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Aber hier leben, nein Danke!

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//EDITORIAL Liebste davongeflogene oder daheimgebliebene LeserInnenschaft! Während ihr in die wohlverdienten Osterferien entfleucht, schuftet die UNIQUE Redaktion noch einmal, um eine weitere spannende und textreiche Ausgabe unserer Zeitung zu produzieren. Zur geistigen Erholung von langweiligen Ferienfahrten oder Familienfeiern habt, bieten wir euch auf den nächsten Seiten vielseitige und informative Unterhaltung. Neben neuesten Wahnsinnigkeiten aus der Unipolitik ist es uns ein besonderes Anliegen, auf einige Richtigstellungen zum Café Rosa hinzuweisen. Etwas resigniert stellen wir wieder einmal fest, wie schwer es ist, der herrschenden Ideologie des Kapitalismus im falschen Ganzen zu entkommen. Ganz antiheteronormativ und passend zum Frühjahrsputz beschäftigt sich unser Schwerpunkt ab Seite 17 mit dem Thema Reproduktions- und Hausarbeit. Die Rubrik Internationales mag die Reiselust in den Nahen Osten mit Reportagen über den so unterschiedlichen Alltag in Israel und dem Nordirak anregen; dem gegenüber möchten wir durchaus keine Reiseempfehlung für das sich in einer bürgerkriegsähnlichen Situation befindliche Syrien abgeben, über das hier ebenso berichtet wird wie über die Zusammenarbeit der ungarischen Regierungspartei Fidesz mit dem iranischen Regime. In der nördlichen Hemisphäre angelangt, berichten wir, ebenso aktuell, über die Wiederwahl Putins in Russland. Mit dem russischen Film des 20. Jahrhunderts geht es dann im Feuilleton weiter, das euch auch literarisch mit Artikeln über Heine, Brecht und Orwell versorgt. Für die LiebhaberInnen der bildenden Künste wird der Impressionismus kritisch beleuchtet. Und auch Theoriefans kommen wie immer nicht zu kurz. So wird das Konzept der Postdemokratie analysiert und in einer Replik auf den Artikel der Gruppe D-Day (UNIQUE 10/11) die Debatte um linke Antisemitismuskritik noch einmal aufgegriffen. Zu guter Letzt erfahren kritische DenkerInnen etwas über die Aufgabe von Kritik in der Krise.

S. 2 ÖH-KOMMENTAR // WOHNBEIHILFE S. 3 BITTE SAG JETZT NICHTS: AUSSAGEVERWEIGERUNG // EXKLUSIONSRISIKO BEHINDERUNG S. 4 DEN BLICK IN EINE ROSIGE ZUKUNFT GERICHTET. DRINGLICHKEIT BESTEHT IMMER. S. 5 ÜBER DIE GEEIGNTE KURS DES MATERIALISMUS S. 6 ZUR AUFGABE VON KRITIK – IN DER KRISE UND DARÜBER HINAUS S. 7 POSTDEMOKRATIE – WHAT THE FUCK? // ÖSTERREICHISCHE KELLER S. 8 GEWINNSPIEL // TERMINE S. 9 ASPHALT & NEONLICHT // TERMINE S. 10 DAS SAGEN DER WAHRHEIT // DER UNBEKANNTE GEORGE ORWELL S. 11 IMPRESSIONEN VERBLASSTER PHANTASIE // VON PANZERKREUZERN UND REVOLUTIONSTRÄUMEN S. 12 DIE WAHLEN IN RUSSLAND ALS RÜCK- UND FORTSCHRITT // KEIN LAND IN SICHT S. 13 DIE NEUE ACHSE BUDAPEST-TEHERAN S. 14 ÜBER DEN UNBEMERKTEN WANDEL EINES ‚FAILED STATE‘ S. 15„THEY TRIED TO KILL US, WE SURVIVED, LET‘S EAT!“ S. 16 WIE HAT‘S DER ANTISEMITISMUS MIT DIR? SCHWERPUNKT AB S. 17: REPRO S. 18 SPIEL‘S NOCH EINMAL, KEVIN: SOZIALE REPRODUKTION UND PIERRE BOURDIEUS HABITUS-KONZEPT S. 19 REPRODUKTIONSARBEIT IM MARXISMUS DER 1970ER S. 20 DIE SCHUFTENDE MUTTI – REPRODUKTIONSARBEIT IN DER DDR S. 21 VOM HAUS OHNE KÜCHEN S. 22 WHO CARES // „ICH MUSSTE ERINNERT WERDEN, MEINEN TEIL ZU ERLEDIGEN“ S. 23„DIE ARBEITSAUFTEILUNG ERGIBT SICH“ // „DER UNTERSCHIED SIND FEHLENDE ROLLENBILDER“ S. 24 ENTBLÖSSENDE REPRODUKTION Zeitung

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Wir wünschen erholsame Ferien, geistreiche Stunden und vergesst nicht: „Wer denkt ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert!“ Eure

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unileben Die letzten Diplomand_innen...............................

ÖH-KOMMENTAR

Dieses und nächstes Jahr werden sie fertig: die letzten Diplomstudent_innen an der Uni Wien. Bis auf einige wenige Studiengänge, wie Pharmazie und Jus, wurden in den letzten Jahren alle geltenden Curricula der BolognaStruktur angepasst; die Diplomstudien laufen langsa m aber sicher aus: Am 30. April dieses Jahres sind die sozialwissenschaftlichen, im Jahr 2013 die meisten geisteswissenschaftlichen Studiengänge an der Reihe. Für die betroffenen Student_innen bedeutet dies nicht nur enormen Stress und erhöhten Druck, sondern auch Kampf um Prüfungstermine, mögliche Betreuer_innen und Prüfer_innen oder das Entgegenkommen der administrativen Mitarbeiter_innen. Denn nicht selten sind es die bürokratischen Hürden und die unzähligen Formulare, von Prüfungsanrechnung über Genehmigung freier Wahlfächer bis zum Einreichen von zweiten Abschnitten, die für Studierende, Lehrende und Mitarbeiter_innen des Studien Service Centers (SSC) den Studienabschluss zur nervenzerreibenden Zerreißprobe machen. Wenn in den größeren Studienrichtungen hunderte Student_innen gleichzeitig ihre Diplomarbeiten abgeben, und Prüfungen machen müssen, bedeutet das auch für die Betreuer_innen eine Ausnah mesituation: Von ernsthafter und qualitativer Betreuung kann unter diesen Verhältnissen nicht mehr gesprochen werden. Ähnlich wie zielle Lage gerade hier zu spüren, wo sie nicht mehr durch individuelle Flexibilität von Seiten der Studierenden ausgeglichen werden kann. Nicht zuletzt sind Übergangsfristen in der

//BILDSTRECKE

Resolution der Kommunaden von Thomas Fatzinek Thomas Fatzinek hat schon in vielen Berufen gearbeitet, unter Anderem als Altenhelfer, Häftlingsbetreuer, Lagerarbeiter, Siebdrucker, Spengler, Leiharbeiter, Scanner Operator, Briefträger und Zugfahrer im Zoo Schönbrunn. Seit zwei Jahren macht er endlich, was er immer schon tun wollte: Er ist Illustrator, Comiczeichner und G‘schichtldrucker. Die sich durch diese Ausgabe ziehenden Linoldrucke, stammen aus einer illustrierten Version der „Resolution der Kommunarden“ von Bert Brecht. Diese ist Teil eines „Subversiven Liederbuches“, an dem Fatzinek gerade arbeitet. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit u.a. mit der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und dem antifaschistischen Widerstand. So wird in Als die Nacht begann die Revolution im Februar 1934 aufgearbeitet während sich Notizen zu Hermann Langbein mit dem Widerstand in Auschwitz beschäftigen. Eine alte Geschichte illustriert den Fall Sacco und Vanzetti, zwei italienische Anarchisten, die in einem umstrittenen Prozess zu Tode verurteilt wurden. Die im Eigenverlag erschienen Bildgeschichten sind über https://www.pictopia. at erhältlich. Mehr über die Arbeiten von Thomas Fatzinek finden sich auf http://tomfatz.net/

//IMPRESSUM Herausgeber und Medieninhaber: Verein für Förderung studentischer Medienfreiheit; Unicampus AAKH, Hof 1, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien; Tel. 01-4277-19501 Redaktion: Soma Mohammad Assad, Dorothea Born, Oona Kroisleitner, Tamara Risch Mitarbeiter_innen dieser Ausgabe: Soma Mohammad Assad, Söhren Behnke, Lukas Caterpillar, Flora Eder, Michael Fischer, Elmar Flatschart, Simon Gansinger, Stephan Grigat, Eva Grigori, Veronika Helfert, Leo Hiesberger, David Kappenberg, Julia Kraus, Hanna Lichtenberger, Sophie Lojka, Fridolin Mallmann, Anastasia Muntaniol, Michael Bernhard Pany, Alexander Rachnick, Laurin Rosenberg, Simon Sailer, Richard Sattler, Anna Thiemann, Gregor Zamarin Layout: Iris Borov nik Lektorat: Karin Lederer, Birgitt Wagner Bildstrecke: Thomas Fatzinek Illustrationen: Anzeigen: Wirschaftsreferat ÖH Uni Wien, inserate@oeh.univie.ac.at, Tel. 01-4277-19511 Erscheinungsdatum: 02. 03. 2012 Kritisch den Mächtigen, hilfreich den Schwachen, den Tatsachen verpflichtet – aber hier leben, nein Danke!

Dauer der Mindeststudienzeit plus ein Toleranzsemester komplett utopisch: die Studienzeiten in prae-BolognaZeiten waren nicht als Regeldauer gedacht; der Durchschnitt lag oft 50 Prozent über dieser und der Schwerpunkt auf eigenständigem Arbeiten – gerade in der Diplomarbeitsphase. Dass der Senat der Uni Wien sich gegen eine Ausweitung der Übergangsfristen ausgesprochen hat, die ohnehin äußerst knapp bemessen waren (Mindeststudienzeit zzgl. ein Toleranzsemester), ist angesichts der Situation unverständlich. Denjenigen, die ihre Diplomarbeiten nicht mehr rechtzeitig fertigstellen können, bleibt oft nichts anderes übrig, als in den äquivalenten Master umzusteigen – selbstverständlich mit Zeitverlust, da zahlreiche Scheine erst wieder erworben werden müssen. Diese drängende Situation macht einmal mehr deutlich: Der Senat der Uni Wien fährt ebenso wie das Rektorat eine Politik der möglichst strikten Umsetzung gesetzlicher Bestim mungen, die darauf hinausläuft, dass viele Studierende ihr Studium nicht beenden können. Diese Politik reiht sich ein in die hochschulpolitischen Maßnah men der letzten Jahre, die besonders durch eine Normierung der Studienverläufe und die Abschaffung von eigenen, auch interdisziplinären Schwerpunktsetzungen geprägt waren. Der Senat der Uni Wien verfolgt ebenso wie das Rektorat eine realitätsfremde und studierendenfeindliche Politik!

Veronika Helfert

Das Sozialreferat informiert ................................................................................................................ Die Wohnbeihilfe dient als Unterstützung für Personen mit geringem Einkommen. Zu beantragen ist sie beim Magistrat der Stadt Wien für Wohnungswesen (MA 50). Antragsberechtigte: * Österreichische Staatsbürger_innen sowie diesen gleichgestellte Personen (zum Beispiel Bürger_innen eines EUStaates) * Personen mit ausländischer Staatsbürger_innenschaft mit Nachweis eines mindestens fünfjährigen legalen Aufenthaltes in Österreich. Bei mit öffentlichen Mitteln durchgeführten Sanierungsarbeiten reicht der Besitz einer Beschäftigungsbewilligung oder eines Befreiungsscheines nach dem Ausländerbeschäftigungsgesetz. Wohngemeinschaft: Auch im Falle einer Wohngemeinschaft kann um Beihilfe angesucht werden. Der Antrag darf allerdings nur von der im Mietvertrag aufscheinenden Person gestellt werden. Sind mehrere Personen Mieter_innen oder Eigentümer_innen einer Wohnung, darf die Wohnbeihilfe nur einer dieser Personen gewährt werden. Kürzung oder Einstellung der Wohnbeihilfe in Folge der bedarfsorientierten Mindestsicherung: Sollte eine bedarfsorientierte Mindestsicherung derzeit oder zukünftig gewährt werden, kann es zu einer Kürzung oder zur Einstellung der

Wohnbeihilfe kommen, da ein Teil der bedarfsorientierten Mindestsicherung zur Deckung des Wohnbedarfs zu verwenden ist. Die Gewährung beziehungsweise Höhe der Wohnbeihilfe hängt von folgenden Faktoren ab: * Haushaltsgröße: Bei der Berechnung werden jene Personen berücksichtigt, die mit der/dem Förderungswerber_in im gemeinsamen Haushalt leben. Als Nachweis für den gemeinsamen Haushalt gilt der Meldenachweis (Hauptwohnsitz notwendig). Bei Wohngemeinschaften von beispielsweise Studierenden sind ALLE gemeldeten Personen bei der Feststellung des Mindesteinkommens und der Haushaltsgröße zu berücksichtigen, unabhängig davon, ob es sich um einen Haupt- oder Nebenwohnsitz handelt. * Haushaltseinkommen: Als Haushaltseinkommen gilt das Nettoeinkommen aller, im gemeinsamen Haushalt lebenden, Personen. Sämtliche Einkommen müssen nachgewiesen werden. Richtsätze für den Empfang von Ausgleichszulagen: monatliches Nettoeinkommen (2012): ein_e Erwachsene_r: 773,26 EUR; zwei Erwachsene: 1.159,37 EUR. Es erhöht sich für jede_n weitere_n Erwachsene_n um: 386,11 EUR; je Kind: 119,31 EUR * Wohnungsgröße: Die angemessene Quadratmeter, für zwei Personen 70 Quadratmeter und für jede weitere Person 15 Quadratmeter. Überschreitet

WOHNBEIHILFE

die tatsächlich vorhandene Wohnungswird der anrechenbare Wohnungsaufsprechend gekürzt. * Wohnungsaufwand: Bei der Berechnung der Wohnbeihilfe wird nicht der gesamte zu entrichtende Mietzins als Wohnungsaufwand berücksichtigt. Folgende Beträge werden nicht als Wohnungsaufwand anerkannt: ** Anteilig auf die Wohnung entfallende Belastungen wie Betriebskosten ** Erhaltungs- und Verbesserungsbeiträge ** Umsatzsteuer ** Ausgaben für Strom-, Heizungs- und Telefonkosten sowie ** Rückzahlungen von Privatkrediten ** Sonstige Kosten der Lebensführung Das Antragsformular sowie Tabellen zur Errechnung der Wohnbeihilfe amtshelfer/bauen-wohnen/wohnbaufoerderung/unterstuetzung/wohnbeihilfeantrag.html

Weitere Infos bekommst du im Sozialreferat der ÖH Uni Wien 1090, Spitalgasse 2-4, Hof 1 (Universitätscampus Altes AKH) Tel. 01 - 42 77 DW 195 53 oder 195 54 Montag bis Freitag 9 bis 13 Uhr, Montag bis Donnerstag 14 bis 16 Uhr E-Mail: sozialreferat@oeh.univie.ac.at www.oeh.univie.ac.at/arbeitsbereiche/ soziales/

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BITTE SAG JETZT NICHTS: AUSSAGEVERWEIGERUNG Sowohl vor der Polizei und der Staatsanwaltschaft als auch vor Gericht hat der_die Beschuldigte das Recht, die Aussage zu verweigern – und oft ist das Einfachste auch tatsächlich das Beste – nämlich gar nichts zu sagen! Als Beschuldigte_r hast du sowohl im Verwaltungsstrafverfahren als auch im Strafverfahren immer das Recht auf Aussageverweigerung. Es ist wichtig, sich über dieses Recht im Klaren zu sein und auch davon Gebrauch zu machen! Eine Aussage vor der Polizei schadet dir nur. Entweder die Polizei hat bereits Beweise gegen dich in der Hand, dann kann eine Aussage auch nichts daran ändern, oder sie hat keine Beweise, dann würdest du mit einer Aussage der Polizei nur bisher unbekannte Informationen liefern. Durch die Aussageverweigerung ist auch nichts verloren. Denn im Laufe des Verfahrens besteht noch ausreichend Gelegenheit, nach Studium des Aktes (Akteneinsicht), Beratung mit Rechtsanwält_innen, Rechtshilfestrukturen und Vertrauenspersonen sowie ausgiebiger Überlegung eine Aussage in Betracht zu ziehen. Eine voreilige Aussage hingegen, ohne Kenntnis des Aktes und vorherige Beratung, läuft eigentlich immer schief. Auch wenn du meinst, deine spezielle Aussage sei nicht schlimm – es gibt keine harmlosen Aussagen. Denn es geht bei der Aussageverweigerung nicht nur um den Schutz vor Strafverfolgung, sondern auch darum, Andere nicht zu belasten und der Polizei und dem Verfassungsschutz keinen Einblick in politische Strukturen zu geben. Glaube auch nicht, dass du die Polizei mit deiner Aussage austricksen kannst. In einer Vernehmungssituation sitzt du Beamt_innen gegenüber, für die diese Situation Alltag ist, die speziell in Vernehmungstechniken geschult und im Gegensatz zu dir in keiner Stresssituation sind. Lass dich auch nicht durch die Polizei unter Druck setzen. Je schneller du den Beamt_innen klarmachst, dass du keinesfalls eine Aussage machen wirst, desto schneller werden sie auch die Vernehmung beenden. Beachte, dass auch „Ich weiß das nicht“ eine Aussage ist. Auf jede noch so bescheuerte Frage sollte deine Antwort lauten: „Ich verweigere die Aussage“.

Rechtsinfokollektiv Die betreffenden Paragrafen: § 33 Abs. 2 Verwaltungsstrafgesetz § 7 und § 164 Abs. 1 Strafprozessordnung

EXKLUSIONSRISIKO BEHINDERUNG? An der Universität Wien zu studieren ist für die Mehrheit der Studierenden gewöhnlicher Alltag. Was Selbstverständlichkeit für viele ist, ist für eine Minderheit oft mit erheblichen Hürden verbunden.

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as beginnt mit fehlender Barrierefreiheit außerhalb der Universität und setzt sich innerhalb universitärer Gebäude in manchen Bereichen fort. Studierende mit Behinderung (SmB) wurden dazu im Rahmen der Diplomar1 2 beit des Autors befragt. Kurt , ein Student der Katholischen Religionspädagogik, meint dazu: „Es war mir bis zum letzten Semester nicht möglich, Proseminare in der Bildungswissenschaft […] in Anspruch zu nehmen […].“ Probleme, mit denen SmB konfrontiert sind, gehen aber weit über ihren Uni-Alltag hinaus. Liegt eine (biologisch bedingte) Behinderung früh vor, so begegneten viele auf ihrem Bildungsweg Barrieren oder waren Diskriminierungen ausgesetzt. Michaela studiert Ernährungswissenschaften und sammelte Berufserfahrung in Teilzeitjobs. Aufgrund ihrer Sehbehinderung machte sie viele Diskriminierungserfahrungen in ihrer Schulzeit:

„Mit der dicken Brille, da bin ich extrem […] ausgestoßen worden [...]. Die haben mich komplett abgelehnt.“ Probleme aller SmB reichen vom Schuleintritt oder -übertritt bis zu verweigerten Unterstützungsleistungen – was auch teilweise noch an der Universität Wien vorkommt. Michaela schildert, dass sie Angaben am Prüfungsbogen oft nicht lesen konnte und ProfessorInnen auf ihre Bitte um einen größeren Schriftgrad kaum eingingen. Am Arbeitsmarkt werden SmB wegen ihren ‚Unzulänglichkeiten‘ entlassen oder der Zugang bleibt ihnen verwehrt. Hubert berichtet: „Jetzt hab‘ ich mal ein Gespräch gehabt […]. Die hat dann klipp und klar gesagt: Die Chancen tendieren gegen Null.“ Folge davon ist die Abhängigkeit von sozialstaatlichen Leistungen sowie wenig Geld und Sozialkontakte zu haben. Zusätzliche Barrieren sind bürokratische Hürden sowie unflexible Dienstleistungsanbietende.

Sichtweisen von Behinderung und ihre Konsequenzen Das Phänomen Behinderung wird von Seiten der Mehrheitsgesellschaft noch immer als etwas Defizitäres wahrgenommen, das lediglich das Individuum betrifft. Behinderung wird als Schicksal einer Person betrachtet3 und entpolitisiert.4 Krankheit und physische Defizite gilt es zu therapieren. Bedürfnisse und Probleme, die mit der So-

zialstruktur der Gesellschaft zu tun haben, geraten aus dem Blickfeld. Weder Relationalität noch Relativität werden mitgedacht.5 Die zentrale Frage ist, welche gesellschaftlichen Erfahrungen SmB teilen, wie sie erlebt werden und wie Betroffene damit umgehen. Begreift man Behinderung als bio-psycho-soziales Modell, so bedeutet das, dass Behinderung teilweise von ‚innen‘ (psycholog./biolog.) kommt und großteils von außen (behindernde Rahmenbedingungen) hergestellt wird. Eine wichtige Erkenntnis der Interviews war, dass sich manche ausgegrenzte SmB selbst als defizitäre Menschen betrachten und ‚ihre Behinderung‘ biologischen Gegebenheiten und nicht gesellschaftlichen Barrieren zuschreiben. Paula studierte Medizin und ist derzeit in KSA inskribiert. Aufgrund einer chronischen Erkrankung ändert sich ihr Gesundheitszustand von Tag zu Tag. Sie weiß nicht, ob sie kulturelle Veranstaltungen besuchen kann. Flexible Möglichkeiten der Teilnahme fehlen. Verhaltensweisen von ausgegrenzten SmB sind spezifisch ausgeprägt: passiv, zurückhaltend, assimilierend und leistungsbezogen. Sich zugehörig fühlende SmB verfügen über ausreichende und tiefgehende Sozialbeziehungen, einen Job und eine unterstützende Familie. In der Vergangenheit erlebten aber auch sie Diskriminierungen. Gegenwärtig bereiten ihnen politisch-institutionelle Ausgrenzungen Probleme.

Gregor Zamarin

Die Zukunftsaussichten von SmB sind vage und ungewiss. Zu hoffen bleibt, dass der Großteil daran festhält, das begonnene Studium abzuschließen, und dass sich bis dahin die Situation am Arbeitsmarkt sowie rechtliche Gegebenheiten verbessert haben werden. Von gravierendem Nachteil wären Ablehnungen oder Rückgänge von sozialstaatlichen Transfers bzw. Veränderungen des Wohlfahrtsstaats aufgrund der bestehenden ‚Euro-Krise‘. Damit würde einer ohnehin schon marginalisierten Gruppe die Existenzgrundlage entzogen.

Anmerkungen: 1 Zamarin, G.: Exklusionsrisiko Behinderung? Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erfahrung gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Ausgrenzung bei Studierenden mit Behinderung der Universität Wien. Ein empirischer Vergleich. Diplomarbeit 2011. 2 Namen von der Redaktion geändert. 3 Waldschmidt, A.: Disability Studies – Konturen einer neuen Forschungslandschaft. In: Gemeinsam leben, 2. Juventa Verlag. Weinheim 2006, S. 66 – 74. 4 Metzler, H.: Hilfebedarf von Menschen mit Behinderung. Fragebogen zur Erhebung im Lebensbereich „Wohnen/Individuelle Lebensgestaltung“, H.M.B.-W, Version 5, Forschungsstelle Lebenswelten behinderter Menschen, Tübingen 2001. 5 Ebd.

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DEN BLICK IN EINE ROSIGE ZUKUNFT GERICHTET. DRINGLICHKEIT BESTEHT IMMER. Julia Kraus

Die Idee eines uninahen, selbst- Café Rosa – enough or too much?! verwalteten Raums für Studierende wurde schon seit Jahren in Die politischen Grundsätze des Café Rosa madeutlich, worum es bei diesem Projekt und außerhalb des ÖH-Kontexts chen geht: einen Raum mit antirassistischem, antidiskutiert. Bis zur Umsetzung als sexistischem, emanzipatorischem und antikaKoalitionsprojekt der letzten Exe- pitalistischem Anspruch zu schaffen, der sich kutive dauerte es einige Zeit; kein ebenso – wie in den Medien oft kolportiert wurWunder bei einem so aufwändi- de – als antiheteronormativ versteht. Dies sind gen Projekt. Aufgrund der aktuel- keine inhaltslosen Worthülsen, um ein Prolen Situation soll hier mit Gerüch- gramm zu füllen; es sind Leitlinien eines Raums ten aufgeräumt und die Idee des und einer Idee, die sich den gesamtgesellschaftEntwicklungen entgegenstellen möchCafé Rosa bestärkt werden. Ein lichen ten. Es ist der Versuch, einen diskriminierungskleines Resümee. freien(!) Raum zu schaffen, für Studierende und

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usschlaggebend war und ist die an der Universität herrschende Raumknappheit, die durch bestimmte Entscheidungen der Universitätsleitung aufrecht erhalten wird. Selbstverwaltete Räume sind in dieser Gesellschaft Mangelware und werden von staatlicher Seite immer weiter eingeschränkt. Doch speziell an der Uni Wien zeigt sich die voranschreitende Kommerzialisierung öffentlichen Raums. Betrachtet mensch z. B. die Hauptuni, in welcher es vor einigen Jahren noch relativ günstige Cafés gab, oder den Campus im Alten AKH, fällt auf, wie die Universität Wien mit Räumlichkeiten umgeht: Lokale mit Preisen über einem durchschnittlichen Studibudget reihen sich aneinander – allein der Billa bleibt leistbar. Diese Privatisierung von Studierenden zustehendem Raum machte und macht es notwendig, partizipative Strukturen zu schaffen, in denen Menschen sich vernetzen, lernen und politisch aktiv werden, aber vor allem sich selbst organisieren können. Dies wird auch von Studierendenseite aufgezeigt: Mensch erinnere sich nur an die Proteste der Studierenden 2009, während denen das Audimax für zwei Monate besetzt und daraus einen öffentlichen Raum gemacht wurde, der partizipativ und selbstverwaltet gestaltet war.

Menschen, die alltäglichen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Einen Raum, in dem Lebensrealitäten abseits von Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuellen Beziehungsformen nicht in Frage gestellt werden. Im Rosa können sich homo, bi- und transsexuelle Menschen angstfrei und ohne feindliche Blicke bewegen. Die Grundsätze dienen dazu, diesen Zustand zu ermöglichen; und nicht, wie behauptet wird, „ideologische Zugangsbeschränkungen“ zu bauen. Die Beschwerden über das ebenso viel zitierte ‚antiklerikal‘ sind leicht aus dem Weg zu räumen: dadurch werden nicht etwa Menschen mit religiösen Weltanschauungen diskriminiert. Es geht um religiöse Institutionen, wie z. B. die Kirche, die mit exklusorischen und sexistischen Mechanismen arbeitet, die bewusst Menschen stigmatisieren und ausschließen. Mit der Bezeichnung antiklerikal wird religiös motivierten Ressentiments entgegengewirkt – konkret gesagt: Im Café Rosa werden Frauen beispielsweise nicht von christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegner_innen belästigt. Die Notwendigkeit von Räumen wie dem Café Rosa wird besonders durch den Grundsatz des Antikapitalismus deutlich: Kein Konsumzwang bedeutet, dass Menschen im Rosa nicht als Objekte der Kapitalverwertung gesehen werden, sondern die Möglichkeit haben

sollen, Subjekte ihrer eigenen Handlungen zu sein. Natürlich steht dieser Raum nicht außerhalb der Gesellschaft und kann sich auch nicht den Spielregeln des Kapitalismus entziehen. Jedoch wurde ein Ort zur politischen Vernetzung geschaffen, der emanzipatorische und kritische Initiativen ermöglichen soll und eigene Spielregeln im Umgang miteinander entstehen ließ. Auch muss auf die faire Preisgestaltung im Café Rosa hingewiesen werden: diese wurde an die Lebensumstände von Student_innen angepasst. Bei der Entlohnung der bisher Angestellten wurde ebenfalls darauf geachtet, dass diese besser als sonst in der Gastronomie üblich bezahlt werden. Studierende sind heutzutage von vielen diskriminierenden Mechanismen betroffen, besonders im sozialen Bereich (wie Kürzung der Familienbeihilfe, drohende Wiedereinführung der Studiengebühren). Daher ist es dringend notwendig, Räumlichkeiten zu schaffen, die abseits der Logik und dem Zwang des Konsums funktionieren. Räume, die Aufenthaltsmöglichkeiten für und Mitgestaltung durch Studierende bieten. In Veranstaltungen, Workshops u. ä. wird eine Auseinandersetzung mit den Grundsätzen des Cafés ermöglicht; die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig.

Was für ein Kindergarten Über die Struktur eines Plenums soll die Beteiligung vieler Menschen ermöglicht werden. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen ist allerdings zu sagen, dass eine Top-Down-Planung von basisdemokratischen Strukturen nicht einfach umsetzbar ist: Zu wenig partizipativ, und auch etwas hierarchisch – so zeigte sich leider die Realität. Aus diesen Fehlern ist zu lernen. Während der Suche nach neuen Pächter_innen, die eine Auslagerung des kommerziellen Cafébetriebes bewirken und eine stärkere inhaltliche und politische Bespielung ermöglichen sollen, arbeiten derzeit engagierte Menschen

ehrenamtlich im Café Rosa. Sie halten die von Beginn an gedachte, selbstverwaltete Struktur sowie die politischen Grundsätze aufrecht, möglicherweise auch auf Dauer. Das bisher investierte Geld ist keineswegs im Nirvana verschwunden: es floss in die Ablöse, den Umbau unter Berücksichtung der barrierefreien Gestaltung sowie notwendige Renovierungsarbeiten. Das Konzept des Rosa war darauf ausgelegt, dass das Café kostendeckend arbeitet und kein gewinnorientiertes oder Profitinteressen unterworfenes Unternehmen ist. Dies erklärt auch die Bevorzugung der Struktur eines Vereins gegenüber einer GmbH. Dadurch sollte die Mitgestaltung des Café Rosa durch Mitarbeiter_innen, Studierende und ÖH-Ebenen, wie etwa das Frauenreferat und die Studienvertretungen, ermöglicht werden. Wenn, rückblickend betrachtet, auch nicht die wirtschaftlich vorteilhaftesten Verträge abgeschlossen wurden, so sind jedoch Vorwürfe wie Korruption oder persönliche Bereicherung, die von Seiten der konservativen bis rechten Fraktionen und Parteien geäußert werden, entschieden zurückzuweisen. Besonders dann, wenn sie vom politischen Nachwuchs von Grasser, Strasser und Co. kommen. Auch wenn die Zukunft des Café Rosa aktuell noch unklar ist, eins ist dennoch sicher: Es kann niemals genug emanzipatorische, selbstbestimmte und selbstverwaltete Räume geben; nicht an der Uni und schon gar nicht in der breiten Gesellschaft. Der Forderung nach Freiräumen und Selbstermächtigung muss weiterhin Gehör verschafft werden!

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gesellschaft

ÜBER DIE GEEIGNETE KUR DES MATERIALISMUS Lukas Caterpillar

Robert Pfaller ist Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst. Im Interview mit der UNIQUE sprach er über sein neuestes Buch Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. Warum wir wieder über den Materialismus und das gute Leben nachdenken sollten, die Postmoderne und die Frankfurter Schule nicht so weit weg vom Neoliberalismus sind und die Lektüre Spinozas nach wie vor aktuell ist. Warum ein Buch über Materialismus heute? Ich glaube, dass der Begriff des Materialismus nicht nur in gewisser Weise vergessen wurde, sondern, dass er auch so was wie ein symptomatisch blinder Fleck in einem sich als links oder fortschrittlich verstehenden Gegenwartsbewusstsein ist. Hier kann man eine bestimmte Schieflage eines aktuellen linken Bewusstseins erkennen, besonders da der Materialismus nicht nur ein bestimmtes schwerfälliges Erbe des 19. Jahrhunderts und des Stalinismus darstellt, sondern eine der zentralen Triebkräfte im linken Bewusstsein ist, die die Linke aus der Antike geerbt hat. Materialismus ist im Verständnis eines Epikur der Anspruch auf ein gutes Leben, also die Frage, wo bleibt mein gutes Leben und das als Ausgangslage eines politischen Engagements zu machen. Und genau das ist der schiefe oder blinde Fleck im Gegenwartsbewusstsein. Ich glaube, dass das, was Leute derzeit als linkes Bewusstsein begreifen, immer von der Maxime getragen wird, „wir sehen etwas ein“ oder „erkennen etwas“. Ich glaube, gegen dieses Einsehen muss man wieder das Beharren darauf stark machen, was wir eigentlich vom Leben haben wollen. Dann sehen wir vielleicht gleich viel weniger ein. Haben die Leute verlernt, die guten Dinge im Leben zu genießen? Es schien mir alles andere als selbstverständlich, dass Personen, die gewisse Dinge noch vor 20 Jahren als selbstverständlich empfunden haben, diese von sich aus nun ablehnen und politische Repressionsmaßnahmen fordern, wie beim Rauchen. Das nehmen ja nicht nur große Teile der Bevölkerung zähneknirschend hin, sondern zeigen dafür Begeisterung, haben sogar

das Gefühl, beschützt zu werden. Ich habe mich gefragt, warum Leute nun das hassen, was sie eben noch als lustvoll empfunden haben. In ihrem Buch bringen Sie diese Entwicklungen in starken Zusammenhang mit dem Neoliberalismus. Aber schwingt hier nicht so etwas wie „Früher war alles besser“ mit? Natürlich muss man sich vor dem Sager „Früher war alles besser“ schützen, denn er ist dumm und reaktionär. Was man aber schon tun kann, ist, auf bestimmten Ebenen bestimmte Epochen miteinander zu vergleichen. Und wenn man den Vorteil hat, die 1960er auch noch mitbekommen zu haben, muss man eventuell sagen, dass da einiges besser war und einige Leute genussvoller gelebt haben und zwar in großen Mehrheiten. Heute gibt es aber in der ganzen verbreiteten Kultur eine solche Unzufriedenheit, denn alle stört irgendetwas. Diese Unzufriedenheit richtet sich aber nicht darauf, worüber man wirklich unzufrieden sein müsste, nämlich die ökonomischen Entwicklungen, sondern alle stören sich am Genießen und am Glück der Anderen. Sie kritisieren ja nicht nur die Postmoderne, sondern auch jene, die sich für ihren vermeintlichen Gegenpart halten, die Frankfurter Schule. Betrachten wir das Ganze nach dem Punkt der Freiheit. Es gibt eine philosophische Tradition, die innerhalb der deutschsprachigen Philosophie allein vorherrschend ist, und für die Kants Was ist Aufklärung? steht. Es ist der Gedanke, dass die Menschen dann unfrei sind, wenn sie sich in zu geringem Maße als nicht frei erfahren. Der Grund für Unfreiheit ist in dieser Traditionslinie ein Mangel an Subjekterfahrung durch die Subjekte, die halten das für objektiv, was in Wirklichkeit subjektiv ist. Das ist die Spurrinne, in der sich die Frankfurter Schule bewegt, das ist das Paradigma. Deswegen tauchen da Begriffe wie Entfremdung überhaupt erst auf. Dem steht eine ganz andere philosophische Linie, nämlich (o. ä.) Spinozas gegenüber, die bei uns weniger bekannt ist: Subjekte sind dann unfrei, wenn sie sich in einem Übermaß als frei empfinden. Genau dort, wo sie glauben frei zu sein, sind sie in Wahrheit fremdbestimmt. Genau dort, wo sie glauben, sich zu befreien, wo sie glauben, ganz sie selbst zu sein, da herrscht eigentlich was ganz anderes über sie. Das ist dann viel schwieriger aufzudecken und zu kritisieren, weil es die Eitelkeit der Leute kränkt und sie das viel schwe-

rer einsehen können. Ich glaube, das herrscht gerade auf allen Ebenen vor und verhindert sehr oft politischen Widerstand oder effiziente Strategien. Wenn immer das Rezept ist, dass du dich in einem höheren Maße als Subjekt erfahren musst, führt das in den Narzissmus, ebenso wie der Hinweis, das ist alles gemacht oder konstruiert, wie im Konstruktivismus oder der Gender Theory gesagt wird. Das gehört alles zum Paradigma des deutschen Idealismus bzw. des theoretischen Humanismus. Wenn ich weiß, das haben Menschen gemacht, kann man es ändern, wenn ich weiß, dass es von der Natur ist, kann ich es nicht. Das ist doppelt falsch. Menschen können Natürliches genauso ändern wie Geschichtliches. Nur weil ich Geschichtliches erkenne, heißt das aber nicht, dass es leicht veränderbar ist. So lässt sich eingebildetes Geschlecht ja viel schwieriger verändern als natürliches. Das gilt auch für alle anderen gesellschaftlichen Einrichtungen, die sehr oft von gut bewaffneten Einheiten bewacht werden. Zu sagen, das ist nur eine Konstruktion, bringt dann nichts, wenn die anderen viel besser bewaffnet sind. Ist die Gegenüberstellung von Natur und Mensch überhaupt haltbar? Natürlich gibt es Dinge, die der Mensch erschafft, und welche, die unabhängig von ihm existieren. Wieso sollte der Mensch deswegen aus materialistischer Perspektive außerhalb der Natur stehen? Richtig, da bin ich völlig Ihrer Ansicht. Ich würde aber sagen, dass nur die Tradition Spinozas eine wirklich materialistische ist. Spinoza hat gesagt, dass es nur eine Natur gibt. Die Menschen tun so, als wären sie ein Imperium innerhalb eines Imperiums, aber in Wirklichkeit ist das nur eine Natur. Deswegen ist die entscheidende Frage niemals, ist etwas menschlich oder natürlich, sondern die Beharrungskraft der Dinge. Es geht immer darum, wie viel Kraft kostet es, das Ding zu verändern. Natürlicher Analphabetismus von Kindern lässt sich relativ leicht beseitigen, aber sekundärer Analphabetismus von Erwachsenen, die zu viel vorm Fernseher gesessen sind, aber schon einmal Lesen gelernt haben, ist sehr viel schwerer zu beseitigen. Sie gehen also davon aus, dass sich gewisse Momente in der Frankfurter Schule ganz gut mit dem Neoliberalismus vertragen? Die Frankfurter Schule steht sehr stark in der Tradition des deutschen Idealismus, weil sie leider eine philosophische Schule aus einem Land ist, in der die Linke nie gesiegt hat,

wo nie irgendeine positive Revolution erfolgreich war. In so einem Land wird die Kritik dann sehr schnell pauschal und grandios, aber auch zugleich völlig impotent und damit komplizenhaft gegenüber genau jenen Verhältnissen, die sie so apokalyptisch kritisiert. Auch dem gegenüber halte ich mich lieber an Philosophietraditionen aus Ländern, in denen Revolutionen sehr wohl gesiegt haben, wie den Niederlanden oder Frankreich. Oder in denen wenigstens partielle Siege errungen wurden. Dort fällt die Kritik nicht ganz so finster aus, aber dafür manchmal umso treffsicherer. Man muss in den gegenwärtigen Verhältnissen in der Lage sein, die Punkte zu benennen, in denen man intervenieren kann. Und die gibt es ja doch sehr oft, denn das Verhältnis zwischen der Basis und dem Überbau, ist nie ganz harmonisch. Da gibt es immer Spannungen, in die man einhaken kann und Stimmungsumschwünge hervorrufen, die Menschen dazu bringen, dass sie sich nicht mehr alles gefallen lassen und es dulden. Macht es daher auch Sinn, sich an reformistischen Protesten zu beteiligen? Ich würde sagen, dass sich der Kampf um das Allgemeine immer partiell abspielt, das ist das, was Althusser Überdeterminierung genannt hat. Aber es kommt schon darauf an, in diesen partiellen Kämpfen das Allgemeine zu erkennen. Das ist auch absolut notwendig, um Allianzen schließen zu können, die über den partiellen Kampf hinausgehen. Leider ist es aber auch so, dass es gerade in Ländern wie Österreich, in denen Revolutionen nie gelungen sind, eine sehr starke Tendenz gibt, dass sich eine Empörung nach unten richtet anstatt nach oben. Man schimpft sehr viel schneller über einen Ärmeren als über einen Reicheren. Und genau das ist ein Punkt, wo man politisieren muss, wo man versuchen muss, diesen Zorn, der meistens begründet ist, aber nicht in dem wogegen er gerichtet ist, dorthin zu lenken, wo er hingehört. Den Neid hab ich versucht, in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen, als eine Kraft der Verblendung. Man kümmert sich nur um kleine imaginäre Probleme und nicht um die entscheidenden großen Probleme. Ich sehe den Neid als idealistisches Laster und den Materialismus als die geeignete Kur dagegen. Literatur: Pfaller, Robert: Wofür es sich zu leben lohnt: Elemente materialistischer Philosophie. Fischer (S.), Frankfurt 2011.

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ZUR AUFGABE VON KRITIK – IN DER KRISE UND DARÜBER HINAUS Seit mittlerweile knapp fünf Jahren schleppt sich die Weltwirtschaft von einer Krise zur nächsten. Während die Apologet_innen des freien Marktes mit ihren Erklärungen gar nicht nachkommen, ohne schon wieder dem nächsten Krisenphänomen gegenüberzustehen, übt sich die ‚kritische Öffentlichkeit‘ in massenwirksamer Kapitalismuskritik.

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n der Mehrzahl der Krisenanalysen zeigt sich aber, dass die Kritiker_innen des Kapitalismus in der Regel von diesem auch nicht viel mehr verstanden haben als seine leidenschaftlichen Verfechter_innen. Egal ob moraltriefende Empörung über die ,gierigen Spekulanten‘, substanzloses Gerede vom ,entfesselten Raubtierkapitalismus‘, den man wieder domestizieren müsse, oder der beständige Hinweis auf die Macht des Finanzkapitals – in all diesen Narrativen entblößt sich ein fundamentales Nicht-Verstehen dessen, was Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem überhaupt bedeutet und welche Prinzipien ihm zu Grunde liegen. Wer etwa von einem „Kollaps der Moral im 1 finanzgetriebenen Kapitalismus“ spricht, suggeriert damit, dass der kapitalistische Normalzustand ein ,moralisches‘ Verhalten impliziere, auf das man sich lediglich wieder rückbesinnen müsse. In solchen oder ähnlichen Aussagen „wird der Kapitalismus anscheinend für eine

soziale Einrichtung gehalten, die nur durch die zunehmende Habgier der Einzelnen ihre (gegenwärtige) unsoziale Gestalt erhält. Es ist zwar banal darauf hinzuweisen, zuweilen aber wohl notwendig: der einzige Zweck kapitalistischer 2 Produktion ist es Gewinn zu machen.“ Und zwar gilt dies für ausnahmslos jedes kapitalistische Unternehmen, vom Automobilkonzern bis zum Bio-Bauernhof. Mag letzterer auch sympathischer erscheinen, folgt er nichtsdestotrotz ebenso dem kapitalistischen Imperativ der Wertakkumulation.

Unbewusste Planung Der Kapitalismus zeichnet sich gerade dadurch aus, dass nicht die konkreten Bedürfnisse der Menschen den Ausschlag zur Produktion geben, sondern schlicht die Verwertbarkeit bzw. Akkumulationsmöglichkeit des eingesetzten Kapitals. Der (Tausch-)Wert, manifestiert sich in Gestalt des Geldes, fungiert dabei als einzige Vermittlungsinstanz der gesamtgesellschaftlichen Wirtschaftsleistung. Die gesellschaftliche Güterproduktion und -verteilung im Kapitalismus ist daher nicht auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt, sondern kommt lediglich unbewusst über den Wert vermittelt zustande. Dass die Wirtschaftskrise – die im Kapitalismus immer eine Krise der Verwertbarkeit des Kapitals bedeutet – von all den klugen Ökonom_innen und Politiker_innen trotz Sparmaßnahmen, Konjunkturpaketen und Rettungsschirmen nicht und nicht in den Griff zu bekommen ist, sollte daher auch nicht verwundern, entzieht sich die kapitalistische

Wirtschaft doch gerade einer solchen bewussten Planung und Steuerung.

Verkennung des Normalzustandes Da eine solche Einsicht in die Grundkonstitution des Kapitalismus nun aber dessen Reformierung hin zu einer vernünftigen Form gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion aussichtslos erscheinen lässt, wird sie zumeist geflissentlich ignoriert, um auch weiterhin von einem ,guten Kapitalismus‘ delirieren zu können, in dem die ,entfesselten Märkte‘ durch ,Institutionen und Regulierungen‘ wieder zu jener ,Quelle der Freiheit‘ werden, die sie ja eigentlich sind und „dessen Grundausrichtung soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit auf einem hohen Wohlstandsniveau garantieren soll“ 3 – so als wäre der herrschende Imperativ der unbedingten Profitmaximierung eine periphere Angelegenheit, die nur vom Willen der handelnden Politiker_innen und Ökonom_innen abhinge. Jedoch ist ein Gesellschaftssystem, das seinen Mitgliedern den ewigen sinnentleerten Kreislauf von Wertakkumulation um der Akkumulation willen aufzwingt und blind gegenüber allen außerökonomischen Zielen und Zwecken bleibt, per se sozial ungerecht und unökologisch. Nicht dass sich Menschen an Krieg oder mit der Spekulation auf eine Staatspleite bereichern ist empörenswert, sondern dass sich mit Leid und Zerstörung überhaupt Geld verdienen lässt. Nicht die Missstände im Kapitalismus sind anzuklagen, sondern der kapitalistische Normalzustand!

Leo Hiesberger

Kritik, die sich ernst nimmt Fundamentale Kapitalismuskritik sieht sich vor die Aufgabe gestellt, über jenen blinden Kreislauf des rein Ökonomischen hinauszuweisen, und darf sich nicht selbst in bloß ökonomischen Forderungen nach Lohnerhöhung, Vollbeschäftigung oder Finanztransaktionssteuer erschöpfen. Das Projekt der Aufklärung, die Emanzipation des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit (Kant), ist bis heute unvollendet und muss in der kapitalistischen Gesellschaft, die dem Individuum die persönliche Autonomie, die es ihm versprach, nie gewährte, auch notwendig unvollendet bleiben. Zur Emanzipation gehört mithin mehr als nur materielle Versorgung. Die Sklavin, die sich den Bauch vollschlagen kann, ist nicht emanzipiert – die Kapitalistin übrigens genauso wenig. Emanzipation bedeutet, endlich zum Subjekt der eigenen Geschichte zu werden. Anmerkungen: 1 Altvater, Elmar (2009): Die kapitalistischen Plagen. Energiekrise und Klimakollaps, Hunger und Finanzchaos. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. S. 45–59 2 Heinrich, Michael (2002): „Entfesselter Kapitalismus“? – Zur Kritik der Globalisierungskritik. Quelle: www.oekonomiekritik.de/505Entfesselter%20 Kapitalismus.htm (Zugriff: 29.2.2012) 3 Dullien, Sebastian / Herr, Hansjörg / Kellermann, Christian (2009): Der gute Kapitalismus … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste. Bielefeld

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POSTDEMOKRATIE, WHAT THE FUCK? In der Demokratieforschung kursiert seit etwa zehn Jahren das Konzept Postdemokratie. Die konzeptionelle Unschärfe und scheinbare Unverbindlichkeit der Begrifflichkeit führen jedoch meist zu einer undifferenzierten Verwendung. Daraus ergibt sich die Frage, was das Konzept tatsächlich erklären kann und auf welche grundlegenden Problemstellungen repräsentativer Demokratie eingegangen wird.

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er Begriff der postdemokratie wurde im Wesentlichen von Colin Crouch geprägt, der in seinem gleichnamigen Buch (erstmals erschienen 2003) grundsätzlich auf die soziopolitische und sozioökonomische Einbettung von Demokratie verweist. Denn entgegen der Annahme rein institutionalistischer Herangehensweisen gibt es trotz der ungestörten Prozeduren von regelmäßig stattfindenden Wahlen und der Arbeit in Regierungs- und Parlamentsgremien einen zunehmenden Verdruss über das politische System seitens der Bevölkerung. Crouch konstatiert, dass das Modell liberaler Demokratie, wie es sich in den USA idealtypisch darstellt, spätestens seit 1989 als weltumspannende Norm gilt. Partizipa-

tion ist hierbei im Wesentlichen auf den Modus der Stimmabgabe bei Wahlen beschränkt, wobei politisches Engagement immer mehr in der Sphäre der Zivilgesellschaft, etwa in Form von NGOs, ausgeübt wird. Die Parteien als klassischer Bereich des politischen Aktivismus werden dabei zunehmend gemieden, und es finden sich nur selten Freiwillige, die den Gang durch die Institutionen innerhalb des politischen Apparates antreten. Der Kernbereich repräsentativer demokratischer Institutionen (Parteien, Parlamente) scheint mit dem Problem behaftet zu sein, realpolitisch nicht wirklich etwas bewirken zu können. Vielmehr liegt die Entscheidungsinstanz letztlich bei Akteur_innen außerhalb der politischen Sphäre in der Wirtschaft. Politik wird zur Angelegenheit von Eliten und Expert_innen, wobei sich die Kritik an der Politik selbst, der eine zunehmende Handlungsunfähigkeit gegenüber aktuellen Problemlagen (Wirtschaftskrise, Spekulationen auf den Finanzmärkten etc.) zugeschrieben wird, auf Vorwürfe gegenüber Einzelpersonen fokussiert.

Anspruch und Wirklichkeit Insgesamt spielt Postdemokratie auf Funktionsstörungen im politischen System an, wobei Wahlkämpfe vermehrt den Charakter von Events bekommen, externe Berater_innen das AgendaSetting von Parteien bestimmen, die Politik in

erster Linie die Interessen der Wirtschaft vertritt und Bürger_innen zunehmend in eine passive Rolle gedrängt werden. In diesem Kontext sind jedoch die Ansprüche und Realität repräsentativer Demokratie zu beachten. Der Grundsatz der Gleichheit findet in diesem Fall seine Verwirklichung einzig in der Gleichwertigkeit aller bei den Wahlen abgegebenen Stimmen. Andere darüber hinausgehende Partizipationsmodelle, die in erster Linie auf der Ebene der Zivilgesellschaft angesiedelt sind, bergen wiederum potentielle Ausschlussfaktoren, die sich über materielle Ressourcen, Bildung und die gesellschaftliche Position definieren. Dahingehend äußert Dirk Jörke das Bedenken, dass neue direktdemokratische Verfahren könnten den Trend zur Postdemokratie und damit zu einem elitären Verständnis von Politikgestaltung verdichten.

Politik vs. Wirtschaft? Ein wesentlicher Kritikpunkt am Konzept der Postdemokratie ist die Annahme der Dichotomie vom Staat als genuin politischer Sphäre einerseits und der Wirtschaft andererseits. Aus marxistischer Perspektive entwickeln sich Staat und Ökonomie in der notwendigen Funktionsteilung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Wirtschaft und Politik stehen daher in einem engen Wechselverhältnis, wobei Demokratie der Ausdruck einer Herrschafts-

Richard Sattler

form ist. Die bei Crouch konstatierte Krise der Demokratie verweist damit auf eine Transformation dieses Herrschaftsverhältnisses, die letztlich das Überleben der derzeitigen Ausbeutungsverhältnisse sicherstellen soll. Postdemokratie ist einerseits eine Problemdiagnose für Demokratiemodelle in westlichen Industriestaaten dar. Andererseits verweist der Versuch der Operationalisierung des Konzepts auf einen weitaus umfangreicheren Themenkomplex, bei dem unter anderem die Frage des Umgangs mit der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise in den Blick gerät. Die Rücknahme demokratischer Entscheidungsverfahren und die Berufung von Expert_innenregierungen wie im Falle Griechenlands oder Italiens spiegeln die postdemokratische Entwicklung wider. Gleichzeitig zeigt sich hierbei die Tatsache, dass auch Demokratie autoritäre Tendenzen entwickeln kann und damit immer von den sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten abhängig ist. Literatur: Colin Crouch, 2008: Postdemokratie, Suhrkamp Alex Demirovic, 2007: Nicos Poulantzas. Aktualität und Probleme materialistischer Staatstheorie, Westfälisches Dampfboot Dirk Jörke, 2005: Auf dem Weg zur Postdemokratie, in: Leviathan, 33. Jg., Nr. 4, S. 482–491 - Paul Nolte, 2011: Von der repräsentativen zur multiplen Demokratie, in: APuZ, Nr. 1–2, 3.1.2011, S. 5–12

ÖSTERREICHISCHE KELLER ... // Österreich und seine Vergangenheit – dieses Begriffspaar lässt wirklich nichts Gutes erahnen; besonders dann nicht, wenn es um seine NS-Vergangenheit geht. Dieses Mal erhitzt der Plan zur Errichtung eines Denkmals für WehrmachtsDeserteur_innen in Wien die Gemüter. Der Österreichische Kameradschaftsbund protestierte „in aller Schärfe“ dagegen: nicht nur wäre es „skandalös“ ein solches Denkmal „auf Kosten der Steuerzahler“ zu errichten, sondern dies gelte auch für den Tatbestand der Desertation an sich – der ja ein Strafdelikt in allen Rechtsstaaten sei. Daher plädiert der Kammeradschaftsbund für eine sofortige Einstellung der Vorhaben. Dies wird allerdings nicht geschehen, da die Initiative ganz offiziell von der Stadt Wien ausgeht; daher gab es auf die Aussendung des Kameradschaftsbundes direkt ‚scharfe‘ Kritik zurück, in der sogar Norbert Darabos von einer Verharmlosung des „menschenverachtende[n] Nazi-Regimes” sprach. // Apropos Desertation: Ein Salzburger Wehrmachts-Deserteur, der im KZ Mauthausen ermordet wurde, hat aktuell keine guten Aussichten auf Rehabilitation.

Das Landesgericht für Strafsachen Wien wies den Antrag seiner Tochter mit der Begründung der Nicht-Auffindbarkeit des NS-Urteils ab. // Zum Thema Rechtsextremismus könnten wir Bände schreiben. Da es aber auch genug andere Absurditäten in Österreich gibt, hier nur mal zwei ‚Schmankerl‘: Vor ein paar Wochen begann in der Steiermark der Prozess gegen acht Männer, denen NS-Wiederbetätigung und schwere Körperverletzung vorgeworfen wird. Es geht dabei um Vorfälle aus dem Jahr 2010 während eines WM-Public Viewings und einen Überfall auf ein Studi-Beisls in Graz: Laut Augenzeug_innen sollen die Angeklagten durch Rufe wie „Heil Hitler!“ und „Nigger“ sowie ein äußerst aggressives Auftreten aufgefallen sein. Vor Gericht wissen sie von alledem nichts mehr, manch einer behauptet gar, nicht anwesend gewesen zu sein. Dafür hätte er zwar Zeug_innen – seine Freundin und ihre Mutter – letztere wolle allerdings nicht offiziell aussagen, da der Prozess medial aufgebauscht werde und sie für die SPÖ arbeite. Nebenbei sei nur kurz erwähnt, dass zwei der Angeklagten hochrangige RFJ-Funktionäre

sind. Überraschung! // Nummer zwei betrifft den Verfassungsschutz. Nachdem SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas die Wiedereinführung eines gesonderten RechtsextremismusBerichts, der auch Burschenschaften enthalten soll (diese wurden während Blau-Schwarz aus dem VS-Bericht gestrichen), gefordert hat, reagierte das Innenministerium mit Ablehnung, da Rechtsextremismus im VS-Bericht enthalten und dies ausreichend sei. Und zu den Burschenschaften meinte ein Sprecher nur: „Wenn Burschenschaften strafrechtlich relevant würden, dann seien sie auch im VerfassungsschutzBericht enthalten […].” Da soll noch einmal wer behaupten, der VS sei auf dem rechten Auge blind. Und die Frau Rudas – sie könne sich auch einen „Linksextremismus-Bericht“ vorstellen, jedoch sei ein solcher aufgrund der derzeitigen Entwicklungen nicht aktuell. Das hört sich doch etwas nach diesem gleichsetzenden Extremismusquatsch an. // Die FPÖ in Innsbruck ist momentan in aller Munde. Warum? Nur mal wieder wegen Verhetzung auf ihren Wahlplakaten, weswegen sie auch angezeigt wurde. August Penz hat

nämlich den ‚tollen‘ „Plan für Innsbruck: Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“. Na dann. // Außerdem wird der ‚gläserne Mensch’ ab 01.04. in Österreich noch durchsichtiger. Wer wann mit wem telefoniert, SMS oder E-mails schreibt soll für sechs Monate gespeichert werden. Ob es sich dabei um einen Aprilscherz handelt oder nicht, bleibt abzuwarten. // Zum KorruptionsU-Ausschuss mit allem Drum und Dran wissen wir gar nicht, was wir alles sagen sollen – denn ein Brüller folgt dem anderen. Daher sagen wir einfach mal nur dazu: lest selbst und staunt. // Über den Kindergarten-Aufstand, das Café Rosa und der begleitenden Berichterstattungen ersparen wir uns auch jegliches Kommentar. Zum Rosa gibt es auf Seite xx einen Artikel; und den Kindergarten, lassen wir Kindergarten sein. // Zu guter Letzt wollen wir euch eine großartige Krone-Berichterstattung nicht vorenthalten, die den Titel trägt: „Bus-Mafia schlug in Wien binnen kurzer Zeit fünf Mal zu.” Dabei geht es um „dreiste Kriminelle”, die seit Ende Februar schon fünf Reisebusse von gebührenpflichtigen Parkplätzen gestohlen haben sollen. // ...

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Im Votivkino (1090, Währingerstraße 12) votivkino.at ** Mittwoch, 25. April, 19:00 Uhr: „Periferic“ – Aus der Filmreihe „Cultural Frames re.mapping.identity“; visuelle Kultur, kulturelle Identifikation und Hybridität. Regie: Bogdan George Apetri. Im Amerlinghaus (1070, Stiftgasse) amerlinghaus.at ** Dienstag, 17. April bis Freitag, 4. Mai, immer 19:00 (10 Termine): Ist alles nix? Eine Sinnsuche. Performance-Installation mit Livemusik. Mo.ë. (1170, Thelemangasse 4/1) duschungelwien.at

THEORIE/ LESUNG/ INFORMATION ** Jeden 1. Dienstag im Monat, ab 20:00 Uhr: Prekär Café – Veranstaltungen zur Auseinandersetzung mit dem Thema Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen. In der W23 (1010, Wipplingerstraße 23) prekaer.at ** Jeden 1. Donnerstag im Monat, 19:00 Uhr Lesekreis: „Was hat die Krise mit mir zu tun?“, Veranstaltung des Theoriebüro In der Schenke (1080, Pfeilgasse 33) theoriebüro.org

** Mittwoch, 11. April, 19:00 Uhr: DICHT-FEST – gemeinsam mit der Grazer Autorinnen_Autoren_Versammlung In der alten Schmiede (1010, Schönlaterngasse 9) alte-schmiede.at

von Sabeth Buchmann. Im Rahmen der Ringvorlesung „Theoretische Ansätze und Methoden“. An der Akademie der Bildenden Künste Wien (1010, Schillerplatz 3) akbild.ac.at

** Dienstag, 17. April, 09:00 bis 17:00 Uhr: Workshop: Der Weg zur beruflichen Gleichstellung. Am Beispiel von Bibliothekarinnen. Am IWK (1090, Berggasse 17/1)

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** Dienstag, 17. April, 19:00 Uhr: Vortrag: Postmoderne/Postmodernismus

** Mittwoch, 25. April 2012, 19:00 Uhr: Feminismus in der biologischen Forschung - Feminismen diskutieren. Mit Margarete Maurer, Philosophin und Mikrobiologin, Uni Innsbruck. Im Depot (1070, Breitegasse 3) depot.or.at

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Asphalt & Neonlicht

Eva Grigori

IM GESPRÄCH MIT: DISCO DEMONS An ihm kommt eins in der hiesigen Musikszene kaum mehr vorbei: Jakob Bouchal a.k.a. Disco Demons ist „das wohl beste Komplettpaket, was Österreich zu bieten hat“ (drlima.net). Als Blogger, DJ und Veranstalter bringt er seit 2008 Tanzwütige im In- und Ausland an die aktuellsten Sounds und mit seinen vielschichtigen Sets entlang der Genregrenzen elektronischer Tanzmusik zur Ekstase. „Seit meinem ersten iPod (rest in pieces!) habe ich sehr regelmäßig und mit viel Leidenschaft meinen Freundeskreis mit meiner Lieblingsmusik zwangsbeglückt – das lauter, nachts und auf einer Bühne zu tun, kristallisierte sich bald als logischer

nächster Schritt heraus“, erläutert er seinen Werdegang. An dieser Motivation, der Liebe zu Musik, hat sich auch mit dem anhaltenden Erfolg nichts geändert. Zuletzt veröffentlichte er einen vielbeachteten Edit von The Glitch Mob, „We Can Make the World Stop“, und auch wenn Studium und Privatleben nicht zu kurz kommen dürfen, wird es in Zukunft hoffentlich weitere ProducingProjekte geben. Über die Professionalität seines Schaffens erklärt Jakob: „Natürlich träumt wohl jeder, der mit Musik in welcher Form auch immer Geld verdient, davon, das Hobby irgendwann vollends zum Beruf zu machen – und ich

** Bis 04. Mai, 2012: Special Edition. Kuratiert von Hildegard Projekt. In der Galerie der IG BILDENDE KUNST (1060, Gumpendorferstraße 10 – 12) igbildendekunst.at

** Bis 28. Mai 2012: Claes Oldenburg: The Sixties. Wie das industriell gefertigte Objekt in immer neuen Metamorphosen zum kulturellen Symbol von Imaginationen, Wünschen und

müsste wohl lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das nicht auch oft mache. Oft ist die Gage für einen guten Gig nur das sprichwörtliche Zuckerl, manchmal aber stellt sich schon eine berufsähnliche Routine ein. Tagsüber Student, nachts DJ – das trifft es wohl noch am besten.“ Die florierende hiesige Club- und Musikszene sieht er zwiespältig. „Als Gast freue ich mich natürlich über das gute Angebot, als Veranstalter beobachte ich eine Übersättigung der Szene. Als DJ bekomme ich einerseits mehr Anfragen denn je, andererseits muss ich immer mehr auswählen, um nicht auf der komplett falschen Party zu landen…“ Auch warnt er, die

Wiener Szene über den Klee zu loben, sei sie doch im internationalen Vergleich verschwindend klein. Hier liege aber auch ihr Reiz: „VeranstalterInnen, DJs und oft sogar Partygäste kennen sich, ohne allerdings einen elitären geschlossenen Kreis zu bilden. Mir persönlich fehlt manchmal etwas Aufgeschlossenheit beim Publikum: gegenüber neuen Sounds, gegenüber Artists, die in Österreich noch wenig populär sind, gegenüber unkonventionellen Ideen generell.“ Link: www.discodemons.net

ChickLit

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AUSSTELLUNGEN ** Donnerstag, 19. April, 20:00 Uhr: Jüdische Lebenswelten – Vernissage zur Fotoausstellung von Shani Bar On, mit Filmpräsentation („Eine verschwundene Welt“) & Musik. Im Amerlinghaus (1070, Stiftgasse 8) amerlinghaus.at

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Im Tüwi (1190, Peter-Jordan-Straße 76) tuewi.action.at ** Donnerstag, 19. April, 19:00 Uhr: Spiel mir das Lied … auf Schellack. Klänge aus der Türkei, Spanien, Österreich. Im Vereinslokal „Vereinigung der Studenten und Jugendlichen aus der Türkei in Wien“ im WUK (1090, Währingerstr. 59) wuk.at

** Samstag, 21. April, 22:00 Uhr: Bretterbodendisko. Eintritt: 3 €. Foyer, Bar im Künstlerhaus (1010, Karlsplatz 5a) brut-wien.at ** Freitag, 27. April, 22:00 Uhr: Discolab Venster 99 (Gürtelbogen 99)

TREFFPUNKTE ** Einmal im Monat: Die Thewi lädt alle Frauen, Lesben, Transgender- und Intersex-Personen zum *Frauenraum. Im Bagru Thewi Raum (1080, Berggasse 11) thewi.at ** Jeden Montag und Donnerstag, 16:00 bis 20:00 Uhr: Kostnixladen, Café, Anarchistische Bibliothek & Archiv, Theoriebüro. In der Schenke (1080, Pfeilgasse 33) umsonstladen.at ** Jeden Mittwoch und Freitag, 17:00 bis 20:00 Uhr: Die Biliothek – von unten. Infos: bibliothek-vonunten.org. read – resist – rebel – revolt In der W23 (1010, Wipplingerstraße 23) wipplinger.blogspot.com

** Jeden Donnerstag, ab 20:00 Uhr: Politdiskubeisl Im EKH (1100, Wielandgasse 2 – 4) med-user.net/~ekh ** Jeden Donnerstag, ab 20:00 Uhr: Subversives Freiräumchen zum Abschalten und Revolutionen planen mit Stil – links, subversiv, mit Flirtfaktor. In der Rosa Lila Villa, 1. Stock (1060, Linke Wienzeile 102) villa.at ** Jeden 1. Donnerstag im Monat, 20:00 Uhr: Volxlesung – mensch kann lesen, singen, rappen, stricken oder einfach nur zuhören, Pausen werden angenehm beschallt. Im Einbaumöbel (1090, Gürtelbogen) 1bm.at

** Jeden Donnerstag und Freitag, 18:00 bis 24:00 Uhr: Frauencafé Wien geöffnet! Plenum jeden ersten Donnerstag im Monat. Im Frauencafé (1080, Lange Gasse 11) frauencafé.com ** Jeden Freitag 16:00 bis 19:00 Uhr: Kindercafé – offen für alle! Im Kindercafé Lolligo (1010, Fischerstiege 4 – 8) lolligo.net ** Jeden Samstag, ab 20:00 Uhr: SilentBar Freie Preise, selber denken! Im PerpetuuMobile 2.3 (1150, Geibelg. 23) kukuma.blogsport.eu

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DAS SAGEN DER WAHRHEIT Fünf Schwierigkeiten gebe es, so Brecht, beim Sagen der Wahrheit. Hürden, die der Lyriker Heinrich Heine in seiner Dichtung zu nehmen versucht hatte.

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uf folgende Probleme mit klingenden Titelchen stößt die Wahrheitssuchende, schenkt sie Brecht Glauben: Vielleicht fehlt ihr „Der Mut, die Wahrheit zu schreiben“ oder aber es mangelt ihr an „Klugheit, die Wahrheit zu erkennen“. Hat sie diese Punkte zufriedenstellend bewältigt, muss sie immer noch die „Kunst, die Wahrheit handhabbar zu machen als eine Waffe“ beherrschen und entschlossen fortschreiten zum „Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen die Wahrheit wirksam wird“. Schließlich bedarf sie noch der „List, die Wahrheit unter vielen zu verbreiten“. Für Heine dagegen ist die Domaine der Dichtung zunächst eine eigene reine Sphäre, ein Anderes zur Welt. Nach seiner Auseinan-

dersetzung mit revolutionärem Gedankengut, seinem Austausch mit Marx, scheint ihm diese Art der Literatur jedoch immer machtloser. Die Frage, ob Literatur politisch werden könne und solle, beginnt ihn mehr und mehr zu beschäftigen. Wenn sie sich aufs Feld der Politik begäbe, wäre das nicht Verrat an dieser anderen Welt, der reinen Welt der Fantasie? Wie aber kann ein Gedicht wahr sein, das die Augen verschließt vor den gesellschaftlichen Missständen? Schwierigkeiten beim Sagen der Wahrheit.

Politische Dichtung Heines Zeitgedichte stellen einen Versuch dar, politisch zu dichten. Sie richten sich an das klassenbewusste Proletariat und gehen dort ob ihrer gebundenen Sprache und Reimform von Mund zu Mund. Die Zensur vermag ihnen nicht beizukommen, denn die Gedichte werden auswendig gelernt und im kleinen Rahmen rezitiert und weitergegeben. Die bissigen Texte, meist nach deutlichem Reim- und Versschema

Simon Sailer

gefertigt, werden in revolutionären Flugblättern zitiert und erfreuen sich großer Beliebtheit. Ihre Form eignet sich zum Behalten und zur politischen Agitation. Je klarer und eingängiger ein Gedicht, umso leichter bleibt es im Gedächtnis. Die Texte nehmen einige der Brechtschen Ratschläge vorweg. So greifen sie etwa auf die bewährte Technik zurück, vordergründig von etwas anderem zu schreiben, das sich aber leicht auf die Gegenwart übertragen lässt. Eines der Zeitgedichte handelt von einem chinesischen Kaiser, der sich sein Reich schöntrinkt. „Mein Vater war ein trockner Taps, / Ein nüchterner Duckmäuser, / Ich aber trinke meinen Schnaps / Und bin ein großer Kaiser.“ So können im Laufe des Gedichts alle Übel, die sich in Heines Deutschland wiederfinden lassen, abgehandelt werden, und es schwingt sogar die Möglichkeit der Änderung mit, die – zwar noch als Schnapsfantasie – hofft, verwirklicht zu werden. „Allüberall ist Überfluß, / Und es gesunden die Kranken; / Mein Hofweltweiser Confusius / Bekömmt die klarsten Gedanken.“

Wo sind die Zeiten dahin ... Heute muten sowohl Brechts Ratschläge wie Heines Zeitgedichte gealtert an. Höchstens kommt noch falsche nostalgische Sehnsucht auf: nach einer Zeit, in der die Menschen noch Gedichte lasen und in der Literatur und Kunst noch etwas bewirken zu können schienen. Aber eine Zensur, die überlistbar wäre, gibt es nicht mehr. Der Markt und der Druck des Erfolges lassen sich nicht täuschen – verkauft ist verkauft und wer nicht verkauft, hat schlecht geschrieben und ist damit der Unwahrheit überführt. Auch ist fraglich, in welchen Händen die Wahrheit wirksam werden soll und was es bedeuten könnte, sie zu erkennen. Viele wollen von der Wahrheit schon gar nichts mehr hören, sie erklären diese zu einem Märchen und sehen sie damit als erledigt an. Schließlich gerät die Brechtsche List, sie „unter vielen zu verbreiten“, zur Marketingstrategie und lässt die Literatur konformistisch auf das Niveau des zahlungskräftigen Geschmacks herabsinken. Eher heißt heute überhaupt zu dichten schon auf Wirkung zu verzichten.

DER UNBEKANNTE GEORGE ORWELL Über die Kritik an linken und rechten Totalitarismen und das Festhalten an eine bessere Welt.

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en meisten ist George Orwell als Autor von Animal Farm und 1984 bekannt. Beide Romane konnten in Unkenntnis der Biografie des Autors als reine Kritik am Kommunismus gelesen werden, was im Klima des Kalten Krieges wohl zu ihrem Erfolg im Westen beitrug. Doch anders als es die antikommunistischen Rezipientinnen und Rezipienten gerne gehabt hätten, spielt 1984 nicht in Russland, sondern in England – und dies ist kein Zufall. Orwell hatte 1984 nicht in der Absicht geschrieben, gegen den Sozialismus oder die Labour Party zu agitieren; vielmehr wollte er mit seinem Roman darauf aufmerksam machen, 1 dass der Totalitarismus auch im Westen obsiegen könnte, wenn man ihm nicht entschlossen genug entgegentrete. Die linksliberale Rezeption wiederum beschränkte sich meist nur auf die technischen Überwachungsaspekte des Buches. Die Kritik an der Geschichtsschreibung, der Umbau der Sprache, die Abkehr vom Wahrheitsgedanken und der Verfall des Rechtssystems wurden jedoch ausgeklammert: Denn bei diesen Themen wären viele linksliberale und postmoderne Rezipientinnen und Rezipienten selbst von Orwells Kritik getroffen worden. Dem Sozialisten Orwell kann die rein antikommunistische Lesart seiner Bücher nicht angelastet werden. Er schrieb seine Kritik, um den Gedanken an eine befreite Gesellschaft zu retten, und hat zeitlebens nie ein Geheimnis aus

seiner Sympathie für eine vernünftig eingerichtete Welt gemacht. In seinem Text Zur Verhinderung von Literatur aus dem Jahre 1946 schrieb er: „Einem kann man zustimmen, und die meisten aufgeklärten Menschen tun dies auch: daß, wie die Kommunisten erklären, wahre Freiheit nur in einer klassenlosen Gesellschaft möglich sei und daß heute derjenige schon annähernd frei ist, der für das Zustandekommen einer solchen Gesellschaft kämpft.“2 Trotz seines Engagements in der linkssozialistischen Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) während des Spanischen Bürgerkriegs blieb auch die radikale Linke vor seiner schneidenden Kritik nicht verschont. Dass sie die Kritik traf, war zwei Umständen geschuldet: ihrer Anhängerschaft oder zumindest Duldung der stalinistischen Politik und ihrem Pazifismus im Zweiten Weltkrieg.

Objektiv betrachtet ist der Pazifist pro-nazistisch. (George Orwell) Entgegen der eigenen Selbstdarstellung hatten sich die Gruppen und Parteien links der Labour Party im Kampf gegen die Nazis nicht mit Ruhm bekleckert. Als deutsche Kampfflugzeuge Großbritannien bombardierten, flüchtete sich ein Großteil der britischen Linksradikalen in einen abstrakten Pazifismus und verurteilte den imperialistischen Krieg Großbritanniens. Dem kriegsbefürwortenden Orwell blieb nichts anderes übrig, als 1940 enttäuscht zu schreiben: „Ich war eine Zeitlang Mitglied der Independent Labour Party, trat aber zu Beginn des gegenwärtigen Krieges wieder aus, weil ich glaubte, dass diese Leute Unsinn redeten und eine politische

Richtung verfolgten, die Hitler seine Vorhaben nur erleichtern konnten.“ 3 Als einer, der den Antisemitismus4 ernstnahm, wusste Orwell auch, welche Frage der Lackmustest für den Pazifismus war: „Was passiert mit den Jüdinnen und Juden?“ Die Frage sei, ob man ihrer Ausrottung einfach zusehen wolle, und welche anderen Mittel als der Krieg blieben, um die Vernichtung der Jüdinnen und Juden zu verhindern. Denn: „Wann und wo ist je ein moderner Industriestaat zusammengebrochen, sofern er nicht von außen mit militärischen Mitteln erobert worden ist?“5 Bis auf Gandhi seien dieser Frage alle Pazifisten und Pazifistinnen aus dem Weg gegangen, und dieser habe die Frage in einer Deutlichkeit beantwortet, die in jedem Pazifisten und jeder Pazifistin Abscheu vor sich selbst hätte hervorrufen müssen. Gandhi plädierte nämlich für einen kollektiven Selbstmord der Jüdinnen und Juden, um Deutschland und die Welt gegen Hitler aufzurütteln. Nach dem Krieg rechtfertigte er dies mit dem Umstand, dass die Jüdinnen und Juden sowieso gestorben wären.6 Neben seiner Kritik am Pazifismus lenkt Orwell den Blick auf einen weiteren Aspekt, der auch heute noch wirkmächtig ist: „Die Wahrheit wird zur Unwahrheit, wenn der Feind sich äußert.“ 7 Kriegsverbrechen, die eben noch geglaubt wurden, bezweifelte die britische Linke ab dem Zeitpunkt, als auch die englische Regierung sie in den Fokus nahm. Wusste die Linke in Großbritannien vor 1938 bestens über die Vorgänge in Deutschland Bescheid, zweifelte sie nach dem Kriegseintritt Großbritanniens gegen Deutschland sogar an der Existenz der Gestapo.

Michael Fischer

Freundinnen und Freunde machte sich Orwell mit derlei Analysen in weiten Teilen der Linken natürlich keine. Doch sein Wahrheitsanspruch war ihm wichtiger als Leuten zu schmeicheln, die zufällig auch irgendeine Vorstellung von Sozialismus hatten. So schrieb Orwell 1948: „Vielleicht ist es nicht einmal ein schlechtes Zeichen für einen Schriftsteller heute, reaktionärer Tendenzen verdächtigt zu werden, so wie es vor zwanzig Jahren ein schlechtes Zeichen gewesen wäre, nicht der Sympathie für den Kommunismus verdächtigt zu werden.“ 8 Anmerkungen: 1 Orwells Totalitarismus-Begriff liest sich sehr klassenkämpferisch und ist an die marxistischen Faschismustheorien seiner Zeit angelehnt: „Eine Gesellschaft wird immer dann totalitär, wenn ihre Struktur offenkundig künstlich wird, das heißt, wenn die herrschende Klasse ihre eigentliche Funktion verliert und sich nur noch durch Gewalt oder Betrug an die Macht klammert.“ 2 George Orwell: Rache ist sauer. Zürich 1975, S. 81 3 Ebd., S. 8 4 Den Antisemitismus verortete er nicht nur in Europa; in seiner Aufzählung der Anhänger des Faschismus finden sich neben den europäischen Nazikollaborateuren auch die Namen Ezra Pound, Father Coughlin und der Mufti von Jerusalem. In einem Reisebericht über Marrakesch schrieb er bereits 1939 über den Antisemitismus, den er dort vorfand. (George Orwell: Im Inneren des Wals. Zürich 1975, S. 81) 5 George Orwell: Rache ist Sauer. Zürich 1975, S. 26 6 Ebd., S. 167 7 Ebd., S. 16 8 Ebd., S. 179

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IMPRESSIONEN VERBLASSTER PHANTASIE „In der unumgänglichen Reflexion, was möglich, was nicht mehr möglich sei; in der hellen Einsicht in Techniken und Materialien und die Stimmigkeit ihres Verhältnisses konzen1 triert sich geschichtliches Bewußtsein.“

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er heute ein Bild im Stil des Impressionismus malt, hat sich ganz dem Kitsch verschrieben. Die bloße Schönheit des Eindrucks darstellen zu wollen verkommt in einer Gesellschaft wie dieser zu dem zynischen Argument, immerhin lasse sich in der stillen Bewunderung des Gegenstands Schönheit noch ungetrübt genießen. Ein Bedürfnis nach Kunst, die den unverfänglichen subjektiven Eindruck festhält, besteht allemal, und auch in Wien gehören Ausstellungen impressionistischer KünstlerInnen zum bildungsbürgerlichen Alltag. Da die aktuelle Zusammenschau in der Albertina ein für den Impressionismus vermeintlich untypisches Thema gewählt hat – nämlich Zeichnungen –, scheint sie umso geeigneter, sein Typisches herauszuarbeiten2 und der Frage nachzugehen, wie sich seine Entwicklung

von der Skandalkunst zur Prestigekunst erklären lasse.

Bürgerliche Subversion Es ist die Darstellung einer Welt des Glücks, das künstlerische Ausformulieren des bürgerlichen Glücksversprechens, woran man sich damals zu stoßen vermochte und woran man sich heute ergötzt. Beim Anbruch einer neuen Epoche hinkt das Denken den materiellen Verhältnissen hinterher, und nicht selten liegt es an der künstlerischen Avantgarde, der Gesellschaft den Geist vorzuführen, welchem sie einige Zeit später als Ideologie anhängen werde. Wie sehr dieses Versprechen und die Ahnung von der Möglichkeit des völlig Neuen im Jahrhundert ihres gesellschaftlichen Aufkommens jedoch an der Substanz der Geschichte gerührt hat, zeigt die allgemeine Empörung, mit der man den ImpressionistInnen allenthalben begegnete. Die Freiheit, gleichbedeutend mit Glück und Zentrum der bürgerlichen Ideologie, drängt sich dort am deutlichsten auf, wo ihr zu Leibe

gerückt wird. In der Zeichnung pressen die Linien die Realität in ihr Korsett, die Starrheit der Verhältnisse und ihre determinierende Macht werden durch den trennenden Strich repräsentiert. Doch im Vibrieren der Linien in den Zeichnungen der ImpressionistInnen erfährt die ungestüme Freiheit des bürgerlichen Subjekts ihre ästhetische Realisierung. Die zitternde Hand der Künstlerin verbildlicht das revolutionäre Zittern der kapitalistischen Gesellschaft in ihrer Entstehungszeit. Allein, wie der Kapitalismus schon bald alles Revolutionäre zugunsten der gesellschaftlichen Verhärtung aufgab, wandelte sich auch die Unruhe des Impressionismus zum starren Stil einer Epoche.3 In der Motivik steht über allem die Darstellung der Idylle des Alltags, allgegenwärtig ist die Glückseligkeit des bürgerlichen Lebens. Der scheinbare Gegensatz etwa der Landschaften von Monet und Pissarro und der Porträts von Renoir und Degas löst sich auf in die Harmonie zweier komplementärer Subgenres: hier die Schönheit der bezwungenen Natur, dort die Schönheit des Einzelnen, selbst der sozialen Außenseiterin.

Simon Gansinger

Verlorene Kunst Weil sie Schönheit durch die Hand eines autonomen Subjekts darzustellen wagte und so an die Möglichkeit eines Besseren erinnerte, führte die impressionistische Kunst in der Zeit ihrer Entstehung zu allgemeiner Irritation. Heute, da diese Ahnung von Befreiung verloren ist, dient sie als Anlass, einen Nachmittag entspannt „Kultur zu tanken“. Oder aber, sich auf sie einzulassen und des Verlorenen gewahr zu werden. Die Ausstellung „Impressionismus. Pastelle – Aquarelle – Zeichnungen“ ist noch bis 13.5.2012 in der Albertina zu sehen. Anmerkungen: 1 Adorno, Theodor W.: Über Tradition. In: GS 10, S. 319f 2 Der Autor ist sich der Differenzen zwischen den impressionistischen KünstlerInnen durchaus bewusst; der Artikel ist ein Versuch, das geistige Grundelement impressionistischen Schaffens auf den Begriff zu bringen. 3 Ein Beispiel davon mag der ebenfalls ausgestellte Pointilismus in Form von Paul Signac geben.

VON PANZERKREUZERN UND REVOLUTIONSTRÄUMEN … Anastasia Muntaniol

Umbrüche fanden ihren derhall nicht nur in Musik Kunst, sondern seit Beginn 20. Jahrhunderts auch im entstehenden Medium Film.

Wiund des neu

zialistischen Literatur gefasst, der sich ebenso sehr auf das Kino auswirken sollte. An die Stelle kleiner Splitterorganisationen trat die Aktiengesellschaft Sowkino und läutete somit die Sternstunden des russischen Stummfilms ein.

Der Potemkin kommt …

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lickt man knapp neunzig Jahre zurück gen Osten, in die Sowjetunion der 1920er Jahre, so stellt man fest, dass dort aktiv die Mittel und Möglichkeiten des Films ausgeschöpft wurden, nicht zuletzt um direkte Meinungsbildung zu betreiben. Immerhin äußerte bereits Lenin, dass das Kino die wichtigste aller Künste sei und in den Händen sozialistischer KulturschöpferInnen zum mächtigsten Mittel der 1 Massenaufklärung werde. So entwickelte sich nach dem ersten Weltkrieg mit der Machtübernahme der Bolschewiki die Bestrebung, Standpunkte und Menschen zu einen und nach beispielhaftem, kommunistischem Prinzip aufrichtigen Patriotismus zu formieren. Im Jahre 1925 wurde am 14. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) KPdSU(B) im Kontext der weitflächigen Industrialisierung Russlands ein folgenschwerer Beschluss über die erzieherischen Aufgaben der schöngeistigen so-

Einer der großen KinopionierInnen dieser Epoche war der junge Sergej Eisenstein, der nach kurzem Hineinschnuppern in Ingenieurswesen und Japanologie übers Plakatmalen schließlich zum Film kam. Beeinflusst durch die widersprüchlichen Ideen des St. Petersburger Proletkulttheaters bestand für ihn die Hauptaufgabe der sowjetischen Kunst in der „[…] politischen Agitation und in der Popularisierung der Losungen und Maßnahmen der 2 Sowjetmacht“ . Ausgehend von dieser Maxime schuf er seinen ersten Film Streik (1925), der von der russischen Zeitung Prawda (deutsch: Wahrheit) als erstes revolutionäres Werk der Filmkunst gefeiert wurde. Doch noch im selben Jahr gelang ihm ein zweiter großer Wurf, der ihn weltweit in die Riege der unvergänglichen Regiestars beförderte und selbst zu einem Meilenstein der internationalen Filmgeschichte wurde. Auf der Suche nach bildhaftem Material für eine filmische Gestaltung eines wil-

lensstarken Volkes lehnte Eisenstein seinen neuen Film an wahre Ereignisse des Revolutionsjahres 1905 an. Panzerkreuzer Potemkin (der übrigens in voller Länge auf youtube. com zu finden ist) erzählt in einer klassischen 5-Akt-Tragödienstruktur die Geschichte der Matrosen der Potemkin, die zum wiederholten Male madenzerfressenes Fleisch vorgesetzt bekommen und sich entschließen, sich mit vereinten Kräften gegen ihre PeinigerInnen zur Wehr zu setzen. Als der Kapitän den Befehl gibt, einen Teil der Besatzung zu erschießen, verbündet sich die Wache mit den Matrosen und entfacht eine Meuterei. Einer der Hauptinitiatoren, Vakulincuk, wird dabei von einer Kugel getroffen und seine Leiche im Hafen von Odessa aufgebahrt. Die StadteinwohnerInnen solidarisieren sich mit den trauernden Matrosen, der Menschenlauf wird jedoch von regierungstreuen KosakInnentruppen mit brutaler Gewalt zerschlagen. In einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte wird einer hilfesuchenden Frau das Auge zerschossen und ein Kinderwagen rollt die 192 Stufen der Potemkinschen Freitreppe hinunter. Als im fünften und letzten Akt die Potemkin-Besatzung den Menschen an Land zu Hilfe eilen will, muss sie aufgrund eines nahenden Admiralsgeschwaders von der Idee ablassen und um ihre eigene Si-

cherheit fürchten. Dank der unverhofften Solidarisierung der nahenden Schiffe passiert die Potemkin jedoch friedlich in freie Gewässer.

Die Filmwirkung Die Abwesenheit einer stringenten Handlungslinie, der großzügige Einsatz von Attraktionsmontage und die Schilderung der Revolution auf Bild- und Tonebene waren als Affront gegen das bis dahin bourgeoise, der Theatertradition verhaftete Kino mit seinem psychologisierenden Seelendrama gedacht. Wie schon in Streik wurde hier erneut die Masse zum Hauptakteur, sprich die Bauern, Bäuerinnen und Arbeiter in Matrosenuniform, die gegen ein unmenschlichgrausames Regime vorgehen. Trotz der freien Schilderung eines Ereignisses von 1905 vermittelt Eisenstein erfolgreich die damals vorherrschende revolutionäre Stimmung mitsamt dem Pathos des Aufstands gegen Unterdrückung und Willkür. Anmerkungen: 1 Staatliches Filminstitut der UdSSR (WGIK), Lehrstuhl Filmwissenschaft (Hg.): Der sowjetische Film“Bd.1. Von den Anfängen bis 1945. Isskustwo. Moskau. 1969. S. 47. 2 zit. nach ebd. S. 131.

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DIE WAHLEN IN RUSSLAND ALS RÜCK- UND FORTSCHRITT Michael Bernhard Pany

Über die russischen Präsidentschaftswahlen im Kontext einer gesellschaftlichen Erneuerung

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och unter den Nachwirkungen der demokratiepolitisch fragwürdigen Duma-Wahl vom 4. Dezember 2011 wurde am 4. März 2012 ein gewissermaßen neuer russischer Staatspräsident gewählt. Der Ausgang ist bekannt, die meisten KommentatorInnen gingen berechtigterweise bereits vor der Wahl von ihrem Ergebnis aus – der bisherige Ministerpräsident Wladimir Putin wurde also zum dritten Mal zum russischen Staatsoberhaupt gewählt. Auf den Plätzen zwei und drei finden sich der kommunistische Dauerkandidat Gennadi Sjuganow und der Oligarch Michail Prochorow. Der Wahlsieg Putins 2012 gestaltete sich mit 63,75 Prozent triumphal; dass das Ergebnis nicht zu 100 Prozent korrekt ist, steht im Raum; dass Putinmit der stärksten Partei Einiges Russland im Rücken, auch unter optimalen demokratischen Bedingungen gewonnen hätte, be1 zweifeln aber die wenigsten.

Postsowjetische Transformation KritikerInnen bemängeln die durchsichtige Äm-

terrochade in dem semi-präsidialen politischen System der Russischen Föderation zwischen dem von 1999 bis 2008 amtierenden Staatspräsidenten Putin und dem von 2008 bis 2012 amtierenden Staatspräsidenten Medwedew als zumindest personell sehr geringen Fortschritt. Auf der anderen Seite existiert die Russische Föderation in dieser Form erst seit dem Jahr 1992 bzw. der Verfassung von 1993. Es fragt sich, wie ein systemischer Transformationsprozess im größten Flächenstaat der Erde im Lauf von zwei Jahrzehnten nach dem Ende der Sowjetunion überhaupt vonstatten hätte gehen können und sollen. Nach der für das russische Volk wirtschaftlich turbulenten Jelzin-Ära der neunziger Jahre – in welcher bisweilen die interimistischen Präsidenten Alexander Ruzkoi, Wiktor Tschernomyrdin und auch Wladimir Putin amtsführend agierten – brachte im 21. Jahrhundert die Amtszeit des zweiten gewählten russischen Staatspräsidenten Putin dem Land innenpolitische Stabilität und einen durch die Bodenschätze und Energieressourcen des Landes bedingten zumindest außenwirtschaftlichen Aufschwung. Die Vita des neuen alten russischen Staatspräsidenten ist geläufig, vom Oberstleutnant des sowjetischen KGB zum Vizebürgermeister von St. Petersburg, Leiter des FSB und russischen Ministerpräsidenten hin zum Nachfolger des zum Ende seiner Amtszeit sozusagen amtsmüden Jelzin.

KEIN LAND IN SICHT Seit nunmehr über einem Jahr befindet sich Syrien an der Schwelle zu einem BürgerInnenkrieg. Diesem Zustand entsprechend sind die beidseitigen Propagandaanstrengungen enorm und finden deutliche Resonanz in der internationalen Presse.

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m Fokus dieses Artikels sollen jedoch die materiellen und geopolitischen Hintergründe des andauernden Konflikts stehen. Allerdings ist ihre Darstellung ein äußerst schwieriges Unterfangen, was sich bereits an der Anzahl der in den Syrien-Konflikt involvierten staatlichen Ak1 teurInnen aufzeigen lässt. Da wären die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Türkei, Saudi-Arabien, Qatar, Russland, China, der Iran und auch Israel. Um dieses Vorhaben also ein wenig zu simplifizieren, lassen sich zunächst die Fronten aufzeigen. Bis auf den Iran, Russland und mit Abstrichen China stehen alle der genannten AkteurInnen mehr oder minder offen auf der Seite der syrischen Opposition. Weiterhin lässt sich auf den Syrien-Konflikt ein Bild des Kalten Krieges anwenden, nämlich das des Stellvertreterkrieges. Dies liegt in der Hauptsache an der Rolle des Assad-Regimes im

Der erwähnte Aufschwung sowie die innenpolitische Stabilisierung während der ersten beiden Amtszeiten Putins war begleitet von vielen negativen Entwicklungen, von Sezessionsbestrebungen in russischen Provinzen, der Abschaffung der Direktwahl der ProvinzgouverneurInnen bis hin zum Umgang mit demokratiepolitischen Grundsatzfragen, wie der der Pressefreiheit.

Zukünftige Entwicklungen Wahlversprechen Putins wie die massive Aufrüstung der russischen Streitkräfte wirken in Europa in Zeiten der Finanzkrise und griechischen Staatsbankrotts wie Artefakte aus der 2 Mottenkiste des Kalten Krieges. Es ist aber die Frage, inwieweit außenpolitische Belange in Russland selbst prioritär sind. Das Erstarken einer liberalen und jungen Oppositionsbewegung – die etwa in Moskau im tiefsten Winter nach der Duma-Wahl hunderttausend Menschen auf die Straße brachte – steht im Gegensatz zu den Problemen der russischen Landbevölkerung. Ob die von Noch-Präsident Medwedew angeordnete Überprüfung von 32 Urteilen gegen russische StaatsbürgerInnen, wie den ehemaligen Yukos-Milliardär und Oligarchen Chodorkowski, als dessen politisches Vermächtnis zu werten ist oder als Konzession gegen aufstrebende neue politische Kräfte im Kontext der dritten Amtszeit Putins, wird sich erst zeigen.

Fest steht jedenfalls, dass nicht alle politischen Kräfte in der Russischen Föderation nach der Präsidentschaftswahl 2012 zur Tagesordnung übergegangen sind. Damit ist zum einen gemeint, dass sich die im Zuge der Duma-Wahl 2011 gruppierte urbane Opposition weiterhin politisch Gehör verschaffen wird. Zum anderen wird es auch im russischen politischen Establishment im Verlauf der dritten Amtszeit Putins zu einer Änderung der Verhältnisse kommen, etwa bei der sozialdemokratischen Partei Gerechtes Russland, die bislang in einem engen Verhältnis zu Putins Einiges Russland stand.3 Die politischen Verhältnisse in der Russischen Föderation sollen also durch den geordneten Wechsel von Medwedew zurück zu Putin perpetuiert werden, was wohl auch dem Ausland Stabilität signalisieren soll. Dennoch zeichnet sich ab, dass sich die russische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts im Wandel befindet. Dieser kann durch die in den neunziger Jahren formierten herrschenden Eliten zwar administriert, aber nicht gänzlich gesteuert werden. Anmerkungen: 1 Vgl. Nienhuysen, Frank: Wenn ein Sieg kein Sieg ist. In: Süddeutsche Zeitung, 4. März 2012. 2 Vgl. Bota, Alice: Das russische Bärchen. In: Die Zeit, 11/2012. 3 Vgl. Ballin, André: Revolution bei Russlands kleiner Kremlpartei. In: Der Standard, 8. März 2012.

Sören Behnke

geopolitischen Kontext des Mittleren Ostens, da 2 es der einzige offene Verbündete des Iran in der Region ist. Folglich war die Situation in Syrien von Anfang an eng mit dem Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Hegemonie im Mittleren Osten verwoben – ein Konflikt, der der informierten Weltöffentlichkeit spätestens seit dem durch Wikileaks bekannt gewordenen Zitat des saudischen Kronprinzen, dass der Schlange der Kopf abgeschlagen werden müsse, bekannt ist. Zusätzlich kommt bei Syrien auch die Türkei ins Spiel, die bis vor einiger Zeit das syrische Regime unterstützte. Da in der Türkei Bestrebungen bestehen, wieder zur alten Blüte – also zur Hegemonialstellung des Osmanischen Reiches – zurückzukehren, hat diese wiederum eigene Vorstellungen und sieht sich durchaus in Konkurrenz zum Iran. Nicht von ungefähr ist ein großer Teil der syrischen Opposition in der Türkei angesiedelt, koordiniert von dort aus die Bemühungen der Free Syrian Army (FSA) und nutzt die türkisch-syrische Grenze zur Versorgung.

Never Ending Story? Ein weiterer und durchaus öffentlich ausgetragener Konflikt – der an den gescheiterten Resolutionsversuchen im UN-Weltsicherheitsrat abzulesen ist – besteht zwischen den westlichen Staaten3 und Russland. Dabei ist Syrien

für Russland nicht nur ein wichtiger Abnehmerstaat für Rüstungsgüter, sondern vor allem Stützpunkt für Russlands Mittelmeerflotte, was auch die Vehemenz erklärt, mit der Russland ein Vorgehen gegen Syrien ablehnt. In der russischen Führung besteht die Befürchtung, ein Fall Assads würde auch für den Marinestützpunkt in Tartus eine unsichere Zukunft bedeuten würde. Für die auf der anderen Seite dieser Konfliktlinie stehenden westlichen Staaten ergibt sich daraus ein Dilemma: Trotz des anhaltenden Druckes, ‚etwas‘ zu tun, der sich zuvorderst aus der medialen Präsenz des Syrien-Konflikts speist, lässt sich aufgrund der Blockade des Weltsicherheitsrats über den legalen Weg zur Zeit wenig bis nichts erreichen. Gleichzeitig steht einem Eingreifen wie in Libyen noch ein anderer Aspekt entgegen: Im Gegensatz zu der libyschen Koalition von Aufständischen ist es der Opposition in Syrien bisher nicht gelungen, den eigenen Aktionsradius über die Hochburgen wie Homs auszudehnen. Daraus resultierend ist das Einrichten einer Flugverbotszone aus zweierlei Gründen äußerst schwierig. Erstens ist fraglich, welche Gebiete denn zu schützen wären, denn bisher hat das Assad-Regime noch nicht einmal auf die eigene Luftwaffe zurückgegriffen und konnte trotzdem den Aufständischen erste Gebiete wieder abnehmen. Zweitens ist die syrische Luftabwehr dank kon-

tinuierlichen Waffenlieferungen aus Russlands intakt und deutlich moderner als die veralteten Systeme Gaddafis. Folglich ist ein Eingreifen des Westens unter diesen Umständen äußerst unwahrscheinlich. Erschwerend kommt nun auch hinzu, dass sich spätestens seit dem öffentlichen Aufruf der Al-Quaida, auf der arabischen Halbinsel die Aufständischen zu unterstützen, mehr und mehr abzeichnet, dass auch in Syrien zunehmend die islamistischen Tendenzen innerhalb der Aufständischen die Oberhand gewinnen. All diesen Faktoren ist es wohl zuzuschreiben, dass der Syrien-Konflikt sich noch deutlich in die Länge ziehen wird. Anmerkungen: 1 Von den nicht-staatlichen AkteurInnen wie z. B. den Iran-Proxies im Libanon und Gaza oder auch Al-Qaida einmal abgesehen. 2 Hierbei ist zweierlei zu beachten: Erstens ist Syrien der einzige verbündete Staat, so vom Irak abgesehen wird, und zweitens ist es der neben der Hizbollah der einzige verbliebene eigenständige Verbündete, nachdem das Bündnis zwischen dem Iran und der Hamas infolge eben der Differenzen in Bezug auf Syrien vorerst als beendet anzusehen ist. 3 Auch wenn es an sich schwierig ist, in der aktuellen Weltpolitik noch von einem derartigen Bündnis zu sprechen.

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DIE NEUE ACHSE BUDAPEST-TEHERAN Die ungarischen Rechtsparteien fördern nicht nur Rassismus und Antisemitismus, sondern setzen auch auf ein Bündnis mit dem iranischen Regime.

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an könnte glauben, das iranische Regime wäre ein ungewöhnlicher Partner für fremdenfeindliche Parteien. Doch die Solidarität mit den Ajatollahs und Revolutionsgardisten in Teheran ist bei Rechtsradikalen in Europa weit verbreitet, nicht nur in Ungarn. NPDFunktionäre hoffen auf Mahmud Ahmadinejad „als potentiellen Bündnispartner für ein neues Deutschland“ und beim FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache vertragen sich Parolen wie „Daham statt Islam“ hervorragend mit anerkennenden Worten für den iranischen Präsidenten. In ihrem ethnopluralistischen Weltbild ist es für Rechtsradikale kein Problem, gegen Moslems in Europa zu hetzen und sich gleichzeitig mit dem antisemitischen Holocaustleugner-Regime in Teheran zu solidarisieren, das Israel ein ums andere Mal mit der Vernichtung droht und unbeirrt weiter an seinem Nuklearund Raketenprogramm arbeitet. Bei Ungarns Rechten spielt die Agitation gegen Moslems allerdings so gut wie keine Rolle. In dem Land leben ausgesprochen wenig zugewanderte Menschen, und fast gar keine aus islamisch geprägten Gesellschaften. Nichtsdestotrotz belegen die Ungarn bei vergleichenden Länderstudien zur Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit regelmäßig Spitzenränge. Fidesz,

die Schwesterpartei der ÖVP, betreibt mit ihrer Zwei-Drittel-Mehrheit im vorauseilenden Gehorsam gegenüber der noch in Opposition befindlichen, offen antisemitischen und rassistischen Jobbik in einem atemberaubenden Tempo eine Umgestaltung der Gesellschaft, die wohl selbst eine Partei wie die FPÖ vor Neid erblassen lassen dürfte, deren Vorsitzender 2010 eine Delegation von Jobbik empfangen hat. Die ungarischen Faschisten und Faschistinnen, denen auf Grund des Fokus auf die Regierungspartei Fidesz häufig nicht jene Aufmerksamkeit zuteil wird, die sie verdienen, sind als drittstärkste Kraft mit 47 Abgeordneten im Parlament in Budapest vertreten. In Wahlumfragen liegen sie mittlerweile bei fast 20 Prozent. Neben ihrem Antisemitismus, Antiziganismus und der Hetze gegen Homosexuelle, die regelmäßig zu gewalttätigen, mitunter tödlichen Angriffen führen, fordert die Partei, Ungarn dürfe kein „zweites Palästina werden“, wie es ihre Spitzenkandidatin Krisztina Morvai für die Europawahlen 2009 formulierte, bei denen Jobbik knapp 15 Prozent erhielt. Parteichef Gábor Vona, der vor den Parlamentswahlen 2010 Mahmud Ahmadinejad aufgefordert hatte, iranische Revolutionswächter als Wahlbeobachter nach Ungarn zu schicken, verglich den Erfolg seiner Partei mit dem „Triumph palästinensischer Partisanen gegen israelische Helikopter“. Morvai attackierte Israelis als „verlauste, dreckige Mörder“, denen sie die Hamas an den Hals wünsche, und empfahl bereits 2008 den „liberal-bolschewistischen Zionisten“ in Ungarn, sich zu überlegen, „wohin sie fliehen und wo sie sich verstecken“ würden.

Tor nach Europa Insofern ist es nicht überraschend, dass die Partei sich ganz wie ihre Gesinnungsgenossen und -genossinnen in anderen Ländern regelmäßig mit dem iranischen Regime solidarisiert und auch in diesem Punkt die Politik der Regierungspartei Fidesz unterstützt, die auf einen Ausbau der ökonomischen Beziehungen mit Teheran setzt. Iranische Nachrichtenagenturen bezeichnen Ungarn als Tor „in Richtung Mittel- und Osteuropa“. Das iranische Regime will zum einen der eigenen Bevölkerung signalisieren, dass das Land trotz des steigenden internationalen Drucks weiterhin gute Beziehungen zu europäischen Ländern unterhalte. Zum anderen sucht die Führung in Teheran verzweifelt nach Alternativen zu ihren traditionellen Geschäftsbeziehungen in Europa, die durch die bisherigen Sanktionsbeschlüsse zwar keineswegs brachliegen, aber doch mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Im Oktober 2010 gründete das ungarische Parlament eine Abgeordnetengruppe zur „Ungarisch-iranischen Freundschaft“ und das Majles, das Pseudoparlament in Teheran, initiierte das iranische Pendant, womit an ähnliche Initiativen aus der ersten Amtszeit von Ministerpräsident Viktor Orbán zur Jahrtausendwende angeknüpft wurde. Einen Monat später besuchte der stellvertretende iranische Außenminister Ali Ahani Budapest. Als Vizepräsident der Hungarian-Iranian Chamber of Commerce fungiert gegenwärtig Márton Gyöngyösi, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Jobbik und Vizevorsitzender des Außenausschusses

Stephan Grigat

des ungarischen Parlaments; und Tiszavasvári, jener Ort im Osten Ungarns, der von Jobbik als eine Art „Hauptstadt der Bewegung“ betrachtet wird, hat unlängst eine Städtepartnerschaft mit dem iranischen Ardabil geschlossen. Je mehr sich die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Orbán-Regierung als aussichtsloser Versuch erweisen, den Gesetzen des Weltmarkts etwas entgegenzusetzen, desto aggressiver dürften die Angriffe gegen all jene werden, von denen sich immer mehr Menschen in Ungarn in ihren antiwestlichen Ressentiments bedroht fühlen. Zu erwarten ist von Fidesz letztlich ein pragmatisches Einlenken gegenüber EU und IWF, insbesondere hinsichtlich der Frage der Unabhängigkeit der ungarischen Zentralbank, aber gleichzeitig eine Verschärfung der antiwestlichen, antiliberalen Rhetorik, wie man sie zuletzt auf der von der Regierungspartei unterstützten Großdemonstration am 21. Januar in Budapest beobachten konnte. Letzteres wird wiederum die offen rechtsradikale Konkurrenz der Regierungspartei stärken. Sollte die JobbikPartei, die von einer Bedrohung Ungarns durch Israel fantasiert und dezidiert EU-feindliche Kundgebungen abhält, als große Gewinnerin aus der Krise hervorgehen, wäre mit einer zunehmenden Faschisierung auch der Außenpolitik zu rechnen, in der der Antisemitismus zur Leitlinie würde. Die Mullahs in Teheran würden sich freuen und einen derartigen Prozess wohl tatkräftig unterstützen. Stephan Grigat/Simone Dinah Hartmann (Hg.): Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung. (Studienverlag 2010)

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ÜBER DEN UNBEMERKTEN WANDEL EINES ‚FAILED STATE‘ Soma Mohammad Assad

„Wir sind der andere Irak“ – so lautet die Antwort von Nimrud B. Youkhana, Tourismusminister des semiautonomen kurdischen Regionalgebiets (KRG) auf die Frage, warum sich eine Reise in den Nordirak lohne. Die amerikanische Intervention 2003 hatte im Irak auch positive Folgen, wie das KRG beweist. Grund genug für einen Lokalaugenschein.

I

m Flugzeug sitzend denke ich darüber nach, was es bedeutete, vor 2003 in den Irak zu reisen. Die Einreise in den kurdischen Teil des Iraks war aufgrund des Baath-Regimes nur per direkter Fahrt über die Grenzgebiete der Türkei, des Irans oder Syriens möglich. Mein Sitznachbar, ein in Deutschland lebender Exiliraker, macht mich darauf aufmerksam, dass die heutige Alternative, mit dem Flugzeug von Deutschland aus direkt nach Sulaymaniyah oder Arbil zu fliegen, vor allem angesichts ausbleibender Schikanen durch türkische, iranische und syrische Sicherheitskräfte eine Spazierfahrt sei. Am Sulaymaniyah International Airport angekommen fällt es mir schwer, mich von einem hoch angebrachten Bild von Jalal Talabani abzuwenden, dem jetzigen Präsidenten des Iraks und Vorsitzenden der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), der mir sein herzlichstes Lächeln präsentiert. Dies verwundert nicht, denn Sulaymaniyah wird von der PUK verwaltet, obwohl bei den letzten Parlamentswahlen 2010 die Opposition der Gorran-Liste (auf dt. „Wandel“) in Sulaymaniyah die Mehrheit hatte. Die PUK hatte sich gemeinsam mit der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) in der von den USA errichteten Flugverbotszone die politische Herrschaft über das kurdische Gebiet aufgeteilt. Die mit dem Sturz der Saddam-Diktatur einhergehenden Demokratisierungsversuche konnten bisher nichts an der Situation ändern. Das Bild wird also noch länger dort hängen. Sulaymaniyah, die zweitgrößte Stadt des Nordiraks, gilt neben Arbil, der offiziellen Hauptstadt des KRG, als eine der modernsten Städte des Iraks. So ist Ashti, eine Hausfrau aus

einer kleineren Stadt, nach Sulaymaniyah umgezogen: „Hier gibt es bessere Schulen und eine Universität, an der meine Kinder studieren können.“ Ursprünglich kommt sie aus Kirkuk, jener umstrittenen Stadt, die laut KurdInnen anhand des Artikels 140 der neuen irakischen Verfassung unter kurdische Verwaltung hätte fallen sollen. Ashtis Familie musste Mitte der 1980er Jahre fliehen, weil ihr Vater im Untergrund gegen das Baath-Regime gekämpft hatte. Für sie war die Irak-Intervention der USA keine Besatzung, sondern eine Befreiung. „Es war ein herausragendes Gefühl, wählen zu gehen, und ich habe für Kirkuk gestimmt“, beschreibt sie die Demokratie-Euphorie im kurdischen Gebiet. Inzwischen haben die steten Korruptionsvorwürfe gegen die regierenden kurdischen Parteien deren Glaubwürdigkeit bei einem Großteil der kurdischen Bevölkerung angekratzt. Dies war ein Grund, warum die Oppositionsbewegung Gorran entstand. „Ich habe für Gorran gestimmt, weil nur die sich für Kirkuk einsetzen. Die regierenden Parteien sind nur mit ihrem eigenen Wohl beschäftigt“, sagt Ashti. Ihr Sohn, der sich in Sulaymaniyah wohler fühlt als in seinem ehemaligen Wohnort, stimmt ihr nickend zu. Die Skepsis über die politische Lage ist vor allem mit der Angst verbunden, die Interessen der kurdischen Bevölkerung könnten unter jenen der irakischen Zentralregierung leiden. Denn obwohl das KRG eine eigene Flagge, eine eigene Armee und ein eigenes Bildungssystem hat, ist es doch kein Staat.

„Bist du von der PKK?“ Kirkuk, nur eine Dreiviertelstunde Autofahrt von Sulaymaniyah entfernt, wird immer wieder zum Streitpunkt zwischen der Zentralregierung und dem KRG. Ohne eindeutige Verwaltung kann die Stadt mit dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt im KRG nicht mithalten. Frauen trauen sich ohne Kopftuch kaum auf die Straße. Als ich mich im Bazar des kurdischen Viertels Rahimawa in einem Stoffladen niedersetze, spricht mich eine Frau an: „Bist du von der PKK?“ Ich verneine verwundert. Die PKK, die Arbeiterpartei Kurdistans, ist eine kurdische Guerilla, die sich seit der Gründung des KRG in

die Kandil-Berge im Grenzgebiet zwischen dem Irak und der Türkei zurückgezogen hat. Meine Reisebegleiterin erklärt mir, dass hier vor allem jenen Frauen, die ohne Kopftuch und Schminke auf die Straße gehen, nachgesagt wird, sie seien in der PKK.

Zwischen Islamisierung Rechtsstaat

und

Viele Frauen passen sich aus Angst vor einer Islamisierung lieber an, als gegen die Gesellschaft und das Netzwerk der Großfamilie aufzubegehren. Das islamische Recht schützt Frauen jedoch nicht vor Zwangsehe oder Ehrenmord und im Falle einer Scheidung, sondern benachteiligt sie. Auch wenn das Zivilgesetz wie im KRG von der islamischen Gesetzgebung getrennt ist, was eine bessere rechtliche Lage für Frauen bedeutet, ist für die volle Umsetzung auch die gesellschaftliche Anerkennung erforderlich. So ist es nach wie vor angesehen, wenn Männer eine zweite oder sogar dritte Frau heiraten. 2008 wurde im KRG ein Gesetz erlassen, das die Rechte der Frauen bezüglich Heirat, Scheidung und Erbschaft stärken sollte. Es gibt aber auch Frauen, die sich nach den „guten alten moralischen Zeiten“ sehnen: „In Sulaymaniyah lassen sich die Frauen nach Lust und Laune scheiden“, heißt es etwa missgünstig von einer Bewohnerin Kirkuks. Schön wär’s. Denn zur Haltung der Behörden, die oft nicht einmal bereit sind, die Frauen rechtmäßig von ihren Ehemännern zu scheiden, kommt der familiäre und soziale Druck hinzu. Die Ehe ist für die kurdische Frau eine „raison d’être“, eine Scheidung ist gesellschaftliches Tabu und kommt dem sozialen Tod gleich. Die Lage ist dennoch nicht hoffnungslos, da Räume für bestimmte zivilgesellschaftliche Aktivitäten entstanden sind und auf allen gesellschaftlichen Ebenen rege Diskussionen um das Thema geführt werden.

Shopping und Protest Zurück in Sulaymaniyah, wird der Unterschied zwischen den beiden Städten noch deutlicher. Wir fahren an einem unfertigen, hohen gläsernen Turm vorbei. „Das höchste Gebäude Iraks, mit 33 Stockwerken“, sagt Ashti stolz, während

sie auf das Hochhaus weist. Im neuen Einkaufszentrum Rand Gallery gibt es zuhauf Bekleidungsgeschäfte, die sich an westlicher Mode orientieren. In der obersten Etage befinden sich Restaurants und Cafés, in denen MTV-Videoclips laufen. Hier sind viele TouristInnen zu sehen, nicht nur ExilirakerInnen, sondern vor allem auch aus dem Iran. In Arbil, der größten Stadt des KRG, gibt es mindestens genauso viele Malls, die neben den neu gebauten, modernen Häusern gut in das Stadtbild passen. Weil die Stadt von Masud Barzani, dem Präsidenten des KRG und Vorsitzenden der DPK, regiert wird, sieht man hier überall sein Portrait hängen. In der Family Mall, dem größten Einkaufszentrum in Arbil, entdecke ich beim Durchgang durch den Metalldetektor ein goldumrahmtes Foto, das liebevoll auf einen Tisch gestellt wurde. Es zeigt Barzani in seiner kurdischen Tracht, beim Durchgang durch genau diesen Metalldetektor. Ein Präsident, der, ganz volksnah, auch mal einkaufen geht. Der Reichtum, den sich der erdölreiche Irak nach der Befreiung anhäufen konnte, wird jedoch nicht an die Bevölkerung weitergegeben, sondern unter der politischen Elite aufgeteilt, darunter auch dem einflussreichen BarzaniKlan. Öffentliche Kritik an der politischen Situation wird systematisch erschwert. Im Mai 2010 wurde in Arbil der Student Zardasht Osman wegen eines kritischen Artikels über die Regionalregierung zuerst gefoltert und dann ermordet. Sein Tod und das Zögern der Behörden bei der Aufklärung des Falls lösten starke Proteste aus. Und auch im Laufe des ,Arabischen Frühlings‘ wurden die Proteste wieder lauter, bevor sie von den Parteimilizen der Regierungsparteien niedergeschlagen wurden. Der zentrale Platz Sulaymaniyahs wurde von den Protestierenden in Azadi-Platz (Freiheits-Platz) umbenannt. Nach meiner Rückkehr wird noch einmal klar, dass sich seit dem Sturz Saddam Husseins und seiner „Republik der Angst“ (Kanan Makiya) die kurdische Autonomieregion erheblich modernisiert hat. Dennoch sehen sich das KRG bzw. der gesamte Irak vor viele Probleme gestellt. Mit dem „anderen Irak“ wurde nichtsdestoweniger die Grundlage erkämpft, von der aus der weitere Fortschritt noch möglich ist.

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„THEY TRIED TO KILL US, WE SURVIVED, LET’S EAT!“ David Kappenberg

Normalität in einem Land, das mit der Bedrohung lebt. Zwischen Zynismus und Lebensfreude: Alltag in Israel.

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einahe wie Smalltalk erscheint die Unterhaltung über die Qualität von Gasmasken und die Sprengkraft unterschiedlicher Raketensysteme. Währenddessen duftet vor uns ein mit bunten Antipasti, würzig mariniertem Huhn, hausgemachtem Hoummus und frisch gebackenem Brot gedeckter Tisch. Es ist Schabbat, der ‚jüdische Sonntag‘, und wir sind in Tel Aviv zum Abendessen eingeladen. Die Regierung hätte empfohlen, sich für den Fall eines Angriffs mit biologischen oder chemischen Waffen frühzeitig eine Gasmaske anzuschaffen, erzählt 1 Noa beiläufig, während er den noch warmen Schokoladenkuchen in appetitliche Rechtecke schneidet. Wir schlucken. Dann wird angestoßen: „They tried to kill us, we survived, let’s eat.“ Der jüdische Humor ist treffsicher und schwarz. Es heißt, er habe sich in den Wirren der jüdischen Diaspora entwickelt. Ein Humor, der vor Nichts und Niemandem halt macht, insbesondere nicht vor jenen, die ihn pflegen.

Mittelmeer, nukleare Aufrüstung und US-amerikanische Diplomatiebemühungen, in der Ferne ist das Stoff der Medien. „Israel drängt zur Entschei2 dung“, titelte Die Presse kürzlich – aber konkret mit den Konsequenzen in Israel konfrontiert zu sein ist da doch noch eine andere Erfahrung. Ein Küchenschrank voller Konservendosen – Tomaten, Ravioli, Kichererbsen und Thunfisch. „Das ist eine Woche Kriegsvorrat“, sagt Lea nachdenklich. Eigentlich sollte es mehr sein, aber die beiden hätten davon schon wieder einiges gegessen. Als Mitarbeiterin der HolocaustGedenkstätte Yad Vashem3 wisse sie inzwischen jedoch, dass Menschen mit diesen Konserven durchaus länger auskommen könnten. Ihr Zynismus ist nicht zu überhören. Aktuell arbeite sie an einem Projekt, das die Deportationstransporte während der NS-Zeit aufarbeitet und Einzelschicksale nachverfolgt. Bittere Realität damals, düstere Aussichten heute. „Keiner will Krieg“, sagt Noa, der jetzt rauchend vom Balkon über das nächtlich glitzernde Tel Aviv blickt. „Es ist nur so, dass es schon einmal jemanden gab, der uns auslöschen wollte und es auch beinahe geschafft hat.“ Gerade taucht das letzte Sonnenlicht den Frühlingshügel, so der Name der Stadt auf deutsch, in dunkelroten Glanz. In Nahost nichts Neues.

Ein Küchenschrank voller KonZwischen Krieg und Wirtschaftsservendosen wunder Ein Glas Wein macht unsere Überforderung wieder gesellschaftsfähig – das ist der Alltag vor Ort, in Tel Aviv. Natürlich haben wir alle mit Besorgnis die Schlagzeilen verfolgt. Kriegsschiffe im

Dennoch, von einem nahenden Krieg ist in den Straßen der Hauptstadt nichts zu spüren. Auffällig sind die schon im Februar milden Tem-

peraturen. Im mediterranen Frühling locken Strandbars und Restaurants. Man könnte meinen, die Menschen lebten in einem Zustand der kompletten Verdrängung. Als „das israelische Wunder“ bezeichnete die Süddeutsche Zeitung den beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung im Land. Die Arbeitslosenquote sank im letzten Jahr auf fünf Prozent, Tel Avivs Mieten und Immobilienpreise steigen um die Wette.4 Israels Wirtschaftspolitik trägt schon länger reife Früchte, und das trotz massiver Ausgaben für Verteidigung. Gleichzeitig investiert kein anderes Land so stark in Forschung und Entwicklung. Für BesucherInnen aus der finanziell dünnhäutigen Eurozone ein ungewohnt aufbruchartiges Gefühl. Doch verwundern nicht nur die Gegensätze im internationalen Vergleich. Wie die Falten im Gesicht eines alten Mannes durchziehen harte Kontraste das ‚Heilige Land‘. Hier vereinen sich unwägbare außenpolitische Konflikte mit Wirtschaftswachstum. Jerusalem, die multireligiöse Hauptstadt, liegt nur 70 Kilometer östlich des säkularen, weltzugewandten Tel Aviv.

Was ist eigentlich normal?

Schulter. Mittags, beim Minztee auf der Dachterasse unseres Hotels, glaubten wir weiter östlich ein Feuerwerk zu hören. Europäische Naivität? Entlang der Strandpromenade in Richtung Jaffa, dem alten Vorort Tel Avivs, werden Flyer für Yoga-, Qui Gong- und Meditationskurse verteilt. TeilnehmerInnenlisten liegen schon bereit, wer will kann sofort anfangen. In den höher gelegenen HaPisga-Gärten sitzt eine kleine Gruppe mit verschränkten Beinen, die geschlossenen Augen gen Norden auf die wachsende Skyline der Stadt gerichtet. „Balance your life“ steht auf den Flyern in unseren Händen. Eine Aufforderung gegen die Überforderung. Derweil neigen sich ein paar Straßen weiter Abendessen und Schabbat dem Ende entgegen. Die letzten Tropfen nicht-koscheren Weins aus den Golanhöhen versprechen ruhigen Schlaf. Wir wissen jetzt auch, dass die Grundschule auf der anderen Straßenseite den angrenzenden HausbewohnerInnen als Bunker dient. Acht Minuten hat man Zeit, sich bei Aufheulen der Warnsirenen in Sicherheit zu bringen, dann schlägt irgendwo eine Rakete ein. Zum nächsten Abendessen sind wir schon verabredet.

Szenenwechsel nach Jerusalem, einige Tage zuvor. Es ist Abend und leise dringt Jazzmusik aus der kleinen Bar unweit des neuen Jerusalemer Einkaufskomplexes. Kühles Goldstar-Bier und orange glühende Heizstrahler sorgen für einen wohltemperierten Februarabend. SoldatInnen schlendern vorbei, das Smartphone am Ohr und den Gurt des Sturmgewehrs locker über der

Anmerkungen: 1 Die Namen wurden anonymisiert 2 http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/737988/IranKrise_Israel-draengt-zu-Entscheidung 3 http://www.yadvashem.org/ 4 http://www.israelmagazin.de/?p=17167

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WIE HAT’S DER ANTISEMITISMUS MIT DIR? REPLIK AUF EINEN BEITRAG DER GRUPPE D-DAY (UNIQUE 11/11) In einem kürzlich veröffentlichten Text weist die Gruppe D-Day auf die politische Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus hin. So sehr das Grundmotiv dieser Intervention zu unterstützen ist – nämlich die beständige Erinnerung an diese Basis-Ideologie des modernen warenproduzierenden Patriarchats –, sollte die tatsächliche politische Umsetzung sich vor allzu einfachen Schlüssen verwahren. Ideologiekritik und Politik in eins zu setzen bekommt beiden nicht und birgt letztendlich Gefahr der (beidseitigen) dogmatischen Erstarrung.

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s steht zweifellos außer Frage, dass sich sowohl linke Politik als auch (theoretische) Ideologiekritik intensiv mit der Shoah als Ergebnis des modernen Vernichtungs-Antisemitismus auseinanderzusetzen haben. Dass dies in einem post-nazistischen Kontext umso mehr Not tut, ist ebenso evident. Wichtig ist es jedoch, nicht der Vorstellung eines absoluten ,Zivilisationsbruchs‘ zu erliegen, auch wenn dies ein oberflächlicher Blick auf die historischen ‚Fakten‘ nahelegen mag. Es gilt festzuhalten, dass Antisemitismus auch schon vor Auschwitz integraler Teil der ‚Zivilisation‘ war und insofern das historische Ereignis einen Vorlauf und natürlich auch eine Nachwirkung in der Entwicklung des warenproduzierenden Patriarchats bzw. seiner ideologischen Verarbeitungsformen hat. In diesem Sinne war die Tradition der Arbeiter_innenklasse auch schon vor dem NS nicht ‚unschuldig‘ ebenso wie sie aber auch keineswegs auf antisemitische, völkische oder gar nationalsozialistische Momente reduziert werden sollte. Linke Bewegungen waren damals gespalten, emanzipatorische und ideologische Momente eng miteinander verwoben – genauso wie es heute noch der Fall ist.

Zwischen Ideologiekritik und der Kritik des Politikfetisches Diese Spaltung ist jedoch nicht allein auf den Antisemitismus zurückzuführen, tatsächlich lässt sie sich generell nicht bloß ideologiekritisch verstehen. Vielmehr verweist sie auf die Basis fetischistischer Vergesellschaftung, aus der Ideologien überhaupt erst entstehen. Dieser Fetischismus wird gemeinhin v. a. auf ökonomische Tatbestände zurückgeführt, wobei ein enger Zusammenhang zwischen dem Warenfetischismus und der antisemitischen Ideologie 1 nicht zu leugnen ist. Die von Moishe Postone

entwickelte These einer Ineinssetzung beider ist dabei jedoch zu kritisieren, da sie die ganze Tragweite des Problems fetischistischer Vergesellschaftung verkennt: der ökonomische Fetisch ist nur die Spitze eines Eisberges von Fetischismen, 2 die – einer Logik der Wert-Abspaltung folgend – alle Sphären bürgerlicher Gesellschaft durchziehen. Erst aus diesem komplexen Modell lässt sich Ideologiekritik begründen. Dahingehend scheint es besonders relevant, auch die Politikform einer fetischkritischen Untersuchung zu unterziehen. Diese Perspektive nun führt uns eine innere Spaltung der Politikform vor Augen, die sich in aufeinander verwiesenen politisch-ideologischen (systemaffirmativen) und anti-politischen (systemnegierenden) Momenten artikuliert. Beide sind Teil linker Praxis im weiteren Sinne und folglich ist sowohl die pure ‚nicht-ideologische‘ politische Praxis wie auch die nicht-politische, rein negierende Anti-Politik eine Illusion. So what? Ich will damit sagen, dass es auf die Vermittlung ankommt.

(Real-)Politik oder Kritik? Ich habe versucht zu zeigen, dass es in den vorherrschenden Verhältnissen keine Position außerhalb der Widersprüche gibt. Dies beständig für sich selbst in Anspruch zu nehmen war und ist wohl eines der größten (ideologischen) Probleme der Linken. Das bedeutet jedoch nicht, dass Widersprüche einfach hingenommen werden müssen – sie sollten beständig bearbeitet werden, wobei ihre verwiesenen Seiten anfangs durchaus in ihrer Trennung nachzuvollziehen sind und erst in Folge einer meta-kritischen Einordnung in den Modus ihrer fetischistischen Konstitution zusammenzudenken sind. Emanzipatorische Aufhebung des Bestehenden kann folglich nur in und durch die Politikform geschehen, ebenso, wie sie jene radikal zerstören muss. Dabei sollte jedoch der Maßstab stimmen: es macht wenig Sinn, von der eigenen anti-staatlichen Praxis unmittelbar auf die Abschaffung real existierender Staatlichkeit zu schließen, wie dies etwa plump-anarchistische Positionen gutheißen mögen. Tatsächlich würde der Wegfall von staatlicher Herrschaft – insbesondere jener Israels – im Status quo den ideologisch verzerrten Praxen freien Lauf lassen und damit wohl in Barbarei münden. Das heißt jedoch nicht, dass eine radikal politikkritische Haltung nicht im Binnenraum von alternativen Praxen und der theoretischen Kritik weiterhin gefördert werden kann und muss. Quasi im Umkehrschluss hierzu ist die Forderung einer „bedingungslosen Solidarität mit Israel“ kritisch zu betrachten: einerseits kann ‚(real-)politisch‘ und maßstabsgetreu gesagt werden, dass Israel (zum Glück) nicht auf die Solidarität versprengter Linksradikaler im deutschsprachigen Raum angewiesen ist, ja jene für die tatsächliche Sicherung der staatli-

chen Souveränität Israels keinerlei Rolle spielen (selbst wenn sie sich ihrerseits in die kärglichen Abgründe repräsentativ-politischer Lobbyarbeit begeben). ‚Politisch‘ ist diese Solidarität also völlig wert- und sinnlos. Andererseits lässt sich hinter der Forderung jedoch ein ideologiekritisches Ansinnen ausmachen, das ich im Wesentlichen als Kritik des sekundären und als Antizionismus versteckten Antisemitismus deuten würde. Dieses Motiv ist natürlich von großer Bedeutung, gerade für innerlinke Selbstkritik, denn bekanntlich sind jene Formen des Antisemitismus heute die den historischen Verhältnissen am meisten entsprechenden. Wie aber nun damit umgehen, in der politischen und (ideologie-)kritischen Alltagspraxis, v. a. jener des Antifaschismus?

Nicht wo du stehst, zählt, sondern wie du dich verhältst Der Fehlschluss liegt in der Ineinssetzung von Kritik der Motive des (linken) Antizionismus und der politischen Forderung nach einer „bedingungslosen Solidarität mit Israel“. Letztere hat mit der Kritik antisemitischer Ideologie nichts zu tun und stellt in Reinform jene falsche, verabsolutierende Kaschierung der politischen Formwidersprüche dar, die ich zuvor kurz zu skizzieren versucht habe. Es handelt sich dabei wie gezeigt um eine in der Binnenlogik des Politischen sinnlose Forderung. Im Gegenteil verbaut sie aber – auf Grund ihrer Maßstabsverfehlung – die Möglichkeiten realistischer emanzipatorischer Handlungen in der Politikform. Ein politisch-zielorientierter Antifaschismus, wie er den gegebenen, sich beständig nach rechts verschiebenden Verhältnissen angemessen erscheint, wird somit verunmöglicht, da die Pluralität der politischen Praxisform des Antifaschismus (mitsamt ihren je zu problematisierenden ideologischen Verwerfungen) in einem rein fiktiven und dogmatisierten politischen Postulat vereinheitlicht wird. ‚Politisch‘ ist Antifaschismus hingegen dann, wenn er auch das Ziel im Auge behält – die Zurückdrängung faschistoider und revisionistischer Tendenzen im Hier und Jetzt. Die Ineinssetzung dieses projektiven politischen Postulats mit der (Möglichkeit von) Ideologiekritik gefährdet jedoch auch letztere. Denn werden die Widersprüche innerhalb politischer Zusammenhänge derart vereinseitigt, so wird die Auseinandersetzung mit anderen Ideologien zwangsläufig unterprivilegiert. Schließlich wird dabei aber selbst noch antifaschistische Praxis stark eingeschränkt, da sich politisch artikulierende Intersektion verschiedener Ideologien unberücksichtigt bleibt: politische Faschisierung ist nicht auf Antisemitismus zu beschränken; und jener selbst ist mitunter nicht haarscharf von anderen Ideologien zu trennen. Dies ist durchaus auch angesichts der gezeigten

Elmar Flatschart

Widerspruchskonstellation zu lesen: zuweilen kann antifaschistische Praxis in einem strikten Ausschlussverhältnis z. B. zu der Möglichkeit antisexistischer Praxis stehen, wenn es etwa um Gewalt und militantes Auftreten geht. Dieses Problem mag immanent nicht zu lösen sein; aber den Widerspruch reflektieren zu können, ihn nicht unbewusst zu halten und zu kaschieren, wäre gesellschaftskritisch reflektierter Praxis zuträglich. In diesem Sinne sollte der Grundanspruch antifaschistischer Praxis, wie ihn D-Day im Schlusssatz formuliert, modifiziert werden: Antifaschismus hat – zwangsläufig auch ‚politisch‘ – gegen faschistoide Entwicklungen im warenproduzierenden Patriarchat zu kämpfen. Dies wird immer ein Abwehrkampf bleiben, da Tendenzen der Faschisierung u. a. in den vielfältigen Ideologemen der Moderne angelegt sind und beständig hervorzubrechen drohen. Dieser Abwehrkampf ist nicht zuletzt auch einer des Selbstschutzes und des Schutzes von unterprivilegierten, besonders von Gewalt und ideologischen Ausbrüchen bedrohten Gruppen. Dabei wird jedoch keine widerspruchslose, ‚ideologiefreie‘ Position zu haben sein. Jene unmittelbaren Ziele politischer Praxis ohne Wenn und Aber auf dem Altar der ‚reinen (Ideologie-)Kritik‘ zu opfern, ist unmenschlich und letztlich oft selbst ideologisch. Die Aufgabe der Ideologiekritik ist es, Ideologien im breiteren gesellschaftlichen Kontext zu analysieren und auch in linken Bewegungen beständig zu skandalisieren. Der Widerspruch, der zwischen jener bedingungslosen Kritik und den Anforderungen politischer Praxen entstehen mag, ist als solcher zu bearbeiten, aber nicht endgültig lösbar. Die Metakritik fetischistischer Vergesellschaftung unter dem Vorzeichen der Wert-Abspaltung kann hier nur erklären, wie es zu dieser Widersprüchlichkeit kommt und die Grundlage für Ideologiekritik schaffen. Sie kann jedoch die Mühen der politischen Praxis nicht lösen, Kritik und Politik zusammenzupressen verbietet sich ihr. Erst wenn dies verstanden wird, wird ernstzunehmender Antifaschismus ebenso wie radikale Ideologiekritik möglich. Anmerkungen: 1 Postone, Moishe. 1993. Time, Labor and Social Domination: A Reinterpretation of Marx‘s Critical Theory. New York and Cambridge Cambridge University Press 2 Unter ,Wert-Abspaltung‘ wird die Erweiterung der (Marxschen) Kritik der warenproduzierenden Gesellschaft um die Dimension des vergeschlechtlichten Anderen verstanden. Dies reflektiert u. a. die Debatte um ‚weibliche‘ Reproduktionsarbeit, bezieht sich aber auch auf kulturell-symbolische Formen des modernen Patriarchats. Siehe: Scholz, Roswitha. 2000. Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats. Bad Honnef: Horlemann.

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Repro Reproduktionsarbeit – kurz Repro – ist alles andere als retro. Denn eigentlich ist sie immer und überall, doch bleibt sie im alltäglichen gesellschaftlichen Treiben meist unbemerkt. Um diesen Umstand der Unsichtbarkeit aufzubrechen, widmet die aktuelle Ausgabe der UNIQUE diesem Schwerpunktthema gleich sieben volle Seiten. Die Artikel verfolgen breit gefächerte Ansätze, die das uns alle betreffende Thema von völlig unterschiedlichen Seiten beleuchten. Auf Seite 18 stellt sich unser Autor* die Frage nach der sozialen Reproduktion: Woher kommen die Rollenbilder wie eins zu sein hat in unsere Köpfe, was haben populistische Formate wie Sex and the City und actiongeladene Blockbuster mit einem gesellschaftlichen Frau*/Mann*-Bild zu tun und wer ist eigentlich dieser Habitus? Von Pierre Bourdieus Konzepten geht es dann weiter in die Tiefen marxistischer Ansätze zur Reproduktionsarbeit. Der Artikel auf Seite 19 beschäftigt sich mit verschiedenen Strängen der feministisch-marxistischen Debatte der 1970er über die Theoretisierung von Hausarbeit. Ob diese nun als neuer Ausbeutungsbegriff, in der Ausweitung der Marx’schen Werttheorie oder durch Hervorhebung ihres autonomen Charakters behandelt werden soll, stellt die Autorin* hier zur Diskussion. Nach dieser theoretischen Auseinandersetzung folgt dann der Blick auf den Versuch in der realsozialistischen Praxis: Anhand der Geschichten zweier Frauen* soll auf Seite 20 die Situation von Hausarbeit in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nachgezeichnet werden. Inwieweit die (Teil-)Verstaatlichung reproduktiver Tätigkeiten tatsächlich mit einer Entlastung von Frauen* einherging sei dahin gestellt. Danach führt uns der Schwerpunkt noch weiter in die Vergangenheit: in die Zeit des Roten Wiens. Lily Brauns Idee eines Ein-Küchen-Hauses – in dem Köch_innen in einer gemeinsamen Küche das Essen für alle Bewohner_innen zubereiten – sollte vor allem Alleinerzieherinnen* bei der Reproduktionsarbeit entlasten. Kritik dieses Konzepts gab es jedoch nicht nur von christlich-sozialer Seite, sondern auch aus den eigenen sozialdemokratischen Reihen. Die komplette Story findet ihr auf Seite 21.

Zurück in der Zukunft, beschäftigt sich der Artikel auf den Seiten 22 und 23 mit Reproduktionsarbeit in romantischen Zweierbeziehungen. Die Autorin* zeichnet die Verteilung von Hausarbeit nach und kommt dabei zur traurigen Erkenntnis, dass Rollenbilder und die Einkommensschere meist dazu führen, dass vor allem bei Hetero-Pärchen Reproduktionsarbeit immer noch Frauen*sache ist. Ob die – noch immer sehr unerforschten – Homo-Beziehungen in diesem Punkt einen Lichtblick darstellen, wird im zweiten Teil des Artikels behandelt. Um das Thema rund um die Verteilung reproduktiver Tätigkeiten in Paarbeziehungen abzurunden, finden sich drei thematische Kurzinterviews mit Duos, die gemeinsam in einer Wohnung leben. Mit studentischer Reproduktionsarbeit befasst sich dann unser letzter Artikel. Egal ob Wäschewaschen, schweißtreibende Aktivitäten im Fitnesscenter oder der Umtrunk in der Lieblingskneipe – das alles sind Mittel um für das universitäre Studium wieder fit zu werden und den Wert am Arbeitsmarkt zu steigern. Wie Studierende damit umgehen, was offen zur Schau gestellt wird und was im Geheimen verborgen bleiben soll, wird auf Seite 24 erzählt.

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Repro

SPIEL’S NOCH EINMAL KEVIN:

SOZIALE REPRODUKTION UND PIERRE BOURDIEUS HABITUS-KONZEPT Alexander Rachnick

Weder Explosionen noch Romantik, dafür Theorielastigkeit und eine von Wenn-aber-dochKlauseln durchsetzte Rhetorik: Abschreckender Aufbereitung sei Dank wird das Thema der sozialen Reproduktion meist abseits der Öffentlichkeit abgehandelt – wodurch die Nummer ungestört weiterläuft. Als Kontrastprogramm daher nun ein entkrampfter Einblick in die Thesen von Pierre Bourdieu.

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us wissenschaftlicher Sicht hat der werte Soziologe eine ziemlich unvorteilhafte Position inne. In den Geisteswissenschaften residierte Bourdieu zu Lebzeiten – der gute Mann ist seit 2002 tot – wie Gott in Frankreich, und auch heute noch ist Die feinen Unterschiede ein Standardwerk. Im Gegensatz zu etwa Max Weber oder Jürgen Habermas, oder dem zwar polarisierenden, aber selbst Ackermann-ApologetInnen bekannten Theodor W. Adorno, scheint Bourdieu allerdings im Elfenbeinturm begraben worden zu sein: Abgesehen von GeisteswissenschaftlerInnen kennt ihn kein Schwein. Das ist seinem nach wie vor relevanten Werk nicht nur unwürdig, sondern geradezu paradox: Obwohl die von ihm abgedeckten Themenfelder mit der aktuellen Empörungs-Agenda höchst kompatibel sind, wurde Bourdieu weder bei der semi-aktuellen Sarrazin-Debatte ausgepackt, noch kriegen sendungsbewusste MentalathletInnen, die Mario Barth lustig finden und mit der Biologiekeule auf dem Nachttisch schlafen, Bourdieus ausschweifende Ausführungen und Theorien vor den Latz geballert. Ihn als ,verkannte Geheimwaffe der Linken‘ zu verstehen würde Bourdieu, der omnidirektional gegen jegliche pseudo-objektivierende Verbrämung von normativen Positionen wetterte, allerdings Unrecht tun. Denn unabhängig davon, ob man nun Fan von Karl Marx oder vom Kopp-Verlag ist, lohnt die Beschäftigung mit Bourdieus Theorien, mit denen sich viele Schein-Gemeinplätze sehr elegant angehen lassen.

jeweils gehen, erst lernen müssen. Das Ganze ist verblüffend, da tatsächlich nicht hinterfragt wird, wie etwas als ,natürlich‘ – sprich nicht erst später sozial gesetzt – angesehen werden kann, wenn wir es erst einmal lernen müssen. Schließlich wackeln Mädels nicht von Geburt an mit dem Arsch, wenn sie von A nach B gehen. Das Lernen erfolgt allerdings nicht wissentlich, sondern man kopiert unbewusst Verhaltensweisen; Anders gesagt: Der Horizont, den man vermittelt bekommt, wird auch zum eigenen, denn der Habitus bedingt auch das Denkbare und das Undenkbare – das, was wir eigentlich auf dem Schirm haben und was wir überhaupt in Frage stellen können. Das läuft auf der Senderseite nicht bewusst ab – man überlege sich nur, wie viele Eltern mit den Resultaten ihrer Erziehung nicht unbedingt zufrieden sind. Entscheidend ist aber nicht nur das Elternhaus, sondern das gesamte Umfeld. Daher eignet sich der Habitus-Begriff auch als Analysedimension für die immer gern genommene Gender-Debatte, da das, was man vermittelt bekommt, wie man sich als ,richtiger Mann‘ (der man qua Klöten sein zu wollen hat) zu benehmen hat, ja nicht nur von den Eltern kommt, und Kronjuwelen des Aufklärungserbes wie Sex & the City auch den ‚Ladies in spe‘ ebenso anschaulich klarmachen, wie ihresgleichen heute nun einmal drauf sind. Das Ganze fliegt dabei unterhalb des Radars, führt aber normative Werte vor, die dann von den nichtsahnenden RezipientInnen möglicherweise für bare Münze – „es ist halt so, dass Jungs ...“ – genommen werden. Ergebnis: Ein Leben voller Frust, weil ich noch nie mit einem verschwitzten Unterhemd am drahtigen Körper und einem „Yippee-kiyay, motherfucker“ auf den Lippen durch Lüftungsschächte robben durfte. Womit auch klar wäre: Deterministisch ist die ganze Angelegenheit nicht, und direkt im Sinne von ,Verhalten wird eins zu eins kopiert‘ wirkt sie auch nicht – aber Tendenzen, Wahrscheinlichkeiten und Weltbilder werden mitgenommen. Denn wer die Hauptabnehmer von actionlastigen Computerspielen mit einer ,männlicher Mann macht fiese Feinde fertig‘-Thematik sind, dürfte auch klar sein. Deshalb ist das aber noch lange nicht ,natürlich‘ - die selbsterfüllende Prophezeiung lässt grüßen.

ling. Die Folgen sind allerdings immens, denn wenn Lesen später als ,fremd‘ wahrgenommen wird und man keinen Bezug dazu hat, dürften die Auswirkungen auf den Bildungserfolg auch klar sein. Dass Bildung nicht universell zugänglich ist, ist aber ein Riesenproblem, denn die Grundlage für Demokratie nach dem richtungsweisenden Modell der Französischen Revolution war nun einmal, dass man eine informierte Meinung hat und auch haben kann! Der Habitus sorgt also sowohl dafür, dass wir uns in bestimmten Bereichen zuhause fühlen, als auch dafür, dass er uns unsichtbare und undurchdringbare Riegel vor die Nase setzt. Er wird richtiggehend inkorporiert; sprich, der Körper speichert bestimmte Mechanismen ab – man fühlt sich tatsächlich physisch unwohl, wenn man ,unpassende‘ Dinge tut. Das einfachste Beispiel ist das Erröten, wenn man etwas tut, das einem peinlich ist. Das vielbemühte ,man müsste nur wollen‘ greift also zu kurz, da man sich nicht aussuchen kann, was man will! Ebenso verkommt ,die beschweren sich doch aber nicht‘ zur fehlschließenden Farce, denn die ,freie Entscheidung und Meinungsbildung‘ ist fremdbeeinflusst in gewisse Richtungen gedrängt. Indes nutzt die bloße Kenntnis dieser Wirkungsweisen nur wenig, man müsste sich entsprechend eingeübte Mechanismen regelrecht physisch abtrainieren. Die Wahrheit alleine wird einen nicht befreien.

Optimistisch verzerrte Selbstwahrnehmung: Die Höhe, das sind die Anderen Die Reproduktion bestehender Verhältnisse kommt dabei vor allem den Mächtigen zugute, denn der Erfolg bestätigt deren Verhaltensweisen – die für ihren Habitus typisch sind – als ,besser‘. Die Gründe, die zum Aufstieg geführt

haben, werden rückwirkend und für die Zukunft als die ,sinnvollen‘ Kriterien verbrämt. An sich ist nun die Annahme, dass alles zu einem gewissen Grad Produkt seiner Umgebung ist, nicht so abwegig. Man kann nicht mal eben aus seiner Haut, das ist aber kein Weltuntergang – nur sollte man dann nicht einfach leugnen, dass man geprägt ist! Einfach so zu tun als würde einen das nicht betreffen, ist das Kontraproduktivste, was man machen kann, wenn man nicht einfach auf Autopilot laufen will – oder wie good ol’ Goethe es formulierte: „Niemand ist so unfrei wie der, der fälschlicherweise glaubt frei zu sein“! Gar tragisch wird es, wenn man sich unbewusst internalisierter Mittel einer opponiert geglaubten Strömung bedient. Doch es sollte erst mal schaffbar sein, sich einzugestehen, dass man auch nicht außen vor ist, um sich selbst und das, was man im Alltag unbemerkt auf ganz bestimmte Art und Weise (nicht) macht, auf den Schirm zu kriegen, und sich klar zu machen, dass es auch anders möglich wäre. Erst dann kann man sich die Frage stellen, was da eigentlich dahintersteckt. Warum würde es mir etwa im Traum nicht einfallen, Mails mit ,LG‘ abzuschließen? Demgegenüber verhindert die Zugehörigkeit zu meinungsinzestuösen Autoaffirmationskolonien den Austritt aus einer vielleicht nicht selbst verschuldeten, wohl aber aufrechterhaltenen Unmündigkeit – Gruppenaktivitäten wie ,Mit zweierlei Maß messen und einseitige Argumentation immer nur bei den anderen sehen‘ sei Dank. Würden beide Seiten aber mal ihre Brillen der Marke ,Selbstgefällig & Selbstverarsche‘ abnehmen, so würden sie gewahr, dass sie nackt sind. Bleiben die Korrekturlinsen allerdings bis zur Hirnblutung festgezurrt, so kommt natürlich niemand auf die Idee, sich mal eine Hose anzuziehen – aber alle wundern sich, warum sie von lauter Ärschen umgeben sind.

Das Habitus-Konzept und die Reproduktion von Werten: Girls just Die Reproduktion von sozialen Hierarchien: Might is right wanna have fun Zentral für Bourdieu und seine Analysen ist das Konzept des Habitus. Plump gesagt tangiert der Habitus das, was ,halt natürlich so ist‘ – er vereint alles, was wir erfahren haben, was wir sind und was wir glauben, sein zu müssen, in fleischgewordener Geschichte. Ein Beispiel ist, dass wir die ,natürliche Art‘, wie Männer und Frauen

Der Bezug zur Reproduktionsarbeit in dem Sinne, dass bestehende Werte reproduziert werden, ist damit also erst einmal klar, aber es geht noch weiter. Wer daheim umringt von Fernsehern und keinem einzigen Buch aufwächst, dürfte eine deutlich andere Einstellung zum Lesen haben als ein Literatenzög-

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REPRODUKTIONSARBEIT IM MARXISMUS DER 1970ER Der Marxismus habe zum Thema Gesellschaftliche Grundlagen Geschlechterverhältnisse nichts zu sagen, Reproduktionsarbeit In den 1960er und 1970er Jahren war Erwerbsvon Frauen* in der Familie diskurnehme er nicht in den Blick und arbeit siv als Zuverdienst codiert, ideologisch war Karl Marx sei ein Sexist gewe- die Nichterwerbstätigkeit von Frauen* imsen. Karl Marx’ moralisierenden mer noch stark präsent. Daher thematisierPositionen zur Lohnarbeit der ten Frauen*bewegungen vor allem die Familie Frau*, welche zum Sittenver- als Ort der Gewalterfahrung und Ausbeutung. fall führe, können durchaus als Außerdem wurde versucht, die als „unsichtsexistisch bezeichnet werden. bar“ beschriebene, unbezahlte ReproduktionsDass mit seiner Theorie Repro- oder Hausarbeit von Frauen* aufzuzeigen und Zentrum der theoretischen Auseinandersetduktionsarbeit nicht zu fassen ins zung zu rücken. Kontroversen gab es nicht nur sei, ist umstritten. zwischen Feministinnen*, sondern auch inner-

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apitalistische Familienverhältnisse, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Hausoder Fürsorgearbeit waren und sind zentrale Themen marxistisch-feministischer Auseinandersetzung. Diese Themen wurden innerhalb feministischer und marxistischer Bewegungen viel diskutiert und führten zu einer Reihe theoretischer Auseinandersetzungen. Die Verbindung von marxistischer und feministischer Theorie und Praxis wurde dabei stets mitverhandelt und dynamisierte die Debatten weiter. Jede Bearbeitung dieses Themas stellte eine Intervention innerhalb der Frauen*bewegungen der 1970er und 1980er Jahre dar und die Beiträge wiesen oft in unterschiedliche Richtungen.

Von den Ursprüngen Grundlagen

und

Wenn orthodoxe Marxist_innen über Geschlechterverhältnisse im Marxismus sprechen, werden meist drei Referenzpunkte der marxistischen Theorie angeführt. Friedrich Engels’ Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, August Bebels Die Frau und der Sozialismus und Clara Zetkins Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands. Die Rezeption von Andrea Kollontai geht meist nicht über das berühmte Zitat „Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau – ohne Befreiung der Frau kein Sozialismus!“ hinaus. Im Ursprung erklärt Engels, was unter „Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“ zu verstehen sei: „Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die 1 Fortpflanzung der Gattung.“ Ähnlich argu2 mentieren auch Bebel und Zetkin3. Zu Recht kritisierten Feministinnen*, dass dadurch ein Hauptwiderspruch, also jener zwischen Arbeit und Kapital über andere Widersprüche wie Geschlechterverhältnisse oder rassistische Verhältnisse gestellt wird.

halb der Arbeiter_innenbewegung und der gesellschaftlichen Linken: Frauen waren in sozialistischen Organisationen nicht gehört und Erfahrungen und Interessen von Frauen* spielten in der politischen Auseinandersetzung keine Rolle. Autonome Frauen*räume mussten erkämpft werden – oft gegen großen Widerstand der Genossen.

Viel Diskussionsstoff In der Debatte zwischen Feministinnen* können verschiedene Stränge der Theoretisierung von Hausarbeit ausgemacht werden. Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof4 versuchten, die Frage der Hausarbeit im Kapitalismus als „blinder Fleck in der Kritik der politischen Ökonomie“ 5 zu theoretisieren. Im deutschsprachigen Raum dominierte der Ansatz der Bielefelder Forschungsgruppe, die versuchte, einen neuen feministischen Ausbeutungsbegriff zu entwickeln. So gebe es, neben der Warenproduktion im Kapitalismus, auch die „ursprünglichere“ Subsistenzproduktion, also alle nicht als Lohnarbeit formalisierte Arbeitsverhältnisse, die als „Lebensproduktion“ ins Zentrum der Kritik gestellt werden müsse. Eine feministische, den Kapitalismus überwindende Strategie müsse sich darauf orientieren, die Subsistenzarbeit zu kollektivieren.6 Ein anderer Diskussionsstrang widmete sich der Ausweitung von Marx’ Werttheorie. Dabei ging es zunächst darum, Hausarbeit in das Schema der (un)produktiven Arbeit einzuordnen und damit einhergehend zu klären, welchen Anteil sie in der Steigerung oder Minderung des Werts der Arbeitskraft der (Ehe-) Männer* hat. Maria Rosa dalla Costa und Selma James versuchten Ende der 1970er Jahre zu zeigen, dass die produktive Hausarbeit die Ware Arbeitskraft reproduziert und damit auch zur Steigerung ihres Mehrwerts beiträgt. Frauen* produzierten ebenfalls mehr Wert als nötig sei, dieser Mehrwert gehe in den Profit des_der Kapitalist_in ein.7 Ein drittes Vorhaben bestand darin, den au-

Hanna Lichtenberger

tonomen Charakter von Reproduktionsarbeit herauszustreichen, also zu zeigen, dass es zwei Produktionsweisen gebe: die kapitalistische und die häusliche Produktionsweise. Referenzpunkte in dieser Debatte sind Fraad, Resnick und Wolff, denen es darum ging, die Begriffe ,Klasse‘ und ,Hausarbeit‘ zusammenzubringen; Für sie gibt es zwei ungleichzeitige Klassenproduktionsweisen. Eine feudale und eine kapitalistische, die unterschiedliche, einander widersprechende Anforderungen stellen, woraus sich das ,Protestpotential‘ ergebe.8 Auch Christine Delphys’ The main enemy unternimmt den Versuch, Hausarbeit als eigene Ausbeutungsform darzustellen; im Zentrum ihrer Analyse steht der Ehevertrag, der die Grundlage der Ausbeutung von Frauen* darstelle.9

Die Leiter hinunter! In all diesen Ansätzen gibt es zahlreiche Probleme und Sackgassen: Reproduktionsarbeit kann größtenteils nicht kommodifiziert, also nicht zur Ware gemacht und nicht per se dem Wertgesetz unterworfen werden.10 Die von Marx im Kapital untersuchte kapitalistische Produktionsweise bezieht sich auf den „idealen Durchschnitt“, was bedeutet, dass sie in 11 dieser Form empirisch-konkret nicht existiert. Geschlechterverhältnisse auf dieser abstrakt-theoretischen Analyseeinheit integrieren zu wollen, erscheint deshalb theoretisch wenig sinnvoll und wurde, wie diese Analyse zeigt, bisher auch nicht überzeugend vorgelegt. Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital sowie Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus sollten als eigenständige Widersprüche verhandelt und daher auf einer historisch-konkreten Ebene betrachtet werden. Das würde bedeuten, die Verwobenheit dieser Widersprüche heute zu analysieren, womit eine genauere Bestimmung von Reproduktionsarbeit auf dieser konkreten Ebene möglich wird. Darüber hinaus wäre es für eine heutige Debatte notwendig, über rassistische Verhältnisse in der Reproduktionsarbeit (Stichwort migrantische Hausarbeit) und den Wandel in der Familienstruktur seit den 1970ern Jahren nachzudenken, also in der Analyse von der heteronormativen Vorstellung einer „Hausfrau-Ernährer-Kinder“-Konstellation abzugehen. Eine ideologietheoretische Auseinandersetzung könnte klären, welche Funktion die Zuschreibung von Hausarbeit als ‚weibliches Aufgaben12 feld‘ abzielt. Der Rückgang der Intensität, mit der die Debatte um die Theoretisierung von Hausarbeit im Marxismus geführt wurde, hängt zum einen mit dem gesellschaftlichen Wandel seit den 1970ern und der Transformation von Frauen*bewegungen zusammen, zum anderen wohl auch damit, dass sie in eine Sackgasse geraten sind, aus der die teils institutionalisierte Debatte nicht mehr herauskommen konnte.

Don’t mix it up! Die zahlreichen Ansätze können die Theoretisierung von Hausarbeit im Kapitalismus nicht ausreichend beantworten. Dennoch lohnt sich die Auseinandersetzung und Weiterführung solcher Debatten. Michele Barrett schreibt in ihrem Buch Das unterstellte Geschlecht (1980) treffend: „Ich gehe davon aus, dass eine solche Versöhnung bisher nicht stattgefunden hat, und dass jeder Versuch, eine schlüssige marxistisch-feministische Analyse zu erstellen, enorme theoretische und politische Probleme aufwirft, die sich vielleicht als Stolperstein eines jeden Bündnisses zwischen Frauenbewegung und der Linken erweisen werden – und von beiden Seiten Kompromisse verlangen, wenn sie gelöst werden sollen. Aber es ist sicherlich besser, sich ihnen zu stellen, als sie 13 hinwegzudeuten.“ Anmerkungen: 1 MEW 21, 27 2 August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, Berlin: Dietz-Verlag, 1973. 3 Clara Zetkin: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands, Berlin: Stroemfeld Verlag, 1958. 4 Claudia von Werlhof nahm einen zentralen Platz in der Hausarbeitsdebatte ein, daher wird sie an dieser Stelle auch erwähnt. Von ihren kruden Theorien über Haiti und ihren aktuellen Arbeiten distanzieren wir uns an dieser Stelle aber deutlich. 5 Claudia von Werlhof: Frauenarbeit: der blinde Fleck in der Kritik der politischen Ökonomie, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Heft 1, 1978. 6 Haug, Frigga: Familienarbeit, Hausarbeit. Stichwort, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 4, Hamburg: Argument-Verlag. 7 Dalla Costa, Mariarosa / James, Selma: Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft, Berlin: Merve 1978, S. 39f. 8 Haug, Frigga: Familienarbeit, Hausarbeit. Stichwort, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 4, Hamburg: Argument-Verlag. 9 Delphy, Christine: The Main Enemy. A Materialist Analysis of Women’s Oppression. Women’s Research and Resources Centre Publications, London: 1977. 10 Smith, Paul: Domestic Labour and Marx’s Theory of Value, in: Kuhn, Anette / Wolpe, AnnMarie: Feminism and Materialism, London: Routledge. 11 Althusser, Louis / Balibar, Etienne: Das Kapital lesen. 2 Bände, Reinbek: Rowohlt, 1972/1984. 12 Asenbaum, Maria / Kinzel, Katherina: Wert und Wettex. Marxismus und Feminismus, in: Perspektiven. Magazin für linke Theorie und Praxis, Nummer 9, 2009. 13 Barrett, Michéle: Das unterstellte Geschlecht. Umrisse eines materialistischen Feminismus, Hamburg: Argument, 1983, S. 11.

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dampfschiffstraße

DIE SCHUFTENDE MUTTI REPRODUKTIONSARBEIT IN DER DDR Das diktierte Frauenbild in der DDR war das der lohnarbeitenden Mutter. Andere Konzepte wurden politisch unterdrückt. Frauen waren einer deutlichen Mehrfachbelastung ausgesetzt, wie ein Blick auf die Geschichte zweier Frauen verdeutlicht.1

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hren 18. Geburtstag verbrachte Hildegard S. im Februar 1945 auf einem Schiff. Es war eiskalt. Sie war auf der Flucht aus Ostpreußen über die Ostsee ,heim ins Reich‘. Der Krieg hatte ihr junges Leben gezeichnet. Sie beschloss, sich für den Frieden und ein anderes Deutschland einzusetzen. Hildegard S. wurde Mitglied im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD). Im Jahre 1953 wurde sie eine der jüngsten Bürgermeisterinnen der DDR. Es waren vor allem Frauen, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauten. Die Lohnarbeitstätigkeit von Frauen stieg enorm an, ohne jedoch mit einer Veränderung in der Verteilung von reproduktiver (Haus-)Arbeit einherzugehen. Hildegard S. sah sich mit einer dreifachen Belastung konfrontiert: politisches Engagement, Vollzeit-Beschäftigung und Mutterschaft. Sie wollte ihrem Mann die Möglichkeit geben, sich beruflich zu verwirklichen. Er studierte zehn Jahre, in denen sie Alleinverdienerin war, den Haushalt schmiss und die Schwiegermutter pflegte. Obwohl Hildegards reproduktive Tätigkeiten um ein Vielfaches die ihres Mannes überstiegen, ist sie der Meinung, dass Männer und Frauen in der DDR gleichberechtigt waren, was der gängigen Meinung in der DDR entsprach. Die DDR propagierte zwar die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, jedoch sollte zunächst der ‚Hauptwiderspruch‘ zwischen Kapital und Arbeit gelöst werden. Die Befreiung der Frau würde daraus erwachsen und sich im Kommunismus manifestieren. In erster Linie wurde in der DDR eine Frauenpolitik betrieben,

Anna Thiemann

die es den Frauen ermöglichte, ihrer Pflicht nachzugehen: der Lohnarbeit. Dafür wurde ein Teil reproduktiver Arbeit, wie die Kindeserziehung, verstaatlicht. Dass reproduktive Arbeit in der DDR verstaatlicht wurde und Menschen, meist Frauen, dafür bezahlt wurden, einer Tätigkeit wie Kindergärtnerin nachzugehen, gab dieser Arbeit einen fiskalischen Wert. Der in der DDR viel rezipierte Marx verstand reproduktive Arbeit als unerlässliche Voraussetzung der Lohnarbeit, da sie die Ware Arbeitskraft reproduziere. Trotz der Theorie wurde reproduktive Arbeit in der DDR schlecht entlohnt.

Patriarchat in Ost und West In Ost- und Westdeutschland wurde 1949 die gesetzliche Gleichheit von Frauen und Männern in der Verfassung bzw. im Grundgesetz verankert. In beiden Staaten wurde dieser Grundsatz nur langsam umgesetzt. In der DDR ging das Familiengesetzbuch von einer beiderseitigen Berufstätigkeit aus. 1971 schrieb die westdeutsche Zeit-Korrespondentin Marlies Menge: „Will eine ungelernte Arbeiterin sich zur Diplomingenieurin hochstudieren oder – je nach Standort – eine Rübenzieherin zur LPGVorsitzenden, und ihr Ehemann ist dagegen, so ist das für den Richter (häufig Richterin) ein schwerwiegenderer Grund zur Scheidung als ein handfester Ehebruch.“ Dennoch herrschte in der DDR, genauso wie in der BRD, ein patriarchales Familienbild. So kam es dazu, dass Frauen erst 1972 in beiden Staaten Autonomie über ihren Körper gewährt wurde und diese sich legal zu einer Abtreibung innerhalb der ersten drei Monate entscheiden konnten.2

Frauenpolitik als Familienpolitik In den 1950er-Jahren ging es in der DDR um den Aufbau des Sozialismus. Durch den Krieg und später durch die Abwanderung gab es einen Mangel an Arbeitskräften. Frauen wurden

benötigt, um wirtschaftlich relevante Bereiche aufzubauen. Gleichzeitig sollten sie aber auch viele zukünftige Arbeiter_innen gebären. Hildegards Tochter Sabine B. bekam 1977 nach ihrem 5-jährigen Auslandsstudium der Kybernetik in Kiew ihr erstes Kind. Sie erhielt ein bezahltes Babyjahr. Ihr Sohn hatte einen garantierten Kindergartenplatz. In der DDR wurde ein flächendeckendes Angebot von Kindergarten- und Krippenplätzen aufgebaut: 1955 wurde 35 Prozent der Kinder, 1970 65 Prozent der Kinder und in den 1980er-Jahren fast 100 Prozent der Kinder ein Platz in einem Kindergarten zur Verfügung gestellt. Die Betreuung der unter 3-Jährigen betrug 1955 10 Prozent, 1970 30 Prozent und in den 1980er Jahren ca. 75 Prozent.3 Der Besuch des Kindergartens oder der Kinderkrippe war kostengünstig und hing vom Einkommen der Eltern ab. Die Kinder konnten von sechs bis 18 Uhr abgegeben werden. Sabine B.s Sohn wurde jeden Tag in der Schulkantine mit Essen versorgt. Nach dem Babyjahr war es für Sabine B. einfach, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Ihr Mann beschäftigte sich in der Regel nicht mit Kindererziehung und half auch nicht im Haushalt. Seine Aufgabe war es, das Geld zu verwalten, zu tapezieren und das Auto zu waschen. Also Aufgaben, die ein höheres Prestige versprachen. Diese Aufgabenverteilung behielten sie auch bei, nachdem ihre drei weiteren Kinder geboren waren, und Sabine B. immer noch einer Vollzeitbeschäftigung nachging.

Emanzipation von oben Reproduktive Arbeiten wurden in der BRD und in der DDR von Frauen ausgeführt. Die Hierarchien zwischen Männern und Frauen blieben unangetastet. Zugeständnisse, die den Frauen gemacht wurden, unterlagen einer wirtschaftlichen Logik: Frauen sollten einer ganztägigen Lohnarbeit nachgehen. Die Neuverteilung der Lohnarbeit ging aber nicht mit einer gerech-

teren Verteilung reproduktiver Arbeit einher. Dadurch litten Frauen unter Mehrfachbelastungen. Doch verhalf die Lohnarbeit den Frauen auch zu einer größeren Unabhängigkeit von ihren Männern: Es kam öfter zu Scheidungen. Jedoch reichte das Gehalt von Frauen, das unter dem der Männer lag, da typisch ‚weibliche‘ Berufe schlechter bezahlt wurden und Frauen seltener in Führungspositionen kamen, oft nicht aus, die Kinder alleine großzuziehen. 1971 verkündete Erich Honecker, Vorsitzender des Staatsrates der DDR, dass die Frauenfrage in Ostdeutschland gelöst sei.4 Weitsichtigere Feminist_innen in der DDR, die dieser Darstellung widersprachen, wie die Frauen für den Frieden, wurden verfolgt, da Kritik an patriarchalen Strukturen als Systemkritik gewertet wurde. Die Frauenpolitik in der DDR orientierte sich am Ideal der lohnarbeitenden Mutter. Andere Lebens- und Gemeinschaftsformen wurden stark unterdrückt. Wie aber konnte es zu dieser scheinbaren Emanzipation auf dem Gebiet der Lohnarbeit kommen? – Ohne Auswirkungen auf die Privatsphäre? Dies lag vor allem am Ausbleiben feministischer Bewegungen in der DDR. Die Emanzipation der Frauen wurde vom durch Männer dominierten Staat diktiert. Es gab keine emanzipatorische Bewegung von unten, und deshalb formierten sich die Frauen auch nicht als ‚Kampfsubjekt‘. Nur wenige von ihnen formulierten eine Kritik daran, dass sie den Großteil der reproduktiven Arbeit allein bewältigen mussten. Anmerkungen: 1 Für den Artikel wurden Ende Februar 2012 Hildegard S. und Sabine B. interviewt. Die Namen wurden von der Redaktion geändert. 2 Wangerin, Claudia (2010): Die DDR und ihre Töchter, Berlin, S. 48–55 3 Trappe, Heike (1995): Emanzipation oder Zwang? Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik, Berlin, S. 57 4 http://www2.gender.hu-berlin.de/ausstellung/Infocomputer/Massnahmen/Zeitstrahl_DDR.htm

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VOM HAUS OHNE KÜCHEN Betrachtet mensch das Haus in Die Idee der Pilgerimgasse, könnte es ein ganz normaler Gemeindebau des 1901 wird Lily Brauns Frauenarbeit und Hausveröffentlicht, in dem sie ihr KonRoten Wien sein. Aber der Heimhof wirtschaft zept vorstellt. Darin schreibt sie: „An Stelle der im 15. Wiener Gemeindebezirk ist 50–60 Küchen, in denen eine gleiche Zahl Fraumehr. In ihm befand sich Wiens en zu wirthschaften [sic!] pflegt, tritt eine im Einküchenhaus. Ein Experiment, Erdgeschoß befindliche Zentralküche, die mit das alleinerziehende Frauen un- allen modernen arbeitsparenden Maschinen terstützen sollte, aber nicht ins ausgestaltet ist. Giebt [sic!] es doch schon Abchristlichsoziale Weltbild passte waschmaschinen, die in drei Minuten zwanzig und Schüsseln reinigen und abund vom Austrofaschismus be- Dutzend Teller trocknen!“3 Bei der Zentralküche soll mittels eiendet wurde. nes Haustelefons das Essen bestellt werden, das

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m Jahr 1910 war Wien die vierte Stadt der Welt, die die Zwei-Millionen-Marke überschritten hatte. Der Großteil der Bevölkerung lebte in bitterster Armut. Den Gipfelpunkt der Wohnungsnot bildeten wohl die ‚Bettgeher‘1, die 1910 ca. 20 Prozent der Einwohner*innen von Brigittenau ausmachten. 1919 fanden schließlich die ersten allgemeinen, gleichen Wahlen für Männer* und Frauen* statt. Die in Wien mit absoluter Mehrheit ausgestattete Sozialdemokratische Arbeiterpartei [sic!] (SDAP) startete ein Wohnbauprogramm, um Wohnraum für das Wiener Proletariat zu schaffen. Schließlich wurden 1920 die beiden ersten der bis 1933 errichteten 382 Wohnbauten eröffnet. Die für diese Zeit ausgesprochen großen Wohnungen verfügten erstmals über fließendes Wasser und WCs in jeder Wohnung, weiters gab es in allen größeren Bauten Kindergärten, Waschküchen, ‚Tröpferlbäder‘2 und ähnliche Einrichtungen. Der Heimhof wurde von 1921 bis 1923 nach Plänen von Otto Polak-Hellwig errichtet. Bauträgerin war die Genossenschaft [sic!] Heimhof. Zu Beginn war er mit 25 Wohnungen und einer Reihe von Zentraleinrichtungen ausgestattet. Eines fehlte den Wohnungen jedoch: eine Küche. Denn das neue Konzept, das auf die sozialdemokratische Feministin Lily Braun zurückging, sah eine Zentralküche vor, in der von angestellten Köch*innen für das gesamte Haus gekocht wurde. Zielgruppe der Genoss*innenschaft waren in erster Linie alleinerziehende Frauen und auch nicht klassische Arbeiterinnen*, sondern eher Angestellte in Büros.

Laurin Rosenberg

schließlich mit einem Speisenaufzug in die eigene Wohnung geliefert wird. Das Lob für das neue Konzept hielt sich in Grenzen. Während die Männer innerhalb der SPD zu dieser Zeit durch machistische Argumentationsversuche auffielen, wie etwa dem Verbot von Frauenarbeit, da diese nur den Lohn der Männer drücke, wurde das Einküchenhaus auch von der proletarischen Frauenbewegung kritisch gesehen. Clara Zetkin etwa, die zu diesem Zeitpunkt noch SPD-Funktionärin war, hob vor allem hervor, dass ein solches Modell nur für Lohnabhängige funktionieren würde, die über eine fixe, relativ gut bezahlte Arbeitsstelle verfügten und nicht für die breite Masse der Arbeiter*innen. Nichtsdestotrotz folgten erste Realisierungsversuche 1903 in Kopenhagen, 1906 in Stockholm, und später, unter anderem, der Wiener Heimhof.

zulehnen, alles ist abzulehnen, was die seelischen Kräfte der Familie zerstört.“5 1924 wurde der Heimhof von der Allgemeinen Bau-Zeitung hingegen positiv bewertet: „Sicher bedeutet auch das Einküchenhaus nicht die höchste hauswirtschaftliche Glückseligkeit. Aber eine aussichtsreiche Station auf dem Wege zur Befreiung der mit Kopf und Hand arbeitenden Menschheit vom überflüssigen Ballast hauswirtschaftlicher Betätigung ist es gewiss.“ Die Zentralküche war nicht die einzige Gemeinschaftseinrichtung, auch ein Kindergarten, eine Waschküche, und dem Zeitgeist entsprechende Räume wie Lesestuben wurden eingerichtet. Die Wohnungen selbst wurden ebenfalls sehr modern ausgestattet. So gab es etwa in jeder Wohnung Zentralheizungen6 und in die Wand eingebaute Staubsauger. Diese wurden in den meisten Fällen nicht selbst verwendet, da auch die Reinigung der Wohnung von Angestellten erledigt wurde und in der Miete inkludiert war. 1924 wurde der Heimhof schließlich von der Gemeinde Wien übernommen, die Genoss*innenschaft konnte sich den Erhalt des Hauses nicht mehr leisten. 1925 und 1926 wurde der Bau dann auch um 221 auf 246 Wohnungen erweitert, außerdem zog der bisher im Dachgeschoss untergebrachte Kindergarten in ein eigenes Gebäude und wurde zu einem städtischen Kindergarten. Die Verwaltung des Einküchenhauses blieb aber bei der Genoss*innenschaft.

Die Umsetzung

Opfer des Faschismus

Auch der Heimhof wurde stark kritisiert, so etwa in einer Gemeinderatssitzung im März 1923: „Es ist ein Unsinn, wenn eine Familie in einem solchen Einküchenhaus wohnt. Es ist auch aus sittlichen Gründen nicht anzuraten, der Hausfrau alle Sorgen für den Haushalt abzunehmen. Die junge Hausfrau soll sich nur sorgen, sie soll wirtschaften und sparen lernen, das wird ihr für die Zukunft nur von Nutzen sein.“4 Dem stand die christlichsoziale Reichspost in nichts nach, die im September 1925 schrieb: „Gemeinsame Küchen in Mietshäusern sind ab-

Nach dem Ende der Februarkämpfe 1934, die im Austrofaschismus mündeten, wurden in ganz Wien Gemeinschaftseinrichtungen geschlossen. Einrichtungen, die die Bevölkerung unterstützen sollten, wichen so genannten ‚Notkirchen‘ oder anderen Einrichtungen, die besser ins christlichsoziale Weltbild passten. So wurde auch der Heimhof weitgehend verändert, die Zentralküche und der Speisesaal geschlossen und das Experiment beendet. Den Nazis war der Heimhof ebenso ein Dorn im Auge. Nach dem ‚Anschluss‘ wurden Kleinküchen und Bäder in die Wohnungen eingebaut

und der Großteil der Bewohner*innen delogiert, vertrieben und/oder umgebracht. Viele der Bewohner*innen waren Anhänger*innen der Sozialdemokratie oder Juden* und Jüdinnen*. Durch die vorgenommenen Umbauarbeiten wurden die Wohnungen sehr klein und der Hof insgesamt zunehmend unattraktiv. Heute ist der Heimhof ein normaler Wohnbau. Das Konzept der Einküchenhäuser wurde nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend vergessen, der letzte Umsetzungsversuch datiert aus dem Jahr 1933, als in London das Isokon Building eröffnet wurde. Lediglich in den 1970er Jahren kam es zu einer kurzen Renaissance, als das Modell im Zusammenhang mit dem Entstehen von studentischen Wohngemeinschaften als kollektive Form des Wohnens diskutiert wurde. Eine Diskussion, die auch heute wieder aufgenommen werden sollte. Bedarf für solche und ähnliche Modelle gibt es zur Genüge, war das Einküchenhaus doch wesentlich praktischer als jeder heute so beliebte Lieferservice. Anmerkungen: 1 Als ,Bettgeher‘ werden Arbeiter*innen bezeichnet, die sich keine eigene Wohnung leisten können und sich in die Betten anderer Arbeiter*innen ,einmieten‘. So hat sich etwa ein*e Arbeiter*in der Nachtschicht tagsüber in das Bett eines*einer Arbeiter*in der Tagschicht ,eingemietet‘. 2 Wiener Ausdruck für öffentliche Bäder, die mit Duschen oder Wannenbädern ausgestattet waren. 3 Lily Braun: Frauenarbeit und Hauswirtschaft, Berlin 1901, S. 21. 4 Wer dies genau gesagt hat, ist leider nicht bekannt. Quelle: http://www.dasrotewien.at/heimhof.html. 5 http://www.dasrotewien.at/heimhof.html. 6 In einem Werbevideo von 1922 heißt es hierzu: „Kein Kohlenträger betritt meine Wohnung“. Zuvor wurde in erster Linie mit Kohle geheizt, was aber gesundheitliche Gefahren, vor allem für die Atemwege, mit sich brachte. Das Video kann in der Ausstellung Das Rote Wien im Waschsalon angesehen werden. http://dasrotewien-waschsalon.at/in/

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Fabian (27) und Sofia (22) wohnen in Wien..............

„ICH MUSSTE ERINNERT WERDEN, MEINEN TEIL ZU ERLEDIGEN“ Seit wann wohnt ihr zusammen? Wie teilt ihr eure Hausarbeit auf?

WHO CARES? Ein Blick darauf, wer für die Hausarbeit zuständig, ist zeigt: Obwohl auf der Einstellungsebene leichte Fortschritte zu verzeichnen sind, bleibt in der Realität der Hetero-Beziehungen alles beim Alten – Hausarbeit ist auch 2012 Frauensache. Sind homosexuelle PartnerInnschaften ein Lichtblick?

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enn sie nach Hause fährt, ist sie müde von einem anstrengenden Tag. Sie ist 23 Jahre alt, studiert VWL an der Uni Wien und freut sich darauf, in ihr Bett zu fallen, vielleicht noch zu lesen und dann einzuschlafen. Zu Hause jedoch geht Sophies Tag und die Arbeit weiter: Die Wäsche muss abgenommen, der Geschirrspüler ausgeräumt und der Esstisch abgeräumt werden. Er, 25, Psychologie-Student, sieht unterdessen fern. Unter der Wäsche finden sich Peters T-Shirts, unter dem Geschirr und auf dem Tisch seine Teller. Sie und er sind ein Paar, sie leben gemeinsam in einer kleinen Wohnung in Wien. Sie und er sehen sich als „emanzipiert“, wollen vieles anders machen als ihre Eltern. Deswegen saugt er auch hin und wieder im Wohnzimmer, deckt den Tisch und lässt seine Socken nicht am Boden liegen. Trotzdem ist es sie, die den Großteil der Hausarbeit übernimmt. Es ist sie, die die gemeinsamen Freundschaften pflegt. Und es ist sie, die ihm zuhört, die mit vergessenen Pullis durch die Stadt fährt, „damit er nicht friert“, und es ist sie, die immer darauf achtet, dass genügend Zahnpasta im Badezimmer ist. Sie und er fügen sich damit in eine für den modernen Kapitalismus typische, geschlechterstereotype und im Grunde traditionelle Arbeitsteilung ein. Beide bereiten sich mit ihrem Studium (auch) auf ihre Erwerbstätigkeit vor, sie übernimmt zusätzlich den Großteil der sogenannten ‚Reproduktionsarbeit‘. Bei ihm bleibt Hausarbeit hingegen eine „bewundernswerte Fleißaufgabe“. Dabei wird doch sonst gerne beschworen, dass die Zeiten des Heimchens am Herd und des Familienernährers schon längst vorbei seien? Aktuelle Studien und Umfragen, wie die von Barbara Haas aus dem Jahr 2009, auf die ich uns im Folgenden stütze, zeigen jedoch genauso wie persönliche Erfahrungen im Freundeskreis, dass das Gegenteil stimmt: In den letzten Jahrzehnten lassen sich kaum Veränderungen bei der klassischen Zuständigkeit der Frauen beobachten. Frauen tragen nach wie vor die Hauptlast bei unbezahlten Fürsorge- und Reproduk-

einhalb Jahren zusammen. Am Anfang hatten wir einen Putzplan, mittlerweile machen wir uns die Aufteilung der Hausarbeit einfach immer aufs Neue aus, und es hat sich eine gewisse Routine eingestellt.

Flora Eder

tionstätigkeiten – im Jahr 2002 arbeiteten sie beispielsweise in Österreich durchschnittlich 45 Stunden in der Woche, Männer hingegen ‚nur‘ 35 Stunden. Beinahe zwei Drittel der von Frauen getätigten Arbeit wird für Hausarbeit und Kinderbetreuung aufgewendet, wie Haas ausführt. Bei höherem Bildungsgrad gleicht sich die Zeitverteilung zwar an, „aber selbst unter AkademikerInnen besteht eine starke Differenz bei der Zeitverwendung“, so Haas.

Findest du, die Arbeit ist gerecht und gleichmäßig verteilt? Es ist gerecht, aber nicht gleichnicht ausstehen kann. Es stört mich aber nicht, wenn das jetzt ich übernehme. Die anderen Arbeiten werden von uns beiden gleichmäßig gemacht. Nachdem ich aber weiß, dass vor allem bei Typen öfters eine Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und realen Tatsachen besteht, hoffe ich, dass meine Einschätzungen dazu halbwegs stimmen. Redet ihr viel über Hausarbeit? Vor allem früher, weil ich im ersten

halben Jahr oft daran erinnert werden musste, meinen Teil zeitgerecht zu erledigen. Mittler weile mache ich aber eine gute Lösung, da mein schlechtes Gewissen, in der Hausarbeit bisher viel zu wenig gemacht zu haben, ein bisschen weniger wird. In welchen Punkten denkst du, unterscheidet sich das von einer Homo-Beziehung? Das kommt wohl ganz auf die HomoBeziehung an. Aber vielleicht nervt es manchm al ein bisschen mehr, wenn der Hetero -Partner* mit seinem Verhalten gängige Rollen bilder reproduzier t.

machen wolltet als eure Eltern? Klar will ich mein Zusammenleben anders organisieren als meine Eltern. Vor allem den Widerspruch, den meine Eltern als 68er in einem ansonsten traditionell aufgeteilten Haushalt vorgelebt haben.

Eine Illusion der Gerechtigkeit Anders verhält es sich in puncto Wunschvorstellungen – da stimmen immer weniger Frauen der Aussage zu: „Einen Beruf zu haben ist ja ganz schön, aber das, was die meisten Frauen wirklich wollen, sind ein Heim und Kinder.“ 2002 unterstützten dies in einer Umfrage des Österreichischen Instituts für Familienforschung ein Viertel der vom International Social Survey Program befragten Frauen – 1988 waren es noch rund 60 Prozent. Und auch bei den Männern treten, zumindest Umfragen zufolge, auf der Einstellungsebene Veränderungen der Rollenvorstellungen ein. Das stimmt zumindest so lange – und auch da eben nur auf der Einstellungsebene –, bis sie und er ein Kind bekommen: Für 40 Prozent kommt dann Erwerbstätigkeit der Mütter „nicht in Frage“, zwischen 95 und 98 Prozent lehnen bei Müttern von Kindern unter eineinhalb Jahren Vollzeittätigkeit gänzlich ab. Damit ist die Betreuung von Kindern und anderen Personen für Frauen nach wie vor zu „Traditionalisierungsfallen“ und bedeutet für Hetero-Paarbeziehungen einen Übergang zu Geschlechterrollen, wie sie in den 1950er Jahren in Österreich allgemein vorherrschend waren: In zwei Dritteln der österreichischen Hetero-Haushalte mit einem Kind unter drei Jahren geht der Mann einem Vollzeitberuf nach und die Frau wird zur Vollzeit-Hausfrau und Mutter. Bis das jüngste Kind 17 Jahre wird, herrscht das Frau-Teilzeitarbeits-Vollzeithausarbeits- und das Mann-Vollzeitarbeits-Modell vor, danach bleibt es meist weiterhin bei der Doppelbelastung Haushalt und Erwerbstätigkeit für die Frauen.

Verschiebung auf Migrantinnen Trotz der Flexibilisierung und der zunehmenden Vielfalt von Beziehungskonstellationen sind Hetero-Paare wie die skizzierten in Österreich noch immer die Mehrheit. 87 Prozent der unter 15-jährigen Kinder leben mit ihren Hetero-Eltern in einem Haushalt, zeigt Haas. Was sich allerdings in den letzten Jahrzehnten zusehends verändert hat, ist das Faktum, dass sie einen immer größeren Teil ihrer

Reproduktionsarbeit von unterbezahlten Migrantinnen verrichten lassen. Dabei arbeiten Migrantinnen nicht nur meist ‚schwarz‘ – sondern auch ihre persönlichen Beziehungen sind in Österreich allgemein Beziehungen zweiter Klasse. So haben Frauen ohne österreichische Staatsangehörigkeit nur bedingt Anspruch auf Familienbeihilfe, unter Schwarz-Blau wurde Müttern auch der Bezug des Kindergeldes verwehrt. Staatliche Maßnahmen wie diese wirken sich natürlich besonders fatal auf alleinerziehende Migrantinnen aus, haben aber auch auf die Reproduktionsverhältnisse innerhalb von migrantischen Zweierbeziehungen einem konservativen Einfluss, da finanzielle Abhängigkeitsstrukturen verstärkt werden. Für die privilegiert-‚österreichischen‘ Paarbeziehungen führte das zwar zu einer (ausgesprochen langsamen) schleichenden Entschärfung der Geschlechterunterschiede bei Reproduktionstätigkeiten: Die Diskriminierung hat sich aber nur vermehrt auf Frauen mit Migrationshintergrund verlagert. Doch woher kommt diese große Diskrepanz zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit – und warum scheint sie so unumstößlich mit dem Geschlechterverhältnis verwoben zu sein? Mit dem Aufstieg der kapitalistischen Produktionsweise im 19. Jahrhundert ging auch die Etablierung des bürgerlichen Lebens einher – und die scharfe Unterscheidung in öffentliche und private Sphäre. Öffentlichkeit wurde dabei den Männern vorbehalten, und Frauen wurden ins Private abgedrängt: Eine bereits in feudalen Zeiten bestehende gesellschaftliche Unterdrückungsstruktur, das Patriarchat, wurde in die bürgerliche Gesellschaft dankend transformiert. Damit einher ging auch eine Spaltung zwischen produktiven Tätigkeiten, die über die Waren vermittelt werden und auf die Mehrwertproduktion zielen, und den reproduktiven Tätigkeiten, die nicht direkt warenförmig gesellschaftlich vermittelt sind. Sie sind also von der Produktion „abgespalten“ (Roswitha Scholz). Diese Tätigkeiten umfassen Erziehung, Ernährung und die Bildung von Kindern und Jugendlichen wie auch Betreuung und Erneuerung der

(männlichen) Ware Arbeitskraft. Um sich ihr Ausmaß besser vorstellen zu können: Wie die Arbeits- und Sozialwissenschafterin Gabriele Winker ausführt, umfassten diese Reproduktionsarbeiten auch im Jahr 2001 in Deutschland insgesamt 96 Milliarden Stunden Arbeit – während die Erwerbsarbeit ‚nur‘ 56 Milliarden Stunden Arbeit betrug. Die Zahlen beruhen dabei auf Erhebungen des Statistischen Bundesamts von 2003. Das veranschaulicht auch, dass die produktiven Arbeiten auf die reproduktiven angewiesen sind, obwohl sich dieses Abhängigkeitsverhältnis in familiären Beziehungen auf den Kopf stellt.

Mehrfaches Dilemma Das Dilemma an allen Versuchen, durch Integration in den Arbeitsmarkt das damit verknüpfte Geschlechterverhältnis von der Diskrepanz zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zu entkoppeln, ist dabei zweiseitig. Einerseits: Je mehr Frauen in die Erwerbsarbeit drängen – was für sie eine zunehmende Unabhängigkeit vom Paterfamilias darstellte, dieser emanzipatorische Effekt soll hier nicht kleingeredet werden (!) –, um so niedriger werden dadurch gleichzeitig die Löhne. Denn Löhne sind – nicht nur gemäß der Marxschen Arbeitswertlehre – durchschnittlich nur so hoch wie die Lebenserhaltungskosten der Familie. Wenn nun aber beide PartnerInnen erwerbsarbeiten, dann sinkt ihrer beider Lohn mit der Zeit auf das Niveau, das zuvor der Lohn des einen Partners hatte. Gleichzeitig erhöhen sich die durchschnittlichen Reproduktionskosten der Lohnarbeitenden, wodurch der durchschnittliche Wert der Ware Arbeitskraft steigt und die Mehrwertrate gesenkt wird, wie Winker weiter ausführt. Es entwickelt sich im weiteren Verlauf eine Reproduktionslücke – die aber wie gezeigt weiterhin realiter von Frauen, oftmals Migrantinnen, geschlossen werden muss. Staatlicherseits gibt es die Unterstützung für Reproduktionsarbeiten nur in Bereichen, die unmittelbar dem Wirtschaftswachstum zuträglich sind. Andererseits wurden manche reproduktive Tätig-

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keiten in den letzten Jahren zunehmend in die Erwerbssphäre integriert. Dabei zeigte sich die konstante Unterbezahlung von Reproduktionsarbeit, die weiterhin Arbeit zweiter Klasse blieb. Unterm Strich bleibt also: Reproduktionsarbeit ist weiterhin Frauensache, die die zunehmende Einbindung von Frauen in die Arbeitssphäre begleitet und dabei mit Tücken von etlichen Mehrfachbelastungen aufwartet.

Geht es auch anders? Allerdings wird uns ein Schwenk zu HomoPaarbeziehungen nun zeigen: Es geht tatsächlich auch anders. Denn Homo-Paarbeziehungen zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie wesentlich seltener beforscht werden – die meisten verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen beziehen sich auf die USA, im deutschsprachigen Raum findet man hier ein Forschungsmanko vor. Sie heben sich genauso durch ihre besonders egalitäre Arbeitsteilung hervor. Denn alle Erhebungen unterstreichen übereinstimmend, dass homosexuelle PartnerInnenschaften das Modell female-homemaker – male-breadwinner nicht nachahmen, und dass auch die Betreuung eines Kindes bei den untersuchten lesbischen Paaren – zu schwulen Paaren konnte die Autorin passenderweise keine wissenschaftlichen Untersuchungen finden – nicht zur Reproduktionsfalle für eine der beiden Mütter wird: Lesbische „Co-Mütter“ beteiligten sich wesentlich engagierter an der Kindererziehung als heterosexuelle „Co-Väter“, zeigt auch Lena Schürmann in ihrer Studie aus 2005. Lawrence Kurdek gelangte in seiner bereits im Jahr 1993 erschienenen Studie über die Verteilungsmuster von Hausarbeit in Homo-Beziehungen ebenfalls zu der Feststellung, dass die Arbeit unterm Strich egalitär verteilt wird – und dass dabei lesbische Beziehungen einen Hang zum equality pattern aufweisen: Beide Partnerinnen sind dabei für alle Tätigkeiten zuständig und bearbeiten diese gemeinsam oder abwechselnd. Kurdek zufolge würden demgegenüber schwule Beziehungen zum balance pattern tendieren, demzufolge sie klare Zuständigkeiten für gewisse Tätigkeiten entwickeln und unterm Strich beide Partner gleich viel Aufwand für die Hausarbeit betreiben. Schürmann befragte 2005 mit qualitativen Methoden vier zusammenlebende gleichgeschlechtliche Paare. Markus (37) und Klaus (36) lebten zum damaligen Zeitpunkt schon seit zwölf Jahren in einer romantischen Zweierbeziehung zusammen, der gemeinsame Haushalt gehörte bei ihnen auch zu der Identitätsbildung als Paar. Wie Schürmann darstellt, teilten sich die beiden die Tätigkeiten genau untereinander auf, Klaus putzte die Fenster und überzog die Decken und Pölster: „Ich hab‘ ja nun diese Affenarme, da ist es für mich leicht“, sagte er. Um das Wäschefalten und das Einräumen der Wäsche in den Kasten hingegen kümmerte sich immer Markus. Gemeinsam führten sie eine Haushaltskassa, in die beide den gleichen Betrag einzahlen. Jede darüber hinaus gehende Tätigkeit zahlten sie auch jeweils exakt zur Hälfte. Bei Ruth und Bettina, die Schürmann eben-

falls befragt hat, wurde die Arbeit demgegenüber weniger geplant verteilt – es räumte diejenige auf, die den Schmutz als erste bemerkte und es gab keine gemeinsame Haushaltskassa. Die beiden gingen getrennt einkaufen, „es ist echt so, leihst du mir eine Tomate, wenn ich dir eine Kartoffel leihe“, erzählte Ruth. Die Vorstellung von Unkonventionalität und individueller Autonomie trat bei den beiden zu dem Ideal der Egalität hinzu. „Eine gemeinsame Regelung für das Saubermachen wird abgelehnt, die Idee, einen Putzplan zu erstellen, wird verworfen“, schreibt Schürmann über die zwei.

Staatlicher Konservativismus Dass immer mehr Menschen in homosexuellen PartnerInnenschaften leben und viele von ihnen auch zusammen wohnen, ist jedoch eine Tatsache, die von staatlicher Familienpolitik ausgeklammert wird – sie privilegiert nach wie vor die traditionelle bürgerliche Kernfamilie und reproduziert gleichsam bestehende Unterschiede des Erwerbsstatus von Frauen und Männern. Wäre aber Homonormativität der Reproduktionsweisheit letzter Schluss? Die feministische Forschungsliteratur endet an dieser Stelle meist mit Aufrufen zur Care Revolution (Gabriele Winker), zum „postindustriellen Gedankenexperiment“ (Nancy Fraser) oder bei der simplen Feststellung, dass es wohl bis zur Gleichstellung noch ein weiter Weg sein wird. Auch wenn Letzteres durch seine traurige Wahrheit besticht: Um die qualitative Analyse der vorhandenen Verstrickung der kapitalistischen Produktionsweise mit modernen Geschlechterverhältnissen kann sich auch mit Verweisen auf eine vermeintliche homosexuelle Idylle nicht herumgeschummelt werden. Sie würde zeigen, dass so oder so die Dichotomie und gleichzeitige Abhängigkeit von produktiven und reproduktiven Arbeiten unrelevant gemacht und aufgehoben werden müsste – und dass das wohl innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse eine ‚Utopie‘ bleiben wird. Literaturtipps: Barbara Haas, Geschlechtergerechte Arbeitsteilung – theoretisch ja, praktisch nein!, in: Erna Appelt, Gleichstellungspolitik in Österreich, Studien Verlag 2009 Lena Schörmann, Die Konstruktion von „Hausarbeit“ in gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen, in: „Wenn zwei das Gleiche tun…“, Verlag Barbara Budrich, Opladen 2005 Gabriele Winker, Soziale Reproduktion in der Krise – Care Revolution als Perspektive Gabriele Winker, Traditionelle Geschlechterordnung unter neoliberalem Druck, in: Queer-/Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Unrast, 2007 Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus, Verlag Horlemann 2011 Margaret Horsefeld, Der letzte Dreck, Von den Freuden der Hausarbeit, Rütten & Loening, 1999 Katrin Kraus, Reproduktionsarbeit und europäische Dominanzkultur: Aspekte der Verschiebung von Reproduktionsarbeit unter Frauen, in: Renate von Bardeleben (Hg.), Frauen in Kultur und Gesellschaft, Stauffenburg Verlag, 2000

Lena (25) und Amy (24) wohnen in Brüssel...............

„DIE ARBEITSAUFTEILUNG ERGIBT SICH“ Seit wann wohnt ihr zusammen und wie teilt ihr euch die Hausarbeit auf? Lena: Wir wohnen seit zwei Monaten zusammen. Also relativ frisch. Erstmal bestand Hausarbeit hauptsächlich daDie anderen Tätigkeiten teilen wir uns einkaufen und kocht öfter als ich. Dafür ist es mir besonders wichtig, dass immer alles sauber ist – deswegen putze ich wohl auch mehr als sie. Die Wäsche machen wir gemeinsam. Nachdem wir sehr viel arbeiten, übernimmt oft auch mal eine für die andere mehr Hausarbeit. Sind die Arbeiten also gerecht verteilt? Ich denke, sie sind ausgeglichen.

Und ich glaube, Amy würde mir da zustimmen. Redet ihr viel über Hausarbeit, ist das ein Aushandlungsprozess bei euch? Oder ergibt sich das eher? Das ergibt sich eher – und wenn wir darüber reden, dann hauptsächlich darüber, wann wer was kocht. In welchen Punkten glaubst du, unterscheidet sich das von Hetero-Beziehungen? Ich war noch nie in einer Hetero-Beziehung, aber ich glaube nicht, dass es große Unterschiede gibt – zumindest nicht von den Beziehungen meiner FreundInnen. Auch meine Eltern teilen sich die Hausarbeit – ich kenne das gar nicht anders.

Thomas (30) und Steven (33) wohnen in Berlin.................

„DER UNTERSCHIED SIND FEHLENDE ROLLENBILDER“ Wie teilt ihr euch die Hausarbeit auf? Thomas: Das hat immer wieder gewechselt. Als wir beide noch studiert haben, haben wir uns auf bestim mte Bereiche spezialisiert. Jetzt, wo er Vollzeit arbeitet und ich nur einen Nebenjob habe, mache ich fast den ganzen Haushalt alleine. Einen Putzplan haben wir nie gehabt. Ist diese Arbeitsteilung eine bewusste Entscheidung gewesen? Die Arbeitsteilung ist äußeren Zwängen geschuldet, da ich bis jetzt noch keinen Job gefunden habe und arbeitslos er dafür relativ wenig Zeit für hat. Bügeln muss er aber trotzdem, egal wie viel er arbeitet. Weil das kann ich nicht ausstehen. In welchen Punkten meinst du, unterscheidet sich eure Beziehung von Hetero-Beziehungen in Puncto Hausarbeit? Der große Unterschied ist wohl, dass unsere Rollen nicht festgeschrieben sind und sich deswegen nach den äußeren Zwängen und Bedürfnissen orientieren. Als ich beispielsweise ein Vollzeitpraktikum gemacht habe und er

zuhause seine Diplomarbeit geschrieben hat, war die Aufteilung von Hausarbeit und Reproduktionsarbeit umgekehrt. Wolltet ihr vieles ganz anders machen als eure Eltern? Ich wollte vieles anders machen als meine Eltern, da sie in einer traditionellen Reproduktionsaufteilung jetzigen Aufgaben wenig erfüllend und bin froh, wenn ich hoffentlich bald auch immer noch einen Job hat, müssen wir jemanden für die Erledigung der Reproduktionsarbeit bezahlen. Lustigerweise haben wir beide einmal eine Zeit bei einem schwulen Paar eine interessante und durchaus erstrebenswerte Ausgestaltung, da sich natürlich auch tägliche Routinen im Haushalt erledigt haben und zusätzlich uns bezahlt haben, um eine wöchentliche Grundreinigung zu haben. An festen Role-Models orientieren wir uns nicht. Ich persönlich lehne diese auch zutiefst ab.

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ENTBLÖSSENDE REPRODUKTION Fridolin Mallmann

Ist das Proseminar zu Ende und die Vorlesung überstanden, beginnt für die Studierenden die entschleiernde Qual: Die Reproduktionsarbeit.

rufslebens – das schnell zu erreichen insgeheim gehofft wird – um dort doch endlich keine Zeit mehr zu haben, um sich mit anderen Dingen als denen der unmittelbaren Existenzsicherung zu beschäftigen.

Freizeit und Verzweiflung

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lles ist Reproduktion. Sei es der Abwasch, der Konsum des sonntäglichen Tatorts oder der schlechte Sex auf der Clubtoilette. Wer nicht an der Universität den Wert seiner Ware Arbeitskraft steigert oder dazu gezwungen ist, diese bereits während des Studiums zu veräußern, der reproduziert: Daheim, am Tresen oder im Schwimmbad wird der Mensch wieder für den kapitalistischen Arbeitsmarkt bzw. dessen universitäres Anlernstadium fit gemacht. Im durchaus gängigen Idealfall wird auch die Phase der Reproduktion zur Akkumulation des persönlichen Marktwerts: Bei dem Zwischenmenschlichen, das schon längst zur Kommunikationstechnik erprobenden Beziehungspflege verkommen ist und bei welchem private Details möglichst immer und vor allen ausgebreitet werden, um so auch noch dem letzten Rest an glücksversprechenden sowie fragilen Momenten auf Liebe und Freundschaft zuvorzukommen. Aber auch die Plackerei in Studierendenvertretungen, die ohnehin oft aus der Hoffnung auf eine universitäre Karriere geleistet wird, sowie das körperertüchtigende und gesundheitsfördernde Schweißbad in Fitnessstudio oder Swingerclub wird für die Steigerung des eigenen Wertes am kapitalistischen Markt begangen. Zwischen den verschiedenen Reproduktionsakten hastet man hin und her, stürzt von einer Aktivität in die andere, stellt die eigene Hektik und Anspannung schon fast lustvoll zur Schau. Aus dieser Überstürztheit wird ein permanenter Zeitmangel suggeriert. Dieser hat jedoch weniger mit realer Existenz zu tun als vielmehr mit einer Unfähigkeit – gar Angst davor, sich einzugestehen, dass man viel freie Zeit hätte, die für sich zu nutzen man aber nicht vermag. Daraus spricht die Affirmation des angestrebten Be-

So soll mehr schlecht als recht die Ohnmacht, ein Leben jenseits der kapitalistischen Vergesellschaftung und Zurichtung auch nur anzudenken, sich selbst gar als Individuum mit eigenen Bedürfnissen zu entdecken, kaschiert werden. Diese kommt besonders in dem allseits beliebten Gruppen- und Vereinswesen zum Vorschein, das die sogenannte Freizeit fein säuberlich durchsetzen soll: Sei es der Sportverein, die politische Gruppe oder die Stammclique, mit der man am Wochenende in ewiger Wiederkehr die immergleichen Kneipen heimsucht. Überall dort, wo nicht riskiert werden muss, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein und somit Gefahr zu laufen, über das eigene Sein zu reflektieren, treibt sich das geschundene Wesen der Gattung Mensch herum, immer auf der Suche nach dem nötigen Grundrauschen, um alle anderen Regungen zu übertönen. Damit einher geht die Ablenkung von dem was sein könnte, aber auch mit einer an Verzweiflung grenzenden Ablehnung dessen was ist. So ist etwa die fanatische, wenn auch für die Außenstehenden schrecklich anmutende Verschanzung in einem Hobby1 ein Augenblick der Rebellion gegen das Gegebene: Ein zum Scheitern verdammter und nach innen gewendeter Schlag gegen die äußeren Zwänge. Die Verzweiflung ob der tristen Existenz ist der Reproduktionsarbeit also immanent, haftet an ihr wie das Kapitalverhältnis noch am Alltäglichsten und Banalsten haftet. Dass nicht nur in der Sphäre der Hobbys, – die bereits vom Begriff her auf ein regressives Moment verweisen – diese Verzweiflung am Mensch-Sein und an den ökonomischen Widrigkeiten vorherrscht, enthüllt der Blick in die studentischen Behausungen. In diesen findet nicht nur die meiste Reproduktionsarbeit statt, sondern schimmert

auch ein hilfloses Element der Auflehnung gegen selbige durch. In den studentischen Heimstätten erscheint zum einen der von den ökonomischen Bedingungen erzeugte Wahn, zum anderen das Scheitern der Studierenden, den gesellschaftlichen Anmaßungen zuwider als Individuum zu trotzen. Das wird besonders in den charakterlosen Studierenden wohnheimen deutlich, die sich nicht einmal mehr den Anschein häuslicher Gemütlichkeit geben, sondern einzig wie eine Mischung aus Jugendherberge und modernem Arbeiterheim erscheinen. So gleicht sich unter vielen Studierenden nicht nur das Nicht-Verhalten zum Putzplan, sondern auch das Verhalten gegenüber den eigenen Büchern oder Schallplatten, die in den allseits beliebten wie hässlichen Ikea-Regalen ausgestellt werden. Diese werden in der Reproduktionszeit nur selten gelesen bzw. gehört, sondern dienen vor allem dazu, etwaigem Besuch das autosuggestiv eingeübte Märchen von der individuellen Entwicklungsgeschichte zu erzählen.

Infantile Fluchtbewegung Das Verhältnis zum Essen gestaltet sich zumeist ganz nach dem Prinzip des vorauseilenden Gehorsams. Als wäre man nach dem absolvierten und natürlich nicht mit einem Beruf belohnten Philosophie-Master schon in einen prekären und erschöpfenden Vollzeitjob gezwungen sein, werden Fertigpizza und auf die Schnelle zusammengewürfelte Eintopf- und Nudelgerichte zum allabendlich wiederkehrenden Geschmacksmassaker. In diesem verkommt der genüssliche Akt des Essens zur bloßen Nahrungsaufnahme. Wenn dann doch einmal richtig gekocht wird, geschieht dies nicht für das eigene Glück am frisch zubereiteten Mahl, sondern für den Schein einer erfüllten und gut gewürzten Existenz: Das für die Bekochten detailverliebt angerichtete Ratatouille soll diesen bewahren. Dem anschließenden Abwasch, der ja eigentlich den notwendigen und bereinigenden Schlusspunkt nach jedem guten Essen darstellt, steht der durchschnittliche Studie-

rende allerdings feindlich gegenüber. Genauso wie in den Tassen und Gläsern – die nach und nach in WG-Zimmern verschwinden – zeigen sich im dreckigen Geschirr, das sich in der Küchenspüle türmt, nicht nur Schimmelkulturen, sondern auch ein tiefer Hang zur Regression. Es scheint fast, als ob aus den sich anhäufenden Müllbergen, aus der überall systematisch verteilten Schmutzwäsche und den ungeordneten Stapeln an hastig kopierten Prüfungsunterlagen die Stimme des kleinen Kindes ertönt, nach der Mutter rufend, die doch bitte alles ins Reine bringen möge. Oder auch nach dem Vater, der Kraft seiner Autorität das eigene Handeln diktieren möge. Genauso wie das Aufgehen im spätpubertären Hobby entpuppt sich das Unbehagen gegenüber einem sauberen und gepflegten Heim als die Angst vor der eigenen Mündigkeit. Hier spricht die Ohnmacht des zur Entwicklung nicht befähigten Subjekts, das insgeheim schon vor dem Leben selbst kapituliert hat, sich selbst zu Gunsten eines infantilen Unmuts wider die Verhältnisse zu negieren bereit ist. Ganz so als würde man mit dem eigenen regressiven Verhalten dem Produktions- und Reproduktionsprozess wieder entzogen werden und zurückkehren können in die scheinbare Unbefangenheit der Kindheitstage. Aus dem ganzen Elend, welches in der Reproduktionsarbeit zur Tage tritt und den Menschen mit sich selbst und seinen ökonomischen und ideologischen Dämonen konfrontiert, schreit die Notwendigkeit nach einer Aufhebung des Bestehenden. Diesen Schrei möglich zu machen, dem Menschen so offen vorzuführen, dass er nicht einmal mehr zur Subjektwerdung, geschweige denn zur Suche nach dem Glück im Stande ist, ist der Verdienst der Reproduktionsarbeit. Es lässt sie die gegenwärtige Verfasstheit des Menschen als das denunzieren was sie ist: Unsere selbstverschuldete und täglich reproduzierte Hölle. Anmerkungen: 1 Hobby geht auf das englische hobby-horse zurück, zu Deutsch das Kinderspielzeug Steckenpferd.

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