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roman von olaf kraemer fotos von richard pleuger

UNSER MANN IN HOLLYWOOD


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1st edition 2011 Š 2011 by olaf kraemer & richard pleuger bildredaktion: conny schwarz & richard pleuger layout + design: paul putzar all rights reserved. no part of this publication may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted in any form or by any meanings, electronic, mechanical, photocopying, recording or otherwise, without the prior permission of the copyright owner or the publishers.


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zweihundert inder 34

nach dem goldrausch 66

zur端ck in lotosland 78

in jedem traumhaus ein herzschmerz 92

vom kreuz 118

graf luckner gibt sich die ehre 138

johnny dollar 150

der bogus mann 170

mount olympus 176

the end of the rainbow


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Zweihundert IndeR

Geschenk verpackte und eine Schleife mit der Schere abzog. Isaak MaayakiAftershave für Ben, den müden stoischen norddeutschen Kameramann in Hollywood. Teurere Geschenke ließ sein Budget im Augenblick nicht zu und möglicherweise rührte seine dunkle Verstimmung im Angesicht der Feuerzeuge aus der Empfindung dieser materiellen Unzulänglichkeit, die ihn nach außen hin schwächer erscheinen lies, als er es in Wirklichkeit zu sein meinte. Gedanken waren ein mühseliges Geschäft und Johnny Glückstadt bemühte sich, die verpackte Flasche zu der Lektüre in seinem Handkoffer zu stecken und trat dabei einen Schritt vom Tresen zurück. Sein Samsonite ließ sich jetzt nicht mehr einfach schließen. Ein nervöser Reisender mit gelblicher, faltiger Haut, die in einem abgestoßenen Hemdkragen verschwand, ein unerfreuliches Reptil, wie Johnny in einem Augenblick mikroskopisch erhöhter Wahrnehmung feststellte, drängelte ihm nach und berührte ihn dabei so

Der Flug würde Verspätung haben Eine lange Weile blickte Johnny Glückstadt auf die weihnachtlich beleuchteten Dupont-Feuerzeuge in der Drogerieauslage am Frankfurter Flughafen, bis ihn eine unerklärliche Melancholie befiel. Eine Sehnsucht nach Glanz und Größe die ihn beinahe bewogen hätte, eines der ausgestellten Objekte zu kaufen. Obwohl er nicht rauchte, sondern sein Feuerzeug nur trug, um anderen Feuer zu geben. Im letzten Moment räusperte er sich stattdessen und schaute der Verkäuferin mit den manikürten Händen zu, wie sie sein


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am Ellenbogen, dass sein Koffer beinahe von dem Verkaufstresen geglitten

rutschten zwischen die Metalleinfassungen des Handkoffers. Angewidert

und sich der Inhalt auf dem Boden der Flughafenhalle verteilt hätte.

stopfte er sie mit schnellen Händen zurück, als könne jemand sie bemerken und bei ihrem Anblick auf den Gedanken kom-

Vor einigen Monaten war Glückstadt über New

men, dass es sich dabei um eine freiwillige Lektü-

York nach Los Angeles eingereist und hatte bei

re handeln könne.

der Annahme seines Gepäckes festgestellt, dass sich sein Koffer auf dem Rollband bereits geöffnet

Vor drei Jahren, kurz nach dem Abschluss seines

hatte. Unter den Augen der Mitreisenden muss-

Filmstudiums in Berlin war er noch ein wenig

te er Stiefel, Socken, Wäsche und die sich in den

stolz auf seine Profession gewesen: Assoziiert mit

Gummischuppen des Rollbands bereits verfange-

der amerikanischen Filmwelt und ihrer kritischen

nen Papiere aufklauben, indem er mit hastigen

Inbetrachtnahme. Seine Abschlussarbeit ‘Der

Schritten um das bewegte Rondell gelaufen war.

Weltenwanderer aus der Schrankwand’, hatte an

“Verreck´ in der Hölle, Nuttensohn,” forderte er

der Hochschule als innovativstes Abschlusswerk

deshalb erbost den gelblichen Reisenden auf, be-

der Regieklasse gegolten. Doch hatte sie zu nichts

reit zu fliehen oder ihn zu töten. Und als dieser

anderem geführt, als zu einer kurzen, zudem sexu-

sich nach ihm umwandte, senkte er mit einem

ell unbefriedigenden Beziehung mit Famke Ginz-

starkem Druck hinter den Augäpfeln seinen Blick

berg, der begehrtesten Studentin seines Jahrgan-

– beinahe hätte sich die Trauer der Feuerzeuge sich

ges, sowie einem Stipendium am Art-Institute in

seiner jetzt vollends bemächtigt, doch er ermatte-

San Francisco, wo er nachts allein über dem End-

te etwas und versank schließlich in einer tauben

schnitt seines Abschlussfilms gesessen und den

Starre, die es ihm in letzter Zeit immer schwieri-

Galgen nach passenden Filmfäden durchsucht

ger machte, Dinge im Außen zu bewerkstelligen

hatte, die seinem Werk, in dem er selbst die einzi-

oder sich gegenüber anderen in einer angemessen

ge Rolle spielte, einen Sinn hätten geben können.

Weise durchzusetzen. Stattdessen schien die Welt

Doch mit stetig wachsender Gewissheit hatte er

in das Vakuum seiner Existenz zu drängen, sobald

schließlich bemerkt, dass er genau diese Szenen

er auch nur einen Augenblick zögerte oder nicht

nicht hatte drehen lassen und sich entschlossen,

gleich eine Lösung parat hatte.

den Film im Schnellvorlauf auf den Boden rollen zu lassen, um ihn dann in eine Blechmülltonne zu stopfen. Glückstadt hatte die restlichen Streifen

Zwei Belegexemplare der Zeitungen Cinerama und Hollywood Magazin

vom Galgen gerissen, sie dazu geworfen, das Zelluloid mit seinem Feuer-


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zeug angezündet und seiner Karriere als Regisseur für immer den Rücken

ner angenehm fließenden Energie hinterließ. Wenn sich daheim dann beim

gekehrt.

Transkribieren der Tonbänder in der Regel nur zwei oder drei brauchbare Sätze offenbarten, tauschten die Korrespondenten aus Schweden, Brasilien

Wieder in Deutschland hatte er es allmählich verstanden seine dunkle

und Italien ihre Bänder untereinander aus und deklarierten ihre Kolporta-

Nacht der Seele in eine Ansammlung humoristischer Lebensabenteuer zu

gen, die sie mit lockeren und frechen Fragen und Eigenzitaten ihrerseits

verwandeln, deren Wiedergabe bald zur freien Mitarbeit bei den beiden

spickten, als Exklusivinterviews und verkauften sie für hohe Summen. Sich

Magazinen geführt hatte. War er in San Fransisco nur ein sprachlich inelo-

selbst als ehemaligen Filmemacher präsentierend, hatte Johnny Glückstadt

quenter Student gewesen, hatte man ihn in Deutschland beinahe wie eine

bei seinem dritten Pressetermin versucht, einem bekannten jüdischen Pro-

Zelebrität empfangen. Wie mühelos sich das Informationsgefälle zwischen

duzenten und Regisseur seine vorher aufgeschriebene und mühsam in ein

Hollywood und Deutschland nutzen ließ, und welch unstillbarer Bedarf an

lockeres Amerikanisch übersetzte Frage über Hintergründe und Implikatio-

den Lebensansichten und Anekdoten amerikanischer Schauspieler bestand!

nen des neuen Hollywoods zu stellen.

Er war buchstäblich in einen Goldrausch geraten. Es war ihm bald aufgefallen, dass die meisten der in Deutschland abgedruckten Gespräche von den

“Weshalb versuchen ihrer Meinung nach ausgerechnet die jüdischen Film-

Korrespondenten erfunden oder aus amerikanischen Publikationen abge-

schaffenden das Bild einer neuen Herrenrasse in die Welt zu projizieren,

schrieben worden waren, ohne dass jemand in Deutschland Anstoß daran

an dem sich ein kleinkünstlerisches Deutschland so sehr erfreut wie keine

genommen hätte. Im Gegenteil, einige von seinen Kollegen hatten aus ihren

andere Nation der Welt?”

Lügen passable Karrieren gefertigt. Was machte es da, dass sie innerhalb der amerikanischen Filmindustrie als ´Euroschrott´ tituliert und behandelt

Nach dieser Frage war das scherzhafte Poussieren der journalistischen Tafel-

wurden – eine krumpelige Bagage mit schiefem gelblichem Zahnwerk, un-

runde verendet. In das Schweigen hinein bestätigte ihm der Regisseur eine

nachvollziehbaren Ansichten und einem unerschöpflichen Meer von Fragen

interessante Frage aufgeworfen zu haben, die er jedoch allein nicht beant-

über eine Welt, zu der sie unter keinen Umständen Zugang haben durften.

worten könne. Eine dickliche Frau aus Italien und ein stotternder Spanier

Durch Gratistee, Eier Benedict, benähte Sportmützen und Tragetaschen in

riefen zur gleichen Zeit: “Zurück zum Film” und “Das haben doch mit die

ihrer Tätigkeit ermuntert, mussten sie sich zu positiven Aussagen über die

neuen Filmen nix zu tun.” Eine feingliedrige Frau aus Israel, von der er vor

umsonst vorgeführten Filme und ihre Darsteller bewegen lassen. Und da

dem Interview angenommen hatte, dass sie ihn mochte, verließ kurz darauf

die meisten der Schauspieler ohne ein vorliegendes Drehbuch naturgemäß

wütend den Raum und von der Publizistin des Films wurde er nach dem Ter-

nicht viel zu sagen hatten, vertraglich aber dazu verpflichtet waren, drei

min zunächst mündlich, später dann durch ein offizielles Fax gerügt. Man

oder vier Mal im Jahr ihre Produkte vor der Presse zu vertreten, hatte sich

hatte ihm mit dem Entzug seiner Privilegien als Mitglied der ausländischen

zwischen den Europäern und den Darstellern eine Art heiter-bewegte Wel-

Presse gedroht, wenn er weiterhin Fragen stellen würde, die nicht in unmit-

lenlandschaft gebildet, die für die Dauer der Interviews den Eindruck ei-

telbaren Zusammenhang mit dem zu bewerbenden Film ständen.


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Die Abflughalle vor Glückstadt füllte sich jetzt mit Indern und ihren in

nahm er mit tief heruntergezogenen Mundwinkeln seinen Sitz wieder ein

bunte Seidensaris gehüllte Frauen, einige davon in Begleitung ihrer Kinder,

und begann damit sein Jackett nach dem Flugschein abzuklopfen.

mit Mengen unförmigen Handgepäcks und elastischen Koffern in bleichen Blautönen – wie dicht unter der Haut verlegte Arterien, dachte er. Glück-

Glückstadt erinnerte sich genau daran, wie die zusammengehefteten Flug-

stadt fand einen Sitzplatz abseits und schleuderte den Handkoffer demons-

dokumente aus dem Reisepass hervorgestanden hatten. Verstimmt darüber,

trativ in eine der leeren Sitzschalen. Er hatte die Entfernung zu knapp be-

dass sie auf diese Weise unweigerlich verknicken mussten, hatte er sie in

messen. So schlugen die Objekte im Augenblick ihres Aufpralls dissonant

die Innentasche seines Jacketts gesteckt. Nun waren sie nicht dort. Ruhig

gegeneinander. Die Fehleinschätzung war ihm peinlich, doch hatte das Ge-

begann er die Suche noch einmal von vorn. Feiner Schweiß trat unter seinen

räusch sein Revier gesteckt. Er hätte jetzt kotzen mögen. Stattdessen riss

Haaransatz hervor und verdichtete sich zu einem kitzelnden Tropfen, den

er das unter dem Arm getragene Kulturmagazin in der Mitte auf und flog

er mit dem Ärmel seines Blazers abfing. Erneut schnappte er den Samsonite

gleichgültig über die dargebotene Mischung. Als sein Flug aufgerufen wur-

auf und stieß dort auf Anhieb auf das gesuchte Dokument.

de, ordnete er mit schnellen und geschmeidigen Bewegungen den Inhalt seines Koffers und stellte dann fest, dass er sich bei der Wahl seines Sitzplatzes

Als er das Flugzeug endlich betrat, roch es nach Talg und menschlichem

in eine ungünstige Ausgangsstellung begeben hatte. Vor ihm erhoben sich

Horn. Die Tageszeitungen waren bereits vergeben und bei der von ihm mit

etwa zweihundert Inder, von denen jeder das Flugzeug vor ihm betreten

gelassener Neugierde erwarteten Stewardess handelte es sich um einen älte-

würde. Er fluchte, und als einige der Fluggäste sich nach ihm herumdrehten,

ren, offenbar homosexuellen Mann. Die Sitzreihen der dritten Klasse waren fast vollständig besetzt, die beide Plätze zu seiner Linken jedoch noch frei. Wie grundlos verharrte der Flieger auf der Rollbahn, bis sich endlich ein dürrer Mann im Rahmen der offenen Luke zeigte; gefolgt von einer fülligen Frau, die sich inmitten einer Lawine von Bündeln und Kisten kreiselnd, lächelnd um Vergebung bittend und Köpfe und Knie mit ihrem Zeug anschlagend, in Glückstadts Richtung bewegte. Er begutachtete das gemeine Treiben, und wie ein gutes Omen drapierte er sein Clubjackett auf dem leeren Sitz neben sich. Er begann mit der Komposition einer Verteidigungsmelodie und flötete sie in die kalte Luft. Als der dunkelhäutige Mann seine Sitzreihe erreicht hatte, lächelte er zunächst das gute Omen und schließlich ihn selbst an. Dann benachrichtigte er


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seine Frau vom Erfolg der Nummernsuche. Auch sie begrüßte den Fremden,

“Lobster” wiederholte der Fremde, mit einer einladenden Kopfbewegung auf

der nun seine Sonnenbrille aus der Brusttasche entfernt hatte und mit un-

den weißen Karton deutend. “Speak English?”, erkundigte er sich schließ-

beweglichem Gesicht aus dem Fenster starrte. Schließlich nahm der Mann

lich freundlich, eine Reihe goldener Zähne entblößend. Als freue auch seine

den Sitz neben ihm ein. Die Frau reichte ihrem Gatten vom Gangplatz aus

Frau sich über diesen Anblick, und als sei sie durch die Enthüllung des Zahn-

eine Pappschachtel, die dessen gesamten Schoß ausfüllte und das Hosenbein

goldes ihres Mannes auch Glückstadt näher gekommen, wiederholte sie die

seines Nachbarn streifte. Verärgert warf er einen Blick darauf, und dann auf

Frage ihres Gatten.

den Mann, der lachend “Lobster” sagte. “Ja.” antwortete er. “No English,” platzte der Mann mit plötzlich besorgtem Gesicht hervor, und enttäuscht wandte sich nun auch die Frau von ihm ab. Als sich die Maschine in den Himmel über Frankfurt hob, rutschte der Hummer auf dem Boden der Schachtel entlang. Glückstadt blickte aus dem Fenster, bestellte eine Flasche roten Merlots und einen Kopfhörer, um das Schaben des Tieres zu übertönen. Dann entfernte er zwei blaue Valium aus seiner Reisetasche und spülte sie mit großen Zügen hinunter. Nach etwa sechzig Minuten hatte die Wirkung der Tabletten immer noch nicht eingesetzt. Die Anwesenheit des Hummers, ein unruhiger Flug und die bloße Vorstellung davon, welch Mühsahl es verursachen würde, sich zu erheben, um die nach dem Fluglinienmahl häufig frequentierten Waschräume aufzusuchen, ließen ihn bald in tiefer Müdigkeit versinken. Halbierte Ideen und Gedankenfragmente hüpften behäbig von der prall gefüllten Brieftasche in seinem Aktenkoffer zu Linda, der jungen dunkelhaarigen Glückstadt bemerkte die rötlichen Tentakeln, die zitternd aus den runden

Frau mit ihrem Laden für selbst entworfene Damenunterwäsche in Los An-

Luftlöchern an den Seiten der Kiste ragten und unsicher die Atmosphäre

geles. Schlafen konnte er nicht, dafür ließen die Beruhigungstabletten und

erkundeten. Geräuschvoll bewegte sich das Schalentier in seinem Pappge-

der Rotwein endlich Zukunft und Vergangenheit zu einer sinnvollen Ein-

fängnis, die Fühler ohne Unterlass auch in seine Richtung ausstreckend.

heit verschmelzen und für die Dauer eines Kreislaufs begann er sich wohl


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zu fühlen. Geschäftlich hatte sich die hinter ihm liegende Reise gelohnt.

“Aber wieso denn?” hatte er die Frage sofort zurückgeworfen.

Dreitausend dollares waren ihm ´in die Kralle gehüpft’, wie Wolf es ausdrücken würde. Allerdings war das dort, wo er vorhatte sich für die nächste

“Und meinen Arsch?”

Zeit niederzulassen, bloßes Klimpergeld. Vielleicht fehlte es ihm ja immer noch an Determination, an Selbstaufgabe oder einem eisernen Willen, sei-

“Auch nicht.”

ne Erscheinung auf den Nenner einer Humankarikatur zu reduzieren, wie Arnold oder die anderen riesigen Clowns aus Großdeutschland – ein un-

“Are you a butt-man?”

achvollziehbares verzerrtes Resultat dessen, mit dem man sich aus Angst und Not als Kind hatte identifizieren müssen, um die Umwelt erfolgreich

Er hatte gelacht. Ein Arschmann!

zu manipulieren. Soviel hatte selbst Johnny Glückstadt verstanden. Auch bei dem Gedanken an sein Wiedersehen mit Linda stellte sich keine Freude

“Schwein mit Titten”, hatte Wolf, ohne den Zahnstocher aus dem Mund zu

ein: Fernreisen in quälender Ungewissheit. Eines Tages würde er dafür in

nehmen kommentiert, nachdem sie Lindas kleines Geschäft auf La Brea

fleischigen Juwelen bezahlt werden. Die Grundrisse für seine Tumore wur-

Avenue vor einigen Monaten betreten hatten. Obwohl Glückstadt auf den

den vermutlich bereits auf zellulärer Ebene in seinem Körper gelegt – ja, würde sich seine seelische Verfassung weiterhin so konstant verschlechtern, würde er in Hollywood die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen. Dort ließ sich das anonymer abrechnen, als über die AOK in Scheißberlin. Beinahe wäre es Glückstadt gelungen einzuschlafen. Dann öffnete sich wieder eine der von ihm gefürchteten Adrenalintaschen, traten wie aus dem Nichts unerwünschte Gedanken an die nichtendenwollenden Querelen mit Linda hervor. Durch mühsam beschworene Gegengedanken gelang es ihm sie beiseite zu drängen: Erinnerungen an ihre dunklen Locken über großen, schweren, nackten Brüsten. Doch war auch hier mental nichts zu holen. Eigentlich waren ihm diese Gebilde eher fremd und unheimlich erschienen – das ganze wilde Fleisch, Fettgewebe und Drüsen, verhüllt wie ein weicher Betrug, auf strikt biologische Funktionen verweisend, in letzter Instanz sogar nach Vermehrung schreiend. “Findest du sie zu groß?” hatte Linda ihn gefragt.


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ersten Blick verliebt gewesen war, hatte er doch über die gemeine Bemer-

mit Panoramablick vom Hollywood-Zeichen bis zu den Türmen Down-

kung seines Freundes gelacht. Jetzt immer noch war ihm unwohl über die

towns. Nachdem der Wagen auf dem Parkplatz wieder nicht angesprungen

Geburt der Lüge, die sich als Fundament für seine Beziehung mit Linda

war, hatte er sich mit ihr eingelassen und war die Nacht bei ihr geblieben;

herauszuarbeiten begann.

auch aus Verzweiflung und unter den Entbehrungserscheinungen eines Mannes, der hier auf der untersten Stufe der Nahrungskette hatte auftau-

Über den Wolken glänzte ein Trost sich rötender Sphären – wie nutzlos,

chen müssen, um tief Luft zu holen und wieder unter der Decke zwischen

nicht kolportierenswert und photographiert bloßer Kitsch. Angewidert

ihren Beinen zu verschwinden.

wandte Glückstadt sich ab. Er hüllte sich enger in die Decke und in ihrem Schutz schob er sich die Hand in den Hosenbund.

Linda hatte ihn verstanden. Vielleicht hatte er in jener Nacht ein wenig zu viel versprochen, sich zu prächtig skizziert. Ein Fortsatz der gelachten Lüge,

An jenem Nachmittag war er mit seinem roten Barracuda allein zurück auf

der tiefen Angst aus dem dunklen Schneideraum. Bloß keine teuflische Ern-

den Parkplatz hinter ihrem Geschäft gefahren. Sie bewohnte ein Drei-Zim-

te jetzt, dachte Glückstadt schläfrig. Durch halbgeöffnete Lider versicherte

mer-Apartment im elften Stock eines alten Gebäudes im Wilshire-Distrikt

er sich der stetigen Anwesenheit des Hummers. Das Tier schien an Energie


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zu verlieren und beim Anflug auf New York waren auch Glückstadts Reser-

Zwei Stunden bis zum Anschlussflug. Bei Wolf daheim hob niemand ab. Ver-

ven vollends erschöpft.

mutlich lag er noch besoffen auf seinem Bett, neben sich die letzte Flasche, die er niemals gänzlich leerte, oder er war gar nicht nachhause gekommen. Glückstadt litt unter dem Sprechen zu Anrufbeantwortern. Nachrichten verkehrten sich noch während des Sprechens in ihr Gegenteil. Er konnte sich des Gefühles nicht erwehren, sich zu prostituieren, ohne dass am Ende jemand für seine Leistung zahlen wollte oder, schlimmer noch, man hob mitten in seiner Ansage den Hörer ab und zwang ihn, die Beweise gegen sich zu wiederholen. Auch bei Ben keine Antwort. Sollte er Linda behelligen? Zusätzlich zum Lingeriegeschäft wollte sie jetzt noch ein Restaurant eröffnen. Nebenbei lief der Umbau ihres neu erworbenen Hauses – einen ungünstigeren Zeitpunkt für seine Reise hätte Glückstadt ohnehin kaum wählen können. Dem automatischen Trieb folgend blickte er auf eine schlanke dunkelhaarige Frau, die in einer glänzenden, schwarzen Lackhose in seine Richtung ging. Als sie vor ihm stehen blieb, erschrak er plötzlich in der augenblicklichen Überzeugung ihrer Attraktivität nichts entgegensetzen zu können. “Gotta light?” fragte sie auf die Zigarette in ihrer Hand blickend und ihm dann in die Augen schauend. Glückstadt zog das Zippo aus der Jackettasche

Am Zoll musste der kleine, dürre Mann neben ihm die Hummerschachtel

und gab ihr kunstvoll mit einer Hand Feuer. Vor ihm stand Fortuna. Vor

öffnen. Offenbar war das Krustentier verstorben. Ahnungen von sich schlie-

knapp einem viertel Jahr hatte Glückstadt im Four Seasons, von den Gästen

ßenden Kreisen, von ausgleichenden Kräften und einer im Verborgenen zu

beraunt und bewundert, mit ihr in der Sonne gesessen. Sein Mikrotonband

seinem Vorteil wirkenden Gesetzmäßigkeit durchfuhren ihn. Er wisse nicht,

unter einer Serviette verborgen. Sie hatte ihn sexuell angezogen und er war

ob sein Gepäck von hier direkt nach LAX gehe, antwortete der Beamte

sich sicher, etwas Ähnliches auch von ihrer Seite gespürt zu haben, allerdings

der Einwanderungsbehörde unerwartet freundlich. Glückstadt ließ sich zu

hatte er sie nicht danach gefragt. Fortuna lachte ihn für die Vorführung mit

einem platten Scherz hinreißen, den er jedoch wiederholen musste, weil ihn

dem Feuerzeug an und wandte sich zum Gehen, ohne ihn zu erkennen. Ei-

der Beamte ihn nicht auf Anhieb verstand. Der Uniformierte wurde reser-

nen Augenblick zögerte er, fühlte sich erniedrigt und auswechselbar, bevor

viert und überreichte dann mit knappem Kopfnicken die Papiere.

er sich entschloss ihr zu folgen.


20 “Fortuna? Do you remember me? Unser Interview im Four Seasons im

Seine Brieftasche war auf der Fernsprechzelle liegen geblieben.

Herbst? Johann – Johnny Glückstadt.” Beim Einchecken nach Los Angeles, blickte ihn Verständnislos blickte sie ihn an. “Wie geht es Ih-

die Bedienstete der Fluggesellschaft an, als habe

nen?” sagte sie nervös und entfernte mit der Zi-

er den Verstand verloren, sich ohne Flugschein so

garette in der Hand eine Haarsträhne aus ihrem

weit vorzutrauen. Die schwarzen Cowboystiefe-

Gesicht.

letten aus teurem Straußenkrallenleder klackerten über den Flughafenbelag. Sein Flug wurde aufge-

“Gut, sehr gut. Ich habe zwei Stunden….”

rufen. Lost and Found. Doch auch dort nichts! Fremdsprachige Formulare. Wieder der Flugau-

Glückstadt starrte auf ihre Brust und unter der

fruf, schließlich ein zweites Mal, deprimierend

Last seines Blickes beugte sich ihr Oberkörper

jetzt, da er mit der ausdrücklichen Nennung sei-

leicht nach hinten.

nes Namens und der Erwähnung seines Schicksals verbunden war. Mit Hilfe seiner letzten brauch-

“Es tut mir wirklich leid, aber ich muss zu einer

baren Kreditkarte erstand er schließlich für ein-

Verabredung in der Virgin-Air-Lounge. Sonst wür-

tausend Dollar einen Einweg-Flugschein nach Los

de ich Sie bitten, auf einen Drink mitzukommen.

Angeles. Damit war er mittellos.

Vielleicht sehen wir uns noch einmal in Los Angeles.”

Beim Abschreiten der Reihen in der Kabine sah man auf den Zuspätgekommenen, als suche man

Fortuna wandte sich um und er beobachtete, wie

nach einem äußeren Anzeichen für das ihm wider-

sie zwanzig Meter entfernt von einem Sicher-

fahrene Missgeschick.

heitsbeamten angehalten wurde. Ein letztes Mal zog sie an der Zigarette und trat sie mit dem Stie-

Bei der Ankunft in Los Angeles war niemand von

felabsatz aus, ohne den Mann eines weiteren Bli-

seinen Bekannten zu sehen, nicht einmal Wolf.

ckes zu würdigen. Die Geste versöhnte Glückstadt mit dem Gefühl seiner

Glückstadt verfügte nicht über die passenden Münzen für den Fernsprech-

eigenen Erniedrigung und bescherte ihm eine spontane Erektion, die sich

apparat. Vielleicht sollte er Linda gegenüber behaupten, ausgeraubt worden

nicht einfach verbergen ließ.

zu sein? Bei der Zwischenlandung in New York hatte er ein Restaurant auf-


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die in seiner Abwesenheit aufgetreten Differenzen geworden sein mussten. Zweiunddreißig Jahre sei sie nun, fuhr sie fort, ihre biologische Uhr verlange nach innerer Ruhe. “Dann stirb doch einfach,” hätte er sagen mögen, doch berührte er stattdessen vertraulich ihren Schenkel. Sie starrte auf die Hand, als handele es sich um ein Leichenteil, bewegte sich aber nicht. Ungeduldig schnitt sie einen kleinen Lieferwagen. Beide schwiegen, bis der Sportwagen vor einem kleinen Duplex in Hollywood hielt, vor dem sich vergilbte Zeitungen im fahlen Sonnenlicht vor der Haustür stapelten. “Wir haben übrigens versucht, den Welpen abrichten zu lassen, den du mir als Wachhund für das neue Haus geschenkt hast”, sagte sie schließlich. Er lächelte sentimental. Wer war wir? “Das Tier ist so taub wie Holz. Willst du ihn zurückhaben, oder sollen wir ihn einschläfern lassen?” gesucht und war dort auf der Toilette drei Schwarzen begegnet. Einer von ihnen, vielleicht mit Augenklappe, hatte Glückstadt ein Messer an der Keh-

“Ich rufe dich an”, sagte er und entfernte sein Gepäck vom Rücksitz.

le gehalten. Er meldete ein R-Gespräch an und vierzig Minuten später saß er neben Linda in ihrem weißem Spitfirecabriolet ´68.

Von dem schmalen Podest unter den Palmen, die den Hauseingang zu seiner Haushälfte überschatteten, blickte er dem Wagen hinterher, bis er ver-

Dem Begrüssungskuß auf die Lippen war sie ausgewichen und Glückstadts

schwunden war. Dann stieg er über die Schlagzeilen der letzten Wochen und

Lippen waren in ihren schwarzen Haaren gelandet. Wegen des offenen Wa-

die Ausläufer eines überquellenden Briefkastens in die Wohnung. Auf dem

gens meinte er lauter und differenzierter sprechen zu müssen, so kam es,

seinem Duplex gegenüberliegenden Plattform standen die schwarzen Teen-

dass er schrie. An der Kreuzung von La Brea und Pico begann sie mit be-

ager wie am Tage seiner Abreise mit ihren voluminösen Abspielgeräten.‘Viet

stimmter Stimme von überlebten Mustern zu reden, in die sie nach seiner

Vets are not fond of Fonda’, las der verblichene Aufkleber am GMC-Liefer-

Rückkehr nicht wieder fallen wolle. “Verstehe”, brüllte er gegen den Lärm

wagen ihres Vaters, der in einem Waffengeschäft auf Santa Monica Boulevard

eines anfahrenden Umzugswagens an. Ihm fiel auf, dass er eben deutsch ge-

arbeitete und halbautomatische Schusswaffen unter die Menschen brachte.

sprochen haben musste und meinte daran zu erkennen, wie unüberbrückbar

Dagegen war Johnny Glückstadt und sein Wunsch nach Ruhe machtlos.


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Scheppernd schloss sich die Glastür zum finsteren Wohnzimmer hinter

Danach war ihm endlich wohler.

ihm. Die uniforme bluteitermelierte Teppichware, mit der man alle ärmeren Gegenden der Stadt ausgelegt hatte, roch und für einen Augenblick sorgte

Durch die dünne Holzwand zu seiner Rechten hörte er die Geräusche der

er sich darüber, ob dies sein eigener Nestgeruch sei, der sich lediglich auf die

Hauswirtskinder. Apathisch starrte er auf die behelfsmäßige Einrichtung

Einrichtung übertragen hatte.

des kleinen, zweistöckigen Condos, in dem bereits am Tage der Besichtigung ein übles Omen an der Decke aufgetaucht war.

Er platzierte sein Gepäck neben einem von der Feuerpolizei vermauerten Kamin, den man mit Asbestimitationen von versteinertem Feuerholz gefüllt

“Hey Mann, der Wasserfleck an der Decke kommt aber weg!” hatte er mo-

hatte. Einige schwarz glänzende Schaben stoben bei seinem Nähertreten in

niert und ohne seine großen Füße mit den befleckten ausgetretenen Ar-

Richtung der uneinheitlich abschließenden Bodenleisten davon, und erbost

beitsschuhen zu heben, war der Mann aus Guatemala gekommen. Mit

durch den Anblick der fliehenden Parasiten, sprang er ihnen hinterher und

zugekniffenem Auge eine beinahe abgerauchte Zigarette im Mundwinkel

es gelang ihm tatsächlich, eine von ihnen mit der Spitze seines Stiefels zu

haltend, hatte er eine weiße Lackspraydose aus der Tasche seiner blauen

zerquetschen, bevor sie unter der rettenden Leiste verschwinden konnte.

Leinenhose gezogen und den braungeränderten Fleck solange übersprüht,


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bis er und Wolf den Raum verlassen mussten, um nicht zu ersticken. Der

Konfrontationen mit jetzt gänzlich unerwünschter Intimität. Die hölzerne

Mann aus Guatemala hatte weder den Blick gehoben, noch seine Zigaret-

Kleiderstange war beinahe vollständig abgeräumt. Wolfs Schreibmaschine

te gelöscht. Dann war er über das braune Auslegepapier und den darunter

fort, ebenso sein Koffer. Der Anrufbeantworter blinzelte. Traumatisiert nun

liegenden Bodenbelag, den Glückstadt erst nach dem Unterzeichnen des

durch die Sichtbarkeit der Leere, in der sich seine eigene Existenz ange-

Kontraktes bemerkt hatte, wieder in der Küche verschwunden, wo er die

siedelt hatte, begann er die eigene Maschine abzuhören. Dort waren nur

Schranktüren sorgfältig mit dickflüssiger Farbe verklebte.

energieraubende Kontaktversuche zu vermerken, das Gekrächze der Energieparasiten, die ausgezogen waren, ihn in ihre Hölle zu ziehen, Monodra-

Wolf war all dies gleichgültig gewesen.

men. Schließlich die Erwähnung der Möglichkeit eines Interviewtermins, ausgerechnet mit Fortuna. Er warf einen Blick aus dem verdreckten Fenster.

Von ihrer gemeinsamen Ankunft in Hollywood an, war immer deutlicher geworden, dass Wolf sich ungern mit Kleinigkeiten belasten ließ, da er schein-

Vor der Glasstür stand der Verwalter der Wohnanlage und klopfte, seinem

bar an der Ergründung eines größeren Geheimnisses interessiert war. Das

Energieaufwand nach zu urteilen seit geraumer Zeit an die Scheiben. Er hat-

Wissen um die Existenz dieses Geheimnisses in der Welt und die eigene

te ihn nicht gehört.

Mutlosigkeit bei dem Versuch ihm durch eigene Kraft auf den Grund zu gehen, hatten ihn an Wolf gebunden. Innerhalb dieser Bindung war Wolf für

“Hoy, Joe” dröhnte der Chilene, als er ihm die Tür öffnete. “Wußten gar

ihn zu einer beinahe feinstofflichen Muse avanciert und er zur Verkörperung

nicht, du schon zurück von Deutschland.”

der natürlichen Schwerkraft. Welche Macht der Welt ließ ihn sonst mieten, was er nicht ertragen konnte, kaufen, was er hasste und nur unter Verlust

Er lächelte scheu.

wieder würde verkaufen können? “Eben angekommen.” Achtlos widmete er sich einem Haufen Post, den die Profession ins Haus brachte; Einladungen zu Pressevorführungen und Mitteilungen der Studios.

Kollegial stieß ihm der dicke Chilene mit dem Ellbogen in die Rippen.

Seine Schlafstatt lag noch verwühlt von der übereilten Abfahrt vor einigen Wochen und sein Blick fiel auf die schwarze Futonmasse, die sich jede Nacht

“Schöne Frau in Wagen. Vielleicht heiraten bald? Wo Miete?”

bemühte seinen Körper zu absorbieren, sein Skelett deformierte und ihn an Morgen nicht wieder freigeben wollte.

“Wann hören die auf, ihre Boomboxen vor meinem Fenster abzuspielen, Mann? Wir leben doch nicht im Ghetto,” sagte er.

Er betrat den Raum seines Wohngenossen und warf einen Blick in den begehbaren Kleiderschrank: Wäscheberge, Frauenunterwäsche zuoberst:

“Ich weiß, ich weiß”, sagte der Chilene mit weiser Miene den Kopf wiegend


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und bedeutete den Kindern die Lautstärke herunterzudrehen.

genen Lack. Die Katze fischte mit ihrer Pfote im Wasser. In regelmäßigen Abständen die Nässe aus ihrem Fell schüttelnd, sah sie ihn an.

“Ich geben Ihnen Scheck heute abend, okay?” Wie ein defekter Sprechautomat pflegte er in das Kauderwelsch des Wirtes zu verfallen, der seinen Gegenüber für den plumpen Anbiederungsversuch verachtete, und jetzt noch lauter lachte. “Ich aber Geld gleich. Warum warten bis heute Abend? Morgen neuer Tag. Darum Geld heute, hokay?” “Ich bringe nachher vorbei.” erwiderte er mit bedrohlicher Stimme. Als der Chilene endlich gegangen war, begab er sich zum Eisschrank und leerte mit zügigen Schluckbewegungen eine der Bierflaschen aus Wolfs Vorrat. Jet-Lag und der spärliche Alkoholgehalt des Bieres ließen bald zielloses Harmoniebedürfnis und Schläfrigkeit aufkommen. Er nahm drei weitere Flaschen Bieres mit sich auf die kleine Kemenate und schrieb einen ungedeckten Scheck über zwei Monatsmieten aus. Dann setzte er die Sonnenbrille auf und trat vor die Tür. Grußlos starrten ihn die schwarzen Kinder an. Die Frau des Chilenen öffnete ihm die Tür, und drehte ihm, offenbar ver-

“Verreckt in der Hölle,” zischte er bierenthemmt. Vom Aquariumsrand

stimmt ihren Rücken zu. Unschlüssig blieb Glückstadt auf der Schwelle ste-

sprang das angesprochene Tier direkt in seinen Schritt und begann damit,

hen.

einen haarenden, harten Knochenschädel und seine kahlen Ohrlappen an Glückstadts Arm zu reiben. Er lächelte lebensmüde und kraulte das Tier,

Im Halbdunkel der vor ihm liegenden Wohnung wandte eine verschlissene

doch kaum hatte er das karstige Fell berührt, riss es seinen sehnigen Körper

grünlich schimmernde Katze ihren Blick von einem kleinen unbeleuchteten

herum, schlug nach Glückstadts Handgelenk und sprang mit lautem Poltern

Aquarium und starrte ihn mit fassungslosem Gesicht an. Die Frau des Chi-

auf den Boden, wo es in einer Ecke des Wohnzimmers mit erregten, hektischen

lenen kehrte zurück, bat ihn darum einzutreten und in einem Sessel direkt

Kopfbewegungen daran ging sich den After zu säubern, als habe Glückstadt das

hinter der geöffneten Tür zu warten. Glückstadt starrte auf den abgeschla-

Tier dort berührt. Augenblicklich erschien auch der Kopf der Chilenin wieder


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in der Tür, blickte auf die Katze und fasste ihn fragend ins Auge.

auftosenden Stammesmusik, doch wurde es bald von der Präsenz Fortunas

“Du kannst auch zur Hölle fahren, aber für deinen fetten Arsch ist da unten

verdrängt. Unentschlossen suchte die Hand seinen Schritt, forcierte seine

wahrscheinlich kein Platz mehr”, sagte er auf deutsch und lächelte sie an.

Gedanken an Sommernächte, in denen Linda auf ihm gesessen und ihn mit den Mund empfangen hatte, ihr süßes, nach Gummihandschuhen duftendes

Endlich tauchte ihr Mann auf. Die ungefasste Brille weit unten auf der Nase

Geschlecht vor seinem unrasiertem Gesicht; Chardonnay und Gelächter

setzte er sich umständlich und wehleidig stöhnend mit einem Stapel Papier

über dem alten abgezogenen Holzfußboden, die walnussölige nach Balsa-

in einen Sessel, als gelte es, die bevorstehenden und anscheinend über die

mico duftende Salatschüssel noch auf dem Tisch. Doch reichte es zum Mas-

Maßen komplizierten Transaktion der Mietzahlung für seine Nachfahren zu

turbieren nicht mehr. Ein paar Sekunden weilte er im Geiste noch in Lindas

verewigen. Glückstadts Blase drückte vom Sprung der Katze und dem zu

Apartmentgebäude aus den Zwanziger Jahren – als man die Dinge in Lotus-

schnell getrunkenen wässerigen und eiskalten Bier. Er wollte sich nicht mit

land in makelloser Handwerksarbeit und zeitloser Ästhetik für die Ewigkeit

den sanitären Anlagen seiner Nachbarn vertraut machen. Mit der Linken

geschaffen hatte und nicht nur für das nächste Quartal. Dann schob sich das

hielt er sein Handgelenk, um keinen der Einrichtungsgegenstände mit dem

Antlitz Fortunas über das von Linda.

Blut zu beflecken, das in regelmäßigen Abständen aus seiner Haut hervortrat. Der Chilene blickte über seine Brillengläser hinweg abwechselnd auf das Papier und in Glückstadts Gesicht, dann schrieb er in ordentlichen, geschwungenen Buchstaben die Quittung aus, nachdem er den Scheck in Empfang genommen hatte. “Du eine Monat Zeit zum Auszuziehen,” verkündete er unvermittelt. Die Frau des Chilenen lachte schrill im Nebenzimmer, und er war sich nicht sicher, ob das Lachen ihm galt. “5521/2 nächste Monat abgerissen, alle andere auch. It´s life, man! Alles neuen Häuser! Habe schon gefunden für meine Frau und Kindern, guudbye!” Wieder daheim erlag Glückstadt dem unwiderstehlichen, magnethaften Zug des Futons, einem schmerzsüchtigen Drang nach der peinvollen Umarmung der darin befindlichen Seekräuter. Während er dämmerte, mischte sich Lindas Gesicht in den schwächer werdenden Klang der von draußen


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Nach dem Abwurf der Atombombe war alles hässlicher geworden, dachte er. Wirklich alles, auĂ&#x;er vielleicht den Frauen.


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Nach dem Goldrausch

Als er die zehn Jahre ältere Saskia vor zwei Jahren anläßlich einem nachmittäglichen Zusammenseins im Garten eines jüdischen Kleinverlegers abartiger Kunstkataloge kennen gelernt hatte, war sie in Los Angeles bereits eine kleine Berühmtheit. Sie schien sich auf einem Terrain zu bewegen, das einzig durch ihren Glauben an sein Vorhandensein unter ihren Füßen geschaffen wurde, und auf dem sie mit faszinierender Eleganz zu manövrieren imstande war. Ihr unbeschwertes Auftreten und ihr offenes und unbefangenes, von dunklen Locken gerahmtes Gesicht entsprachen wohl einem starken inneren Archetyp von Wolfs eigener Weiblichkeit, und ihr Auftauchen befiel seinen Verstand und Körper wie ein Nervenleiden. Von ihrem ersten Anblick an war ihm keine Wahl geblieben, als sie täglich anzurufen, um sie von der Notwendigkeit eines Wiedersehens zu überzeugen und sie durch zu diesem Zweck arrangierte Vorhaben und Veranstaltungen in sein Leben zu verwickeln, und eine gemeinsame Geschichte mit ihr zu kreieren. Damals wusste er noch nicht, dass sie mit einem stadtbekannten Milliardär verheiratet war, und sich einen chinesischen Liebhaber im Norden Kaliforniens hielt, den sie regelmäßig besuchte. Er hatte noch nicht einmal von ihr gehört und hielt Berühmtheiten für eine besonders raffinierte Art menschli-

Wie die Wiederkehr eines gefürchteten Traumes, hatten Wolf und Saskia

cher Parasiten, die sich einzig von der Zuneigung ihrer Bewunderer ernähr-

sich unter Aufwendung all ihrer Willenskräfte bemüht, die Anihilation ihres

ten und ihr Dasein mit einer schamlosen Intensität genossen, die den Schau-

alten Lebens und den Eintritt einer neuen Welt zu verhindern. An Saskias

lustigen und Zaungästen nur mittelbar durch die Anbetung dieser modernen

vierzigstem Geburtstag war Wolf jedoch zum ersten Mal deutlich geworden,

Götter zuteil wurde, ihnen selbst jedoch von Geburt an verwehrt schien.

dass keine Anstrengung seines Willens die vor ihm liegende Veränderung würde aufhalten können. Seine Gewissheit behielt er damals für sich, und

Das Blut in Wolfs langen Adern stammte aus einer langen Reihe von Tage-

wie das Anschwellen eines immer unheimlicher werdenden Moll-Akkordes,

löhnern, Hirten und Ackerern, die in Deutschland und Österreich als freie

ließ sie ihn endlich allein mit seinen Erinnerungen an die vergangene Zeit

Dienstleute herumgezogen waren und ihre Knochen in die Erde gearbeitet

und mit der Gewissheit zurück, dass seine Welt ohne Saskia nicht mehr so

hatten, ohne eine sichtbare Spur ihrer Existenz zu hinterlassen. Ein unglei-

schön sein würde wie mit ihr. Trotzdem konnte er nicht anders.

cheres Paar als Saskia und der schweigsame grüblerische Wolf, der sich mit


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seinem geringen Status und seinem bisherigen Misserfolg in der Stadt nicht

Als die Polaroids des Abends dann die Runde unter den Gästen gemacht

abfinden konnte, wäre nur schwerlich denkbar gewesen. Ein Dilemma, das

hatten, hatte Barbara sich mit einem Schwenk ihrer Augen vergewissert,

ihm bald am Verhalten Saskias bester Freundin, Barbara Stark, vor Augen

dass wirklich sie es gewesen war, die dort gesessen und in die Kamera gelä-

geführt wurde.

chelt hatte. Dann war das unvorteilhafte Portrait in ihrer Chanelhandtasche verschwunden. Am nächsten Morgen hatte sie ein paar Stunden damit ver-

Wie viele von Saskias berufs- und berufungslosen Bekannten hatte auch

bracht vor dem Spiegel ein vorteiligeres Kameragesicht einzustudieren und

Barbara eines Nachts, vor dem Eintreffen der Vierziger beschlossen, sich so

war einige Tage später auf Anraten eines teuren Fleischneiders darangegan-

wohlhabend wie möglich zu verheiraten. An genau jenem Abend hatte ein

gen, die Persona einer distinguierten femme auf der Höhe ihrer Fatalität zu

kleines, bösartig blickendes Reptil mit heftigem Überbiss an Barbaras Stelle

kultivieren und sich die Haut hochnähen zu lassen

beim Abendmahl im Veda gesessen und in die Kamera gegrinst, als habe es gerade im Augenblick der Aufnahme ein lebendiges Insekt in das Innere sei-

Trotz aller Bemühungen schien eine unheilvolle Kraft unausgesetzt sich

ner Mundhöhle gezogen und wolle die anderen Anwesenden nichts von der

durch ihre Bemühungen und ihr Make-up Bahn zu brechen. Bei ungünstiger

Existenz seiner Beute wissen lassen.

Beleuchtung (die Beleuchtung war eigentlich nur noch im hinteren Raum des Veda günstig) wirkte sie wie ein krebskranker Rodeoclown, mit dem aus vielen Gründen nicht mehr zu spaßen war. Ihr jugendlicher Überschwang, auf dessen Ausläufern sie mittels einer Mischung von reinem, noch mit Äther ausgedampften Kokain, Ekstasy und Chardonay durch die nächtlichen Partys und Nobelrestaurants der Stadt gerollt war, verlor beständig an Momentum. “Es gibt keine guten Rollen für Frauen über vierzig, Liebling.” pflegte sie zu Saskia zu sagen. “Nicht einen einzigen aufregenden Part.” Irgendetwas hatte ihren sorgfältig behüteten Schatten durchlöchert und volontierte nun mit kruden Szenarios aus ihrer nahen Zukunft und ihrer Vergangenheit, wie eine unberechenbare Laterna magica, die sie, genau wie Saskia mithilfe unterschiedlicher Psychopharmaka an- und auszuknipsen gelernt hatte. Der hungrige Wolf erschien ihr zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens besonders bedrohlich. Seine Anwesenheit auf ihren exklusiven Soireen


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Zunächst stand Barbara der Anwesenheit dieser Leere machtlos gegenüber und hatte sich dann entschlossen, ihr Bösartigkeit gegenüberzusetzen. “Gott, unter welchem Stein hast du den hervorgezogen?” hatte sie bei Wolfs Anblick wie eine Grube in Flammen gesetzter Schlangen gezischt und bestürzt an ihrer Zigarettenspitze aus dem Nachlass ihrer Flappermutter gezogen, als gelte es durch die verstärkte Produktion von Tabakrauch dem Aufspringen dieses außergewöhnlich unattraktiven Inkubus im goldenem Anzug vorzubeugen. Seltsamerweise hatte Wolf Barbara für diese Szene gemocht, weil nur wenige Menschen über die Gabe verfügten, dem Ausdruck zu verleihen, was sie wirklich dachten. Ihr kalter und blut trinkender Eros hatte ihn zudem sexuell erregt, woraufhin Wolf in der goldenen Hose sein drittes Bein versteifte, wie Barbara mit erfreutem Gesicht bemerkte. Von da an hatte sich ihr Verhältnis spürbar verbessert. Das Veda auf La Brea war eines der teuren Lokale im Westviertel der Stadt. symbolisierte den Anbeginn einer Osmose mit dem gewöhnlichen Mann,

Der dauerhaft gute Ruf des Restaurants stammte aus den ersten Jahrzehnten

der sich nun auch in Beverly Hills auszubreiten schien und den sie in Wolf ’s

des Jahrhunderts und war weniger den Leistungen der Küche zu verdanken,

Fall behandelte wie einen Virus. Wie auch Saskia hatte Barbara begonnen

als einigen amerikanischen Literaturnobelpreisträgern, die sich am Teak-

sich abwechselnd hohl oder leer zu fühlen, wobei ihr eine ruhige Leere noch

holztresen der Bar zu Tode getrunken hatten. Einem Künstler namens von

lieber war, als die zuweilen dröhnende Hohlheit und die damit kommende

Dutch soll sogar die Leber durch die Bauchwand hindurch auf den Holzbo-

kurze Aufmerksamkeitsspanne, die es ihr lediglich gestatte, bunte Magazine

den gefallen sein.

für Frauen zu überfliegen und durch die Seiten von Büchern zu blättern oder nur blurbs auf den Rückseiten zu lesen. Die Leere, die sie zu Anfang mit

Bei ihrem Eintreffen im Veda wurde Saskia jedes Mal vom maitre’d mit

einer altersbedingten Ruhe und Gelassenheit verwechselt hatte, an deren

nassen, weinroten Lippen und tentakelnd einladenden Bewegungen um-

Stelle jedoch auch nach intensivstem Warten nichts getreten war, hatte sie

schlungen wie eine fleischfressende Pflanze, bevor er daranging, sie unter

schließlich immer regungsloser und passiver werden lassen; so dass auch der

ekstatischen Rührungen seines gedrungenen und für Frauen gänzlich un-

immer unfreiwilliger besuchte Platz zwischen ihren Schenkeln allmählich

empfindlichen Unterleibes an einen reservierten Tisch, im hinteren ge-

vereinsamt war.

dämpftem Dunkelgelb befindlichen Teil des dunkel getäfelten Restaurants


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zu geleiten. Saskia und Wolf hatten beschlossen, das Abendessen allein zu sich zu nehDort erst und mit erstauntem, beinahe erbostem Gesicht und theatralisch

men, da es abgesehen von ihrem Geburtstag einen weiteren Grund zum Fei-

heraufgezogener Augebraue, begrüßte er Wolf. Als habe er ihn eben erst,

ern gab. Vor zwei Wochen war ihre Ehe annulliert worden und zu diesem

durch ein unberechenbares Spiel der Beleuchtung entdeckt. Im Heiligsten

Anlass würde sie in wenigen Tagen in Las Vegas einen Scheck über neun-

seiner dionysischen Zeremonienmeisterseele schmerzte es den Mann, eine

einhalb Millionen Dollar als einmalige und endgültige Abgeltung etwaiger

derartig dissonante Erscheinung an der Seite von Saskia in seinem Revier

Ansprüche an ihren Ehemann ‘Hooker’ Eisner erhalten. Eisner war eine

antreffen zu müssen. Wolf pflegte den Franzosen deshalb in herablassendem

legendäre Figur im kalifornischen Westen und Wolf hatte insgeheim nie

Kasinotonfall auf deutsch zu begrüßen, ohne ihm auch nur den Hauch eines

verstanden, wie gerade er in einer Reihe mit diesem Mann stehen konnte,

Kopfnickens zu schenken. Dann schob Jacques Saskia einen gepolsterten

und sei es nur als Liebhaber der gleichen Frau. Saskia sprach nicht viel über

Stuhl unter ihr Hinterteil und legte ihr mit andächtigen Bewegungen die

Eisner, was Wolf zu der beunruhigenden Annahme veranlasste, dass die bei-

Serviette über den Schoß wie eine Windel, ohne dabei den körperlichen

den ein strikt sexuelles Band aneinander gekettet hatte. Als Teenager war

Kontakt mit ihr aufzugeben.

Eisner wegen eines brutalen Totschlages vor die Alternative gestellt worden, entweder zehn Jahre Haft zu absolvieren oder sich freiwillig nach Vietnam zu melden. Nach seinem zweiten Einsatz hatte Eisner 17 bestätigte Tötungen vorweisen können und seine Bewährungszeit als Scharfschütze ohne weiteres bestanden. Äußerlich unversehrt war er als Kriegsheld in die USA zurückgekehrt. In Vietnam hatte Eisner gelernt, wie man in großen Mengen Amphetamine produziert. Zunächst versorgte er die Gegend um San Francisco mit der nächsten Drogenwelle und brachte Dunkelheit und Verwirrung unter die Hippies. Kurze Zeit später kontrollierte er den Handel mit crank an der gesamten kalifornischen Westküste. In den Achtzigern hatte Eisner sich auf kolumbianisches, über Mexiko importiertes Kokain umgestellt. Von seiner Crew aus dem Vietnamkrieg hatte er kleine zweimotorige Flugzeuge stehlen lassen, die ihn pro Stück fünfhundert Dollar kosteten und sie über die mexikanische Grenze gebracht, von wo die Contrabande bei Nacht in der Mojavewüste geflogen wurde. Zwei seiner Männer standen mit Pick-Up-Truck und aufgeblendeten Schweinwerfern in der Wüste und gaben Landezeichen. Nachdem die Männer das Kokain aus dem kleinen


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Laderaum entfernt hatten, steckten sie die Flugzeuge in Brand. Nach drei-

Hilfe im Haus verteilt wurden. Je mehr Aufmerksamkeit Saskia der Innen-

einhalb Jahren im Koksgeschäft hatte Eisner sich seine ‘Alles Fotzen außer

einrichtung des neuen Hauses investierte, desto stärker erlahmten ihre Lei-

Mutti!’ – Tätowierung entfernen lassen und sein gewaschenes Geld in die

denschaft und ihre Libido für einen Mann, für den sie nach ihrer Abfindung

Grundstückentwicklung gesteckt, und in der letzten Ausgabe von Forbes

auch sozial keine Verwendung mehr zu haben schien.

war er zum ersten Mal nicht unter den reichsten 500 Männern der Welt. Er hatte ein Faible für deutsche Frauen, er hatte sie “meine Nazischatzi”

Saskia mischte bizarre Designermöbel von Scipek und Arad mit barocken

genannt, doch war es ihm längerfristig nicht gelungen, Interesse an Frauen

Schatztruhen, afghanischen Kilems und chinesischen Teppichen, so dass das

über zwanzig vorzutäuschen. Saskia hatte an Eisners Seite nichts von all dem

Hauses bald aussah, wie eine Mischung aus einer prunkvollen Kapitänska-

wirklich erlebt. Je nach Jahreszeit saß sie in Beverly Hill, Rio oder Marthas

jüte aus der Zeit um die Jahrhundertwende und einem industriellen Loft.

Vinyard und zählte die Tage bis zu ihrer Scheidung.

Saskias Leere und Depression verschwanden im gleichen Maße, wie sich die Räume des Hauses mit kostbarem Mobiliar und Kleinodien füllten, wäh-

In Erwartung des Geldes aus der Abfindung, die sich nach Abzug der An-

rend Wolf oft allein in seinem selbst gewählten Turmzimmer saß, in den

waltskosten auf drei Millionen Dollar belaufen sollte, hatten Wolf und Sas-

Canyon hinab sah und auf die kläffenden Hunde im Tal lauschte.

kia vor einigen Wochen eine alte, beinahe völlig von Efeu und Bogadenien überwachsene spanische Villa in den Hügeln unter dem Hollywoodzeichen

Sie hatten nicht gekläfft, als sie das Haus besichtigt hatten und auch nicht,

gemietet, die in den zwanziger Jahren Carole Lombard gehört hatte, oder

als sie im Verlauf der folgenden Woche noch zwei Mal bei dem Haus vor-

Eroll Flynn und Charlie Chaplin – wie jedes zweite Haus.

beigefahren waren, um sich von der Güte des zu mietenden Objektes zu überzeugen. Jetzt schienen sie Tag und Nacht zu bellen. Als würde ein Geist

Heute war Saskias Haushälterin Blanca Alvarez und einige ihrer Familien-

unter ihnen umgehen. Möglicherweise waren die Tiere auf Urlaub gewesen,

mitglieder aus El Salvador dabei, die letzten Vorbereitungen für Saskias Ge-

oder ebenfalls gerade zugezogen. Mit einem Fernglas hatte Wolf versucht

burtstagsfeier auszurichten. Saskia hatte ihren zweisitzigen Toyota bereits

auszumachen, wo genau unter ihm sie sich befinden mochten und dann ihre

gegen einen schwarzen Range Rover mit Ledersitzen eingetauscht, dessen

Besitzer mit einem fotokopierten Papier von seiner Belästigung verständigt.

Ladefläche niemals ausreichte, um ihre täglichen Einkäufe aus Beverly Hills

Doch ihr frenetisches Kläffen drang weiterhin tief aus dem Canyon und

in die Hügel über der Stadt zu schaffen, weshalb sie sich einen Dachge-

wurde durch die akustischen Eigenheiten der Schlucht noch verstärkt.

päckträger angeschafft hatte. Zusätzlich trafen jeden Tag mexikanische Einwanderer in Lieferwagen mit bestellten Möbeln, Auslegware, Leuchtern

Eine Weile hatte Wolf überlegt wie er des Problems Herr werden könne.

und Pflanzen vor dem Haus ein, deren Empfang Wolf in ihrer Abwesenheit

Sein Vater hatte ihm telefonisch dazu geraten, mit zerbrochenen Rasierklin-

quittierte, und die in der weitläufigen, mit dunklem Holz ausgelegten und

gen vermischtes Hack in der Schlucht auszulegen oder zusammengeballte

über fünf Meter hohen Kaminhalle der Villa abgestellt und später mit seiner

Schwämme in flüssiges Schweinefett einzutauchen, die sich im Magen des


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Hundes wie Knospen entfalteten und den Hund dichtmachen würden. Wolf

hen und seine Frau beim Vögeln treffen.”

hätte ebenfalls Schalen mit Frostschutzmittel aufstellen können, doch waren ihm diese Maßnahmen schließlich allesamt als zu riskant erschienen.

“Ich habe keine Nachbarn.”

Da die Tiere nicht aufhören wollten zu bellen, war Wolf eines Morgens mit

Der Mann zuckte mit den Schultern. “Wie sie wollen.”

dem Wagen nach Oxnard aufgebrochen und hatte sich dort in einer kleinen Bretterbude ein Präzionsgewehr mit Schalldämpferaufsatz und Nachtfern-

“Haben sie schon mal jemanden getötet?” fragte Wolf den Mann unvermit-

rohr zugelegt.

telt.

Der Mann im Waffengeschäft trug ein dunkles T-Shirt mit buntem Aufdruck: “Bringt Sie alle um, Gott wird die seinen schon erkennen”. Wolf spürte, dass der Mann nicht wusste, woher dieses Zitat stammte und ihm gesagt, dass die Katholiken dieses Wort bei ihrem Inquisitionszug gegen die Katarer in Frankreich geprägt hatten. “Really?” sagte der Mann mit dem T-Shirt. Dann hatte er sich interessiert bei Wolf erkundigt, wozu Wolf die Waffe benötige. Wolf erklärte ihm, dass er seit den Unruhen und Plünderungen auf dem Dach seines Hauses einen Unterstand aus Sandsäcken angelegt hätte, und die Waffe zu seiner Verteidigung zu benutzen gedenke. Der Mann riet ihm zum Erwerb einer verchromten zweiläufigen Pump-Gun, die eine breiterere Streuwirkung habe und deren Magazin zwölf Schrottpatronen passten. Zweihundert Dollar im Angebot mit zwei Packungen Munition. “Wenn die den Berg raufkommen, können sie einfach reinhalten. Mit einem halbautomatischen Gewehr ist es schwierig bei Nacht einen Schwarzen zu treffen.” “Deshalb nehme ich das Nachtglas”, hatte Wolf gesagt.

“Eine blöde Frage, Mann,” hatte er geantwortet und nach fünf Tagen Wartezeit hatte Wolf sein Gewehr abholen können.

“Mit der Durchschlagskraft können sie leicht den Nachbarn beim Fernse-


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Nachdem Jacques den Tisch verlassen hatte, stießen sie auf Saskias Ge-

ner mit Trage und Sauerstoffgerät drängten sich mitten durch die feierlich

burtstag mit einem Glas Champagner an. Das Veda war zu dieser Stunde

gekleideten Gäste. Ohne Rücksicht auf die gedämpfte Atmosphäre oder

nur spärlich besucht und die ersten euphorischen Ausläufer des ätherhaften

die Stimmung der Anwesenden, hatten sie das Lokal durch die Hintertür

Champagners erreichte sie beide gleichzeitig und führte zu einem Anfall

betreten und brachen sie jetzt Bahn durch den dunkelgelben Teil des Lo-

heftig empfundener Zuneigung, weshalb Wolf auf dem Stuhl neben ihr Platz

kals, wobei einige Stühle und ein bereits gedeckter Tisch zu Boden fielen.

nahm und sie auf die Wange küsste.

Die Uniformierten verschwanden in der Küche, und diesmal blieben beide Schwingtüren offen stehen, so dass Saskia und Wolf von ihrem Tisch aus zu-

In diesem Augenblick erklang aus der Küche des Restaurants das gedämpfte

sehen konnten, wie Jacques’ regungsloser Unterleib über den Küchenboden

aber heftige Aufschlagen eines schweres Gegenstandes, gefolgt von einer

geschleift und schließlich auf der mitgeführten Trage platziert wurde.

Lawine blechernen Geschirrs. Die darauf eintretende und ob ihrer Dauer schließlich beklemmend wirkende, eindeutig durch menschliche Unterlas-

Wolf sah, wie ein hellroter blutiger Mukus aus der Nase und dem Mund des

sung verursachte Stille, veranlasste einige der Gäste, sich von ihren Plätzen

Mannes lief, trotzdem man ihm bereits einen durchsichtigen Schlauch in

zu erheben und sich der langen Durchreiche in die Küche zu nähern, als

den Rachen geschoben hatte. Sein Kopf federte mit den, von einem Obe-

handele es sich dabei um ein unmittelbar vor der Entladung stehendes Objekt oder das Tor zu einer anderen Dimension. Die Schwingtür wurde aufgerissen und der Koch, gefolgt von einem Küchenjungen eilten zielstrebig durch den Speisesaal. Die Schaulustigen waren zurückgesprungen, doch die Tür zum Küchenraum war offen stehen geblieben und eine Tonfolge erstickten Würgens und Keuchens drang in den Speisesaal des Restaurants. Bis eine Kellnerhand die Schwingtür wieder schloss und jemand der sich ausbreitenden Beklemmung eine ausstattungsfilmhafte Note verlieh, indem er den alten Duke Ellington Song Caravan einlegte. Bald darauf wandten sich die Gäste wieder ihren Tellern zu, bereit den kleinen Zwischenfall, wenn auch ein wenig enttäuscht, als nichtige Auseinandersetzung des mexikanischen Küchenpersonals zu werten. Doch wurde dann die Schwingtür von der anderen Seite aufgestoßen, und zwei Män-


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on-Concerto Albinonis untermalten Tritten der Sanitäter und seine großen,

während der Indianer Saskia den Wagenschlag aufhielt.

geröteten Augen starrten unausgesetzt auf Saskia, als stelle sie die Heilung eines grässlichen Leidens dar. Dann war er durch die Hintertür des Restau-

“Sie holen sich ihr Land zurück,” sagte Wolf, während sie La Brea Avenue

rants in den Abend verschwunden. EXIT.

hinauffuhren.

Als Wolf und Saskia nach dem Essen vor dem Restaurant in der Nacht stan-

“In aller Stille vermehren sie sich und….”

den und darauf warteten, dass der Mexikaner den Rover brachte, nahm er ihre Hand und sie legte ihren Kopf an seine Schulter.

“So still sind sie auch nicht,” sagte Wolf. Saskia kicherte zum ersten Mal.

“Das wird doch immer schlimmer”, sagte sie leise. “Die Irren haben jetzt die

“Trotzdem sitzen sie in Beverly Hills und Bel Air in jedem Haus, als Gärtner,

Anstalt übernommen”, antwortete er tonlos und sah auf den heranfahren-

als Personal oder als Mechaniker,“ insistierte Saskia. ”Niemand hier kann

den Wagen.

mehr ohne sie leben und alle weigern sie sich mehr als vier Worte Englisch zu lernen. Bald werden wir alle Spanisch sprechen müssen,“ sagte sie und

Er zählte fünf einzelne Dollarscheine aus einem Bündel, steckte einen wie-

klappte den kleinen beleuchteten Spiegel an der Sonnenblende herab, um

der zurück und übergab den Rest dem Mexikaner.

den Gesichtszustand zu überprüfen.

“Gracias,” sagte Wolf.

“Spanglish.”

“Fünf Dollar, Sénor.” erwiderte der Fremde ungerührt.

“Was denkst du, ist mit Jacques passiert?” fragte sie, bei dem Gedanken an den miserablen Maitre.

Wolf blickte in das düstere, glatt rasierte Gesicht des Mannes und wollte ihm sagen, dass der Preis für das Parken drei Dollar betrug.

“Hast du gesehen, wie er dich angeschaut hat? Als wärst du seine letzte Rettung.”

“Aztekenkrieger?” fragte er ihn stattdessen scherzhaft. “Ich hätte etwas zu ihm sagen sollen, findest du nicht. Wenigstens ein Wort.” “Maya,” antwortet der Mann mit steinernem Gesicht ohne mit einer Geste

erkundigte sie sich.

auf den Scherz einzugehen. “Izamal.” “Worte reichen nicht aus, wenn eine wirkliche Berührung stattfindet. Sie Wolf überreichte ihm eine zehn Dollarnote und stieg auf den Fahrersitz,

sind zu schwer zu finden und klingen zu lange nach;“ sagte Wolf. “Ich glaube,


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er hat nicht mehr lange zu leben. ”

Haus nicht noch verschlechterte. Mittlerweile graute ihm vor Saskias Ausbrüchen, die sie neuerdings auch in der Öffentlichkeit inszenierte.

Wolf lenkte den Wagen auf Franklin Avenue in die linke Spur, schnitt einen Kleinwagen und bog auf Highland links ab, um von dort in die Hügel

Vor vier Wochen war sie ihm auf den Parkplatz von Musso&Franks gefolgt.

zu gelangen. Der Verkehr dort verlief nur einspurig und wurde durch einen

Gerade als er in den Rover steigen wollte, hatte sie die Szene aus dem Lokal

Linksabbieger behindert. Wolf presste die Hupe, blendete auf und fuhr links

ins Freie verlegt und sich dort vor Wut darüber, dass er sich ihrer verbalen

auf der entgegengesetzen Spur an dem Wagen vorbei. Saskia stemmte sich

Barrage mit den ungebührlichen Worten: “Halt doch dein Scheißmaul!” ent-

in den Sitz, die Füße in den Teppich und stützte sich mit den Händen am

zogen hatte, in seinen Unterkiefer verbissen und mit geballten Fäusten auf

Armaturenbrett ab.

seine Schultern und seinen Rücken eingeschlagen.

“So würdest du dir die Handgelenke brechen, falls etwas passieren sollte”,

In dieser Nacht hatten sie zum ersten Mal in getrennten Betten geschlafen

bemerkte Wolf in sachlichem Tonfall und scherte wieder in die linke Spur,

und nur kurze Zeit später hatte Wolf sie mit Barbara betrogen.

nachdem er eine gebeugt hinter ihrem Lenkrad kauernde koreanische Hausfrau umsteuert hatte. Er blickte Saskia von der Seite an, doch sie starrte

Der Rover bog auf Creston Drive, eine gewundene schmale Straße, die zu

schweigend aus dem Fenster.

einem Aussichtspunkt über Lake Hollywood führte, um dann wieder in den Canyon abzusteigen und dort nach einer Weile auf den alten Mullholland

“Arschloch,” sagte sie dann mit teilnahmsloser Stimme in die gedämpfte

Highway und die ehemalige Residenz von Aldous Huxley zu stoßen, wo er

Akustik des teuren Wagens und für einen Augenblick war Wolf der Ansicht,

in den Vierzigern erblindet und einige Male durch die Pforten der Wahr-

dass Saskia die Frau in dem Kleinwagen gemeint haben könne, bis er merk-

nehmung geschritten war. Damals hatte man ihm angeboten, eine Filmfas-

te, wie die Stimmung im Wagen abfiel.

sung von Mr.Magoo zu schreiben. Die Vertreter des Filmstudios waren nach ersten Treffen mit Huxley in der Seele berührt, als sich herausstellte, dass

“Tut mir leid, okay?“ sagte er und platzierte seine Hand auf ihren Schenkel.

Huxleys orientierungslose Bewegungen und das Anstoßen des Mobiliars im

Ihr Fleisch wich vor dem Druck seiner Hand zurück, ansonsten reagierte

getäfelten Konferenzzimmers des Filmstudios keine Imitation Mr. Magoos

sie nicht.

war. Betreten hatte man ihm ein Taxi bestellen lassen, doch den Job als Autor hatte man einem Blinden nicht geben wollen. Einige Häuser die Straße

“Dein Jugendirresein geht mir manchmal nur noch auf die Nerven,” sagte sie

hinab hatte jemand die letzte Fassung des Drehbuchs von Aliens geschrie-

schließlich mit fest zusammengepressten Lippen.

ben. Die Erinnerung reichte hier oben nicht weit zurück. Dreißig, vielleicht vierzig Jahre war die Geschichte der menschlichen Bewohner dieser Berge

Er beschloss nichts zu erwidern, damit sich ihre Laune auf dem Weg zum

alt und noch formbar genug, um ohne große Mühe einen starken Abdruck


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darin zu hinterlassen. Von dieser Aussicht angezogen, waren sie in den letz-

In der Einfahrt vor dem Haus standen jetzt mehrere Wagen, bei deren An-

ten Jahren aus allen Ländern in die Stadt geströmt, um Lichtspiele in die

blick Saskia sich spürbar entspannte. Wolf lenkte den Wagen in die Garage

Luft zu zaubern, mit denen einige von ihnen in kürzester Zeit zu Reichtum

und während sich das Tor hinter ihnen schloss, hinderte er sie mit einer

gelangt waren.

Hand daran, ihren Sitz zu verlassen und sagte ihr, dass er sie liebte. Sie sah ihn mit zusammengepressten Lippen an, lachte schließlich und erwiderte

Die Villa auf Creston Drive wurde von bunten Halogenlampen illuminiert,

den Beweis seiner Zuneigung indem sie ihn leicht und unverbindlich auf den

die Saskia zu ebener Erde inmitten der üppigen Bodenbepflanzung hatte

Mund küsste.

anbringen lassen und die das weissgetünchte, halb in den Hügel versenkte Haus, mit seinen beiden runden Türmen und dem roten Ziegeldach durch

Unten, in der Bibliothek des Hauses, hatte sich David Seaman in ein Maga-

ihr bewegtes und wucherndes Schattenspiel wie eine alte spanische Befesti-

zin über Cybersex vertieft. Er war einer der wenigen amerikanischen Freun-

gungsanlage wirken ließen.

den Wolfs und lebte als Akupunkteur und Experte für chinesische Kräuter und heilsame Tierpräparate in Beverly Hills. Obwohl er seine Praxis erst vor

Castillo Nagual stand in bunten spanischen Kacheln eingelassen, auf den

wenigen Jahren mit dem Broadway vertauscht hatte, wo er sich als singender

beiden Säulen, die den Eingang zum Haupthaus salutierten wie eine ab-

Schauspieler in Musicals wie “Annie Get Your Gun” und “Oklahoma” hatte

gebrochene Brücke. In der Sprache der Azteken repräsentierten Naguale

demütigen lassen, war es ihm bald gelungen zu den elementaren Kenntnis-

persönliche Schutzgeister aus dem Tier- und Pflanzenreich, mit denen die

sen seiner Profession vorzudringen und sich mit den rudimentären Spiel-

Eingeweihten ein lebenslanger Gleichschritt verband und tatsächlich bot

weisen menschlicher Lebenskraft vertraut zu machen. Die meisten seiner

das Castillo einen besonderen Anziehungspunkt für Wildleben. Auf der un-

Patienten, fast ausschließlich Frauen zwischen zwanzig und vierzig, klärte er

tersten, dem Grund des Canyons am nächsten liegenden Gartenterrasse, re-

jedoch nicht über sein verborgenes Talent auf, sondern fuhr ihnen auf sei-

sidierte jeden Nachmittag ein Hirsch mit einigen Schaufeln, der sich zum

nem Tisch mit Nadeln unter die Epidermis und spielte jenen, die ihn sexuell

Feierabend der Gesellschaft der Kojoten, dem Gekläffe der Hunde und dem

erregten, unsichtbare Bälle namens Chi zwischen die Beine. Bälle aus der

ständig in der Ferne knirschenden Baulärm der Goldgräberstadt entzog.

Energie seines eigenen Wesens, die tiefes Wohlbefinden – heilende Kräf-

Kleine Rudel von Waschbären und Stinktierfamilien durchwühlten nach

te – auszulösen imstande waren, ohne dass die Patienten Seamans gewusst

Einbruch der Dunkelheit den Garten auf der Suche nach Vermehrbarem

hätten, weshalb.

und ab und an lies sich ein alter, zerfetzt aussehender Kojote auf dem an das Grundstück grenzenden Hügel sehen und starrte regungslos, mit aufgestell-

Bei seinem Studium der Akupunktur in San Diego war Seaman auf einen al-

ten Ohren auf Saskia und Wolf, wenn sie unter freiem Himmel zu Abend

ten Chinesen gestoßen, der ihm das Fehlen einer energetischen Verbindung

assen.

zwischen seinem Sexualfeld und dem Solar Plexus bescheinigt hatte. Durch Visualisierung und monatelange Übungen hatte Seaman diese Verbindung


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dauerhaft bei sich etabliert und es so irgendwann vermocht, seine Körper-

Bevor Seaman mit seinen Frauen schlief, visualisierte er sein kleines Bäll-

energie an jeden beliebigen Platz in der Stadt auszulagern.

chen, rollte es zwischen seinen Schenkeln hindurch, seinen Rücken hinauf über den Scheitel in seine Mundhöhle und verschluckte den Ball, bis er

Eines Abends hatte er Wolf seine Fähigkeiten zwischen den Regalen eines

wieder an seinem Ausgangspunkt hinter dem Nabel angekommen war. Von

kleinen esoterischen Buchladens mir Namen „Bhodi Tree“ bewiesen. Seaman

dort legte er ihn im Herzen oder im Genitalbereich des Objektes seiner

stand dort stundenlang vor dem Postkartenhalter mit esoterischen Motiven,

Begierde ab. Nach kurzer Zeit überließ Seaman, auch mit Versprechungen

Om-Zeichen und Santa Fe-Büffelköpfen, und beobachtete allein stehende

nicht kleinlich, die Frauen dann wieder ihrem angestammten Schicksal und

Frauen die keine Lust zum Fernsehen hatten. Kurz nachdem Wolf ihn auf

konnte so auf ein Heer von zerbrochenen bis explodierten Herzen schauen.

eine schlanke und ungewöhnlich große Asiatin aufmerksam gemacht hatte,

Gelegentlich holte ihn das schlechte Karma seines Wirkens ein und Seaman

war Seaman in Schweigen verfallen. Nach ungefähr einer Minute rutschte

tauchte ab in ein Meer des Leidens und der inneren Arbeit am Schmerz und

die Asiatin von ihrem Sitzplatz auf einem Hocker an der Kasse herab und

seinen Botschaftern. Zu seinem Vorteil hatte er einen beträchtlichen Teil

begann, sich unruhig im Laden umzublicken. Wolf beobachtete durch die

seines Lebens damit zugebracht, sich durch ein Gebirge von Therapien und

Regale, wie sie sich zu orientieren suchte und schließlich ahnungslos und

Meditationstechniken zu kämpfen und hätte eigentlich als selbstrealisier-

unruhig auf die beiden zustrebte, ohne zu wissen, was sie dort eigentlich

ter Mensch gelten können, wäre ihm nicht die fatale Schwäche für das big

wollte. Als sie Seaman hinter dem Postkartenständer fand, erkundigte sich

pink geblieben. Seine Arztpraxis verfügte über regen Zulauf und obwohl er

Wolf schließlich nach einem beliebigen Buchtitel und folgte der Frau in ei-

wenig Vorsorge trug, dass seine Obsession mit dem weiblichen Geschlechts-

nen anderen Teil des Ladens. Mit zitternden Händen zeigte sie ihm dort den

teil seiner Karriere Abbruch tun würde, hatte er jede Woche einen neuen

Standort des Titels. Wolf versuchte sie in ein kurzes Gespräch über ihre Ar-

Gesprächsgegenstand und eine neue Partnerin zur Kohabitation, deren Vor-

beitsbedingungen zu verwickeln, als ihre Aufregung mit einem Mal verebbte

und Nachteile er Wolf offen und ohne sichtbare Scheu mitteilte. Nur in sozi-

und sich direkt von ihm abwandte und ihn einfach stehen ließ.

alen Notfällen oder wenn er als Arzt konsultiert wurde, sprach er von etwas anderem als seinem Geschlechtsleben. Er war dunkelblond von mittelgro-

“Natürlich hat sie irgendwann mitbekommen, dass es nicht deine Energie

ßem, untersetzten Körperbau mit schweren Hüften und blauen Augen, die

war”, erklärte Seaman ihm anschließend. “Sie hat auf mich getickt”. Er ki-

auf Frauen, zumindest wenn er wollte, bis zu einem bestimmten Punkt un-

cherte. “Asiatinnen sind dafür natürlich nicht gerade unempfänglich, aber es

widerstehlich wirkten. Weshalb Saskia genau an diesem Punkt einen großen

funktionierte eigentlich bei allen Frauen. Unbewusst sehnen sie sich nach

Bogen um ihn machte und auch jetzt nach einer unverfänglichen Berührung

dieser Energie mehr als nach allem anderen auf der Welt. Die meistens ken-

von Seamans Wange durch die Bibliothek in die Wohnhalle weiterging, wo

nen allerdings keinen anderen Weg als biologischen Sex, um diesen Zustand

sich ein paar andere Gäste versammelt hatten.

herbeizuführen. Darum werfen sie sich dir quasi an den Hals.”


56

eigenen Seele hinabzusteigen. “Wie steht’s mit Blaire? Du wirkst ein wenig mitgenommen”, gab er stattdessen den Ball an Seaman zurück. Geschmeichelt begann David den Kopf zu wiegen, als lausche er auf das Einsetzen einer feinen Schwingung, die ihm die richtigen Worte zutragen würde. “Eine verflucht böse Muschel,” sagte er schließlich nicht unzufrieden. “Sei froh, dass du in einer festen Beziehung steckst. Da draußen gibt es nur noch wunderschön glasierte, schmackhafte Fondanten, die sich nachdem du sie geschluckt hast, in glühende Kohlen verwandeln, um sich für eine kleine Ewigkeit in deinen Eingeweiden festzusetzen und durch deine Innereien zu brennen, als gäbe es kein Morgen und kein Gestern mehr – nur noch Leibesfrüchte, die irgendwo im Weltall ihrer Inkarnation harren und gemeinsam mit den Frauen nach einem genetischen Trottel Ausschau halten. Letzte Nacht habe ich den alten Knorpel eingeweicht und heute musste ich Wolf ließ sich neben David in einen Sessel fallen und streckte die Beine

den halben Tag damit verbringen, die Braut zu verarbeiten. Ich habe kaum

aus. Seaman sah Saskia mit ruhigem Hexenjägerauge nach, bis sie den Raum

Schlaf gekriegt”

verlassen hatte. “Vielleicht solltest du weniger von diesen Fondanten essen,” schlug Wolf “Wie geht es dir?” erkundigte er sich dann mit tiefer, anteilnehmender Stim-

vor.

me und einem andauernden Blick in Wolfs Augen, der seinen Gegenüber anhalten sollte, dem Innersten Ausdruck zu verleihen, anstatt die Konversa-

“Im Gegenteil. Weitaus mehr. Was brennen kann, muss brennen,” erwiderte

tion mit Beiläufigkeiten zu verseuchen. Wolf fuhr sich mit beiden Händen

Seaman. “Lieber jetzt, als später, wenn es möglicherweise auch noch darauf

durch sein halblanges hellblondes und gelocktes Haar und atmete tief ein.

ankommt.”

“Schwierig?”, insistierte Seaman.

“Weshalb hast du Blaire nicht mitgebracht?”

Wolf schüttelte den Kopf, entschlossen vorerst nicht in die Untiefen der

Mit einer schlaffen Bewegung seines Handgelenkes winkte er ab. “Das Kind


58

hat eine unmögliche biedere und hausfrauenhafte Art – wenn sie nicht als

Hummer war vor zwei Jahren nach Los Angeles gekommen, weil sein Vater,

kleiner roter Feuerball in meinem Bett schmort, heißt das. Ich bezweifele,

ein hanseatischer Baumagnat, ihn in seine Niederlassung nahe der mexika-

dass du mich jemals mit ihr in der Öffentlichkeit

nischen Grenze bestellt hatte, um dem ziellosen

zu Gesicht bekommen wirst. Vermutlich wer-

Herumtreiben seines Sohnes die Spitze zu neh-

den wir es noch ein oder zwei Mal miteinander

men und ihn an einen geregelten Arbeitsalltag zu

treiben und ich sie dann weiterziehen lassen.”

gewöhnen. Als Abmachung hatte gegolten, dass Hummer in Amerika nicht als Nachfolger seines

“Es sei denn, es gelänge ihr, sich festzubrennen”,

Vaters auftreten solle, sondern als gemeiner und

sagte Wolf nachdenklich.

rechtschaffener Arbeitsmann, mit dessen unterschiedlichen Herrschafts- und Erscheinungsfor-

“Ist nicht der Fall,” antwortete David sachlich und

men ihn ohnehin eine romantische Anziehung

streichelte eine der beiden burmesischen Katzen,

verband, die ihn in Deutschland in die Nähe nati-

die sich auf seinen Schoß niedergelassen hatte.

onalsozialistischer Kreise geführt hatte.

“Das nächste Mal nehme ich mir eine junge Mexe. Die putzen einem nach dem Vögeln das Haus.”

Nach wenigen Tagen hatte sich Hummer in der Fabrik seines Vaters als Erbe zu erkennen gegeben

Saskia betrat die Bibliothek und bei ihr un-

und daraufhin eine, über der Arbeitsanlage liegen-

tergehakt Ernst Hummer, ein braungebrann-

de, schalldichte Glaszelle als Büro erhalten, von

ter deutscher Mann in Wolfs Alter mit kurzem

wo er seine dunklen Fühler langsam in Richtung

Messerhaarschnitt

Lederjacke,

allabendlicher Ausschweifungen im einhundert-

die er auch zum Essen nicht abzulegen pfleg-

fünfzig Kilometer entfernten Los Angeles gleiten

te. In seiner freien Hand hielt er einen gefüll-

ließ, bis er der Ansicht war, dort genügend Sub-

ten Mischbecher, zwei leere Cocktailgläser, eine

stanz ertastet zu haben, um sicher den Standort

zerknautschte Weichpackung Zigaretten und

wechseln zu können. Der alte Hummer änderte

ein Feuerzeug und in den gelben Fingern der an-

kurz darauf sein Testament zu Ungunsten des De-

deren eine beinahe abgebrannte Kippe, deren

zendenten, woraufhin Ernst damit begann, düste-

und

dunkler

Asche bei seinem Eintreten sofort auf den Sisal am Boden fiel und dort

re Ledermasken und Larven zu entwerfen und sie als teure Einzelstücke in

liegen blieb, bis er sie aus Versehen mit einem groben Arbeitsstiefel zertrat.

okkulten Kreisen zu verkaufen, was ihm im Untergrund und in der Clubszene der Stadt ausreichendes Renommee und finanzielle Unabhängigkeit


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bescherte.

“Habe Saskia von der trans-himalayanischen Bruderschaft erzählt. Hast du schon mal davon gehört?” hob Hummer auf der Suche nach einem Schwach-

Sein Auftreten und seine einnehmende, freundliche Art standen oft in

punkt in der Laune seines Gegenübers an.

merkwürdigem Gegensatz zum Inhalt seiner privaten Studien und sexuellen Vorlieben, was es ihm einfach machte, sein angenehmes Äußeres als Ein-

“Glaube,” sagte Wolf vage mit abwesendem auf die Katze gerichteten Blick,

trittskarte in jeden ihm interessant scheinenden, Zirkel zu benutzen, um

die durch eine dafür bestimmte Klapptür in die Nacht verschwand. Hum-

sich dort dann ohne Hemmung zu entfalten und auszutoben. Es bereitete

mers Anwesenheit und seine Insistenz über die Auswirkungen der Gralssu-

Hummer große Freude als advocatus diaboli aufzutreten, wann immer sich

che auf die Politik eines angehenden Viertes Reiches oder ähnlich Ungreif-

in seinem Umfeld liberale oder humanistische Tendenzen bemerkbar mach-

bares sprechen zu wollen, enervierten Wolf. Seit dem Vorfall im Lokal und

ten und da er im großen und ganzen nichts von anderen erwartete, legte er

dem folgenden Streit im Wagen hatte Wolf das Gefühl, dass Saskia ihrem

sich bei seinem Ausführungen keine Beschränkungen auf.

Verhalten eine fremdartige Kühle hinzugefügt hatte. Und gerade eben, bei ihrem Eintritt in die Bibliothek, hatte er zum ersten Mal bemerkt, dass die-

“Diese mysteriöse Stadt der Eingeweihten, befindet sich im Zentrum der

se Kühle nicht von ihr, sondern von ihm selbst zu stammen schien und ihm

Wüste Gobi, vergraben im alten Sand von Shamo, der Uralten Mutter. Dort

war Angst geworden, als habe er die Diagnose einer tödlichen Krankheit

steht vermutlich auch der Tempel der unsichtbaren Weltregierung, die un-

erhalten. Er wusste, dass sich seine Liebe zu ihr erschöpft hatte. Hummer

verwüstliche Insel,” hörte Wolf ihn sagen.

penetrierte diesen Moment eisiger Pracht mit seiner grobstofflichen Anwesenheit, dem Gestank seiner qualmenden Zigarette. Für einen Augenblick

Die Katze sprang bei Hummers Anblick von Seamans Schoß und Seaman

verfluchte Wolf die Tatsache, dass auch er durch die dünne Haut der Zi-

erhob sich ohne ein weiteres Wort, als Hummer auf Wolf zutrat und ihm die

vilisation von einem ernsthaften und folgenreichen Gewaltausbruch gegen

Hand reichte, nachdem er sich die brennende Zigarette in den Mundwinkel

andere Menschen getrennt war.

gesteckt hatte. Anders als Seaman, Saskia oder Barbara war Hummers Laufstall mit altem “Und? Alles klar soweit?” begehrte Hummer in knappem und präzisem Of-

Hanseatengeld ausgelegt gewesen und er verfügte in Wolfs Augen über eine

fiziersdeutsch zu wissen. Er setzte sich neben Wolf und goss ihm ungefragt

innere, angemessene Ruhe was existenzielle Dinge anging, die Wolf in sich

aus der Tiefes des Mischbechers nach. Saskia lächelte die beiden Männer

vermisste. Auf die gleiche Weise, auf die er Hummer verabscheute, bewun-

erwartungsvoll an und verlies den Raum bald kopfschüttelnd, nachdem bei-

derte er seine Unbeschwertheit in sozialen Situationen, die ihn beliebt

de längere Zeit geschwiegen hatten und nun unentwegt weitere Gäste ein-

machte und ihm selbst unsägliche faux pas verzieh. Fehler, die Wolf pein-

trafen, die bald die untere Etage des Hauses bevölkerten.

lichst zu vermeiden suchte. Hummer schätzte an Wolf dessen geschliffenen und stark ausgebildeten Zynismus, den er früh entwickelt hatte, um ernst-


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haften Konfrontationen mit seinem Vater und den folgenden Autoritäten

die Betroffenen der meist unerfreulichen Ereignisse nicht auffinden, auch

aus dem Weg zu gehen. Die fingierte Distanz zur Welt hatte ihm das Auge

weil Wolf die Geschichten der Einfachheit halber erfunden hatte, so wurden

eines unvoreingenommenen Zeugen verliehen, aber alles was seine Herzens-

die Begebenheiten kurzerhand mit Laiendarstellern nachgestellt. Los An-

angelegenheiten betraf, hatte unter der feinen Klinge des kalten verbalen

geles war ein unerschöpflicher Pool von Schauwilligen, die nichts mehr zu

Lasers zu leiden begonnen.

interessieren schien, als am Rande des Lampenlichts ein wenig Wärme und Liebe durch das Auge der Öffentlichkeit zu empfangen. Wolf drehte kleine

Seine Begegnungen mit den Kindern reicher Eltern hatten sich in den letz-

höchstens fünfminütige Beiträge, die unter dem Titel “taff ” oder „expolsiv”

ten Jahren zwar gehäuft, doch war ihm ihre Selbstverständlichkeit im Um-

im Fernsehen auftauchten. Viel Geld war dabei nicht zu machen, jedenfalls

gang mit den Dingen ihrer Welt immer noch fremd geblieben. Sie schienen

nicht genug um mit Saskias Dynamik und der ihrer wohlhabenden Freunde

anderen niederziehenden Eigenschaften zu unterliegen als er. Besonders

und ihren Trustfunds mithalten zu können. In letzter Zeit hatte sich die

gegenüber ihren Frauen fühlte er sich häufig befangen. Was ihn tröstete

menschliche Dramatik der Geschichten, die Wolf liefern musste außerdem

war, dass auch von ihnen keiner es je etwas zu bringen schien – als haben

ständig verschärft und sein zynisches Betriebssystem war zusammengebro-

ihnen die monatlichen Zuwendungen all jene Zähne abgeschliffen, die sie

chen. Letzte Woche hatte er einen Beitrag produzieren müssen, in dem eine

für das Herbeizerren einer originären Tat benötigt hätten. Durch Wolfs per-

erschlagene Frau von der Polizei auf dem Boden ihres Badezimmers aufge-

manente Nähe zum Geld anderer und seine Beobachtungen über dessen

funden worden war, während ihr dreimonatiger Säugling noch an ihrer Brust

Auswirkungen, war er schließlich zu dem Schluss gelangt, dass es sich nicht

saugte. Je tiefer Wolf in diese Geschichten eintauchte, desto stärker wurde

wirklich lohnte für Geld zu arbeiten. So lebte er im wesentlichen auf Saskias

sein Eindruck, aus einem Konzentrationslager zu berichten. Wolf trank je-

Kosten, was zwischen den beiden ausgerechnet jetzt, wo sie im Begriff war

den Tag. Wenn er nicht trank war er krank. Er brauchte es um Schreiben zu

ihre Abfindung zu erhalten, zu Spannungen führte.

können, sagte er sich, einen Ausgleich zu finden, die Ebenen zu wechseln und seit er vor einem halben Jahr bei Saskia eingezogen war, hatte er tat-

So hatte Wolf eine Stelle bei Reuters als Nachrichtenschreiber angenom-

sächlich etwa fünfhundert Seiten geschrieben und mindestens doppelt so

men und war dort für das Resort “Vermischtes” verantwortlich, das auch

viele Martinis und Gimlets getrunken. Manchmal ging eine ganze Flasche

unter Namen wie “Neues Aus Aller Welt” auf den letzten Seiten beinahe

Bombay Saphire am Abend drauf. Verkauft hatte er nur ein paar Artikel.

aller Tageszeitungen zu finden war. Abstürzende Flugzeugtoiletten, ein

Nicht viel für die Hoffnung die er verstanden hatte in ihr zu wecken, dachte

Epileptiker der in einer Pfütze ertrank oder ein Weltrekord im Zwergen-

er. Ziellos schlenderte er von der Bibliothek in die Küche, nahm dort aus

weitwerfen rechtfertigten Kurzmeldungen, die in die ganze Welt übertra-

Blancas Hand einen Anruf von Glückstadt entgegen und versprach ihm, die

gen wurden und im deutschen Fernsehen von Sat1 oder RTL Plus dann als

mittlerweile langweilig gewordene Party zu verlassen und ihn innerhalb der

Fernsehbeiträge aufbereitet wurden. Wolf kassierte dafür von den Redak-

nächsten Stunde in einer kleinen Bar auf Santa Monica Boulevard zu tref-

tionen und den Produktionsfirmen vor Ort Beraterhonorare. Konnte man

fen. Wolf holte sich die Erlaubnis von Saskia ein und verabschiedete sich


64

bei David, der jetzt Hummer erklärte, wie man in einer Latinodiskothek in Silverlake junge Südamerikanerinnern auflesen könne: “Sobald du sie gebumst hast, fragen sie nach dem Ata und fangen an zu putzen.” hörte Wolf im hinausgehen Hummer lachte. “Irgendwie riecht in letzter Zeit alles nach Hundescheiße”, sagte Wolf pikiert zu Hummer und zog scharf die Luft durch die Nase ein. “Ich gehe mal nachschauen.” Dann trat er schnuppernd hinaus in die Nacht.


66

Zurück in Lotosland

etwaige Gäste ergab. An der Wand über dem Futon in Schwarz-Weiß die Standphotographien der Großen: J. Lee Cobb mit weißem Seidenschal hieb seine mächtige Faust „On The Waterfront“ in Marlon Brandos Maske. Robert Mitchum in ‚Die Nacht des Jägers‘, in Tinte gestochen auf allen Fingerknöcheln, Charles Laughton Regie. Hier kamen keine falschen Hoffnungen auf: Richard Widmark und Lee Marvin, späte Boten einer Männerform, die nicht um Initiation durch herrische Frauen betteln musste, sondern sie auf ihren Knien empfing, sobald Zeit und Aufgabenstellung es geboten. Dazwischen die Autogramme und handschriftlichen Danksagungen der von Glückstadt Befragten, wieder in den Schatten der Obskurität Zurückgestoßenen. Peter McNorton. 1949, im Frühtau seines Erfolges, war er als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert worden, hatte auf Anraten seines Studios allerdings verzichtet, da man es für sicher hielt, dass er im darauffolgenden Jahr als Hauptdarsteller nominiert werden würde. Da sich das Studio nach Ansicht der Filmmuster entschlossen hatte, den Film mit McNorton nicht zu verleihen, war er wenige Monate später er in abysmaler

Als der Krautsack Glückstadts Geist wieder freigab, hatte er zwanzig Stun-

Obskurität versunkenen, aus der ihn nur ein Selbstmord wieder hätte in die

den durchgeschlafen. Um ihn herum herrschte Stille, bevor die Teufel ihre

Schlagzeilen bringen können.

Schulen verlassen und kommen würden, ihn mit ihren rhythmischen Geräuschen zu martern. Er rollte sich aus der Kuhle, die sein unterer Rücken

Glückstadt hatte unzählige Stunden mit dem Mann verbracht, einige Male

bereits nach der ersten Nacht in der dünnen Schlafunterlage hinterlassen

die Begleichung seiner Miete übernommen und ihn zum Essen eingeladen.

hatte, und die ihre Neige mittlerweile auf dem Holzrahmen des Schlafmö-

Er lebte in einer Garage im Hinterhof eines Apartmentgebäudes auf El Ser-

bels fand. Noch im Halbschlaf faltete er die dünne Matraze zusammen, um

reno für fünfundzwanzig Dollar Miete, die am Tage des ersten Interviews

sie dann auf dem kompliziert mit unzähligen von kleinen Handgriffen zu-

mit Glückstadt gerade auf dreißig erhöht worden war. Fliessend Wasser aus

sammenzulegenden Rahmen so zu platzieren, dass sie mit heftigen Fußtrit-

einem Kanister. Ein Nichts im Nichts, gespeist von Kerzenlicht und Bat-

ten an die Wand des kleinen Zimmers getrampelt eine Sitzgelegenheit für

terie getriebenen Kurzwellen. In einer Blechbadewanne gefüllt mit einem


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schnellbindendem Zement, den er in der Garage gefunden hatte, hatte er

Endlich wurde der Ruf nach Wahrheit laut. Nur ihm, so hatte Glückstadt

sich vor einem Jahr dann, vorhersehbarer Tod als Klischee, die Pulsadern

beschlossen, würde er in letzter Instanz folgen können.

aufgeschnitten. Kurz zuvor noch hatte Glückstadt zwei kleine Artikel über den Mann in einer deutschen Videozeitung platziert, durch deren Veröffent-

Die tief hängende Zimmerdecke mit dem Popcornmuster erschien ihm jetzt

lichung er auf den Erhalt einer kleinen Rolle als Mumie in einer deutschen

außergewöhnlich bedrückend. Derartig unvorteilhaft war der Raum ge-

B-Produktion gehofft hatte.

schnitten, dass Glückstadt kaum imstande war, dort Besuch zu empfangen, weil er von keinem Winkel seines Zimmers aus Augenkontakt mit seinem

Von seinem Tod hatte selbst Glückstadt nur durch eine kurze Zeitungsnotiz

Gast halten konnte. Am Tage seines Einzugs hatte er mit Wolf Streichhölzer

in der Los Angeles Times erfahren und war in gleißender Sonne als einzi-

um das größere der beiden Zimmer gezogen und mit Grausen den Ausgang

ger Trauergast bei seiner Beerdigung erschienen – er fühlte sich als schwei-

des Spiels erwartet. Wolf hatte, kaum auf amerikanischem Boden, mit der

gender Chronist einer Welt vor dem letzten Umbruch, jemand der Beweise

Kultivierung eines bleistiftminendünnen Oberlippenbartes begonnen. Ei-

sprechen lassen würde, wenn die Zeit gekommen, der letzte Vermessene ver-

nes Abends, vor dem gemeinsamen Ausgang, war der braune Strich plötzlich

stummt war und kleine hausgefertigte Meinungen nicht mehr ausreichten.

tiefschwarz erschienen. Als Glückstadt hinter Wolf das Bad betreten hatte,


70

um seinen Pompadour zu pflegen, hatte er auf der Seifenablage über dem

Als Glückstadt während einer Winternacht in Berlin durchfroren in seine

Waschbecken einen Haufen abgebrannter Feuerhölzchen gefunden, mit

Behausung in Alt-Moabit zurückkehren wollte, hatte man die Tür zu seiner

deren Asche Wolf sich geschmückt haben muss-

Parterrewohnung gewaltsam erbrochen. Glück-

te. Ein Rockabilly-Wadobejüngling. Verzweifelte

stadts Türschild hatte sich vom Rahmen der al-

Identitätssuche! Trotzdem hatte Glückstadt als

tertümlichen Doppeltür gelöst und war auf den

erster gezogen und verloren.

Boden gefallen. Ein stämmiger Feuerwehrmann stand mit einem Gummischuh darauf und von der

Glückstadt würde Änderungen vornehmen. Es

Decke seines Korridors hatten sich bereits lan-

lag in der Natur der Dinge, sich erkennen zu ge-

ge dünne Eiszapfen gebildet, die eine sagenhafte

ben, sobald sie erkannt werden wollten. Bis dahin

Idylle über dem zertretenen Bretterboden ver-

konnte er eigentlich genauso gut weiterschlafen,

breiteten.

warten bis das Telefon klingelte, oder die Post Neuigkeiten brachte. Doch von einer dunklen

Die restlichen Anwohner des Hauses und die Feu-

Vorahnung befallen, setzte er sich schließlich

erwehrsleute hatten die Abwechslung zum Anlass

auf den Rand des Futonrahmens und strich mit

genommen, sich zu verständigen und tranken ein-

schweren, vom Schlaf steifen Händen durch sei-

ander wie auf Neujahr zu. Als Glückstadt sichtlich

nen Schopf.

bestürzt hinzutrat, waren die freudigen Stimmen verstummt. Man hatte eine Komödie aus seinem

Die Luft um ihn herum schien seit seinem Ab-

Lebenskampf gemacht und er hatte ihnen auch

flug von einer befremdlichen Dünnheit befal-

noch den Spaß daran verdorben. In der Wohnung

len zu sein, und er schien hastiger atmen zu

über Glückstadt war ein Steigrohr gebrochen.

müssen, nur um zu tun, was andere scheinbar gleichmütig erledigten. Eine natürliche Gelas-

Wolf war schließlich auf die Idee verfallen, einen

senheit oder gar entspannte Objektivität, es-

ohnehin leer stehenden Raum mit imaginären

sentielle Notwendigkeiten zur Schaffung eines

Berberteppichen auszustatten und einen Haufen

bedeutenden Werkes, stellten sich nicht mehr

unpopulärer Langspielplatten in einer Wanne leh-

ein. Mit einem Wasserflecken, genau wie mit dem über ihm, durch die

migen Wassers einzuweichen, um die Versicherung zu betrügen. Bild um

Sprayfarbe des Mexikaners längst wieder hindurch scheinend, hatte vor

Bild reihte sich hinter Glückstadts Augen aneinander, keines davon wollte

drei Jahren alles angefangen.

er sehen und doch kamen sie immer wieder, wie die Folgen der angemiete-


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ten Bruchbude auf Clinton Avenue. Beinahe jeden Tag verging ihm hier der

und Wasser aus dem Hausanschluss über den Unrat laufen lassen. Dann

Appetit, hinderte ihn viel zu schwerer und bedrohlich todesähnlicher Schlaf

hatten sie Bauschutt darauf gehäuft und Belege für mehr als sechstausend

am Leben. Er ekelte sich vor der niemals zufrie-

Mark über den Erwerb des Unrats gefälscht. Eines

denstellend zu reinigenden, nach ihrer Benutzung

Nachts, nach beendeter Zechtour, war Glückstadt

zufrieden summenden Toilette. Die unvorherseh-

allein in den Keller hinab gestiegen, hatte seine

baren, mechanischen Katastrophen des desolaten

Blase mit dem pulsierendem Nachdruck eines

Gebrauchtwagens, der nun die Funktion einer

Versicherungsbetrügers auf dem Gerümpel ent-

ungnädigen prophetischen Gottheit in seinem

leert und dabei beschlossen allem den Rücken zu

Leben eingenommen hatte, sowie die kaum noch

kehren.

herabzuspielenden Folgen des schlechten, mit überflüssigen Nährstoffen angereicherten Essens,

Was stand schon bevor?

hatten sich mittlerweile nun auch in den Vereinigten Staaten zu einem Energiemuster gefügt, dass

Ein Redakteursposten bei der Stadtzeitung oder

ihn jeden Morgen erfolgreich zu lähmen verstand.

beim Rundfunk als Plattenaufleger und Bauch-

Ich selbst habe mich eingeholt, dachte Glück-

rednerpuppe? Die wenigen interessanten Posten

stadt. Geistesabwesend starrte er auf die weißen

schienen endlos blockiert von Achtundsechzi-

Füße und griff in den weichen Ring um seine Hüf-

gern, Fleischpropfen, den peinlichen Resten der

te, befühlte den Ansatz für einen Zweiten darüber

Studentenrevolte, die auf Flaschenhälsen klebten,

und einen kleinen Dritten – kaum war die Akne

in denen es nicht gerade aufregend gärte. Sollte er

gewichen, hatte sich ein Bauch gezeigt, als seien

hingehen und einen ermorden? Trotz Fettspach-

die Beulen abgewandert, um eine neue Nieder-

teln beim Griechen und endloser Lungentortur

lassung zu gründen, aus der lautstark eine unver-

schienen sie ewig leben zu wollen. Sie waren ihm

ständliche Sprache erklang. Glückstadt begann

zu ekel. Deshalb lieber acht Weizenbierchen und

sich zu fragen, wann der Höhepunkt seines Le-

Tequila im Gasthaus zum Rössl und jedes Semes-

bens eintreten würde und ob er sich bereits darauf

ter die neuen Mädchen aus Göttingen, Ulm und

vorbereitete. Vielleicht war er nur Dünger für die

Kassel, die in den Rohrleitungen des Nachtlebens

folgenden Generationen und würde am Ende zu nichts sonst getaugt haben.

auftauchten, bis sie gegen Ende des Jahres immer seltener zu sehen waren und schließlich in Eigentumswohnungen, Verhältnissen und Ehen vollends

In Berlin hatten Wolf und er Gerümpel in den Kellerverschlag geschafft

verschwanden und wieder neue in Kleinwagen und Zügen zweiter Klasse


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nisse. Die kurz darauf bewilligte Versicherungssumme hatte für zwei Flugscheine nach L.A. und ein kleines Startkapital gereicht. Wolf und Glückstadt hatten sich damals gemocht – so gern wie sich die Bremer Stadtmusikanten gemocht haben mussten, dachte er. Für eine Weile hatten sie einen Platz an der Sonne gehabt – am Ozean die ungewohnten Pelikane und Delphine, auf Melrose Avenue die Geschäfte nach bunten Freizeithemden und seltenen, aber preiswerten Schallplatten von Hoyt Axton aus den sechziger Jahren durchkämmt und sich dabei mit dem Gedanken getragen, ein journalistisches Büro aufzumachen, um die ganze Welt mit Artikeln zu beliefern. Eternal Siesta hatte Wolf es nennen wollen. Ein schlafender, an einen Kaktus gelehnter Mexikaner unter seinem Sombrero, den er von einer Tequilaflasche abgezeichnet hatte, hätte den Briefkopf abgeben sollen. Doch aus irgendeinem Grund hatte sich die Ferienstimmung nie verflüchtigt, bis man Glückstadt die Kreditkarte in der Bank nicht in Gänze wiedergegeben, sondern sie vor den Augen der Anweeinrollten, voller Esprit, jung, weiblich wahnsinnig, in Bands spielend, pro-

senden in einer Filiale der Bank of America zerschnitten hatte. Als Geächte-

motend, malend oder sich sonst wie interessant beschäftigend, um endlich

ter hatte er die Schalterhalle verlassen müssen und für einen Moment nicht

aus Steuergründen oder Liebe einen Stenz aus der Peripherie zu ehelichen,

gewusst, wohin er gehen sollte.

den Glückstadt nie für möglich gehalten hätte. Vor seinem Zimmerfenster beschrieb der Hollywoodfreeway eine Kurve Wegen der Mädchen war Glückstadt noch eine Weile geblieben. Bis sich

um das Sandwichgebäude von Capitol Records. In den Aufnahmestudios

gar nichts mehr zu bewegen schien, der peinvolle Zirkel uninteressant ge-

dort war Gene Vincent ein- und ausgegangen, angeblich bis zu seinem letz-

worden war, ohne das er vermocht hätte sich zu binden oder glaubwürdiges

ten Auftritt, zu dem er eine Leihfamilie für hundertfünfzig Dollar auf die

Interesse an einer Bindung zu demonstrieren.

Bühne bestellt hatte, um sich von ihr begeistert und emotional umarmen zu lassen. Wenige Tage darauf war er von allen verlassen allein gestorben, so

Der Mann von der Hausratsversicherung, der gekommen war den Wasser-

wollte es die poetische Legende vom Tod in Lotosland – Blue Gene, Baby.

schaden zu begutachten, war Glückstadt sympathisch erschienen und er tat

Glückstadt beschloss, dass ihm diese Reflektionen als Grundnahrung für

ihm leid, gerade als betrüge Glückstadt ihn um seine persönlichen Erspar-

den neuen Tag reichen sollte und erhob sich von seinem Futon, um durch


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die Verhältnisse der dritten Welt schien er nun arm. Er legte sich den kleinen, braunen Papierbeutel in die Armbeuge wie einen Säugling und lies sich Zeit mit dem Weg nachhaus. Nichts wartete dort. Nur eine Verabredung mit dem Einbruch der Nacht in Hollywood, die wie eine hässliche aber glücklicherweise so perverse wie verschwiegene Frau vorübergehende Linderung versprach, und auch hielt solange man unbekannt war. Daheim stellte er die Nahrungsmittel auf den Küchentresen, und begann mit der Zubereitung seines Mahles, er würzte und wendete die Nudeln, die er nach dem Kochen zum Anbraten in eine Pfanne gelegt hatte. Als sie leicht gebräunt waren, verging ihm durch den Geruch des billigen Bratöls der Appetit und er ließ die Mahlzeit in den Abfluss gleiten. Er betätigte den Schalter für den Müllschlucker und reinigte das verschmutzte Geschirr. Er telefonierte eine Weile, doch außer einem Treffen mit Wolf in der Formosa Bar ließ sich nichts arrangieren. irgendeine Aktivität oder Ablenkung eine bessere Laune zu erwerben. Unter den Sitzkissen des Sofas und zwischen den Sachen von Wolf fand er ein paar Silbermünzen. Sein Wohngenosse pflegte Kleingeld als Unglücksbringer zu deklarieren und in den Papierkorb oder einfach aus dem Fenster unter die Nachbarskinder zu werfen. Johnny rasierte sich in dem kleinen Kachelbad und machte sich dann auf den Weg zum Mexikaner auf Melrose und Wilton. Dort angekommen erstand er eine Tüte mit flachen Nudeln, ein Ei und Tomatenmark in einer kleinen, außen bereits angerosteten Dose, zusammen für einen Dollar und siebenundzwanzig Cents. Lachend verfolgte die mexikanische Familie im Kassenstand Glückstadts sorgfältige Art die Münzen abzuzählen – selbst für


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In jedem Traumhaus ein Herzschmerz

vom schwarz-roten Laquer des chinesischen Interiors zurückgeworfen Licht aus illuminierten Flaschen und asiatischen Zauberlichtern, sah es aus wie ein fahler, blankpolierter Schädel.

Das Formosa war eine der wenigen übriggeblie-

Die wenigen Nischenplätze im hinteren Teil des

benen Studiobars, in der Nähe des Warner Brot-

Wagons wurden von alternden Kellnerinnen mit

hers-Geländes. Ein radloser, aufgebockter Eisen-

brachialem Einsatz verwaltet. Glückstadt stell-

bahnspeisewagen, den der König von Amerika

te sich vor, dass sie sich nach Ladenschluss wie

besucht hatte, als Technicolor ihn von Memphis

Nachtspinnen an dünnen Rauchfäden an die De-

nach Kalifornien geführt hatte. Eine der Kellne-

cke des Lokals zurückzogen, um das Tageslicht

rinnen hatte einen Cadillac von ihm als Geschenk

zu verschlafen und bei Einbruch der Nacht wie-

erhalten und die Wände waren übersät mit seinen

der herabzurollen und Uneingeweihte mit ihren

Porträts, Autogrammen und Promotionsbildern

lackierten Klauen vor besetztem Lokal zu schin-

aus vier Jahrzehnten.

den. Er versagte seine Teilnahme am mysteriösen Kampf um Sitzplätze, vulgäre Zwiste und Geran-

Johnny Glückstadt schien es, als seien die Ohren

gel um unsichtbare Reviere und nahm ohne Wort

des alten Barmanns hinter dem Tresen wieder ein

oder Gruß neben Wolf an der Bar Platz. Dort sa-

wenig gewachsen, oder sein Kopf ein wenig ge-

ßen am frühen Abend vorwiegend Stammkunden,

schrumpft. Kaum hob er ihn, wenn jemand eine

ältere Herren, Shriner‘, Logenbrüder, stets mit Fez

Bestellung an ihn richtete und füllte die Gläser,

und Troddel und einer Unzahl bunter Meinungs-

ohne auf seine Hände zu schauen, dabei achtlos

knöpfe und Abzeichen am Revers. Sie besuchten

ein Drittel in der Dunkelheit verkleckernd, ohne

die Bar seit dreißig Jahren, waren von Whiskey zu

dass sich der Besitzer und Freund, Lee der Chi-

Bier in den Siebzigern gewechselt und aus Leber-

nese, neben einem blubbernden Fischtank sitzend

gründen auf Ginger Ale umgestiegen, das sie sich

um den Schwund gekümmert hätte.

in Schnapsgläsern servieren ließen und den ganzen Abend nicht anrührten. Gegen Mitternacht

Glückstadt bewunderte die beiden alten Männer und ihr Verhältnis sprach-

kippte der Laden um, wie ein durch Sauerstoff verzehrende Algen getöteter

loser Zuneigung. Ihre Neugier schien vollends gestillt. Ein Kreis war im Be-

See. Dann trafen die Jungschauspieler, Screenwriter und der Möchtegernab-

griff sich zu schließen und das Abbild der Perfektion rollte heran. Hier, im

schaum beiderlei Geschlechts ein, die die Zitadelle des alten Hollywoods für


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sich entdeckt hatten, um lautstark die spärlichen Verdienste der Jugend und

Berliner Kellern, den deutschen Rip van Winkels, allein mit ihren Video-

die Tatsache ihrer physischen Anwesenheit auf dieser Welt zu bejohlen. Da

spielen, Rockabilly – und Sixtiesschallplatten und allen Wichsvorlagen der

war Glückstadt jede Kugel zu schade. Einfach mit der Schaufel totschlagen.

Milchstrasse. Anekdoten und Ausläufer gemeinsamer Jahre, in denen Din-

Ein Greul. Manchmal fühlte er sich bereits wie ein Greis.

ge einfach und unverbindlich erschienen waren, und die Wolf und Glückstadt gemeinsam zurückgelassen hatten. Doch heute zündeten die alten

Zwei Wild Turkey und zwei Pacifico waren bereits in Wolfs Kehle ver-

Anekdoten nicht mehr. Nach dem Überschreiten der Dreißiger hatten die

schwunden. Stillschweigend missbilligte Glückstadt den Hang seines Freun-

Verhältnisse für beide Männer begonnen eine zunächst ungeahnte und un-

des zu Ausschweifungen. Er wertete sie als gar zu offensichtliche Hinweise

willkommene Mehrschichtigkeit und Tiefe zu zeigen. Es war unvermeidlich

auf Instabilität im Bau seines Charakters. Den Blick auf den Spiegel hin-

geworden, darüber zu sprechen, doch fehlten Wolf und Glückstadt das Vo-

ter der Flaschenbatterie gerichtet, die Hand am Drink, wurde Kryptisches

kabular. Die einstmals vereinigenden Feindbilder waren quasi über Nacht

vermerkt. Vor Wolf auf dem Thresen lag ein kleiner Haufen Bargeld. Lindi

verschwommen oder unerklärlich unwichtig geworden und Freunde aus der

zählte sich selbst ab, was er brauchte.

alten Tafelrunde der coolen Könige unter den Händen zur Hilfe eilender Flaschengeister und der lieben Ehefrauen zu Schrumpelärschen gealtert.

„Und wie steht‘s mit Linda?“ erkundigte Wolf sich. Glückstadt bemerkte,

Unwillig, übellaunig und komatös gingen sie Aufgaben nach, die ihre Väter

wie müde er aussah.

ihnen gestellt hatten, verwalteten und editierten Bestehendes, produzierten Komödien für das Fernsehen oder hinterließen gar keine Spur im Sand der

„Problematisch. Äußerst schwieriger Fall, kann man sagen.”

Zeit, die nun immer zügiger zu laufen schien.

„Konnte man von Anfang an sehen.“ sagte Wolf und blickte Glückstadt in

In Glückstadts wie auch in Wolfs Augen war die deutsche Kultur zur Klein-

die Augen. „Du lässt dich eben gerne foltern.“ Glückstadt zog die Augen-

kunst, einer Art permanentem Komödienstadel avanciert. Das sich selbst

brauen herauf und legte den Kopf in den Nacken. „Und die, wie heißt sie

entschuldigende Heruntergespiele einer behinderten Größe, deren wahre

noch, Saskia Vandenberg, die lässt sich jetzt wegen dir scheiden, oder was?‘

Ursachen nicht benannt werden durften. Sichtbar teilweise noch in Architektur und verbotenen Büchern, war man kulturell in Wirklichkeit zu einem

„Die Scheidung ist heute durchgekommen.“

kleinen unbedeutenden aber debilen Trabanten Amerikas geworden. Die Sozialorthopäden hatten die Essenz der großen Vergangenheit gestohlen

„Wegen dir?“

und vergrauten Licht und Schatten jede Woche im Spiegel, der Süddeutschen und den anderen Statthaltern des Vierten Reiches, die versuchten die

Kurzangebunden bestellte er noch ein Bier. Er konnte Wolf seinen Ver-

Geschichte des Dritten auf Fakten zu reduzieren, die sie zu verstehen moch-

lust nicht eingestehen. So grüßte er von den Zurückgebliebenen in ihren

ten. Wahrheit war in Deutschland unerhältlich geworden und jeder spürte


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die Angst vor der Unvermeidlichkeit ihres Ausdruckes. Die meisten lachten

“Was´n eigentlich los mit dir?” erkundigte Wolf sich schliesslich. Glückstadt

deshalb nur noch, dichteten scherzhaft kommentierendes oder kotzten in

schwieg.

großen grauen Schwällen Betroffenheit über das große Absterben in ihrem Inneren, wenn sie nicht Vollalkoholiker oder Drogensüchtige geworden wa-

“Die Braut macht dich kalt, stimmts? Du mußt doch auch eine Macke ha-

ren. Man hatte sich abwenden müssen, um zu überleben.

ben dich mit einer Geschäftsfrau einzulassen”, setzte er hinzu.

Glückstadt hatte Menschen wie Wolf insgeheim immer bewundert. Sie wa-

“Mit wem bist du denn?” Glückstadt wurde defensiv. “Einer Ex-Ehefrau.”

ren mit dreizehn schon in Lederjacke Moped gefahren, das Haar ohne Scham vor den riesigen Ohren glatt zurück und über der Stirn zu kleinen Kronen

“Ich liebe sie und bin glücklich mit ihr“, sagte Wolf und spürte, dass diese

gewirbelt, so regierten sie an den Schiessbuden, mit breiten Kämmen in

Worte vor einigen Tagen noch bedingungslose Gültigkeit gehabt hätten und

den Taschen ihrer Denimhosen. Zunächst widerwillig hatte Glückstadt die-

ihn jetzt so schmerzten, dass er beinah angefangen hätte zu weinen. Auf La

se Leute beneidet, sich von ihnen anziehen und ausnehmen lassen. Wider-

Cienega wälzte er sich aus den tiefen Polstern des Mustang, betrat einen

standslos, erregt, um Geld oder Tauschbilder von Fußballspielern betrogen,

Schnapsladen und kehrte mit einer braunen Papiertüte unter dem Arm zu-

hatte er wieder und wieder ihre Nähe gesucht, nach der Unterwäsche ihrer

rück. Eine offene Flasche mexikanischen Bieres bereits in der Hand, stellte

Mädchen auf den Wäscheleinen der Trockenplätze vor den Wohnkasernen

er die anderem hinter dem Rücksitz auf den Boden.

geschielt und sich abends vorgestellt, was er mit dem Inhalt machen würde. Doch war er nie bereit gewesen den Einsatz zu bringen, den es erfordert

Glückstadt lenkte den Wagen auf Sunset nach Westen.

hätte, einmal in das behaarte Delta einer der triebhaften Kindfrauen vorgelassen zu werden. Das andere Geschlecht war ihm hier gar zu anders.

“Junge ich bin einfach vollkommen am Arsch”, platzte er schließlich heraus. “Ich habe auf dem Flughafen meine gesamte Kohle liegenlassen, weil ich

Glückstadt konnte sich auch jetzt nicht durchringen, mit der Wahrheit

Fortuna Feuer gegeben habe.”

herauszurücken, so plätscherte Halbvertrauliches zwischen den beiden, bis sie sich dem Schweigen ergaben, tranken und auf irgendeinen Im-

“Fortuna?”

puls von außen warteten, der es ihnen erlauben würde, ihre Unterhaltung wieder zu beleben. Schließlich beschlossen sie, den Laden zu verlassen

“Ich habe sie vor ein paar Monaten interviewt und sie in New York auf dem

und Wolf hatte seine Flasche unter der Lederjacke mit auf die Straße ge-

Flughafen wieder getroffen, als ich Linda anrufen wollte. Meine Brieftasche

nommen und trank vor dem Lokal weiter, obwohl er die Endungen und

mit der ganzen Kohle ist auf der Telefonzelle liegengeblieben.“

Konsonanten bereits verschleppte. So schob Glückstadt sich auf den Sitz von Wolfs Mustang.

“Alles Blut in den Schwanz geschossen…” lachte Wolf. “Eine willkommene


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Denkpause.”

die Mühe einer euphorischen Abschiednahme hatten sich die Gäste nach und nach verabschiedet. Als soziales Ereignis war Saskias Geburtstag kein

Glückstadt winkte ab. “Sie hat mich nicht einmal wiedererkannt. Außerdem haben sie uns die Wohnung gekündigt. In dreißig

Thema und selbst Barbara Stark hatte sich entschuldigen lassen, wie Wolf enttäuscht bemerkte.

Tagen stehe ich mit dem Scheißkrempel auf der Straße und ich habe nicht einmal mehr einen Wa-

Hummer, Wolf, Seaman, Saskia, der kahlköpfige

gen.” Er starrte aus dem Fenster. “Ich glaube, ich

Regisseur und die Schauspielerin, die mittler-

werde die Sache hier stecken. Ich geh zurück.”

weile stark angetrunken war und Wolf mit dem wirklichen Eigentümer des Hauses verwechselte,

“Weshalb fährst du mich nicht nachhaus”, schlug

befanden sich wenig später in der Küche des Hau-

Wolf vor. “Du kannst dir meinen Wagen leihen.

ses während Blanca im Haus das Buffet abräumte

Ich bin mir sicher, dass Saskia ein paar hundert

und verstreute Gläser einsammelte. Wolf stellte

Dollar im Haus hat.”

Glückstadt als einen alten Freund vor und schlug vor, dass er auf das Haus aufpassen könne, wenn

Glückstadt nickte dankbar.

sie für das nächste Wochenende nach Las Vegas fahren würden, um Saskias Abfindung entgegen-

Als sie die Villa betraten waren die meisten der

zunehmen. Freundlich musterte sie Glückstadt,

Gäste bereits gegangen. Saskia war nicht zu sehen

als die Katzenklappe in der Tür zum Patio mit ei-

und Wolf tauschte ein paar Worte mit Hummer,

nem heftigen Schlag aufgerissen wurde und Wolfs

der immer provozierender und trunkener werdend

burmesische Lieblingskatze in den Raum sprang.

merkte, dass er bei Glückstadt und Wolf nicht

Sie wurde von einem deutlich größeren Kojoten

wirklich auf seine Kosten kam. Asche verstreu-

verfolgt, der trotzdem keine Schwierigkeiten hat-

end torkelte er in das Wohnzimmer, in dem sich

te, durch die kleine Schwingtür das Haus zu betre-

noch etwa zehn Leute verstreut hatten. Seaman

ten. Ohne die Anwesenden eines Blickes zu würdi-

belagerte das geplünderte Büffet und hatte sich

gen, schnappte der Kojote die Katze am Hals und

einer Mitzwanzigerin genähert, die versuchte die

biss ihr den Kopf ab, der auf dem Küchenboden

Aufmerksamkeit eines Regisseurs an sich zu bin-

zurückblieb, nachdem der Eindringling mit dem

den, den Saskia mit Beschlag belegt hatte. Obwohl es noch nicht einmal

Rest der Katze zielstrebig und ohne sich umzuschauen wieder zurück in die

Mitternacht war, war der Höhepunkt der Feier bereits überschritten. Ohne

Nacht verschwunden war, als habe er sich vor seinem Anschlag auf die Welt


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Auf der anschließenden Fahrt durch die Nacht, streckte er seinen Oberkörper und betrachtete sein Gesicht im Rückspiegel. Wie war Wolf an eine Frau wie Saskia Vandenberg gekommen? Eine sexuelle Hörigkeit, ein hang – up, wie sie sagten? Die Fahrt mit dem Mustang stand unter dem beunruhigenden Eindruck unmäßigen Reichtums und dem Tod des Haustieres, der alle Beteiligten geschockt zurückgelassen hatte. Durch die Bezeugung des Todes fühlte er sich wieder näher am Leben und beinahe euphorisch beschleunigend durchfuhr er eine Ampel bei Rot. Hauptsache war, so dachte er, dass sich seine durch zeitweiligen Misserfolg erzeugte Nervosität nicht auf andere übertrug und er in seiner Gräßlichkeit für andere sichtbar oder gar unzumutbar wurde. Das konnten sie hier unter keinen Umständen aushalten, man wurde dafür buchstäblich ermordet. Glückstadt parkte den Mustang auf dem seiner Haushälfte zugeteilten Stellplatz hinter der unbeleuchteten Wohnanlage, deren Gehwege sich zunehmend mit ausrangierten, billigen Möbelstücken angefüllt hatten. von Wolf und Saskia mit dem Grundriss ihres Hauses vertraut gemacht. Die schmale Wohnstraße lag jetzt so ruhig wie sie am Vormittags seines Nach seinem Besuch bei Wolf und Saskia saß Glückstadt eine Weile benom-

Einzugs gelegen hatte – viel versprechend und stilvoll hatte alles geklungen:

men auf dem Fahrersitz des Mustangs und starrte auf das bunt beleuchtete

Clinton Manor Apartments. Von der Magie der Namen angezogen, war er

Haus.

jedoch in das vorletzte Sammelbecken des Abschaums gerutscht, direkt dahinter winkte nur noch der Abyssus, gurgelten die Stimmen der Verdamm-

Wie von Magierhänden gegossen schien ihm das spanische Schlößchen,

ten nach immer mehr vom gleichen Elend, aber niemals nach Erlösung.

Ebenholz und rote Ziegel, verstreute Zinnen unter Erkerdächern aus Metall, ein Pool aus dunkelblauen Natursteinen, illuminiert aus dem Jahr 1927, dem

„Howdy, pal, what‘s happening?“ dröhnte etwas aus dem Dunkel. Beinahe

magischen Jahrzehnt, jetzt überschattet von einem Massaker, dem erfolgrei-

zitternd vom Klang der archaischen Stimme, die wie vom Boden eines tie-

chen Versuch der Natur, sich ihren Teil der Wüste zurückzuholen und selt-

fen Brunnens an sein Ohr zu dringen schien, lief Glückstadt schweigend,

samerweise hatte Glückstadts Sympathie dem Kojoten und nicht der Katze

ohne sich umzuschauen weiter durch die dunkle Gasse.

gegolten.


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Plastikstäbchen die Jalousien zu bewegen. Sollte alles glatt gehen, würde die Geschichte ihm runde zehntausend Dollar bringen. Nachdenklich starrte er aus dem Fenster und lauschte auf das ferne Schwingen der Stadt, die Summe der Geräusche ihrer Bewohner von denen jetzt keines zufällig schien. Keine Generalprobe. Das war alles, auf dem Drahtseil und unter dem Strich für alle der Beteiligten – jeder Tag ein neues Los und nur die Gewinner würden am Ende gezählt – mit Glückstadt würden sie noch rechnen müssen, die Guten, die Schlechten und irgendwann auch die Frauen. Mit einem abrupten Dreh des Stäbchens schloss er die Jalousien und separierte sich von der Stadt. Als Blanca mithilfe eines Lappens und eines Eimers mit Desinfektionsmittel den Küchenboden vom Blut der burmesischen Katze gereinigt hatte, „Schwule Nazisau!“ Es war die Stimme seines Nachbarn. „Verreck in der Hölle, schwarzdärmiges Arschschwein!“ schrie Glückstadt aus vor Zorn verkrampften Hals und schlug die Glastür hinter sich zu. Sie krachte wie eine kleinkalibrige Waffe. Er hörte eine Frau vor der Tür lachen. Hoch und nervtötend. Glückstadt trank einen Doppelten und beschloss, den eben gewonnenen Energieüberschuss zu nutzen, um eine Geldlawine loszutreten. Er goss das Glas noch einmal voll und innerhalb einer halben Stunde hatte er das Interview mit Fortuna Fortuna fünf Mal telefonisch exklusiv und vier Mal in Auszügen im voraus an europäische Redaktionen verkauft. Freudig rechnend die Handknochen knetend, trat er ans Fenster und begann mit dem

beschlossen Saskia und Wolf den Kopf der Katze im Garten zu vergraben.


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Wolf hatte ihn nicht in einen der durch Ameisen bevölkerten Unratbehälter vor dem Haus werfen wollen und Glückstadt hatte seinen Vorschlag den Kopf des Jungtieres einfach in der Toilette hinunterzuspülen für sich behalten, bevor er nachhaus gefahren war.


Vom Kreuz

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gung eines am Ende etwas zu zentrifugal geratenen Haargebildes und sobald die Frisur ihm erschien, als habe er nicht den geringsten Gedanken daran verschwendet, gab er sich zufrieden. Leichte Tolle, keinesfalls übertrieben, keinesfalls Bahndamm. Im Spiegel prüfte er den Willkommensblick, nicht

Daheim trat Glückstadt vor den begehbaren Ankleideschrank und er ent-

überschwänglich, nicht devot, ein Mann der gesehen hatte, was es zu sehen

schied sich dafür, schwarze Levis 501‘s, rote Cowboystiefel und ein Wes-

gab. Die Gedankenmaschine in seinem Kopf setzte nicht aus. Er wurde ner-

ternhemd mit aufgenähten Elchen zu tragen. Diese Erscheinung würde er

vös. So trat er hinaus auf die Plattform vor seinem Haus. In seinem frisierten

mittels eines weißen Halstuches abrunden – ein einwandfreies Outfit am

Schädel sang Marty Robbins eine Weise des alten Westens, deshalb steckte

scheinbar unpassenden Ort, dem Yamashiro, einem japanischen Restaurant

Glückstadts rechte Hand tief in der ausgebeulten Jackettasche. Offensicht-

der oberen Mittelklasse. Nur Eingeweihte würden es zu schätzen wissen,

lich hatte eine Verbrüderung der Nachbarn mit den Rappern stattgefun-

und um die ging es. In dieser Angelegenheit plagten Glückstadt keine Zwei-

den, sich die Fronten, hinter seinem Rücken wie böses, narbiges Gewebe

fel – Extravaganz hatte die Seiten der Geschichte umgeblättert, große Deut-

geschlossen und verhärtet.

sche in Hollywood hatten für alles Kleingegeistere traditonell nur ein müdes Lächeln übrig gehabt. Er entfernte das Hemd mit den Elchen aus dem

“In the room was a terrible silence

Schrank und ging durch die kleine, handverlesene Sammlung von Jacken, die er in gebrauchtem, aber meist einwandfreiem Zustand erstanden hatte und

as the big one stepped out on the floor

fand ein Lederjackett im Hüftschnitt mit Alligatorenlederbesatz an Taschen und Kragen.

all drinkin stopped

Im Strom des Massageduschkopfes sah Glückstadt klarer und klarer: Einen

and the tick of the clock on the wall said

Mann aus einer anderen Zeit würde er heute abend darstellen, geläutert, gewachsen an erfahrener Tragik und Blicken auf die eigene, dunkle Seite

death would wait ten seconds more.“

seiner Psyche. Ein wenig zu spät würde er in dem Lokal eintreffen, sie vielleicht zuerst übersehen, den Blick in die Ferne streifen lassen, dann jedoch

Glückstadt trug seine Ray-Ban-Sheriffaugen, dazu die schwarzroten Stiefel

freudiges Erkennen vermitteln, sein lebensgegerbtes Gesicht sich bei ihrem

mit den Metallkappen, spitz genug um einem Regenwurm das Arschloch

Anblick wie ein vom fahlen Sonnenlicht getroffener, leicht rötlicher Canyon

erweitern zu können – eine deutlich südstaatliche Konnoation. Mächtig

erhellend und Hoffnung auf Besseres gewährend. Ein Kuhjunge des Weltalls.

ausschreitend bewegte Glückstadt sich durch die Gruppe der Schwarzen auf den Mustang zu. Ein Mann aus Stahl, nichts vergessen, nichts verziehen.

Eine Viertelstunde verbrachte Glückstadt vor dem Spiegel mit der Anferti-

Hass war der Treibstoff seines Motors. Bedrohlich, in hartem Deutsch flu-


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chend erreichte er den Wagen. Es war anstrengender gewesen als angenom-

in den Rückspiegel entschied Glückstadt sich allerdings, nicht anzuhalten,

men, die Figur des Alligatorenringers aufrecht durch das Spalier der Gaffer

sondern Vollgas zu geben. Seine Nachfolger, ein Mitsiebziger Cressida mit

zu schleppen. Gebannt und erwartungsvoll blickten sie ihn an. Glückstadt

drei dunkelköpfigen Insassen überholten ihn daraufhin, setzten sich vor

entfernte die rechte Hand aus der Tasche und brachte statt einer Schusswaf-

Glückstadt und begannen Schlangenlinien vor Glückstadts Wagen zu fah-

fe nur den Autoschlüssel ans Tageslicht und hielt ihn in die goldene Stunde.

ren. Er lenkte den Mustang mit überhöhter Geschwindigkeit nach rechts

Dann schloss er den Wagen auf, startete ihn und beschleunigte, an den klei-

auf eine Tankstelle. Funken schlagend und ohne den Fuß vom Gas zu neh-

nen Lumpenpuppen vorbei Richtung Yamashiro.

men, überquerte er schleudernd das Gelände und entkam seinen Verfolgern.

An der Kreuzung Van Ness und Melrose sank er für einen Augenblick im

Zwei Straßenblocks entfernt, hinter einem aufgegebenen, dunklen Möbel-

Sitz zusammen und wurde vom nachfolgenden Autofahrer mehrfach auf den

haus saß er danach einige Zeit mit zitternden Händen hinter dem Lenk-

Signalwechsel aufmerksam gemacht. Glückstadt brüllte eine Obzönität aus

rad und versuchte sich zu sammeln. Trotzdem traf er zehn Minuten vor der

dem Fenster und der andere fuhr direkt auf Glückstadts Wagen auf, so dass

vereinbarten Zeit am Yamashiro ein. Versöhnlich gestimmt und zermürbt

Glückstadts Nacken einen schmerzhaften Stich erfuhr. Nach einem Blick

durch den überstandenen Straßenkampf drang er zur Rezeption vor. „Wie war der Name noch einmal?“ Eine im Gesamten angenehme und ansprechende Erscheinungsform, die Asiatische. „Glückstadt, Glückstadt, my dear.“ sagte er jovial lächelnd. Vor sich die zierliche Dame mit dem Kissen über der Beckenrückseite – eine rücksichtsvolle, schweigende Erscheinung – setzte er seine Schritte ebenfalls behutsam auf dem dunklen Boden, vorbei an frisch glänzendem Fisch, Muscheln, Krabbe und Aal, zubereitet mit der scheinbar notwendigen Sorgfalt – eigenes Handwerk, wohin er blickte, Meister und so weiter, ebenfalls Kampfsportarten, eine Verflechtung, bekanntermassen sinnig, wenn auch im Grunde kaum nachzuvollziehen – in Anbetracht seiner augenblicklichen Lage auch völlig gleichgültig. Er nahm an seinem Tisch Platz und blickte auf die Armbanduhr. Zu früh. Immer zu früh. Glückstadt orderte einen doppelten Wild Turkey, um seine Nerven zu be-


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ruhigen, stürzte das Glas und sorgte dafür, dass die Bedienung die Spuren

Oh, nein.“

beseitigte noch bevor Linda eintraf. Eine scheinbar natürliche Mischung aus Leichtigkeit und Charme sollte sich bemerkbar machen, unbeschwerter

„Der Bruder meines Vaters. Der Spitfire ist in der Werkstatt. Du glaubst

würde das Englisch fließen, seine Scherze beiläufiger fallen und Schlagfer-

nicht wie schwierig es ist für einen englischen Wagen Ersatzteile…“

tigkeit war angebracht. Vom reservierten Platz am Fenster aus beobachtete er das Kommen und Gehen der Oberklassewagen vor dem Lokal, ein dun-

„Sah eher aus wie Frederic Wellworth, der Bruder deines Vaters.“

kelgrauer Corvette mit Weisswandreifen und getönten Scheiben fuhr vor. „Oh, Scheiße, Johnny, ich habe gedacht, wir treffen uns hier zum Essen…“ Der Parkmexikaner öffnete die Beifahrertür und Linda stieg heraus, den Sitz des herauf gerutschten Stoffes korrigierend, einen Streifen bleichen

Jetzt scheinbar aufs äußerste enerviert, warf sie den Kopf in den Nacken

Fleisches zwischen Strumpfband und Gürtel freigebend. Ihre dunklen Lo-

und streute nervöse Blicke durch das Lokal.

cken mit ausgelassenem Handstreich nach hinten legend, beugte sie sich zum Abschiedkuss zurück in den Wagen und Glückstadt erkannte das Ge-

Glückstadt beschloss den Rückzug anzutreten, nur keine Rivalitäten jetzt.

sicht von Frederic ‚Beaver‘ Wellworth, den er letztes Jahr noch in einem

Eigene Qualitäten galt es ins Spiel bringen. Zu gönnen, was ohnehin nicht

seiner Artikel als integeren Charakter inmitten einer dubiosen Scheinwelt

zu nehmen war. Sonst würde er vollends ins Hintertreffen geraten. Für einen

beschrieben hatte. Seine Hand fuhr nun unter Lindas Rock und verweil-

Augenblick zog er es in Erwägung, sie einfach über den Tisch zu ziehen und

te wo Wellworth seinen furchtbaren Knorpel versenkt haben musste. Eine

zu küssen, seine Hand in ihren Schritt wandern zu lassen, ein fester ent-

bisher selten gekannte Qualität schien Glückstadt von oben bis unten mit

schiedener Griff, der sie an gemeinsam verbrachte Nächte erinnern würde.

heißem Blei auszugießen.

Damals hatte er auf der anderen Seite nie fest zugegriffen. Aber wenn schon? Ein Mann der sich über Nacht auf geradezu mysteriöse Weise geändert hat-

„Noch einen doppelten Wild Turkey, pur, und ein Bier.“ sagte er schnell, be-

te, ein begehrenswerter Fremder, der gesehen hatte, was es zu sehen gab.

vor Linda eintreffen würde. Wenig später beugte sie sich über ihn und küsste

Nur wenn Wellworth‘s Knorpel dort wirklich abgetaucht war, auf was würde

ihn flüchtig seine Wange. Sie roch nach Verkehr.

seine Hand dort stossen? Wahrscheinlich würde sie ihm einfach eine in die Fresse hauen.

„Ich freue mich dich zu sehen.“ lachte sie und nahm Platz. Der leichte Zorn stand ihr gut, dachte Glückstadt. Eine kostbare, beinahe „Dein neuer Freund da draußen?“ fragte Glückstadt mit zunehmend be-

anbetungswürdige Fickröte lag auf ihren Wangen, mächtig und ehrfurchtge-

wölkter Stimme. Er meinte zu ersticken und schluckte einige Mal, während

bietend. Ein Kniefall wäre ihm das Angemessenste erschienen, doch gefragt

er aus dem Fenster auf den davonfahrenden Corvette blickte. „Wer? Der?

war Härte. „Das Rad hat sich gedreht” erklärte er, “seitdem ich wieder hier


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bin”, und versuchte dabei so bestimmt wie wirklich zu wirken, um dann re-

Unversehens begann er wieder zu reden, doch wurde er im Angesicht der

lativ schnell den Faden zu verlieren.

Aussichtslosigkeit seiner amerikanischen Existenz und durch die erscheckende Banalität der eben hervorgebrachten Lüge über seine Liason mit

„Wirklich? Hast du dein Geld wiederbekommen?“

Saskia Vandenberg von profunder Trauer übermannt.

„Das war ohnehin nicht von sonderlicher Bedeutung”, log er. “Ich habe ei-

Die Bedienung fragte nach weiteren Wünschen und Glückstadt bestellte

nige Abschlüsse treffen können, die den Betrag von dreitausend Dollar jetzt

einen Whiskey. Feindselig und abschätzend starrte er jetzt auf Linda. Eine

vergleichsweise gering aussehen lassen.“

gute Partie wäre das hier nicht geworden, dachte er, bei näherer Betrachtung war sie der Stereotyp einer jüdischen Geschäftsfrau, die mit ihrer Buchhal-

Sie erkundigte sich danach was passiert sei. Schweigend überreichte er ihr

tung beschäftigt war. Er würde den Regieweg einschlagen – kompromisslos,

einen Umschlag.

wie sein Outfit. Der Entschluss war gefallen und wurde sofort verkündet. Doch Linda reagierte nicht, sie war hinter der Speisekarte verschwunden.

„Nicht der Rede wert. Hier ist auf jeden Fall dein Geld. Auch ich habe übrigens Liebe zu feiern…ich sage nur Saskia Vandenberg.“ Feierlich sah er sie an

Unentschlossen starrte er ebenfalls darauf.

und für einen Moment versteifte sich Linda bei seinen Worten, bevor hinter ihren Pupillen ein trüber Nebel aufzog. Die Nennung von Saskia Vanden-

Der Appetit auf Krabben und Aale war verschwunden als Wellworth Linda

bergs Namen hatte gewirkt. Die Bedienung trat mit den Speisekarten und

zwischen die Beine gefasst und sie dort nach seinem eigenen Eiweiß befühlt

Glückstadts Getränken an den Tisch.

hatte. Ihre glänzenden Augen hatte die dumme Kuh noch mit an den Tisch gerettet, ansonsten Desinteresse, nur bei dem Namen Saskia Vandenberg

„Doppelter Wild Turkey, das Bier für Sie meine Dame?“

war kurze Aufmerksamkeit erfolgt, Spott aus den Mundwinkeln, alles am Arsch, jetzt war er auch noch heillos besoffen. Zum dritten Mal wanderte

„Nein alles hierher,“ sagte Glückstadt mit gleichgültiger aber fester Stimme.

sein Blick über die Speisekarte – das meiste dort war vollkommen unverständlich abgefasst. Woher sollte er wissen, was davon schmeckte, bezie-

„Du säufst?“ fragte sie. „Du weißt doch, dass dir das nicht bekommt. Erin-

hungsweise warum, oder um was es sich überhaupt handelte. Selbst in der

nerst du dich, wie du bei mir in den Hundenapf gekotzt hast?“ Sie lachte

englischen Übersetzung war nichts familiäres zu erkennen; Sea Urchin, Ama

schallend und hielt sich die Hand vor den Mund. ”Der Hund hat das Zeug

Ebbi, die Namen seltener Giftsorten. Linda ließ eine im Dialekt einwand-

gefressen und so gefurzt, dass wir vier Tage die Balkontür haben offen stehen

freie Bestellung von einem Dutzend verschiedenen Essbrocken ab. Die Be-

lassen.“ Glückstadt meinte in einem üblen Film gelandet zu sein. Er stürzte

dienung lächelte geschmeichelt.

den Whiskey herunter und spülte mit einem Glas japanischen Bieres nach.


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„Das gleiche…“ sagte er. Achtlos ließ er die Karte in Richtung der japa-

Glückstadt warf einen der belegten, seetangumwickelten Reisklumpen in

nischen Bedienung flattern. „Hey!“ rief er ihr mit lauter Stimme hinter-

die Schale mit der Sojasoße und der grünlichen, klebrigen Paste. Er ent-

her. Doch sie war bereits außer Hörweite, oder sie verspürte keine Lust,

schuldigte sich und stand auf. Mit dem Rücken fiel er dabei in eine Stell-

sich weiter mit Glückstadt auseinanderzusetzen. Die Weisheit des Orients

wand aus Reispapier und als er sich mit dem Arm stützen wollte, griff er

konnte zur Hölle fahren und dort bleiben..

hastend nach einer großen Buddhastatue aus rohem Stein, die mit dumpfem Geräusch auf dem Boden des Restaurants aufschlug. Zur gleichen Zeit stieß

„Verdammte Scheiße… noch einen Wild Turkey und ein Bier”! brüllte er. Ei-

Glückstadt laut auf.

nige der Gäste drehten sich nach ihm um. Glückstadt zog die Augenbrauen herauf, doch niemand getraute sich dem Mann im Westernoutfit etwas zu

„Oh, mein Gott,“ Linda brach in entsetztes Gelächter aus. Das Gewicht

sagen. „Du Schmeißfliege auf diesem glänzenden Zelluloidscheisshaufen.“

auf den angeschrägten Absätzen im Lokal verteilend, wankte Glückstadt

rief er einem starrenden Familienvater im Pepittajackett zu und wartete

durch den Raum in die Lobby. Endlich konnte er rülpsen. Sein Geruch eil-

gnadenlos, bis dieser seinen Blick unterwürfig gesenkt hatte. Zufrieden über

te ihm voraus und wurde durch seinen eigenen Luftzug von den Nüstern

diesen Erfolg wandte er sich wieder Linda zu und lächelte sie an.

aufgefangen, als er die steile Treppe zu den im Keller gelegenen Toiletten heruntereilte. Mit hastigen unkoordinierten Bewegungen verschloss er eine

„Johnny, ich bitte dich.“

der Sitzkabinen hinter sich und nahm auf einem heruntergelassenen Toilettendeckel Platz. Eine kurze Pause, das war alles. Die Wirkung des Alkohols

Sie hatte nun einen besänftigenden Ton angeschlagen und konzentrierte

war weitaus mächtiger als er angenommen hatte. Ihm schien, als verwandele

sich völlig auf Glückstadts Person. Dafür lächelte er sie an, nahm sie von

er sich in einen Zyklopen. Kurz darauf wurde die Tür zum Waschraum ge-

seinem Zorn gegenüber der ihn umgebenden Welt aus. Glückstadts Drink

öffnet, dann eine der Kabinen in seiner unmittelbarer Nähe. Geräuschvoll

kam und ging.

entledigte sich jemand seiner Beinkleider und ließ sich unter artikulierten Bekenntnissen des Wohlergehens nieder. Während der Mann ohne Hosen

„Wo hast du denn all die Kleider her, von Wolf ? Was macht der eigentlich?“

unter einer Flatulenz die letzte Phase eines Verdaungsvorganges einleitete,

fragte Linda.

rutschte Glückstadt von dem Sitz in seiner Kabine und ging eilig daran, den Deckel seiner Schüssel zu heben. Mit Macht sprudelten die Lebensmittel

„Am Ende, Drogen, Alkohol…noch Bier? Ahh ja, auch Whisky…nee auf Eis.“

des Tages aus seinem Rachen in das Wasser gefüllte Bassin, krampfte sich sein Bauch unter der großen Gürtelschnalle zusammen.

Staunend sah sie zu, wie Glückstadt trank. „Ich fand ihn eigentlich ganz sympathisch, als ihr damals in den Laden gekommen seid. Er hatte etwas

„Hey, Sportsfreund, alles in Ordnung da drüben? Die Speisekarte in Tech-

literarisches.“

nicolor verfilmt was? Das ist Hollywood!“ rief eine Stimme aus der anderen


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Kabine und lachte dann sportsmännisch und wohlmeinend.

Tisch angekommen war Linda fort und die Rechnung beglichen. Die freundliche Kellnerin blieb freundlich. Glückstadt, jetzt deutlich milder gestimmt,

„Fuck ooaaaafff…“ gurgelte Glückstadt leise. Noch ein Strahl, der Glück-

lächelte die kleine Frau an. Bestürzt wich sie zurück und Glückstadt verließ

stadt hatte schreien lassen wie einen Seelöwen, dann betrat ein weiterer

das Yamashiro.

Gast den Waschraum. An der frischen Luft vor dem Lokal noch ein starker Alkoholanfall, doch „Passen Sie auf, da drinnen verwandelt sich jemand in Mr. Hyde.“ sagte die

die kräuterige Luft tat wohl. Unter ihm blinkten die Lichter der Stadt wie

erste Stimme, nachdem sie die Spülung bedient hatte. „Ich hoffe du kotzt

Blasen in einem Glas Bier und bei dem bloßen Gedanken an das Getränk

dich selbst aus und vergisst nicht abzuziehen, du unfreundliches Arschloch.“

überfiel ihn wieder starke Übelkeit.

sagte der Unbekannte in bedrohlichem Ton, dem ein ohrenbetäubender Tritt gegen die Bretterwand von Glückstadts Kabine folgte.

Der Mustang wurde vorgefahren. Glückstadt stieg ein und ließ die Fenster herunter, so glitt er den Hügel hinab, Richtung Hollywood Boulevard. Er

Als die Tür zum Waschraum sich ein zweites Mal geschlossen hatte, richtete

musste tanken. Der Alltag ließ einfach nicht ab. Pflichten hingen an ihm, wie

Glückstadt sich endlich auf.

nölige Ratten, seit er den elterlichen Haushalt verlassen hatte und schlimmer hätte es mit Linda auch nicht ausgehen können. Wolf ‚etwas literari-

Mit einem Fetzen Toilettenpapier wischte er sich das Gesicht und warte-

sches‘, womöglich waren die Maden in seinem Mexikanerschnaps Bücher-

te zitternd, bis er sich vollkommen sicher war, dass sich niemand mehr im

würmer. Weshalb Glückstadt nun dauernd an Alkohol denken musste? War

Raum befand. Dann öffnete er seinen Verschlag, trat mit steifen Beinen an

er süchtig geworden? Erneut wallte es in seinem System auf – der Stoff war

das Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel: die Farbe seines Gesich-

nicht zu unterschätzen. Daß auch noch Wolfs Namen hatte fallen müssen.

tes changierte im Neonlicht, blauweiß nun die Stirn, unter den Augen ins

Als Freund aber auch als schauriger Doppelgänger begleitete dieser Mann

grünlich-schwarze abgleitend. Die Frisur legerer als zulässig, Teile unver-

ihn nun bereits durch ein Drittel seines Lebens. Zum Trinken hatte er ihn

dauter Lebensmittel hatten ihren Weg dorthin gefunden und Glückstadt

gebracht, während der Anstifter vom Bahndamm in den Hügeln von Holly-

begann mit den Restaurierungsarbeiten.

wood feierte. Glückstadt erreichte den Boulevard, Broken Dreams und so weiter, alles bekannt, und im Autoradio Slim Whitman:

Er lehnte sich gegen die gekachelte Wand und atmete in tiefen Zügen ein, trotzdem fühlte er sich schwach und matt, er roch. Ein Moment katharti-

„Backward, turn backward o‘ time in your flight

scher Wahrheit, eine biographische Katastrophe bisher unbekannten Ausmasses, dachte Glückstadt. Den Gang mühsam durch Kontakt mit dem Geländer gestetigt, wankte er schließlich die Stufen zum Lokal hinauf. Am

bring back my darling if just for tonight.“


104

Alles war bekannt und tausend Mal besser gesagt, als er es selbst je würde

den Mustang an den verlassenen Zapfsäulen und am Zahlmexikaner vor-

ausdrücken können. Die verfluchte Nutzlosigkeit seiner eigenen Katastro-

bei – brutal und stoisch, dachte er, wie die Mischung an der Welt zugrunde

phen! Niemand interessierte sich. Er selbst interessierte sich auch nicht.

gehen würde, doch immerhin intakter Familienverband. Auf Gower wurde der Regen schließlich übermächtig gegen die zerlappten Wischblätter. Ein

Er steuerte den Wagen auf die Tankstelle Ecke Hollywood und Gower liess

fremdartiges Wesen mit dicht behaarten Händen und krallenhaft erschei-

den Kopf langsam aufs Lenkrad sinken, seine Nase war bereits verstopft.

nenden unteren Extremitäten, kauerte mehr als dass es stand, am Rande

Auf einer Wasserpfütze hatte sich durch Motorenöl ein Regenbogen im

der Straße und schien an jeder Seite seines Kopfes eine Antenne zu tragen.

blaurotweissen Licht der Benzinsonne gebildet – sollte er hier nach dem Topf mit den Goldstücken suchen, entwurzelt, bindungslos, 5000 Meilen

Glückstadt verlangsamte seine Fahrt und bei näherer Betrachtung handelte

von Zuhaus, noch zwei Wochen ein Dach über dem Kopf ? Er starrte in die

es sich bei dem Wesen um eine alte, verdreckte Frau, die einen Radioemp-

Nacht. Und um ihn herum quollen die Scheißzeitungen über von Erfolgs-

fänger in Form eines Kopfhörers auf dem Kopf trug. Er lenkte den Wagen

meldungen und er kolportierte sie wie ein Wichtigtuer um die halbe Welt

an den Straßenrand und griff in den Fond nach seiner Kamera um einen

– dieses verkauft, jenes verkauft, für so und so viel, unwillkommenes Adre-

Schnappschuß zu machen: Der Tod der Städte im Regen. Neben der Ka-

nalin schoss jedes mal durch seinen Körper, wenn er vom Erfolg der anderen

mera liegend stieß Glückstadt auf die unverteilten Besänftigungsgaben an

hörte, stürzte ihn in nervöse Krampfzustände, die zuweilen Tage andauerten

die Gottheit der Fickröte, Channeltäschchen, Konfektbox, Unterwäsche,

und seine Nerven lähmten. Eine Träne lief seine Wange herab und langsam

rot-schwarz, perfekt zur weißen Haut und Hut mit Schleier! Die Geschenke

lenkte er den Wagen an eine der Zapfsäulen. Er glitt aus dem Wagen hinaus

vom Frankfurter Flughafen.

in die Nacht, zählte fünf Dollarnoten ab und betankte den Mustang Mit beiden Händen ergriff Glückstadt den Stapel und stieg aus dem Wagen Mit dem Rücken an das Heck des Wagens gelehnt, betrachtete er die Men-

in den Regen. Der nasse Körpergeruch der Frau klatschte ihm gegen den

schen auf dem östlichen Ausläufer des Boulevards. Die Luft über dem Dach

Wind ins Gesicht. Trotzdem ging er näher und bescherte die Alte. Sie lachte

des Wagens eine Mixtur aus Motoröl, indischem Essen und vermischtem

und sah ihm in die Augen. Glückstadt getraute sich ihren Blick zu erwidern

Verfaultem aus den Müllcontainern, die aufgeklappt an einer Brandmauer

und blickte zurück. Mit der einen Hand wickelte sie aus, mit der anderen

standen.

war sie bereits in der Konfektschachtel und aß die Zuckerbomben. Spielerisch platzierte Glückstadt die für Linda‘s Schoß bestimmte Unterwäsche

Dann begann es zu regnen.

auf ihren Antennen und nahm schließlich doch die Kamera aus dem Wagen. Bei ihrem Anblick lachte das Stinkmütterlein: cheese, sagte sie pflichtbe-

Glückstadt legte den Kopf in den Nacken und hielt sein Gesicht in den

wußt und ein einziger weißer Stachel leuchtete aus ihrem roten Rachen in

Regen. Mit einem Papierhandtuch wischte er sich das Gesicht und lenkte

die feuchte Nacht – rot auch beim Chaneltäschchen mit Goldträger. Der


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Stachel hackte auf den Konfekt ein. Da stand sie auf und wollte ihn umarmen. Glückstadt war allein durch den Geruch der Frau entsetzt. Trotzdem legte er die Arme um die Schultern der dünnen Frau und presste seine Wange an die ihre. Völlig durchnässt kletterte Glückstadt zurück in den warmen Bauch des Mustangs. Zum Abschied hupte er dem Mütterlein zu und sie winkte lachend. So führte wieder eine Straße zur anderen, glitt der Mustang durch den Regen der Nacht und Glückstadt ließ es geschehen. Western Avenue hinab, Richtung Downtown. Vier Spuren, Straßen zwischen Gebäuden, wie Gräben auf dem Grund von Tiefseeschluchten. Er beobachtete das dubiose Geschäftsgebaren ihrer krakenärmigen Bewohner. In dunklen Höfen und Gängen wurde man überfallen, dem Erdboden gleichgemacht. Harte und härteste Bandagen, mit denen hier gekämpft wurde. Der Traum war ausgeträumt, der Moloch aufgewacht und die meisten hatten nicht einmal mehr ein Bett um darin einzuschlafen. Irgendwann ließ der Regen nach und der schwarze Straßenbelag glitzerte in den Farben der Neonreklamen, der al-

verschwunden schienen, um den Abfall ihrer Vorfahren zu durchwühlen,

ten im mayanischen Stil erbauten Lichtspieltheater, die ihre Filme nur noch

sich davon zu nähren und ihr Verdautes den städtischen Waschkolonnen zu

in spanischen Fassungen zeigten und den auf Nachtrhythmus geschalteten,

hinterlassen, die die Welt jeden Morgen vor Sonnenaufgang neu einrichte-

langsam umspringenden, dreifarbigen Lichtanlagen. Er machte Halt und

ten wie eine Filmkulisse. Die Hautfarbe hier war einheitlich, dreckschwarz,

zog sich eine doppelte Linie Kokain in beide Nasenflügel.

der wahre Gleichmacher – die gültige Endlösung, zugleich die Poesie der großen Stadt. Zum Tode verurteilt durch den Blues, standen sie vor bren-

Glückstadt überblickte die Ereignisse des Abends jetzt mit etwas größe-

nenden Mülltonen, lagen in Quartieren aus Pappe auf 4th Street hinter den

rer Gelassenheit. Alverado, Olympic, Broadway, scheinbar nie verlöschende

roten Ziegelgebäuden, zwischen nicht identifizierbaren Gerätschaften der

Magie der Namen, ein Paradies aus Stein und Asphalt. In den Zwanziger Jah-

Güterverladung: Southern Pacific Railroad. Hobos wie Jack London und

ren hatten seine Wurzeln bis über den Erdmittelpunkt hinausgereicht und

Jimmie Rodgers, der jodelnde Bremser, warteten vergeblich auf einen Zug,

waren dort irgendwann verdorrt. Heute herrschte die Beliebigkeit der Geld-

going back to Dixieland. Dann Fruchthof, Busbahnhof, Flutlicht nur zu

männer und der Anzugfrauen am Tage, nachts das Elend ihrer humanoiden

Sicherheitszwecken, wirklich sehen wollte niemand. Glückstadt zog noch

Schatten, die im Dunkel aus Öffnungen kletternd, welche im Sonnenlicht

eine Linie Kokain.


108

Die Luft vibrierte unter den Schwingungen unsichtbarer Riesenmaschinen

dem Rücksitz lag eine längliche Figur, wie eine Schaufensterpuppe, der Wa-

ohne menschliche Lenkung, ein magnetischer Geruch, die Herrschaft der

gen war offenbar erst vor kurzem ausgebrannt, die Reifen verschmort. Aus

Automaten und der Lichter auf Schaltborden. In einer Styroporschachtel

Furcht, mit dem Unglück in Verbindung gebracht zu werden, fertigte er nur

mitgebrachtes Essen vor einem Nachtwächter, die Zeiger der Uhr hinter

ein paar Photos an und fuhr davon.

ihm fast auf Mitternacht. Zwei Stunden noch, dann würde alles schließen, dachte Glückstadt, die Bars und die Schnapsgeschäfte, die Rettungsinseln

Vor einem Münzfernsprecher am Busbahnhof hielt er an, so dass er vom

der Zivilisation. Zeit aus dem Blickfeld zu verschwinden, in privaten Be-

Wagenfenster aus den Hörer erreichen konnte, und ließ die Scheibe auf sei-

trachtungen zu versinken und die ganz persönliche Hölle neu zu entfachen.

ner Seite herab, um seine Maschine abzuhören: Die Erinnerung an einen

Er fuhr an einer Lieferstrasse vorbei in der ein Cadillac Eldorado rauchend

Abgabetermin, die Bestätigung des Termins mit Fortuna übermorgen und

mit verschmorten Gummireifen stand. Glücksstadt war sich nicht sicher, ob

Linda kichernd am Autotelefon bis zum Freizeichen. Glückstadt lenkte den

er hätte aussteigen sollen und der Sache auf den Grund zu gehen. Er parkte

Mustang mit überhöhter Geschwindigkeit den Sunset hinab, wo bereits die

den Mustang, griff sich die Kamera und näherte sich langsam dem Siebzi-

Sonne in den Palmen stand.

ger Wagen. Durch die verrußten Scheiben war fast nichts zu erkennen. Auf


110

Die Straßenreinigung belebte den bis dahin ruhenden Gestank der Nacht,

“Ay kannt hellp it.”

während Glückstadt seine Zähne zu Pulver mahlte und gelegentlich abrutschte, um die Ränder seiner Zunge zu zerkauen. Bereits jetzt begannen

Für einen Augenblik zogen beide Männer an der braunen Papiertüte, die mit

die Kiefermuskeln zu katern, ein Vorgeschmack auf Kommendes. Eigentlich

einem lauten Geräusch in Fetzen riss und den kleinen Mann in den Hinter-

hätte er sich mit der Anmietung einer Wohnung befassen müssen, waren

grund entließ.

Schallplattenbesprechungen zu schreiben, doch war er mittlerweile völlig am Boden zerstört. Sein Saufen war nicht der rechte Pfad. Eine Inventur der

Glückstadt nahm die Flaschen vom Thresen und öffnete einen von ihnen auf

Hirnzellen am Ende des Lebens würde dies zeigen. Eine weitere Schaufel

dem Weg zum Wagen. Mit hastigen Zügen leerte er die Flasche und verließ

Kristalle schien genau das richtige, um seinen Hirnbrand zu löschen. Die

den Parkplatz. Danach begann er Gift zu schwitzen. Im Rückspiegel nun

Nasenhäute waren geschwollen, die Zahnwurzeln anästhesiert, die Kiefer

eine bis dahin seltene Grobschlächtigkeit, rotunterlaufen die Augen, ver-

jetzt Mühlen der Gerechtigkeit, der weiße Strudel hatte ihn hineingezogen

netzt wie ein Schnittmuster. Verdrießlich steuerte er den Wagen heimwärts.

und schon jetzt schrie scheinbar jede Zelle nach erneuter Drogenzufuhr.

Dort ergriff er die restlichen Flaschen und stapfte den schmalen Betonpfad

Später am Tag würden die Qualen unerträglich werden. Verschwitzt würde

in Richtung 5112 1/2 entlang. Sorgsam den Blickkontakt mit der filzigen Mas-

er sich aufmachen müssen, das Gift zu besorgen.

se unter seinen Füßen vermeidend, trat er kurz auf den Teppich, griff sich Badehose und Handtuch und war auf dem Weg an den Strand.

Er kurbelte das Fenster herab. Beim Verlassen der Wohnung zog eine Verbeugung vor der Sonntagszeitung Die Wirkung des gottverdammten Puders liess jetzt gar nicht mehr nach

beinahe einen Blutsturz im Hirn nach sich. Kurzatmig richtete er sich auf

und Glückstadt schaute unentwegt in den Rückspiegel. Als ein Polizeiwagen

und sah von weitem Wolf und Saskia auf das Haus zuschlendern. Den un-

unvermittelt auf den Boulevard bog, bekam er einen Schreck und begann

aufrichtigen Trinkerblick ein wenig zu Boden gerichtet, wartete er auf das

grundlos damit seine Jackentaschen abzuklopfen. Vor dem 7-11, Ecke Cur-

Eintreffen des Paares. Auf dem Boden vor seinen Augen führte eine Amei-

son und Sunset, stellte Glückstadt den Wagen in den Schatten und hastete

senstrasse zum schmalen Spähfenster neben der Tür. Ein großes schillern-

durch die Sonne in den kalten Laden. Die Uhr über dem kleinen Pakistaner

des Insekt war in der Nacht getötet worden und wurde nun zum Verzehr

im Inneren zeigte kurz nach sechs und Alkohol war bereits wieder im Han-

transportiert. Man hatte sich vorerst übernommen, doch zumindest wurde

del. Störrisch beharrte der einstmalige Bewohner des indischen Kontinents

unermüdlich gearbeitet, kam man voran, sogar im Tierreich.

auf die Ansicht von Glückstadts Ausweis. Wolf stieß ihn mit der Schulter an und bot einige hoch unwillkommene „Come on, man!“ sagte Glückstadt nun mit böser Stimme. “Ich bin über

Beurteilungen von Glückstadts Person und ihrer Erscheinungsform im Son-

dreißig Jahre alt.”

nenlicht. Vergeblich versuchte Glückstadt sich zu lösen, um endlich seines


112

Saskia schaute sich interessiert um und blickte dann erwartungsfroh auf die beiden jungen Männer. Sie waren gekommen zusammenzupacken, erklärte Wolf. Das meiste könne Glückstadt behalten, oder es mitabreissen lassen, je nachdem. “Scheißt der Hund drauf ”, antwortete Glückstadt und bewegte sich schleppend auf den Mustang zu und winkte Saskia. “Ich sehe euch später.” „Komische Figur, wie lange sagst du, hast du mit dem zusammen gewohnt?“ erkundigte sich Saskia bei Wolf, so dass Glückstadt hören konnte. „Ja, ja komisch, doch harmlos, harmlos…fast ein Jahr.“ Worte, dachte Glückstadt, wie Tätowierungen der Seele. Dreißig Minuten später breitete er unter der leicht bedeckten Sonne sein Weges zu gehen. „Der lebt.“ sagte Wolf. Saskia lachte. Sie schien ihm nun

Badelaken auf dem Strand von Malibu aus. Gegen zwölf würde es sich frei

strahlender denn je.

brennen. Die gestrige Tag würde jetzt ein positives Gegenstück finden, Körper wie Geist neuen Hygienemaßnahmen unterworfen werden. Die Wir-

„Fieber vermutlich.“ sagte sie mitfühlend und Glückstadt lächelte dankbar.

kung der Droge ließ zwar stetig nach, doch in gleichem Maß verfestigte sich der Griff eines unsichtbaren Eisenäquators, der direkten Einfluß auf Glück-

„Guck dir den an.“ insistierte Wolf, als handele es sich bei Glückstadt um

stadts Hirnschale nahm. Die durch die Wolken brechende Sonne verschlim-

einen seltenen, leider unaufhaltsam verwesenden Fisch. Wie einen siechen,

merte seine Pein bald derartig, dass Glückstadt sich Richtung Flut quälte

jungen Raben hatte man ihn überraschend vor dem eigenen Nest aufgestö-

und die holzigen Beine der Brandung aussetzte. Ein Wellenschlag nässte den

bert. Die ersten Häuser der Wohnanlage im Hintergrund standen bereits

Schritt dann wogten seine Knochen mit der spärlichen Fleischauflage in der

verlassen und die mit einem Mal motivierten Bewohner hatten begonnen

kalten See. Eine Traube geselliger Pelikane machte Anstalten ihn mit einem

ihre Scheiben einzuschlagen und die Wände ihrer Häuser mit Runen aus

riesigen Lurch zu verwechseln und fuhren auf ihn nieder.

Spraydosen überarbeitet.


114

Mit ausladenden Armbewegungen scheuchte er die Flieger fort und nahm

ten, bis er nach einer halben Stunde, exakt am Ende der letzten Reserve an-

dann wieder Schwimmbewegungen auf. Wie gut die neu aufgenommene

gekommen, in die Brandung entlassen wurde. Eine übergrosse Welle brach

Verbindung mit seinem gemarterten Körper tat. Er erschien ihm nun wie

das Willkommen über seinem Kopf und ein nachfolgender Wellenberg warf

ein lang vergessener Freund aus schweren Zeiten. Er ließ sich noch ein wenig

ihn schließlich an den Strand – der weißnasse Warnton darin war Glückstadt

weiter treiben und auf dem Rücken Wasser tretend, blickte er in den Him-

nicht entgangen.

mel, gleichmäßig durchatmend; jede Sehne des Körpers streckend, warf er sich herum, kraulend den pochenden Eisenring um seine Stirn in regelmäßi-

Sich schüttelnd und zitternd lag er in der niedrigen Brandung zwischen

gen Abständen einweichend, die Küste entlang bis der kalte Druck auf den

Treibhölzern, Plastikgefässen, in Teer und Seetang. Verschrammt, unfähig

Lungen zu stark schien, er wieder auf dem Rücken lag und sich eine Weile

sich zum Gehen aufzurichten, krauchte er aus dem Einzugbereich des Was-

in weit geschwungenen Wellentälern schaukeln lies.

sers und blieb eine Weile apathisch im nassen Sand liegen. Ein schneller Handgriff bestätigte sein Gefühl, dass ihm die Badehose fehlte. Als ein Teil

Dann hatte er genug.

seiner Kraft zurückgekehrt war, richtete er sich auf und stellte fest, dass die Brandung ihn weit von seinem provisorischen Lager entfernt, in der Nähe

Nach einer Viertelstunde im Wasser war Glückstadt jetzt ein beachtliches

der Plattform angeliefert hatte. Dort ging eine Filmcrew unter Scheinwer-

Stück in Richtung Japan abgewandert. Ein Blick an den Strand zeigte ihn

fern ihren Aufgaben nach.

menschenleer. Nur weit entfernt eine aufgestellte Plattform mit Palmen darauf, vermutlich der Überrest eines Spektakels. Glückstadt warf sich auf den

Glückstadt fand zwischen dem Treibgut einen grossen weißen Kefirbecher

Rücken und trat, den Kopf Richtung Ufer, gegen die Wellen. So verschaffte

und stülpte ihn sich über die Genitalien. Matt taumelnd, bemüht die unge-

er sich ein wenig Vorsprung vor dem Zug nach draußen, doch sollte ihm die

schützte Rückseite nur den niederfahrenden Pelikanen und kreischenden

Luft ausgehen. Eine hohe Welle, die sich direkt über ihm brach, ließ Was-

Möwen zu zeigen, die ihm jetzt lautstark ihren Aasverlust zu bejammern

ser in seinen zum Atmen aufgerissen Mund geraten und sein Kehle begann

schienen, folgte eine scheinbar endlose Odyssee über den Strand. Am Lager-

zu brennen. Er hustete und eine weitere Welle brachte ihn wieder um das

platz angekommen, brach Glückstadt endlich erschöpft zusammen, streifte

Gutgemachte.

sein Unterwäsche über und fiel auf die Seite, wo er regungslos verharrte. Gelegentlich öffnete er kurz die versalzten Augen, um sich zu vergewissern,

Unermüdlich stieß er mit den Beinen, die Augen geschlossen und als er sie

dass er war, wo er war. Vereinzelt trafen Badegäste ein, doch ging ihr Treiben

wieder öffnete, war das Ufer keinen Zentimeter näher gekommen. Doch

spurlos an ihm vorüber und bald war er wieder eingeschlafen. Als er erwach-

was sonst konnte er tun als strecken und beugen? Wieder die sich schließen-

te, hatte er Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Die Sonne versank bereits

den Kreise und kommunizierenden Gefäße. Erschöpft riss Glückstadt den

im Meer, der Himmel nun purpur-rosa, irgendetwas zwischen Himmel und

Mund auf und versuchte den Kopf aus dem unnatürlichen Element zu hal-

Hölle war dieser Moloch, dachte Glückstadt – mittlerweile mit leichter Nei-


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gung nach unten. Vor der Eingangstür blieb Glückstadt stehen, und wandte seinen Kopf allEr musste lange geschlafen haben, schutzlos, ohne den Panzer des Bewusst-

mählich in Richtung des flüsternden Mannes. Sein Salzwasser verklebtes,

seins. Verschrammt und mit Teer verklebt. Die Haut auf der rechten Kör-

sandiges Haar, das auf seinem Kopf nun eine futuristische, wie aus Ton ge-

perhälfte spannte, besonders die Schenkel, Wange, Schulter. Es gelang ihm

brannt wirkende Frisur bildete, verlängerte seine Erscheinung um die Länge

kaum auf die Beine zu kommen. In der Hocke klaubte er seine Sachen auf

einer Hand. Mit halbgeschlossenen, geröteten Augen starrte er unverwandt

und machte sich dann wankend und hüpfend über den immer noch zu hei-

in das Dunkel der unsichtbareren Feinde. Auf der anderen Seite des Fensters

ßen Sand auf den Weg zum Mustang. Glückstadt warf sein Zeug auf den

kehrte daraufhin die wohltuende Stille fremder Furcht ein. Glückstadt zog

Rücksitz und ließ sich im Polster nieder – anlehnen konnte er den Rücken

die Oberlippe über das Zahnfleisch und begann zunächst leise, dann von

nicht. Mit seinem Handtuch das überhitzte Lenkrad manipulierend, verließ

stetiger Verzweiflung und einer seltsamen und raren Art wilder Freude am

er den Parkplatz und nach ungefähr einer Meile gelang es ihm schließlich,

eigenen Zustand beflügelt, sich stetig steigernd, zu fauchen. Im Inneren fiel

eine Stellung zu finden, in der er, an die Tür gelehnt, weiterleben konnte.

etwas auf den Boden. Eine Hand griff durch die Gardine und riss mit einem Ruck das Schiebefenster nach unten. Glückstadt schloss seine Haustür von

Im Rückspiegel sah er, dass mitten über seinen Körper eine Linie, zwischen

innen und lehnte sich dagegen. Endlich war er unbeobachtet.

scharlachrot und papierweiss, verlief. Glückstadt streckte sich….verklebt, zersaust, rotweiß wie die Eintracht, attraktiv noch für ein Raritätenkabi-

Wolf hatte ausgeräumt. Sein Zimmer stand fast leer nur in der Ecke auf dem

nett. Wohnungsbeschaffung, Interviews, jetzt war alles zum Teufel gefahren.

schwarzen Futon ein Berg von Unrat, Flaschen, Briefe, Zerdrücktes und vor-

Er hätte sich genauso gut erschießen können.

schnell Erstandenes. Das Ende eines gemeinsamen Abschnittes. Er vermisste ihn schon jetzt. Von draußen legte sich Dunkelheit über das Elend für die

Als er daheim eintraf, lag Clinton Manor ruhig in der Abendsonne. Immer

Augen, das Nachtsummen der Stadt, die Palmen vor dem Haus waren nun

noch zitternd parkte er den Wagen. Er hatte den ganzen Tag nichts geges-

gerade noch im Dämmerlicht zu erkennen und allmählich wurde der Heili-

sen, trotzdem wuchs sein Bart, dachte er. Zusammengesunken saß er eine

genschein aus schlechter Luft von den Neonzeichen auf Hochhäusern und

Weile mit nacktem Oberkörper an die lange schwere Tür des Automobils

Geschäften verstärkt. Glückstadt lag fiebernd und zusammengekrümmt im

gelehnt, dann gab er sich einen Ruck, beließ die Kleidung hinter dem Rück-

Zwielicht, halb glühend, halb frierend. Die im inneren nagenden Ratten wa-

sitz und schritt halbnackt und barfuss auf die Heimstatt zu.

ren spürbar gewachsen, hatten sich während des Schlafes von seinem Fleisch ernährt. Dann war die Nacht hereingebrochen und die Dinnerroutine be-

Hinter den offenen Fenstern feindseliges Gemurmel.

gann, wenig später wurden Drinks in Bars und Lounges gereicht, man lachte und lebte ohne Glückstadt. Er würde jetzt für eine Weile ruhen müssen.

„Weird shit, Mann.“ sagte der große Teufel mit der Akkordeonstimme.

Morgen war das Interview mit Fortuna.


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Graf Luckner gibt sich die Ehre

Ohne den Blick von der Zeitung zu nehmen, holte Glückstadt einen letzten Rest des Kaltgetränkes unter den Eiswürfeln hervor, dann faltete er das Papier und machte sich auf den Weg, über die Berge ins Reich der Warners. Nach dem gestrigen Erlebnis war er zu einer erstaunlichen Klarheit gelangt, ihm schien, als habe das Salzwasser ihn von innen heraus gereinigt. Sein in letzter Zeit beinahe permanent gewordener Hirnbrand hatte spürbar nachgelassen. Den ganzen Morgen über hatte er kaum denken müssen, sondern handeln können. Vor dem flachen im spanischen Hacienda-Stil der zwanziger Jahre gebauten Firmengebäude eingetroffen, entschloss Glückstadt sich, den alten Plymouth abseits abzustellen, um vorschnelle Beurteilungen seiner Person zu vermeiden. Er durchquerte die Lobby und beäugte die immense photographische Vergrößerung von James Cagney‘s Gesicht in ‚White Heat‘, die dort auf bedrohliche Weise die Flurwand zierte. Pünktlich traf er im verabredeten Raum ein und die Fortuna war bereits anwesend. Zurückgelehnt, halb liegend hatte sie auf einer ausladenden Couch

Passend zu seinem halbverbrannten Gesicht hatte Glückstadt seinen blauen

Platz genommen und entnahm einer Lederschatulle eine filterlose Zigaret-

Blazer mit dem gold-rotem Wappen gewählt, darunter ein heller leichter Roll-

te, die sie entzündete, noch bevor Glückstadt Gelegenheit fand ihr Feuer

kragenpullover, eine weiße Leinenhose und Stoffschuhe, eben von den Plan-

zu geben. Glückstadt stellte sich mit dem Vornamen vor und reichte ihr die

ken gesprungen, ein Weltenbummler, Graf Luckner, Windrosen und so weiter,

Hand. Sie sah ihm in die Augen, kam ihm jedoch keinen Millimeter entge-

alles bekannt und besiegelt. In der Morgenzeitung vier abgeschossene Köpfe

gen.

im Vorbeifahren, jemand hatte einen lebensgroßen Jesus aus Zahnstochern verfertigt und dafür eine ganze Seite der Zeitung bekommen. Über Europa stand

„Wohl‘n Halbblut, wie?“ sagte sie trocken bei dem Anblick seiner zerstörten

nie etwas in der Los Angeles Times und Glücksstadt wusste nicht, ob er sich

Hautoberfläche.

deswegen freuen oder ärgern sollten. Jetzt wollten die mexikanischen Gärtner in einen Hungerstreik treten, weil sie ihre benzingetriebenen Blasgeräte nicht

„Nein, lediglich Träger einer Mischblutgruppe,“ entgegnete er ohne zu zö-

mehr benutzen durften und lieber sterben wollten.

gern mit noch trockener Stimme. „Je nachdem auf welcher Seite ich schlafe,


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konzentriert sich der Saft in der einen oder anderen Körperhälfte,“ setzte er

schlechtlicher Kontaktaufnahme um einiges überlegen war. Er lenkte ab

hinzu. Er wusste selbst nicht mehr wer hier aus seinem Munde sprach, doch

und rettete sich einstweilen, indem er von verwandten Seelen und dem In-

sie lachte.

neren zu reden begann. Davon, dass er kürzlich geschieden worden sei und den ersten Schmerz überwunden hatte und nun allmählich wieder Platz für

„Ich bin auf meiner Yacht in der Sonne eingeschlafen, tut mir selber leid…“

etwas Neues in seinen Herzkammern geschaffen wurde, während Groll und Ärger über Bord gingen. Er konnte sich selbst nicht mehr hören, wieder

Sie runzelte die Augenbrauen. „Journalisten scheinen heutzutage nicht

strich er mit steifen muskulösen Bewegungen durch sein Haar, zog eine

schlecht zu verdienen. Vielleicht sollte ich eine neue Karriere in Erwägung

Augebraue hinauf und sah sie dann mit zusammengekniffenen Augen an,

ziehen.“

wie ein Mann aus Hollywood. Schwarz und mit blutroten Segeln zog sein Schoner dann von Marina del Rey aus durch die Wellen und mit wohligem

„Ich habe einige Bücher verfasst, deren Erfolg mir ein angenehmes Leben

Schaudern erkannte er, dass Fortuna mitfuhr und bereit schien den Rahmen

in gebotener Zurückgezogenheit ermöglicht.“ entgegnete Glückstadt mit

dieses Interviews zu sprengen. Sie gab zu, ebenfalls den Eindruck zu haben,

schauspielerhaftem Schmunzeln. „Manchmal vielleicht etwas zu zurückge-

Glückstadt nicht erst seit dem heutigen Tage zu kennen, sondern schon aus

zogen“ setzte er hinzu und bedachte sie mit einem Blick, in den er zugleich

einem anderen Leben, wie sie gegen Ablauf der Sprechzeit sagte. Zwischen-

Verehrung, sowie ein tieferes Wissen über Sexuelles in die Waagschale zu

durch war eine düpierte Dame von der Filmfirma in den Raum getreten und

legen suchte. „Interviews führe ich nur, wenn mich der Mensch hinter dem

Fortuna hatte sich mit einer strengen Geste ihrer Hand ein wenig Zeit mehr

Werk interessiert. Was heute übrigens nicht mehr oft der Fall ist.“ Er senkte

Zeit ausgebeten, um Glückstadt zu erklären, dass sie zur Zeit der Pharaonen

den Kopf und fuhr sich mit der Hand durch den Schopf, um ihr Gelegen-

mehrere Male in Ägypten gelebt und in der letzten Inkarnation zusammen

heit zu geben, seine Erscheinung zu begutachten. In einem tiefempfunde-

mit ihrem Liebhaber in einer Pyramide bei lebendigem Leib eingemauert

nen Moment körperchemikalischer und spiritueller Einheit sah er sie von

worden sei. Glückstadt erinnere sie an eben diesen Liebhaber.

unten herauf an. Die Dame von der Filmfirma, jetzt unterstützt von der Publizistin Fortunas „Ich wollte dich kennen lernen, wusste aber nicht wie. CB Funk hast du

betraten den Raum erneut. Da warte noch ein Journalist von einer isländi-

sicher nicht…“

schen Tageszeitung.

„Du hast ganz schönen Nerv, Junge.“ lächelte sie bewundernd. „Was hast du

Diesmal trat sie ihm entgegen. Er beugte sich vor, um ihr die Hand zu rei-

dir denn vorgestellt?“

chen, doch sie umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange. „Ich habe ein Haus in den Hollywood Hills“ flüsterte Glückstadt ihr zu. “Und wenn Du

Glückstadt schluckte und bemerkte, dass sie ihm auf dem Gebiet vorge-

auch nur auf eine Sekunde vorbeikommen würdest, weiß ich, dass sich mein


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ganzes Leben ändern wird. Meine Telefonnummer liegt auf dem Tisch.“ füg-

„Ihr Mann?“

te er hinzu. Ohne zu antworten küsste sie ihn kurz und heftig auf den Mund. Die Frau nickte stolz. Wie unter einem Glassturz gefangen, taumelte Glückstadt benommen an der Rezeption vorbei ohne sich auszutragen in die Sonne und schwang sich

„Wir haben vor zwei Monaten in Nevada geheiratet.“ sagte sie und Glück-

in den offenen Mustang. Tage wie heute würden sich von nun an häufen,

stadt gratulierte ihr.

dachte er, dafür konnte er selbst Sorge tragen, wenn er sich Mühe geben würde, den Zugang zu dem ihn durchfahrenden Energiestrom nicht mehr

“Bei meiner Arbeit als Autor bin ich auf die Inspiration der Stadt angewie-

aus den Augen zu verlieren, das Räderwerk der Weltenschicksalsuhr anzu-

sen, das Klingen der Menschen, den Puls der Zeit….“ führte Glückstadt aus,

treiben und schließlich das Steuer zu übernehmen.

um die Vornahme seines Ortswechsel glaubwürdig zu machen, doch war die Dame von der Bürovermietung bereits befriedigt und beeindruckt, eben als

Er lenkte den Wagen vom Rinnstein, den Cahuenga Pass hinab und noch ehe

Glückstadts Momentum zu schwinden begann, er sich wieder befleckt fühl-

seine Stimmung Gelegenheit bekam, sich der zunehmenden Tristesse der

te, da er die pure Kraft, die er aus der Begegnung mit Fortuna gewonnen

Gegend anzugleichen, war er am Taft Bürogebäude auf Hollywood & Vine

hatte nun zur Anmietung eines Büros unter Vortäuschung falscher Tatsa-

angelangt, parkte und machte sich auf den Weg in das alte Bürohochhaus,

chen benutzt hatte. Zudem fiel ihm ein, dass er auch bei Fortuna nur gelo-

marmorne Bodenfliesen, vergoldete Ornamente an den Decken, renoviert

gen hatte. Mürrisch schlug er die Augen nieder und reagierte jetzt nur noch

im Stil der Vierziger – vertraute Geister die Glückstadt gern beschwörte und

einsilbig auf die freundlichen Unterhaltungsbemühungen der Managerin.

in der eigenen Ecke als Verbündete begrüßte.

Glückstadt stellte sich bei

Nach einer Besichtigungstour durch das Gebäude, die sich über mehrere

der Verwalterin des Gebäudes vor und erkundigte sich nach der Möglichkeit

Etagen erstreckte, entschied Glückstadt sich schließlich für ein kleines Eck-

der Anmietung eines kleinen Büroraumes. Die Miete läge zwischen einhun-

zimmer mit Blick auf Downtown, inklusive eingebautem Schrank und einer

dert und dreihundert Dollar. “Schlafen oder Kochen dürfen Sie hier aber

alten Lampe für einhundertundfünzig Dollar. Keine Nebenkosten. Der Te-

nicht”, setzte die Frau argwöhnisch hinzu.

lefonanschluß war dafür bereits gelegt und Glückstadt hatte endlich eine neue Nummer.

Glückstadt sei Drehbuchautor und lebe in Bel Air. „Woher stammen Sie eigentlich?“ erkundigte sich die Frau kurz vor Unter„Bel Air..?“ Unglauben bei der jungen Frau mit auftoupiertem Haar, die of-

zeichnung des Vertragsformulars.

fenbar aus dem Valley kam. Glückstadt griff nach einem auf ihrem Schreibtisch stehenden Silberrahmen und betrachtete die darin befindliche Photo-

„Häh?“ Abwesend wandte er den Blick von der Aussicht ab. „Deutschland,

graphie.

aus Deutschland.“


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„Das an Ihrem Kopf ist doch hoffentlich keine ansteckende Angelegenheit, oder?“ erkundigte sie sich. Er seufzte. Sie starrte ihn an, in der Hand das zur Unterschrift bereite Vertragsformular. „Nein,“ sagte er dann kaum hörbar. „Nein, ansteckend ist es wohl nicht.“ Dann setzte er seine Unterschrift auf das Dokument und das Lächeln der beiden verlosch. Er verließ das Bürohaus und fuhr zurück nach Clinton Manor, um seine Sachen zu packen. Irgendwann stellte er das kleine Diktiergerät auf seinen Schreibtisch, lehnte sich zurück und wartete. Unglücklicherweise hatte er sein Interview mit Fortuna bereits einige Male verkauft. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er kein Wort aus der Welt dieses Astralwesens an das graue Licht der Öffentlichkeit gezerrt, doch würde er jetzt ein wenig Kleingeld gebrauchen können, er durfte da nicht kleinlich wirken. „Und da wollen Sie nicht wieder zurück? Wo sich dort doch jetzt alles ändert?“

Aus dem kleinen Lautsprecher des Abspielgerätes drang nur statisches Rauschen. Glückstadt war sich sicher gewesen, die Aufnahmetaste bedient zu

„Ändern tut sich dort nie etwas“, sagte Glückstadt. „Und wenn, dann würde

haben. Mit zittrigen Händen spannte er einen Bogen Papier in die Schreib-

alles so werden wie hier und hier bin ich bereits.“

maschine und begann aus dem Gedächtnis niederzuschreiben, was ihm von ihrer Konversation hängen geblieben war, zwischendurch unkontrolliert auf

Die Dame lächelte zustimmend. Ganz war sie nicht gefolgt, doch schob

die Knöpfe des Bandgerätes einhackend, vor- und zurückspulend. Nichts.

sie es auf seinen Akzent. Nun stand beiden ein müdes Lächeln ins Gesicht

Glückstadt sank zusammen. Gequält heulte er auf und trat ans Fenster. Die

gekerbt. Wie eine zerschlagene Medizinmaske aus dem Sudan sah sie mit

kleinen Teufel vor dem Haus hatten die Geräusche des Fremden gehört

ihrem Make-Up aus und fast hätte Glückstadt ihr das gesagt und noch eine

und blickten aufmerksam nach oben. Mit einem Dreh der Jalousien schloß

rüde Bemerkung über die rotglänzende Haut ihres Ehemannes auf dem

Glückstadt sich wieder von der Außenwelt ab. Er betrachtete seine Besitz-

Photo gemacht, um Ablaß für die Lügen des Tages zu erhalten und endlich

tümer und beschloss, sich von fast allem zu trennen, warf das meiste einfach

ein Mal die Wahrheit zu sagen.

in die Badewanne und verpackte dann, was noch zu verpacken war. Schwit-


126

zend schaffte er die Kisten mit den Habseligkeiten in Richtung Büro. Die

Glückstadt in der Büroluft stehend und lauschend, bis die Reinigungsko-

Nachbarschaft tanzte und hielt kurz inne, wenn er beladen auftauchte, um

lonne vor seiner Tür angekommen war. Er verwehrte den Mexikanern den

seine Last in den Wagen zu schaffen, um zu sehen

Zutritt und trat hinaus auf den menschenleeren

wie er sich den Arsch abriss.

Flur, als endlich nichts mehr zu hören war. Nachts schien sich niemand hier aufzuhalten. Hier konn-

Als Glückstadt wieder am Taft-Gebäude eintraf,

te es Tod bringend langweilig und deprimierend

hatten die meisten Werktätigen ihre Büros verlas-

werden, dachte er. Vielleicht genau die richtige

sen. In der glänzenden repräsentativen Lobby saß

Atmosphäre für die Konzentration auf Essentiel-

ein einsamer Nachtwächter im gestärkten Hemd,

les in mönchischer Kargheit, eine Möglichkeit zur

vor sich ein einziges unbeschriebenes Blatt und

Besinnung, zu Meditation und Sammlung.

einen versilberten Drehkugelschreiber, den er anhob, als Glückstadt eintrat. Wie in einem Mauso-

Nachdem er den Futon entrollt hatte lag er im

leum roch es jetzt, dachte Glückstadt.

Dunkel, starrte an die Decke und dachte zufrieden an Fortuna. Saskia Vandenberg war im

Gleichmäßig verstreute er die Habe im von ihm

Vergleich dazu nur ein kleines Fischchen. Ein

angemieteten Raum, besah sich die Unordnung

schlechtes Gefühl kam nicht auf, bis auf das Inter-

eine Weile schweigend und beschloss deprimiert

view. Sollte er beim tete a tete ein Band mitlaufen

es dabei zu belassen. Er besaß immer noch mehr

lassen? Würde Glückstadt sie noch einmal nach

Gegenstände als der Raum faßte und würde zu-

den Fakten befragen, was die deutschen Gazetten

rück nach Clinton Manor fahren müssen, um

von ihm hören wollten, dann würde sie bemerken,

einige der Sachen dort hinter dem Haus wieder

dass er Journalist war – kein gemächlich gleitender

abzuladen. An nichts lag ihm wirklich etwas, und

Seeadler, sondern ein ruppiger Geier, der sich mit

doch war er jetzt unfähig sich von irgendetwas zu

den anderen auf heftige Weise um seinen Anteil

trennen.

Aas rupfen mußte. Bei Warner kannten sie ihn glücklicherweise nicht weiter, mysteriös war er ge-

Das Gebäude hatte unterdessen vernehmlich zu

kommen und gegangen. Wiedersehen würde man

summen begonnen. Reinigungskolonnen näherten sich seiner Zelle. Wie-

ihn nicht so schnell. Was, wenn Liz ihm nicht einmal die richtige Nummer

der wurde es Nacht. Knapper noch als im Gefängnis war sein Platz bemes-

gegeben hatte. Er griff nach dem Telefon.

sen. Der Futon dräute zusammengrollt an der Wand und tatenlos verharrte


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Sie hob ab und freute sich hörbar über seinen Anruf, sprach jedoch mit je-

nächsten Häuserwand, auf der anderen Seite eine grimme Maske, die Glück-

mandem auf der anderen Leitung. Sie versprach in sofort zurückzurufen.

stadt das Geld aus der Hand riss und nicht einmal danke sagte, wenn er

Nach einer Stunde unterbrach das Klingeln des Telefons die Stille. Um-

etwas kaufte. Wolfs Mustang stand verlassen unter einer Gaslaterne und

ständlich erklärte Glückstadt ihr, dass bei ihm die Kammerjäger sein und

auf dem Parkplatz strebten jetzt dubiose Figuren aufeinander zu. Schwarze,

sein Haus noch für zwei Tage in Quarantäne läge.

möglicherweise Reinigungspersonal bei einem Voodoritual, phantasierte er.

“Bei mir können wir uns unmöglich treffen, ich habe mehr Paparazzi vor

Mit dem Zunehmen der Dunkelheit wurde das Treiben vor dem Fenster leb-

dem Haus als Fliegen auf der Scheiße.”

hafter. Vermehrt schienen Hüte in Mode gekommen zu sein, weisses Schuhwerk. Drogenhandel, dachte Glückstadt, löschte das Licht und starrte auf

Er lachte.

das illegale Treiben. Wieder war er mitten im Leben, er würde sich verkleiden, frisch abgebrannt, selbst zum Drogenerwerb hinabsteigen und danach

„Du müßtest mich abholen…“

das ganze Kroppzeug hochgehen lassen und bei der Polizei anzeigen, oder, noch viel besser, Freundschaften bis ins Gefängnis, bis hin zum elektrischen

„Übermorgen?“

Stuhl schließen und das ganze System von innen aufrollen, um zu beweisen, was zu beweisen war. Stunde um Stunde saß Glückstadt, seine Füsse auf

Sie sprachen eine Weile und Glückstadt, der nichts mehr zu verlieren zu

dem Blechtisch, aus den Beständen des alten MGM Studios, wie eine Marke

haben schien, entspannte sich zunehmends. Zwischendurch die Sprechmu-

am Rücken des Möbels verriet und starrte abwechselnd auf das monotone

schel mit der Hand bedeckend, wenn er einen tiefen Schluck aus der Flasche

Gemenge der asphaltierten Petrischale und auf die blinkenden Lichter der

nahm. Als er bemerkte, dass er zu lallen begann, wurde er kurz zärtlich. Sie

Stadt.

lachte wohlwollend und Glückstadt hängte auf. Scheinbar ziellos rollten die schwarzweißen Einsatzwagen der Polizei durch Glückstadt trat an das Fenster seines Büros und blickte auf Downtown.

die Nacht und umkreisten den Block, ohne je zum Kern der Ereignisse vor-

Buena Vista, dass war es, was er während der nicht endenwollenden Jah-

zudringen. Offenbar war Glückstadt auf ein Geheimnis gestossen. Es galt

re in Berlin entbehrt hatte, einen freien ungehinderten Blick, der sich auf

das Beste daraus zu machen. Nur nicht gerade heute. Er schloss die brei-

wunderbare Weise von seinen Netzhäuten ins Gehirn rückkoppelte, dort

ten, grünlichen Jalousien und legte sich auf die Matte. Durch die Schlitze

Chemikalien freisetzte und ihn kreativ werden ließ. Immer wenn er nach

der Rolläden fiel in unregelmäßigen Abständen das aufgeblendete Licht der

Deutschland zurückkehrte, mussten sich seine Augen erst an die Miniatur-

vorbeifahrenden Wagen und streifte die Decke. Glückstadt lauschte auf den

heimat gewöhnen. Von tief verwurzelten Todeswünschen besessene Lem-

Atem der Stadt. Bevor er versackte, war er ein Undercoveragent geworden,

minge in Kleinwagen rasten dort wie auf einer Modelleisenbahnplatte in

der auf die Matrazen gegangen war. Hier, in einem kleinen Büro auf Holly-

ihren kalten Miniaturtod. Egal wo er sich befand – ein halber Meter zur

wood & Vine, mitten in einem riesigen, anonymen Gebäude war er sicher,


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führte eine Existenz, die nicht unerklärlicher sein konnte. Dieser Gedan-

„619?“

kengang versöhnte Glückstadt soweit mit seinem Abstieg, dass er in einen traumlosen und apathischen Schlaf fiel, aus dem er bald darauf geweckt wur-

„Hhhm.“

de. Mühsam hielt Glückstadt die Augen verschlossen und beruhigte sich mit einer Vison, in der er flüssiges Feuer und Schwefel in die auf dem Flur la-

„Bin in 623. Sind im Puppengeschäft .“

chenden Bürohälse goß, bis sie sich von innen verzehrt in grässlicher Agonie und aus Gründen der Erlösung zu Hunderten in den Müllschlucker stürzten

„Interessant…“

und wieder Ruhe im Karton herrschte. Doch linderte auch dies nichts. „Was machst du?“ Schlaftrunken stützte er sich auf. „Drehbücher,“ log Glückstadt. Der Futon zu ebener Erde schien hier noch weniger willens Glückstadt in

„Vielleicht kann ich ja mal was von dir lesen. Suchen immer gute Puppen-

den Tag zu entlassen. Mit gekrümmtem Rücken hockte er eine Weile auf

scripts, die meisten denken, es sei ein Kinderspiel, aber…“ Glückstadt blick-

dem Widersacher, durch die Jalousien drang Sonnenschein, mit debilisie-

te hinab in die Schüssel, dann hinauf an die Wand. Ein mühsames Lächeln

render Insistenz. Mühsam legte er die im Schummerlicht verstreuten Klei-

an den Puppenmann. „Komm doch mal vorbei.“ sagte er.

dungstücke an, öffnete vorsichtig die Tür auf den belebten Flur und mischte sich auf dem Weg zur Toilette unter die Berufstätigen. Bunte Kleider und

„Klar.“ Erwiderte Glückstadt.

blaue Anzüge, C&R ,gelbe blaugepunktete Krawatten um rasierte Stinkhälse, Halston und Drakkar. Es gelang ihm unbehelligt in den Toilettenraum

„Übrigens, ich heisse Robert.“

zu gleiten, um die Morgentoilette vorzunehmen. Er stellte sich an eines der Urinale.

Glückstadt nickte. „Ich auch.“

„Durchgearbeitet?“

Glückstadt hielt aus, bis der Puppenvater seinen Schwanz abgeschüttelt hatte und verschwunden war. Wenigstens hatte er nicht auf einen Handschlag

„Kann man so sagen.“

bestanden. Dann trat Glückstadt an das alte, auf eisernen Vogelfüssen installierte Waschbecken. Die Haut auf seinem Gesicht hatte begonnen sich zu

„Neu hier?“

schälen. Im Grunde keine schlechte Leistung, als Zweifarbiger eine der bekanntesten und begehrtesten Frauen der Welt für sich zu gewinnen, dachte

„Hhhm.“

Glückstadt. Heute wurden wieder neue Karten verteilt, musste er beweisen,


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dass die Glückssträhne nicht nur aus einem einizgen Haar bestanden hatte,

Glückstadt klopfte und läutete, man weigerte sich ihn zu hören und schien

das ihn bei nächster Gelegenheit für immer in den Abgrund entlassen wür-

seinem Eintreffen keinerlei Bedeutung beizumessen. Ein wenig verstimmt

de.

über den Empfang, trotzdem vorsichtig ins Ungewisse lächelnd trat er deshalb ohne Aufforderung ein. Hinter der Eingangshalle befand sich die

Glückstadt entschloss sich, den Fahrstuhl hinab in die Lobby zu nehmen.

geschwungene Holztreppe, die hinauf in den ersten Stock führte, eine Ba-

Erbärmliche acht Uhr zeigte der monströse, metallene Zeitmesser dort. Das

lustrade, antik, das barocke Mobiliar vermischt mit Starck, Arad, Sipek, so

Leben hier versprach wenig Erheiterndes in den Tagstunden. Blinzelnd trat

sah er – der unbezahlbare Sinn für Wesentliches, den er von seinem ersten

er hinaus in den kühlen Morgen und vor das massive Steingebäude, um sich

Eindruck bei Nacht überwältigt nur undeutlich wahrgenommen hatte, war

auf den Weg zu Wolf und Saskia zu machen.

jetzt deutlich erkennbar.

Dort eingetroffen wurde Glückstadt von einem bösen Zeichen heimgesucht:

Leicht bekleidet, in beinahe hüfthohen Samtstiefeln betrat Saskia die

der gelbfarbene Lieferwagen eines Kammerjägers, auf dessen Heck man aus

Wohnhalle. Besonders ihr unterer Körper schien Glückstadt entgegenzu-

werbetechnischen und wohl auch humoristischen Gründen die Statue einer

schweben. Er öffnete den Mund zu einem Lächeln, fragte sich jedoch, ob

kleinen Maus mit Messer und Gabel installiert hatte. Über dem Tierchen

es nicht ein wenig zu anzüglich geraten war. „Wunderbares Kostüm.“ sagte

dräuend, imperial und durch pervertiertes, parentales Geschmunzel eine

er. „Danke.“ antwortete sie mit kalter beinahe trauriger Stimme. Sie wollten

unschlagbare Überlegenheit demonstrierend, der ‚Western Exterminator‘,

den offenen Mustang nach Las Vegas mitnehmen, um die Fahrt durch die

eine Figur mit hohem Zylinder und einem hinter seinem Rücken verborge-

Wüste zu genießen.

nen Holzhammer. Für die Dauer eines Augenblicks war Glückstadt, ob der so freimütig propagierten Geisteshaltung dieser kalifornischen Freiheitssta-

Glückstadt blickte sich bewundernd um und sprach von der Phänomenali-

tue betroffen, doch beschloss er, die Frage nach der Identifikation für eine

tät des Hauses. Ihr sei es zu düster, entgegnete Saskia. Sie suche nach Hel-

Weile zu vertagen und sah sich am mit Efeu bewachsenen Haus um.

lerem, strebe im Allgemeinen zum Licht, ein Umstand der wohl den Weg jedes menschlichen Wesens beschriebe. Glückstadt runzelte nachdenklich

Ein mexikanischer Gärtner war mit der Beschneidung von Krautwerk be-

die Stirn und stimmte dann zu. Sie traten in den Garten hinter dem Haus.

schäftigt. Das Grundstück war, wie Glückstadt zufrieden feststellte gesäumt von alten ehrlichen Bäumen, keine Spur von der widernatürlichen Falschheit

„W.C. Fields soll hier in späteren Jahren eine Weile gewohnt haben.“

der kalifornischen Palmenpflanze. Altes Geld vermutlich, so erkannte er. Fortuna dagegen war neureich. Doch wenn schon, aus eigener Kraft hatte

„Mein absoluter Liebling.“ Bekannte Glückstadt.

sie es geschafft. Saskia Vandenberg dagegen nur eine Erbin von Keksen und einigen dazugehörigen Fabriken. Die Tür zum Haus stand offen.

„Wirklich? Ich kann nichts an ihm finden, um ehrlich zu sein, verstehe nicht


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einmal was er sagt. Angeblich hat er mit seinem Genuschel gegen die Ein-

jedes Zimmer wandern, merkte sich verstockt, was später einer genaueren

führung des Tonfilms protestiert.“

Inspektion unterzogen werden musste. An den Bettstätten blieb sein Blick länger hängen. Hier wurde es also gemacht, dachte er, vermutlich täglich in

Sie erklärte ihm die Funktion der Außenbeleuchtung und des Alarmsystems.

einem anderen Raum, auch auf dem Boden. Wenn man es wüsste, wüsste

Als sie sich vorbeugte, bewunderte er das schlanke Beinpaar, das für ein kur-

man auch wie man es mit Fortuna machen würde, oder ob. Wie machte

zes verheißungsvolles Stück aus dem Chanel-Rock ragte, nur um, wie er fand

man es überhaupt – seinen Hang zum Fatalistischen konnte er in dieser An-

beinahe unerträglich kokett und berechnend in den samtenen Pfoten zu ver-

gelegenheit getrost vernachlässigen, oder durch Engagement ersetzen. Mit

schwinden. Glückstadt versteifte sich. Auch wenn er sich ihr nicht gewach-

Saskia Vandenberg würde sich so oder so nichts ergeben. Von ihrer Seite

sen fühlte, meinte er ihre Anwesenheit auf unverfängliche Weise geniessen

meinte er außer freundlicher Reserviertheit nichts zu spüren. Beim Anblick

zu können, doch dann verwandelte Glückstadt sich wieder in einen toten

eines Porträts im Silberrahmen, wieder ein Anflug von Depression: Wolf auf

Baum, behämmert mit tausenden von Nägeln, und seine Mundwinkel fan-

der Bühne mit Konfetti im Haar.

den ihren tiefen Betten. Immerzu startete er auf dem falschen Bein, dachte er verbittert und vergaß das andere auf der Startlinie. Hirnbrand setzte ein

“In einem abgefuckten Berliner Club ist das gewesen,” volontierte er. Sie

und war nicht zu löschen – ein beinloser Frosch war er jetzt, zurückgeblie-

lächelte. Glückstadt selbst hatte vermutlich sogar vor der Bühne gestan-

ben in einem trockengelegten See, so versuchte er sich im letzten feuchten

den. Glorios gerahmt erschien der Auftritt im Rattenloch jetzt wie ein Aus-

Winkel unter einem Flecken Schlamm zu verstecken, um der Sonne, dem

schnitt aus eine Galaveranstaltung. Wolf war so total betrunken gewesen,

Erkanntwerden, dem offenen Kommunizieren mit anderen Menschen zu

dass er sich weder an die Liedzeilen noch an seine Einsätze erinnert hatte.

entgehen, doch kaum wollte er den Mund öffnen, um etwas zu quacken,

Jetzt hing er hier in einer Villa in Hollywood, der Rockstar, der sich aus dem

nahte schon der Gummistiefel Gottes, ihn gnädigerweise zu zermalmen,

Geschäft zurückgezogen hatte.

oder schlimmer, als Köder für einen größeren Fisch auf einen Haken zu spiessen und dort zu lassen, bis er verfaulte oder verzehrt wurde… fieberhaft

„Musik macht dumm.“ Sagte Glückstadt mit lauter Stimme und schämte

arbeitete sein Hirn an der Einführung eines neuen Konversationspunktes,

sich gleichzeitig für den Ausbruch. Von nun an würde er wirklich schweigen.

doch der Fahrstuhl seines Verstandes raste bereits unaufhhaltsam abwärts in

Doch da lachte sie und er lachte wieder mit. „Das hat Wolf auch gesagt.

seine biographische Hölle und mit einem Mal hatte er schreiende Angst vor

Hast du ihn mal spielen gesehen?“

der fremden, reichen Frau, die auch noch attraktiv war und beschloss nichts mehr zu sagen.

Vor dem Haus erklang die Hupe eines Wagens und Saskia lotste Glückstadt aus dem Gemach, die Treppe hinab. Draußen stand Wolf in khakifarbenen

Ein deprimierender Rundgang durch die Welt der Anderen, der von Geburt Begnadeten und Begabten. Schwammgleich ließ Glückstadt den Blick durch

Leinenhosen, Sportschuhen und Polohemd. Vor sich den offenen Mustang.


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„Nett hat sie es hier.“ Bemerkte Glückstadt, sich gelassen abwendend und auf Saskia schauend, als verbinde sie eine gemeinsame Geschichte, von der Wolf ausgeschlossen sei. „Wir haben uns bereits bestens verständigt.“ fügte er hinzu. Verständnislos blickte Wolf zwischen Saskia und Glückstadt hin und her. Sie saß bereits neben Wolf, ihre Hand nun auf seinem Bein, nahe seinem Schoss, ihr Fleisch auf dem weichem Leder des Autositzes. Der Kammerjäger trat neben Glückstadt und verkündigte die Beendigung seiner Tätigkeit. Wolf bezahlte den Mann per Scheck und einige Minuten später erschien es Glückstadt, als hätte sich niemals jemand außer ihm auf dem Grundstück befunden.


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Johnny Dollar

„Was ist los? Können wir nicht wenigstens reden?” „Wolf, ich kann nicht mehr”

Noch bevor Wolf und Saskia die Einfahrt ihres Anwesens verlassen hatte,

“Nicht mal reden?”

brach Saskia in Tränen aus. “Ich kann nicht mehr.” “Oh, Scheiße,” sagte Wolf. “Was soll ich hier allein in Vegas? Ich habe nicht einmal genug Geld, um Etwa zweihundert Meilen nach San Bernadino, als sie die Grenze nach Ne-

irgendwo zu übernachten. Und du bekommst in ein paar Stunden einen

vada überschritten hatten, machten sie an einer Chevrontankstelle halt. Die

Scheck über neuneinhalb Millionen Dollar.”

warme Wüstenluft blies ihnen durch die Haare und das Mädchen hinter dem Thresen lächelte, als sie Wolfs Karte entgegen nahm.

“Vestehst du jetzt weshalb ich nicht mehr kann?” fragte sie. Sie gab ihm eine ihrer Kreditkarten. “Hier sind noch etwas über dreihundert Dollar drauf.

“Nette Brise,” sagte sie höflich und Wolf erkundigte sich, ob es schon die

Wolf, es tut mir leid, aber ich habe eine Verabredung hier und es war eine

ganze Zeit so schön sei. Das Mädchen verneinte. Saskia stand draussen an

Scheißidee von mir dich mitzunehmen. Es ist aus.” Sie starrte in die Ferne.

den offenen Mustang gelehnt und Wolf entfernte eine Flasche Coronoa aus dem Eisschrank, öffnete sie und trank sie in einen Zug leer.

“Fahr zurück nach L.A. und zieh bitte zurück nach Clinton mit deinem Freund Glückstadt.”

“Das war flink”, sagte das blonde Mädchen anerkennend, als Wolf die Flasche in den Abfallkorb warf. Während er die Tankstelle verlies, hatte er Trä-

“Clinton wird nächsten Monat abgerissen.”

nen in den Augen und als sie drei Stunden später in Vegas ankamen, hatte Saskia ihre Liebesbeziehung mit Wolf beendet. Wolf hatte es seit Wochen

“Wolf, bitte. Mich interessieren diese Scheißdramen nicht mehr. Ich kom-

gespürt. Er nahm die erste Ausfahrt die den Strip anzeigte und parkte den

me mir langsam vor, als würde ich im Morast versinken. Ich bin über vierzig

Wagen vor einem kleinen Motel.

Jahre alt. Was willst du eigentlich?”

“Ich möchte, dass wir uns hier trennen,” sagte sie. “Ich nehme den Mustang

Er stieg aus dem Wagen, nahm seine Reisetasche aus dem Kofferraum und

und setze dich beim Autoverleih ab.”

sah zu, wie sie davonfuhr. Es hatte tatsächlich keinen Sinn zu reden. Wolf ging direkt auf das Motel mit Namen Klondike Inn zu und betrat die ver-


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schmutzte Lobby.

Wolf spielte grundsätzlich nur Rot. Für einen Augenblick sah er dem Lauf der Kugel zu, dann schob er zweihundert Dollar über das Grün.

“Wie lange?” fragte ihn eine unfreundliche übergewichtige Frau, ohne von ihren Papieren aufzusehen.

“Fünfer, bitte”, sagte er mit tiefer Stimme.

“Hängt von meinem Glück ab”, sagte Wolf, doch sie wiederholte ihre Frage,

Er klang gut.

als habe sie ihn nicht verstanden und fügte hinzu, dass er morgen ohnehin auschecken müssen, da sie für das Wochenende ausgebucht wären.

Der Croupier zählte das Geld vor seinen Augen und schob ihm zwei Stapel Chips zu.

“Weshalb fragst du dann so blöde?” erkundigte er sich. “Nickels für zweihundert und viel Glück.” Er mußte im voraus zahlen. Wolfs Gesicht wurde kalt und er hörte auf mit ihr zu reden. Sein Zimmer hatte einen Ventilator im Bad, der jedesmal ansprang wenn er den Lichtschalter betätigte und zwei Fernseher, die jemand übereinander gestapelt hatte. Bei jedem funktionierte ein anderes Programm. Von der Kante des weichen Bettes aus, schaute er dem Lokalsender zu, kämmte sich die Haare und verlies das Hotel zu Fuß, um von dort zum Alladin zu gehen. Dort gab es jedoch nur wenige Spieltische und er fühlte sich von den Croupiers beobachtet, so wechselte er zum Bally Grand und begab sich direkt ins Kasino, vorbei an den einarmigen Banditen und zur Bar, wo er sich niederließ und anfing zu trinken. Saskia mußte wegen Hooker nach Vegas gekommen sein. Doch wieso sollte sie sich überhaupt mit ihm treffen? Die Scheidung war ohnehin perfekt. Seine Hände schienen ohne Grund zu zittern. Er trank so schnell er konnte und zahlte sofort. Als er aufstand, war ihm schwindelig und er taumelte leicht um die Roulettetische, bis er einen gefunden hatte, der ihm zusagte.

Wolf setzte fünf Dollar auf Rot und gewann. Er nahm die gewonnen fünf


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Dollar und setzte wieder fünf. Als er verlor, erhöhte er den Einsatz auf zehn

“Was machst du dann hier?”

und gewann zehn. Er reduzierte seinen Einsatz auf fünf, behielt was er gewonnen hatte und gewann wieder, bis sechs Mal in einer Reihe schwarz kam.

Sie zuckte ebenfalls mit den Achseln. Wolf lud sie zu einem Drink ein und

Als er sechszehn Fünfer auf Rot setzte, wurde er nervös, weil er nicht mehr

sie bestellte einen Screwdriver. Wenn die eine geht, schnitzt der Teufel die

verdoppeln konnte. Der Croupier hatte mittlerweile erkannt, dass Wolf ein

Nächste, dachte Wolf und ekelte sich selbst vor seiner geringen Anhäng-

einfaches System spielte und würdigte ihn keines Blickes mehr. Als Rot kam,

lichkeit gegenüber Saskia. Die Fremde bestellte einen weiteren Drink und

sammelte Wolf die dreihundertzwanzig Dollar ein und wechselte den Tisch,

Wolf merkte, wie er betrunken wurde. Sie erzählte ihm, dass sie zum ersten

nachdem er dem Croupier einen Fünfer zugeschoben hatte. Er setzte sich

Mal in Vegas sei und sich vor kurzem habe scheiden lassen. Ihr Sohn war der

an einen weiteren Tisch und gewann weitere achtzig Dollar. Es war nun drei

Vorarbeiter auf einer Werft in Mobile, Alabama. Wolf gähnte. Sie besuchte

Uhr dreißig und Wolf wechselte die Chips in Geld um. Er dachte an Saskia

ihre identische Zwillingsschwester Josie, die in einem Kasino arbeitete und

und wusste plötzlich, dass sie die Nacht mit einem anderen Mann verbrin-

Wolf starrte auf ihre Beine.

gen würde. Er rief daheim an und legte wieder auf ohne seinen Namen zu sagen, als Glückstadt an den Apparat ging.

Auf dem Weg zur Toilette entschied er, die Frau sich selbst zu überlassen, doch auf seinem Weg zurück kam sie ihm entgegen. Er lachte sie an, tat so

Wolf holte den Wagen und fuhr zurück über den Strip und betrat das Alla-

als wolle er zurück zur Bar und verlies das Hotel durch den Seiteneingang.

din, um sich die Spieltische dort anzuschauen. Für einen Moment dachte er

Wolf parkte den Leihwagen vor dem Klondike Inn, verriegelte die Türen

daran, sein System zu wiederholen, aber er war müde. Er bestellte Whisky

des Mustangs und stellte fest, dass er den Zimmerschlüssel verloren hatte.

und ein Bier. Eine Weile trank er und starrte auf die Tische, dann setzte sich

Für einen Augenblick stand er in der Nacht, dann entschied er sich, den

eine Frau neben ihn auf den Barhocker. Wolf sah, dass sie Mitte vierzig sein

Portier herauszuklingeln. Im Schein des vollen Mondes öffnete er die Tür

mußte und schweres Make-Up aufgelegt hatte, als habe sie etwas Unheiliges

und übergab Wolf einen neuen Schlüssel. Als er die Tür zu seinem Zimmer

zu verbergen. Wolf gefiel dies.

öffnete, lag die Frau aus dem Kasino bereits auf dem Bett.

“Gewonnen?” fragte sie mit sanfter Stimme.

“Wenn ich gewusst hätte, dass du einen Ersatzschlüssel hättest, wäre ich nicht gekommen”, sagte sie. Wolf sah die beiden Flaschen billigen kalifor-

Wolf nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.

nischen Schaumweines und die beiden Zahnputzbecher auf dem Tisch. Sie ging ins Bad und Wolf öffnete eine der Flaschen. Als sie zurückkam, wußten

“Und selbst?”

beide nicht was sie sagen sollten. Sie lächelten und tranken schnell. Wolf legte seinen Arm um ihre Schulter und als er aus der Flasche nachschenken

“Hab´s heute nicht versucht.”

wollte, berührte er ihr Haar. Sie rutschte tiefer und Wolf begann mit ihren


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Locken zu spielen. “Ach, Scheiße,” sagte sie lachend. “Was ist los?” fragte Wolf. “Nichts”, sagte sie und küsste Wolf auf den Mund und er merkte wie hungrig er geworden war. Er löschte das grelle Motellicht, während sie sich küssten und tranken. Er nahm sie in den Arm und öffnete ihren Büstenhalter. Als ihre Brüste nachgaben, versteifte sie sich für einen Augenblick, doch er tat, als habe er es nicht bemerkt und streichelte sie, bis sie sich entspannte und Wolf sich mit ihr gehen ließ, wie er es mit Saskia seit über einem Jahr nicht mehr getan hatte. Für eine Weile lag sie danach auf dem Bauch und Wolf küsste ihren Rücken. “Simmt was nicht?” wollte sie wissen.

trank er den Rest der beiden Flaschen und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem ihn die Zimmerreinigung weckte. Er hatte vergessen, ein Zeichen

“Ist schon gut. Ich bin nur müde.” sagte Wolf.

an seiner Tür anzubringen. Wolf brüllte die schwarze Frau an, später wiederzukommen, doch konnte er nicht wieder einschlafen. Verkatert lag er in

“Soll ich gehen?”

dem bräunlichen Zwielicht, bevor die vorherige Nacht zurückkam und ihm einfiel, dass Saskia sich wirklich von ihm getrennt hatte.

Wolf antwortete nicht, sondern ging ins Bad. Er zog sich an, packte seine Reisetasche in den Kofferraum des Leihwagens Dort stand er eine Weile und starrte in den Spiegel. Sein Gesicht war durch

und überlegte, ob er noch einmal in Los Angeles anrufen sollte, verspürte

den Alkohol geschwollen und die fremde Frau hatte ihn über und über mit

jedoch keine Lust Glückstadt über die Komplexität der Lage aufzuklären

Lippenstift beschmiert. Als er nach einer Weile in das Zimmer zurückkehr-

und lenkte den Wagen des Strip hinab

te, war sie dabei sich anzuziehen und als sie ging, küsste er sie auf die Wange und sah ihr hinterher, wie sie im Licht des Vollmondes davonfuhr. Dann

An einer roten Ampel zählte er sein restliches Geld und parkte den Wagen


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schließlich hinter dem Stardust. Für eine Weile strich er ziellos herum, sah

rem Namensschild stand “Josie”. Wolf wusste, dass sie die Zwillingsschwes-

sich die Tische an und aß einen Hot-Dog. Er beobachtete die Pferderennen

ter der Frau sein musste, mit der er einen Teil der letzten Nacht verbracht

auf den Bildschirmen. Das Essen verursachte ihm Sodbrennen, so warf er

hatte. Sie lächelte und etwas sagte ihm, dass er den Tisch hätte verlassen sol-

es auf einen der leeren Tische und nahm schließlich an einem der anderen

len. Sie begann, die Spieler am Tisch nach ihren Namen und ihrer Herkunft

Spieltische Platz.

zu fragen. Wolf antwortete nicht. Je mehr sie sprach, desto weniger konnte Wolf sich konzentrieren und desto mehr Geld verlor er. Nachdem er fünf

Der japanische Croupier wünschte ihm Glück und Wolf schob zweihundert

Mal nacheinander verloren hatte, wollte er gehen, brachte es aber nicht fer-

Dollar über das Grün. Er wiederholte das System vom Vorabend und als der

tig. Er starrte auf die Frau, mit deren Zwillingsschwester er letzte Nacht ge-

japanische Croupier abgewechselt wurde, hatte Wolf weder gewonnen noch

schlafen hatte und fragte sich, was ihr zugestoßen sein mochte. Schließlich

verloren. Der Croupier wurde von einer Frau abgelöst, die je ein Pflaster

stand er auf, verließ den Tisch und ging nach draußen an die frische Luft.

über jeder ihrer Augenbrauen trug, und blaue Flecken auf den Armen hatte, die durch ihre Croupiersuniform nur mangelhaft verborgen waren. Auf ih-

Nach einer Stunde kehrte er wieder zurück und der japanische Croupier stand an seinem Tisch. Wolf setzte sich wieder und überlegte für eine Weile, ob er seine Methode anwenden sollte. Der Tisch schien mit einem Mal Schwarz. Er blieb bei Rot und begann zu verlieren. Als er einhundertsechzig Dollar auf Rot verloren hatte, nachdem sechs mal schwarz gekommen war, entschied er sich alles auf Rot zu setzen. In diesem Moment übernahm Josie den Tisch und mit ihr kam Schwarz. Wolf überlegte, ob er eine Runde aussetzen sollte und griff nach seinen Zigaretten, die er auf den Tisch liegen hatte. Während Josie die Chips sortierte, versuchte er sich mit zitternden Händen eine anzuzünden und stieß dabei gegen das Glas des Mitspielers neben sich. Wolf errötete und begann zu schwitzen. Josie grinste ihn an und schaute in die Runde, als wollte sie ihn dafür bestrafen, dass er ihr vorher seinen Namen nicht genannt hatte. Wolf wusste nun, dass seine einzige Chance darin bestehen würde, alles auf Rot zu setzen, er schob sein Geld über den Tisch, nahm Chips für vierhundert Dollar in Empfang und setzte dreihundertzwanzig Dollar auf Rot.


148 Zum sechsten Mal kam Schwarz. Bis auf neun oder zehn Dollar wechselte

“Fahren Sie weiter”, forderte ihn einer der Beamten auf.

Wolf alles Geld was er hatte und setzte sechshundertzwanzig auf Rot. Die zerschlagene Zwillingsschwester drehte das Rad und nachdem es beinahe

“Das ist meine Freundin.”

zum Stillstand gekommen wäre, sprang der Ball in die rote Drei, von dort ins Schwarze und blieb schließlich auf der Null liegen. Der Zwilling stellte seine Markierung auf die Zero. Langsam stand Wolf auf und begab sich mit steifen Beinen durch die Menge der dicken schlecht gekleideten Spieler, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen. Hinter dem Stardust setzte er sich in den Leihwagen. Er überlegte, ob er zurück nach Los Angeles fahren sollte, oder es mit seinen paar Dollar noch einmal versuchen sollte, sich hochzuarbeiten. Für einen Moment dachte er daran, dass ihrer Schwester nach ihrem Besuch im Klondike Inn etwas zugestoßen sein konnte und sie es war, die ihn um sein ganzes Geld gebracht hatte. Vielleicht hatte ihr Mann sie so zugerichtet, weil sie mit Wolf geschlafen hatte. Er ließ den Motor an und lenkte den Mustang über den Strip in Richtung 15 nach Los Angeles. An einer Tankstelle füllte er den Wagen auf und versuchte Saskia auf ihrem tragbaren Telefon zu erreichen. Eine tiefe männliche Stimme meldete sich und erkundigte sich nach Wolfs Namen und danach ob er eventuell mit Saskia verwandt sei. Er verneinte und hängte ab. Fünf Meilen hinter Sloan versperrten drei Polizeiwagen und eine Ambulanz zwei Spuren der Straße. Der rote Mustang hatte sich mit offenem Dach überschlagen und war kaum noch zu erkennen. Daneben lag ein mit einer weißen, jetzt bludurchtränkten Plane vollständig bedeckter Körper. Wolf bremste und stieg aus. Er erkannte Saskias Handtasche, die aus dem Wagen geschleudert auf den Asphalt geflogen sein musste.

“Sie ist sofort tot gewesen,” sagte der Mann.


Der Bogus Mann

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standen aufrecht in der Abendsonne. Er legte sich damit in die Wanne aus schwarzen Marmor und lehnte sich zurück in den reichlichen Schaum kostbarer Badeessenzen aus Vandenbergscher Sammlung und kämpfte den wieder pochenden Knorpel mit hurtigen Handbewegungen nieder. Am Ende

Seine Schritte setzend, als handele es sich bei ihnen um schwerwiegende

war er müde, klebte überhitztes, totes Eiweiss in seinem Schamhaar, das

Entscheidungen, von deren Ausgang etwas abhinge, wanderte Glückstadt

sich nur unter Schwierigkeiten mit den Fingern entfernen ließ und seine alte

bedächtig durch die Räume der Villa, berührte Gegenstände und zog den

Missmut in ihm aufsteigen ließ.

Geruch der antiken Möbel, afghanischer Kilemms und persischer Teppiche ein.

Kurz nach Neun sammelte Glückstadt sich einen Moment vor der geschlossenen Tür und riss sie auf.

Er packte seine kleine Reisetasche aus, machte es sich im Herrenschlafzimmer bequem und legte eine von Wolfs Hausroben an. So verkleidet spazierte

Fortunas livrierter Chauffeur hatte den Schlag geöffnet und war einen Meter

er die geschwungene Treppe hinauf und hinunter, mit zum Empfang berei-

zurückgetreten. Während der Chauffeur knapp grüßte und dann wieder im

ten Armen, den Blick in die Ferne gerichtet; endlich auf eigenem Terrain:

Wageninneren verschwand, stellte Fortuna eine Magnumflasche Dom Peri-

Nach harten Jahren der Entbehrung war man oben angekommen, verziehen

gnon auf den Asphalt und küsste Glückstadt eindringlich. Mit der Zungen-

alles Vorgefallene, der Großmut des Siegers, ein Beispiel nun für den Mann

spitze fuhr er über ihren Hals, bis auf die Schulter. Sie stöhnte schon hier

in Ketten, dessen Beschäftigung mit der Suche nach dem Sinn seines grau-

und trotz der Badewanne erregte sich Glückstadt vor der erleuchteten Villa.

samen Loses keinen Raum für Generösität mehr liess, und ihn dadurch zum

Ihn für die Aufmerksamkeit belohnend rieb sie ihr Becken an seiner Hüfte.

wirklichen Verlierer machte.

Atemlos scherzend trennten sie sich, vereinten sich rehäugig hinter der geschlossenen Tür wieder. Er hielt ihren Kopf jetzt mit beiden Händen und

Glückstadt fand ein tragbares Telefon, nahm es mit hinaus auf den engli-

presste sich auf ihre Lippen.

schen Rasen und ließ sich in einen der grünen Korbstühle fallen. Er wählte Fortunas Nummer und gab vor, noch auf seiner Yacht in Marina del Rey

„Der Champagner wird warm. Hast du Gläser?“ Fragte sie nach einer Weile

zu sein. Sie vereinbarten, dass sie zum Haus einer Freundin fahren und

und deutete auf die Flasche.

von dort aus in eine Limousine umsteigen würde. Mit ihrer Scheidung in der Schwebe wolle sie nichts riskieren. Glückstadt lauschte mit geschlos-

„Gläser,“ wiederholte Glückstadt wie in Trance und begab sich in den Kü-

senen Augen auf den Klang ihrer Stimme und als er aufstehen wollte, hat-

chenbereich, wo er daranging die zahlreichen Schranktüren zu öffnen und

ten sich fünfundzwanzig Zentimeter seines hautumhüllten Knorpels ihren

möglichst leise wieder zu schließen. Eine Küche, groß wie ein Ballsaal und

Weg durch die chinesischen Seidenschösse des Hausmantels gebahnt und

keine Gläser, dachte Glückstadt. Vorsichtig spähte er zurück durch die


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Schwingtüren auf Fortuna. Langeweile zu erzeugen war er nicht ausgezo-

„Gleich gehört dir meine Pussy ganz allein.“ sagte sie.

gen. Den Korken mit fester Hand aus der Flasche manövrierend, kehrte er wieder in die Wohnhalle zurück und bewegte sich mit gespielter Sicher-

Mit langsamen ausladenden Schritten stieg sie die Balustrade hinauf und

heit auf ein Kabinett in der Ecke des Raumes zu, aus dem kurz nach dem

Glückstadt trank allein weiter. Eine halbe Stunde verbrachte er mit der Fla-

ploppenden Korken zwei Gläser auftauchten. Glückstadt hatte sie in einem

sche, bevor er beschloss sich nach ihr auf die Suche zu machen.

magischen Moment geradezu erahnt. „High, dear.“ Man trank und auf der Couch fielen sie übereinander, soffen mit kurzen Unterbrechungen hemmungslos weiter, bis endlich Gemeinsamkeiten ent-

Glückstadt fuhr herum. Auf der Balustrade stand Fortuna, jetzt beinahe

standen. Als sie das Glas achtlos auf den Boden fallen ließ und sich über ihn

vollkommen entkleidet, ein spitzes Goldkrönchen auf dem Scheitel und ein

beugte, entspannte er sich und liess nur sie wirken. Muskulös war sie und im

rockhähnliches Geflecht aus grünem, frischen Blattwerk verbarg einen Teil

Gegensatz zu ihm, schien sie zu wissen was sie wollte. Sie hatte einige Li-

ihrer Lenden, doch Glückstadt sah jetzt was rasiert ihm gehören sollte.

nien Koks aufgeteilt und schnupfte mit einem abgeschnittenen Strohhalm. Glückstadt küßte den Mund den Clint Eastwood, Warren Beatty und Prince

„Hier, honey.“

vor ihm geküßt hatten. Mittlerweile über ihm knieend, kam sie ihm zuvor, lockerte den Staubwirbel um seinen Hals und seinen Reißverschluss. Aus

Sie warf ihm ein Bündel Kleider zu.

ihrem tief ausgeschnittenen Oberteil trat ihre rechte Brust hervor und bewegte sich vor Glückstadts Mund. Als wisse er was die Welt kostete, nahm

„Zieh‘s an.“

er sie mit den Lippen auf. Glückstadt saugte und schmatzte abwechselnd an den Brüsten, die Gunst seiner Zunge gleichmässig verteilend. Ein Blick nach

Glückstadt fing das Bündel mit einer Hand und entfaltete einen roten Uni-

oben offenbarte ihm ein auf die linke Brust tätowiertes, kleines japanisches

formrock und Pluderhosen. Er zögerte und wollte etwas sagen. „Los schon.“

Fröschchen. Gerade als er es sah, richtete sie sich auf, warf ihr Haar nach

kam sie ihm zuvor. “Ist bloß Spaß!” So kam es, dass er kurz darauf in rotem

hinten wie eine Peitsche und öffnete die Lippen. Sie griff nach der Flasche

Uniformrock und mit schwarzen Stulpenstiefeln bekleidet vor ihr stand, auf

und als er ihr beim Einschenken behilflich sein wollte, rutschten beide von

dem linken Auge einen runden Filzlappen. „Hol‘s dir!“ sagte sie und eilte auf

der Couch in den Schein des Kaminfeuers.

leichten Sohlen die geschwungenen Holztreppen wieder hinauf, Glückstadt tobte in den etwas zu reichlich ausgefallenden Stulpenstiefeln hinter ihr her.

„Möchtest du etwas Besonderes?“ fragte sie ihn.

Auf der anderen Seite sprintete sie die Treppen wieder herab, Glückstadt auf der Balustrade stehen lassend, wie einen Kapitän ohne Schiff. „Fang mich

Glückstadt stöhnte.

Captain Hook!“ kreischte sie und zeigte ihm wieder ihr bloßes Fleisch.


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mer einrichtete. Dann entließ sie vorsichtig seinen rechten Arm aus ihrer Noch bevor er am Ende der Treppen angekommen war, schwang er, sich

Klammer, band ein Ende des Bastbandes um sein rechtes Handgelenk, küss-

mit einer Hand abstützend, die Beine über die Reling. Seine Augenklappe

te ihn und drückte ihm beide Augen zu. Kurz darauf waren beide Hand-

half nicht beim Navigieren der Landung, er schätzte die Entfernung falsch

gelenke um ein Bein des schweren Couchtisches gefesselt und Glückstadt

ein und zerstörte unter seinem Gewicht einen kleinen Louisquartoze-Tisch,

Hook lag ausgestreckt auf dem Teppich. Fortuna saß weiterhin auf ihm, hat-

der krachend zerschmetterte. Tonleitern der Erregung lachend, war Fortuna

te ein Glas mit Champagner gefüllt, nahm einen tiefen Schluck und gab ihm

währenddessen durch einen Türbogen in die Nebengemächer geeilt. Kaum

aus ihrem Mund zu trinken. Der mundwarme Champagner und ihre etwas

wieder auf den Beinen raste Glückstadt hinter ihr her, fand sich jedoch

kühle Zunge liessen Glückstadt aufstöhnen. Halb in der Hocke, direkt vor

gleich nach dem Durchqueren des Durchgangs wieder für eine Weile ohne

seinem Auge entledigte sich Fortuna ihrer restlichen Kleidung.

Bodenkontakt und schließlich unter ihr, die ihm ein Bein gestellt und seinen Fall durch einen heftigen Stoss mit beiden Händen beschleunigt hatte. Wie

„Alles in Ordnung bis hierher?“ fragte sie

ein Inkubus hockte sie jetzt auf seiner Brust und hielt seine Hände auf den Teppich gepresst. Beide keuchten leise.

Er nickte keuchend und sagte: ‚Ahhlahulla‘. Ein samtener, duftender Stofffetzen landete auf seinem Gesicht. Dann ruckelte sie ihm die Shorts von der

„Was hast du denn da, du schmutziger alter Pirat?“

Hüfte und blieb regungslos, seinem Gefühl nach jedoch nackt auf ihm sitzen. Er versuchte den Samtlappen von seinen Augen zu schütteln, während

Mit einer schnellen Bewegung ihrer Hand griff sie ihm zwischen die Beine.

sie mit weichen Händen seine Vorhaut bewegte, was scheinbar für Bewe-

Ihr Gewicht machte es schwierig zu Luft zu kommen. Ihre Zunge fand sein

gung eingerichtet worden war. Glückstadt beschloss sich vollends auszulie-

Ohr und liebkoste geräuschvoll die Muschel – plötzlich biss sie zu. Der Cap-

fern, die Seele hinzugeben für die erlösende Heilung, doch er merkte, dass er

tain zuckte zusammen.

nicht hoch kam. Vergebens versuchte die Frau sich an ihm zu vergehen, sein schlaffes Horn in ihrer Hand haltend und offenbar zuschauend, wie es noch

„Schon zu hart?“

kleiner wurde und schließlich leblos liegen blieb.

Zu Wort kam Glückstadt nicht.

„Ach Gott, nee“, sagte sie nach einigen Minuten und riss lustlos den Lappen von seinem Gesicht. Sie befreite ihn von den Baststricken.

„Oder noch ein wenig härter?“ „Hörst du das nicht?“ fragte sie aggressiv. Seine Arme nun nutzlos an den Körper geklemmt, entfernte die Frau einen Baststrick von ihrer Seite, bevor sie sich auf seiner Brust ein wenig beque-

Glückstadt richtete sich auf und lauschte.


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auf mich zugerast, ach Gott, Scheiße. Sag mal, was bist du eigentlich für ein „Ein Ast vielleicht…“

Typ?“

„Da kratzt was in der Küche, hörst du nicht?“ Feindselig starrte sie auf sei-

Er lächelte.

nen Wurm, bis Glückstadt ihn mit dem roten Gehrock bedeckt hatte. „Nein, mal im Ernst, ich will eine Antwort. Bist du impotent?” Sie versuchte Mit einem schweren Schürhaken bewaffnet, schlich Glückstadt schließlich

ihn in den Arm zu nehmen und eine Weile hielten sie sich, als ein ohren-

geräuschlos auf die Schwingtüren zu und warf einen vorsichtigen Blick in die

durchdringendes Quieken und beinahe gleichzeitig ein metallischer Klang

dahinter liegende Küche. Von hinten näherte sich neugierig Fortuna, spähte

aus der Küche ertönte. Das Quieken hielt an.

über seine Schulter, jetzt ebenfalls einen Feuerhaken in den Händen und wieder bekleidet, wie er zu seiner Erleichterung feststellte.

„Verfluchte Inzucht! Hast du einen Zoo hier? Mann Gottes, tu doch endlich was wegen dieser Ratten, das Quieken bringt mich um den Verstand.“

Fortuna deutete auf zwei große Nagetiere, die sie von einer Papiertüte mit Küchenabfällen aus frech und anmaßend anglänzten, als handele es sich

Glückstadt verließ die kalt gewordene Umarmung und trat schweigend an

bei ihnen um die rechtmäßigen Eigentümer der Villa und schleuderte ihren

den Schallplattenspieler, um die Geräusche zu übertönen. Dann betrat er

Schürhaken treffsicher in die Fensterscheibe hinter der Spüle, ohne eines

wieder die Küche. Irgendwo aus der Tiefe der Einbauschränke erklang die

der Tiere zu treffen. Die beiden Ratten sprangen erschrocken in die Luft

Stimme der Furcht und in einer der unteren Schublade, leer und unbenutzt,

und schienen für einen Augenblick von dort davonfliegen zu wollen, bevor

stieß er schließlich auf Ratteneier und einen durchdringenden Geruch.

sie auf dem Küchenboden landeten und die eine in Fortunas Richtung und die andere um eine Schrankecke aus Glückstadts Blickwinkel verschwand.

„Was gibt‘s denn da drinnen?“

Glückstadt trat zurück ins Wohnzimmer, wo Fortuna mit hochgezogenen

„Hier drinnen liegt eine alte Ratte. Sie ist tot, sie stinkt.“

Füssen auf der Couch kauerte und aus aufgerissenen Augen ins Nichts starrte. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden und legte seine Hand auf ihren

„Sie quiekt immer noch.“ gab Fortuna zu bedenken.

Scheitel. Sie starrte zwischen seine Beine, bis er die Hand wieder an sich nahm. Sie entspannte sich ein wenig und zog eine Linie Coke, die sie zu

Die Kiefer nun stoisch aufeinander gepresst, begab Glückstadt sich in den

hastig zerkleinert hatte und jetzt in ihrer Nase zu ätzen begann.

an die Küche angrenzenden Geräteraum und zog ein paar Lederhandschuhe über, die sonst dem Gärtner zur Rosenpflege dienten. Dann ging er syste-

„Jetzt läuft das Vieh hier rum, sieht uns vermutlich gerade zu. Es ist direkt

matisch daran Fach für Fach zu öffnen. Unter der Spüle wurde das Quieken


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eindringlicher. Und für einen Moment sah Glückstadt in das Auge des Tieres, das sich mit dem vorderen Teil seiner Schnauze in einer Schnappfalle

Den schwarzen Sack am ausgestreckten Arm vor sich haltend und liebevoll

verklemmt hatte. Auf keinen Fall würde es sich mehr überhören lassen.

Sorge tragend, dass er nirgends anschlug und das Leid des Tieres unötig verschlimmerte, lauschte er in die Nacht. Draußen war es wohltuend still, ein

Glückstadt begab sich wieder in den kleinen, stickigen Raum mit den Gar-

warmer ruhiger Westwind wehte von der See herüber – California Zephyr

tengerätschaften. Dort stieß er auf einen geräumigen Laubsack mit dem

wurde er genannt. Einen Augenblick stand Glückstadt im Dunkel und ließ

er sich der fünften Kolonne wieder näherte. Glückstadt öffnete die untere

ihn für sich wehen. Dann machte er sich auf den Weg die Einfahrt hinauf zu

Schublade. Dort befand sich ein Rattenkadaver der auf weichhaarige, graue

den Unratbehältern.

Art verschimmelt war. Auf eine Leimfalle gekrochen, musste das Tier bereits vor längerer Zeit verendet sein. Glückstadt band sich eines der saube-

Vor den Blechtonnen suchte er im Dunkel nach einem Stein, um die Ratte

ren Küchentücher vor Nase und Mund, bevor er einen weiteren Versuch un-

zu erschlagen. Glückstadt wurde elend. Mit aufgeblendetem Scheinwerfer-

ternahm den Kadaver zu bergen. Er unterbrach die Luftzufuhr, warf einen

licht nahm ein Wagen die Kurve vor der Villa und für kurze Zeit stand Cap-

Blick auf die Überreste des Irdischen und liess sie dann im Laubsack ver-

tain Hook im Lichtkegel. Dann war es wieder dunkel, war er allein mit dem

schwinden. Der Quieker dagegen war fleischig und neigte zu krampfartigen

Mond, dem Wind und den Ratten. Es wollte ihm nicht gelingen, einen der

Bewegungen. Glückstadt öffnete die Schranktür unter der Spüle und besah

Steine aus den Einfassungen der Blumenbeete zu entfernen, so entschied

sich erneut die Herausforderung. Eine richtige Ratte war es eigentlich nicht,

er, sich auf den Weg zum Wagen zu machen und sein Radkreuz zur Vollstre-

eher eine Art grauer Hüpfer. Doch die Mühlen hatten gemahlen und man

ckung des Totschlages zu bemühen. Sanft legte er den Sack vor der Müllton-

war hineingeraten. Was hatte Glückstadt mit diesem totalen Krieg zu tun?

ne ab und strich langsam durch die Dunkelheit zurück. Den Schlüssel zum

Das Tier war in einem Maße zerquetscht, die es ihm nicht erlauben würde

Kofferraum hatte er im Jacket gelassen, so begab er sich zurück ins Haus,

in Freude weiterzuleben. Sollte er das Fleisch einfach in den Sack stecken

rief ergebnislos nach Fortuna und fand nach längerem Suchen schließlich

und gnädig zermalmen? Vorsichtig griff er in das modrige Fach und schlug

eine Taschenlampe. Nach einer Viertelstunde trat er wieder hinaus und ent-

sich die Hand an, als die Ratte einen verzweifelten Sprung in seine Richtung

fernte den Wagenheber aus dem Kofferraum seines Wagens. So machte er

unternahm und die Falle dabei mit sich zog. Kurz entschloßen griff er zu,

sich auf den Weg, die grausame und unwillkommene Mission zu vollenden.

schob den Ratz in den Sack und blickte sich um, der Verwesungsgeruch aus dem Beutel war ihm jetzt doch in Mund und Nase gedrungen und drückte

Der Sack lag wo er ihn zurückgelassen hatte.

gegen sein Zäpfchen. Vorsichtig hob Glückstadt ihn an und suchte mittels Lampe nach der noch In der Hoffnung auf diese Weise zu den Abfalleimern zu gelangen, öffnete er

lebendigen Ratte. Er beugte sich herab und leuchtete in die Faltengebirge

den von der Küche in den Garten führenden Nebeneingang.

des riesigen, tiefschwarzen Beutels.


160 „FREEZE, FUCKER!“ drang eine tiefe, eherfurchtgebietende Stimme an

„Glückstadt.“

sein Ohr und gleichzeitig spürte Glückstadt eine harte Rundung im Rücken. Mit gekonntem Griff warf jemand Glückstadt auf den Plastiksack und zur

„Buchstabieren“

gleichen Zeit sprangen rund um das Gelände Lichter in die Nacht und über dem Gebäude tauchte ein Hubschrauber mit Suchscheinwerfern auf. Glück-

„Vornamen.“

stadt wurde jetzt zwanghaft auf der Erde gehalten, das unheilverkündende Metall nun an seinem Hinterkopf, während kräftige Hände ihn von oben bis

„Im ersten Stock haben wir eine nackte Frau gefunden.“

unten abklopften und ihn schließlich umdrehten ihn wie ein totes Tier. Die Ratte unter ihm quietschte laut. Glückstadts Gewicht musste ihr den Rest

„Tot oder lebendig?“

gegeben haben. „Augenblick.“ „Seit ihr Arschlöcher wahnsinnig geworden? Ich kann alles erklären, warten Sie doch bitte…“ schrie Glückstadt.

„Tot.“

„Halt die Schnauze, und rede nur wenn du gefragt wirst.“ antwortete die

„Berichtigung, sie lebt und liegt in der Badewanne, behauptet zu Besuch zu

Stimme Gottes.

sein und auf ihren Freund zu warten.“

Wieder landete er auf dem Bauch, sein Gesicht nun auf dem Asphalt vor der

„Ich wollte lediglich ein paar tote Ratten aus der Küche…“

Mülltonne. „Wo sind die Ratten?“ „Das muss er sein.“ Unbeholfen gestikuliernd, versuchte Glückstadt auf die Tüte unter sich zu „Funkkontakt zum Haus?“

zeigen.

„Augenblick, ich lebe hier… Gott verdammte Scheiße, ich wohne hier.“ Ver-

„Zieh das mal raus, aber vorsichtig. Ich trau dem Scheißkerl keinen Zenti-

suchte Glückstadt zu schlichten.

meter weit.“

„Name?“

Der Polizist zerrte an der Tüte.


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„Bisher nicht, aber das sollte kein Problem sein, die Personalien stimmen, „Was ziehst du dich denn so komisch an – Uniform, Stulpenstiefel, läufst

Magdalena Rykllis ist ihr richtiger Name.“

hier mit Brecheisen rum? Was‘n los mit dir…?“ „Junge, ich sag‘s dir.“ Fausto versuchte richtig zu stellen. Ein Schritt in die falsche Richtung. „Sir, es sind wirklich nur Ratten hier drin, eine völlig verwest, die andere, oh, „Papiere.“

Gott, das ist ja ekelhaft. Was hast du denn mit den Ratten gemacht?“

„Sind im Haus.“

„Johnny Glückstadt? Wohnsitz 5112 1/2 Clinton? Besitzer und Fahrer eines Plymouth Barracuda Baujahr 66. Nummernschild 369 QRD?“

„Und dir gehört das Haus dort? Irgendwas Schriftliches, dass beweist, dass du nicht hier eingebrochen bist?“

„Genau.“ „Mrs. Rykllis identifizieren Sie diesen Mann als den fraglichen Johnny

„Nein, aber die…“

Glückstadt, Gastgeber des heutigen Abends?“ Ins Gegenlicht blinzelnd blickte Glückstadt durch die Beine Fortunas, sie schien ihn kurz zu mustern

„Briefe, die in deinem Namen an diese Adresse gesandt wurden?“

und sich dann abzuwenden. Ob man sie noch bräuchte, erkundigte sie sich, sie würde jetzt doch gern ihre Limo verständigen. Der Cop bat sie um ein

„Nein, aber…“

Autogramm und Glückstadt winkte ihr lächelnd zu. Sie bewegte sich auf Glückstadt zu und die Umrisse der Polizisten traten einen Schritt zurück.

„Die Frau gestaltet sich ein wenig heikel, es handelt sich um Fortuna, sie

Sie umarmte ihn, schlang ihre Arme um Glückstadt und er schmiegte sich.

behauptet bei dem Knaben zu Besuch zu sein..“ „Tut mir echt leid.“ sagte er leise. Sie antwortete nicht und berührte sein „Irgendwelche Anzeichen, dass sie sich nicht unrechtmässig hier aufhält?“

Geschlecht.

Jemand lachte und half Glückstadt mit einem Ruck auf die Beine. Er löste

„Junge, wenn ein Wort hiervon an die Presse dringt,“ zischte sie,“ dann stell‘

die Plastikriemen von Glückstadts Handgelenken und von dem Flutschein-

ich mir deine weichen Eier im Glas auf den Tisch. Darauf kannst du dich

werfer geblendet, wandte er sich der Nacht zu, lauschte auf den Funkver-

verlassen.“ Mit festem Druck quetschte sie seine Genitalien und ließ ihn

kehr und rieb sich die Handgelenke.

stehen. Glückstadt wollte ihr folgen, war jedoch von Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen überzeugt und blieb stehen.


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Glückstadt wusste nicht, wen er hätte anrufen sollen. „Mr.Glückstadt?“ Einer der Cops war wieder zu ihm getreten. „Sie schulden der Stadt Los Angeles zweihunderteinundsechzig Dollar in unbezahlten

Saskia und Wolf vergnügten sich immer noch in Las Vegas und er hatte kei-

Parktickets, gegen Sie liegt ein Haftbefehl bevor und Sie sind hiermit festge-

nen blassen Schimmer wo sie dort abgestiegen waren. Einen Anwalt hätte

nommen.“ Die Hände auf dem Rücken verschnürt, verschwand Glückstadt

er sich nicht leisten können, hatte auch keine Nummer. In Erwartung der

im hinteren Teil des ohne Unterlass blinkenden Polizeiwagens, gerade als

ansehnlichen Beträge, die für das Interview mit Fortuna ins Haus standen,

Fortunas Limousine eintraf. Durch ein Gitter bewacht und ohne ein Wort

hatte er getan was den lieben Gott wie einen guten Mann aussehen ließ. Die

für die dem Funkkontakt lauschenden Polizisten, glitt Glückstadt hinter

Kaution für das Büro hatte den Rest besorgt und so musste er sich schließ-

Fortuna im Polizeiwagen hinaus durch die große Pforte. Sein Abstieg vom

lich durch zwei, drei lärmerfüllte Gänge hinab in den Bauch des Molochs

Olymp hatte begonnen. Die Aufnahme der Personalien und die Abgabe

führen lassen. Dort hallte es unter bleichem Licht, dann stand er mitten

persönlicher Besitztümer an einem angeschlagenen Tresen auf dem Revier

unter ihnen, den schnellen, groben Skizzen eines schlechtgelauntes Gottes,

verliefen ohne jedes Gespür für die heikle Natur seiner Situation. Vor und

dem groben Unfug der Mutter Natur. Mutter würde er sie von nun an nicht

hinter ihm ebenfalls Festgenommene, die auf ihre Aufnahme warteten, ein

mehr nennen, Stiefmutter allenfalls. Nichts hatte man gemein! Verfluchte

Rechenzug durch die Vorhölle, diabolisch krakeelend und stinkend. Aufbe-

Erbsünde! Der Schlag der Gittertür sprach Glückstadt vorläufig schuldig.

gehrend und vulgär, belehrte unsanfte Gewalt sie unzähliger Pflichten und ihrer spärlichen Möglichkeiten. „Wenn du Glück hast, wirst du noch heute

Zunnächst nahm niemand Notiz vom Captain, nur stoisches, kretinöses Ge-

Nacht vor den Richter geführt, Captain..“

murmel. Es gab keinen Platz um sich zu setzen, so stand er, in der Mitte des Raumes, die Zellenränder waren mit sich Abstützenden und Anlehnungsbe-

„Welchen Richter?“

dürftigen belegt. Aufsässig blickte man sich um, einige auf dem Boden verstreute Haltlose hatten ihren Instinkten nachgegeben. So stand Glückstadt

„Derjenige der deine Kaution festsetzen wird..“

eine Viertelstunde und verlagerte sein Gewicht. Weitere fünfzehn Minuten verstrichen. Ein Einzelner schnarchte mit weit geöffnetem Rachen, ließ

„Kann ich nicht einfach zurück zum Haus und einen Scheck für die Zettel

Speichel sprühen und stand mit jedem Atemzug davor, an seinem offenbar

ausstellen?“

nicht maßgefertigten Gebiss zu ersticken, bis es beim Ausatmen wieder an die ihm noch verbliebenen Zähne rasselte, ohne den Mann dabei jedoch zu

„Du hast den Strafbestand des Betruges erfüllt, Junge. Dein Fall unterliegt

wecken.

somit dem öffentlichen Interesse. Zwei Telephongespräche sind frei, die Apparate stehen da hinten und hier quittieren.“

Glückstadt blickte auf die sprühenden Speichelfontänen. Die meisten der Anwesenden standen unter dem Einfluss unterschiedlichster Verabreichun-


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gen, selbst war er jetzt von nahezu unangenehmer Nüchternheit, zu sensibilisiert für derartige Grobheiten. Er wünschte er wäre wenigstens besof-

Der Steinmann blickte wortlos auf Glückstadt und wandte sich ab, um in

fen. Dann gab auch er nach und ließ sich auf den Boden sinken. Nicht nur

dem hellen Gang zu verschwinden.

befand er sich jetzt auf einem Niveau mit dem bekleckertem Schnarcher und anderen Betrunkenen, die sich lallselig an ihn wandten, auch sah er auf

“Hier unten ist alles dringend.”

die unappetitliche und unzurechnungsfähigen Kehrseiten seiner stehenden Mithäftlinge. Nach etwa zwei Stunden, bemühte er sich um einen Platz an

Erneut hob Glückstadt sein Geschrei an und begann jetzt gegen die Zel-

den Gitterstäben. Ein stämmiger, grob in die Haut gestochener Mann la-

lengitter zu schlagen. Die Gemeinde klopfte im Takt, der Speichelsprüher

teinamerikanischer Herkunft gelangte zur gleichen Zeit dort an und eine

geriet aus dem Rhythmus und hob verstört den Kopf. Nach einigen Mi-

Weile standen sie sich unschlüssig gegenüber. Auf spanisch und deutsch ent-

nuten traten zwei der Steinmänner mit Knüppeln vor das Zellengitter und

spann sich ein kurzes heftiges Wortgefecht, dessen genauer Inhalt beiden

öffneten die Gitterpforte.

verborgen blieb. Zum Ende wurde es unbehaglich, stand der Aufwand der beiden in keinem Verhältnis zur Natur der Sache mehr und die beiden Män-

„Komm‘ raus da! Du lässt dir besser was einfallen, Freundchen!“

ner teilten sich schweigend den Platz der für einen nicht gereicht hätte, aneinandergepresst nun wie Liebende. Dann begann Glückstadt wortstark

Glückstadt hatte noch keine Ahnung wovon gleich die Rede sein würde,

und mehrsprachig in den menschenleeren Gang zu lamentieren, bis der La-

dann blubberte er los, von einem Haus in den Hollywood Hills, das in Flam-

teinamerikaner von ihm abrückte.

men stehe, einen Gasbrenner habe er vergessen. So verschwand einer der Steinmänner und Glückstadt wartete unter Aufsicht des anderen. Zumin-

„Loco cojones“, sagte er und zeigte mit dem Finger auf seine Stirn. Nach

dest brachte man ihn nicht gleich wieder zurück. Glückstadt war fest ent-

einer Weile verfiel die Mannschaft in Pfeifen und Applaus. „Aaah, aleman,

schlossen den Aufstieg ins Erdgeschoß durch nichts wieder preiszugeben

capitano,rey futbol!“

und wurde dreißig Minuten später vor den Nachtrichter geführt, ein kurzes Schuldanerkenntnis plus Entschuldigung, damit war er gegen Zahlung der

„Si,si, Wärter! Wärter! Wärter!“ Glückstadts Rufen verhallte in den Fluren.

Kaution zur sofortigen Abholung freigegeben.

Er füllte die Lungen voller Wut, bis schließlich ein Steinmann vor die Gitter trat. Schweigend musterte er Glückstadt von Kopf bis Fuß.

Er begab sich zu einer der Fernsprechzellen.

„Was gibts?“

„Linda, hier spricht Johnny. Ich hänge im Knast fest, und wenn niemand

„Es ist dringend…“

kommt und mich auslöst, werde ich hier auch bleiben…“


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Schweigen.

ten geleistet hatten, standen sie vor dem Polizeirevier im Tau der Nacht. Als alles gesagt war, wollte Glückstadt sich zum Gehen wenden, doch Linda

„Bitte Linda…“

hielt ihn am Ärmel seines Piratenrockes zurück.

„Weisst du wie spät es ist? Weswegen bist du im Gefängnis?“

„Johnny, nimm‘s nicht so schwer, es wird schon weitergehen. Glaub an dich und verrate deine Träume nicht, wie du immer gesagt hast.“ Fast hät-

„Parkzettel, oder so. Das ist doch jetzt wirklich nicht wichtig. Ich brauche

te Glückstadt lachen müssen. Er schnaubte durch die Nase. Man erinnerte

fünfzehnhundert Dollar. Ich zahle dich so bald wie möglich zurück..“

sich. Berühmte letzte Worte des Captain Hook. Dann überreichte sie ein Blatt Papier. „Könntest du mir dies hier unterschreiben, nur für den Fall

„Was immer das auch bedeuten mag. Wo soll ich denn mitten in der Nacht

dass, na, eben für den Fall, Fred meinte nur…“ Mit dem von ihr bereitgehal-

so viel Geld herbekommen, kannst du nicht bis morgen warten?“

tenen Mont Blanc unterschrieb Glückstadt die Abtrittserklärung für seinen Wagen.

„Hier im Knast? Die nehmen hier auch Kreditkarten.“ „Danke.“ sagte sie. „Nimm doch deine eigene.“ „Keine Ursache,“ sagte er. „Ich kann mich nicht selbst auslösen! Versteh das doch!“ „Können wir dich irgendwo absetzen? Übrigens mein Name ist Fred”, fragte Ohne ein weiteres Wort hängte sie ab und tauchte eine Stunde später mit

Wellworth und richtete sich zum ersten Mal direkt an Glückstadt. Er schüt-

Fred Wellworth im Schlepptau wieder auf, der das Szenario schweigend und

telte den Kopf.

ohne eine Miene zu verziehen begutachtete. Kein unsympathischer Mensch dachte Glückstadt und nickte ihm milde zu. Auch Wellworth lächelte.

Dann schritt er in die Nacht davon, ohne sie noch ein Mal anzusehen.

„Was Besseres hättest du dir auch nicht einfallen lassen können was? Hast

Ein Fred, dachte Glückstadt, was war eigentlich ein Fred?

du überhaupt Geld, das hier irgendwann zurückzuzahlen?“ fragte Linda. „Mach dir keine Sorgen…“ „Du solltest dir Sorgen machen.“ sagte sie. Nachdem sie einige Unterschrif-


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Mount Olympus

menden Lichter und Kaminfeuer ansprangen, die Töchter des Hauses ihre weichen, gepuderten Goldpunzen auf feinem Linnen platzierten, um von jungen Männerstenzen mit Armeehaarschnitten auf hässlichen Gierbeulen, in kleinen offenen BMW Coupes zu träumen. Eine Weile rastete er auf dem

Wie eine große Arbeitsameise näherte sich Glückstadt in seinem roten Uni-

Bordstein und fingerte in den Taschen des roten Uniformrocks. Lediglich

formrock wieder dem Sitz der Götter und ihrer scharf und immer schärfer

ein Heftchen Streichhölzer hatte er aus der Haft mit zurückgebracht.

trennenden tranzendentalen Grausamkeit, mit der sie ihre Tröge verteidigten und unter Tarnkappen unsichtbare Stolperdrähte zogen, die für un-

Glückstadt entzündete einen der Pappstreifen und warf ihn in eine der ver-

wissende Neulinge wie ihn zu tödlichen Fallen wurden. Gewiß, Glückstadt

beulten Tonnen, die zur Abholung vor dem dunklen Haus hinter ihm bereit-

lernte, doch auf eine bittere Art vernarbte er dabei innerlich, bis ihm das

standen. Eine trockene Zeitung darin fing Feuer. Glückstadt sah schweigend

Lachen für immer im knotigen Hals stecken bleiben würde, er daran erstick-

zu, wie die kleine Flamme sich nährte und schnell größer wurde. Er entfern-

te und langsam in die Gosse rutschte, um von der Stadtreinigung abgeholt

te sich, bevor der Feuerschein die Straße erhellte und setzte Feuer an einen

zu werden, während in den Palästen von Beverly Hills und Bel Air die wär-

weiteren der Unratbehälter, ging zum nächsten, ehe das Licht des vorangegangenen ihn verriet, bis die Streifen alle waren und begann schließlich zu rennen, als hinter ihm die Sirene eines Feuerzuges hörbar wurde. In Saskias Haus angelangt sah er, dass die Ratten die Mülltüte mittlerweile völlig zerfetzt und zerfressen hatten, das Ungeniessbare lag über den Boden verstreut. In letzter Zeit hatte es unerfreulich viel Kontakt mit den Abfällen Fremder gegeben, dachte er. Unlustig durchstrich er die fremde Behausung, die bisher nur Unglück über Glückstadt gebracht hatte und am liebsten hätte er alles mitsamt den Ratten in Flammen gesetzt. Hirnbrand setzte ein und seine Depression schien neuen Rekordmarken zuzustreben, seine Wirklichkeit nahm mittlerweile ungeahnte Formen an. Wann war er endlich am Boden angekommen und würde wieder mit dem Aufstieg beginnen dürfen und war jetzt wirklich die richtige Zeit darüber nachdenken? Vor allen Dingen musste das Interview mit Fortuna in fünf verschiedenen Versionen erfunden werden, und jedes einzelne Wort würde ihn an seine schwärzeste Nacht erinnern, so würde er die Essenz seiner Anihilierung noch fünf Mal


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durchleben dürfen. Sollte er Linda das Geld zahlen und den unseligen Bara-

ausgesprochen rigide Vorstellungen in Hinblick darauf vertraten, was Inter-

cuda aus Blech behalten? Unruhig Entscheidungen erwägend, lief er ziellos

viewte zu antworten hatten. Erfüllte jene diese Erwartungen nicht, konnte

auf und ab, trat hinaus vor das Haus, atmete ein wenig Zephyr und ging

er entweder der Wahrheit behilflich sein, oder sehen ob woanders ein Ta-

wieder hinein. Die Nachbarn im vorbeifahrenden Wagen mussten ihn ange-

ler lockte. Unglücklicherweise zahlten diese Blätter am Besten. Glückstadt

zeigt haben, hatten Captain Hook für einen Einbrecher gehalten, der dabei

blickte von seinem Schreibtisch hinaus in die Dämmerung, die sich über

war seine Beute zu verstauen. Ein krankhaftes Misstrauen! Wohin sollte die

Saskia Vandenbergs Anwesen erhob. Noch einen letzten Text hatte er zu

Karawane der Wahnsinnigen führen und würde sie Glückstadt mitnehmen?

schreiben, Loyalitätsarbeit für eine große überregionale Stadtzeitung, kar-

Spät in der Nacht dann ein Todeskampf vor der tragbaren Schreibmaschi-

ger Lohn, qualvolle Agonie. Glückstadt drückte auf Autopilot, mischte alles

ne. Was hatte Glückstadt sich bloß aufgebürdet? ? Hatte er sich nicht stets

was er vor sich hatte und fertigte ein fünftes Geschreibsel an, was am Ende

innerlich gegen jede Form von journalistischer Falschheit verwahrt? Nun

auch nicht schlechter als die anderen ausfiel.

stand der Gentleman der Wahrheit mit dem Rücken zur Wand. Grausame Notwendigkeit nahm von seinen Händen Besitz. Jede Zeitung wollte ein

Bald stand sogar die Miete für den kleinen Verschlag im Taft-Gebäude auf

anderes Lied gesungen haben:

dem Spiel, dann würde Linda den Wagen wollen, der allerdings stand im-

„Saison in der Abyss – eine Künstlerin der Post-Reagan Ära.“ Das klang

mer noch unbezahlt vor der Werkstatt und gehörte ab jetzt nicht mehr ihm.

nicht schlecht und war zweifelsfrei der richtige Titel für das avantgardis-

Der Besitzer der Werkstatt hatte bereits einige Male angerufen und in un-

tische Periodikum der Berufsjugendlichen, es folgten sechseinhalb Seiten

verständlichem Arabisch geradebrecht, irgendetwas von ‚Abgeholung‘ und

vom Neostrukturalismus, den subkulturellen Artefakten des Post-Punks

‚Termiten‘, wohl auch versucht, das Anlegen einer Reifenblockade zu er-

und andern Dingen, die sich wie von selbst aus Büchern von Paul Virrillio

wähnen, doch hatte Glückstadt nicht hingehört, wie immer nur gehört was

und Tom Vague zusammenfügten.

er hören wollte. Glückstadt konnte bereits den Kohlensack in seinen Hän-

Mit der Fertigstellung des Artikels hob sich Glückstadts Stimmung ein we-

den spüren, wie er in den Keller in Alt-Moabit hinunterstieg. Sein Druck

nig, ein originärer Geist schimmerte durch die zugegebener massen noch

musste an die Zahlmeister in den Redaktionen weitergegeben werden, doch

ein wenig picklige Haut. “Hello Cowgirl in the Sand“ behandelte die Me-

konnte er diesen Bogen nicht überspannen, die Vorauszahlungen waren un-

lancholie des Showgeschäfts, gepaart mit der Tristesse des Bühnenalltags,

gewöhnlich gewesen, die Qualität der Artikel nicht unbedingt, aber das war

Tourneeberichten, abgeschrieben aus in Deutschland nicht erhältlichen

meistenteils gleichgültig. Viele Journalisten bekamen nicht einmal mehr In-

Fachzeitungen lieferten die Fakten, die er zwischen den Zeilen mit kostba-

terviews, sondern schrieben sie einfach aus kostenlosen Blättern ab, die an

rer, eigener, Meinung vergoldete, mithin Routine. Der “Stern” verlangte nur

Zeitungsständen oder an Schnellimbißen auslagen. Die meisten verfassten

eine Seite.

sogar die Leserbriefe zu ihren Artikeln selbst… was machte er also falsch? War er am Ende zu ehrlich? Wohl kaum. Nein, an Verlogenheit mangelte

Das Schwierige waren die Interviews für die beiden Fernsehzeitungen, die

es Glückstadt nicht, daran konnte es nicht liegen, die Spur auf der er lief


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war einfach zu schmal, das Kaliber zu klein. Gerne hätte er sich ein fetteres

ken an die Möglichkeiten, die dieses Projekt barg, gönnte Glückstadt sich

Stück vom Kuchen in den Rachen zu gestopft und damit rennen gelernt.

den Luxus eines Lächelns.

Eine überaus niederziehende Ahnung kündigte an, dass Glückstadt auf dieser Welt eigentlich kein Anliegen außer dem eigenen Wohlergehen vorweisen konnte. Was hatte er der Welt und ihren Bewohnern zu sagen? Er konnte jetzt nur abwarten, sich in Finanzangelegenheiten ein niedriges Profil zulegen und einfach die Dinge rollen lassen. Irgendwann im ganzen Tumult hatte er eine kleine Idee gehabt, die sich ausgezeichnet für einen Film mit dem Titel ‚Bitchcraft‘ eignen würde… ja, darin lag das Geheimnis, eigene Erfahrungen bis zu einem Punkte zu kristallisieren, wo man sie ungestraft objektiv nennen durfte. Der Film würde von drei Monsterschlampen handeln und bei dem Gedan-


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the end of the rainbow

Kurze Zeit später stieß er beim Durchwühlen der Schränke auf ein Wäschefach mit drei automatischen Pistolen, die wie schwere dunkle, exotische Reptilien unter einem von Saskias Seiden-Negligee gelauert hatten.

Gegen Nachmittag öffnete Glückstadt die Fenster der Villa und hob das

Wieder und wieder wog er das konzentrierte kalte Metall in der Hand, sich

klingelnde Telefon ab.

vergewissernd ob kein Blei im Lauf steckte und wählte zum Tragen im Haus schließlich die kleine Neun-Millimeter Beretta. Vor dem Spiegel posierend

„Jetzt hör gut zu, du Kackaal…“

– serie noire – steckte er sie in den Hosenbund oder zielte im Garten auf ahnunglose Flugtiere ohne abzudrücken.

Die Frau kannte Worte, von denen er selbst noch nicht gehört hatte und verstand, sie in einem Ton vorzutragen, der weit jenseits gewöhnlicher

Gegen Mitternacht bemerkte Glückstadt einen Wagen, der mit großer Ge-

Schauspielkunst lag. Deshalb lauschte Glückstadt aufmerksam.

schwindigkeit die Auffahrt zum Haus heraufkam. Mit einem Blick erkannte er, dass es sich nicht um Saskias Mustang, sondern um ein Towncar neueren

„Wenn in irgendeiner Zeitung auf der Welt auch nur ein Wort von dir über mich auftaucht, schleppst du deinen Arsch besser in den nächsten Flieger nach Liechtenstein, oder wo du herkommst. Die Stadt hier wird dann nämlich zu klein für uns beide werden. Das wirst du schnell merken, auch wenn du sonst nicht viel merkst . Ciao for now.“ In ihrer Stimme hatte er keinen Moment der Unsicherheit ausmachen können. Offenbar hatte sie herausgefunden, wer er wirklich war. Glückstadt schnippte mit dem Finger gegen seinen Kehlkopf. Schlechte Nachrichten pflegten gewöhnlich mit großer Geschwindigkeit zu reisen und die ersten Artikel über sie würden morgen bereits in den Druck gehen. Das war der Preis für eine Nacht im Knast. Würde sie es herausbekommen? Schwer zu sagen. Von Italienern sollte sie abstammen, vermutlich Verbindungen zu Freunden der italienischen Oper. Ein paar Zementschuhe und dann ab über die Klippen? Glückstadt würde sich vorsehen müssen.


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Baujahrs handelte. Er schnappte sich die Waffe und verschwand aus dem

Unmutssäußerungen hatte Glückstadt sich nie gewachsen gesehen, Ausei-

Hinterausgang durch den Garten, kletterte über den Zaun und war zu Fuß

nandersetzungen schon gar nicht. Nie hatte er gewusst, wie er sich hätte

unterwegs in die Nacht. Nach einer Stunde hatte er das Taft-Gebäude er-

geltend machen können und aus dieser Schwäche heraus hatte eines zum

reicht.

anderen geführt. Seine Gedanken drangen in öde, verbrannte Landschaften vor. Die größten Niederlagen aus einunddreissig Jahren – ein feister, kleiner

Er grüßte den Portier des Bürogebäudes und stapfte durch die Totenstille

Reigen entspann sich und Glückstadt wand sich vor Schmerzen und lehnte

und das vierzehnstöckige Grabmal in seine mönchische Zelle. Der verse-

sich dann zurück. Die schreckliche Billanz seiner Nichtigkeit, des von ihm

hentlich begrabene Pharao, blutlos, ein Opfer der eigenen Sichherheitsvor-

nicht Gesagten, des zu voreilig Hervorgesprudelten, der nie abgesandten

kehrungen, so saß er schließlich allein im Dunkel, vor sich das Telephon, die

Briefe, des Nichtgewesenen, Versäumten und gegen besseres Wissen Ver-

einzige Schnittstelle zur Welt. Doch mit wem wollte er sprechen? Einige

patzten.

vage Kontakte waren gepflegt worden, gelegentliche Arbeitsbeziehungen, die sich darüber hinaus nicht hatten vertiefen lassen. Es lag nicht nur an der

Durch ein Fenster welches einmal zu öffnen gewesen war, blickte er in die

Sprachbarriere. Vor Glückstadt lag jetzt die Beretta. Fortunas Leute waren

kalifornische Nacht. Seit dem Einbau der Klimanalage blieb es zu. Hier

ihm auf den Fersen, soviel war sicher und der bloßen Androhung physischer

wussten sie weshalb, dachte er beklommen. Deshalb trugen alle Revolver


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und Pistolen. Und nun auch er. Wie ein großzügiges Geschenk aus der ech-

Glückstadt antwortete nicht.

ten Welt, lag die blauschwarze Beretta bestehend aus all ihren schweren Atomen dort. Nie hatte er eine Waffe besesssen. oder viele Gedanken daran

„This is Mikey from Hamburg. Can I talk to Johnny Glückstadt?“ Eine be-

verschwendet. Jetzt, auf dem Boden der Dinge,

kannte Stimme aus der Redaktion der Fernseh-

fand sich plötzlich auch eine Schußwaffe, eine ste-

zeitung. Unnötigerweise sprach sie englisch. Sie

hende Einladung zum Tanz in eine andere Welt, in

klang belegt, wie deutsche Stimmen klangen.

der man ihn vielleicht besser zu schätzen wissen würde.

„Johnny, ich wollte dich wegen deiner Fortunastory auf dem Laufenden halten. Wir sind von For-

Glückstadt hob die Waffe und führte sie an sei-

tunas Manager auf zwei Millionen Dollar Scha-

ne Schläfe. Er presste den kalten Lauf gegen sein

denersatz verklagt worden. Sie behaupten, dass

Fleisch, bis die Stelle betäubt war, setzte sie wie-

dein Interview unter Vortäuschung falscher Tatsa-

der ab und führte sie schließlich in den geöffneten

chen zustande gekommen sei. Wenn ich du wäre,

Mund direkt unter sein Gaumendach, zaghaft zu-

würde ich für eine Weile von der Bildfläche ver-

nächst berührte er den Auslöser, nahm die Waf-

schwinden, der Manager ist ja auch nicht gera-

fe wieder aus dem Mund und überprüfte ihren

de als Spaßvogel bekannt und die Zeitung hat ihr

Druckpunkt. Dann nahm er einen Schluck kalten

Erscheinen mit dieser Ausgabe eingestellt. Sieht

Kaffee aus der Tasse auf seinem Tisch, behielt ihn

so aus, als ob du dein Geld nie sehen wirst, zumal

im Mund und führte den Lauf der Waffe mit zu-

du nicht hier bist, der Laden ist dicht … bist du

rückgelegtem Kopf wieder in das Innere seiner

noch dran?“

Mundhöhle ein. Glückstadt hörte nicht mehr auf die Worte, in jeEine feuchte Spur rann aus seinem Mundwinkel

der Zelle seines Körpers schienen seine Gedan-

und lief sein Kinn in den Kragen seines Hemdes,

ken sich nun zu Gefühlen verdichtet zu haben,

als das schrilles Klingeln des Telefons die Stim-

die ihn schwerer und schwerer werden ließen.

mung zerriss und Glückstadt den Kaffee mit ei-

Ihm schien, als würde er durch seinen Stuhl auf

nem Schwall gegen die Wand spie – er nahm den

den Boden sinken. Glückstadt legte den Hörer

Hörer ab, sagte jedoch kein Wort. Am anderen Ende war nichts zu hören.

zunächst auf den Tisch und starrte auf das Telefon, bis ihm auffiel, dass der

“Johnny”, rief schließlich jemand.

Hörer seinen Platz eigentlich auf der Gabel hatte.


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„Hier greift im Augenblick jeder was er kriegen kann, schade das du nicht

„Mmnann…wann war das? Wolf, ich glaube die wollen mich umlegen. Ich

hier bist“, tönte die Stimme weiter.

muß weg. Ich melde mich sobald ich kann.”

„Danke.“ sagte Glückstadt, ohne den Hörer wieder in die Hand zu nehmen.

Glückstadt hängte auf, stopfte Ausweis und Papiere in die Taschen, griff die

Das war sie endlich: Die Realität. Wie in Watte gerollt hatte er die ganze

Stiefel und machte sich auf Socken aus der Tür. Auf dem Flur lauschte er in

Zeit geträumt und war nun mit einem starken Druck auf die Fontanelle

das elektrische Dröhnen des Gebäudes. Eilig huschte er die Marmorstufen

geweckt worden. Endlich wusste er wie es sich anfühlte! Zwei Millionen,

hinab in den fünften Stock, bei jedem Aufgang wieder angestrengt auf eine

zwei Millionen! Sie wollten seinen Kopf. Wieviel wussten die? Hatten die

Modulation in der Geräuschkulisse lauschend. Der Lift hätte seiner Anspan-

seine Adresse vom Büro? Seinen richtigen Namen? Als das Telefon wieder

nung ein schnelleres Ende bereiten können, doch erschien er Glückstadt zu

klingelte war Wolf am anderen Ende. Er war betrunken.

fallenhaft. Wenn sich die Schläger nur nicht geteilt hatten oder unten darauf

“Johnny, Saskia ist tot. Sie ist bei einem Verkehrunfall außerhalb von Las

lauerten, dass er das Gebäude verlies.

Vegas gestorben.” Glückstadt schwieg betroffen. “Wir haben uns vorher getrennt, ich hatte sie seit zwei Tagen nicht mehr gesehen und bin eben nachhaus gekommen. Neben ihr im Wagen hat Ernst Hummer gesessen. Die beiden haben in Vegas geheiratet.” “Gott, Wolf, Mann ich wünschte ich könnte etwas für dich tun.” “Hier ist eben ein Wagen mit zwei Leuten wegen eines Interviews mit Fortuna für dich aufgetaucht. Die Jungs sind jetzt auf dem Weg zu dir…” „Du hast Ihnen meine Adresse gegeben?“ „Ich hatte keine Ahnung, dass ich das nicht tun sollte. Was ist hier im Haus los gewesen? Hummer hat überlebt. Er ist bloß in ein paar Büsche geflogen. Kannst du dir vorstellen, dass Hummer jetzt neun Millionen bekommt?“

Im vierten Stock trat er hinaus auf die Feuerleiter und starrte auf die Straße


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hinab. Glückstadt beschloss, sich weiter an die Treppen zu halten, die Feuerleiter würde zuviel Aufsehen bei den Passanten erwecken. Zwei Stockwerke noch, dann durch die Lobby, den Hinterausgang über den Hof und erst einmal weg. Er hielt inne und lauschte auf seine eigenes Atmen, mächtiger und mächtiger werdend, bis er es nicht mehr zurückhalten konnte und aus vollem Hals ausatmen musste. „Suchst du uns?“ Auf Socken fuhr er herum. Ein dunkelhaariger Mann, dessen glänzende Bartstoppeln ihm ein metallenes Aussehen verliehen, stand ungefähr drei Meter von Glückstadt entfernt. Unter ihm auf dem Treppenabsatz, wartete der zweite, in einen der breiten Türrahmen gelehnt. Die Männer waren ruhig. „Komm mit runter, Freundchen. Wir haben was mit dir zu besprechen.“ mit einem Schwung die Beretta aus der Hose und hielt sie abwechselnd in „Mit einem Fickgesicht wie dir habe ich nichts zu besprechen“, antwor-

beide Richtungen, während er sich bemühte den Rücken an eine der Wände

tete Glückstadt mutig. Kaum merklich weiteten sich die Augen des Me-

zu bekommen, ohne das ihm etwas entging.

tallmanns, seine Ohren legten sich ein wenig an und schließlich lächelte er Glückstadt zu. Als lauschte er aufmerksam, legte der andere die rechte

„Einen Schritt noch und ich knall euch Dreckschweine ab.“

Hand hinter sein Ohr. Einen Augenblick lang herrschte bewegungslose Stille, spürte Glückstadt „Hör dir das an. Quasselt wie eine Schwuchtel und hat nichts zu sagen“, flüs-

nichts, außer einem plötzlichen Scheißdruck im Darm. Dann setzten sich

terte er mit heiserer Stimme seinem Gefährten zu, der sich daran macht die

die Männer langsam wieder in Bewegung, gnadenlos, scheinbar auch gegen

Treppe zu erklimmen und lächelnd einen dünnen Riemen um seine Hand-

sich, wie Mitglieder einer anderen Rasse, die den Auftrag hatten ihn um

knöchel legte und enger zog. Glückstadt wich auf der Treppe zurück, bis er

jeden Preis zu zerstören.

wieder auf dem Absatz stand. Aus dem Augenwinkel sah er, dass der Kleine aus dem Türrahmen von hinten näher trat. Glückstadt wirbelte herum, zog

„Tsk,tsk,tsk, abknallen.“ Kopfschüttelnd trat der Mann aus der Tür aus


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dem Bild, mit einer Hand auf seine entblößten Zahnreihen deutend. „Hier

Dann regte sich nichts mehr.

her. Ich fang die Kugel. Dann reißt er dir deinen schlappen Pimmel ab und schlägt dich damit tot.“ sang der Metallmann und kicherte hysterisch über

Eine der Neonröhren hatte plötzlich begonnen zu flackern und Glückstadt

seinen eigenen Scherz. Glückstadt zielte genau zwischen die Augen des an-

beschloss dies als Beweis für seinen Sieg zu deuten. Er zog seine Stiefel an

deren und drückte ab.

und beugte sich dann vorsichtig über die Schläger. Beide atmeten noch. Die Beretta war tatsächlich in die Mitte des Gelächters vorgedrungen, hatte das

Kaltes Klicken, Metall auf Metall, die Treppe lachte, er wirbelte herum, und

Gesicht des Lachers zerschlagen und ihr Schlitten war beim folgenden Auf-

schleuderte die schweren Atome mit aller Kraft in das Zentrum des Ge-

prall selbst zu Bruch gegangen.

lächters. Mitten in der Bewegung verlor er den Halt, die Socken auf dem Marmor glitten Richtung Treppe, der Mann aus der Tür sprang auf ihn zu,

Vorsichtig berührte er den Ohnmächtigen an der Schulter. Der bleiche Tod

verfehlte ihn, landete ebenfalls auf der Treppe und schlug sich an einer der

trug eine schwerkalibrige Waffe im Schulterholster. Glückstadt nahm sie an

Marmorstufen mit einem poppenden Krach den Schädel ein.

sich, dann die Brieftaschen der beiden und die Wagenschlüssel. Der Mann


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aus der Tür stöhnte, und wand sich. Glückstadt erschrak und erwägte kurz,

er sich wohler, die Bewegung dämpfte sein Zittern und die Aufregung, doch

ob er den Zustand des Wehrlosen zu seinen Gunsten verschlimmern sollte,

was sollte nun werden? Der junge Herr blickte auf den kleinen Beutel mit

dann ging er jedoch Richtung Aufzug, warf die Waffe in den Müllschlucker

Waschzeug. Im Jackett trug er Scheckbuch und Ausweis. Einen Block nach

und entfernte sich, noch bevor sie aufgeprallt war.

Hollywood Boulevard wurde es wieder düster, aus den Straßenecken Augenweiss, Gezische und Geraune durchaus auch an seine Adresse, Gesichter, die

Er nahm ein dickes Bündel Scheine aus jedem der Geldclips, die American

man an katholischen Kirchen in Stein nicht geduldet hätte. Hier trugen sie

Express Karte des bleichen Tods, Chicco Poligetti, und warf alles andere

frei ihre Anliegen vor. Glückstadt wusste nicht mehr, weshalb er je hierher

der Pistole hinterher in den Müllschacht. Im Aufzug nach unten schlugen

gekommen war. Ohne Zweifel war alles immer schon so gewesen, er hatte

Glückstadts Knie so stark aneinander, dass er den Ausstieg nicht schaffte,

es nur nie gesehen. Er hatte keinerlei Absicht den Kontakt zu vertiefen. Ein

als die Tür sich in die Lobby öffnete. Er bediente den Öffner ein zweites Mal

letzter Blick zurück zeigte ihm das Taft Gebäude – pflichtbewußt hatte er

und trat schließlich hinaus. Der Nachtportier fragte nach seinem Besuch.

das Licht im Büro gelöscht. Es gab nichts mehr zu sehen.

Glückstadt sagte, er komme gleich wieder. Wolle nur etwas zu trinken holen. Mit zitternder Stimme erklärte er dem Nachtportier, dass er ab morgen

Vine Street würde er besser verlassen, um sich auf weniger belebten Wegen

für eine Weile geschäftlich verreisen müsse.

seinem unbestimmten Ziel zu nähern. Es konnte gefährlich werden.

„Alles in Ordnung, Mann?“

Glückstadt verließ die sternenübersäte Straße, fünf Sterne für einen singenden Cowboy und keinen für Lon Chaney, er wusste woher der Wind wehte.

„Klar,“ lächelte Glückstadt. „Die Miete kommt per Post.“

Wenn er nur wüsste wie weit sie gehen würden. Den direkten Weg einschlagen? Zurückgehen, die Herren konfrontieren? Um eine Aussprache bitten,

„Harte Nacht was?“

unter sechs Augen? Dann nur noch fünf, schließlich vier, die Herren unterhielten sich miteinander – er hatte keine Chance.

„Worauf du wetten kannst.“ Glückstadt schüttelte den Kopf und lachte leise, suchte am Radio nach eiImmer noch zitternd trat er vor das Taft-Building.

ner Station, die Klassisches spielte. Nein, er hatte nichts getan, was andere nicht auch taten, trotzdem schlug sein Herz wie ein Hammer gegen seinen

In der Ladezone vor dem Gebäude stand ein Lincoln Sedan mit getönten

Brustkorb. Irgendetwas in der Außenwelt korrespondierte nicht mehr mit

Scheiben und Goldspeichen. Glückstadt öffnete die unverschlossene Tür.

der Tatsache seiner bloßen Existenz. Seit dem Kontakt mit den Ratten, der

Der Schlüssel passte ins Lenkradschloß und mühelos lenkte er den Wagen

Polizei und den Schußwaffen, war eine Kraft in Erscheinung getreten, deren

in den Verkehrsstrom und Vine Street hinab. Sobald der Wagen rollte, fühlte

Vorhandensein Glückstadt bis dahin nur erahnt hatte. Sie hatte ihn allmäh-


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kleine Rollen in Pferdeopern vorzusprechen. Jetzt war es das Territorium von CBS und Paramount – die Überlebenden. Zwischen den Giganten eine lange Steinmauer um die Toten, der große Memorial Friedhof, die Seelenhüllen von Douglas Fairbanks, Rudolpho Valentino und Tyronne Power lagen hier; doch auch Fatty Arbuckles Opfer, zu Tode kopuliert mit einer Flasche. Bugsy Siegel, pretty blue eye, 1947, drei Kugeln mitten hinein. Unabhängige Studios hatten hier produziert, große Ideale vielleicht, doch am Ende zu kleine Fische. Nichts war von ihnen übrig geblieben, als ihre Gräten. Ein Cartoonkater holte sie mit spitzer Kralle aus den Blechtonnen in den Gassen zwischen den Gebäuden und platzierte sie zum Dinner auf einem umgedrehten Mülltonnendeckel. Glückstadt hätte die Gegend im Schlaf beschreiben können. Unzählige Berichte über die Schattenwelt der Filmindustrie hatten ihn zum Experten menschlichen Elends gemacht. 1225 Gower,

lich an den Rand des Abgrundes gezogen, während er vermeintlich dabei gewesen war, einem Mälstrom zu entkommen, sich nach oben zu arbeiten. Ein unsichtbares Energiefeld war stärker gewesen, hatte ihn an sich gerissen und aufgenommen. Er durfte jetzt nicht kleinlich denken und der Angst allein das Ruder überlassen. Worin lag seine Schuld, womit hatte er diesen Fall verdient? Mit der Geburt der Lüge, der Schwäche, der Begegnung mit dem Unguten, das auf den Guten traf und ihn nicht zur Kenntnis nahm. Glückstadt war schwach, nur deshalb hatte er versucht zu tun was alle anderen auch taten. Von Fountain gelangte er schließlich auf Sunset, und verschwand in den Seitenstraßen, bis er auf Gower stieß. Poverty Row, hatten sie in den frühen Vierzigern die Gegend genannt, als Cowboys hier Schlange standen, um für


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Aus dem Schutt ragte der Futonrahmen wie ein drohender Finger in die Nacht, Captain Ahabs letzte Reise auf dem Wal und so weiter, weiter und weiter, Richtung La Cienega, vorbei an Ölpumpen und dem Niemandsland der lateinamerikanischen Gemeinde. Kaum ein Wagen noch auf dem Asphalt. Am Flughafen angekommen lenkte er den Wagen in eine Parkgarage weitab von der Internationalen Abfertigung und zu Fuß machte er sich auf den Weg zu den Terminals. Er war zwei Stunden zu früh für den ersten Flug. Glückstadt kehrte zurück zu Wagen und Gepäck, jetzt eisern entschlossen. Der Ofen war aus. Leichenkälte war die Wahrheit hinter der Hitze dieses Staates.

der letzte Wohnsitz Phillip Van Zandts, Schauspieler in über dreihundert Filmen, der letzte dann: ‚The Lonely Man‘. Tod durch Schlaftabletten. An der Ecke zu Melrose das alte RKO Gebäude, ein Funksignal ging um die Welt. Marilyn Monroe hatte nachts vom Zimmer ihres Waisenhauses auf das Zeichen gestarrt, sich gewünscht ein Star, vielleicht sogar die Geliebte von Clark Gable zu werden. Wehe, Träume wurden wahr. The Big Sleep. Nicht für ihn. Er lenkte den Lincoln auf Clinton, vorbei an der alten Heimstatt. Abrasiert. Ein paar Erdhaufen und Holzpfähle kündeten von den Anfangsjahren. Unser Mann in Hollywood. Kein Platz für Gedenkplaketten, ausgelöscht, der eigenen Geschichte beraubt, hielt er nur kurz und stieg in die kühle Nachtluft, um eine Weile auf die Vergangenheit zu starren.


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Das Warten wurde ihm endlos. Anderthalb Stunden bis zum Abflug, der

len? Der Tag erhob sich, und schließlich ein erster Aufruf für den Flug nach

Flugschein spendiert von Chicco Poligetti, anstandlos war die Karte durch-

New York.

gegangen, der blutige Besitzer schlief hoffentlich immer noch auf den Treppen des Taft Buildings, jedenfalls hatte er sie nicht gestohlen gemeldet. Viel-

Er setzte sich in Bewegung und wartete dann wieder, starrte auf eine Grup-

leicht war er tot, wie die Katze, die Ratten und Wolfs Freundin Saskia, unter

pe gläserner Telefonzellen. Noch einige Anrufe? Er wählte Wolfs Nummer.

deren Negliees er die Waffe gefunden hatte.

Doch nahm niemand ab. Was hätte er ihm sagen können?

Durch die Glaswände des Terminals drang das Tageslicht herein.

Dann hob endlich die Maschine ab, unter sich einen neuen Tag in Los Angeles zurücklassend, die Freeways begannen bereits sich zu beleben. Glück-

Erste Reisende trafen ein. Glückstadt sah weg, war uninteressiert, hatte die Stadt zu den Akten gelegt. Handlungen zeitigten Folgen, was er immer geahnt hatte, war nun bewiesen worden. In der Sprache des Blutes hatte man den Dialog eröffnet, sich an ihn gewandt, wie sonst hätte er antworten sol-

stadt lehnte sich im Sitz zurück und verfiel in einen unruhigen Schlaf.


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In New York wieder warten und warten.

Es hatte jetzt begonnen heftig zu schneien und Glückstadts Blick wanderte von der Rollbahn zum grauen Geflacker des kleinen Fernsehers. In den

Irgendwo in diesen Steinen waren vor ein paar Wochen seine dreitausend

Hügeln von Hollywood hatte sich ein Deutscher mit einem halbautomati-

Dollar versickert, war jemand reich geworden und aufgestiegen, während er

schen Gewehr verschanzt und letzte Nacht damit begonnen auf die Hun-

wieder gehen musste. Wer stand auf dem anderen Ende der Waage? Er blick-

de der Anlieger zu schießen. Die LAPD hatte das Haus umstellt, doch der

te sich um. Wie ein kosmischer Witz saß er hier, ausgezogen um ausgezogen

Mann weigerte sich herauszukommen und in der folgenden Werbung kam

zu werden, nur eine Handvoll Kleinigkeiten hatte er retten können, der Rest

ein kalifornischer Strand ins Bild. Frauen in Bikinis. Unter Palmen boten sie

stand in Hollywood verstreut. Wo immer er hin wollte, dorthin konnte er

einen neuen Softddrink, California Spritzer, an. Prüfend zog Glückstadt die

gehen. Niemand vermisste oder erwartete Glückstadt. In Deutschland wür-

Ecke eines der knisternden Scheine hervor, dann blickte er wieder durch

de er unangekündigt auftauchen, aus dem Nichts operieren, ein Mann der

den Schritt eines Models auf den Strand und zurück auf das Geld, bis er auf

aus der Hitze kam. Wenn alles glatt ging, befand er sich in acht Stunden in

dem Bildschirm einige vertraute Bewegungen bemerkte, die seinen Körper

der Heimat und zum ersten Mal seit langer fühlte Glückstadt ein Wohlsein,

seit Jahrzehnten von einem Land ins andere schleppten.

dass aus vollständiger Ungebundenheit zu stammen schien. Glückstadt beugte sich vor und fiel in eine tiefe Starre, die dem unmittelEr warf seine letzten Scheine für einen Hot Dog und Kaffee auf den Tresen

baren Erkennen der Anwesenheit der eigenen Person an einem unverhoff-

und setzte sich in eine der schwarzen, aus Plastik gegossenen Sitzschalen,

ten Ort folgte. Gekrümmt, mit leichtem Haltungsschaden schlich taumelnd

um den darauf installierten Schwarzweissfernseher vor sich mit Münzen zu

eine Kreatur vor der Gischt durch die Beine des Models. Ein Verdurstender,

füttern. Die Landebahnen bedeckten sich unterdessen mit feinem Schnee.

so schien es, nach einem letzten Tropfen ächzend, eine Hand mit weissem

Glückstadt stellte sein letztes Mahl ab, durchsuchte seine Taschen und fand

Zylinder vor dem unterem Bauch seine Scham bedeckend, durchquerte er

schließlich genügend Fünfundzwanzigcentstücke, um für Geflimmer auf

das Bild auf seinem offenbar peinvollen Weg, um der Kamera für den Bruch-

dem Schirm zu sorgen. Dabei stieß er in seiner Brusttasche auf die zwei

teil einer Sekunde sein erschöpftes Antlitz zu zeigen und dann aus dem

Bündel Blutgeld aus dem Besitz der beiden Knüppelitaliener. Rund viertau-

Schritt des Models zu verschwinden.

send Dollar in großen Scheinen! Glückstadt schlenderte scheinbar beiläufig zu den öffentlichen Waschräumen und schloss sich dort in eine der Kabinen ein. Er zählte noch einmal gründlich. Es waren genau viertausenddreihundert Dollar. Für eine Weile blieb er benommen im Geruch der Desinfektionsmittel stehen, dann trat er wieder hinaus und begab sich zurück zu seinem Sitz.


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Man hatte Glückstadt beim Ertrinken gefilmt. Bald eine Minute starrte Glückstadt auf den flimmernden Schirm, dann verstand er und zählte im Schatten seines gebeugten Rückens dreizehn Hundertdollarscheine ab, erhob sich und platzierte das Geld im Vorbeigehen auf einer der Telephonzellen. Der Blick auf die Rollbahn zeigte ihm, dass sie sich mittlerweile gänzlich mit Schnee bedeckt hatte.


200

Sein Flug w체rde Versp채tung haben.


Bildnachweis

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rotz intensiver Bemühungen gelang es dem Verlag in einigen Fällen nicht, den Rechteinhaber des jeweiligen Fotos festzustellen. Der Verlag bittet diesen oder eventuelle Rechtsnachfolger, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Er verpflichtet sich, rechtmäßige Ansprüche nach den üblichen Honorarsätzen zu vergüten.

Seite 4 l.: © Ute Janssen Seite 5: © Eva Gößling Seite 6, 93, 190: © Tav Falco Seite 29: © Gerd Scheuerpflug Seite 38, 135, 145, 163: © Gisela Getty Seite 66, 84, 87, 91, 111, 115, 178 l.: © Olaf Kraemer Seite 68 r.: © Mary Pacios Seite 167: © Jay Babcock Seite 182: © Jürgen Wellhausen


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Unser Mann in Hollywood ist ein Werk der Fiktion - auch wenn die Bilder etwas anderes behaupten. Jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten ist zufällig und unbeabsichtigt.


Unser Mann in Hollywood