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Norina Wendy Di Blasio

GESUNDHEIT SCHMECKT NACH GLÜCK

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Norina Wendy Di Blasio Wissenschaftliche Diplomphilosophin mit Spezialisierung auf Kommunikation und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Seit mehr als 13 Jahren beschäftigt sie sich mit Medizin und Gesundheit, im Bestreben, diese Themen mit Texten und Bildern der Allgemeinheit nahezubringen.

Erstausgabe: März 2015 © 2015 Il Pensiero Scientifico Editore Via San Giovanni Valdarno 8, 00138 Rom Telefon: (+39) 06 862821 - Fax: (+39) 06 86282250 pensiero@pensiero.it www.pensiero.it - www.vapensiero.info www.facebook.com/PensieroScientifico Alle Rechte in allen Ländern vorbehalten. Gedruckt in Italien von Grafiche Dalpiaz Via Stella 11/b (Fraz. Ravina), 38123 Trento Grafische Gestaltung und Einband: Typo, Roma Immagini: © Stock/Thinkstock ISBN 978-88-490-0528-8

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Was ist Gesundheit? „Gesundheit ist keine feste Größe. Sie variiert von Mensch zu Mensch in Abhängigkeit von verschiedenen Umständen. Die Gesundheit bestimmt nicht der Arzt, sondern jede Person selbst, je nach ihren individuellen Bedürfnissen. Der Arzt hingegen hat die Aufgabe, den Menschen zu helfen, sich an neue Bedingungen anzupassen.“ Georges Canguilhem

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Warum sollten wir den Begriff Gesundheit definieren? Und, vor allem, wie sollten wir ihn definieren, in Anbetracht der Tatsache, dass es mehr als nur eine mögliche Bedeutung gibt? Gesund sein kann für die einen bedeuten, nicht krank zu sein, für andere hingegen, mit einer Krankheit zu leben und dabei zu versuchen, dennoch im größtmöglichen Umfang glücklich zu sein und sich wohlzufühlen. In diesem Zusammenhang sollten wir uns fragen: Was können wir bei Krankheit, Leiden und Stress tun, um dennoch ein ausgewogenes Leben zu führen? Wenn Stress zum Dauerzustand wird und seine positiven Aspekte verliert, kann dann die Suche nach dem Glück helfen, Gesundheit und Ausgewogenheit wiederzufinden?

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Sich diese Fragen zu stellen, ist zweifellos nützlich und von stets aktueller Bedeutung, da es für den Begriff Gesundheit keine eindeutige Definition gibt. Vor einigen Jahren wurden ähnliche Fragen bereits in einer Ausgabe des British Medical Journal (BMJ), der offiziellen Fachzeitschrift des britischen Ärzteverbands, gestellt. Autorin des Artikels war die Chefredakteurin der Zeitschrift persönlich. Fiona Godlee ist eine britische Ärztin, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Cambridge lebt und seit 10 Jahren erfolgreich die Redaktion des Magazins leitet. Auf die Frage „Was ist Gesundheit?“ gab Fiona folgende Antwort: „Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, der nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheiten bedingt wird.“ Eine ähnliche Definition finden wir in einer weiteren, weltweit geschätzten wissenschaftlichen Fachzeitschrift mit dem Namen Lancet (was Skalpell bedeutet), wo Gesundheit als „Fähigkeit zur Anpassung“ bezeichnet wird. Aber betrachten wir die Dinge der Reihe nach. Für die Definition des Begriffs Gesundheit reicht es nicht aus, sich auf Zitate aus Fachzeitschriften, und seien sie noch so akkreditiert, zu stützen. Bereits im Jahr 1948 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine weitere Definition, die auch heute noch weitgehend anerkannt ist. Was ist die WHO? Gewiss haben Sie schon einmal von dieser internationalen Organisation gehört, die sich auf weltweiter Ebene mit allen Fragen des Gesundheitswesens beschäftigt. Ebenso, wie beispielsweise die NATO eine internationale Organisation für unsere Verteidigung auf militärischer Ebene ist, koordiniert die WHO weltweit alle Fragen zur Gesundheit. Zum Beispiel ist es die Aufgabe der WHO, zu erklären, ob ein Krankheitsherd eingegrenzt ist oder ob die Gefahr einer Epidemie besteht, wie es beim Ebola-Virus, aber auch bei Grippeviren der Fall war und ist. Was ist Gesundheit?

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Was ist Gesundheit?

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Wie vorstehend erwähnt, hat die WHO eine Definition des Begriffs Gesundheit formuliert, die seit vielen Jahren als maßgeblich gilt: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens.“ Legt man den Schwerpunkt auf den Begriff „vollständig“, besteht jedoch die Gefahr, Gesundheit lediglich als das absolute Fehlen von Krankheiten zu verstehen. Dies ist aber für die meisten Personen auf der Welt ein unerreichbares Ziel. Richard Smith, ein weiterer, ebenso großartiger wie exzentrischer britischer Arzt, der die Redaktion der Fachzeitschrift BMJ vor Fiona Godlee leitete, kommentierte dies folgendermaßen: „Diese Definition des Begriffs Gesundheit führt dazu, dass wir uns im Grunde alle meistens krank fühlen.“ So könnte die Definition der WHO, Gesundheit lediglich als Abwesenheit von Krankheit zu sehen, ungewollt zur Verbreitung der sogenannten „Medizinalisierung“ der Gesellschaft beigetragen haben, da menschliche Eigenschaften, angefangen von Gewohnheiten über biologische Daten bis hin zu Lebenserfahrungen, immer öfter als Risikofaktoren für mögliche Krankheiten dargestellt werden. Was ist genau mit Medizinalisierung gemeint? Beantworten wir die Frage mit einigen Gegenfragen: Ist ein Kind mit einem lebhaften Wesen, das häufig Unsinn anstellt, krank? Ist Schüchternheit gegenüber fremden Menschen oder in unbekannten Situationen zwingenderweise ein Symptom von Depression? Leiden wir beim normalen Wechsel von sogenannten guten und schlechten Tagen oder Stimmungsschwankungen gleich unter einer bipolaren Störung? Sind Kopfschmerzen vor dem Monatszyklus ein gesundheitliches Problem? Diese Fragenliste könnten wir endlos fortsetzen, würden damit aber den Rahmen dieses Leitfadens sprengen. Bleiben wir also beim Thema: Warum sollten wir den Begriff Gesundheit neu definieren? Weil ein gesundes Leben der Wunsch und das Ziel eines jeden Menschen ist. In Anbetracht der fortschreitenden Überalterung der Weltbevölkerung und der zunehmenden Verbreitung chronischer Krankheiten scheint die Definition von Gesundheit als das Fehlen von Krankheiten nicht den richtigen Schwerpunkt zu setzen. Nämlich den auf die menschliche Fähigkeit, sich selbstständig an körperliche, emotionale und soziale Bedingungen anzupassen, denen uns das Leben tagtäglich aussetzt, und die uns zwingen, so gut wie möglich zu „funktionieren“ und uns dennoch wohlzufühlen, auch wenn wir unter chronischen Krankheiten oder Behinderungen leiden“, wie es die BMJ ausdrückt.

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Es geht also darum, die Definition der WHO von ihrer statischen Aussage – vollständiges Wohlergehen – zu einem dynamischeren und zweckmäßigeren Konzept zu führen, das auf der Fähigkeit aufbaut, sich mit dem persönlichen Gleichgewicht und dem Gefühl von Wohlergehen auseinanderzusetzen sowie es zu erhalten und wiederherzustellen. Was bedeutet das genau? Wir sprechen von Resilienz, also der psychischen Widerstandsfähigkeit. Um in den folgenden Kapiteln diesen Begriff gut zu verstehen, müssen wir zunächst die Gesundheit als Fähigkeit betrachten, sich anzupassen und mit Herausforderungen, seien sie körperlicher, emotionaler oder sozialer Natur, richtig umzugehen. Ist die Gesundheit also unser Ziel und entspricht die neue Definition unserer aktuellen Realität, lautet die nächste Frage: Wie können wir die menschliche Fähigkeit, sich anzupassen und sich den Schwierigkeiten des Lebens zu stellen, erlangen und erhalten? Kann man es lernen, negative Erfahrungen als Katalysatoren zu nutzen, um besser zu leben? Kann Resilienz gelehrt oder gestärkt werden? Auch hierüber finden wir in der oben bereits erwähnten englischen Fachzeitschrift BMJ einen Beitrag zum Thema „Was ist Gesundheit?“. In einem Brief an die Redaktion schreibt der pensionierte Anästhesist Gordon Pledger aus dem freundlichen Städtchen Morpeth mit 14.096 Einwohnern und Hauptstadt der englischen Grafschaft Northumberland, dass sich auch seiner Ansicht nach die Definition des Begriffs Gesundheit auf „die Fähigkeit, zu arbeiten, zu lieben und zu schlafen“ beziehen sollte, wobei er diesen einfachen Worten eine äußerst weitreichende Bedeutung verleiht. Betrachten wir diese Bedeutung etwas näher. „Indem wir die Perfektion durch Anpassung ersetzt haben, bewegen wir uns in die Richtung einer Medizin, die umfassender, ganzheitlicher und kreativer ist und zu der wir alle aktiv beitragen können.“ Gavino Maciocco

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Wie fühlt sich Glück an? “Wir tragen die Fähigkeit in uns, jene Qualität zu erreichen, der wir stetig hinterherjagen.“ Daniel Gilbert

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Marta ist 40 Jahre alt und eine selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Sie liebt ihren Beruf im Bereich des Marketings und der wissenschaftlichen Kommunikation, sie hat einen Lebenspartner, der Biologe und Forscher ist, sowie zwei Töchter, 13 und 8 Jahre alt, und es gelingt ihr recht gut, die verschiedenen Szenarien ihres Lebens miteinander zu vereinbaren. Trotz der vielen Verpflichtungen funktioniert alles perfekt, bis sich ihr Leben plötzlich unvermittelt ändert: Ihr Partner wechselt den Job und ist nun zwei Drittel des Jahres auf Weltreisen unterwegs.

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Stress und Adrenalin, die bis zu diesem Zeitpunkt den nötigen Antrieb lieferten, um sich den unzähligen Herausforderungen des Alltags zu stellen, entwickeln sich plötzlich zu einem zweischneidigen Schwert. Wie stetige Tropfen beginnen sie, das Tag um Tag schwer erkämpfte psychophysische Gleichgewicht ins Wanken zu bringen und zu untergraben. Und unser Körper zögert nicht, zu signalisieren, dass wir unsere Grenzen überschritten haben. Marta beginnt, unter chronischen Kopfschmerzen zu leiden. Kurz darauf wird eine leichte Schuppenflechte diagnostiziert und ihr wird gesagt: „Sie müssen sich nicht schuldig fühlen, Schuppenflechte ist eine genetisch bedingte Autoimmunerkrankung, die Sie bereits in sich getragen haben und die sich nun aktiviert hat, höchstwahrscheinlich begünstigt durch starken Stress.“ Oder: „Die gute Nachricht ist, dass die Krankheit mit entsprechender Behandlung und einigen Änderungen in Ihrem Lebensstil gebändigt werden kann. Die schlechte hingegen, dass die Erkrankung unberechenbar ist, Sie Ihr Leben lang begleiten wird und Ihre Haut von einem Tag zum nächsten zu 90% mit Flechten bedeckt sein könnte. Außerdem steigt die Anfälligkeit für Bluthochdruck, Diabetes und Stoffwechselerkrankungen.“ So lautete der mit Empathie und Zuverlässigkeit verkündete Urteilsspruch des Arztes, mit dem zusätzlichen Hinweis, dass auch die Gefahr einer Depression besteht, unter der Personen mit dieser Erkrankung häufig leiden. Nichts Schwerwiegendes also, aber Marta fühlt sie wie gelähmt von dem Gedanken, 12 Monate lang nicht auf die Signale ihres Körpers gehört zu haben: „Ich habe meine Gesundheit und mein Wohlbefinden vernachlässigt und nun muss ich mit etwas Endgültigem fertig werden, was nicht rückgängig zu machen ist ...“ Aber ist die Situation wirklich so endgültig? Wenn Stress zum Dauerzustand wird und seine positiven Aspekte verliert, kann dann die Suche nach dem Glück helfen, Gesundheit und Ausgewogenheit wiederzufinden? Kann Glück das Instrument sein, das uns hilft, auch mit Krankheiten einen Zustand des allgemeinen Wohlbefindens zu erreichen? Aber Achtung: Natürlich bedeutet, glücklich zu sein und nach dem eigenen Glück zu suchen, nicht nur, sich gut zu fühlen, sondern auch, gesünder,

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Wie fühlt sich Glück an?

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produktiver und offener gegenüber anderen Menschen zu sein. Und wie fühlt sich dieses Glück nun an? Mark Williamson, Erfinder der Initiative Action for Happiness, der mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern in Surrey lebt (er liebt Radsport, Fußball und Musik) meint: Glücklichsein zählt auf jeden Fall und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die diese Hypothese unterstützen, sind überzeugend. Für Williamson ist die Suche nach dem Glück der Ausgangspunkt für jeden Einzelnen, hat aber nichts mit Egoismus zu tun: „Diese Suche steht in einem tiefen Zusammenhang damit, Menschen zu helfen, ein besseres Leben zu führen, aber auch mit der Schaffung einer produktiveren, gesünderen Gesellschaft mit stärkerem Zusammenhalt.“ Glück betrifft also unser Befinden, ist aber weitaus mehr als ein vorübergehender Gemütszustand. Wir sind emotional veranlagt und haben täglich die verschiedensten Gefühle. Negative Emotionen – wie Angst und Wut – helfen uns, vor Gefahren zu fliehen oder uns zu verteidigen. Positive Emotionen – wie Freude und Hoffnung – helfen uns, mit anderen zu kommunizieren und die Fähigkeit zu entwickeln, uns auch mit Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Das Streben nach einem glücklichen Leben bedeutet also keineswegs, sich negative Emotionen zu verbieten oder so zu tun, als wäre man immer glücklich. Wenn Schwierigkeiten auftreten, ist es völlig natürlich,

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wütend, traurig, frustriert zu sein oder andere negative Gefühle zu empfinden. Glücklich zu sein bedeutet, die Fähigkeit zu haben, einerseits positive Momente in vollen Zügen zu genießen und andererseits in der Lage zu sein, unvermeidlich schwierige Situationen zu meistern, um stets so gut zu leben wie möglich. Und zwar auch dann, wenn die Bedingungen unseres Gleichgewichts, auf die wir unser Leben bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgebaut haben, sich verändern. Warum ist es so wichtig, glücklich zu sein? Erteilen wir erneut der Fachliteratur das Wort. Diese Frage hat, unter vielen anderen, eine Gruppe Wirtschaftswissenschaftler der britischen Warwick University in Coventry zu beantworten versucht. Im Rahmen eines Tests wurde verschiedenen Personengruppen entweder ein positives oder ein neutrales Video gezeigt. Anschließend wurden alle Beteiligten aufgefordert, unter normalen Bedingungen eine Standardaufgabe zu erledigen. Die Personen mit der glücklichen Stimmung waren dabei im Vergleich zu den anderen um 11% produktiver, auch nach der Gewichtung nach Alter, Intelligenzquotient und anderen Einflussfaktoren. Ebenso haben Forscher der Wharton Business School herausgefunden, dass Unternehmen mit glücklichen Angestellten von Jahr zu Jahr eine höhere Ertragsleistung verzeichnen, während ein Forscherteam von der University College

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Wie fühlt sich Glück an?

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London feststellte, dass Personen, die eine glückliche Jugend verlebt haben, auch in späteren Jahren in der Regel mehr verdienen als weniger glücklich aufgewachsene Gleichaltrige. Auch aus dem Bereich des Gesundheitswesens erreichen uns gute Nachrichten: Es wurde erwiesen, dass glückliche Ärzte schnellere und genauere Diagnosen aufstellen, auch dann, wenn das Glücksgefühl durch kleine, einfache Anreize ausgelöst wird. Und in der Bildung? Auch hier wird die Hypothese bestätigt: Schulen, die einen stärkeren Schwerpunkt auf das soziale und emotionale Wohlbefinden der Kinder legen, erzielen wesentlich bessere Erziehungsergebnisse und höhere Quoten von Abgängern, die ihren Bildungsweg auf akademischem Niveau fortsetzen. Außerdem konnte ein Zusammenhang zwischen Glück und besserer Entscheidungsfindung sowie stärker ausgeprägter Kreativität nachgewiesen werden. Wenn wir von Glück sprechen, meinen wir nicht nur den Nutzen, den es jedem Einzelnen bringt. Denn Glück beinhaltet auch Vorteile für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. So lieferte eine Recherche in 160 durchgeführten Studien „eindeutige und überzeugende Ergebnisse“, nämlich, dass glückliche Personen einen besseren allgemeinen Gesundheitszustand haben und länger leben als ihre weniger glücklichen Altersgenossen. Glückliche Menschen erkranken nur halb so

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oft an Erkältungen und auch die Gefahr kardiovaskulärer Ereignisse wie die eines Infarkts oder Schlaganfalls ist um 50% geringer. Glückliche Menschen neigen außerdem seltener zu risikobehaftetem Verhalten, beispielsweise benutzen sie wahrscheinlicher als andere die Sicherheitsgurte im Auto und sind seltener in Verkehrsunfälle verwickelt. Und nicht zuletzt zeigen glückliche Menschen mehr Verantwortungsgefühl bei der Verwaltung ihrer Finanzen, sie sparen mehr und haben eine bessere Kontrolle über ihre Ausgaben. Was möglicherweise aber am wichtigsten ist: Glückliche Menschen sind eher bereit, auch einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Im Einzelnen gehen sie zahlreicher wählen, engagieren sich in Ehrenämtern und nehmen häufiger an öffentlichen Aktivitäten teil. Sie respektieren in stärkerem Maße Gesetz und Ordnung und sind hilfsbereiter gegenüber anderen. All dies mit einer kleinen „Nebenwirkung“: Glück ist ansteckend und glückliche Menschen helfen den Personen in ihrem Umfeld, ebenfalls glücklicher zu werden. Eine umfassende, in der Fachzeitschrift BMJ veröffentlichte Studie ergab, dass der Umfang, in dem eine Person glücklich ist, sich bis zum „dritten Trennungsgrad“ (Theorie der sechs

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Wie fühlt sich Glück an?

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Trennungsgrade) auf ihr gesamtes Umfeld auswirkt. Mit anderen Worten, wenn wir glücklich sind, wirkt sich dies positiv und messbar auf die Stimmung des Freundes eines Freundes eines Freundes von uns aus. Fragen Sie sich, was nun aus Marta geworden ist? Nach einigen Monaten der Anpassung, in denen ihre Stimmung schwankte und das Gespenst der Depression stets hinter der nächsten Ecke lauerte, hat sie versucht, ihre Ziele neu zu stecken und dabei das Glücklichsein in die unverzichtbaren Vorsätze eingereiht. Bei den Menschen aus ihrem Umfeld, die ihr wichtig sind, suchte und fand sie ebenso Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags wie Trost in Augenblicken der Mutlosigkeit. Sie hat aber auch gelernt, dass schöne Stunden, die sie mit ihren Freundinnen verbringt, keine Zeit sind, die sie ihren Töchtern vorenthält, sondern eine Gesamtheit von Augenblicken, in denen sie sich regeneriert, um dann bereichert mit einem Wohlbefinden nach Hause zu kommen, das sie mit ihren Kindern teilt. Sie hat ihre beruflichen Verpflichtungen etwas eingeschränkt, was langfristig ihre Arbeitsleistung steigerte und ihr die Möglichkeit gibt, auch Zeit für Weiterbildung und berufliche Entwicklung zu finden. Sie hat beschlossen, sich Zeit zu nehmen, um bewusst nach Freude und Glück zu

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suchen. Sie hat wieder mit dem Zeichnen begonnen und sich zu einem Kurs für Cartoonzeichner angemeldet. Mit dem Zeichnen von Cartoons hat sie einen Weg gefunden, auf kreative Weise ihre Einsamkeit zu verarbeiten, die sie andernfalls an den vielen Abenden, an denen ihr Partner nicht an ihrer Seite ist, um den Alltag mit ihr zu teilen, wahrscheinlich traurig gestimmt hätte. So wurde das negative Ereignis der langen Abwesenheiten des Partners für Marta zu einer Gelegenheit, in sich selbst eine Quelle wiederzuentdecken, aus der sie Wohlbefinden und Glück für sich selbst, ihre Kinder, ihren Partner und ihr gesamtes Lebensumfeld schöpft. Wie schon Aristoteles sagte: „Das Glück ist Sinn und Zweck des Lebens, das einzige Ziel des menschlichen Seins.“ Auch glückliche Personen werden krank, verlieren Menschen, die ihnen wichtig sind, und nicht alle glücklichen Personen sind notwendigerweise effizient, kreativ und großzügig. Aber glücklich zu sein, hat zweifellos wesentliche Vorteile. Lebensverdüsternde Gemütszustände zu lindern [...] bedeutet, an anderen Gemütszuständen zu arbeiten, die das Leben lebenswert machen. Die Zeit ist reif für eine Wissenschaft, die danach strebt, positive Emotionen zu verstehen, Kraft und Tugend zu schaffen und Anhaltspunkte für die Suche nach dem zu liefern, was Aristoteles das „schöne Leben“ nannte. Martin Seligman

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Brauchen wir Resilienz, um auf Niederlagen zu reagieren?

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Peter und Viktor sind zwei Manager, jeweils 49 und 47 Jahre alt, die vor etwa 18 Monaten ihre Arbeitsplätze verloren haben. Der erste Reflex beider war eine Kurzschlussreaktion, mit Traurigkeit, Lustlosigkeit, Unentschlossenheit und einem lähmenden Gefühl beim Gedanken an die Zukunft. Peter litt eine Zeit lang unter heftigen Stimmungsschwankungen. Aber zwei Wochen nach seiner Entlassung sagte er sich: „Es ist nicht meine Schuld, sondern einfach ein schwieriger Moment für die Wirtschaft. Ich bin gut in dem, was ich tue, und es wird sich ein Markt finden, der meine Fähigkeiten zu schätzen weiß.“ Er aktualisierte seinen Lebenslauf und sendete ihn an 12 Unternehmen in der Lombardei. Er erhielt keine einzige

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Antwort. Unbeirrt von dieser abweisenden Reaktion suchte er nach vergleichbaren Unternehmen in seiner Heimatstadt Rom und fand schließlich einen neuen Arbeitsplatz. Nun werden Sie sich fragen, was ist aus Viktor geworden? Viktor ließ sich in den Strudel der Verzweiflung ziehen: „Ich wurde entlassen, weil ich nicht fähig bin, unter Druck zu arbeiten”, sagte er sich. „Ich bin für den Finanzsektor einfach nicht geschaffen. Und es wird Jahre dauern, bis sich die Wirtschaft erholt.” Mit dieser Überzeugung im Hinterkopf hörte Viktor – ungeachtet der Signale einer Konjunkturerholung – auf, Arbeit zu suchen, zog wieder bei seinen Eltern ein und verfiel in einen gefährlichen Zustand der Apathie. Peter und Viktor nehmen auf der Skala der möglichen Reaktionen auf eine negative Erfahrung entgegengesetzte Positionen ein. Menschen wie Viktor schwanken von Traurigkeit bis hin zur Depression, gefangen in ihrer lähmenden Angst vor der Zukunft. Niederlagen sind ein unvermeidbarer Bestandteil des Lebens, vor allem des Berufslebens, und zählen zu den häufigsten negativen Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen müssen. Wie können wir also herausfinden, ob wir auf Schwierigkeiten wie Peter oder eher wie Viktor reagieren? Warum reagiert eine Person oder ein System auf einen Schock besser als andere? Warum gibt es Menschen, denen es gelingt, aus einer kritischen Situation heraus neu zu starten und eine Anpassungsstrategie zu entwickeln, die den neuen Herausforderungen besser gewachsen ist, und warum gibt es andere, die daran scheitern? Die unterschiedlichen Fähigkeiten, sich anzupassen und auf schwierige Lebenssituationen zu reagieren, hängen von der jeweiligen Resilienz des Einzelnen ab.

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Brauchen wir Resilienz, um auf Niederlagen zu reagieren?

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Wie können wir die Hürden nehmen, die uns das Leben stellt? Einige Menschen, wie Peter, scheinen die angeborene Fähigkeit zu besitzen, Hindernisse des Lebens mit einer gewissen Mühelosigkeit und Flexibilität zu überwinden. Sie sind Naturtalente, oder haben besser gesagt eine ausgeprägte Eigenschaft, die Experten Resilienz nennen. Andere, wie Viktor, mit weniger ausgeprägter Resilienz, werden von Traumata und negativen Erfahrungen geradezu überwältigt und gelähmt. Sie zerbrechen daran, ihre Gedanken kreisen ununterbrochen um die Probleme. Sie empfinden sich als Opfer und werden so zu Opfern ungesunder Anpassungsmechanismen wie zum Beispiel Alkohol-, Drogen- oder Arzneimittelmissbrauch. Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, und eine Eigenschaft, die aufgebaut und gestärkt werden kann. Genauer gesagt, Resilienz ist die Fähigkeit, nach einem negativen Ereignis wieder auf die Beine zu kommen, die Fähigkeit, innere Kräfte zu aktivieren, die dabei helfen, sich von traumatischen Erlebnissen, wie dem Verlust des Arbeitsplatzes, einer Krankheit, einer Katastrophe oder dem Tod eines geliebten Menschen, zu erholen. Dabei geht es nicht darum, das Problem auszublenden, sondern vielmehr darum, darüber hinauszublicken, die positiven Seiten zu sehen und den Stress als Motor für Veränderungen und positives Handeln zu nutzen. Trotz Gefühlen wie Wut und Schmerz sind wir in der Lage, in einem sowohl körperlichen als auch psychischen Gleichgewicht zu bleiben, nicht zuletzt dank unserer Beziehungen zu anderen Menschen. Der Psychologe Robert Brooks erklärt dazu: „Menschen mit der Fähigkeit, Probleme schnell zu bewältigen, haben in der Regel auch eine bessere Kontrolle über ihr Leben. Außerdem sind sie dank ihrer optimistischen Einstellung eher in der Lage, positive Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu pflegen.“

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Robert Brooks ist, wie bereits erwähnt, Psychologe, aber auch Autor, Dozent und Leiter der Abteilung Psychologie am McLean Hospital in Boston. Er gilt als unbestrittener Experte für Selbstachtung, Motivation, familiäre Beziehungen und, vor allem, Resilienz, also die Fähigkeit, sich mit Schwierigkeiten des Lebens effizient auseinanderzusetzen und sie als Chancen zu nutzen. Er ist außerdem Mitautor des Buches „The Power of Resilience: Achieving Balance, Confidence, and Personal Strength in Your Life“. Aber kehren wir zu unserer Geschichte zurück: Kann Viktor jemals wie Peter werden? Mit anderen Worten, kann Resilienz gelehrt werden? Kann man es lernen, negative Erfahrungen als Katalysatoren zu nutzen, um besser zu leben? Hier 10 Tipps für jedermann, die zu mehr Resilienz verhelfen: 1. Bleiben Sie flexibel. Resiliente Personen sind darauf gefasst, dass sie sich zu verschiedenen Zeitpunkten in ihrem Leben Herausforderungen und Krisensituationen stellen müssen. Daher sind sie in der Lage, ihre Ziele darauf abzustimmen und finden Wege, sich anzupassen. 2. Lernen Sie aus Erlebtem. Konzentrieren Sie sich nach einer negativen Erfahrung auf die positiven Lektionen, die Sie daraus lernen können. Wenn Sie eine schwierige Situation durchleben, nützt es wenig, Schuldige zu suchen oder sich wieder und wieder zu fragen, ‚warum gerade ich?‘ Fragen Sie sich, statt sich in eine solche Opferrolle hineinzusteigern, lieber, was Sie beim nächsten Mal anders machen können, um ein besseres Ergebnis zu erzielen. 3. Handeln Sie. Denken Sie darüber nach, was Sie tun können, um Ihr Leben oder Ihre aktuelle Situation zu verbessern, und setzen Sie es um. „Resiliente Personen lassen sich nicht von der Negativität lähmen, sondern arbeiten an der Problemlösung“, erklärt Brooks. Wenn zum Beispiel Ihre Arbeitszeit verkürzt wird, sehen Sie dies als Chance, neue berufliche Wege zu erkunden oder die Zeit einfach für sich selbst zu nutzen. Langfristig kann Sie dies auf beruflicher oder persönlicher Ebene wachsen lassen.

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Brauchen wir Resilienz, um auf Niederlagen zu reagieren?

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4. Bleiben Sie in Kontakt. Pflegen Sie Ihre Beziehungen zu Freunden

und zur Familie. Vermeiden Sie es, sich in schwierigen Lebenssituationen zu isolieren. Nehmen Sie die Hilfe der Menschen an, die sich um Sie kümmern und Sie stützen möchten. 5. Bauen Sie innere Spannungen ab. Sie benötigen Instrumente, die Ihnen helfen, Ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen und so Spannungen abzubauen. Zum Beispiel: Führen Sie Tagebuch oder, wenn Sie fit am Computer sind, ^^ einen Blog. Zeichnen Sie. ^^ Meditieren Sie. ^^ Sprechen Sie mit einem Freund oder einer Freundin. ^^ … ^^ 6. Verfolgen Sie ein Ziel. Tun Sie Dinge, die Ihrem Leben einen Sinn geben. Verbringen Sie beispielsweise mehr Zeit mit Ihrer Familie, übernehmen Sie ein Ehrenamt oder engagieren Sie sich für eine Sache, mit der Sie sich stärker fühlen. Menschen, die eine schwere Krankheit überwunden haben, schöpfen zum Beispiel oftmals Kraft daraus, an einem Marathon oder Lauf teilzunehmen, um Mittel für eine wohltätige Organisation zu sammeln, die sich mit dem jeweiligen Gesundheitsproblem beschäftigt. „Volontariate können helfen, […] sie vermitteln das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und wieder Herr seiner selbst zu werden“, sagt Brooks.

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7. Leben Sie gesund. Zeiten mit viel Stress überwinden Sie besser,

wenn Sie: sich regelmäßig bewegen ^^ sich ausgewogen ernähren ^^ ausreichend schlafen. Personen, die körperlich stark sind, sind ^^ meistens auch emotional resilienter. 8. Glauben Sie an sich selbst. Erkennen Sie mit Stolz Ihre eigenen Fähigkeiten an und das, was Sie schon geschafft haben. Machen Sie sich Ihre persönlichen Stärken bewusst. 9. Lachen Sie. Erhalten Sie Ihren Sinn für Humor, auch in schweren Zeiten. Das ist von äußerster Wichtigkeit. Lachen baut Stress ab und hilft, die Dinge unter Kontrolle zu behalten. 10. Seien Sie optimistisch. Die Fähigkeit, Dinge positiv und hoffnungsvoll zu sehen, lässt Sie wesentlich resilienter werden. Viele Probleme, denen wir uns im Leben stellen müssen, sind vorübergehender Natur und im Rückblick werden wir feststellen, dass wir in der Vergangenheit schon so manche Hürde genommen haben.

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Wie vermitteln wir jungen Menschen Gesundheit als Anpassungsfähigkeit?

Wir haben uns nun davon überzeugt, Gesundheit nicht als reines Fehlen von Krankheiten, sondern als einen dynamischen Zustand des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens zu betrachten. Der nächste Schritt besteht darin, Kindern und Jugendlichen Gesundheit und Vorbeugung in diesem Kontext zu vermitteln. Auch hier reisen wir zunächst einmal nach Genf zur WHO und finden heraus, was diese weltweite Autorität in Sachen Gesundheit dazu zu sagen hat: Die WHO schlägt für die Gesundheitserziehung junger Menschen unter anderem die Vermittlung der sogenannten Life Skills vor.

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Was sind Life Skills? Life Skills (Lebenskompetenzen) sind persönliche und relationale Fähigkeiten, die dabei helfen, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und Probleme, Druck und den Stress des Alltags zu bewältigen. Also nützliche Instrumente, mit denen die Fähigkeit der positiven und aktiven Anpassung an Veränderungen – die Resilienz – trainiert werden kann. Diese Fähigkeiten sollten wir vor allem dann berücksichtigen, wenn es um die Gesundheit und das Wohlergehen junger Menschen geht. Mit anderen Worten, Life Skills sind kognitive, emotionale und relationale Grundfähigkeiten, die Personen dabei unterstützen, auf individueller wie sozialer Ebene kompetent zu reagieren.

Diese Fähigkeiten zu erlangen und wirksam einzusetzen, kann unser Selbstwertgefühl und unseren Respekt für andere positiv beeinflussen, wodurch auch wir selbst von unseren Mitmenschen anders wahrgenommen werden. Sie helfen uns, unsere eigene Effizienz, unsere Selbstachtung und unser Selbstvertrauen bewusst wahrzunehmen und spielen daher eine wichtige Rolle bei der Förderung mentaler Gesundheit als wesentlichen Bestandteil des körperlichen Wohlbefindens. Wohlbefinden und Harmonie motivieren zur Fürsorge, uns selbst und

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Wie vermitteln wir jungen Menschen Gesundheit als Anpassungsfähigkeit?

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anderen gegenüber. Außerdem beugen sie mentalem Unbehagen, Verhaltensstörungen und Gesundheitsproblemen vor. Einfach ausgedrückt sind Life Skills also Fähigkeiten, die eine flexible und positive Einstellung fördern, mit der wir uns den Herausforderungen des Lebens effizient stellen, auch im Hinblick auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Die von der WHO definierten Life Skills gliedern sich in 10 Kernkompetenzen, die wir an dieser Stelle kurz beleuchten: 1. Selbstwahrnehmung als Fähigkeit, in sich hineinzuschauen. Sich selbst kennen zu lernen, also die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, Stärken und Schwächen bewusst wahrzunehmen. Dies ist der Ausgangspunkt für den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen. 2. Umgang mit Emotionen, also die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und auszudrücken (mit einem angemessenen Vokabular), und daraus folgend auch die Fähigkeit, mit diesen Gefühlen umzugehen und unser Verhalten auf angemessene Weise zu steuern. 3. Umgang mit Stress. In Stresssituationen hilft diese Kompetenz, die Ursachen der Spannungen zu kontrollieren, durch Aktionen auf verschiedenen Ebenen – wie Umwelt oder Lebensstil – oder durch Anwendung wirksamer Entspannungstechniken. 4. Empathie, die Fähigkeit, anderen zuzuhören, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und Dinge aus ihrem Blickwinkel zu betrachten sowie ihre Sichtweisen, auch wenn sie stark von unseren eigenen abweichen, zu akzeptieren und zu verstehen. 5. Kreativität im Sinne der Fähigkeit, sich jeder Situation flexibel zu stellen, neue Lösungen, originelle Ideen und alternative Wege zu finden, ohne starr an üblichen Vorgehensweisen, Gewohnheiten und der sogenannten Norm festzuhalten. 6. Kritische Betrachtung, also die Fähigkeit, Situationen objektiv einzuschätzen, indem alle positiven und negativen Aspekte gegenübergestellt werden. Mit anderen Worten, in der Lage zu sein, Informationen in ihrem Kontext sowie unter Berücksichtigung ihrer Quellen und sonstiger relevanter Faktoren zu abzuwägen. 7. Entscheidungsfähigkeit, also die Fähigkeit, in verschiedenen Situationen und unter verschiedenen Bedingungen des Lebens

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bewusst und konstruktiv zwischen Optionen zu wählen und Entscheidungen zu treffen. Die Fähigkeit, Entscheidungsprozesse aktiv zu erarbeiten, kann sich positiv auf die Gesundheit und die gesundheitliche Prävention auswirken, weil auf diese Weise die verschiedenen Optionen und entsprechenden Konsequenzen bewusst erwogen werden. 8. Problemlösung, die Fähigkeit, kritische Situationen konstruktiv zu bewältigen, im Bewusstsein, dass das Ausblenden von Problemen Ursache von Stress und psychophysischen Spannungen sein kann. 9. Effektive Kommunikation, die Fähigkeit, Meinungen, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken, sowohl verbal als auch nonverbal, um Verständnis zu erlangen, abgestimmt auf den jeweiligen kulturellen Kontext und den jeweiligen Gesprächspartner. Natürlich umfasst dies auch die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören und um Hilfe zu bitten, denn Kommunikation ist immer bilateral. 10. Beziehungsfertigkeiten im Sinne der Fähigkeit, mit anderen zu interagieren, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und diese zu pflegen, bei Bedarf aber auch zu beenden. Und es gibt noch mehr Aspekte. Jeder Tag des Wachstumsprozesses eines Kindes ist gefüllt mit Erfahrungen, aufgrund derer es sich mit den verschiedensten Gefühlen auseinandersetzen muss, seien es Wut, Liebe, Erwartung, Angst, Enttäuschung, Zärtlichkeit, Sorge, Freude, Verwirrung, Beklemmung, Zufriedenheit, Traurigkeit, Interesse, Überraschung und viele andere. Zu lernen, positive wie negative Emotionen zu erkennen, also ihnen einen Namen zu geben, ist ein wesentlicher Prozess des Wachstums, der Kindern das Leben mit Gefühlen und den Umgang mit ihnen vermittelt. Es ist sehr wichtig, zu lernen, eigene Gefühle und die anderer Menschen zu erkennen und zu benennen. Ebenso wichtig ist es, damit umzugehen und zu verstehen, wie man sich in den jeweiligen Situationen verhält. Sich in anderen wiederzuerkennen und Gemütszustände zu verbalisieren kann dabei helfen, sich gegenseitig zu verstehen, eigene emotionale Erlebnisse mit anderen zu teilen und verstanden zu werden. All dies ist ein unverzichtbarer Schritt zur Prävention sowie zu emotionaler und demzufolge auch mentaler und körperlicher Gesundheit.

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Wo sollten wir Erwachsenen beginnen?

Zweifellos lohnt es sich, die Zeit für ein gesünderes Leben zu finden, Gewohnheiten zu ändern oder Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, wenn wir damit in unsere Gesundheit investieren, also Gesundheit auch im Sinne der Anpassungsfähigkeit bei Krankheiten oder Lebenskrisen. Gesunde Entscheidungen zu treffen, ist mitunter sehr einfach. Ebenso einfach ist es, sich die Zeit zu nehmen, solche Entscheidungen in die Praxis umzusetzen. Wenn Sie glauben, dass Ihre Tage schon zu sehr mit Verpflichtungen und Aktivitäten vollgestopft sind, überdenken Sie dies noch einmal. Irgendwo, scheinbar verborgen, gibt es garantiert 10 freie Minuten, die Sie nutzen können, um auf die Ziele im Interesse Ihrer Gesundheit hinzuarbeiten, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, nicht mehr zu rauchen, weniger Alkohol zu trinken, glücklicher zu sein, Stress besser zu bewältigen und so weiter. Widmen Sie die ersten 10 Minuten, die Sie freigeschaufelt haben, der Überlegung, was Sie wirklich wollen, und setzen Sie Prioritäten, um die herum Sie Ihr Leben organisieren. Versuchen Sie anschließend, die nachstehenden 5 Ratschläge zu befolgen:

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1. Überwachen Sie Ihre Zeit Führen Sie für mindestens einen oder zwei Tage, idealerweise eine Woche lang, ein Tagebuch, in das Sie in Echtzeit eintragen, was Sie tun und wann Sie es tun. Notieren Sie ausnahmslos alles, zum Beispiel: eine Stunde länger gearbeitet (17.30 bis 18.30); der Wecker hat 15 Minuten geklingelt (07.00 bis 07.15), bevor ich die Taste zum Abschalten gedrückt habe; Mittagspause am Computer verbracht (13.20 bis 14.10); eine Stunde am Telefon mit Freundin Betti geplaudert (21.30 bis 22.30); während der Zubereitung des Abendessens und vor dem Zubettgehen ferngesehen (19.00 bis 20.00 und 22.30 bis 24.30) …. Werten Sie diese Notizen nun aus, indem Sie sich einfache Fragen stellen: Hat der Wecker länger geklingelt als sonst? Neige ich dazu, zu oft länger zu arbeiten? Wie lange telefoniere ich in der Regel mit Betti? Esse ich immer am PC? Sehe ich zu lange fern? … Versuchen Sie, sich logische Antworten zu geben und herauszufinden, wo Sie Zeit einsparen und für sich frei halten können.

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Vielleicht habe ich diese zusätzlichen 10 Minuten Schlaf wirklich gebraucht. Oder: Ich könnte anstelle einer Stunde 45 Minuten länger arbeiten, wenigstens zweimal in der Woche, und die Zeit nutzen, um ein gesundes Abendessen zuzubereiten. Ich plaudere lange mit Betti, aber darauf will ich auf keinen Fall verzichten. Ich könnte mindestens zweioder dreimal in der Woche 15 Minuten der Mittagspause abzweigen, um einen kurzen Spaziergang in Büronähe zu unternehmen oder mit Kollegen zu plaudern. Manchmal ist es jedoch nicht so einfach, „Extraminuten“ zu finden. Fragen Sie sich daher jedes Mal, wenn Sie Ihr Zeit-Tagebuch betrachten: Welche Aufgaben beanspruchen mehr Zeit als nötig? Vernachlässige ich meine Prioritäten für anscheinend wichtige Dinge, aber sind diese Dinge wirklich so wichtig? Welche Dinge tue ich, die eigentlich jemand anderes erledigen könnte / müsste? Wann kann ich gelegentlich auch einmal Nein sagen?

2. Erstellen Sie Ihre persönliche ToDo-Liste Wenn Sie dazu neigen, den Umfang der Aufgaben, die Sie an einem Tag erledigen können, zu überschätzen, hilft eine ToDo-Liste. Auch sehr erfolgreiche Personen haben oft die Gewohnheit, Aufgabenlisten zu führen. Stellen Sie sich beim Verfassen Ihrer eigenen Liste vor, Sie hätten nur 80% der Zeit, die Sie für die Erledigung aller Aufgaben eingeplant haben. Mit dieser kleinen Strategie tricksen Sie Ihre Neigung aus, sich selbst zu überlasten. Positionieren Sie Ihre Prioritätenliste zu Beginn des Tages gut sichtbar, um sicherzugehen, dass Sie Ihre Aufgaben vollständig erledigen, sowie um nach und nach zu sehen, was noch fehlt und wie viel Zeit Sie benötigen, um alles zu erledigen. Schreiben Sie in Ihren ersten Entwurf, was erledigt werden „müsste“.

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Überarbeiten Sie die Liste dann so, dass ganz oben nur wenige Dinge bleiben, die erledigt werden „müssen“, und vergewissern Sie sich, dass dort auch Ihre neuen Ziele für die Gesundheit und das Wohlbefinden enthalten sind. Verschieben Sie hingegen Aufgaben, die Sie mit Sicherheit nicht heute schaffen, auf den Folgetag oder einen späteren Zeitpunkt. Sie dürfen das! Es lohnt sich!

3. Seien Sie gnädig mit sich selbst Stunden vor dem Computer, um die optimale Schrift für die PowerPointPräsentation zu finden. Einen ganzen Schrank ausräumen, um das Kleid der Tochter für den Kindergeburtstag der Freundin auszuwählen … Brauchen Sie diese Zeit wirklich oder ist sie verschwendet? Das Bessere ist der Feind des Guten. Konzentrieren Sie sich lieber darauf, Dinge zu Ende zu bringen, anstatt endlos nach der Perfektion zu suchen. Dies bedeutet, eingesperrte Zeit zu befreien und für Ihre neuen Gewohnheiten im Interesse von Gesundheit und Wohlbefinden zu investieren.

4. Gehen Sie früh schlafen Wenn Sie den Tag über produktiv sein wollen, brauchen Sie ausreichenden Schlaf. Zu spät schlafen zu gehen oder im Allgemeinen wenig zu schlafen, schadet Ihrer Entscheidungsfähigkeit, erhöht Ihr Risiko, sich falsch zu ernähren und mindert die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich mehr bewegen oder Sport treiben. Wenn Sie Zeit, die Sie im Verlauf des Tages freisetzen, für nächtlichen Schlaf nutzen, wird Ihnen das wesentlich mehr bringen, als Sie zu verlieren glauben. Studien des Sleep Disorders Centers im Northwestern Memorial Hospital Chicago zufolge steigert ein Nachtschlaf von mindestens 7 Stunden die Fähigkeit, besser und länger zu trainieren (optimal also, wenn mehr Bewegung zu Ihren Gesundheitszielen zählt). Ausreichender Schlaf verbessert außerdem das Erinnerungsvermögen, das Koordinationsvermögen und Ihre Stimmung. Sehen Sie in Ihrem Tagebuch nach, ob Sie Gewohnheiten haben, die Sie regelmäßig bis spät in die Nacht wach halten. Sehen Sie von 21.00 Uhr

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bis Mitternacht fern? Surfen Sie stundenlang im Internet? Gelingt es Ihnen nicht, vor Mitternacht den Computer, das Tablet oder das Smartphone auszuschalten? Es wird Ihnen sicher nicht schwerfallen, von jeder halben Stunde Fernsehen oder Surfen 10 Minuten abzuziehen. Und schon haben Sie 30 Minuten verdient, die Sie in Ihre Gesundheit investieren können.

5. Stehen Sie früh auf Der Tagesbeginn ist der optimale Zeitpunkt, um die Dinge zu erledigen, die Sie für wichtig halten. Widmen Sie sich erst diesen wichtigen Dingen, bevor all die anderen Verpflichtungen dazwischenkommen und sich ansammeln. Und außerdem können Sie, wenn Sie früh aufstehen, Ihren Tag mit einem großen, motivierenden OK auf Ihrer ToDo-Liste beginnen.

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Gesundheit Schmeckt Nach Glück