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UNI & LEBEN

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Es kann viele Gründe geben, warum man Starbucks meiden möchte. Bei den einen ist es die Warteschlange, wenn man mal eben einen schnellen Coffee- To-Go haben möchte, bei den anderen der befremdliche Geschmack von zu viel H-Milch und zu viel Sirup, der so gar nichts mehr mit dem natürlichen Espresso zu tun hat. Oder es liegt am unverwechselbaren Starbucksflair, der die einzelnen Lokale untereinander so verwechselbar macht. Und auch ich kann mich stolz zu den Starbucksgegnern zählen – aber aus weniger stolzen Gründen. Starbucks will meinen Namen wissen und der kommt oft stotternd raus. Ein Bericht von Veronika Ellecosta

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ain Finlayson, ein englischer Journalist, hat es auf den Punkt gebracht. JedeR von uns hatte wohl einmal eine Mitschülerin, eine Arbeitskollegin, den Freund einer Cousine, der oder die stottert. Von Bibel-Moses bis Marilyn Monroe zieht sich die Nennung stotternder Persönlichkeiten quer durch das Spektrum, und trotzdem ist Stottern wohl niemals wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Hartnäckig halten sich die Vorurteile vom Kind, das schneller denkt als es spricht, schneller spricht als es denkt oder einfach geistig eingeschränkt ist. Dabei finden sich die Ursachen der Balbuties, wie man in Fachkreisen sagt, nicht in mangelnder Intelligenz oder Koordination von Denk- und Sprachwerkzeug. Im Allgemeinen spricht man von einer Störung des Sprachflusses, der durch eine überhöhte Anspannung von artikulatorischen und laryngealen Muskeln ausgelöst wird-im Mund- und Kehlkopfraum also. Die Anspannung äußert sich auch als solche: in Blockaden des Atemflusses, in Pressen und Wiederholen von Lauten, Silben, Worten und sogar Satzteilen. Diese primären Symptome sind jedoch sehr variabel, niemand lässt sich als reiner Wortwiederholungsstotternder identifizieren. Zudem lernen Betroffene sehr schnell, die unschönen Symptome zu verstecken. Blitzschnell werden Wörter ausgetauscht, Atempausen oder Verzögerungen eingestreut. Und auch ich bin mittlerweile zur Sprachkünstlerin geworden, stets dazu bereit, einen unnötigen Störfaktor aus dem Satz raus zu substituieren. Das bedeutet nicht, dass ich nicht stottere, nur weil ich nicht stottere. Symptomfreies Sprechen ist in manchem Falle lediglich erfolgreiches Vermeiden und Ersetzen von Problemstellen in Satz und Wort. Zu solchen unsichtbaren Lösungsstrategien gesellen sich die weniger kontrollierbaren, ebenfalls erworbenen Begleiterscheinungen des Stotterns: nach Luft schnappen, Fäuste ballen, Grimassen schneiden, aufstampfen, Flickwörter und Zuckungen.

Stottern liegt wohl in den Genen, da ist sich die Wissenschaft mehr oder weniger einig – zumindest die Veranlagung soll vererbt werden. Dass trotzdem rund 90 % der Betroffenen männlich sind, vermutete man früher in der rollentypischen Erziehung oder in der verlangsamten Sprachentwicklung von Jungen. Heutzutage spricht man von geschlechterspezifischer Veranlagung. Da ist sich die Wissenschaft noch nicht einig. Die meisten Kinder legen ihre Sprachstörung im Laufe der Pubertät ab, jedoch vorwiegend Mädchen. Und ich? Ich habe mit 20 Jahren die Pubertät hoffentlich überwunden und bin außerdem ein Mädchen – und trotzdem stottere ich. Es gibt nun mal nicht den einen Stotterer, genauso wenig wie die eine Ursache und die eine Lösung. Das macht es so schwierig, eine allumfassende Erklärung für den Mythos Stottern zu finden. Genauso wenig gibt es Stottern ohne psychischen Faktor. Was früher jedoch als Hauptursache betrachtet wurde, wird heutzutage aus vielseitiger Perspektive betrachtet. Die alte Frage nach dem Ei oder dem Huhn lässt sich auch hier schön umformen: Was war zuerst, die Sprechangst oder die Sprechstörung? Fest steht zumindest, dass eines das andere bedingt (genauso, wie es sich mit dem Ei und dem Huhn verhält): Je mehr der Sprecher aufmerksam auf sein Stottern achtet, desto mehr nehmen meist auch die Symptome zu. Wieder gilt, es ist nicht möglich, zu verallgemeinern. Was aber leicht nachvollziehbar ist, ist die Art der Situation, in der der Sprecher besonders auf sein Stottern achtet: im Kontakt mit ande-

„Ich und mein Stottern sind zusammen aufgewachsen. Wir kennen einander von der intimen Seite mit allen unseren Tricks, und ich wüsste nicht, wer ich wäre, wenn ich mein Stottern verlöre.“ —Iain Finlayson1

Sünde (unipress#681, Juni 2015)  
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