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Medizinische Fakultät der Universität zu Köln

Tagungsband

Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin. Chancen für Klinik, Forschung und Lehre 3. Juli 2013, Uniklinik Köln

Eine gemeinsame Veranstaltung der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln und der Uniklinik Köln

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Kongressimpressionen

Der Hörsaal war bis auf den letzten Platz besetzt

Prof. A. Meleis und Dekan Prof. T. Krieg im Dialog

Das Publikum ist zufrieden

Prof. I. Rahm-Hallberg ist aus Schweden angereist

Prof. A. Meleis und Pflegedirektorin V. Lux

Der Vorstandsvorsitzende Prof. E. Schömig mit Fragen an die Staatssekretärin M. Bredehorst

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Programm 10:00 Begrüßung und Eröffnung

Prof. Dr. Dr. Thomas Krieg, Dekan, Vera Lux, Pflegedirektorin

Prof. Dr. Edgar Schömig, Ärztlicher Direktor, Prof. Dr. Stefan Herzig, Prorektor

10:30 Akademisierung der Pflege: Investition in die Zukunft

Marlis Bredehorst, Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter

11:00 Nursing research: topics, methods and patient outcomes. A global overview

Prof. Dr. Afaf Meleis, University of Pennsylvania, USA

11:45 Stand der Pflegewissenschaft in Deutschland

Prof. Dr. Doris Schaeffer, Universität Bielefeld

Moderation: Prof. Dr. Dr. Thomas Krieg, Vera Lux 13:15 Challenges for nursing research: Providing evidence for health-care practice

Prof. Dr. Ingalill Rahm-Hallberg, Universität Lund, Schweden, (Vortrag in Englisch)

13:45 Klinische Pflegeforschung: Beitrag zum verbesserten Schmerzmanagement

Dr. Patrick Jahn, Uniklinik Halle

14:10 Evidenzbasierte Schlüsselkonzepte für die Pflegepraxis – am Beispiel chronische Wunden

Dr. Sebastian Probst, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur, Schweiz

Moderation: Prof. Dr. Stephanie Stock, Dr. Barbara Strohbücker 15:00 Patientenorientierung als berufsgruppenübergreifende Aufgabe

Prof. Dr. Christiane Woopen, Universität zu Köln

15:20 Interprofessionelles Lernen: unterschiedliche Aufgaben, gemeinsame Ziele

Prof. Dr. Ursula Walkenhorst, Hochschule für Gesundheit, Bochum

15:40 Verabschiedung

Dr. Barbara Strohbücker, Stabsstelle Pflegedirektion, Uniklinik Köln

Moderation: Prof. Dr. Raymond Voltz, Christina Kießling

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Hintergrund zur Fachtagung Die zunehmend komplexer werdenden Behandlungsverfahren und sich verändernden Patientenbedürfnisse erfordern eine Neuausrichtung der Gesundheitsversorgung und größere Vielfalt der Strukturen und Leistungsangebote. Ein Thema gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung: die Akademisierung der Gesundheitsberufe. Spätestens mit Herausgabe der Empfehlungen des Wissenschaftsrates (2012) wird auch auf universitärer Ebene über die Etablierung von Studiengängen zur akademischen Ausbildung von Gesundheitsberufen diskutiert. Jedoch: Bestrebungen, die Pflege akademisch weiterzuentwickeln, stoßen in Deutschland sowohl von Seiten der benachbarten Wissenschaften als auch von Seiten der Pflegepraxis immer noch auf große Skepsis. Häufige Vorbehalte sind eine Abkehr von den Problemen der Praxis, fehlende Entwicklungsreife bezüglich der wissenschaftlichen Methoden und fehlende Ressourcen zur Finanzierung der notwendigen akademischen Strukturen. Der Grund für eine ablehnende Haltung ist häufig fehlende Information über die Möglichkeiten und den Beitrag der Pflegewissenschaft und ihre Bedeutung für die Patientenversorgung. Die Fachtagung Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin – Chancen für Klinik, Forschung und Lehre diente dazu, die Debatte um die Akademisierung der Pflege mit fachlichen Argumenten zu unterlegen. Hierfür wurden Experten aus Deutschland, aber auch aus dem Ausland, in dem Pflegewissenschaft schon deutlich weiter entwickelt ist, gebeten, ihre Positionen darzulegen. Während auf (Fach)Hochschulebene in den letzten Jahren sehr viele neue Pflegestudiengänge etabliert wurden, gibt es derzeit nur wenige universitäre Initiativen. Hier liegt Deutschland im Vergleich zum Ausland weit zurück. Die Weiterentwicklung der Pflege sollte aber auch von den Unikliniken ausgehen, an denen tertiäre Versorgung auf höchstem Niveau angeboten wird. Diese Standorte bieten die Möglichkeit der Neuausrichtung von pflegerischer und medizinischer Lehre, Forschung und Krankenversorgung, um komplexe Behandlungssituationen auch in Zukunft meistern zu können. Dem interprofessionellen Lernen und Arbeiten wird dabei zunehmend mehr Aufmerksamkeit geschenkt, nicht nur, weil es zur einer Verbesserung einer patientenorientierten Gesundheitsversorgung beiträgt, sondern auch, weil die Zufriedenheit im Beruf dadurch wesentlich gesteigert werden kann. Diese Fachtagung wurde gemeinsam von der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln und der Uniklinik Köln veranstaltet, um den Beitrag der Pflegewissenschaft für die Gesundheitsversorgung zu beleuchten und neue Wege der Ausbildung sowie erweiterte Ansätze der Forschung mit Beteiligung der Pflegewissenschaft auszuloten. Da die Pflegewissenschaft in Deutschland im Vergleich zum Ausland noch eine junge Disziplin ist, wurden neben deutschen Referentinnen und Referenten auch namhafte Vertreterinnen und Vertreter der Pflegeprofession aus dem Ausland eingeladen: Frau Prof. Dr. Afaf Meleis, Dekanin der Nursing School der Universität von Pennsylvania, USA, Frau Prof. Dr. Ingalill Rahm-Hallberg, vielfach ausgezeichnete Forscherin von der Universität Lund in Schweden und Dr. Sebastian Probst, Experte im Bereich pflegerisches Wundmanagement von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, Schweiz. Die Veranstaltung richtete sich gleichermaßen an Vertreterinnen und Vertreter der Medizin und Pflege, die in der klinischen Versorgung, Lehre oder Forschung tätig sind. Primäre Absicht war, die Debatte über das Thema intern anzustoßen, die Veranstaltung war aber auch für Externe offen. Dabei standen folgende Themen im Mittelpunkt: • Der Stand der Pflegewissenschaft - national und international • Die Bedeutung der Pflegewissenschaft für die Praxis • Die Bedeutung der Pflegeakademisierung für die interprofessionelle Zusammenarbeit

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Zusammenfassung Der große Hörsaal war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, als die Veranstaltung mit der Begrüßung durch Dekan Prof. Dr. Dr. Thomas Krieg begann. Anschließend verwies der Vorstandsvorsitzende der Uniklinik Köln Prof. Dr. Edgar Schömig auf die Herausforderungen, denen sich die Pflege durch den rasanten medizinischen Fortschritt, die dadurch zunehmend komplexeren Behandlungsverfahren und die sich verändernden Patientenbedürfnisse gegenübersieht. Er sprach sich in seiner Eröffnungsrede für eine Pflege aus, in der Empathie und menschliche Zuwendung ausreichend berücksichtigt sind. Vera Lux, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln, gab das Ziel der Veranstaltung vor: Impulse für die Konzeption von zukunftsfähigen Versorgungs-, Ausbildungs- und Forschungsstrukturen zu sammeln. Anschließend regte der Prorektor der Universität zu Köln Prof. Dr. Stefan Herzig an, neue Studienangebote zu schaffen, indem medizinnahe Gebiete kombiniert werden.

Mehr Selbstbewusstsein durch Akademisierung „Ohne Pflegende mit einer akademischen Qualifikation sind die Anforderungen nicht länger zu bewältigen“, sagte Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen. Pflegewissenschaft sei nötig, um das pflegerische Handeln auf eine evidenz-basierte Grundlage zu stellen. Zudem könne man mit der Möglichkeit, Pflegewissenschaft studieren zu können, auch Abiturienten für eine Tätigkeit in der Pflege gewinnen, die einen Studienabschluss anstreben. Durch die Akademisierung erhielten Pflegende mehr Selbstbewusstsein im Berufsalltag und im Umgang mit dem ärztlichen Personal. Es sei wichtig, in Bildung zu investieren. Nicht nur der fachliche Gewinn sei hoch, auch ermögliche eine gute Pflege eine Kostenreduzierung in der Gesundheitsversorgung. Prof. Dr. Afaf Meleis von der Universität von Pennsylvania in den USA traf mit ihrem Vortrag den Nerv der Teilnehmer. Sie unterstrich leidenschaftlich, wie wichtig die Pflegenden in der Gesundheitsversorgung sind. Das Ziel der Pflegewissenschaft sei eine bessere Pflegequalität für die Patienten, ihre Angehörigen und die Allgemeinheit. Sie stellte die Herausforderungen, Rückschläge und Errungenschaften beim Aufbau der Pflegewissenschaft in den USA während der letzten Jahrzehnte dar. So habe man anfangs beispielsweise den Fehler gemacht, die Forschung und die Lehre von der Praxis zu entkoppeln. Dabei sei die Praxis das Hauptgeschäft. Nun kämen die Dozenten selbst aus der klinischen Versorgung und es gebe einen permanenten Austausch zwischen Lehre und Arbeitsalltag. An ihrer Klinik in Pennsylvania haben alle Pflegekräfte mindestens einen Bachelorabschluss, in den gesamten USA sollen es bis zum Jahr 2020 80 Prozent sein. Pflegekräfte und ärztliches Personal arbeiten dort gleichberechtigt an dem Ziel, eine bestmögliche Patientenversorgung zu erzielen.

Nachholbedarf in Deutschland: Anschluss an internationale Entwicklung notwendig Die Situation in Deutschland sieht anders aus. Prof. Dr. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld erklärte, dass von einer Million Pflegekräften lediglich ein Prozent einen Studienabschluss besitzen. Das Ziel sei ein akademischer Durchdringungsgrad von zehn Prozent in den nächsten zehn Jahren. Allerdings stünden der großen Anzahl an Pflegenden nur 150 Professoren gegenüber. „Wir brauchen mehr Studienplätze“, lautete daher das Fazit von Schaeffer. Zudem fehlten noch Konzepte für den späteren Einsatz der akademisierten Pflegekräfte und die Studiengangstruktur entspreche nicht immer den internationalen Standards. „Wir müssen uns von den deutschen Sonderwegen verabschieden“, erklärte sie. In Schweden hat man mit der Pflegewissenschaft ähnliche Erfahrungen wie in den USA gemacht. Gerade die Forschung war anfangs vor allem auf die Pflegeausbildung und die Rolle und die Haltung der Pflegekräfte ausgerichtet, aber nicht auf den Patienten und dessen Bedürfnisse, erläuterte Prof. Dr. Ingalill Rahm-Hallberg von der Universität Lund, Schweden. Um einen größeren Praxisbezug in die Forschung zu integrieren, habe man mehrere Ansätze verfolgt, etwa in der interdisziplinären Zusammenarbeit, aber auch in Bezug auf das Studiendesign, das nun bestimmte Anforderungen erfüllen muss, um einen Nutzen für die Praxis zu gewährleisten. Spannend waren die Ergebnisse einer Umfrage unter

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älteren Menschen, die Rahm-Hallberg vorstellte: Heutzutage haben die Älteren mehr Krankheiten und sie bekommen mehr Medikamente, aber sie fühlen sich gesünder und sind beweglicher und länger arbeitsfähig als früher.

Pflegerische Beratung beeinflusst das Selbstmanagement der Patienten positiv Im Anschluss präsentierte Dr. Patrick Jahn von der Uniklinik Halle ein konkretes Beispiel aus der klinischen Pflegeforschung. Die Studie zum verbesserten Schmerzmanagement bei Tumorpatienten belege, dass pflegerische Beratung und Intervention zusätzlich zur Standardschmerzbehandlung das Selbstmanagement der Patienten positiv beeinflussen. Die so erworbene Patientenkompetenz mache sich in einer offeneren Einstellung gegenüber der medikamentösen Behandlung und mit einer Verringerung der Schmerzintensität bemerkbar. Sie helfe so auch, Versorgungsbrüche zu vermeiden. Evidenz-basierte Schlüsselkonzepte für die Pflegepraxis stellte Dr. Sebastian Probst von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, Schweiz, am Beispiel chronischer Wunden vor. Die betroffenen Patienten litten oft stark unter den Symptomen wie Schmerzen, Blutung, Exsudat oder Juckreiz. Manche empfänden den Wundgeruch als so schlimm, dass sie sich nicht mehr unter Menschen trauten. Dabei lasse sich der Geruch durch effektive Gegenmaßnahmen gut eindämmen, etwa durch Aktivkohle, Metronidazol oder medizinischen Honig. Es gebe das Wissen, aber es werde oft nicht angewandt. Daher sei es wichtig, dass die Pflegenden evidenz-basierte Argumente hätten.

Patientenorientierung heißt, die Kompetenz des Patienten zu stärken Prof. Dr. Christiane Woopen von der Universität zu Köln und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates griff in ihrem Vortrag das Thema Patientenorientierung auf. Eine mögliche Definition dieses Begriffs könne beispielsweise lauten: alles zum Wohl des Patienten. Aber selbst das lasse sich noch unterschiedlich bewerten: „Was ein Professioneller als richtig empfindet, muss nicht unbedingt das sein, was der Patient selbst möchte“, erklärte Woopen. Ein wichtiger Punkt in der Patientenorientierung sei es daher, die Kompetenz des Patienten zu stärken – eine berufsgruppenübergreifende Aufgabe – und ihn an der Entscheidungsfindung teilhaben zu lassen. Eine höhere Patientenkompetenz wirke sich nicht nur auf die Krankheitsbehandlung aus, sondern auch auf die Prävention und die Gesundheitsförderung. Die Interprofessionalität in der Gesundheitsversorgung beleuchtete abschließend Prof. Dr. Ursula Walkenhorst von der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Sie sei überall da nötig, wo die Kompetenzen eines Berufs allein nicht ausreichten, um ein komplexes Problem zu lösen. Ziele der Interprofessionalität seien es zum Beispiel, Versorgungsdefizite abzubauen, die Versorgungsqualität und die Kosteneffektivität zu verbessern und eine höhere Arbeitszufriedenheit zu erreichen. Doch in der Praxis gebe es einige Hindernisse. So liefen die Ausbildungen noch parallel und ohne Berührungspunkte ab. Dabei müssten schon Lernsituationen so gestaltet sein, dass der Aufbau einer interprofessionellen Kompetenz gelingen könne. „Hier beginnen wir erst mit neuen Konzepten“, so Walkenhorst. Möglichkeiten hierzu böten beispielsweise gemeinsame Orientierungsphasen, gemeinsame Projekttage zu ausgewählten Themen oder die gemeinsame Betrachtung und Bewertung von einzelnen Fällen. Auch Verantwortungsbereiche und haftungsrechtliche Fragen stellten Hindernisse dar. Um zu einer echten Interprofessionalität im Arbeitsalltag zu kommen, seien die entsprechende Haltung, Organisationskultur, Inhalte und Strukturen nötig. Kerstin Brömer

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Eröffnung Zur Eröffnung formulierten die Vertreter der beteiligten Institutionen (Medizinische Fakultät, Universität, Uniklinik und Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter) ihre Erwartungen und Fragen an die akademische Entwicklung der Pflege.

Grußworte Prof. Dr. Dr. Thomas Krieg Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, liebe Gäste, meine Damen und Herren, ich möchte Sie ganz herzlich zu dem Symposion Pflege und Hochmedizin hier auf unserem Campus begrüßen. Sie sind Gast an einer sehr alten, einer ganz klassischen Universität hier in Köln. Allerdings hat sich diese Universität in den letzten Jahren in den Kopf gesetzt, vieles zu überdenken und oft ganz neue Wege zu gehen. Vielleicht gehört hierzu auch dieses Symposion, das die Weiterentwicklung der Pflege und ihre wissenschaftliche Untermauerung in sein Zentrum gestellt hat. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind – dass ja fast der ganze Hörsaal – einer unserer größten – komplett besetzt ist. Das zeigt doch, dass die heute zu besprechenden Fragen zu einem ganz wichtigen gesellschaftlichen Thema für uns alle geworden sind. Die Medizinische Fakultät hat sich gemeinsam mit dem Universitätsklinikum zusammengesetzt und eine intensive Diskussion begonnen, an deren Ende dann auch die Frage stehen wird, wie sich die Medizinische Fakultät unserer Universität zu einer wissenschaftlich geprägten Pflegeausbildung stellen wird. Im Zentrum des heutigen Symposions stehen die Fragen: • Wie ist der aktuelle Stand der Pflegewissenschaft – national und international? • Welchen Fragestellungen geht sie nach? • Welche Methoden werden verwendet? • Welche Auswirkungen hat dies ganz konkret für die Patientenversorgung? Neben diesen Fragen muss ich mir als Dekan dieser Fakultät auch überlegen, wie lässt sich dies mit den Forschungsschwerpunkten der Medizinischen Fakultät verbinden? Wie passt eine solche Richtung in die Schwerpunkte dieser Universität und in das Zukunftskonzept innerhalb der Exzellenzinitiative? Hat die Universität die gesellschaftliche Verpflichtung, sich um diese Problematik zu kümmern? Um diese Fragen zu beantworten und weitergehende Entscheidungen tatsächlich nicht alleine für uns im stillen Kämmerlein zu machen, sondern einen Rat von außen zu bekommen, haben wir dieses Symposion geplant. Es freut mich daher sehr, dass wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur aus Deutschland, sondern international aus den USA und aus Skandinavien, also aus Ländern gewinnen konnten, in denen die Pflegewissenschaft seit langem etabliert ist.

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Hierzu möchte ich insbesondere Frau Professor Meleis aus Pennsylvania und Frau Professor Rahm-Hallberg von der Universität Lund begrüßen und Ihnen bereits jetzt danken, dass Sie den mehr oder weniger weiten Weg nach Köln gefunden haben. Nun, meine Damen und Herren, ich bin überzeugt, nur eine hochkarätige Wissenschaft, eine leistungsstarke Krankenversorgung und eine professionelle Lehre können die Medizin langfristig weiterbringen. Diese können nur gemeinsam in einem Umfeld gedeihen, in dem tatsächlich hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter effizient und auch leistungsbereit zusammenarbeiten. Ich denke, dieses gilt für unser Klinikum, für die Fakultät und es gilt auch für die Universität. Ich wünsche Ihnen daher heute viele anregende Vorträge, intensive Diskussionen und viele gute neue Ideen. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Grußworte Professor Dr. Edgar Schömig Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Uniklinik Köln Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Bredehorst, Spectabilis - lieber Herr Krieg, lieber Herr Prorektor Herzig, liebe Frau Lux, auch ich freue mich heute hier sein zu können und möchte Sie alle recht herzlich auch im Namen des gesamten Vorstands des Universitätsklinikums Köln auf dem Symposion Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin begrüßen. Als Universitätsklinikum mit unserem gesellschaftlichen Auftrag in Krankenversorgung, Forschung und Lehre fühlen wir uns natürlich in besonderem Maße der Gesundheit der Menschen verpflichtet. Mehr als 50.000 stationäre und 200.000 ambulante Patienten suchen jedes Jahr unsere Hilfe. Viele weitere Patienten müssen wir aufgrund unserer begrenzten Kapazitäten abweisen. Wir bieten unseren oft schwerstkranken Patienten unabhängig von Herkunft oder Versicherungsstatus eine moderne, wissenschaftsnahe, aber auch menschliche Medizin auf einem, wie wir meinen, sehr hohen Niveau an. Die Herausforderungen, vor denen wir dabei stehen, sind enorm. Der Fortschritt in der Medizin ist rasant. Molekulare Methoden erlauben immer treffsichere Diagnosen, die zu erfolgreicheren, weil individualisierten Therapieansätzen führen. Als Beispiel möchte ich nur die Diagnostik bei erblichem Brust- oder Eierstockkrebs nennen. Im Zuge einer immer älter werdenden Gesellschaft haben wir es immer häufiger mit älteren Patienten zu tun, bei denen oft komplexe Mehrfacherkrankungen vorliegen. Der Anteil der über siebzigjährigen Patienten ist in unserem Klinikum in den letzten acht Jahren um mehr als vierzig Prozent gestiegen. Um diesen Patienten – aber auch allen anderen Patienten – die notwendige, sichere, aber auch menschliche Versorgung bieten zu können, für die wir stehen, benötigen wir aber nicht nur Ärzte, sondern natürlich auch Pflegekräfte, die ihrerseits auf höchstem Niveau, auf dem neuesten Stand evidenzbasierter Konzepte arbeiten. Hand in Hand mit den Ärzten, aber auch Hand in Hand mit den Patienten. Die Pflege übernimmt beispielsweise die wichtige Aufgabe der Krankenbeobachtung und Betreuung sowie zahlreiche Koordinationsaufgaben auf den Stationen. Sie ist damit ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Durchführung der modernen, teils sehr komplexen und aufwändigen Behandlungsverfahren. Mit den wachsenden Anforderungen und der rasanten Entwicklung in der Gesundheitsversorgung müssen alle beteiligten Berufsgruppen permanent Schritt halten. Nicht nur damit wir als Universitätsklinikum Köln konkurrenzfähig

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bleiben, sondern vor allem um den Menschen, die sich uns anvertrauen, die allerbeste Versorgung anbieten zu können. Um den ständigen Wissenszuwachs in Medizin, Technik, aber auch Pflege und Versorgung zügig in die Patientenversorgung zu transferieren, sind wissenschaftliche Kompetenzen erforderlich. Da macht es viel Sinn, dass auch die Pflege neue Konzepte für die verschiedensten Bereiche ihrer Arbeit entwickelt und diese wissenschaftlich fundiert überprüft. Unsere Pflegenden haben im Durchschnitt den häufigsten und auch den engsten Kontakt mit unseren Patienten. Die Pflegenden sind deshalb ganz wesentliche Bezugspersonen für die Patienten. Wenn man noch in Rechnung stellt, dass es kaum eine schwere Erkrankung gibt, die nicht die Seele des Menschen berührt, wird schnell klar, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Berufsbild nicht zu Lasten von Empathie und echter menschlicher Zuwendung gehen darf. Ich gehe ganz im Gegenteil davon aus, dass gerade eine vorurteilsfreie wissenschaftliche Beschäftigung mit der Entwicklung des Berufsbilds die große Bedeutung einer ehrlichen, menschlichen Zuwendung herausarbeiten wird. Wie dies – und noch viel mehr – gelingen kann, ist Thema der heutigen Veranstaltung. Ich wünsche Ihnen anregende Diskussionen und Erkenntnisse und Ihnen allen danke ich für Ihr Kommen und für Ihre Aufmerksamkeit. Danke.

Grußworte Vera Lux Pflegedirektorin und Mitglied des Vorstands der Uniklinik Köln Sehr geehrte Staatssekretärin Frau Bredehorst, sehr geehrter Herr Professor Krieg, sehr geehrter Herr Professor Schömig, Frau Professor Meleis, liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch ich freue mich, Sie als Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied heute zu dieser Fachtagung begrüßen zu dürfen. Während in anderen Ländern die Pflegewissenschaft schon lange fest zum Programm von Universitäten und Fachhochschulen zählt – und wir brauchen nicht einmal nach Amerika oder nach Skandinavien zu schauen, auch die Niederlande sind uns hier weit voraus – fehlt es in Deutschland noch an der Selbstverständlichkeit, dass diese Disziplin zum Fächerkanon gesundheitsbezogener Studienangebote an Universitäten dazugehört. Als Pflegedirektorin der Uniklinik Köln ist es meine Aufgabe, Strukturen aufzubauen, die eine adäquate pflegerische Versorgung an einer Klinik der Maximalversorgung heute – aber auch in Zukunft – sicherstellen. Die besondere Herausforderung dabei ist, den vielfältigen Veränderungen gerecht zu werden: • Wir müssen Schritt halten mit den rasanten Entwicklungen in Medizin, Technik und Pflege und neue Erkenntnisse zügig in die Praxis umsetzen • Wir müssen dem demographischen Wandel mit einer weiteren Zunahme chronisch Kranker und älterer Menschen mit neuen Versorgungsangeboten begegnen • Wir müssen dem gesellschaftlichen Wandel und den sich damit verändernden Patientenbedürfnissen - aber auch den sich verändernden Mitarbeiterbedürfnissen Rechnung tragen • Wir müssen die bildungspolitischen Veränderungen – und hier besonders den Bologna-Prozess – auch in unseren Bildungsstrukturen an der Uniklinik Köln berücksichtigen • Und nicht zuletzt müssen wir den ökonomischen Anforderungen Stand halten und innovative und intelligente Lö sungen entwickeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben

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Dabei sind folgende Ziele handlungsleitend: Orientierung an den Patientenbedürfnissen und –präferenzen Wir benötigen mehr Kenntnisse von den Bedürfnissen unterschiedlicher Patientengruppen, um unsere Konzepte zielgerichteter gestalten zu können. Und wir benötigen bessere Methoden und Instrumente, um die Bedürfnisse der Betroffenen im Behandlungs- und Krankheitsverlauf systematisch erfassen zu können. Evidenzbasierung der Pflegeinterventionen Wir benötigen dringend den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit pflegerischer Maßnahmen. Ganz besonders ist hier zu denken an Strategien zur Verbesserung der Patientensicherheit, also der Prävention von Dekubitus, Kontrakturen, Pflegebedürftigkeit, Mangelernährung, Schmerz, Infektionen und anderen Komplikationen. Aber auch die Unterstützung zu selbstbestimmter Lebensführung durch systematische Information, Anleitung und Beratung und Schulung von Patienten und auch deren Angehörigen ist wichtig. Der ökonomische Einsatz der Ressourcen Dabei sind wir zu wirtschaftlichem Arbeiten verpflichtet. Durch klare Strukturen, vereinfachte und gut kontrollierte Prozesse, Systematisierung, aber auch Standardisierung und Neuverteilung von Aufgaben können Einsparpotentiale erzielt werden. Doch sind hierfür auch Investitionen erforderlich, wie zum Beispiel zum Aufbau einer elektronischen Patientenakte oder eben auch der Pflegewissenschaft. Die Erstellung eines Pflegekatalogs ist ganz und gar nicht trivial und bedarf fundierter, theoriegeleiteter Vorarbeit, um eine sinnhafte, pragmatische und juristisch abgesicherte Dokumentation für die Mitarbeiter auf den Stationen zu ermöglichen. Nicht zuletzt ist es erforderlich, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Pflegedienst entsprechend zu qualifizieren, ihre Kompetenz weiter zu entwickeln, damit diese Ziele auch tatsächlich erreicht werden können. Daher gewinnen die Themen Nachwuchsförderung, Wissenstransfer und Personalentwicklung zunehmend an Bedeutung. Und hier möchte ich den Bogen schlagen zu unserem heutigen Thema: Ohne Pflegewissenschaft und –forschung • fehlt uns die notwendige theoretische Begründung von Pflege, • fehlen uns einheitliche Definitionen und Fachtermini, • fehlen uns Modelle und Methoden, den Pflegeprozess systematisch und patientenorientiert zu gestalten, • fehlen uns Methoden zur systematischen Weiterentwicklung von Pflegekonzepten und • fehlt uns der Nachweis der Wirksamkeit und Effizienz von Pflege, • fehlt uns die Grundlage für die Weiterentwicklung der pflegerischen Kompetenz. Diese Fachtagung soll dazu dienen, den Beitrag der Pflege und Pflegewissenschaft für die Patientenversorgung heute und in Zukunft aus unterschiedlichen Perspektiven darzulegen und Empfehlungen für den Aufbau wissenschaftlicher Strukturen an der Uniklinik Köln und der medizinischen Fakultät zu geben. Ich freue mich sehr über das große Interesse und die Resonanz auf diese Veranstaltung. Wir haben zahlreiche Gäste aus anderen Krankenhäusern und Unikliniken, aus Krankenpflegeschulen, Fachhochschulen und Universitäten sowie eine große Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Uniklinik Köln. Ich wünsche Ihnen einen anregenden Austausch und sehe den Vorträgen der Referentinnen und Referenten mit großer Spannung entgegen.

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Ganz besonders danken möchte ich Frau Prof. Meleis, die den langen Weg aus Philadelphia nicht gescheut hat, um über ihre Erfahrungen als Dekanin der renommierten School of Nursing der Universität von Pennsylvania zu berichten. Herzlich willkommen – Welcome. Mein Dank geht aber natürlich auch an Frau Prof. Rahm-Hallberg aus Lund in Schweden, Frau Prof. Schaeffer aus Bielefeld, Herrn Dr. Jahn aus Halle, Herrn Dr. Probst aus Winterthur in der Schweiz, Frau Prof. Woopen aus Köln und Frau Prof. Walkenhorst aus Bochum. Ihnen allen danke ich für Ihren persönlichen Einsatz zum Gelingen dieser Veranstaltung und Ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der Pflege. Herzlichen Dank.

Grußworte Professor Dr. Stefan Herzig Prorektor für Lehre und Studium der Universität zu Köln Sehr geehrte Frau Staatsekretärin Bredehorst, Spectabilis Krieg, sehr geehrter Herr Kollege Schömig, sehr geehrte Frau Lux, sehr geehrte Referentinnen und Referenten, liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, liebe Gäste, Dear guests and colleagues, First let me apologize for giving this welcome address in German. As already previous speakers mentioned it is an extremely good idea to hold a symposium on nursing and nursing science at a very international level. Lassen Sie mich – das ist meine Aufgabe hier – zunächst den Hut des Mediziners beiseite legen und Ihnen im Rahmen der Universitätsleitung eine hervorragende Tagung wünschen und die besten Grüße und Erfolgswünsche übergeben. Wenn man für die Universität zu Köln in der Öffentlichkeit auftritt, ist es heute praktisch unmöglich, auf die Exzellenzinitiative und das im letzten Jahr mit ihr verbundene Zukunftskonzept der Universität zu Köln nicht zu verweisen. Bei dieser Tagung – so denke ich – geschieht das aber auch aus sehr gutem Grund: zum einen von der inhaltlichen Facette her ist doch eines von vier sogenannten Kompetenzfeldern, das heißt, Themengebieten, wo wir als Universität zu Köln glauben, Federführung zu erlangen, Maßstäbe zu setzen, weit über den regionalen und vielleicht nationalen Rahmen hinaus, das Kompetenzfeld Altern und demographischer Wandel, mit dem bereits etablierten Gebiet der altersassoziierten Erkrankungen und ihrer intensiven Beforschung hier vor Ort. Aber auch methodisch und vom strategischen Ansatz her lohnt sich ein Blick in die Zukunftskonzeption der Universität. Wir verstehen uns natürlich als große und extrem diverse Universität und sind in gewissem Sinne auch stolz darauf. Es gilt, diese Größe und Diversität zu nutzen und sich nicht durch die damit verbundenen strukturellen und organisatorischen Herausforderungen lähmen zu lassen. Und ich glaube, dass gerade im Kontext des heutigen Themas Größe und Diversität eine echte Chance darstellen. Hier darf man sogar wagen zu behaupten, dass die Veränderungen von Studienstrukturen im Rahmen der Bolognareform eine Gelegenheit bieten, die frühere Zeiten nicht vorgehalten haben, nämlich die Gelegenheit, durch zum einen Stufung von Studiengängen, zum anderen aber auch durch die Modularisierung und damit die bessere Kombinierbarkeit von Studieninhalten Dinge zu kreieren, die es eben in einem traditionellen Fakultäts- und Großstudiengangs gebundenen System nicht gegeben hat. Und die Erfahrung einer explosionsartigen Vermehrung von Studiengängen bundesweit seit Bologna gibt uns an der Stelle recht. Auch hier in Köln können wir auf eine gewisse Erfolgsgeschichte verweisen, wenn es gilt, zum Beispiel medizinnahe Gebiete zueinander zusammenzuführen zu neuen Studienangeboten, zu neuen professionellen Profilierungswegen. Erinnert sei an den seiner Zeit federführenden, pilotartigen Einstieg in die Gesundheitsökonomie als Studienangebot mit gleichwertiger

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Beteiligung der medizinischen und wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät. Auch mag erwähnenswert sein, dass wir schon viele Jahre Erfolgsgeschichten schreiben, in ähnlichen Feldern der Akademisierung, so zum Beispiel gibt es einen bundesweit führenden Studiengang der akademischen Sprachtherapie, die hier in Köln ihre Urstände gefeiert hat. Wir sind weiterhin dabei, auch strukturell Möglichkeiten anzulegen, eben Größe und Diversität zu nutzen. Vielfalt durch Kombinatorik, durch Zusammenführung von Experten zu neuen Themengebieten, zu neuen Disziplinen zu formen. Ich denke in diesem Zusammenhang an die jüngst zurückliegende Gründung etwa des Brückeninstituts für Versorgungsforschung zwischen der medizinischen und der humanwissenschaftlichen Fakultät. Ich denke an die Gründung des Instituts für Genderstudies. Beide Institutionen sind auf dem Weg, ihre Disziplinen in Form von Studiengängen auch als selbstreplikative akademische Traditionen aufzusetzen, und weitere Beispiele dieser Art mögen sich auf dem Wege finden. Abschließend setze ich dann doch ein wenig den Medizinerhut wieder auf und möchte verweisen auf die Ausführungen des Wissenschaftsrates aus dem letzten Jahr, der die Entwicklung der Gesundheitsberufe in den Blick genommen hat und uns ins Stammbuch schreibt, dass die Pflegewissenschaft ein sich dynamisch entwickelndes Feld ist mit einer doch deutlichen Erhöhung der Zahl von Studiengängen, der Zahl von Studierenden und Absolventen im letzten Jahrzehnt – auch unter Beteiligung von universitätsmedizinischen Standorten – auch. Wenn man auf die Leuchttürme bundesweit schaut – ich will jetzt keinen Standort explizit nennen – dann mag man mit einer gewissen Bitterkeit konstatieren, dass besonders profilierte Standorte der Pflegewissenschaft keine – oder vielleicht eine perspektivische, oder eine rudimentär angelegte Universitätsmedizin besitzen. Meine Auffassung ist, dass moderne Pflegewissenschaft sich speisen muss – wenn sie den Standard akademischen Tuns erlangen will – nicht nur aus den Lebenswissenschaften, nicht nur aus der Medizin, aus der Erziehungswissenschaft, sondern eben auch aus der Sozialwissenschaft und aus den Wirtschaftswissenschaften. Und da kann ich dann – wiederum als Vertreter der Universität – sagen: all das haben wir. Oder aber volkstümlicher ausgedrückt: der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Ich wünsche Ihnen eine gute Tagung. Vielen Dank.

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Marlis Bredehorst Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen Akademisierung der Pflege: Investition in die Zukunft wir sind Ihrer Einladung sehr gerne gefolgt. Ich bin beeindruckt von dem heutigen Programm – Sie haben hochkarätige Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland gewinnen können. Ich darf Sie auch noch einmal ganz herzlich von unserer Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens grüßen. Unser Ministerium legt viel Wert auf Pflege. Wir sind das erste Ministerium mit dem Wort Pflege im Ministeriumsnamen. Angesichts der Herausforderungen des demographischen Wandels verstehen wir uns als Innovationsministerium, hier ist noch sehr viel zu tun. Seit 2010 sind in Nordrhein-Westfalen fünf Modellstudiengänge in der Pflege gestartet - damit ist NRW bundesweit Vorreiter bei der Weiterentwicklung der Pflegeberufe. Denn wir nehmen als politische Vertreter/-innen die Ergebnisse nationaler und internationaler Empfehlungen ernst. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen, die Erkenntnisse aus dem Lancet-Report, die Strategie aus den Global Standards for the Initial Education of Professional Nurses der WHO und nicht zuletzt die Empfehlungen der Enquête-Kommission zur Situation und Zukunft der Pflege in Nordrhein-Westfalen weisen alle in dieselbe Richtung: ohne Pflegende mit einer akademischen Qualifikation sind die Herausforderungen nicht länger zu bewältigen. Wir haben erkannt, dass Pflege eigene Fragestellungen hat, die nur durch pflegewissenschaftliche Forschung beantwortet werden können. Pflege hat einen wichtigen Einfluss auf den Heilungserfolg. Dieser muss mehr genutzt und durch Forschung nachgewiesen und weiterentwickelt werden. Das Erfahrungswissen der Pflegenden ist hoch, doch muss dieses in wissenschaftlichen Kategorien gesichert und weiterentwickelt werden. Die Pflegenden benötigen bei ihrer täglichen Arbeit wissenschaftlich gesicherte Entscheidungsgrundlagen und die Kompetenz, ihr umfassendes Wissen anhand aktueller Erkenntnisse überprüfen und erweitern zu können. Dafür benötigen Sie auch ein Arbeitsumfeld, in dem dies gefördert und gefordert wird. Hier sehe ich einen erheblichen Nachholbedarf, insbesondere an den Universitätskliniken: nicht nur bei der Anwendung von pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch bei der Generierung von weiterem Wissen – zur Zeit ist weniger als 0,1% des pflegerischen Handelns evidenzbasiert. International ist klinische Pflegeforschung in großen Kliniken selbstverständlich – und dies sollte es auch hier werden – im Sinne der Patientinnen und Patienten! Hier ist Deutschland immer noch Schlusslicht. Immerhin: Die Uniklinik Schleswig Holstein hat Pflegekräfte für Forschung freigestellt. Sie setzen mit dieser Veranstaltung ein wichtiges Zeichen. Ich hoffe, das ist der Anfang einer ganz neuen Ära, ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

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Themenschwerpunkt: Stand der Pflegewissenschaft – national und international

Programme in der Pflegewissenschaft: Methoden und Auswirkungen auf den Patienten. Prof. Dr. Afaf Meleis, Universität von Philadelphia Gute Bildung ist die Voraussetzung für gute Patientenversorgung. Neben der Leidenschaft für den Pflegeberuf ist ein pflegetheoretisches Verständnis für die berufliche Identität und fundierte Reflexion wichtig. In unserem Krankenhaus in Philadelphia haben alle Pflegekräfte mindestens einen Bachelorabschluss. Bundesweit streben wir in den USA eine Quote von 80% Pflegenden mit Bachelorabschluss bis zum Jahr 2020 an. So wollen wir erreichen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in die pflegerische Patientenversorgung transferiert werden und dass Pflegende ihr Potential optimal einbringen. Dies hat direkten Einfluss auf die Qualität der Versorgung. Die Bachelorprogramme sind die Basis, auf Masterniveau erwirbt man erweiterte pflegerische Fähig- und Fertigkeiten und spezialisiert sich in einem Fachgebiet. In Programmen zum Erwerb eines Philosophical Degree (vergleichbar einer Habilitation, Anm. der Redaktion) lernt man, wissenschaftliche Methoden aus den Bio- und Sozialwissenschaften selbständig und fundiert anzuwenden. Pflegepraxis und –wissenschaft müssen strukturell so aufgestellt sein, dass sie sich gegenseitig befruchten und unterstützen. Einer unserer großen Fehler war, dass wir Wissenschaft und Praxis voneinander abgekoppelt haben. Das hat dazu geführt, dass die Praktiker die Wissenschaft nicht für relevant hielten. Aber die Praxis ist unser Brot- und Buttergeschäft, aus ihr heraus müssen sich die Fragen der Forschung entwickeln und die Wissenschaft muss nach Lösungen für die Praxis suchen. In meiner Fakultät arbeiten 40% der Professoren und Dozenten auch in der Patientenversorgung, sie verdienen ca. ein Drittel ihres Einkommens in der Pflegepraxis. Zum Beispiel versorgen wir im Rahmen des LIFEProjektes (Living Independently for Elders) über 450 ältere Menschen in der Region von Philadelphia. Ziel des Projekts ist es, dass die alten Menschen so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben können, indem sie gesundheitlich versorgt werden und in unterstützende kommunale Netzwerke integriert werden. Dies ist ein Synergie-Projekt. Es basiert auf Forschungsergebnissen unserer Fakultät und ist gleichzeitig eine Quelle für neue Forschungsthemen, wie z. B. Schmerzmanagement, Schlafstörungen, Vermeidung von Infektionen, Alltagsbewältigung usw. Und der Patient steht im Mittelpunkt. Damit die Erkenntnisse der Pflegeforschung wirksam werden, ist politische Einflussnahme ebenso wichtig. Versuchen Sie, Ihre Forschungsagenda mit den prioritären Zielen der Gesundheitsversorgung in Einklang zu bringen, damit Sie die Entscheidungsträger mit wissenschaftlicher Evidenz versorgen können – und auch, um die Chancen auf Fördermittel zu erhöhen. So haben wir zum Beispiel die wissenschaftliche Grundlage für die Berechnung einer personellen Mindestbesetzung geliefert, die vom Staat California gesetzlich festgelegt wurde. Oder ein anderes Beispiel: Wir können durch unsere Evidenzlage dazu beitragen, dass körperliche Fixierungen in Krankenhäusern und Pflegeheimen vermieden werden. Nicht zuletzt ist es wichtig, die Fragen und Methoden der Pflege und Pflegeforschung und den Benefit für die Betroffenen so zu kommunizieren, dass die Öffentlichkeit sie versteht.

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Programs of Nursing Research: Methods and Patient Outcomes Dr. Afaf I. Meleis, PhD, DrPS (hon), FAAN University of Pennsylvania, School of Nursing Good education is mandatory for good patient care. You need passion for nursing as well as a theoretical framework to reflect and establish a professional identity. In our hospital in Philadelphia all of our nurses have at least a Bachelor degree. Nationwide we set the goal of at least 80% of nurses with a Bachelor by 2020. By this we want to support the transfer of scientific evidence into practice and to support nurses to work to their full extent of training. This has a direct impact on the quality of health care. Bachelor programs are the basis, on a master’s level you learn advanced practice skills and specialize in a certain field. In a PhD-program you learn to apply scientific methods of both biological and social science. Nursing practice and nursing science need to be structured in a way so they interact and support each other. One of our big mistakes was to disconnect science and practice so clinicians said that science is not relevant. But practice is our bread and butter and research questions must come from practice and science needs to find solutions for practice. In my faculty 40% of the staff also work in practice, they gain one third of their salaries from nursing care. For example in the so called LIFE-project (Living Independently for Elders) we care for more than 450 elderly people in the community of Philadelphia. The project aims to keep the elderly living in their own homes as long as possible by providing them health care as well as integrating them into supportive networks of the community. This is a synergy project. This program is based on faculty research findings and it is a source that initiates relevant topics to be studied further, like pain management, sleep disturbances, preventing infection, management of daily living and so on. And the patient is the leader. If you want nursing science to be effective, you also need to bring it to policy. Try to match your research agenda with the targets of health care priorities so you can provide the decision makers with scientific evidence – and to increase your chances for financial support. For example, our faculty worked out the evidence for a nurse-patient ratio that became law in the State of California. Another example is the use of physical restraints: we can prevent hospitals and nursing homes from using physical restraints – just because of the evidence. Last but not least you need to communicate what nursing and nursing science is about and what is the benefit for the people in a way, the public understands well.

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Stand der Pflegewissenschaft in Deutschland Prof. Dr. Doris Schaeffer, Universität Bielefeld Die Entwicklung der Pflegewissenschaft in Deutschland liegt hier erst gut 20 Jahre zurück. Zunächst wurde viel Kraft in den Aufbau von akademischen Strukturen investiert. Die ersten Studiengänge konzentrierten sich auf Pflegepädagogik und ‑management, ihr Fokus war weit von der Praxis entfernt. Im Bereich der Forschung konnten wichtige Meilensteine erzielt werden, wie z. B. der von der VW-Stiftung geförderte Forschungsverbund an der Fachhochschule Osnabrück, der Aufbau der drei vom BMBF geförderten Pflegeforschungsverbünde NRW, Nord und Mitte-Süd und das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen am Standort der Universität Witten/Herdecke. Doch seit die Bundesmittel für die Forschungsverbünde 2011 ausgelaufen sind, gibt es keine gezielte Pflegeforschungsförderung mehr. Hier ist es wichtig, die Politik zu motivieren und zu dauerhaften und umfangreicheren Mitteln zu gelangen. Die Entwicklung der Agenda Pflegeforschung (2012), die prioritäre Forschungsthemen für die nächsten zehn Jahre formuliert, soll diesen Prozess unterstützen. Weitere Herausforderungen sind die Internationalisierung der deutschen Pflegewissenschaft, die Förderung des wissenschaftlichen Austauschs sowie die Orientierung an wissenschaftlichen Standards auf dem Niveau der Exzellenzcluster. Für die Evidenzbasierung der Pflege ist der Aufbau klinischer Pflegeforschung wichtig, ebenso benötigen wir patientenorientierte Pflegeforschung und pflegerische Versorgungsforschung. Allein in der stationären Langzeitversorgung ist der Problemdruck sehr groß, da die Klientel sich dort stark verändert hat und ähnliches gilt auch für andere Bereiche der pflegerischen Versorgung. Mehr Raum braucht auch die Weiterentwicklung der Pflege: Pflege muss anders gestaltet und neue Rollen und Aufgabenfelder entwickelt werden. Die Akademisierung ist erforderlich, um „zu einer starken Pflege zu kommen, die den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht wird und auf Augenhöhe mit den anderen Gesundheitsprofessionen steht“. In den 20 Jahren hat sich eine dynamische Entwicklung in der Pflege vollzogen – es gibt heute über 100 Pflegestudiengänge und – angestoßen durch den Bolognaprozess – nun auch die ersten Studienabgänger, die direkt für die Pflegepraxis qualifiziert sind. Doch reicht dies nicht aus. Einer Million Pflegekräften in der Praxis stehen 150 Professoren gegenüber. Um einen Durchdringungsgrad von 10 – 20 % akademisch ausgebildeten Absolventen in den nächsten zehn Jahren zu erzielen, werden 3000 – 5000 Studienplätze benötigt (Wissenschaftsrat 2012). Außerdem sind Konzepte erforderlich, um akademisch ausgebildete Pflegekräfte in die Praxis zu integrieren. Doris Schaeffer hofft, dass Köln bald hinzukommt. „Zumal bislang zu wenige universitäre Standorte existieren und der universitäre Ausbau dringlich ist. Auch die Kooperation mit der Medizin ist bundesweit erst selten vertreten“ „Der demographische Wandel betrifft gerade Deutschland besonders stark“, so Schaeffer. „Bis 2050 wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen verdoppeln. Die Pflege wird daher enorm an Bedeutung gewinnen und deutlich mehr akademisch qualifizierte Pflegende benötigt, um den damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden.“

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Herausforderungen an die Pflegeforschung: Evidenz für die Gesundheitsversorgung Prof. Dr. Ingalill Rahm-Hallberg, Universität Lund, Schweden Die Bemühungen, Pflege wissenschaftlich zu fundieren, gehen in Schweden auf das Jahr 1977 zurück. Seit diesem Jahr finden die Ausbildungen aller Gesundheitsberufe an Universitäten oder Fachhochschulen statt. Die Grundausbildung dauert 3 Jahre und schließt mit einem Bachelor ab. Seit 1982 legt ein Gesetz fest, dass die Gesundheitsversorgung in allen Bereichen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen oder Best Practice basieren soll. Dies betrifft auch die pflegerische Versorgung, die einen großen Teil der Gesundheitsversorgung ausmacht – nicht zuletzt auch in Bezug auf die Kosten. Durch dieses Gesetz wurden Forschung und wissenschaftliche Lehre in allen Disziplinen und somit auch der Pflegewissenschaft befördert. Wir haben jedoch auch Fehler gemacht. Pflegewissenschaft, Pflegepraxis und Pflegeausbildung waren nicht gut miteinander vernetzt, so dass die Praxis zu wenig von der Forschung profitierte. Das ist jetzt besser. Früher promovierten vor allem die Pflegetheoretiker, die in der Ausbildung und Wissenschaft tätig waren. Heute promovieren die Praktiker und forschen zu praxisbezogenen Fragen – und sie wollen zurück in die Praxis. Die thematische Ausrichtung der Pflegeforschung hat einen Wandel vollzogen: Während noch vor einigen Jahren Fragen über das Tätigkeitsfeld und die Rolle der Pflegenden im Vordergrund standen, stehen heute die Patientenorientierung und Praxis im Fokus. Dies ist eine Stärke der Pflegewissenschaft. Fragen nach Strategien zur Förderung der Selbstpflegekompetenz und Selbstbestimmung durch Partizipation und Edukation, nach familienorientierten Versorgungskonzepten, nach Gesundheitsförderung und der Versorgung sozial schwacher Randgruppen stehen auf der Agenda. Die Fokussierung auf die Patientenperspektive hat auch Auswirkungen auf die Forschungsmethodik: Um Erfahrungen und subjektive Einschätzungen zu erfassen, sind vor allem qualitative Forschungsansätze weiterentwickelt worden. Doch benötigen wir für die Konzeption von komplexen Pflegeinterventionen und den Nachweis der Wirksamkeit auch quantitative Studien auf dem Niveau von Randomisierten Klinischen Studien.* Hier haben wir noch Nachholbedarf. Um Ressourcen zu bündeln und zu relevanten Aussagen zu kommen, sollten nicht nur einzelne Forschungsprojekte initiiert werden, sondern umfassende Forschungsprogramme aufgelegt sowie interdisziplinäre Kooperationen angestrebt werden. Die Herausforderungen an das Gesundheitssystem und an die Wissenschaft sind die ständig wachsenden Therapiemöglichkeiten, sowohl in immer jüngerem als auch in immer höherem Alter, die schrumpfende Ökonomie, der demographische Wandel, die kulturelle Vielfalt, der Klimawandel und eine Veränderung der Epidemiologie von Erkrankungen.

* vgl. Mantzoukas (2009): In einem Review von insgesamt 2574 Artikeln aus den Top Ten Pflegefachzeitschriften aus dem Zeitraum von 2000 – 2006 wurden 37% der Studien einem qualitativen Design, 39% einem deskriptiven, meist quantitativen Querschnittdesign und nur 13% einem experimentellen oder quasiexperimentellem Design zugeordnet.

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Challenges for nursing research; providing evidence for health care practice Dr. Ingalill Rahm Hallberg, PhD, Senior Professor at Lund University In Sweden we started to base nursing on scientific evidence in 1977. Since that time education of all health professions takes place at Universities or Universities of Applied Science. The basic program takes three years and ends with a Bachelor’s degree. According to a law from 1982 health care of all professions must be based on scientific evidence or best practice. This includes nursing care as well, which is a great part of health care – also in terms of costs. This law has promoted research and scientific based education in all disciplines – and of course in nursing as well. But we did make mistakes. Nursing science, nursing practice and nursing education were not well connected, so practice did not have a great benefit from it. But this has improved now. In the past it was the nursing theorists working in the research or education field who earned a doctor’s degree. Nowadays there are more candidates from the practice field who enter a PhD-program. They do research on practice related questions – and they want to go back to practice after it. The focus of nursing research has changed: whereas topics of the nursing profession and the role of nursing used to be predominant, there is a shift to patient orientation and nursing practice now. Nursing science can contribute a lot to this. Our research agenda is about strategies to improve self-care and self-determination by participation and education, family care, health promotion and health care of disadvantaged groups. Focusing the patient’s perspective also has an impact on research methods: In order to study subjective perception qualitative methods have been developed further. But in order to design complex nursing interventions and to study the effect of it we need quantitative studies on the level of randomized clinical trials (RCTs). We do have to work on that. We need to create synergies so we get more power and we can reach more relevant results. Therefore we should do less single research projects and more research programs as well as interdisciplinary research cooperation. The challenges of the health care systems and of science are the developing therapy options – for the young as well as for those of older age, the shrinking economy, the demographic change, cultural diversity, the climate change and a changing epidemiology of diseases.

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Themenschwerpunkt: Bedeutung der Pflegewissenschaft für die Praxis Klinische Pflegeforschung: Beitrag zum verbesserten Schmerzmanagement Dr. Patrick Jahn, Universitätsklinikum Halle (Saale) Schmerz ist eines der Symptome, das Tumorpatienten am häufigsten und schwersten belastet. Für die meisten Patienten kann eine ausreichende Schmerzreduktion erreicht werden, wenn eine leitliniengerechte Behandlung erfolgt. Oft werden Schmerzen durch institutionelle Beschränkungen, oder hinderliche Einstellungen des Personals oder der Patienten nicht wirkungsvoll behandelt. Die Selbstmanagementkompetenz der Patienten wird von deren kognitiven Einstellungsbarrieren, Wissen und ihrer aktiven Beteiligung an der Schmerzbehandlung beeinflusst. Zentrales Anliegen dieser Studie war es deshalb, den Einfluss einer ressourcenorientierten überleitenden Pflegeintervention auf die Verbesserung des schmerzbezogenen Selbstmanagements von onkologischen Patienten zu evaluieren. Insgesamt wurden 263 Patienten mit Tumordiagnose, anhaltenden Schmerzen (> 3 Tage) und einer durchschnittlichen Schmerzstärke von ≥ 3/10 in diese cluster-randomisierte Studie auf 18 Stationen in zwei deutschen Universitätsklinika eingeschlossen. Die Patienten der Interventionsstationen erhielten zusätzlich zur Schmerzbehandlung die ressourcenorientierte Pflegeintervention bestehend aus drei Modulen: Pharmakologisches Schmerzmanagement, Non-pharmakologisches Schmerzmanagement und schmerzbezogenes Entlassungsmanagement. Die Patienten auf den Kontrollstationen erhielten Standardschmerzbehandlung und klinikübliche Pflege. Primärer Endpunkt war die Differenz der kognitiven Einstellungsbarrieren zum Schmerzmanagement (BQII), am siebten Tag nach der Entlassung aus der Klinik. [Trial Registration: ClinicalTrials NCT00779597; BMBF FKZ 01 GT 0601] Die ressourcenorientierte überleitende Pflegeintervention führte bei onkologischen Patienten mit anhaltenden Schmerzen im Vergleich zur kliniküblichen pflegerischen Versorgung zu einer signifikanten Reduktion der kognitiven Einstellungsbarrieren gegen die medikamentöse Schmerzbehandlung von -0,49 Punkte (95% KI -0,87 bis -0,12 Punkte; p=0,02). Diese offenere Einstellung ging einher mit einer Verringerung der Schmerzintensität, Erweiterung des Wissens zur Schmerzbehandlung sowie Erhöhung der Adhärenz und HRQoL. Diese Studie belegt den positiven Einfluss einer ressourcenorientierten pflegerischen Beratungsintervention auf das schmerzbezogene Selbstmanagement der Patienten. Besonders deutlich wird diese Befähigung durch die Verstetigung der Effekte über die Entlassung aus der stationären Behandlung und Beendigung der Studienintervention hinaus. Versorgungsbrüche können durch die erworbene Patientenkompetenz vermieden werden.

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Evidenzbasierte Schlüsselkonzepte für die Pflegepraxis – am Beispiel chronischer Wunden Dr. Sebastian Probst, ZHAW - Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur, Schweiz Die Pflege von Menschen mit chronischen Wunden stellt nicht nur für die Betroffenen sondern auch für deren Angehörige sowie für das Gesundheitspersonal eine große Belastung und Herausforderung dar. Als Herausforderung gilt es das Leiden zu lindern oder aber zu verhindern, indem eine effektive Verminderung des Geruchs, blutstillende Maßnahmen, eine Eindämmung des Exsudats, Linderung der Schmerzen oder aber auch eine Verminderung von Juckreiz sowie eine gute psychologische Unterstützung angeboten werden kann. Um den Patienten und den Angehörigen eine effektive und gute qualitativ hochstehende Pflege anzubieten, sollte sichergestellt werden, dass sowohl das Symptommanagement als auch die psychosozialen Aspekte bei der Pflege beachtet werden. Probst zeigte anhand von praktischen Beispielen auf, wie Resultate aus der Pflegeforschung konkret zur Geruchslinderung respektive -vermeidung sowie zur psychosozialen Unterstützung genutzt werden können. So lässt sich der Wundgeruch durch die Applikation von antimikrobiellen Produkten lindern. Durch dies kann die Lebensqualität der Patienten und deren Angehörigen erhalten oder aber verbessert werden. Die psychosozialen Auswirkungen einer chronischen Wunde auf die Patienten wie auf deren Angehörigen können einschneidend sein. So haben beispielsweise das auslaufende Exsudat oder die applizierten Verbände gravierende Auswirkungen auf das Körperbild sowie auf das Verhalten. Die Patienten versuchen ein normales Leben zu leben, obwohl sie mit den physischen und psychischen Folgen der Wunde zu kämpfen haben. Bei der Pflege von Patienten mit einer chronischen Wunde sollte ein forschungsbasierter Ansatz gewählt werden. Durch dies können die Patienten und deren Angehörige eine der Situation angepasste Pflege erfahren, indem sie ein situationsangepasstes Symptommanagement und Hilfestellung im Umgang mit physischen und psychosozialen Folgen erhalten.

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Themenschwerpunkt: Bedeutung der Pflegeakademisierung für die interprofessionelle Zusammenarbeit Patientenorientierung als berufsgruppenübergreifende Aufgabe Prof. Dr. Christiane Woopen, Universität zu Köln Nach vielen Reformvorhaben zur Einsparung von Gesundheitskosten rückt der Patient wieder in den Mittelpunkt. Patientenorientierung sollte von vorneherein durch die Brille des multiprofessionellen Teams betrachtet werden und nicht getrennt nach ärztlichen oder pflegerischen Dimensionen. So hat der National Health Council in den USA das „coordinated health care team“ direkt in die Definition von patientenorientierter Versorgung mit aufgenommen.* Die ethische Norm der Patientenorientierung beruht auf der Ausrichtung der Medizin am Wohl des Patienten. „Doch was genau das Wohl ausmacht, wird unterschiedlich diskutiert, die Perspektive der Betroffenen weicht hier zuweilen von der Perspektive der Professionellen ab. So wie sich der Patient ein gelingendes Leben vorstellt, ist das nach unseren Maßstäben nicht zwangsläufig gesund.“ Auch die Qualität der Versorgung wird von Betroffenen unterschiedlich bewertet. Folgt man den Kriterien des Picker Patient-Centred Care Vision Summit (2004), dann steht die Beachtung von Patientenwerten, -präferenzen und –bedürfnissen an erster Stelle. Koordination und Integration der Versorgung, Information, Kommunikation und Schulung folgen und erst an vierter Stelle wird physisches Wohlbefinden angeführt. Weiterhin bedeutend sind emotionale Unterstützung, Einbeziehen von Familie und Freunden sowie Transition und Kontinuität. Ein Schlüsselfaktor für eine auf den Patienten ausgerichtete Versorgung ist die Gesundheitskompetenz. Wenn der Patient befähigt wird, für sich aktiv zu werden und seine Versorgung selbst zu lenken, dann verbessern sich nicht nur die Behandlungsergebnisse, es steigen auch seine Lebenszufriedenheit und seine Zufriedenheit mit der Versorgung (Sørensen et al. 2012). Patientenbeteiligung kann auf verschiedenen Organisationsebenen erfolgen: auf der Mikroebene in der Beziehungsgestaltung zwischen Patient und Professionellen; auf der Mesoebene durch die Arbeit in Verbänden, Körperschaften und Institutionen; auf der Makroebene bei der Gestaltung gesellschaftlicher und gesetzlicher Rahmenbedingungen in Form von Umfragen, Anhörungen, Beratungen und die Ausübung von Stimmrechten. Um die Beteiligung der Patienten zu fördern, formulierte das Picker Symposium (2004) neben der strukturellen Einbindung der Patienten die Notwendigkeit der Ausbildung von Gesundheitspersonal in der Unterstützung einer aktiven Patientenrolle, der Antizipation von Pflegeszenarien und –bedürfnissen, des Zugangs zu patientenorientierter Information und Versorgung sowie des Etablierens von Anreizen für die Versorger, ihre Angebote patientenorientiert auszurichten und lizenzieren zu lassen.

*National Health Council, USA: „Patient-centered care is quality health care achieved through a partnership between informed and respected patients and their families, and a coordinated health care team.”

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„Interprofessionelles Lernen: unterschiedliche Aufgaben, gemeinsame Ziele“ Prof. Dr. Ursula Walkenhorst, Hochschule für Gesundheit, Bochum Die Aufgaben, die es in einer zukunftsorientierten Gesundheitsversorgung zu bewältigen gilt, werden zunehmend komplexer. Gründe hierfür sind vielfältige Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur sowie epidemiologische Veränderungen und daraus resultierende veränderte Versorgungsbedarfe. Die Kompetenzen einer einzelnen Berufsgruppe reichen erkennbar nicht mehr aus, um diesen Entwicklungen zu begegnen. Deshalb ist es notwendig, interprofessionelle Arbeits- und Behandlungsprozesse zu gestalten, die den Patienten in den Mittelpunkt stellen und bei denen die Perspektiven der verschiedenen Berufe zur Lösung der Aufgaben und Situationen sinnvoll zusammengetragen werden. Die Grundlage hierfür ist die frühestmögliche Entwicklung einer interprofessionellen Kompetenz. Derzeit findet das Thema eine breite Diskussion und wird durch verschiedene Gutachten und Empfehlungen forciert (u. a. SVR 2007, WR 2012, Robert-Bosch-Stiftung 2011, Evers et al. 2012, Agenda Pflegeforschung 2013). Diese Diskussion lässt sich dabei sowohl aus einer Bildungs- als auch aus einer Versorgungsperspektive führen. Aus einer Bildungsperspektive stellt sich die zentrale Frage, wie Lernsituationen gestaltet sein müssen, damit der Aufbau einer interprofessionellen Kompetenz gelingen kann. Hier liegen kaum empirische Erkenntnisse vor, die valide Hinweise auf einen bestmöglichen Zeitpunkt zum Beginn und zur Gestaltung der Situationen geben. Welcher Anteil einer professionellen Identität sollte der Entwicklung einer interprofessionellen Identität vorausgehen? Wie viele Berufe sollten daran beteiligt sein? Woran lässt sich interprofessionelle Kompetenz messen und mit welchen Instrumenten? Der Bildungsforschung sind damit für die nächsten Jahre eine Reihe möglicher Fragestellungen gegeben. Unstrittig ist jedoch, dass das Ergebnis des (interprofessionellen) Bildungsprozesses immer auf das konkrete Outcome für den Versorgungsprozess gerichtet sein muss. Aus einer Versorgungsperspektive stellen sich darüber hinausgehende Fragen. So geht es zunächst einmal darum, die Aufgabenverteilung in der Gesundheitsversorgung kritisch zu analysieren und in einigen Bereichen neu zu definieren. Dabei spielen Erkenntnisse über gemeinsame Prozesse, die sich ggf. überschneiden und Kompetenzen, die aus den einzelnen Berufsgruppen vorliegen, eine wichtige Rolle. So stellt nicht zuletzt der Sachverständigenrat bereits 2007 die Frage nach bestehenden bzw. erforderlichen Pool- und Kernkompetenzen.

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Diskussion im Plenum (Auszug) Sie haben von finanzieller Unterstützung durch das National Institute of Health (NIH) gesprochen. Wie gut entwickelt ist die Pflege an Ihrem Institut, wie viel macht die staatliche Förderung aus? Prof. Meleis: „Unser Institut ist unter den ersten fünf im Ranking der NIH-Fördermittel. Allerdings sind die staatlichen Mittel begrenzt. Das NIH gibt seine Gelder aber nicht an Disziplinen, sondern an zu untersuchende Phänomene, wie zum Beispiel Schlaf. So arbeiten wir oft auch mit anderen Disziplinen zusammen.“ (Übersetzung durch Verf.) Müssen die Studierenden Gebühren bezahlen, um an der Universität von Pennsylvania Pflege zu studieren? Prof. Meleis: „Ja, unsere Studierenden bezahlen 50.000 Dollar im Jahr. Das ist nicht wenig. Wir haben einige Stipendien, um etwas Unterstützung zu geben. Aber Sie müssen nicht bei uns studieren, Sie können auch an anderen Universitäten studieren, die keine Gebühren verlangen.“ (Übersetzung durch Verf.) Wie wird sich die Akademisierung auf die Gehaltsstruktur der Pflegekräfte auswirken? Prof. Schaeffer: „Die Gehaltsstruktur wird sich verändern. Aber man wird eine gewisse Übergangszeit akzeptieren müssen.“ Prof. Meleis versicherte, dass man in den USA auch viele Jahre für eine Besserbezahlung gekämpft habe. Erst in den letzten zehn Jahren werden akademische Pflegekräfte genauso bezahlt wie Absolventen anderer Professionen mit vergleichbaren Abschlüssen. Pflege müsse eine Stimme haben um Einfluss in der Politik zu bekommen. („It is a process. It doesn’t happen over night. But you have to have voice, you have to have voice in the political system”) (Übersetzung durch Verf.) Welche Aufgaben werden akademisch ausgebildete Pflegekräfte übernehmen? Warum sollte ich studieren, wenn ich dann doch dieselben Aufgaben wie zuvor verrichte? Prof. Schaeffer: „Die jetzigen Studiengänge qualifizieren für Bedside Nursing. Wie sich die Aufgabenteilung zwischen den beruflichen und akademischen Pflegekräften verändert, ist noch nicht abzusehen. Ich würde da gar nicht so eine große Grenze sehen, die sehe ich eher bei den niedrig Qualifizierten.

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Referentinnen und Referenten Marlis Bredehorst Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen Prof. Dr. Stefan Herzig Prorektor für Studium und Lehre der Universität zu Köln Dr. Patrick Jahn Leiter der Stabsstelle Pflegeforschung und Entwicklung, Pflegedirektion Uniklinik Halle Christina Kießling, BScN, MA Leitung der Schulen für Gesundheitsfachberufe an der Uniklinik Köln Prof. Dr. Dr. h. c. Thomas Krieg Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln Vera Lux Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Uniklinik Köln Prof. Dr. Afaf Meleis Dekanin der School of Nursing und Direktorin des WHO Collaborating Center in Nursing and Midwifery Leadership an der Universität von Pennsylvania, USA Dr. Sebastian Probst Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur, Schweiz Prof. Dr. Ingalill Rahm-Hallberg Department für Gesundheitswissenschaften, Universität Lund, Schweden; Beraterin des Vizerektors der Universität Lund Prof. Dr. Doris Schaeffer Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft, Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld; Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens Prof. Dr. Edgar Schömig Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor der Uniklinik Köln Prof. Dr. Stephanie Stock Kommissarische Leiterin des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln Dr. Barbara Strohbücker, MScN, BScN Stabsstelle Pflegewissenschaft, Pflegedirektion der Uniklinik Köln Prof. Dr. Raymond Voltz Direktor des Zentrums für Palliativmedizin, Uniklinik Köln, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin Prof. Dr. Ursula Walkenhorst Vizepräsidentin der Hochschule für Gesundheit, Bochum; Vorsitzende des Ausschusses für Interprofessionelle Ausbildung in den Gesundheitsberufen Medizin, Pflege und Therapie der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung Prof. Dr. Christiane Woopen Leiterin der Forschungsstelle Ethik am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln; Prodekanin für Akademische Entwicklung und Gender an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln; Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

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Literatur Behrens, J., S. Görres, D. Schaeffer, S. Bartholomeyczik und R. Stemmer (2012). Agenda Pflegeforschung für Deutschland. www.agenda-pflegeforschung.de. Ewers, M. (2012). „Interprofessionalität als Schlüssel zum Erfolg.“ Public Health Forum 20(4): 10.e11-10.e13. National Health Council USA (2004). In: International alliance of patient‘s organizations (2007). What is patient-centered health care? A review of definition and principles. www.patientsorganizations.org/attach.pl/ 547/494/IAPO%20PatientCentred%20Healthcare%20Review%202nd%20edition.pdf. Mantzoukas, S. (2009). „The research evidence published in high impact nursing journals between 2000 and 2006: a quantitative content analysis.“ Int J Nurs Stud 46(4): 479-489. Robert Bosch Stiftung (2011). Memorandum Kooperation der Gesundheitsberufe. Qualität und Sicherstellung der zukünftigen Gesundheitsversorgung. Stuttgart. www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/37206.asp Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2007). Kooperation und Verantwortung - Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung. Deutscher Bundestag, 16. Wahlperiode, Drucksache 16/6339. www.svr-gesundheit.de/index.php?id=79 Sorensen, K., S. Van den Broucke, J. Fullam, G. Doyle, J. Pelikan, Z. Slonska and H. Brand „Health literacy and public health: a systematic review and integration of definitions and models.“ BMC Public Health 12: 80. Wissenschaftsrat (2012). Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen. Wissenschaftsrat Drucksache 2411-12. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2411-12.pdf

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Impressum Herausgeber: Medizinische Fakultät, Der Dekan Uniklinik Köln, Der Vorstand Zusammenfassung und Redaktion: Dr. Barbara Strohbücker Kerstin Brömer Dirk Steinmetz Ansprechpartnerin: Vera Lux Pflegedirektorin Uniklinik Köln Kerpenerstr. 62 50937 Köln Tel. 0221 478 4938 E-Mail: pflegedirektion@uk-koeln.de Fotos/Layout: MedizinFotoKöln Druck: Druckerei Uniklinik Köln Auflage: 350

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Spitzenmedizin. Tag f端r Tag. Hand in Hand. www.uk-koeln.de

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Uniklinik Köln – Tagungsband 3. Juli 2013  

Tagungsband – Pflegewissenschaft und Hochschulmedizin – Chancen für Klinik, Forschung und Lehre 3. Juli 2013, Uniklinik Köln

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