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BAU 74 Eine Beobachtung der Raumsituation Kreativer in NĂźrnberg am Beispiel des Bau 74 Auf AEG.


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Intro

Das begrenzte Angebot bezahlbarer Räume für Kultur- und Kreativschaffende ist in Nürnberg seit Jahren ein präsentes Thema, das es im Rahmen der Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025 auch in die, am 31. Januar 2018 verabschiedete, Kulturstrategie der Stadt Nürnberg geschafft hat. Ziel 4, Maßnahme 1 sieht vor „Freiräume für kreatives und künstlerisches Schaffen [zu] ermöglichen und „Kulturelle Nutzung in bestehenden Räumen und bei Neubauten [zu] stärken“. Doch was heißt das für die Betroffenen? Nach dem Ende der Zwischennutzung des Quelle-Areals steht nun auch ein Ende für die Künstler*innen im Bau 74 bevor. Anders als bei der Leipziger Baumwollspinnerei wurde es hier nicht geschafft eine ehemalige Industrienutzung in ein persistentes Kreativquartier umzuwandeln. Die Gründe dafür sind vielschichtig. In diesem Magazin stellen wir einzelne Mieter*innen des Bau 74 und ihr künstlerisches Schaffen vor und schlagen mit einer kleinen Studie einen Bogen zwischen subjektiver Wahrnehmung und faktischen Gegebenheiten. Wir möchten dazu ermutigen, in Nürnberg nachhaltige Strukturen für Kreative zu schaffen. Nicht nur für die Kultur- und Kreativwirtschaft, sondern gleichsam auch für all jene, die nicht in erster Linie erwerbswirtschaftlich orientiert arbeiten. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, die kulturelle Freiräume ermöglicht und damit gemeinschaftlich dazu beiträgt eine Vielfalt an Lebensentwürfen, Begegnungen, Angeboten und Lebendigkeit zu etablieren. Dieses Magazin entstand in einer Zusammenarbeit von Quellkollektiv e.V. und Urban Lab gUG mit Beiträgen von sechs Redakteur*innen und einer Beteiligung von 55 Mieter*innen des Bau 74.


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Intro

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Eva-Maria Mandok Wie Begegnungen zu Pappmaché werden

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Ursula Kreutz Ein recyceltes Atelier hinter Blech-Dünen

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Linda Männel Verknüpft mit Nürnberg

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Tom Karg Von Baurausch und Bastelwahn

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Barbara Lidfors Painting is a still movement

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Adam Cmiel Durch die Wand mit Adam Cmiel

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Axel Gercke Atelier mit Blick auf den Science-Fiction-Friedhof

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Studie Vorwort Rahmendaten Tätigkeiten Räumlichkeiten Perspektiven Fazit

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Impressum


Eva-Maria Mandok

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Wie Begegnungen zu PappmachĂŠ werden


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Ich arbeite mit der Zeitung als Farbgebung. Auf dem Boden liegt ein ausgeschnittenes Fotomodell. Hüftslips und BH wurden ihr vom Leib geschnitten. Lediglich den Teppich unter dem Papier trägt sie. Inzwischen kleben die Dessous zusammen mit anderen lila Papierschnipseln auf einem Hut aus Pappmaché. Eva-Maria Mandok modelliert die Büste einer Frau aus einem alten Quelle Katalog. „Zeitungen sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Bei den Plastiken wird das Layout in 30 Jahren eine ganz andere Wirkung haben.“


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Eva-Maria Mandok

Das sind Schnappschüsse oder Skizzen von der Straße, irgendwelche Leute. Komplett anonym. Begegnungen auf der Straße, in der Kneipe oder am Bahnhof sind Vorlagen für Evas Figuren. Dabei kann schon eine hübsche Pose oder interessante Haltung ausschlaggebend sein. Auch die „Dame mit Hut“ fotografierte sie heimlich in der Innenstadt. Auf dem Regal stehen weitere Pappkameraden. Darunter Hunde, ein dicker Mann mit Katze, Frauen in Mänteln und verträumte Mädchen. „Für eine Figur wie das kleine Mädchen brauche ich zwei Monate. Es ist eine recht langwierige Arbeit.“ Fertige Plastiken werden zusätzlich mit einer Mischung aus Leim und UV-Schutz überzogen und mit Buchstaben-Schnipseln signiert. Doch auch die Figuren verändern sich mit der Zeit. „Das ist der Alterungsprozess wie bei uns Menschen. Mit der Zeit verändert sich die Farbe.“


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Es ist auch für Besucher spannender, wenn alles auf einem Haufen ist. 2008 zog Eva in ihr Atelier im Bau 74. „Ich dachte mir: Für den Preis? — sofort! Außerdem war ich zu der Zeit gerade erst mit der Akademie fertig.“ Neben Eva-Maria arbeiten noch weitere Bildhauer auf dem Gelände. Untergebracht sind diese im Hof oder in den Hallen im Erdgeschoss. Allerdings gestalten sie mit Holz, Metall oder Stein. „Büroräume sind perfekt für meine Arbeit mit Pappmaché.“ Vor allem die Nähe zu Wasser-


8 Eva-Maria Mandok hähnen ist ihr wichtig, jedoch befinden diese sich am anderen Ende des langen Ganges. „Ich bin meistens zwei Tage am Stück im Atelier. Das ist hier schon wie auf einem Campingplatz, wenn ich im zweiten Stock immer eimerweise Wasser für den Kleister auf Vorrat hole.“

Wenn man langfristig was Großes machen möchte — so eine Subkultur im Zentrum — dann fände ich ja das Kolosseum super. Eva arbeitet seit mehr als zehn Jahren in ihrem Atelier auf AEG. Fehlen werden ihr sicherlich nicht die zugigen Fenster, die ihr als Kühlschrank-Ersatz dienen, oder die brütend heißen Sommer. Schmerzlich wird allerdings, wenn die Gemeinschaft und das Umfeld verschwinden, welche sich über Jahre aufgebaut haben.


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Bau 74


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Ursula Kreutz

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Ein recyceltes Atelier hinter Blech-DĂźnen


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Für mich ist ein Atelier nicht nur ein Raum, sondern der Raum. Kurz vor neun Uhr kommt Ursula Kreutz angeradelt. Im Foyer stellt sie das Fahrrad bei den anderen ab. Ihre Arbeitsräume befinden sich in den ehemaligen Umkleide- und Duschräumen. Anfangs war sie noch skeptisch, wollte nicht in die „Legebatterie für Künstler“ auf AEG. Inzwischen ist sie begeistert: „Hier kann ich mich besonders konzentrieren und bin super inspiriert. Es ist ein Ort, an dem ich sehr kreativ sein kann und an dem viel Neues entsteht.“. Vor kurzem investierte Ursula in einen neuen Boden. Der Stil ihrer Einrichtung ist minimalistisch und erstrahlt in zarten Pastelltönen. Große Fenster erhellen die beiden Räume. Hinter den großflächigen Milchglasscheiben lässt sich eine monumentale Blech-Düne erahnen. Das hohe Pultdach des alten Versandlagers gibt lediglich einen Spalt des bewegten Himmels frei. Diese ruhige Ausstrahlung wirkt bis in die Räume.


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Ursula Kreutz

Sonst hätten die mich als Neunzigjährige aus dem Wohnatelier raustragen müssen. Lachend deutet Ursula Kreutz auf ein gigantisches Mosaik aus Papierfetzen: „Und das ist mein altes Atelier.“ In mühseliger Kleinarbeit zerriss sie eine lebensgroße Fototapete und klebte sie an Wände und Decke. „Das ist sozusagen Recycling meines alten Ateliers in neuen Räumen. Das bleibt dann auch zurück wenn hier Schluss ist.“ Vorher war sie in einem großzügigen Wohnatelier in Fürth untergebracht. Nach zwölf Jahren verließ sie es freiwillig, um sich in eine „neue Lebenssituation katapultieren zu lassen“.


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In anderen Städten muss man ständig präsent sein, um wahrgenommen zu werden. Inzwischen lebt die Rheinländerin seit zwanzig Jahren in der Stadt. Damals wechselte sie an die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. „Diese Abgeschiedenheit und Ruhe da draußen im Wald — das hat mich total angesprochen. Und: Einfach auch bezahlbaren Wohn- und Lebensraum zu finden — auch als Künstlerin.“ Besonders zum Arbeiten schätzt sie dieses „Nischen-Dasein“. „Ich finde das gerade gut, dass um Nürnberg nicht so ein Hype ist wie um Köln, London oder Berlin. Es ist ein gutes Verhältnis zwischen Exhibition und sich zurückziehen.“


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Ursula Kreutz

Das sind diese ‚Unorte‘, die noch nicht ganz erschlossen sind — wo noch alte Geschichten wabern...

Im Atelier werkelt sie häufig auch am Wochenende, da sie wochentags zudem mit Schulkindern in einer freien Kunstwerkstatt arbeitet. Auch im Unterricht sieht Ursula den „Raum zur Entfaltung“ immer limitierter. „Dabei stecken so viel Kreativität und Entdeckergeist in den Kindern.“ Sie lässt das Ende des Bau 74 erst mal auf sich zukommen. Für räumliches und materielles Überleben sieht sie die Stadt im Zugzwang. „Zu verkünden, dass sich Nürnberg als Kulturhauptstadt Europas bewirbt und im selben Atemzug siebzig Künstlern zu kündigen... das passt irgendwie nicht.“ Gerade bei der Belebung der fränkischen Kultur und der Aufarbeitung der Geschichte spielt die Kunst- und Kulturszene eine zentrale Rolle. So wäre es für die Künstlerin auch interessant, im größtenteils leerstehenden Dokumentationszentrum  zu arbeiten. „Ob positiv oder negativ. Das sind Kulturorte. Es wäre super spannend an solchen Orten zu arbeiten.“


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Bau 74


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Linda Männel

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Verknüpft mit Nürnberg


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Das ist ein kreativer Ort. Die Idee entstand Auf AEG. Seit ihrem dritten Lebensjahr lebt Linda Männel in Nürnberg. Kindergarten, Schule, Akademie der Bildenden Künste, Auf AEG: Über Jahre vernetzte sich die Künstlerin in der Region. „Gerade, wenn du von der Akademie kommst, hast du dein Netzwerk und kennst dich in der Szene aus, da hat man es — wenn man weggeht — anfangs viel schwerer.“ Nach dem Abschluss als Meisterschülerin bezog sie 2009 das Atelier. Diese Zeit war für Linda auch stilprägend: „Vorher hab ich nur schwarz-weiß mit Tusche gemalt. Ein Roman von Ingrid Noll hat mich dazu inspiriert, mit Tusche bemalte Leinwände mit farbigem Garn zu besticken.“ Dabei hatte sie vorher nie etwas mit Wolle am Hut.

Ich brauche das Licht auf der Südseite. Als Linda vor neun Jahren einzog, fand sie noch die Büromöbel der Angestellten vor. Heute bietet das geräumige Zimmer reichlich Platz für die komplexe Technik, zumal die Künstlerin selber Garne für Farbabstufungen färbt. Das Atelier ist hell und aufgeräumt. An der Fensterseite steht ein Sofa. Vorhänge und Uhr erinnern an ihre Großmutter. Farbige Wollknäuele, Fotos, Karten, Kinder-Zeichnungen und Gemälde verzieren die Wände.


22 Linda Männel Schließlich empfängt Linda hier auch Kunden. „Mein Hauptverdienst ist das Publikum, das auf Ausstellungen meine Sachen sieht und im Nachhinein zu mir ins Atelier kommt. Das ist schon krass, wenn die Werkschau Offen Auf AEG wegfällt.“

Mir macht es unendlich Freude, zu arbeiten. Ich bin sehr dankbar, dass ich genau das machen kann. Neben den beiden Arbeitstischen steht die kleine Werkbank ihres Sohnes. Unter normalen Umständen arbeitet die Künstlerin täglich hier. Vor sieben Wochen kam ihre Tochter auf die Welt. „Meine Arbeit ist dadurch enorm strukturierter und tiefer geworden. Wenn du plötzlich nur noch vier Stunden am Tag Zeit hast, dann beschäftigst du dich nicht mehr mit unwichtigen Dingen, sondern nur mit wirklich Essenziellem.“


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Kleine Stadtteilgalerien sind reizvoll, jedoch würde eine Ausstellungshalle Raum für große Projekte jenseits der etablierten, perfekt eingerichteten Museen bieten. Das hätte Großstadtflair mit überregionaler Strahlkraft. Was die Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 angeht, hat Linda bisher noch gedämpfte Hoffnungen. Die Künstlerin wünscht sich, dass nicht nur ausgewählte Prestigeprojekte gefördert werden, sondern auch die hiesige Szene nachhaltig gestärkt wird. Denn neben Arbeitsräumen und Ausstellungshalle zählt für Linda vor allem die Gemeinschaft. „Gerade die Möglichkeiten mit vielen Kollegen in einem Gebäude zu sein, gemeinsame Projekte zu realisieren und sich austauschen zu können, statt einsam in einem Hinterhofatelier zu arbeiten, sind für mein künstlerisches Schaffen unendlich wertvoll.“


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Seit neun Jahren heißt es jedes Jahr, dass es nächstes Jahr vorbei ist — irgendwann gewöhnt man sich dran. Ich bin da entspannt. Jetzt hängt die Zukunft des Bau 74 am seidenen Faden und viele der Künstler sehen die Stadt im Zugzwang. „Natürlich könnte man sich in der Gemeinschaft selber organisieren und ein Gebäude mieten. Allerding tut es schon weh, wenn man statt vier, acht Euro Miete pro Quadratmeter zahlen müsste.“ Die Zeit Auf AEG hat Lindas Kunst fortentwickelt und ihren Stil geprägt. Hier ergänzte sie ihre Tuschebilder mit farbigem Garn. Es bleibt spannend, wie sie ihre zukünftigen Stationen inspirieren werden.


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Bau 74


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Tom Karg

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Von Baurausch und Bastelwahn


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Ich bin ‘n bisschen hide and seek. Tom Karg kniet auf dem Fliesenboden im Gang und zerteilt Holzlatten mit der „Kreischsäge“. Für den geplanten Winterrundgang im Bau 74 baut der Produktdesigner Aufsteller für Plakate und Wegweiser. Ohnehin hat Tom einige seiner Arbeiten in der Stadt verteilt. „Auf Partys stelle ich Möbel auf, damit sich die Leute hinsetzen können.“ Meist sind diese schon weit vorher geplant. So stehen etwa im Filmhaus zwei gelbe Sitzmöbel. Auch Auf AEG, der Quelle und dem Gelände des Z-Baus findet man seine räumlichen Objekte aus Dachlatten-Gerippen, wie etwa Pavillons.


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Tom Karg

Nach einem kurzen Aufenthalt bin ich geblieben. Der Produktdesigner studierte in Saarbrücken. Nach dem Masterabschluss arbeitete er in Berlin. Schließlich lockte Tom das Aus der Quelle zurück in die Heimat. Paradiesisch waren für den Gestalter die 80 m² Arbeitsfläche, Lagerräume und die Möglichkeit, auf der Dachterrasse zu arbeiten. Seit 2015 ist er „Zwischennutzer“ im Bau 74.


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Kryptisch, cool, Les Ampoules. Tom aka Les Ampoules arbeitet meist mit Materialien aus Containern oder Internetportalen. „Reduce, reuse, recycle“ zählen zu seinen zentrale Grundsätze. So stammen auch all seine Werkzeuge aus zweiter Hand. „Bei gebrauchtem ‚Matri‘ ist die Hemmschwelle weg, da sind schon Löcher drin. Außerdem können Limitationen sehr inspirieren.“ Aus den Sachen entstehen etwa Leuchten, Vasen, Möbel oder Spielzeug. „Es ist ein langsamer Prozess oft vergeht ein Jahr, bis der Prototyp steht.“

Hier ist Dreck, Staub, Lärm. Seine Arbeits- und Lagerflächen verteilen sich im Bau 74 auf zwei Räume. Der „Dreckraum“ wirkt wie eine Mischung aus Labor und Küche. Neben einer Küchenmaschine, um Gießmassen anzurühren, befinden sich dort Mikrowelle, Gussformen, Kompressor und CNC-Fräse. Wie in seinem anderen Raum reichen die Lagerflächen bis knapp unter die abgehängte Decke.


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Tom Karg


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Mir hat die Fensterhöhe hier nicht gefallen und dann hab‘ ich gleich Paletten zu einem Podest verbaut. In der oberen Hälfte des Türstocks hängt ein schmaler japanischer Vorhang, genannt ‚Noren‘. „So kannst du eine offene Tür haben, gleichwohl sind die Leute nicht gezwungen, direkt mit dir zu interagieren. Ab und zu bekomme ich Besuch und mein Fachwissen ist bei kleine Reparaturen gefragt. Ich mag offene Türen.“ Im zweiten Raum des Tüftlers erinnern mintgrüne Metallregale an die Quelle. Sie sind mit Arbeitsnischen und einer Miniküche ausgestattet. Auf einem Podest befinden sich der Schreibtisch mit PC-Arbeitsplatz und selbstverständlich Sitzgelegenheiten. „Vor dem Einzug habe ich auch das Zimmer am Rechner geplant — wie eigentlich alles was ich baue. Möbel und Maschinen wurden ausgemessen und in einen Raumplan eingegliedert. Gerade im 3D-Modell kannst du Problemen vorbeugen und Zeit und Kraft sparen.“ Zwar verteilen sich Toms Arbeiten bereits im gesamten Stadtgebiet oder stehen auf seiner Homepage zum Verkauf, jedoch wären viele Objekte ohne die günstigen Mieten und Zwischennutzung kaum realisierbar gewesen. Besonders die Möglichkeit zu experimentieren geben dem Produktdesigner wichtige Impulse.


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Bau 74


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Barbara Lidfors

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Painting is a still movement


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Ich hab‘ einen Fuß in Nürnberg und einen in Fürth. Das gefällt mir sehr gut. Bevor die US-Amerikanerin in ihr Atelier auf AEG wechselte, hat sie zehn Jahre in einer ehemaligen Kneipe in der Fürther Innenstadt gemalt. „In Fürth war ich eigentlich ganz glücklich. Ich bin hauptsächlich wegen der lichtdurchfluten Räume nach Nürnberg gekommen. Für Malerei ist das wichtig.“ Barbaras Atelier befindet sich in der zweiten Etage im Bau 74. Durch großflächige Fenster fällt Tageslicht in ihre beiden Zimmer. Auf der Fensterbank stapeln sich CDs. Im Radio läuft klassische Musik. Teile des Bodens sind mit hellem Linoleum ausgelegt. Einbauschränke aus AEG Zeiten bieten Stauraum für Bücher, Leinwände, Staffeleien und mit Pinseln gefüllte Vasen. An den Wänden hängen ausgewählte Ölbilder bis unter die Decke.


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Barbara Lidfors

Malerei ist eine Verdichtung verschiedener Momente, die man mit dem Bild verbracht hat. Deswegen finden sich in jedem Gemälde unterschiedliche Gefühle und Betonungen. Trennung von Leben und Arbeit sind Barbara wichtig. „Gerade als Frau ist es gut, wenn man aus dem Haus ist. Weg von den Waschmaschinen und allem was nach Ordnung schreit. Wenn ich mit meiner Kunst alleine im Atelier bin, dann ist mein Kopf frei.“ Dabei besitzt ihr Atelier einen besonderen Stellenwert. Hier verdichten sich alle Eindrücke, die sie im Alltag oder auf Reisen sammelt. Im Zentrum ihrer Werke steht für sie immer der Mensch — selbst bei den Landschaftsbildern, an denen sie aktuell arbeitet.


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Mein Ziel ist nicht, dass meine Schüler wie ich malen, sondern dass sie ihre eigenen Interessen, Fähigkeiten und Kreativität fortentwickeln. Einmal pro Woche gibt Barbara Malkurse für Jugendliche und Erwachsene. „Die meisten sind schon viele Jahre dabei. Ihre Arbeit entwickelt sich und inzwischen sind einige gute Künstler unter ihnen. Darüber bin ich ziemlich stolz.“ Malen können die Schüler im Hauptraum an Staffeleien oder im Nebenraum an Arbeitstischen. Aus einigen Kursteilnehmer wurden Freunde. Sie gehen miteinander Kaffee trinken oder besuchen Ausstellungen.


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Barbara Lidfors


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Wenn es mit der Kulturhauptstadtbewerbung ernst ist, dann ist es wichtig, alle Kultursparten zu stärken. Auch der Bedarf an Ateliers ist dabei nicht zu unterschätzen. Vier Jahre arbeitet Barbara inzwischen im Bau 74. Die verbleibende Zeit im Atelier genießt sie und nutzt die Vorzüge: Platz und Licht. „Irgendwie möchte ich mich mit diesem Thema nicht stressen.“ Auch wenn die Zukunft ungewiss ist — ein kleiner Hoffnungsschimmer liegt in dem Bestreben Nürnbergs um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025.


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Bau 74


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Adam Cmiel

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Durch die Wand mit Adam Cmiel


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Ich geh‘ hierher und überrasch‘ mich selbst. Umringt von überfüllten Tischen kniet Adam Cmiel auf dem Boden und malt bunte Bilder. „Ich will das jetzt einfach sehen und dann mach ich es auch.“ Diese Neugier treibt ihn oft durch schlaflose Nächte. Sämtliche Flächen im Atelier sind mit Kunstwerken oder kuriosen Gegenständen, wie falschen Lüftungsgittern, dekoriert. „Ich arbeite an ultra vielen Sachen gleichzeitig, deswegen ist es hier so eng.“ In insgesamt drei Depots lagern Materialien, Bilder oder Transportboxen. Noch sind seine Ausstellungen meist außerhalb Nürnbergs, zuletzt etwa in Karlsruhe — dort studierte Adam. Offen Auf AEG, die Werkschau der Künstler auf dem Gelände, stellt für ihn die wichtigste Plattform in der Region dar.


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Adam Cmiel

Weststadt, Oststadt, Gartenstadt – Nürnberg ist ‘ne schöne Stadt. Besonders die Subkultur schätzt Adam an der Stadt, etwa den Musikverein oder das heizhaus auf dem Quelle-Gelände. Das Ende des Bau 74 bereitet ihm Bauchschmerzen. „Es ist halt schwierig, wenn 80 Leute weggehen... Dann: BUMM!“ Lange Wartelisten für Arbeitsräume ist er überdrüssig, vielmehr hofft er auf Gönner oder Spender, die „irgendwas leer stehen haben“. Dabei liegt ihm vor allem Gemeinschaft am Herzen.

Hier ist mein Rückzugsraum, ich entkomme dem ganzen Stress und Ärger auf der Welt und schöpfe daraus. Adam Cmiels Kunst ist vielfältig: Neben bildender wären da noch angewandte, Guerilla- sowie Installations- und Aktionskunst. Letztere sticht dabei besonders ins Auge. Dazu zählt etwa das „Golfhotel Scheibenhardt“. Cmiel eröffnete in der Nähe eines Golfklubs ein fiktives Hotel, inklusive Empfangstheke, Klaviermusik und Fahrstuhl. Mit dieser Arbeit führte er nicht nur „den Golfern ihre Konsumgier vor die Augen“, sondern bekam auch ein Reisestipendium. So schickte ihn die Regierung nach Wales.


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Adam Cmiel


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Damals in der Akademie waren manche Leute ein bisschen faul... Sie haben den ganzen Tag gequatscht und Kaffee getrunken, dabei hatten wir die Möglichkeit uns mit so viel Interessantem zu beschäftigen. Seine Diplomarbeit Medina Plot meldete er gleich bei den Guinness World Records an. Dabei ließ er gleich mehrere von ihm kuratierte Räume hinter einer verkleideten Tür verschwinden und bot zudem eine Stuntshow dar. Rekordverdächtig. „Ich stand mit den Professoren im Treppenhaus. Sie fragten mich, wo denn meine Arbeit sei. Ich antwortete: Es geht um meine Zukunft, ich gehe vor und ihr kommt nach. Plötzlich spring ich stuntmäßig gegen die Wand und dann war sie da, die Zukunft.“ Irgendwann möchte Adam vollständig von seiner Kunst leben — daher auch das intensive Leben und all der Fleiß. Vielleicht kommt ja der erhoffte Durchbruch, und seine Arbeit geht durch die Decke.


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Bau 74


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Axel Gercke

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Atelier mit Blick auf den Science-Fiction-Friedhof


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Manche Büros sahen aus, als wäre gerade erst jemand gegangen. Axel Gercke war einer der ersten Künstler im Bau 74. „Wir waren direkt nach dem Auszug der Leute da. Alles stand so rum... wie in einem Zombiefilm, wenn plötzlich alle Menschen weg sind.“ Zum Malen trägt er einen originalen AEG Arbeitskittel, übersät mit Ölfarben. Im Raum hat der Künstler kaum etwas verändert. „Das ist auch alles AEG Inventar. Ich mag das.“ 2007 konnte er sich einen geeigneten Raum auswählen. Das Atelier zählt zu einem der größten im Haus. „Eigentlich brauch ich nur Pinsel, Farbe und Staffelei.“. Dennoch benötigt Axel für jede Technik unterschiedliche Materialien.


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Axel Gercke

Vom Graffiti zur altmeisterlichen Malweise ist es kein weiter Weg. Axel wuchs Anfang der 90er in Erlangen auf. Graffitis und Hip-Hop führten ihn zur Kunst. In den Studienjahren in Nürnberg und Krakau spezialisierte er sich dann auf traditionelle Malerei. Beide Welten verbinden sich in seinen Werken. So zeigt ein zeitgenössisches Stillleben aufeinander getürmte Old-School Sneaker. Es ist eine Hommage an Breakdance.

Bertram hat gesagt, übernächstes Jahr kommen die Bagger. Nicht mal ein Kilometer liegt Axels Zuhause vom Atelier entfernt. „Das ist die absolute Wellness-Situation, die wir hier haben. Die Atelier-Miete passt und die Community auch.“. Allerdings bekommt auch er die Veränderung im Stadtteil Eberhardshof zu spüren, wie Mieterhöhung oder Baustellen. Nun soll auch das ehemalige AEG-Nordgelände entwickelt werden und Bau 74 muss weichen.


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Sieht viel schöner aus: der Leerstand mit ‘ner Kunstaustellung... Von Anfang an war klar, dass die Zwischennutzung durch Künstler und Kreative nur temporär ist. „Seit zehn Jahren sind unsere Ausstellungen Highlights im Kulturkalender. Aber jetzt wird das Gelände neu bebaut und die Überraschung ist groß. Eigentlich war ganz viel Luft für die Stadt, sich darauf vorzubereiten.“ Zwar hat das Kulturreferat die jährliche Werkschau Offen Auf AEG bezuschusst, neue Räume für Kreative wurden allerdings nicht geschaffen.


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Axel Gercke


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Ab vier Euro pro Quadratmeter wirds langsam unbequem. Axel Gercke blickt sich nach Alternativen um. „In Nürnberg gibt es bestimmt einige Orte, die sich mit öffentlicher Hilfe als Ateliers nutzen ließen...“ Auch in Hinblick auf die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas wäre das eine Gelegenheit, die Bewerbung zu vervollständigen. „Wenn Nürnberg noch zeigen könnte: Kuck mal, was wir tolles machen für die Kreativen. Wir bereiten fruchtbaren Boden, schaffen Räume und Möglichkeiten.“

Auf der Straße sitzen, kann ich mir nicht vorstellen. Wie kommt das dann rüber... Schau ma‘ mal, wo es uns hin spült. Axel lässt die Zukunft auf sich zukommen, wie viele andere Kreative im Bau 74. Von seinem Atelierfenster aus wird er bis dahin sicherlich noch viele Flugzeuge starten sehen. Der Albrecht Dürer Airport Nürnberg trägt den Namen des berühmten altmeisterlichen Malers. Zu seiner Zeit wird es der berühmte Sohn der Stadt auch nicht immer einfach gehabt haben.


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Bau 74


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61 Vorwort

Im Gewerbeflächengutachten der Stadt Nürnberg wird der Kultur- und Kreativwirtschaft in Nürnberg zwar eine wichtige Rolle in der wirtschaftsstrukturellen Entwicklung zugewiesen, dennoch wird nicht berücksichtigt, dass ein Mangel an bezahlbaren Flächen für diese Branche besteht, was sich regelmäßig in Demonstrationen und Forderungen wiederspiegelt. Künstlerische Tätigkeiten, nicht in erster Linie kommerziell ausgerichtet, wird in diesem Kontext erst gar nicht berücksichtigt. Ohne den Suffix -wirtschaft scheint hier in der allgemeinen Wahrnehmung kein Raumbedarf zu existieren. Dass jedoch Kultur nicht nur in Kulturläden unterzubringen ist, sondern ein gut ausgebildeter bildender Künstler einen Raum braucht, in dem er kontinuierlich arbeiten kann, sollte an dieser Stelle durchaus berücksichtigt werden. Im Bau 74 sind ist eine*r von fünf Mieter*innen Meisterschüler*in einer Kunsthochschule. Was sagt es über eine Stadtgesellschaft aus, die keinen Platz für die Spitze der künstlerischen Ausbildung hat? Dass Kunst und Kultur nicht gewinnorientiert ausgerichtet sein muss ist gesellschaftlicher Konsens. Nur scheint die Frage nach der Raumsituation dabei kaum eine Rolle zu spielen. Die städtische Atelierförderung kann zwar Räumlichkeiten für Einzelne erschwinglich machen, ist aber kein umfassendes Hilfsmittel. Eine Stadt wie Nürnberg kann nicht darauf vertrauen, dass sich in regelmäßigen Zeiträumen Industriebrachen auftun, sondern muss ein dauerhaftes, bezahlbares Raumangebot für Künstler*innen und Kulturschaffende bieten um eine Abwanderung kreativer Potentiale zu verhindern. Welche Bedarfe und Kapazitäten Kreativschaffende in Nürnberg haben zeigt diese Studie exemplarisch an den 55 im Herbst 2018 befragten Mieter*innen der kulturellen Zwischennutzung Bau 74 Auf AEG.


1. Rahmendaten Bildungsstand, Alter und Geschlechterverhältnis Die befragten Mieter*innen sind größtenteils zwischen 25 und 59 Jahre alt. Frauen liegen leicht in der Überzahl. 81% sind Akademiker*innen und mit 20% bilden die Meisterschüler*innen die größte Gruppe der Mieter*innen im Bau 74. Über 70% der Mieter*innen leben in einem Umkreis von maximal 10 Kilometern zum Gelände Auf AEG. A Geschlechterverhältnis B Altersprofil C Höchster beruflicher Bildungsabschluss D Entfernung zwischen Wohnort und Bau 74

Keine Angabe – 5,5%

männlich 41,8%

A Geschlechterverhältnis

62

weiblich – 52,7%


Keine Angabe

Promotion

65+

über 20km

Meisterschüler*in

60 – 64

10km – 20km

Akademiezeugnis

Staatsexamen

40 – 59

5km – 10km

Diplom

Master

25 – 39

2km – 5km

21 – 24

Bachelor

Meister

Anzahl befragte Mieter*innen

B Altersprofil

18 – 20

1km – 2km

Berufsausbildung/ Lehre

keiner

Anzahl befragte Mieter*innen

C Bildungsabschluss Alter

unter 1km

Anzahl Mieter*innen

D Arbeitsweg

63

25

20

15

10

5

0

k.A.

12

10

8

6

4

2

0

25

20

15

10

5

0


2. Tätigkeiten Neben einer Bestandsaufnahme des Spektrums an ausgeübten künstlerischen und kreativen Tätigkeiten am Bau 74 wurde hier auch der Frage nach der dort verbrachten Zeit und dem erwirtschafteten Einkommen nachgegangen. Bei der Frage nach den Tätigkeitsbereichen zeigt sich, dass sich „Bildende Kunst“ deutlich abhebt. 25 Teilnehmende haben dies sogar als einzige Tätigkeit angegeben, womit fast die Hälfte der Mieter*innen des Bau 74 ausschließlich als bildende Künstler tätig sind. Fast die Hälfte aller Mieter*innen des Bau 74 verbringt den Hauptanteil ihrer Arbeitszeit dort während mehr als die Hälfte sich mit ihrer kreativen Tätigkeit den Hauptanteil des Einkommens erwirtschaftet.

40% 30% 20% 10%

Werbung

Theater

Modesdesign

Offene Werkstatt

Musik

Literatur

Journalismus

Kunsthandwerk

Industriedesign

Illustration

Grafik Design

Fotografie

Film

Coworking

0% Bildende Kunst

Anteil angegebener Tätigkeiten

E Häufigkeit ausgeübter künstlerisch-kreativer Tätigkeiten im Bau 74 (Mehrfachnennungen möglich) F Prozentuale Aufteilung der Befragten: Hauptanteil der Zeit im Bau 74 oder andernorts G Prozentuale Aufteilung der Befragten: Hauptanteil des Einkommens aus Tätigkeit im Bau 74 oder aus anderen Einkommensquellen.

E Beschäftigung

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Extern – 40,0%

G Einkommen

Bau 74 – 52,7%

Keine Angabe – 7,3%

Extern – 42,5%

F Zeit

Keine Angabe – 9,1%

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Bau 74 – 47,3%


2. Tätigkeiten Dennoch ist das im Bau 74 erwirtschaftete Jahreseinkommen der Mieter*innen sehr gering: 58% der Mieter*innen wären ohne zusätzliche Einkommensquellen armutsgefährdet. Grundsätzlich gilt: Die meistern Mieter*innen, die den Hauptanteil ihrer Arbeitszeit im Bau 74 verbringen erwirtschaftet damit auch den Hauptanteil ihres Einkommens. Eine*r von drei Mieter*innen lebt damit trotzdem leider nur am Rande des Existenzminimums. I Verteilung der Höhe des im Bau 74 erwirtschafteten Einkommens J Schnittmenge jener Befragten, die den Hauptanteil ihres Einkommens im Bau 74 erwirtschaften mit jenen, die den Hauptanteil ihrer Zeit dort verbringen K Schnittmenge jener Befragten, die ihr Haupteinkommen im Bau 74 erwirtschaften mit jenen, deren Einkommen unter dem Existenzminimum liegt.

9.168€/Monat Existenzminimum

15 10 5

keine Angabe

über 30.000€

24.000€ – 30.000€

18.001€ – 24.000€

12.001€ – 18.000€

6.001€ – 12.000€

3.001 – 6.000€

0 weniger als 3.000€

Anzahl Mieter*innen

20

I Einkommen

66


Mieter*innen Ăźber Existenzminimum

Haupteinkommen im Bau 74 erwirtschaftet

Ăœberwiegende Arbeitszeit im Bau 74

Haupteinkommen im Bau 74 erwirtschaftet

67 J Einkommen/Zeit

2

19 24

9

5

K Einkommen/Existenzminimum

1


Schlafen – 7,3%

3. Räumlichkeiten Buchhaltung und Präsentation machen fast die Hälfte der angegebene Aktivitäten neben der künstlerisch-kreativen Tätigkeit aus. Weitere häufige Nutzungen sind Essen & Kochen, aber auch Feiern und Schlafen.

Kochen – 9,8%

Feiern – 13,4%

L Häufigkeit ausgeübter Aktivitäten neben künstlerisch-kreativer Arbeit (Mehrfachnennungen möglich)

68

Buchhaltung – 18,3%


Präsentation – 29,3%

Sonstiges – 1,2%

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Essen – 20,7%


3. Räumlichkeiten Die meisten Mieter*innen haben zwischen 10m2 und 30m2 zur Verfügung und sind damit auch zufrieden. Etwas mehr als die Hälfte der Beteiligten verfügt über einen eigenen Raum, während sich der Rest Räumlichkeiten teilt. Die gemeinsame Nutzung wirkt sich positiv aus: Mieter dieser Gruppe sind im Schnitt zufriedener

Keine Angabe 5,5%

M Verteilung der Platzverhältnisse, jeweils zur Verfügung stehender Platz N Anteil der mit der Gesamtsituation zufriedenen Befragten, abhängig von der Fläche O Prozentuale Aufteilung der Mieter mit gemeinsamer und eigenständiger Raumsituation P Schnittmenge jener Befragten, die mit Ihrer Situation zufrieden sind mit jenen, die sich einen Raum teilen

Gemeinsam – 41,8%

Alleine– 12,7%

O Raumnutzung

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Gemeinsame Raumnutzung

Zufrieden mit Raumsituation

P Zufriedenheit/Gemeinsam

18

0m2 – 10m2

15

8 über 50m2

40m2 –50m2

über 50m2

40m2 –50m2

Anzahl Mieter*innen

M Platzverhältnisse

30m2 – 40m2

0% 30m2 – 40m2

20% 20m2 – 30m2

40%

20m2 – 30m2

60% 10m2 – 20m2

80%

10m2 – 20m2

0m2 – 10m2

Zufrieden

N Zufriedenheit

71

12

10

8

6

4

2

0


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4. Perspektiven Eine deutliche Mehrheit der Mieter*innen sieht bei einer Schließung des Bau 74 keine vergleichbare Alternative zur aktuellen Raumsituation. Für eine Neuorientierung stehen einem Großteil der Befragten monatlich zwischen 100€ und 300€ zur Verfügung. Während die durchschnittliche Miete pro Quadratmeter im Bau 74 bislang bei ca. 4,50€ (warm inkl. Nebenkosten) liegt, könnten die Mieter*innen für vergleichbare Räumlichkeiten maximal 6,50€ pro Quadratmeter ausgeben. Viele aller Befragten wünschen sich in Nürnberg mehr Interesse an der Kunst und sehen aufgrund fehlender Räumlichkeiten und nach Ende der Nutzung des Bau 74, trotz guter Ausbildung, ihre Zukunft in einer anderen Stadt. Beinahe die Hälfte möchte zwar in Nürnberg bleiben, hat aber zum Großteil noch keine räumliche Alternative in Sicht. Gründe für das Bleiben sind vor allem Familie und Freunde. Viele äußern den Wunsch, gemeinsam auf die Suche nach neuen Räumlichkeiten zu gehen. Die Verantwortung für die Lösung ihrer Raumprobleme sehen viele bei der Stadt Nürnberg. Q Verteilung der aktuellen Mietkosten im Vergleich mit dem möglichen Maximalbetrag R Errechneter durchschnittlicher aktueller und maximal leistbarer Quadratmeterpreis S Mögliche Raumperspektiven der Mieter*innen nach Schließung des Bau 74


K Raumperspektiven Mittelwert Miete/m2 (warm+NK)

K Quadratmeterpreis in Nürnberg 8

6

4

2

0 unter 100€

6,50€ 13,90€

Keine Angabe – 10,9%

Keine Alternative 65,5%

*Büromiete: Wirtschaft in Mittelfranken 09/2016 **Nebenkosten: OSCAR-Analyse, JLL, 09/2018 ***Mittelwert Z-Bau/MUZ/heizhaus Neue Büros

6,50€

keine Angabe

über 300€

4,50€

Ältere Büros (10-20 Jahre)

10 200€ – 300€

12

Bestehende Angebote

14 100€ – 200€

16

Laut Umfrage maximal leistbar

18

Aktuell im Bau 74

Quadratmeterzahl

Q Verteilung Mietkosten

73 30

20

10

0

17,15€

Zu Hause – 16,4%

Alternativlösung im Blick – 7,3%


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Fazit

Viele Künstler*innen sehen die Verantwortung bei der Stadt Nürnberg. Dies muss nicht unbedingt bedeuten, dass sie fordern, die Stadt würde ihnen unmittelbar günstige Räume zur Verfügung stellen, sondern eher, dass sie sich und ihre Anliegen nicht ernst genommen fühlen und sich von kommunaler Seite mehr Verständnis und Unterstützung wünschen. Der Anteil an zufriedenen Mieter*innen in gemeinsamen Mietverhältnis ist leicht höher als der in einzelnen Mietverhältnissen. Dadurch kann zwar nicht deutlich gezeigt werden, dass die Kunst- und Kreativschaffenden in Gemeinschaft glücklicher sind, zumindest kann aber angenommen werden dass sich ein hoher Anteil an geteiltem Raum nicht negativ auf die Zufriedenheit der Mieter auswirkt. Dies kann sich positiv auf die finanzielle Belastung jedes einzelnen auswirken — vor allem mit Blick auf aktuell gängige Quadratmeterpreise — und fördert zudem den gegenseitigen kreativen und sozialen Austausch. Die Mieter*innen des Bau 74 wären im Durchschnitt bereit bis zu 6,50€ pro Quadratmeter für vergleichbare Räumlichkeiten in die Hand zu nehmen. Dies deckt sich mit bereits bestehenden Angeboten in Nürnberg. Eine Agentur für kulturelle Zwischen- und Umnutzungen an der Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und Kulturszene könnte an dieser Stelle ein sinnvoller Lösungsansatz sein. Wichtig sind in diesem Kontext Geduld, gegenseitiges Vertrauen und Offenheit für Neues.


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Impressum

Herausgeber Quellkollektiv e.V. Wandererstraße 89c 90431 Nürnberg Urban Lab gUG (haftungsbeschränkt) Frankenstraße 200 90461 Nürnberg Konzeption und Koordination Sebastian Schnellbögl Künstlerportraits Simon Gubo (Text) Kilian Reil (Fotografie)

Fotografie Bau 74 Julia Hendrysiak

Studie Sebastian Schnellbögl Ulrich Hirschmüller

Grafik Design Christian Köcher

Schriften Akzidenz Grotesk Suisse

Papier 300g/m2 Recyclingkarton 100g/m2 Recyclingpapier

Wir bedanken uns besonders für die Unterstützung bei: Sugar Ray Banister, Axel Gercke, Maria Trunk, Stefanie Walter, Chris Weiss, den im Magazin portraitierten Mieter*innen und allen Teilnehmer*innen an der Umfrage zur Situation Kreativschaffender im Bau 74. Dieses Magazin wurde ermöglicht durch eine Anschubfinanzierung des Kulturreferates der Stadt Nürnberg an das Quellkollektiv e.V. Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der urheberrechtlichen Grenzen ist ohne Zustimmung der Autoren unzulässig. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an: basti@urbanlab-nuernberg.de © Quellkollektiv e.V./Urban Lab gUG (haftungsbeschränkt) 2019


Eine Beo bachtun g der Ra Kreative umsituat r in Nürn ion b erg am B Bau 74 A eispiel d uf AEG. es

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Bau 74 Magazin  

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