetischen Theologin. «Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen! Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln und die Verbundenheit mit allem, was lebt, die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben und nicht später, sondern jetzt und hier. Bei uns, in uns.» Dieses Zitat

Im Wechsel dazu ertönt kraftvoll ein ur-reformierter Choral (Kirchengesangbuch Nr. 76), in dem uns Dorothee Sölle zuruft: «Wohl denen die da streiten, den Frieden aufzubaun’, von Gott sich lassen leiten, der Rüstung nicht vertraun’!»

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steht exemplarisch für Dorothee Sölles Schaffen: Die biblische Verheissung eines neuen Himmels und einer neuen Erde war eines der zentralen Lebensthemen von Dorothee Sölle.

die Dinge beim Namen genannt und wohl darum an keiner deutschsprachigen, theologischen Fakultät eine Professur erhalten! Dorothee Sölle wirkte in der Friedensbewegung und in zahlreichen kirchlichen, linken und ökumenischen Organisationen mit. Wegen Sitzblockaden vor dem NATO-Mittelstreckenraketendepot auf der Mutlanger Heide (Bild) oder dem Giftgasdepot in Fischbach wurde sie wegen versuchter Nötigung verurteilt. Urteile, die später wieder aufgehoben wurden.

Dabei verknüpfte sie Spiritualität mit politischem Engagement. Ihre Theologie entwarf sie nicht vom Schreibtisch aus, sondern mitten in den politischen Auseinandersetzungen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wortgewaltig und mit grossem Mut hat sie

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MAUERN

Befreie mich von Mauern im Kopf. LIBERA ME

selbst, wie der griechische Dichter Konstantinos Kavafis in einem Gedicht feststellt. Es bildet das Zentrum des «Libera me».

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, gab es weltweit 16 vergleichbare Grenzanlagen. Fast 30 Jahre nach diesem historischen Ereignis trennen weltweit fast 70 ähnliche Sperranlagen Staaten und Städte. Dazu kommen weitere Mauern und Zäune, die zum Beispiel Gated Communities schützen und den Ausbau von Favelas verhindern sollen.

Konstantinos Kavafis (1863–1933) ist einer der wenigen neu-griechischen Dichter, die einen Platz in der Weltliteratur gefunden haben. Seine ersten Verse verfasste Kavafis mit 23 Jahren. Das erste nicht verworfene Gedicht mit dem Titel «Mauern» schrieb er als Dreiunddreissigjähriger im Jahr 1896.

Während die Geld- und Warenströme so frei wie noch nie fliessen, sperren diese Anlagen auch bei uns in Europa Menschen aus: sie sollen gefälligst dort bleiben, wo sie sind!

Konstantinos Kavafis lebte ein zerrissenes Leben, das von seiner Homosexualität geprägt war. Beruflich war er zudem zunächst Börsenhändler, dann viele Jahre als Beamter tätig im Amt für Bewässerung in Alexandria. Andererseits war er Dichter – doch zeitlebens ohne offizielle Publikation. Das erste Buch mit Gedichten von Kavafis erschien erst zwei Jahre nach seinem Tod in Griechenland.

Geld- und Warenströme mehren unseren Wohlstand, die Ströme von Flüchtlingen jedoch bedrohen unsere Privilegien und wir kommen sprichwörtlich an unsere Grenzen. Wer Mauern baut, schliesst andere aus und sich ein – und verliert damit nicht nur Zugang zur Welt, sondern auch sich

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Ohne Rücksicht, ohne Mitleid, ohne Scham wurden hohe Mauern rund um mich errichtet. Hier sitz ich der Verzweiflung nah mein Geist verliert sich im Meer der Traurigkeit vieles hatte ich zu tun zur Zeit als man die Mauern baute: Warum gab ich nicht Acht? Ich hab die Maurer nicht gehört – kein Geräusch. Unbemerkt ging mir die Welt und ich mir selbst verloren.

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HEND KEI ANGSCHT UND LÄBED S’LIECHT

Dich klein zu machen, nützt der Welt nicht. I N PA R A D I S U M

«In paradisum deducant angeli» – im himmlischen Paradies begleiten Dich himmlische Chöre und Engelsgesänge! Aber was könnte wohl das Paradies im Diesseits sein? Diese Frage verknüpft den Schluss mit dem Anfang des Requiems für die Lebenden: Das Licht ist in uns und wir sollten es zeigen, leben! Aus diesem Kerngedanke der Inaugurations-Rede von Nelson Mandela, die er nach 30 Jahren in den Gefängnissen des Apartheid-Regimes gehalten hat, entwickelt sich – als Kontrapunkt zum jenseitigen Engelsgesang – der fulminante Schluss-Chor.

heit aller Völker, ob weiss oder schwarz. Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses. Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermassen ihrer Menschlichkeit beraubt.» Denn um frei zu sein, genügt es nicht, nur die Ketten abzuwerfen, sondern es gilt die Freiheit des anderen zu respektieren und zu fördern. Das braucht Mut. Der von Mandela zu Beginn des neuen Südafrikas geforderte Mut, um die Angst zu überwinden, zu verzeihen und sich so zu befreien, beeindruckte viele Menschen auf der ganzen Welt.

Mandela gilt als herausragender Vertreter im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und für soziale Ungerechtigkeit: «Nach den langen Jahren der Haft wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Frei-

Zu dieser Zeit wurde der nebenstehende Text der amerikanischen Aktivistin Marianne Williamson bekannt – er wird oft sogar als Teil der Inaugurationsrede von Mandela genannt.

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Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist es, dass wir über alle Massen kraftvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das wir am meisten fürchten Wir fragen uns, wer bin ich denn,um von mir zu glauben, dass ich brillant,grossartig, begabt und einzigartig bin? Aber genau darum geht es. Warum solltest Du es nicht sein? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu machen nützt der Welt nicht. Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen, nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen. Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen. Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem. Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unser Dasein automatisch die anderen.


Quellen, Literatur S. 30/31: Peter Kamber: Der Reformator gegen den Radikalen: Ulrich Zwingli und Conrad Grebel, in: «Historische Begegnungen: biografische Essays zur Schweizer Geschichte» | Autoren: Elisabeth Joris; Bruno Meier; Martin Widmer | Verlag: Hier und Jetzt, Baden [2014] swissinfo.ch: Regula Bochsler, Das schreckliche Ende des Täufers Felix Manz. S. 32/33: www.christinavondreien.ch | Natalie Knapp: Anders denken lernen; anders-denken-lernen.de S. 36/37: Wikipedia: Albigenserkreuzzug | Kreuzzug S. 40/11: Otto Sigg: «Hexenprozesse mit Todesurteil – Justizmorde der Zunftstadt Zürich» | Autor: Otto Sigg | Verlag: Buchmodul.ch, Creative Commons [2012] S. 46/47: www.dorothee-soelle.de Herausgeber: Chorprojekt St. Gallen |www.chorprojekt.ch Redaktionsleitung: Peter Roth | www.peterroth.ch Konzept und Gestaltung: Urs Andermatt | www.ankomm.ch

Bilder Titelseite, S. 55: Hildegard von Bingen: Vision Engelhierarchie, Wikimedia Commons | S.7/8/9: z.Vg. | S. 31: Albrecht Dürer (1471–1528) Porträt eines Geistlichen, 1516 Pergament auf Leinwand; Namhafte Wissenschafter meinen, dies sei ein Porträt des Reformators. Dürer ist Zwingli persönlich begegnet und hat ihn in seinem Wirken unterstützt. Man nimmt an, dass im Zeichen der Gegenreformation der Name Zwinglis entfernt wurde. © Gemeinfrei |S. 33: © istockphoto.com | S. 35: Michelangelo Caravaggi0: Opferung Isaaks, Uffizien, Florenz, Wikimedia Commons | S.37: 1. Kreuzug, Wikimedia Commons | S.38/39: Heinrich Thommann, Abschrift Bullingers Reformationschronik, 1605; Wikimedia Commons | S.41: Flugblatt Schiltach, Hexenverbrennung, Wikimedia Commons | S. 43: Häuptling Seattle, 1864, Foto: E. M. Sammis; Wikimedia Commons | S. 44/45: istockphoto.com | S. 47: Dorothee Sölle mit Gruppe, Sitzblockade 1983 vor dem NATO-Depot von Mittelstreckenraketen in Mutlangen, © Getty Images | S. 49: Mauer zwischen Israel und Palästina; © istockphoto.com | S. 51: Porträt von Nelson Mandela auf einer südafrikanischen Banknote; © istockphoto.com |

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Danke für die Unterstützung Mit Unterstützung von Evangelisch-reformierte Kirche Kanton St. Gallen, Kulturförderung Kanton St. Gallen, Kulturförderung Appenzell Ausserrhoden, Migros Kulturprozent Ostschweiz. Ein Dank an die privaten Unterstützer inbesondere an die Ria und Arthur Dietschweiler Stiftung, die Steinegg Stiftung, Zita Helene Angehrn Stiftung, Dr. Fred Styger Stiftung, Arnold Billwiller Stiftung. Wir danken für eine angemessene Kollekte.

Fredy & Regula Lienhard-Stiftung | Metrohm-Stiftung | Dr. Fred Styger Stiftung | Steinegg Stiftung

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Aufführungen URAUFFÜHRUNGEN 2018

Samstag, 3. November 2018, 20 Uhr Klosterkirche Alt St. Johann Sonntag, 4. November 2018, 17 Uhr Kirche St. Laurenzen, St.Gallen

AUFFÜHRUNGEN 2019

Samstag, 23. Februar 2019, 20 Uhr Grubenmannkirche, Teufen AR Sonntag, 10. März 2019, 17 Uhr Kirche St. Maria Neudorf, St.Gallen Samstag, 15. Juni 2019, 20 Uhr Grossmünster, Zürich Sonntag, 23. Juni 2019, 17 Uhr Lukaskirche, Luzern

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Wisst ihr denn nicht? – Programmheft zum Requiem für die Lebenden  

Peter Roth's Komposition zum Reformationsjubiläum erinnert in starken Botschaften von Dorothee Sölle, Nelson Mandela und Häuptling Seattle a...

Wisst ihr denn nicht? – Programmheft zum Requiem für die Lebenden  

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