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unclesally*s magazine

Dezember 2010 / Ausgabe 162

www.sallys.net

„Kauft unsere Platten! Zerschlagt den Kapitalismus.“ (Dennis Lyxzén/AC4)

MY CHEMICAL ROMANCE Beatsteaks / Polarkreis 18 / Angelika Express Fettes Brot / FM Belfast / Bosse / Twin Shadow Tu Fawning / Tim Kasher / Auf der Couch: Lemmy

Spezial

DA GEHT NIX MEHR: Goodbye MTV

KINO

Das bringt der Winter

Noch was: KINO / COMIX / COMPUTERSPIELE / DIE BESTEN PLATTEN / HÖRSPIELE / BÜCHER / DVDs


unclesally*s magazine

INHALT

No.162 – Dezember/Januar 2010/11 Foto: Sebastian Gabsch

Musik: Seite 30

Musik: Seite 39

Goodbye MTV

DAS JAHR DER FRAUEN

Von Ray Cokes und Steve Blame über die süße Simone und Vanessa Warwick bis zu Markus Kavka oder Yoko – die Moderatoren, die Musikauswahl und nicht zuletzt die Videos auf und von MTV prägten Generationen. Nun verabschiedet sich die TV-Legende in den Orbit der Pay-TV-Kanäle – Grund genug, mal die Spreu vom Weizen zu trennen und die Alternativen zu sichten.

2010 war das Y-Chromosom nicht viel wert in der Welt der Populärmusik. Statt engen Röhrenjeans tragen die Damen jetzt Schnitzel, statt halblanger Indie-Frisur die Haare jungenhaft kurz. Der Hype ist in den letzten Monaten von männlich besetzen Gitarren-Bands zu unseren Frauen des Jahres gependelt.

04-07 Starter

34 Im Test: Bosse

08-15 Musik Stories I

37 Mixtape: Angelika Express

08 Polarkreis 18 09 Tim Kasher/ Tu Fawning 12 Twin Shadow 14 Beatsteaks – im Studio

10 Auf Achse mit Fettes Brot

Neulich in Amsterdam: Eine Horde gut vorgeglühter Kids tanzt zu den Hymnen vom Fetten Brot. Foto: Ben Wolf

13 Auf der Couch mit Lemmy

Der Mann hat auch mit über 60 noch gut Benzin im Tank: Lemmy Kilmister, Stiefel tragende HardRock-Ikone und Wetterfrosch in Personalunion.

16 Titel: My Chemical Romance

Gerard Way und seine Jungs haben nach einer amtlichen Achterbahnfahrt zurück in die Spur gefunden. Mit „Danger Days: The True Life Of The Fabulous Killjoys“ verabschieden sich die einstigen Gruftbewohner von fahlem Teint und Make-up und brettern mit Vollgas durch die Wüste. Klar, dass das staubt.

22.27 Platten

Wieder was für untern Baum.

28-38 Musik Stories II

28 Grant Hart/ Darryl Jenifer 36 Fog Joggers/ Underoath/ Screaming Females 38 Adai/ Smith Westerns/Awkward I/ Buck Brothers/ Olsen & The Hurley Sea/ Fistful Of Mercy

33 Reiseführer: ISLAND

Who Knew und FM Belfast laden in ihre Stadt - da will man den Flug nach Reykjavík gleich buchen.

Seite 3

EDITORIAl Na Na Na!?

Wie geht‘s geht’s geht’s denn so so so, liebe Sternsinger und Krippenfreunde? Uns auch! Deshalb auch gleich die gute Na-Na-Nachricht zuerst:

Foto: Erik Weiss

04 The Pleasants/ Wir Sind Helden 05 Morning Boy 06 Skate Aid / Wir Beaten Mehr 07 60 Sekunden mit AC4

INHALT/EDITORIAL

Ganz schön lang, so ein Jahr. Entsprechend unterschiedlich fällt das Resümee jedes Einzelnen aus, nur Bosse hatte mal wieder Spaß für fünf.

Angelika Express aus Köln haben als Kind zwar auch viel Scheiße gehört, sind aber rechtzeitig auf den Gevatter Punk gestoßen. Gott sei Dank!

42-45 Auf Tour

So. Nach dem heftigen Konzertmonat November geht’s wieder etwas ruhiger zu. Aber vielleicht nutzt ihr die Gelegenheit, schon mal die Karten für 2011 frisch zu machen. Hier sind die wichtigsten Termine.

46-47 Kurz reingehalten 46 In The Mix 47 Quickies

48-57 Kino

48 Winter-Vorschau 50 Heartless 51 Drei 52 3 Fragen an... 53 The Pacific/ Fata Morgana 54 Nowhere Boy/ Monsters/ Immer Drama um Tamara 55 Shortcuts 56 Kino DVDs

58-61 Computerspiele 58 Kinect 59 Assassin’s Creed/ Call Of Duty 60 Need For Speed 61 Spiele-Shortcuts

62-66 Der Rest

62 Comics 63 Bücher/ Hörspiele 64 Kreuzworträtsel 65 Redaktionscomic 66 Vorschau/ Impressum/ Screenshots

Unser neues Idol G-G-Gerard Way tut gar nicht stottern. Er ist nur Star gewordener Autodi-dakt und Da-Da-Ist mit einem ausgeprägten Talent für freshe Rhymes und Songtitel mit Tiefgang, Seele, Spirit, Message, Philosophie, Sex und Meinung, wenn auch oft eine flugs ergoogelte oder von Papi gelernte. Gemeinsam mit den frisch augengelaserten Kapeiken von MyChem (wie wir Fans sie nennen dürfen) hat G-G-Gerard ein Album gemacht wie keiner seiner Namensvetter zuvor, und das will ausnahmsweise nichts heißen! Noch talentierter an ihren Smart-Phones und Devices als unser Homie G-G-Gerry ist die soeben zum Prototyp der Band 3.0 gekürte Formation Beatsteaks, die wo mit Beat.TV ihren eigenen Internet-TV-Kanal gelauncht hat. Da kann Hollywood einpacken, aber in Tüten! Was sonst noch so läuft, erfahrt ihr in unserem Internet-TV-Spezial zum Thema Internet-TV, TV, Internet und Internetfernsehen. Gibt’s auch hier im Kino. Apropos Beatsteaks, neben ihrem eigenen Fernsehkanal, steht Album Nummer sechs schon schnaubend und hufescharrend in den Startlöchern - wir trafen Zwei zum Vorhören im Proberaumstudio. Und jetzt alle schön die Noten da links nachgespielt und mitgemacht und am Ende auf der B-Seite gelandet. Nun viel Spaß mit dieser Ausgabe, die ihr nicht in einem Zug durchackern solltet, sondern schön im Auto oder zu Fuß. Und noch eine Weisheit, die ihr gerne ins (Smoke) Flo freie 2011 herüberretten dürft: Mit Christstollen am Hacken hat noch keiner einen Elfmeter verwandelt! Reingehauen.

(Smoke) Flo


Seite 4

STARTER

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Neuigkeiten

Heute auf: Koreanisch

Samangja wa Busangja (Tote und Verletzte) SUFJAN STEVENS

In einem Interview verriet Songwriter Sufjan Stevens, dass ihn kürzlich eine Viruserkrankung derart in die Knie zwang, dass er sein Leben verändern musste. Das Virus griff Stevens’ Nervensystem an, was zu chronischen Schmerzen und unkontrollierbaren Reaktionen führte. Seine Regeneration nahm mehrere Monate in Anspruch und war nur durch eine nachhaltige Reduzierung der Arbeitsbelastung erreichbar, weswegen wir wohl in Zukunft nicht mehr ganz so viel Neues in ganz so hoher Frequenz von ihm hören werden.

haechae wa huejigi (Trennungen und Pausen) THE STREETS

Die am 7. Februar erscheinende Platte „Computers & Blues“ wird das letzte Album von Mike Skinner unter dem Namen The Streets sein.

teamwon ui gyochae (Mitgliederwechsel) MONSTER MAGNET

Gitarrist Ed Mundell lässt nach 18 gemeinsamen Jahren Frontmann Dave Wyndorf und dessen monströsen Magneten hinter sich. Sein Ausstieg aus der Band habe persönliche Gründe, man trennte sich im Guten, so Wyndorf.

MY CHEMICAL ROMANCE

My Chemical Romance haben einen neuen Schläger engagiert. Michael Pedicone stand vorher in den Diensten von Gavin Rossdale und The Bled.

saeroun gaewhaek kwa gegeolhap (Neue Projekte und Wiedervereinigungen) DAMON ALBARN

Neben einer neuen Platte seines Hauptbeschäftigungsfeldes Gorillaz erarbeitet Damon Albarn derzeit auch noch ein Album mit Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea und Schlagzeuger Tony Allen sowie ein Werk eines noch nicht näher definierten Soloausflugs. Zudem soll auch der Nachfolger des 2007 erschienenen Debüts seines Projekts The Good, The Bad & The Queen in Vorbereitung sein. Multitaskingfähig, der Mann.

APHEX TWIN

Seit neun Jahren kein Album mehr veröffentlicht, offenbarte Richard Davis James alias Aphex Twin, dass er mittlerweile sechs fertige Alben im Schrank hätte.

BOMBASTIC MEATBEATS

Red Hot Chili Peppers-Schlagzeuger Chad Smith arbeitet wieder mit Matt Sorum (Velvet Revolver) und Kenny Aronoff (Smashing Pumpkins) am Projekt Bombastic Meatbeats. Der Nachfolger des 2009er Fleischkrachers „Meet The Meatbeats“ wird schlicht „More Meat“ betitelt sein.

HELDEN & DIEBE

Heute mit: THE PLEASANTS

Telekom Street Gigs

Wir Sind Helden werden gemütlich So kurz vor dem Fest der Liebe und des guten Benehmens geht es bei den Telekom Street Gigs etwas ruhiger zu. Am 9. Dezember laden euch Wir Sind Helden in den Landgasthof zum Alten Gut in Würzburg ein, doch keine Angst, das große Benimmbuch muss niemand vorher studieren. Hier gibt es Live-Musik zum ausgelassenen Mitsingen und Tanzen, natürlich auch zum neuen Album „Bring Mich Nach Hause“. Allerdings stehen nur 100 Plätze zur Verfügung. Wer mit dabei sein möchte, kann die Tickets für die Show wie gewohnt nicht käuflich erwerben, sondern lediglich exklusiv unter telekom-streetgigs.de gewinnen. In so kleiner Gesellschaft seht ihr die Band so schnell sicher nicht wieder. Wir haben 1x2 Karten für euch zurücklegen können, die es auf sallys. net zu gewinnen gibt. Wo die Street Gigs in diesem Jahr nicht alles rumgekommen sind: Sie zogen mit den Fantastischen Vier in die Pro7-Sendezentrale, kraxelten mit Madsen in der Kletterhalle oder feierten mit Fettes Brot im Funkhaus Nalepastraße in Berlin, um nur einige Stationen zu nennen. Am 9. Dezember sorgen Wir Sind Helden in Würzburg dann für einen gesitteten, aber würdigen Jahresabschluss. Tickets unter: telekom-streetgigs.de

CRYSTAL CASTLES

Die Band aus Toronto mit dem Namen, der einer Brauerei ut zu Gesicht stehen könnte – Kristallschlösschen – nahm sich The Cure-Fronthaarballen Robert Smith zur Brust und schickte ihn ins Studio, um eine neue Version ihrer Single „Not In Love“ einzusingen.

DINOSAUR JR

J Mascis, Kopf von Dinosaur Jr, plant die Veröffentlichung eines neues Soloalbums im März 2011. „Several Shades Of Why“ soll als reines Akustik-Werk in die Ohren fließen.

FOO FIGHTERS

Es ist unmöglich für uns, nur ein Idol zu benennen, das uns inspiriert hat. Natürlich lieben wir die Beatles für ihre ganz eigene Version von „Indie“Pop, Crosby, Stills, Nash & Young für ihre kaputten Harmonien und Led Zeppelins Rock-Adaptation des klassischen Blues. Zu Einflüssen der jüngeren Vergangenheit zählen wir Elliott Smith wegen seiner schwermütigen Songs und Lyrics, und wir mögen Nirvana für ihren rohen, ungesüßten Pop. Wir lieben sie alle – neben vielen anderen. Doch wenn wir einen Song schreiben, sind wir so in dem Schaffensprozess gefangen, dass es uns unmöglich ist, gezielt etwas bei den Künstlern abzukupfern. Auch gut: „Forest And Fields“ - das neue Album von The Pleasants Heimat: myspace.com/thepleasantsmusic

Frontmann Dave Grohl arbeitet mit seinen früheren Nirvana-Weggefährten Krist Novoselic am Bass und Butch Vig hinter den Reglern an einer neuen Foo Fighters-Platte.

KAIZERS ORCHESTRA

Die Norweger von Kaizers Orchestra komponieren an einer Trilogie von Konzeptalben, die im Januar 2011, Januar 2012 und November 2012 mit neuen Charakteren und einem narrativen roten Faden erscheinen sollen.

KYUSS

Momentan ist der frühere Kyuss-Frontmann John Garcia unter dem Titel Garcia Plays Kyuss

mit den Songs seiner alten Stoner-Rock-Band unterwegs. Daraus entwickelte sich eine Art Reunion, seine alten Kollegen Brant Bjork und Nick Oliveri steigen für eine Tour mit ein. Der neue Name des Projekts: Kyuss Lives. Josh Homme, mittlerweile bei den Queens Of The Stone Age und Them Crooked Vultures vom Erfolg verfolgt, bleibt dem Tross fern.

PULP

Nach achtjähriger Pause finden Pulp wieder zusammen. Im kommenden Jahr sind die Brit-PopPioniere auf Festivals in London und Barcelona zu sehen. Was sich im Anschluss ereignen wird, bleibt noch ihr Geheimnis.

REGGIE AND THE FULL EFFECT

Die Band um Get Up Kids-Mitglied James Dewees stellt sich wieder gemeinsam auf die Bühne. Ob es sich um eine längerfristige Reunion handelt, ist noch unbekannt.

Umban (Platten)

AGNOSTIC FRONT

Nahezu 30 Jahre nach Gründung arbeiten Agnostic Front an ihrem zehnten Studioalbum. Der Nachfolger von „Warriors“ erscheint im Laufe des Jahres 2011.


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ASOBI SEKSU

Mitte Februar bringen die in Brooklyn ansässigen Asobi Seksu ihre „Florescence“ unter das Volk, den Nachfolger des 2009er Werks „Hush“.

BEATSTEAKS

Das nächste großartige Opus kündigt sich an. Die „Boombox“ wird ab Februar unsere Herzen erhellen und die Menschheit insgesamt fröhlicher machen. Wir freuen uns.

BLINK-182

Mark Hoppus, Tom DeLonge und Travis Barker schrauben derzeit an rund zehn neuen Songs, die im April oder Mai als neues Studioalbum veröffentlicht werden (sollen). Nicht tot zu kriegen, die Typen.

COLD WAR KIDS

Ende Januar kommt das vierte Album „Mine Is Yours“ in die Stuben.

CUT COPY

Der Februar bringt „Zonoscope“, den Nachfolger des 2009er Werks „In Ghost Colours“ der australischen Indie-Elektro-Bande Cut Copy.

THE DECEMBERISTS

Es klingt nach elftägiger Verspätung: Am 11. Januar bringen die Decemberists den Nachfolger des 2009er „Hazards Of Love“ in die Läden. „The King Is Dead“ heißt es dann auf dem Cover der Platte der Dezemberianer, die unter anderem Peter Buck von R.E.M. als Gast im Studiokämmerlein sitzen ließen.

THE GET UP KIDS

„There Are Rules“, die die Get Up Kids ihren Hörern nahe bringen wollen. Das fünfte Album erscheint sieben Jahre nach dem Vorgänger „Guilt Show“.

MOGWAI

Am Valentinstag bringen die Schotten von Mogwai das siebte Studioalbum unter die mehr oder minder Verliebten. Der Preis des romantischsten Albumtitels ist ihnen mit „Hardcore Will Never Die, But You Will“ ebenfalls sicher.

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im hobbykeller mit:

MORNING BOY

NEW FOUND GLORY

Für den noch nicht so recht vorstellbaren kommenden Sommer haben New Found Glory ihr siebtes Studioalbum angekündigt. Die Arbeit daran ist zu dieser Stunde voll im Gange.

IRON & WINE

Mit „Kiss Each Other Clean“ bringt Sam Beam im Januar das erste Studioalbum seit drei Jahren von seinem Projekt Iron & Wine in die Gänge. Die Tour steht für Februar auf dem Programm.

JANE’S ADDICTION

In diesem Monat beginnen Jane’s Addiction mit den Schnitzarbeiten an einer neuen Harke, die sie uns dringend zeigen wollen. Ob mit dem Album noch 2011 zu rechnen ist? Lassen wir uns überraschen.

R.E.M.

Wo teilen sich Punk-Legende Patti Smith, Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder und ElektroTrash-Peaches das Sofa? Im R.E.M.-Studio. All diese Charaktere sind als Gäste auf dem 2011 erscheinenden „Collapse Into Now“ zu hören.

TRAIL OF DEAD

„Tao Of The Dead“ ist der Name des siebten Studioalbums von ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Anfang Februar geht der Tritt direkt in den Hintern.

THE WOMBATS

Als Vorbote zum kommenden Album lässt sich der Track „Jump Into The Fog“ unter thewombats.co.uk kostenfrei herunterladen. Im Februar kann dann das ganze Paket erworben werden.

Wann immer es geht, machen wir nachts die Straßen von Frankfurt unsicher. Während unser Bassist Martin hinter den Plattentellern steht, tanzen wir durch die Nacht oder verbringen unsere Zeit mit Apfelwein trinken, um am nächsten Morgen verkatert im Stadtpark aufzuwachen. Mindestens die Hälfte von uns trifft man am Wochenende außerdem im Stadion zu Spielen unserer Eintracht. Auch gut: “We Won’t Crush“ - das neue Album von Morning Boy Heimat: morningboy.net


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YELLOWCARD

„When You’re Through Thinking, Say Yes“. Album Nummer Sieben, ab März.

Dabogi

(Der Rest) NEIL YOUNG

Als die Lagerhalle von Neil Young in Flammen aufging, waren unter anderem Oldtimer, Gemälde und Fotografien betroffen. Vieles konnte gerettet werden, trotzdem wird der Schaden auf eine Million Dollar geschätzt.

ROCK AM RING/IM PARK

Die ersten Bands für Rock Am Ring/Rock Im Park 2011 sind bestätig: Kings Of Leon, Beatsteaks, Volbeat, Mando Diao und In Flames werden am ersten Juniwochenende spielen. Bis einschließlich 15. Januar sind die Tickets zum Frühbucherpreis von 150 Euro zu haben.

DAS GUTE GESCHÄFT IN DIESEM MONAT ist:

MIKE SKINNER

veröffentlicht sein neues Album im Februar kommenden Jahres. "Computers And Blues" wird die mittlerweile fünfte und gleichzeitig letzte Platte des Briten sein, die er unter dem Namen The Streets veröffentlichen wird.

Das TUT GUT

Heute mit: SKATE-AID

Foto: Maurice Ressel

SONIC BALLROOM Oskar-Jäger-Str.190 50825 Köln (Ehrenfeld)

„Der Sonic Ballroom ist unser Lieblingsgeschäft in Köln. Wir kennen eh kein anderes. Außerdem trifft man hier immer Freunde und es spielen die besten Bands.“

Skate-aid

Empfohlen von: CELLOPHANE SUCKERS

Die Cellophane Suckers aus Köln sind alte Garage-Rock-Veteranen, ausgestattet mit satten Koteletten und ordentlich Öl im Blut. In ihren 17 Bandjahren bringt es die Kapelle auf stattliche sechs Alben, von denen keines so viel Blut spuckt wie das neue: „One In A Zoo“. Tierisch! Heimat: cellophane-suckers.de Auch gut: „One In A Zoo“ - das neue Album der Cellophane Suckers

Titus mit den Kindern von Karokh im neuen Skate-aid Park.

Die Bretter, die die Welt verbessern

Jan Delay

Titus Dittmanns Organisation ist kürzlich von der „Laureus Sport for Good“-Stiftung ausgezeichnet worden. Und womit? Mit Recht! Skate-aid kümmert sich um die jüngsten Opfer des Krieges und errichtete im September einen Skatepark für Kinder in Afghanistan. Sich auf eigene Faust in einem Land zu engagieren, das von Unsicherheit, Gewalt und Verwüstung zerrüttet ist, erfordert nicht nur großen Mut, sondern mindestens genauso viel Leidenschaft. Seit 30 Jahren schlägt das Herz von Unternehmer Titus Dittmann fürs Skateboarding. Jetzt engagiert er sich mit seinem Projekt Skate-aid für nationale und internationale humanitäre Kinder- und Jugendprojekte. Gemeinsam mit der Hilfsorganisation „Grünhelme e.V.“, die mittlerweile über 30 Schulen in Afghanistan bauen konnte, hat Titus den Skate-aid-Park in Karokh errichtet, um den Kindern, deren Alltag geprägt ist von Krieg, Hass und Gewalt, mehr Selbstvertrauen zu geben. Durch den Sport sollen sie nicht nur ihre eigene Persönlichkeit, sondern auch ihr Sozialverhalten in der Gruppe stärken und neue Perspektiven geboten bekommen. Außerdem gilt Skaten, anders als beispielsweise Fußball, nicht als Männersport, so dass auch die Mädchen eine Chance bekommen, die Boards zu probieren und an den Übungsstunden teilzunehmen. Ob Titus Dittmann damit wirklich eine Veränderung bewirken kann? Es ist in jedem Fall wert, es zu versuchen. Bedeutende Dinge werden immer im Kleinen begonnen und Pädagoge Titus ist überzeugt, dass es die jungen Menschen sind, die eine Gesellschaft nachhaltig verändern und verbessern. Denen möchte er nicht nur ein gutes Beispiel sein, sondern auch eine Perspektive bieten, sich mit dem Skaten eine neue, eine eigene Jugendkultur zu schaffen. Das Material und die Ausrüstung sammelt Titus über Sachspenden zusammen. Mit Skate-aid engagiert sich der Münsteraner im Übrigen nicht nur in Afghanistan. Projekte in Vietnam, Kenia, Südafrika und Tansania werden ebenfalls durch seine Organisation betreut. Weitere Informationen und einen sehr interessanten Blog zu seiner Afghanistan-Reise stellt euch Titus unter skate-aid.org zur Verfügung. skate-aid.org

Wir beaten mehr

Die große Abendgala des Sprechgesangs Wie ihr das geschenkte Geld von Weihnachten gut anlegen könnt? Am 7. und 8. Januar findet in der o2 World in Hamburg und Berlin ein Festival des Sprechgesangs statt. Unzählige Künstler, unzählige Hits: Jan Delay, Xavier Naidoo, Adel Tawil, Max Herre, Cassandra Steen, Söhne Mannheims, Joy Denalane, Kool Savas, Azad, Sido, Das Bo, J-Luv, Marteria und weitere Überraschungsgäste werden kommen, um euch zu unterhalten. Schüler und Studenten können die Tickets für 25 Euro an den Vorverkaufsstelle der jeweiligen o2 World erwerben, für alle anderen geht es ab 43 Euro mit den Kartenpreisen los. Die Termine: 7.1. Hamburg - o2 World *** 8.1. Berlin - o2 World

Hier die Termine für drei Stunden Rock/Punk/Alternative Radio im UNCLESALLY*S NIGHTFLIGHT mit Flo im Dezember, jeweils ab 0.00 Uhr (natürlich LIVE auf allen Frequenzen von Fritz und auf fritz.de, dort auch im Anschluss 24/7 als Loopstream!): Vom 10. auf den 11.12. & 23. auf 24.12. - um Mitternacht!


60 SEKUNDEN mit:

DENNIS LYXZEN (AC4)

Der Mann ist konsequent. Nach seinen Jobs als Frontmann der legendären Refused und dem musikalischen Call To Arms der (International) Noise Conspiracy zieht es Dennis Lyxzén mit seinem Projekt AC4 zurück in die kleinen Clubs, um dort allabendlich seine blitzschnellen Hardcore-Hymnen zu zünden. Wir stahlen dem 37-Jährigen eine Minute seiner kostbaren Zeit. Wenn du zwei Minuten Redezeit hättest, in der die ganze Welt zuhört, was würdest du sagen? Zwei Dinge: „Zerschlagt den Kapitalismus“ und „Kauft unsere Platten“. Das wäre doch ein lustiger Widerspruch. Was ist deine schlechteste Charaktereigenschaft? Ich bin sehr ungeduldig. Ich muss immer alles und sofort haben, erledigen, organisieren. Das kann manchmal sehr nerven, vor allem die anderen. Bist selbst du manchmal oberflächlich? Klar. Auch ich schaue manchmal einer Frau hinterher, weil sie hübsch ist und nicht, weil sie mich intellektuell stimuliert. Wann fiel dir zuletzt auf, dass du älter geworden bist? Jeden Tag, wenn ich in den Spiegel schaue. Oder wenn mir nach einem Fußballspiel die Knie wehtun. Außerdem muss ich mich heute vor den Konzerten ein wenig aufwärmen, Stretching und solche Dinge. Früher musste ich mir über meine Beweglichkeit keine Gedanken machen. Wenn du eine Tätowierung wärst, wie würdest du aussehen und welchen Körper würdest du zieren? Alle MEINE Tattoos sind irgendwie krustig, seltsam und schwarz. Also wäre ich wahrscheinlich ein schwer dechiffrierbarer, dunkler Fleck auf dem Unterarm eines Mädchens. Wenn du mit einer anderen Person für drei Tage tauschen könntest, wer wäre das? Mit Sicherheit nicht Johnny Depp oder ein anderer Celebrity, sondern eher ein Typ wie Barack Obama. Vor allem jetzt, da der Druck auf ihn so groß ist. Mich würde schon interessieren, wie er damit umgeht und wie das seine Entscheidungen beeinflusst. Wenn du einen Tag zeitreisen könntest, wohin würde es gehen? Es wäre sicher spannend, ein Konzert von Minor Threat und den Bad Brains in den frühen Achtzigern besuchen zu können, gerne in Washington. Das wäre vielleicht nicht so cool wie eine Reise zu den Dinosauriern, mir aber definitiv lieber. Heimat: myspace.com/ac4hc Foto: Lisa Lee Auch gut: „AC4“ – das Album von AC4


Seite 8

MUSIK STORIES

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Alles Konzept: Polarkreis 18 aus Dresden.

Polarkreis 18

Die unendliche Sinfonie einer transzendenten Traumwanderung Die Welt vollends zu verstehen - das ist seit jeher das Ziel der fünf selbst ernannten Neo-Romantiker. Mit dem dritten Album ‘Frei‘ gibt es bei Polarkreis 18 zwar wieder keine konkreten Antworten, dafür aber jede Menge neue Anstöße auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, angeführt von verklärten Motiven und großer Theatralik. Wobei: Eigentlich sind sie zu aufgekratzt, um sofort loszulegen. Felix Räuber und Ludwig Bauer haben sich in ihre futuristisch anmutenden, maßgeschneiderten weißen Einteiler geschmissen. Ludwig sitzt zurückgelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt im Stuhl, Felix dreht freudestrahlend am Lautstärkeregler: „Ich mach’s noch mal kurz an, zur Einstimmung. Achtung...!“ Aus den Boxen dröhnt ein bombastisch orchestraler Sound, dramatisch, opulent und zerbrechlich zugleich. Fünf Minuten vergehen, wir sitzen da und lauschen der Musik. Die Augen noch immer geschlossen, stellt sich Felix als erster der Frage, ob sie sich nach dem Erfolg der ersten beiden Platten sehr unter Druck gesetzt haben: „Schon... irgendwie...“ Er stockt und übergibt das Wort an Ludwig. „Natürlich gab es erst einmal eine sehr lange Orientierungsphase, auch um zu schauen, wo es uns nach alldem hin verschlagen hat. Für uns war aber immer klar, dass die ersten zwei Alben nur ein Grundstein sind und wir das Projekt Polarkreis 18 wieder neu hinterfragen mussten.“ Das haben sie auf ‘Frei‘ offenbar gründlich getan, um möglichst all ihre Stärken in den neuen Sound

zu packen. „Das ist vergleichbar mit einem guten Parfüm – man muss es wirklich stark konzentrieren, damit es auch gut duftet“, erklärt Felix, der jetzt auch die Sprache wiedergefunden hat. Die Mischung dieser Konzentration ist wie immer gewagt, ein bisschen größenwahnsinnig, dafür aber frei von jeglichen Berührungsängsten. Polarkreis 18 verschieben Genregrenzen und erschließen neue musikalische Territorien: Pop trifft auf Orchester-Tumult und eingängige SynthesizerKlänge. Ob sie sich bei so viel soundästhetischer Neuartigkeit als Avantgardisten sehen? Nein! „Pop war immer eine experimentelle Bewegung, die erst durch den krassen Konsum und die Geldmaschinerie bewusst gelernt hat, dem Konsumenten gerecht zu werden. Aber ursprünglich ist Pop immer schon der Versuch gewesen, Neues auszuprobieren“, so Felix. Und neu ist diesmal vor allem die Anlehnung an Franz Schuberts ‘Winterreise‘, die vom schicksalhaften Leben eines jungen Wanderers berichtet. Ludwig sieht da durchaus Parallelen: „Diese stetige Sinnsuche und das Verlieren darin – das sind wir, das ist unsere Passion und das ist, was unsere

Musik ausmacht.“ Franz Schubert wäre jedenfalls stolz gewesen, bei soviel neo-romantischem Pathos und lyrischem Tiefgang. Text: Stephanie Johne Foto: Jenny Schäfer Heimat: polarkreis18.de

Das Polargebiet und sein Lichtproblem Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit sind wir doch heilfroh, nicht allzu nah in Polarkreisnähe zu wohnen. In der Nähe der auf 66,56° nördlicher und südlicher Breite gelegenen Breitenkreise kommt es einmal im Jahr zur Polarnacht beziehungsweise zum Polartag. In der Polarnacht, der Zeit der Wintersonnenwende, steigt die Sonne in den Polargebieten je nach Lage mindestens 24 Stunden am Stück nicht über den Horizont. Der Grund dafür ist, dass die Erde um die Sonne kreist, die Erdachse dabei aber ihre Neigung beibehält. Die Polarnacht ist das Gegenteil des Polartages mit der Mitternachtssonne, die an bestimmten Sommertagen 24 Stunden lang nicht untergeht. Zu erleben ist dieses Phänomen zum Beispiel im norwegischen Tromsø oder in Svea einer Kohlebergbausiedlung auf Spitzbergen.


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MUSIK STORIES

Seite 9

Tim Kasher

…und es gibt die eine Liebe doch Monogamie ist für Tim Kasher ein Fremdwort. Mit Cursive und The Good Life tanzt der nimmermüde Frontmann stets auf zwei Hochzeiten zugleich, nennt sein Solodebüt aber ‘The Game Of Monogamy’ - und das aus gutem Grund. „Ich weiß nicht, ob man’s so sagen kann“, rätselt Tim Kasher gleich zu Beginn des Interviews und sucht nach der passenden Antwort: Zum ersten Mal in seiner 15-jährigen Karriere veröffentlicht der hauptberufliche Cursive/The Good Life-Sänger ein Soloalbum und kommt bei der Frage, ob dies nun eine langfristige Abkehr von seiner eigentlichen Rolle als Frontmann sei, ordentlich ins Grübeln. Mit der Hand durch den Bart streichend, stellt er nach langer Überlegung aber unumstößlich fest: „Nein, ist es nicht. Ich liebe meine Bands und nichts wird sich daran ändern. Nur entstanden in den vergangenen Jahren immer wieder Songs, die weder zur einen noch zur anderen passten, und die habe ich jetzt einfach mal selbst veröffentlicht.“ Womit zweierlei geklärt sein dürfte: Zum einen, warum sein Alleingang ‘The Game Of Monogamy’ stark an die oben erwähnten Bands erinnert – kantigen Rock, wuchtige Streicher und ruhige Songwriter-Elemente bietet – und zum anderen, dass wir uns keine Sorgen um seine zwei Hauptprojekte Cursive und The Good Life machen müssen.

Der Feind in seinem Bett: Tim Kusher aus Omaha, Nebraska.

Die erfreuen sich bester Gesundheit und genießen derweil die zwangsverordnete Pause. Fraglich hingegen, ob Tim Kasher das mit der Monogamie im Albumtitel wirklich ernst meint: Schließlich ist der Strolch stets mit zwei Kapellen im Schlepptau unterwegs, und wer dies als asketischen Verzicht bezeichnet, muss im Kreise der Mormonen aufgewachsen sein. „Es geht auf dieser Platte nicht um Musik, mein Songwriting oder irgendwelche beruflichen Dinge, sondern ganz einfach: Um die große Liebe und Leidenschaft des Lebens, die jeder

Mensch auf seine Weise anstrebt“, stellt Kasher klar und meint, dass dies für ihn nur mit einer einzigen Person an seiner Seite möglich sei. Wer dies ist, lässt er geschickt offen – trotzdem schön: Tim Kasher scheint sich privat festgelegt zu haben, während die Hochzeitglocken musikalisch weiterhin doppelt und dreifach läuten. Nicht weiter schlimm, wirklich nicht. Text: Marcus Willfroth Foto: Wendy Lynch Redfern Heimat: timkasher.com

Tu Fawning

Das Zentrum der Traurigkeit Sie benutzen dasselbe Klavier wie Menomena, holen aber viel mehr Melancholie aus ihm heraus: Tu Fawning aus Portland sind der Glücksgriff von Joe Haege und Corinna Repp. „Ich hatte eigentlich ein schlechtes Gewissen, Dustin von Menomena so auszunutzen“, sagt Joe, musikalischer Kopf von Tu Fawning. „Aber er meinte, wir könnten jederzeit rüberkommen, um die PianoParts aufzunehmen. Wir sind also zu ihm rüber, haben aufgenommen, und Dustin hat den besten überbackenen Toast gemacht, den ich je gegessen habe“, erzählt er. Jetzt klingen die Klavier-Parts auf dem Debütalbum ‘Hearts On Hold‘ ziemlich nach Menomena, aber statt in kunstvolle Arrangements sind sie in traurige Rock-Musik eingebaut. Lautstärke übt Joe nicht nur als Tour-Gitarrist von Menomena, sondern auch in den Garage-MathRock-Songs seiner bisherigen Band 31 Knots. Damit das nicht grobschlächtig klingt, sind die Multiinstrumentalisten Liza Rietz und Toussaint Perrault mit im Boot. Das Zentrum der Traurigkeit ist bei Tu Fawning eine Stimme, und zwar die von Joes Freundin Corinna Repp. Mit ihr gründete er die Band vor zwei Jahren und schwärmt heute: „Mal ehrlich: Ich habe diese Band nur ihrer Stimme wegen gegründet. Ich singe schon ganz ordentlich, aber wenn ich sie dasselbe noch mal machen lasse – wow!“ Auch der Bandname ist auf ihrem Mist gewachsen, wie Joe erzählt:

Tun das, was ihnen das Herzchen sagt: Tu Fawing aus Portland, Oregon.

„Corinna macht viele Collagen, dazu schneidet sie Sachen aus Magazinen aus. Irgendwie schnippelte sie einmal im National Geographic herum und legte die Fetzen „Tu“ und „Fawning“ nebeneinander.“ Klassischer aleatorischer Kniff also. Wenn auch das Rohmaterial schon überzeugt, arbeiten Tu Fawning mit Schnörkeln, Arabesken und Plugins mit besonders viel Hall. Der Sound ist kein unbeschriebenes Blatt, denn Beach House aus Brooklyn sind darin ziemlich groß. „Wir ken-

nen uns zwar nicht, aber eine Verwandtschaft ist da schon“, gesteht Joe. Eine Verwandtschaft darin, die Dinge von ihrer dunklen Seite anzugehen. „Über Glück singen viele. Doch drum herum liegt die Traurigkeit. Das Leben halt“, erklärt Joe. „Aber das nächste Album wird positiver, haben wir uns jedenfalls vorgenommen!“ Text: Philipp Kohl Heimat: tufawning.com


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AUF ACHSE

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auf achse...

Text: Christine Stiller Fotos: Ben Wolf, Dirk Mathesius Heimat: fettesbrot.de

AMSTERDAM MIT FETTES BROT NACH

Am 3. November Schnappten sich Björn Beton, König Boris und Dokter Renz den Red Bull Tourbus und machten sich auf den Weg nach Amsterdam - aber nicht allein. Eine Brotfahrt die ist lustig...

Wenn eine Gruppe von Menschen auf engstem Raum mehrere Stunden zusammengepfercht ist und dabei Zuschauer hat, wird automatisch immer jemand blankziehen. Nur so funktioniert doch auch Reality-TV.

Im Rahmen der Veröffentlichung ihrer Single„“Amsterdam“ haben Fettes Brot und Red Bull Tourbus eine reise zu einem exklusiven Konzert in die niederländische Hauptstadt organisiert: Zehn Reisebusse rollten in den frühen Morgenstunden Richtung Holland. Für manche das Paradies, für andere die fahrbare Vorhölle...


Im Normalfall ist ein Aufenthalt an der Raststätte in der Provinz etwa so spannend, wie den eigenen Fussnägeln beim Wachsen zuzusehen. Doch bei diesem Zwischenstopp auf einem Rastplatz in Schüttorf spielten Fettes Brot auf dem Dach des OldTimerBusses ein kleines Konzert für alle Mitreisenden und die, die es sonst noch hören wollten.

Nach der Ankunft in Amsterdam machten sich die Reisenden erst einmal alleine auf den Weg, unter anderem, um Amsterdams weltberühmte „“Cafés“ auszutesten.

Danach galt es beim Konzert, das gestopft war mit allen Hits der Band, die lahmen Knochen wieder in Bewegung zu bringen. Ob sich die lange Reise nach Amsterdam gelohnt hat? Aber hallo!

Die Aftershow-Party lief dann allerdings nicht wie geplant: Sie kamen, um DJ zu spielen und gingen mit fetten Schwielen an den Händen. Das kam allerdings nicht vom Auflegen, sondern vom Autogrammegeben. Der ganz normale Wahnsinn...


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MUSIK STORIES

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Twin Shadow

Hat gleich zwei Ballons: Twin Shadow aka George Lewis Jr.

Nach dem Flop

George Lewis Jr. ist ein lustiger Typ. Sein musikalischer Werdegang hingegen bot bisher nicht viel Grund zu lachen: Weil die Punk-Karriere kläglich scheiterte, versucht er sich nun als Twin Shadow neu zu erfinden und ergreift mit seinem Debüt ‘Forget’ die wohl letzte Chance auf Ruhm und Reichtum. Stylisch wirkt er: mit hüftlanger Lederjacke, spitzen Halbschuhen und exorbitantem V-Ausschnitt sitzt George Lewis Jr. in einem Berliner Cafe und checkt auf seinem leicht veralteten Handy die letzten SMS: „Super, die US-Tour steht“, freut er sich wie ein Kind und wirkt, als sei das die Belohnung für all die Mühen der vergangenen, meist mageren Jahre. „Die Sache war nicht immer einfach. Als mein Leben in Boston nach dem Ende meiner letzten Punk-Band keinen Sinn mehr ergab, zog ich nach New York und stellte fest: Rumhängen läuft hier nicht, alles ist sehr kostspielig, also her mit neuen Ideen.“ Im Zuge dieses Umdenkens schüttelte Lewis zuerst die Altlasten ab und widmete sich einem komplett anderen Sound - verdingte sich als Arrangeur für verschiedene Theaterprojekte und lernte sich selbst neu kennen: „Ich schrieb deren Bühnenmusik und fand schnell Gefallen an der Sache. Plötzlich waren es nicht mehr die miefigen Kellerräume, sondern edle Prachtbauten, in denen meine Sounds ihren Platz fanden.“ Bei der Gründung von Twin Shadow habe ihn das aber wenig beeinflusst: „Als Teenager waren

The Clash meine absoluten Helden, und ich wollte genauso klingen wie sie. Als dies aber nicht funktionierte, ging meine Reise noch weiter zurück – in meine Kindheit: Zu Janet Jackson, Prince und David Bowie. Sie weckten damals mein Interesse fürs Songwriting und sollten als Ideengeber erneut herhalten.“ Im Zuge dessen rührte Lewis seine musikalische Mixtur komplett neu an, vermengte Eighties-Referenzen mit kargem Synthie-Pop und als Ergebnis des Ganzen steht nun das ebenso tolle wie faszinierende Twin Shadow-Debüt ‘Forget’. „Meine Theaterjobs waren stets von Opulenz geprägt, und diese wollte ich durch eine Art Schlafzimmerproduktion umgehen.“ Zur Seite stand ihm dabei unter anderem Grizzly Bear-Multiinstrumentalist Chris Taylor – der als schwieriger Zeitgenosse gilt, mit Lewis jedoch sofort klarkam. „Nicht nur ein guter Musiker, sondern auch ein hervorragender Koch – so ziemlich jedes Gericht, egal ob thailändlisch, indonesisch oder den klassischen Burger, bekommt Chris am Herd zubereitet“, lächelt der Newcomer und streicht sich über den Bauch.

Richtig so, George Lewis Jr. hat dank des famosen Twin Shadow-Debüts Gründe genug, es sich gut gehen zu lassen und darf sich endlich zurückzulehnen – aber bitte nicht zu weit, New York ist schließlich teuer. Text: Marcus Willfroth Foto: Andrew Strasser Heimat: myspace.com/thetwinshadow

New Yorks best dressed Man Ohne seine Kenntnis landete George Lewis Jr. zuletzt auf Platz Eins der Wahl zum „bestgekleideten Musiker New Yorks“ – auserkoren vom Time Out-Magazin, ist die Auszeichnung dem Twin Shadow-Mastermind sichtlich unangenehm: „Wenn die meinen, dass ich stilsicher bin, von mir aus. An sich schnappe ich mir morgens das erstbeste T-Shirt und mache mich auf den Weg. Zu den wirklich wichtigen Dingen in meinen Leben zählt eigentlich nur die Musik.“ Warum so bescheiden? In seiner Homebase Brooklyn ist die Konkurrenz an Fashion-Victims sicher groß und die muss man erst mal ausstechen. Glückwunsch dazu.


MIT: AUF DER COUCH

otörhead) (M Y M M E L ! ? Auch wenn er mit Baujahr 1945 immer noch ein Jahr von der durch Udo Jürgens magisch definierten Altersgrenze entfernt ist, kann Lemmy Kilmister sich in Sachen Sex, Drogen und Rock’n’Roll bislang nicht beklagen. Dass der Motörhead-Kopf jedoch nicht nur Wein, Weib und Gesang im selbigen hat, sondern sich als belesener Bücherwurm auch mit den weniger essenziellen Dingen des Lebens auseinandersetzt, zeigt unser kleines Couch-Gespräch über Geschichte(n), Global Warming und Glaubensfragen. Lemmy, welche Bücher haben dich bislang am meisten beeindruckt? Jeder weiß ja, dass mein Hobby der Zweite Weltkrieg ist. Es gibt da ein paar Bücher von einem britischen Autor namens Len Deighton, die ich großartig finde. Eines seiner Bücher, „Winter“ („In Treu und Glauben“), ist wirklich hervorragend. Es geht um eine Berliner Familie von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Es ist die Chronik zweier Brüder, der eine landet bei der SS und der andere in Amerika und kämpft auf Seite der Alliierten. Ich bin auch ein großer Fan von „Herr Der Ringe“, sowohl vom Buch als auch dem Film. Eine super Geschichte. Es gibt ja viele Theorien darüber, dass Mordor allegorisch für Deutschland oder Russland in den Dreißigern steht. Vielleicht sogar für beides. Was fasziniert dich an Bildung durch Bücher? Alles, was man dazulernt, ist hilfreich. Es gibt kein unnützes Wissen, alles Wissen ist tatsächlich Macht. Ich bin dabei aber nicht auf der Suche nach einem höheren Bewusstseinszustand, sondern es interessiert mich einfach. Ich versuche durch mein Leben zu kommen, ohne dass mir ein Piano auf den Kopf fällt, das reicht mir. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht stetig und täglich weiterbilden kann und versuchen sollte, ein besserer Mensch dadurch zu werden. Das klingt ja fast nach einer esoterischen Einstellung... Wenn ich mir mein Leben angucke, dann bin ich wahrscheinlich sogar ein guter Christ - aber den Aufkleber des Vereins würde ich mir nicht ans Auto pappen. Die meisten denken den Religionsansatz einfach nicht konsequent bis zum Ende durch. Sie stürzen sich

"Nice boots, shame about the face". Ein LemmyZitat!

auf die Sachen, die sie ansprechen, und leben dann danach. Überhaupt, was ich nicht kapiere ist folgendes: Jede Religion behauptet, dass du in die Hölle kommst, wenn du nicht an sie glaubst. Wie groß ist bei so vielen Religionen, die wir haben, dann bitte die Hölle? Das ist verdammt viel Platz, den man dann für die ganzen Leute braucht. In manchen deiner Songs beschreibst du schon die Welt als die Hölle auf Erden... Die Menschheit ist die wahre Krankheit dieses Planeten. Und irgendwann wird er sich von ihr befreien. „Rettet den Planeten“ - das ist totaler Schwachsinn! Der Planet Erde würde super ohne uns klar kommen. Global Warming richtet nicht die Erde zugrunde, sondern nur uns Menschen. Vor 200 Jahren gab es in London auf der Themse noch Jahrmärkte im Winter. Der Fluss war derart eingefroren, dass du dort Riesenräder, Zirkuszelte und hunderte von Leuten drauf setzen konntest. Das heißt doch

wohl, dass die Erderwärmung schon mindestens seit 200 Jahren im Gange ist. Die Klimaveränderung ist Teil der Erdgeschichte von Anbeginn - nur wir Menschen schenken dem erst seit kurzem Beachtung. Wie würdest du deine Lebenseinstellung in ein paar Sätzen zusammenfassen? Wir müssen alle unsere eigenen Fehler machen und aus unseren eigenen Fehlern lernen. Man lernt nie etwas von den früheren Generationen. Würden wir das machen, dann gäbe es schon lange keine Kriege mehr. Und die einzige Lebenseinstellung, die ich empfehlen kann, ist: Behandele andere Menschen stets, wie du gerne selbst behandelt werden möchtest. So einfach ist das. Text: Frank Thießies Heimat: imotorhead.com Auch gut: “The Wörld Is Yours” – das neue Album von Motörhead


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Die fünf bei sich zu Hause: Beatsteaks aus Berlin.

Beatsteaks Das ist Fußball

Es ist Anfang November, fast alle Songs des sechsten Studioalbums der Beatsteaks sind aufgenommen. In ein paar Tagen fliegen Arnim und Thomas nach Los Angeles, um ihnen mit Hilfe von Nick Launay den finalen Mix zu verpassen. Vorher laden Arnim und Torsten allerdings noch zu einer ersten Hörprobe der Rough-Mixe in ihren Proberaum, der sich inzwischen zu einem kleinen aber feinen Studio gemausert hat. Das Poster, auf dem die verschiedenen Titelvorschläge für das neue Album zu lesen waren, wurde noch schnell abgehängt, bevor die geladene Journaille einfällt. Die Entscheidung ist am Vorabend gefallen: ‘Boombox‘ wird es heißen. Das passt, denn irgendwie ist dieser Ort selbst eine Boom Box. Klein - sehr klein - aber gemütlich, Instrumente, wohin das Auge blickt, Teppiche, zwei Sofas, Rechner, Knöpfe, Kabel, Mikros und dazwischen immer mal wieder Persönliches: ein AC/DC Poster, Nicorette-Tabletten im Regal, ein Kinderbild, ein Plastikspiderman, der es sich auf einem Verstärker gemütlich gemacht hat, ein Sinnspruch in goldenen Lettern - und jede Menge Boom im Ergebnis. Hier wurde es, was es ist – hier wurde es gut!

konnte. Einig war man sich auch, dass man einen warmen, rotzigen und spontanen Sound wollte. Kurzerhand und frei nach dem Motto „Zu Hause ist es am schönsten!“ wurde noch ein bisschen

Zunächst war man, wie üblich, in ein Studio gegangen, um die ersten Songs aufzunehmen. Als man dann aber im Juni von der kurzen ZwischenTour nach Hause kam und sich die Aufnahmen mit dem nötigen Abstand anhörte, war man sich schnell einig, dass es das noch nicht gewesen sein

Technik angeschafft und der Proberaum so zum Studio. Was auf den ersten Blick vielleicht wie jede Menge kreatives Chaos anmutet, ist reine Mathematik. Jedes Instrument, jedes Mikro hat seinen ganz bestimmten, genau berechneten Platz.

„Es ist wie ein Konzert aus dem Proberaum, alles live aufgenommen und die Gesprächsfetzen zwischen den Songs haben wir auch drauf gelassen. Es soll sich beim Hören so anfühlen, als wäre man live dabei.“ (Arnim, Beatsteaks)

Kaum, dass die Entscheidung gegen ein Mietstudio und für den Proberaum gefallen war, funktionierte es auch mit den Songs und vor allem - mit der Band. Dass eine Band ein durchaus sensibles und fragiles Gebilde ist, erinnert man vor allem dann, wenn es mal wieder nicht gut ausgegangen und von Ausstiegen, Trennungen, Streit und Auflösungen die Rede ist. Mehrere kreative Köpfe mit ihren Persönlichkeiten, mit ihren Vorstellungen und ihren unterschiedlichen Entwicklungen über die Jahre dauerhaft unter einen Hut zu bringen, bedeutet auch ein ganzes Stück harter Arbeit. Das gilt für eine Band wie die Beatsteaks mit ihrer ganz besonderen Chemie – eine, die nur funktioniert, wenn alle rundum glücklich sind - noch mal ganz besonders. Hinzu kam, dass man sich ja ein Jahr Pause verordnet hatte. Dass diese nötig und richtig war, finden Arnim und Torsten noch immer – aber sie hat es nicht einfacher gemacht, sich als Band wieder zu finden. „Ich habe direkt am Anfang der Pause angefangen, Bass-Unterricht zu nehmen, und das war für mich auch das Beste daran. Es hat mich ehrlich


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überrascht, wie schwer es war, alle wieder in ein und dasselbe Boot zu kriegen“, findet Torsten, und Arnim sieht das ganz ähnlich: „Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis alle fünf wieder komplett an Bord waren, und es gab durchaus den Einen oder Anderen, der tatsächlich Angst um die Band hatte. Auf der anderen Seite ist sowas ja auch ganz normal, es gibt eben Hochs und Tiefs – oder wie Ballack sagen würde: Das ist Fußball!“ Sagt‘s und grinst. Grund genug gibt es: Die Band ist nicht nur immer noch da, sie hat auch schon wieder ganz, ganz Großes in den Händen und Köpfen, das sich gerade noch auf einem Rechner in einem kleinen Berliner Proberaum befindet. Ein Mausklick und der erste Song, der auch Opener des Albums werden soll, erklingt. ‘Fix This‘ heißt er: „If we can fix this, we can fix anything“ sagt in diesem Moment so viel mehr als das. Was dann folgt, sind statt der angekündigten vier Songs ganze sieben - jeder für sich ein echter Beatsteak und doch immer wieder auch ganz anders. Da singt Peter, dann spielt er Piano, dort schreit Bernde zusammen mit allen Instrumenten genau 80 Sekunden lang, um dann hier wieder mit bestem Rocksteady-Rhythms zum Tanz zu bitten. Arnim drückt auf den Pausenknopf: „Es ist wie ein Konzert aus dem Proberaum, alles live aufgenommen und die Gesprächsfetzen zwischen den Songs haben wir auch drauf gelassen. Es soll sich beim Hören so anfühlen, als wäre man live dabei.“ Nach einer Kostprobe, ahnt man: Auch das wird funktionieren. Der Kontakt zu Nick Launay (Arcade Fire, Nick Cave, Gang Of Four, Yeah Yeah Yeahs) kam übrigens über The Living End zustande. „Die waren in Berlin und Peter und ich sind hin und haben sie gefragt, ob sie uns die E-Mail-Adresse von Nick besorgen könnten. Konnten sie, also haben wir ihm eine geschrieben und seine Antwort war: „Schickt doch mal Demos!“ Das haben wir getan. Seitdem haben wir regelmäßigen Kontakt über Skype. Peter war sogar in L.A. und hat ihm im Auto ein paar Demos vorgespielt. Er freut sich auf uns und schrieb letztens „Can't wait to get my hands on it“, erzählt Arnim und fährt fort: „Wir wollten jemanden, dessen Platten wir einfach richtig gut finden. Nick macht nie denselben Sound, sondern er macht die Band so gut, wie sie nur sein kann.“ Bei diesem Job kann er eigentlich nicht viel falsch machen. Was genau dabei herausgekommen ist, werden wir mit dem Erscheinen der ersten Single „Milk & Honey“ am 2. Dezember wissen. Bis dahin könnt ihr euch die Noten schnappen (gibt‘s auch hier im Heft und noch ausführlicher auf beatsteaks. com) und selbst Instrumente anlegen: Die beste eingereichte Version landet übrigens auf der BSeite der Single. Das Album selbst erscheint am 28. Januar und jetzt heißt es: Vorfreude genießen! Denn auch wenn es an diesem Nachmittag sieben von elf (oder zwölf) Rough-Mixen waren, die es genau einmal zu Hören gab, so sind sich alle Anwesenden einig und sicher, dass da schon wieder eine verdammt famose Beatsteaks Platte auf uns wartet. Und um es mit Nick zu sagen: We can’t wait to get our hands on it…! Text: Caroline Frey Fotos oben links: Daniel Josefsohn Heimat: beatsteaks.com

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ebt l ste ü W Die My Chemical Romance begeben sich mit ihrem neuen Album „Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys" schwer bewaffnet auf einen Ritt in die Apokalypse. Gute Reise. Jedes Ende ist bekanntlich auch ein Neuanfang. Im Idealfall. Für My Chemical Romance war das Finale ihrer gut zwei Jahre andauernden Welttour zum letzten Album „The Black Parade“ in erster Linie aber pure Erlösung. Erschöpft und der allabendlichen Verkleidung im Spielmannszug-Kostüm überdrüssig, brauchten Frontmann Gerard Way, sein Bruder Mikey sowie die Gitarristen Ray Toro und Frank Iero vor allem eine regenerative Pause, um sich persönlich und ihre Familien neu zu justieren, privaten Interessen zu frönen und generell Abstand zu gewinnen - zum Business, zur Musik, zu den Bandkumpels. Insbesondere Gerard Way war der körperlichen und psychischen Selbstkasteiung überdrüssig und fühlte sich seinem einst für „The Black Parade“ geschaffenen Charakter des stets am Abgrund wandelnden „Patienten“ näher als ihm lieb war. Ausgerechnet zu einer Zeit, als My Chemical Romance den massivsten Triumph ihrer Bandgeschichte feiern und zu den Größten ihrer Zunft avancieren, zweifelt ihr Frontmann an der Zukunft seines Lebenswerks. Aufgewachsen im fensterlosen Untergeschoss ihres Elternhauses, zieht es sowohl Gerard als auch seinen Bruder Mikey im Jahr 2008 weg aus dem grauen New Jersey, hinein ins sonnengeflutete Los Angeles, wo sich die beiden mit ihren frisch angetrauen Ehefrauen häuslich nieder- und ihre Seele baumeln lassen. Gelegentliche Ausflüge in die kalifornischen Nationalparks und neu gewonnene Freunde helfen den beiden, diesen neuen Lebensabschnitt in vollen Zügen zu genießen. Insbesondere Gerard wird vom kreativen Vibe der Filmmetropole aufgesogen. Nachdem er bereits für den Plot diverser My Chemical Romance-Videos verantwortlich war, sein dramaturgisches und narratives Talent in preisgekrönten Comics unter Beweis stellen konnte und bandintern als Ideenquell und hart arbeitender Kreativpool gilt, war es bald an der Zeit, wieder die Musik in den Mittelpunkt seines Schaffens zu rücken. Angefixt von der Arbeit an dem My Chem-Beitrag zum „Watchmen“-Soundtrack, finden sich die Bandmitglieder Anfang 2009 wieder im Studio ein, um an neuen Songs zu arbeiten. Dabei nähern sich die fünf dem Projekt „neues Album“ sternförmig: Gitarrist Frank Iero frönte mit seinem Seitenprojekt Leathermouth kurz zuvor brachialem Hardcore und ist entsprechend energiegeladen, Ray Toro ist

bereit, mit neuen Instrumenten und Sounds zu experimentieren und die mittlerweile dank ihres harmonischen Familienlebens weitgehend problembefreiten Way-Brüder sind erstmals in ihrem Dasein so etwas wie ausgeglichene Zeitgenossen. In der Theorie kann nun eigentlich nichts mehr schiefgehen. In der Praxis sieht das jedoch anders aus. Zwar ist sich die Band einig, dass das neue Werk nicht nur komplett anders klingen und wirken muss als "The Black Parade“, sondern auch etwas vom Spirit und der ungestümen Spielfreude der frühen Alben „Three Cheers For Sweet Revenge“ und „Life On The Murder Scene“ atmen darf. Im September 2009 sickern erste Infos und Songtitel aus den Wänden der „Sunset Sound Studios“ in Los Angeles: Unter Slogans wie „Death Before Disco“ oder „Black Dragon Fighting Society“ verbergen sich Songs, die dem Anspruch der Band, reduzierter, aufgeräumter und weniger überladen klingen zu wollen zwar durchaus gerecht werden, an das Hymnenpotenzial von Liedern wie „Dead“ oder „How I Disappear“ nicht heranreichen können. Als vorerst letztes Lebenszeichen erreicht die Fans der Band im Februar dieses Jahres die Nachricht, dass der langjährige Schlagzeuger Bob Bryar aus bis heute ungeklärten Gründen die Band verlassen hat. Laut Gerard Way trennten sich Band und Drummer „aus Gründen“. Den Rest klären derzeit die Anwälte. Klar war mit Bryars Ausstieg allerdings, dass ein baldiges Erscheinen des neuen Albums in noch weitere Ferne gerückt war. Im September 2010 bittet die Band schließlich zum Gespräch in das heimatliche Los Angeles. Drei Tage verbarrikadieren sich die vier verbliebenen My Chem-Mitglieder im musikhistorisch halbwegs bedeutenden Sunset Marquis-Hotel, einem palmenbewachsenen Labyrinth aus Bungalows, Suiten und Hotelpool, in dem bereits der eine oder andere Star geplanscht hat. Die Wände des Hotels zieren Fotos diverser prominenter Übernachtungsgäste: Joe Strummer, Dave Grohl, Slash. Wer dazu an die Mär des Hotels als Auffanglager für nächtlich des Hauses verwiesene Ehemänner glaubt, kann sich den Rest selbst ausrechnen. Seit wenigen Stunden gibt es mit einem Trailer zur neuen Single „Na Na Na“ auch ein visuelles Update der neuen My Chemical Romance: Gerard trägt seine Haare halblang und rot gefärbt,


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MIKEY WAY Mikey hat nach erfolgreich verlaufener AugenlaserOP keine Hornbrille mehr nötig, bei Frank Iero äußert sich die bevorstehende Vaterschaft im solidarisch ausgewuchtetenen Hüftumfang und Ray Toro ist Ray Toro ist Ray Toro: Der Sprössling einer aus Puerto-Rico nach New Jersey immigrierten Familie trägt noch immer Afro-Mähne zu Jeans und T-Shirt. „Na Na Na“ ist nicht umsonst der seitens der Band ins Rennen geschickte Vorbote des neuen My Chem-Sounds, gilt der Song doch als Initialzündung für ein Album, an dem sich die vier beinahe die Zähne ausgebissen hätte. Entstanden ist der rettende Engel zu einer Zeit, als Way frustriert und desillusioniert vom Scheitern der ersten Studiosessions gemeinsam mit seiner Frau Lyn-Z und der Tochter Bandit Lee Way in die kalifornische Wüste gereist war, um im Joshua Tree Nationalpark zur Ruhe zu kommen und Energie zu tanken. „Plötzlich hatte ich eine Eingebung, eine Vision“, erinnert sich Way. „Das Album musste sein wie die Wüste: karg, spärlich, aber voller Leben. Das in Kombination mit der Songidee zu 'Na Na Na' und diesen anderen, meinen Kopf beherrschenden Szenarien aus Science-Fiction, Laserpistolen oder Autos, sollte das Konzept des neuen Albums werden.“ Vorhang auf für „Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys“, ein 14 Song starkes Manifest einer gesund-geschrumpften Band und vier spielfreudiger Typen: Gerard, wenn der erste Versuch, dieses Album fertig zu stellen, NICHT gescheitert wäre, was für ein Typ würde uns gegenüber sitzen? Ein unauffälliger Zweifler mit kurzen schwarzen Haaren, der mit seinem Kopf schon beim nächsten Album ist. Ich meine, die Platte wäre okay gewesen, aber wahrscheinlich hätten sowohl Fans wie Feinde den Eindruck gehabt, dass wir zu einem unambitionierten Haufen satter Rock-Stars mutiert wären. Dabei wollten wir nach „Black Parade“ nur weg vom Bombast, von der Verkleidung, vom thematischen Überbau; deshalb sollte es auf dem neuen Album

GERARD WAY kein Konzept, keine Kostüme und keine Kunst mehr geben. Blöderweise hatten wir uns dabei so weit reduziert, dass von der Essenz der Band nichts mehr zu spüren war. Das war eine schmerzhafte Erfahrung, die mir aber auch aufzeigte, dass es genau jene Elemente sind, die das Salz in der Suppe ausmachen, die dem Ganzen den Geschmack verleihen. Also wusste ich, dass wir das komplette Album überarbeiten müssen.

danken darüber machen, welche Folgen kreatives Verhalten haben könnte oder was die Leute davon halten. Deshalb auch das apokalyptische Endzeitszenario des Covers: Es symbolisiert unsere furchtlose Herangehensweise an die Musik, unsere Rebellion dagegen, Teil einer todlangweiligen, gleichgeschalteten Rock-Szene zu sein - und dass wir uns der Konsequenzen dessen bewusst sind. Das Album sollte ursprünglich eine Liebeserklärung an den Rock'n'Roll werden, entwickelte sich aber zur Cruise Missile, die alte Strukturen zerstören muss, um sie im Anschluss neu aufbauen zu können. Dafür klingt das Album in weiten Teilen aber recht eingängig, sehr Midtempo-lastig mit wenigen eruptiven Ausbrüchen. Ich bin der Meinung, dass wir mit diesem Album einiges gewagt und unsere Komfortzone verlassen haben. Im Gegensatz zu den vorigen Alben basieren die Songs diesmal nicht nur auf Riffs, sondern auf Beats und Schlagzeug-Rhythmen. Jeder, der früher eine Gitarre im Anschlag hatte, griff sich ein Keyboard, ein Chaospad oder ein anderes krudes Instrument, das im Haus unseres Produzenten Rob Cavallo so rumlag.

Gibt es denn trotz aller Vorbehalte gegen ein Konzeptalbum so etwas wie einen roten Faden, der sich durch „Danger Days“ zieht? Nicht unbedingt, aber es gibt klar definierte Themen: Kunst, Chaos, Kreativität - das sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Man sollte sich keine Ge-

Wer spielte denn nach dem Ausstieg von Bob die Drumparts ein? Diverse Leute, Freunde von uns oder eben Rob Cavallo. Auf „Bulletproof Heart“ trommelt Byron „Wookie“Landham, ein Jazz-Schlagzeuger aus Philadelphia. Auch John Miceli, der Drummer von Meat Loaf, half uns bei einigen Songs. Wir fühlen uns so ohne festes fünftes Bandmitglied zurzeit ganz wohl. Wir sind eben in den letzten zehn Jahren zu einer Einheit gewachsen, die es jedem Neuling schwer macht, Fuß zu fassen. Wie gut schlug sich denn Mikey bei den Aufnahmen? Bei der Arbeit an „The Black Parade“ schien es um seine mentale Stärke nicht unbedingt gut bestellt.


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RAY TORO Das stimmt, das war eine harte Zeit für ihn. Der Druck, den unser Status mit sich brachte, hat ihn schwer belastet. Das äußerte sich in Depression, Panikattacken und lähmender Bühnenangst. Er begab sich in die Hände von Therapeuten, die ihm beibrachten, wie er damit umgehen kann. Und schau ihn dir heute an: Er ist selbstbewusster und hübscher denn je! Wie sieht's bei dir aus? Die kalifornische Sonne scheint auch auf dein Gemüt positiv abgefärbt zu haben. Meine gesamten Lebensumstände sind wesentlich gesünder als zu der Zeit, als ich noch in Jersey gelebt habe - ohne Fenster in der Bude, bleich wie ein Vampir. Ich bin natürlich auch durch meine Familiensituation wesentlich geerdeter als noch vor ein paar Jahren. Generell glaube ich, dass man vor seinem 30. Lebensjahr ohnehin stets nahe am Abgrund wandelt, immer in der Gefahr, abstürzen zu können. Deshalb war „The Black Parade“ auch so ein Wagnis, denn erstens beackerte ich darauf Themen, mit denen ich die dunkelsten Kapitel meines Lebens beleuchtete, und zweitens hatte ich nicht die nötige Reife, um damit umgehen zu können. Die größte Herausforderung bestand diesmal darin, mir selbst zu beweisen, dass ich noch genug Saft habe, mich dem Stress und dem Druck erneut auszusetzen - und dabei eben auch Gefahr zu laufen, zu scheitern. Gehört es zu Gerard Ways „neuem“ Leben auch, mit ein paar alten Gewohnheiten zu brechen? Ich bin ein totaler Nachtmensch. Ich werde kreativ, wenn andere schlafen. Seit der Geburt meiner Tochter muss ich meinen Rhythmus natürlich dem der Familie anpassen. Ich spiele kaum noch Videospiele und versuche, den Anteil der Nachtarbeit auf ein gesundes Maß herunter zu schrauben. Inwiefern ist Kalifornien zu deiner Heimat geworden? Bist du immer noch der Junge aus Jersey oder gehst du im Hollywood der Reichen und Schönen total auf? Keine Angst, ich bin noch immer der griesgrämige

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FRANK IERO Großstädter, ich bin noch immer der Schmutz unter den Giebeln vermeintlich sauberer Fassaden. Aber natürlich gibt es ein paar Dinge hier in Kalifornien, die das Leben angenehmer machen. Ich meine damit nicht die Oberfläche, das „Bevery Hills“-Kalifornien, sondern die Wüste, die braun-gelbe Farbe der Landschaft, die Sonne. Kalifornien ist der erste USStaat, der die Schönheit und den Artenreichtum der Wüste erkannt und sie deshalb zum Nationalpark erklärt hat. Das gefällt mir. Zurück nach New Jersey. Zurzeit ist es regelrecht cool, wenn eine Band aus Jersey stammt. Als ihr vor zehn Jahren aus den Kellern von Newark geklettert seid, hättet ihr das für möglich gehalten? Es ist schon lustig, wie sich das gewandelt hat, aber ich habe My Chemical Romance nie als „traditionelle“ Jersey-Band gesehen, als Re-Inkarnation von Bruce Springsteen oder den Sopranos. Wir wollten immer genau das Gegenteil von dem sein, was man mit New Jersey assoziierte, und ich glaube, das ist uns gelungen. Gibt es dennoch ein paar Tugenden, Traditionen, an denen ihr festhaltet - bewusst oder unbewusst? Wir sind so ziemlich die untraditionellsten Typen, die du dir vorstellen kannst. Mikey und ich haben beide nach einem Konzert geheiratet, backstage, schnell und unkompliziert. Natürlich mögen wir Weihnachen oder Halloween, aber statt anderer Leute Bräuche zu leben, kreieren wir lieber unsere

eigenen. Wir schenken uns beispielsweise immer gegenseitig ein selbst geschaffenes Kunstwerk zu Weihnachten, ein schönes, kreatives Ritual. Wenn euch jedes Album so viel abverlangt wie die bisherigen, siehst du dich in der Lage, auch in zehn Jahren noch My Chemical Romance-Platten zu veröffentlichen? Hätte man mir diese Frage nach dem Ende der „Black Parade“-Tour gestellt, hätte ich mit einem klaren Nein geantwortet. Heute kann ich mir dagegen überhaupt nicht vorstellen, wie es wäre, KEINE Alben mehr zu machen. Ich meine, jedes unserer Alben hat eine so lange Entstehungsphase und beinhaltet so viele kreative Prozesse, dass es mich komplett erfüllt. Ich kann Texte, Musik und Drehbücher schreiben, ich kann Modellautos bauen, zeichnen, Filme drehen - all diese Ventile stehen mir zur Verfügung. Allerdings gibt es tatsächlich einen Traum, den ich mir in den nächsten Jahren noch erfüllen möchte: Ich würde mit meiner Familie gerne in Japan leben. Alles dort ist so inspirierend: Die Landschaft, die Kultur, die Lebensfreude, das Gemeinschaftsgefühl, das Essen oder diese unfassbar akribisch und perfekt konzipierten Städte. In Japan gibt es in der Mitte der Treppen eine Rampe, damit man mit seinem Fahrrad nach OBEN fahren kann! Das ist doch genial... Text: Flo Hayler Fotos: Erik Weiss Heimat: mychemicalromance.com

Gewinnt das von Gerard Way persönlich gezeichnete Accessoire aus unserem Titelshooting, handsigniert von allen Bandmitgliedern. Hier die Preisfrage: Das Foto wurde vor dem My Chemical Romance-Konzert am 3. November 2010 im Berliner Kesselhaus während des Soundchecks welcher (Vor)band aufgenommen? Schickt uns bitte eine E-Mail mit der richtigen Antwort an verlosung@sallys.net.


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FÜHRER ROCK'N'ROLL REISE ANGELES MIT MCR NACH LOS

Wer sich Gerards und Mikeys Reisetipps für Los Angeles noch mal im Original-Wortlaut geben möchte, klickt rein bei sally*sTV, unserem sympathischen Punkerchannel auf sallys.net!

My Chemical Romance leben noch nicht lange in Los Angeles. Für eine Gruppe Jersey-Boys gibt es im Überangebot des sonnigen und schrillen Kaliforniens natürlich besonders viel zu entdecken. Welche Orte und Aktivitäten sie in ihrer Wahlheimat besonders empfehlen würden, verraten Gerard und Mikey Way. Mikey: Mein Lieblingsort in Kalifornien ist „Amoeba Music“ – ein Muss für alle, die sich für Musik und Filme interessieren. Hier findet ihr eine endlose Auswahl an Musik, sie haben tonnenweise Vinyl, das es sonst nirgends gibt und in der obersten Etage bunkern sie eine der besten Filmsammlungen, die ich jemals gesehen habe.

Außerdem treten Bands dort auf. Letztens erst haben The Charlatans gespielt. Jedes Mal, wenn du da bist, geht irgendwas anderes Cooles ab.

Gerard: Es gibt unzählige großartige Comic-Shops wie „Golden Apple Comics“ (7018 Melrose Avenue, Los Angeles, CA 90038), „Melt Down“ (7522 Sunset Blvd, Los Angeles, CA 90046) oder „The Secret Headquarters“ (3817 W Sunset Blvd, Los Angeles, CA 90026) – der erste Laden, den ich in L.A. entdeckt habe und der nach wie vor mein Lieblings-Comic-Shop auf der ganzen Welt ist. Aber es gibt hier noch so viele andere gute Comic-Läden.

Mikey: Ich esse gern bei „In-N-Out Burger“, das ist eine Schnellrestaurantkette, die in Kalifornien gegründet wurde und die es nur im Westen der USA gibt. Die machen großartige Hamburger.

Gerard: Ich liebe den „Joshua Tree National Park“ (Chuckwalla, CA). Die wunderschöne Wüstenlandschaft ist einzigartig.

Mikey: Im „Griffith Observatory“ (2800 East Observatory Road, Los Angeles, CA 90027) gibt es ein Planetarium, ein Museum, einen wunderschönen Park, sie haben abgefahrene Ausstellungen und die Sicht auf Los Angeles ist perfekt von dort aus. Außerdem ist das ein historischer Ort, denn hier wurden viele Filme gedreht. Gerard: Das Ende von „…Denn sie wissen nicht, was sie tun“ zum Beispiel.


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PLATTEN/10 GEBOTE

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DIE 10 GEBOTE

City Light Thief Laviin

(Midsummer/Cargo) Streng genommen sind PunkrockBands aus NRW aktuell so innovativ wie die Hornbrille in der Hipsterbewegung. Das Erstlingswerk von City Light Thief, das auf den Namen „Laviin“ hört, ist dennoch außergewöhnlich. Nicht ganz unschuldig an dem einprägsamen Stil ist die Stimme von Sänger Benni, die immer wieder ausbricht und ganz eigene Tonlagen erwischt. Doch statt einzelner Personen steht hier die Band im Mittelpunkt, es ist offensichtlich: Das Gesamtgefüge zählt. Die Grevenbroicher machen so was wie Punkrock, ohne sich festlegen zu wollen. Mit unermüdlicher Euphorie legt das Quintett ein Debüt vor, das gewaltiger kaum sein könnte. Diese Jungs haben alles richtig gemacht, komplexe Songstrukturen und Instrumentenhagel gefolgt von Gesangschören, die unter die Haut gehen. Im Anschluss an die Aufnahmen wurde das Berliner Studio übrigens direkt in „Laviin“ umbenannt, mehr muss dazu wohl nicht gesagt werden! Text: Sarah Gulinski

Screaming Females Castle Talk

(Don Giovanni/Flight 13) Diese, die vierte Platte der Screaming Females, wurde bereits vor ein paar Wochen veröffentlicht. Doch „Castle Talk“ nicht genau hier zu erwähnen, wäre sträflich; die Band ist eindeutig zu lange unterm Radar geflogen, zumindest hierzulande. Andernorts braut sich bereits ein Hype zusammen und wird vor allem viel von den Gitarrenkünsten Marissa Paternosters geschrieben. Keine Erwähnung der „Screamales“, in der nicht auf ihre explosiven Solos (nicht Soli, sowas macht Steve Vai) hingewiesen wird - und, klar: ihre Griffbrettflitzefinger sind beeindruckend und aufmerksamkeitsfesselnd. Aber sie dürfen nicht die anderen, wichtigeren Qualitäten des Powertrios aus New Jersey in den Schatten stellen! Die Gitarrenarbeit ist auch jenseits des Gegniedels originell und spannend, Marissas Stimme ein rotziges Juwel, die Rhythmus-Sektion rockt, und vor allem haben die drei ein Händchen für nachhaltig eingängige Indie-Punk-RockSongs erster Kajüte. Klasse! Text: Torsten Hempelt

Fujiya & Miyagi Ventriloquizzing

(Full Time Hobby/PIAS) Was wäre das für eine gerechte, schöne Welt, in der Fujiya & Miyagi weit über Insiderkreise hinaus gefeiert und die Charts stürmen würden. Immerhin: die Entwicklung des Quartetts aus Brighton geht in die richtige Richtung. Mit jedem Album wurde die Aufmerksamkeit größer, und das vierte ist nun auch noch ohne Frage die bisher beste Platte der Jungs. Auf „Ventriloquizzing“ mischen sich die elektronischen Beats mit den Krautrock-Elementen und Pop-Melodien so düster funkelnd und sexy wie noch nie, während nicht zuletzt durch die Texte ein unschlagbar britischer Humor weht. Erst irritierend sanft „I beat you black, I beat you blue“ zu säuseln und ein paar Songs später der „Minestrone“ ein musikalisches Denkmal zu setzten, das gelingt nicht jedem so lässig. Daher der erste Vorsatz für 2011: Fujiya & Miyagi entdecken und lieben! Text: Patrick Heidmann

Sea Wolf White Water, White Bloom

(Devil Duck/Indigo) Was für eine Entdeckung: Schon in der wunderbaren Single „Wicked Blood“ klingen die „Twilight“-erprobten Sea Wolf - mit dieser vibrierenden Sehnsuchtskehle von Alex Brown Church und der orchestralen Rock-BandBegleitung - so, als stünden Conor Oberst oder Kevin Devine Arcade Fire vor, während Okkervil River hinter der Bühne lauern. Kein Wunder, will man sagen, dass „White Water, White Bloom“, Sea Wolfs Zweite, in Kalifornien und Montreal geschrieben und von Bright Eyes-Hintermann Mike Mogis in Omaha produziert wurde. Aber wen interessieren schon so langweilige technische Personalfragen, wenn Hauptmann Church zehn so melancholische und ganz und gar einnehmende Songwriterstücke und Folk-Rock-Songs wie „O Maria!“ und „The Traitor“ in den Hafen steuert?! Wenn Sea Wolf also die Platte des Herbstes abgeliefert haben, dann darf der ruhig noch dauern. Text: Fabian Soethof

My Chemical Romance Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys

Neon Indian Psychic Chasms

Smith Westerns Smith Westerns

Tim Kasher The Game Of Monogamy

(Warner) Es gibt ein Leben nach Hölle, Finsternis und Depression - und dieses Leben ist bunt. Verdammt bunt. Für Album Nummer Vier sagten sich My Chemical Romance von schwarzen Kostümen, bleichem Make-Up und suizidalen Tendenzen los, wagten einen kompletten Neustart - und sprühen infolgedessen derart vor Ideen, dass „Danger Days“ ein Sammelsurium an ungezügelter Spielfreude geworden ist. Klassischer Old-School-Garagen-Punk („NaNaNa“ und „Vampire Money“), Weirdo-Disco („Planetary“), Midtempo-Stadion-Rock („Bulletporoof Heart“), schmalzige Radio-Liebeleien („The Only Hope For Me Is You“) - Grenzen gibt es keine mehr. „Danger Days“ klingt wie die Vertonung von Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung - man weiß nie, in was man als nächstes hineinbeißt, und nicht alles schmeckt. Haben will man die Wundertüte trotzdem. Unbedingt. Text: Tito Wiesner

(Fat Possum/Rough Trade) Der größte Trumpf der Jugend ist sicher, Fragen wie „Darf man das?“ gar nicht erst zu stellen. Mit ihren kaum 20 Jahren könnten Smith Westerns aus Chicago dies fraglos bezeugen. Schon die dreiste Bricolage aus Nirvanas „Nevermind“-Cover als Album-Artwork zu benutzen, spricht Bände. Und wer selbst die letzte Thermals-Platte noch für unterproduzierten Quatsch hält, braucht hier eigentlich gar nicht mehr weiterlesen. Ähnlich wie The Pharmacy oder Neutral Milk Hotel verstehen es Smith Westerns auf ihrem Debüt nämlich meisterlich, ihre Weltklasse-Melodien unter einer dick übersteuerten Fettkruste zu verstecken, einfach nur so zum Spaß. Der größte Einfluss dürften jedoch wieder mal die legendäre „Nuggets“-Compilation, West Coast-Pop sowie klassische GlamRock-Stampfer Bolan’scher Prägung gewesen sein. Teenie-Garage-Glam-Pop hat man in der Form so auch noch nicht gehört. Liebenswert eigen. Text: Thomas Müller

(Static Tongues/Rough Trade) Um direkten Nutzen aus der düsterkalten Stimmung dieser Jahreszeit zu ziehen, sollte man momentan eigentlich schwere russische Romanklassiker lesen. Thematisch passt wohl nichts weniger zum baldigen Wintereinbruch als sommersonniger Lo-Fi-Elektro mit einer Wagenladung Achtziger-Sounds, die Mastermind Alan Palomo für sein Debütalbum verarbeitet hat. Kann es gegen trübe Gedanken helfen, Songs wie „Deadbeat Summer“ in voller Lautstärke zu hören, wenn draußen ein brutaler Schneesturm tobt? Definitiv und bei Tracks wie „Should Have Taken Acid With You“, die in Sachen filigraner Wortwahl wohl ganz gut mit den großen Romanciers der Literaturgeschichte mithalten können, gibt es viele grellbunte Flöckchen als Bonus oben drauf. „Psychic Chasms“ ist hochdosierter Chill-Wave gegen die ganz üble Laune, eigen, frech und sehr besonders. Text: Christine Stiller

(Affairs Of The Heart/Indigo) Seit Jahren ist Tim Kasher als Kopf gleich zweier hervorragender Bands, Cursive und The Good Life, eine feste Größe in der amerikanischen Musikszene. Mit beiden erweist er sich mit jeder neuen Platte als konzeptuelles und lyrisches Genie, das kleine Dramen zu großen Tragödien zusammenfügen kann. Dass Kasher mit „The Game Of Monogamy“ nun ein komplett neues Fass aufmacht, ist nur konsequent, erinnert das Album doch dezent an die Taten seiner beiden anderen Bands. Solo erweist sich Kasher mehr denn je als talentierter Arrangeur, der aus dem Vollen schöpft: Gitarre, Piano, Bläser, Mandolinen und auch gerne mal ein ganzes Orchester werden von ihm kleinteilig zu komplexen Klangkunstwerken zusammengesetzt. Und während er textlich seine emotionale Unreife bezüglich Paarbeziehungen verarbeitet, ist ihm dabei das reifste Album seiner Karriere gelungen. Ein Meisterwerk! Text: Robert Goldbach

Olsen and the Hurley Sea The Hurley Sea

(YouNeedFriendsNotDiskos/Vinyl/ Download) Es ganz banal „Debütalbum“ zu nennen, wäre zwar strenggenommen richtig, keinesfalls jedoch treffend, weil irreführend und implizierend, dass diese Band lediglich eine kurze Geschichte mit sich herum schleppte. Olsen And The Hurley Sea sind seit vielen Jahren unterwegs. Konsequent zog es die Band um den Berliner Bohemien Ole Ortmann auf die Kleinstbühnen, in die Kneipen und Spelunken halb Europas. Entschuldigung, aber das alles ohne je ein Album angeboten zu haben? Außergewöhnlich! Ja, und eben genauso klingt dieses Album: außergewöhnlich. Und mit dem Zweifel verbunden. Eine erhabene Zerstörtheit, wie man sie ansonsten nur von Drag Cityoder ‘Secretly Canadian’-Bands kennt. Man fühlt sich erinnert an „Jefferson At Rest“ von den Early Day Miners, an „The Magnolia Electric Co“ von Songs: Ohia, an Will Oldham. Eine herrliche Platte! Endlich, nach all den Jahren. Text: Ulf Ayes

Tu Fawning Hearts On Hold

(City Slang/Universal) Man muss es 'City Slang’ lassen: Sie haben Geschmack. Und sie schaffen es immer wieder, etwas andere Bands aufzutun. Siehe Tu Fawning. Das gemischte Quartett aus Portland pfeift nicht nur auf einen verständlichen Namen, sondern auch auf die ewiggleiche Gesang-Gitarre-BassSchlagzeug-Kombi. Die Multiinstrumentalisten lassen erklingen, was ihr Können hergibt: Blechbläser, Klavier, Orgel, Violine, Percussions, Samples... Nebenbei stehen sie auf Hall, mehrstimmigen Gesang und wuchtige Tribal-Drums. „Hearts On Hold“ jagt seinen Hörer an GothicFolk, Gitarren-Noise, Kammermusik, Psychedelia, Ethno-Sounds und Jazz vorbei, schubst ihn vom Dschungel ins Vaudeville-Theater. Vor lauter Eindrücken will es nicht gelingen, Tu Fawning einzuordnen. Fazit: gespenstisch, schwelgerisch, exzentrisch und zu Großem bestimmt. Text: Nina Töllner


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PLATTEN/OFFENBARUNG

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DIE OFFENBARUNG Twin Shadow FORGET

(4AD/Beggars/Indigo) Man kommt dieser Tage einfach nicht umhin, Lobeshymnen nahezu sämtlicher Blogs in den Ohren zu haben. Lobeshymnen über das Debütalbum von George Lewis Jr., der - wie inzwischen jeder zweite innovative Pop-Schaffende - in New York schaltet und waltet. Passenderweise stand ihm Chris Taylor von den Indie-Feuilleton-Darlings Grizzly Bear bei der Produktion von „Forget“ als Protegé zur Seite. Das Ergebnis ist wundervoll und Ankämpfen gegen den Meinungsmainstream zwecklos. An modernen Spielarten des Indie-Pop geschult und somit nie altbacken klingend, wagen sich die beiden, natürlich auch schwer angesagt, weit in

die Achtziger: Die kühlen Schlagzeug-Beats und trocken akzentuierte Bassläufe kommen direkt aus den damaligen Charts, Synthie-Flächen und andere Spielereien schaffen eine Einheit. Und gerade wenn man - wie etwa in „At My Heels“ – denkt, man wüsste, wie der Hase läuft, kommt George Lewis Jr. mit einer überraschenden Wendung um die Ecke. Mit aufdringlicherer Hookline wäre „When We’re Dancing“ fast der nächste Hausfrauenhit à la WHAM, so ist er einfach ein toller Song, so wie auch das Gros der hier versammelten Stücke. Schlichtweg toll - insofern man der Überdosis Pop gewachsen ist. Text: Volker Bernhard

1 hoffnungslos ** 2 üben ** 3 bemüht ** 4 egal ** 5 kann man machen ** 6 vorn dabei ** 7 gut ** 8 wichtig ** 9 grandios ** 10 Klassiker Adai We Are All Dead

(Make My Day/Alive) Das Debütalbum von Adai aus Denver erstaunt ganz schön. Nicht so sehr, was die Musik angeht, die zwar toll ist, aber nicht gerade noch nie Dagewesenes darstellt. Adai spielen Sludge-Metal, schön schleppend, mit meterhohen Gitarrenwänden und rollendem Schlagzeug, mit leisen Momenten und lauten Wellen. Das ist fein, aber in diesem Genre nichts Besonderes. Was verwundert, ist, dass für diesen Krach lediglich zwei Leute verantwortlich sind! Für den trotzdem fetten Klang ist unter anderem Produzent Kurt Ballou (Converge) verantwortlich, aber angeblich bringen sie das auch live so über die Bühne, was schon beachtlich wäre. Für Klanglandschaftsfreunde zu empfehlen! 6 Text: Hans Vortisch

Angelika Express Die dunkle Seite der Macht

(Peng Musik/Cargo) Parolen dreschen oder so tun, die Vierte: 21 Monate, nachdem Robert Drakogiannakis sein neues deutsches Beat-Pop-Wunder Angelika Express im Alleingang reanimierte und mit „Goldener Trash“ nebenbei die darbende Musikindustrie umging, indem er die Fans zu Angelika-Aktionären machte, haut der Köln-Ehrenfelder nun „Die dunkle Seite der Macht“ raus. Die für Liveshows neu rekrutierten Mitmusiker sind ebenso geblieben wie die in Bauch und Kopf gelebte Punkrockattitüde („CDU und Du“, „Hey Rudi“) in Wort und Krach. Die geschrammelten Gitarren und die rumpelnde Rhythmusfraktion bremsen in ihrer Trockenheit den unbedingten Pop-Appeal nicht, sie machen ihn ja erst so liebenswert - dieses Mal zum Beispiel mit Aydo Abay (Ex-Blackmail) als Gastsänger. Auch wenn Hymnen wie „Paul Muss Sterben“ oder „Geh Doch Nach Berlin“ unerreicht bleiben: Kauft das, New New Wave-Disco-Kids, und werdet bessere Menschen! 7 Text: Fabian Soethof

Awkward I I Really Should Whisper

(Excelsior/H’Art) Experimentierfreudige Gesellen wie Djurre De Haan lieben für gewöhnlich das kontrollierte Chaos. Sei es musikalisch oder schlichtweg bezogen auf den Lebenslauf. In Groningen aufgewachsen, über Umwege in die Staaten, um letztendlich zurück in Amsterdam seine künstlerische Erfüllung zu finden. Mittlerweile emotional gefestigt, versucht der smarte Holländer mit seinen Bandkolle-

gen von Awkward I auf dem Debüt die großen Themen von Liebe, Schmerz und unterschwelliger Verbitterung in ein musikalisches Gewand aus minimalistischem Indie-Folk-Rock zu verpacken. Das Ergebnis klingt, trotz oder gerade wegen der instrumentalen Reduzierung auf das Nötigste, intensiv, melancholisch und vor allem authentisch. Eine gute halbe Stunde voll lyrischer Poesie, die irgendwo zwischen Joshua Radin und River Crombie definitiv Lust auf mehr macht. 7 Text: Kai Butterweck

The Bewitched Hands Birds & Drums

(Sony) „Hard To Cry“ von der Vorab-EP der Bewitched Hands versprach Großes. Orchestral angelegte Traurigkeit gepaart mit einer tristen Gesamtstimmung und einer einprägsamen Stimme - ein Hit. Zum Glück ist jener auch auf dem Debütalbum „Birds And Drums“ vorhanden, ansonsten wäre die Platte wohl eine ziemlich unspannende Angelegenheit. Zwar klingen The Bewitched Hands nicht wie jede zweite Indie-Pop Band dieser Welt, dafür aber irgendwie ungewollt komisch. Das Titelstück mutet mit seinem seltsamen Chor an, wie eine Parodie auf Arcade Fire klingen sollte und die ersten Worte von „Work“ zwingen fast zum wegschalten, wenn da nicht dieser überlebensgroße Refrain wäre. Zusammengefasst ist „Birds & Drums“ ein ambitioniertes Pop-Album mit einigen Schwächen, welches allerdings nicht an die großartige „Hard To Cry“ EP heranreicht. 6 Text: Steffen Sydow

Bloodhound Gang Show Us Your Hits

(Universal) Schon mal auf der Bad Taste-Fete darauf geachtet, wer die Songs der Bloodhound Gang mitgrölen kann?! Ob das gut oder schlecht ist, dass auch so ziemlich jeder außerhalb der geschmacklichen Randgebiete dazu in der Lage ist, das Best Of der US-Band zu rezitieren, muss die jeweilige Perspektive klären, fest steht aber: Wenn das Erfolg ist, ist die Bloodhound Gang auch mehr als zehn Jahre nach ihrem Durchbruch ziemlich weit vorn und versammelt auf „Show Us Your Hits“ genau jene - „Fire Water Burn“, „Along Comes Mary“, „The Bad Touch“, „Foxtrot Uniform Charlie Kilo“, alles dabei. 5 Text: Katja Taft

Cee Lo Green The Ladykiller

(Warner) Nachdem Cee Lo Green sich mit Gnarls Barkley und als featured Artist durch eher abwegige Gefilde gesungen hat, macht er mit "The Lady Killer" so richtig MainstreamErnst. Der Status als einzig Indie-kompatibler Soulman ist Green nicht mehr genug. Zu unser aller Glück ist er aber immer noch exzentrisch genug, um nicht auf seiner eigenen sexy Schleimspur auszurutschen und so ist "The Lady Killer" zwar tatsächlich ein Album voller radiokompatibler Soulhits geworden, bietet aber darüber hinaus allerlei Schrägheiten und ist insbesondere in seinen Retro-Momenten überzeugend. Verschiebt man die Bewertungsparameter also ordentlich Richtung Mainstream, kommt "The Lady Killer" auf eine solide 7. Text: Timo Richard

Cellophane Suckers One In A Zoo

(High Noon/Cargo) Ladies and Gentlemen: Here they suck again. Die beste Garagen-Band der Republik legt nach. Eingespielt wurde die mittlerweile sechste Platte der Band an nur zwei Wochenenden in den Kölner BeXs Studios. Die Devise: Maximales Live-Gefühl auf Tonspur zu bannen ist dabei auch gleich die Essenz der „Suckers“, "One In A Zoo" nun ihr bislang vielseitigstes Machwerk. Während einem bei Stücken wie "4 Letter Love" oder "Shine On" ein Tanz-Zucken in die Knöchel schießt, wird man von der Psychedelic Walze "Hypnotized & Paralyzed" förmlich an die Wand gedrückt, um bei "Ragdoll Parade" mit hoher Drehzahl wieder auf die Überholspur gezerrt zu werden. Ebenfalls mehr als hörenswert ist das Rolling Stones-Cover "Jivin' Sister Fanny". Eine Platte, elf Stücke - die gute Seite des Rock'n'Roll. "One In A Zoo": eine bitter nötige Hörkur. 7 Text: Ben Dominik

Console Herself

(Disko B/Indigo) Martin Gretschmann ist ein viel beschäftigter Mann: Zwischen The Notwist, 13&God und Acid Pauli bleibt wenig Zeit für sein Projekt Console. Erste Entwürfe für das sechste Album „Herself“ entstanden also im Notwist-Tourbus, Pop-Anleihen finden sich darauf aber genauso

wie der Elektro-Klänge von Acid Pauli. Vielschichtige Sounds treffen auf akzentuierte Beats - das natürlich schon altbekannte Prinzip geht auch als Grundstock auf, so richtig vom Meer dahinloungender Platten abheben kann sich „Herself“ damit jedoch nicht. Hier sollte sicherlich Miriam Osterrieders Gesang Abhilfe schaffen, doch leider verharrt sie in ihrem traurig-bemühten Singsang. Eine ganz gute Platte, die wohl daran scheitert, dass man gerade von ihrem Macher das gewisse Etwas erwartet. 5 Text: Volker Bernhard

The Coral Butterfly House - Acoustic

(Deltasonic/Cooperative/ Universal) Schon ewig dabei und dennoch weiterhin ein Geheimtipp: The Coral haben eine Latte an großartigen Alben veröffentlicht und im vergangenen Frühjahr ihr bis dato bestes Album mit dem wunderschönen Titel „Butterfly House“ vorgelegt. Obwohl es bei einigen Kritikern anfänglich vor allem Stirnrunzeln hervorrief, zeigt sich spätestens jetzt, wie großartig diese Songs dann doch sind: Mit einer Akustikversion der Platte melden sich The Coral früher als erwartet zurück und natürlich passt die reduzierte Instrumentierung wie die Faust aufs Auge, lässt den tollen Melodien mehr Raum zum atmen und die Harmoniegesänge der Band noch himmlischer klingen. Der Sixties-Pop dieser feinen, kleinen Kapelle schwebt derzeit konkurrenzlos durch die Weiten des Indie-Universum. Zeit, The Coral mal genauer zuzuhören. 7 Text: Marcus Willfroth

Darryl Jenifer In Search Of Black Judas

(Roir/Cargo) Soloalben von Bassisten genießen seit jeher einen fast so schlechten Leumund wie jene von Schlagzeugern. Die hier anzuwendende Formel lautet: Je bedeutender die Hauptband, desto unbedeutender die Alleingänge. Die Ausgangssituation für das Solodebüt des Bassisten einer einstmals wegweisenden Band wie den Bad Brains könnte auf Grund der gen Null tendierenden Erwartungshaltung also schlechter sein. Leider weiß Darryl Jenifer diese Freiheit nicht wirklich zu nutzen. Der gut abgehangene Ambient-Elektro mit Dub-Fundament und vereinzelten Gitarrenspielereien, den Jenifer hier anbietet, ist zwar gut gemeint, wirkt aber über weite Strecken wie eine uninspirierte Fingerübung. Dass die Stimme zumeist eher zur belanglosen Lautmalerei


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PLATTEN

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benutzt wird, ist der Aufmerksamkeitsspanne des potenziell interessierten Hörers auch nicht wirklich zuträglich. In der Form taugt das leider maximal zur Hintergrundbeschallung alternativ studentischer Grillfeten. Schade! 4 Text: Thomas Müller

Element Of Crime Fremde Federn

(Vertigo/Universal) Zauberhaft sind ihre vielen Ausflüge auf fremdes Terrain schon immer gewesen. Für Film, Fernsehen und diverse Auftragsarbeiten coverten sich Element Of Crime bereits durch die halbe Geschichte der Pop-Musik und machten dabei weder vor den Beatles noch vor Bob Dylan halt. Logisch, dass irgendwann „Fremde Federn“ kommen musste - ein Best Of aller Coverversionen, auf dem sich unter anderem die illustren Interpretationen von Freddy Quinns „Heimweh“, Udo Lindenbergs „Leider Nur Ein Vakuum“ oder des Bee Gees Schmachtfetzen „I Started A Joke“ finden lassen. Stets im bandeigenen Chansonmeets-Pop-Stil umgesetzt, zeigt sich einmal mehr, warum Element Of Crime um Sven Regner zu den besten Gruppen des Landes gehört: Weil sie Originalität selbst dann erzeugt, wenn es um „Fremde Federn“ geht. Einfach toll. 7 Text: Marcus Willfroth

Fistful Of Mercy As I Call You Down

(Hot/PIAS/Rough Trade) Ben Harper holt sich gern mal Unterstützung. In diesem Fall sind seine Partner in crime aber Dhani Harrison, Beatles-Spross und Thenewno2-Sänger, sowie Singer/Songwriter Joseph Arthur, der trotz Grammy nominierter EP und geschickt platzierten Songs in diversen US-Serien weitestgehend unbekannt ist.

Nichts liegt allerdings ferner, als den dreien einen Supergroup-Coup zu unterstellen. Ein paar gemeinsame Tage im Studio sollten es sein, ohne Plan, und so kurzweilig wie ihre gemeinsamen Stunden klingt auch das Ergebnis: Seichter Beatles-Pop anno "Abbey Road", Crosby, Stills Young & Nash-Gekuschel und kaum eine emotionale Regung, die den blauen Himmel wirklich trüben könnte. Die nötige Tiefe möchte man "As I Call You Down" zwar nicht absprechen, trotz gelungener Songs wirkt das Ganze auf Dauer aber ein bisschen fade. 6 Text: Ina Göritz

Freelance Whales Weathervanes

(Sony) Ob man es glauben mag oder nicht: auf „Weathervanes“ ist NICHT Ben Gibbard zu hören, die Freelance Whales sind KEIN Nebenprojekt des Sängers von Death Cab For Cutie und The Postal Service. Die Stimme gehört Judah Dadone, die Band dazu wurde 2008 in Brooklyn ins Leben gerufen - fünf Jahre nach „The District Sleeps Alone Tonight“ also, an das der Song „Starring“ mehr als nur ein bisschen erinnert. Aber genug davon - die Musik der Freelance Whales ist hübsch genug, dass man ihr gern die Zeit gibt, sich von der übermächtigen Assoziation zu emanzipieren. Unterstützung kommt dabei vor allem von klassischem Folk-PopInstrumentarium wie Glockenspiel und Banjo und dem tapferen Glauben an echte Zufälle. 6 Text: Friedrich Reip

Grant Hart Oeuvrevue

(Hazlewood/Rough Trade) Soloalben von Schlagzeugern sind seit jeher noch schlechter beleumundet als jene von Bassisten. Auch wenn diese klischeehaft geringe Erwartungshaltung in den meisten Fällen nicht unbegründet ist, so gibt es doch zumindest eine

Ausnahme. Denn Grant Hart hat nicht nur als Schlagzeuger, sondern auch und vor allem als Songschreiber mit Hüsker Dü Musikgeschichte geschrieben. Über deren kaum zu überschätzenden Einfluss auf die alternative Indie-Musik braucht man eigentlich nichts mehr zu sagen, weniger bekannt dürften dagegen Harts Post-Hüsker DüEpisoden sein. Auch wenn die nun erscheinende Raritäten-Sammlung „Oeuvrevue“ (was für ein Wortspiel) hauptsächlich aus CompilationBeiträgen, Live- und Cover-Songs besteht, von denen der Künstler im Booklet angibt, die Herkunft nicht mehr eindeutig eruieren zu können, lässt sich die Qualität des Solooutputs durchaus erkennen. Die meisten Songs auf „Oevrevue“ jedenfalls, hätten auch auf den gerne sträflich unterschätzten Spätwerken der Hauptband nicht deplatziert gewirkt. Entdeckenswert! 7 Text: Thomas Müller

Hardcore Superstar Split Your Lip

(Nuclear Blast/Warner) Gerade mal ein gutes Jahr nach „Beg For It“ schieben Hardcore Superstar ihr siebtes Album nach und legen mit „Sadistic Girls“ gleich los, als gelte es, Guns N’Roses und Aerosmith aus dem Reich der Scheintoten zurückzuholen. „Last Call For Alcohol“ punktet mit einem unwiderstehlichen Refrain und wohldosierten Gang-Vocals, und spätestens bei „Moonshine“ ist man sich sicher: Die Sache ist mal wieder ein Selbstläufer. In der zweiten, nicht mehr ganz so runden Albumhälfte gibt es dann aber doch Momente, in denen man sich wünscht, die Schweden hätten sich vielleicht etwas mehr Zeit gelassen. Ein Akustik-Stück oder eine Piano-Ballade einzustreuen ist an sich keine schlechte Idee, aber die Band hat ohne Zweifel genug Talent, um das besser hinzubekommen. Fans dürfen und müssen dennoch zugreifen. 7 Text: Marek Weber

The Indelicates Songs For Swinging Lovers

Polarkreis 18 Frei (Vertigo/Universal)

CONTRA

Um Polarkreis 18 in Grund und Boden zu stampfen, braucht es nicht viel - mit ihrer offen zur Schau gestellten Theatralik bieten die Dresdner Angriffsfläche genug. Sich jedoch für einen Moment zu besinnen und dem neuen Album „Frei“ eine reale Chance zu geben, fällt vielen Zeitgenossen schwer. Nun gut, selbst wenn man’s versucht, es bleibt ein Kreuz mit dieser Band. Die ihr Handwerk so gut versteht, die Streicher wundervoll platziert und trotzdem eine Bruchlandung par excellence hinlegt: Warum muss es eine „moderne Vertonung“ von Franz Schuberts „Winterreise“ sein und weswegen sind die Texte derart aufgeblasen? Können Polarkreis 18 nicht einfach Musik machen, schauen, was am Ende herauskommt und nicht so schrecklich verkopft durch die Gegend stolzieren? Unbefangenheit nützt nichts, „Frei“ ist ziemlicher Murks. Text: Marcus Willfroth

PRO

Der Purismus ihres selbstbetitelten Debüts ist längst passé, nun ist aber auch noch das letzte bisschen Zurückhaltung von Polarkreis 18 gewichen. Wo einst Stimme und Instrumentierung gemeinsam zart flirrten, sorgen inzwischen Takt und Songaufbau für feste Struktur und Sänger Felix Räuber hat sich in die Rolle des Chorleiters eingefunden. Getreu dem Motto „mehr ist mehr und weniger ist feige“ haben die Jungs mit „Frei“ ein echtes Monumentalwerk geschaffen, deren Zenit „Deine Liebe“ nicht jeder goutieren wird, aber extremstes Zeugnis ihrer Entwicklung ist. Ob die romantischen Song-Motive nun Schubert entliehen sind oder nicht - „Evergreen“, „All That I Love“ und „Sleep Rocket“ bilden sie so imposant und eindringlich ab, so dass die Frage bleibt: Wer, wenn nicht Polarkreis 18, sollte sich das erlauben und so gut umsetzen können. Text: Britta Arent

(Snowhite/Universal) Verrückt, verliebt, verträumt und nachdenklich - wer das zweite Werk des Indelicates-Duos einmal in Gänze durchlaufen lässt, kann sich auf ein explosives Potpourri der unterschiedlichsten Emotionen gefasst machen. Von süßen, poppigen Perlen der Marke Belle And Sebastian über krachige Ausreißer („Your Money“) bis hin zum in Melancholie schwelgenden „Roses“, schmeißt das seit 2005 bestehende Gespann einfach alles kreuz und quer in den Raum. Da kommt man als Zuhörer schon manchmal kurz durcheinander. Soll man jetzt lachen oder weinen? Man weiß es schon gar nicht mehr. Macht aber auch nichts. The Indelicates beweisen mit „Songs For Swinging Lovers“, dass es im Indie-Universum noch mehr gibt als die immer gleich klingenden Bands mit den schnöden Seitenscheitel-Frisuren. Als Pop-Pendant zu den White Stripes darf die Kapelle mittlerweile durchaus als Vaselines-Nachfolger gehandelt werden. 7 Text: Natascha Siegert

Jónsi Go Live

(EMI) Live-Alben sind so eine Sache, schließlich hat man in der Regel das Album schon zu Hause im Regal stehen. Wozu das Ganze auch noch in der Live-Version? Im Fall von Jónsi sollte man aber genauer hinhören - und sehen: Gleich zu Beginn vermischt sich das Jubeln der Fans mit den ersten Gitarrenakkorden von „Starts In Still Water“, einem neuen Song, der nicht auf seinem im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten Soloalbum zu finden ist. Insgesamt fünf neue Stücke

gibt es zu dem gesamten Repertoire von „Go“ dazu. Bunt schillernd ist „Go Live“ als eine lebendige Inszenierung mit einer explosiven Geräuschkulisse zu verstehen, die sich wie ein Wirbelwind ausbreitet und den Hörer mitreißt. Mit der DVD als visuelle Unterstützung mutiert „Go Live“ zu einem Freudenfest für die Sinne. 7 Text: Kati Weilhammer

Let’s Wrestle In The Court Of The Wrestling Let’s

(Full Time Hobby/PIAS/ Rough Trade) Wer das erste Match verpasst hat, bekommt nun erneut die Chance, mit den drei Jungs von Let’s Wrestle in den Ring zu steigen. Das lustvoll verschrammelte Debütalbum der Band, die so enorm nach US-Indie klingt, dass man kaum glauben mag, dass sie aus London stammt, kommt als ReRelease erneut auf den Markt und hat nun eine Bonus-Disc im Digipak, die in Kompilierung früher Singles und EPs die Gesamtzahl der Tracks auf stolze 29 treibt. Mit dabei auch das still funkelnde Juwel „Getting Rest“ und das Geständnis „I Wish I Was In Husker Du“. Na sowas. 7 Text: Friedrich Reip

Lucky Soul A Coming Of Age

(Elefant/Alive) Blonde Mädchen mit riesigem Tambourin sind ja irgendwie nie ganz aus der Mode, so Sixties-poppig die Songs auch sein mögen, zu denen der Takt geschellt wird. Insofern ist es schon mal prinzipiell eine schöne Sache, dass mit „A Coming Of Age“ das zweite Album von Ali Howard und ihrer Band Lucky Soul nun endlich auch hierzulande erscheint. Dem programmatischen Titel werden die 13 Tracks dabei nicht unbedingt gerecht - von einem Reifeprozess im Vergleich zum Debüt „The Great Unwanted“ ist nicht viel zu merken - aber wer will das schon, solange der ewig süße Vogel Jugend noch so hübsche Melodien singt. So kann der Winter kommen. Kleiner Geheimtipp am Rande: Wer hier gern zuhört, findet vielleicht auch Freude an der ähnlich charmanten Combo The Hussys. 6 Text: Friedrich Reip

Morning Boy We Won’t Crush

(Waggle Daggle/Broken Silence) Irgendwie haben Morning Boy den Dreh raus. Die Jungs auf Frankfurt schaffen es, den guten alten Indie-Rock so mit Elektro-Sounds zu kombinieren, dass es weder plump oder berechnend klingt. Mal dominieren die Gitarren, mal die Synthies, zeitweise drängt sich sogar der Vergleich mit New Orders "Thieves Like Us" auf. Allerdings geht es auch anders: "Every Whisper" und "Hey Hey Hey (I Found You)“ wirken schon fast kitschig und so überspannt, dass selbst die schwedischen Glam-Popper von Melody Club davon beeindruckt wären. Vor allem aber funktioniert "We Won't Crush" auf Albumlänge und das kann nun wirklich nicht jede Band von ihrem Langspieldebüt behaupten. 5 Text: Britta Arent

Motörhead The Wörld Is Yours

(EMI) Keine Überraschungen, richtig? Nicht ganz. Bleibt man in Motörheads sehr eigener Welt, unterscheidet sich ihr 20. Studioalbum nämlich schon etwas von den drei fetzigen Vorgängern. Denn Lemmy und seine Jungs haben den Metal-Anteil der letzten Alben zugunsten eines erhöhten Rock’n’Roll-Groove-Faktors zurückgeschraubt.


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Okay, der Rest ist wie immer. Schön rotzig roher Rabauken-Boogie mit dezentem Speed-Limit bildet den musikalischen Hintergrund für Lemmys clevere und zuweilen bitterböse-ironische Zyniker-Lyrik. Dabei sitzt jedes Solo und jeder Schlagzeugwirbel so hieb und stichfest wie jede Gesetzlosen-Pointe. Welche andere Band schafft das schon so konstant konsequent seit 35 Jahren? Glückwünsch. 8 Text: Frank Thießies

Behutsam Gezupftes, harmonisch Gesungenes und düster Getextetes im Recycling-Schuber mag fusselige Americana-Fans mit niedrigem Pulsschlag glücklich machen, der Rest von uns sieht sich als Schlafwandler in einem Haus ohne Treppen. Auf „Forests And Fields“ sind Musiker wie Dorfschönheiten: Einer muss es ja machen, und die mit den langen Haaren und den schönen Stimmen haben’s noch immer gemacht. 4 Text: Michael Haacken

Nouvelle Vague Couleurs Sur Paris

The Preacher & The Bear Suburban Island

(Barclay/Universal) Nach drei Alben ist das Konzept, New-Wave-Songs im sanften Bossa NovaStil zu covern, eigentlich durch. Auch die Masterminds Marc Collien und Olivier Libaux hatten eigentlich nicht vor, es noch zum vierten Mal aufzulegen - bis Collien eben den Idee hatte, ein Album speziell für den französischen Markt zu machen. Im Falle von „Couleurs Sur Paris“ hat man hierzulande entsprechend den Nachteil, die neu interpretierten Stücke nicht zu kennen, wenn man nicht gerade sehr frankophil ist. Bestenfalls kennt man noch Noir Désir und Les Rita Mitsuko, und von den zahlreichen Gastsängerinnen sind Vanessa Paradis und Coralie Clément wohl die bekanntesten. Dem Genuss ist das nicht abträglich. Wie seine Vorgänger strahlt dieses Album eine unverschämt relaxte und sexy Atmosphäre aus - und die spürbare Liebe zu den gecoverten Originalen. 7 Texte: Robert Goldbach

The Pleasants Forests And Fields

(Make My Day/Alive) Amanda Rogers ist eine überzeugte Veganerin, und während das gleich in verschiedenster Hinsicht ausgesprochen vernünftig ist, scheint es für diese Menschen nur zwei musikalische Ausdrucksformen zu geben: langweiliger Hardcore und langweiliger Country-Folk. The Pleasants, Amandas neue Band mit Kollege Mike Matta, gehört eindeutig in die zweite Kategorie und klingt wie eine singende Cornflakes-Packung.

(Black Star Foundation/ Cargo) Mit dem ersten Album dieses schwedischen Duos verhält es sich ein bisschen wie mit IKEA-Möbeln: Sie sind unaufdringlich hübsch, auf sympathische Weise praktisch, wenn man allerdings zu viel davon hat, kann diese glatte Ästhetik schnell sehr gleichförmig wirken. Mit ihrem ersten Album haben The Preacher & The Bear ganz klar die Zulassung zur Oberstufe der Simon And Garfunkel-Gitarrenschule erworben: Die Stimme von Elin Piel ist ebenso zerbrechlich wie glasklar und legt sich sanft über das von Country, Folk und Americana beeinflusste Gitarrenspiel von Fredrik Pettersson. Da verwundert es nicht, dass Ebbot Lundberg von The Soundtrack Of Our Lives von der Melancholie der Songs verzaubert war und der Produktion den letzten Schliff gegeben hat. Diese liebliche Kombination eignet sich nicht nur perfekt für lange Abende vorm Kamin, sondern würde auch gut ins Vorprogramm von Cat Power passen. Etwas mehr Abwechslung würde beim nächsten Album aber nicht schaden. Man sollte ja auch nicht nur IKEAMöbel in der Bude stehen haben. 6 Text: Tim Kegler

Regina Spektor Live in London (CD & DVD)

(Warner) Als ob die Hitdichte ihres zweiten Albums „Begin To Hope“ und des letztjährigen „Far“ nicht schon als Beweis gereicht hätte, was Regina Spektor für eine Ausnahmekünstlerin ist, dokumentiert das im Dezember 2009 im HMV Hammersmith Apollo aufgenommene „Live In London“ Spektors wohltuend unkonventionel-

Mit Rhythmus ab ins neue Jahr Was geht denn an Silvester? Schon seit Wochen setzt diese Frage alle Welt unter Druck, doch es gibt einen einfachen Weg, sich dem zu entziehen: Einfach selbst eine Party schmeißen! Wie wäre es zum Beispiel mit musikalischen Motto-Partys? Für einen französischen Abend etwa lässt sich derzeit reichlich neues Futter finden. So schicken etwa Tahiti 80 ihrem im Februar erscheinenden neuen Album die EP „Solitary Bizness“ (Human Sounds/Roughtrade) voraus. Zwar haben die Popper manches von ihrer früheren Frische eingebüßt, aber mindestens „Keys To The City“ und „Cool Down“ sind echte Hits. Man kann aber mit ebenfalls längst etablierten Kollegen auch tiefer in die elektronischen Gefilde abtauchen, denn sowohl Daft Punk als Mr. Oizo (zusammen mit Gaspard Augé) haben sich an Filmmusik versucht. „Tron: Legacy“ (EMI) startet Ende Januar, und Daft Punk haben für die QuasiFortsetzung des SciFi-Kults sehr dichte, kühle Klänge geschaffen, die genau klingen, wie man es von ihnen erwartet. „Rubber“ (Ed Banger/Alive), die Geschichte eines mordenden Autoreifens, wird bei uns dagegen wohl nicht ins Kino kommen, was schade ist, denn die Bilder zu den wankelmütig-wilden Klängen der großartigen Tracks von Oizo und Augé möchte man unbedingt sehen. Gegen eine Heimatparty wäre ebenfalls nichts einzuwenden, denn auch die deutschen Kollegen bringen derzeit jede Tanzfläche zum Beben. Entweder mit gewohnt wunderbarem Weirdo-Pop vom Jeans Team - die auf der Single „Totes Kino/Cocktailständer“ (Alkomerz) erst mal nur Appetithappen servieren, die aber dafür köstlich sind - oder aber auch mit wesentlich minimalistischeren, technoiden Elektro-Beats, die nicht nur Modeselektor auf ihrer bunten Mischung „Modeselektion Vol. 01“ (Monkeytown Records/Rough Trade), sondern auch die Wahl-Berlinerin Magda auf ihrem zu Recht heiß erwarteten Debüt „From the Fallen Page“ (Minus/Wordandsound/Rough Trade) beherrschen. Wahlweise kann man aber natürlich auch einfach den neuen Sampler „Kitsuné Maison 10“ (Kitsuné/Rough Trade) einschmeißen, der wieder auf zwei CDs allerlei Elektro-Pop und -Rock versammelt, dieses Mal u.a. mit Yelle, Justus Köhncke, Digitalism. Oder man entscheidet sich einfach für einen gemütlichen Abend mit Essen, für das man sich von Simian Mobile Disco inspirieren lässt. Denn die präsentieren mit „Delicacies“ (Delicacies/Cooperative) ihre aktuellen, mitunter etwas anstrengenden Techno-Singles, die jeweils nach exotischen Delikatess-Gerichten benannt sind. Text: Patrick Heidmann

len Piano-Power-Pop nun in hervorragender Bildund Tonqualität auf CD und einer mit Aufnahmen des Touralltags bereicherten DVD. Und wie! Die klassisch ausgebildete USamerikanische Musikerin und Tochter russischer Herkunft flüstert und ruft, haut in die Tasten und streichelt sie und spielt über 70 gänsehautreiche Minuten lang neue und alte Klassiker, von „Eet“ bis „Samson“. Nein, Regina Spektor ist nicht die neue Tori Amos oder die weibliche Antwort auf Ben Folds. Sie ist sie selbst und der erst so euphorische stimmende Beweis, dass Pop-Musik Herzen öffnen kann. Die Tragik: „Live In London“ ist ihrem Cellisten Daniel Cho gewidmet. Er ertrank diesen Sommer im Genfer See. 8 Text: Fabian Soethof

Robyn Body Talk & Body Talk PT.3

(Ministry of Sound/ Warner) 2010 hat Robyn die Kunst der Kürze für sich entdeckt. Oh, Verzeihung „hatte“. Denn jetzt erscheint der dritte, ausgedehnte Teil ihrer „Body Talk“-Trilogie und damit macht sie das, worin sie gerade noch so schön konsequent gewesen ist, wieder zunichte. War die „Body Talk PT. 1“-EP noch herrlich neu(nziger), kurz, knapp und erfrischend, verlor der zweite Teil schon leicht an Fahrt und jetzt? Jetzt synthetisiert die Schwedin zehn bereits veröffentliche Songs mit fünf neuen So-lala-Tracks („Body Talk“), veröffentlicht die neuesten Stücke aber auch noch mal separat auf der EP „Body Talk Pt.3“. Ehrlich gesagt können die fünf aktuellsten Songs nicht mehr mit dem Esprit der ers-

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ten Stücke mithalten. Und nebenbei muss man sich beim Hören wirklich fragen, ob IRGENDJEMAND, der die Teenagerzeit schon überschritten hat, Songs wie „Stars 4-Ever“ tatsächlich ernst meinen kann. High School Musical Ü30? Geee-schmackssache. Im Weglassen liegt allerdings die Kunst. 5/5 Text: Christine Stiller

Saint Jude Diary Of A Soul Fiend

(SJ/Cargo) Mag der Albumtitel auch etwas verwirrend sein, beseelt ist die Musik der Briten auf jeden Fall - wenn auch eher in Classic Rock-Richtung der Rolling Stones. Allerdings mit Frontfrau, was dem alten Blues und Boogie mit etwas Country-Ansatz mit einem leichten Janis Joplin-Faktor eine mehr als nur interessante neue Wendung gibt. Aber nicht nur diese Stimme hat es in sich, auch die Songs sind erste Sahne und brauchen sich hinter ihren ehrwürdigen Inspiratoren nicht zu verstecken. Solch ein Tagebuch schlägt man gerne öfter auf. Und das nicht allein nur, um mal wieder in der Vergangenheit zu schwelgen. 7 Text: Frank Thießies

Salem King Night

(Sony) Dass niemand der Hypemaschine treudoof folgen sollte, wissen wir nicht erst seit gestern. Salem erfreuen sich momentan der Begeisterung der Blog-Gemeinde - doch bitte - bitte, wieso das? Wer die ach so dunkle Monotonie und Schwülstigkeit der Bombast-Synthetik


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auf ihrem Debütalbum „King Night“ überhaupt länger als zwei Songs mit wachen Augen zu ertragen vermag, wird das Wort „facettenreich“ zwar anwenden können, aber dann doch nur in Bezug auf die diversen Symptome der eigenen Langeweile. Und wenn dann noch dumpfe, vernuschelte Rap-Einlagen wie im Song „Sick“ aufgefahren werden, fragt man sich nur, ob es nicht noch ein anderes Synthie-Salem gibt. Ob man sich nur irgendwo bei Google auf dem Weg dahin verheddert hat. 2 Text: Christine Stiller

Small Black New Chain

(Jagjaguwar/Cargo) Inwieweit Kevin Costners Megaflop „Waterworld“ mit diesem Album zu tun hat, lässt sich aus musikalischer Sicht schwer sagen. Immerhin teilen die beiden Vorsteher von Small Black - Ryan Heyner und Josh Kolenik - eine gemeinsame Liebe zum Hollywood-Streifen und verkrochen sich vor gut zwei Jahren in einem abgelegenen Haus in Delaware, um das Debüt „New Chain“ in Angriff zu nehmen - und nebenher Kevin Costner dabei zu beobachten, wie sich dieser auf hohe See begibt, um mit dutzenden Piraten zu kämpfen. Herausgekommen sind Songs, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, großspurig alle möglichen Soundsperenzien mit Gitarren und Drums vermengen und von der Grundstimmung her nachdenklich über die Missstände der Welt philosophieren. Geht durchaus in Ordnung, ob man’s aber wirklich braucht? Nächste Frage bitte. 5 Text: Marcus Willfroth

Suede The Best Of

(Ministry Of Sound/Warner) Die Karriere von Suede war ein einziges Auf und Ab, welches in die Entscheidung mündete, dass man sich nach zig Besetzungswechsel einfach auflösen sollte. 2003 wurde die Karriere dieser Band dann bereits mit „Singles“ gewürdigt, während jetzt unnötigerweise eine 2-CD Best Of auf den Markt kommt und so eine komplett angerissene Werkschau dargestellt wird. Enthalten darauf sind natürlich alle erdenklichen Hits und Songs, die man sich auch auf einem Suede Konzert wünschen würde. Konzerte spielt die Band übrigens auch wieder, während noch immer das 2003 angekündigte neue Album auf sich warten lässt. Ist ja auch erstmal bequemer das Weihnachtsgeschäft mitzunehmen. Eine ausführliche Best Of, die weder dem Die Hard Fan etwas bietet, noch dem, der sich etwas mehr mit dieser Band beschäftigen möchte, da jene Leute einfach zum Debüt greifen sollten, um das herzzerreisend schöne „The Next Life“ zu hören. 5 Text: Steffen Sydow

Thee Spivs Taped Up

(Damaged Goods/Cargo) Willkommen zu einer nostalgischen Zeitreise in das Punk- und Garage-Rock infizierte England im Jahr 1978. Die Spivs riffen sich durch ihre Buzzcocks- und The Damned-infizierten Zweiminüter und versuchen dabei gar nicht erst, besonders originell zu klingen, im Gegenteil: Die Spivs klingen auf „Taped Up“ so amateurhaft und schlampig produziert, wie sich das für anständige Punks gehört. Ehrensache. 5 Text: Flo Hayler

Triggerfinger All This Dancin’ Around

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adtipps n lo ow

(Excelsior/H’Art) Ähnlich wie Chris Goss seine Masters Of Reality hat auch dieses Trio ein ausgeprägtes Faszinations-Faible für Psychedelia, Classic und StonerRock. Damit sind sie so etwas wie die belgischen Brüder im Geiste von Pothead, allerdings weit

Mixtape Best Of 2010 zum Download unter zaOza.de/sallys The Coral - More Than A Lover Interpol - Barricade Brandon Flowers - Crossfire Klaxons - Echoes Junip - Always The Drums - Forever And Ever Amen Kate Nash - Do-Wah-Doo Johnossi - What's The Point Broken Social Scene - All To All Caribou - Odessa Robyn - Dancing On My Own N.E.R.D. - Hypnotize U Les Savy Fav - Let's Get Out Of Here Crystal Castles - Celestica Musik, Videos und Games so viel Du willst. Sicher Dir jetzt Deinen Zugang und teste zaOza einen Monat kostenlos.

weniger Jam-betont, dafür noch etwas breiter und spleeniger. Gutes Gespür und Gefühl für Fläche, Dynamik und Sound-Atmosphäre stellen die drei auch auf ihrem vierten Album „All This Dancin’ Around“ unter Beweis. Insgesamt etwas ruhiger und weniger aufgedreht als gewohnt - wenn auch nicht minder abgedreht - ist dies zwar nichts für den Tanztee, aber gewisses Spezial-Gebäck lässt sich zu den Kopfhörern hier hervorragend reichen. 7 Text: Frank Thießies

Weezer Pinkerton & Death To False Metal

(Geffen/Universal) „Ich bin es leid, dass meine Freunde jedes Jahr aufs Neue enttäuscht werden. Ich bitte euch, Weezer, nehmt das Geld und verschwindet.“ Unter diesem Motto sammelte James Burns aus Seattle im Internet Geld, um Rivers Cuomo und seine Mitstreiter endlich verstummen zu lassen. Mit der Doppelveröffentlichung des neu aufgelegten Opus Magnum und einer Sammlung unveröffentlichter Tracks gießen Weezer Wasser auf die Burns’schen Mühlen. Denn beide Alben bestätigen die Argumentation, dass die Band seit „Pinkerton“ wenig Relevantes geliefert hat. „Pinkerton“ ist immer noch ein großartiges, von süßer Melancholie getragenes Album und die lauen Kritiken zur Originalveröffentlichung immer noch einer der größten Fehltritte der weltweiten Musikjournaille. „Death To False Metal“ enthält Stücke vom absteigenden Ast - State-Of-The-Art-Weezer-Kram voller AutotuneEffekte und ein Toni Braxton-Cover. 10/4 Text: Timo Richard

The Wolf People Steeple

(Jagjaguwar/Cargo) Wenn man die aktuelle Jahreszeite auf die Musik von Wolf People überträgt, ist man so gut wie da: Der Sound des Londoner Quartetts ist zugleich dunkel unterkühlt und verspielt wie der Wind im Blätterhaufen. Es blubbert, knirscht und zischt an allen Ecken und Enden. Der schlecht geölte Motor des Wolf People-Gefährts läuft langsam zu seiner Bestform auf und liefert dabei einen Sound ab, der düster-desillusionierende Rhythmen mit musikalischer Angeber-Finesse kreuzt. Musterschüler-Rock? Die Band kann jedenfalls das Tüfteln nicht lassen und kommt mit „Tiny Circle“ eben noch fies funky daher, wo „Cromlech“ schon wieder Led Zeppelin in die Hose guckt. Gegen Ende des Albums beweisen sie auch noch, dass sie bekömmliches Radioformat und leise Töne ebenso draufhaben. Viele Hochzeiten, ein Tanz. 7 Text: Marc Philipps

Yersinia Efter Oss Syndafloden

(Black Star Foundation/ Cargo) „Nach uns die Sinflut“ haben Yersinia aus Uppsala/ Schweden, ihr neues Album betitelt, und genau so klingt das dann auch. Wie voll in die Fresse nämlich. Das Teil ist ein Konzeptalbum, ein gerade unerhörtes Novum für eine Metal-Core-Band von lauter Jungspunden. Zudem sind komplett alle Texte auf Schwedisch, was das Ganze durchaus zu einem besonderen Hörerlebnis macht, auch weil der lyrische Anspruch erstaunlich hoch ist. Inhaltlich geht es um eine düstere, postapokalyptische Vision, die auch durch die Musik hervorragend transportiert wird. „Efter Oss Syndafloden“ betritt musikalisch nicht unbedingt Neuland, aber das Gesamtbild stimmt. Massenkompatibilität lässt sich so wohl nicht erreichen, aber wer mal was anderes als englische Texte auf Sechste-KlasseNiveau hören mag, ist hier sehr gut bedient. 7 Text: Hans Vortisch

Depeche Mode Tour Of The Universe - Live In Barcelona

(EMI) Nach dem „Devotional“Live-Video und den Konzertmitschnitten aus Hamburg, Paris und Mailand gibt es jetzt endlich neues Futter für Depeche ModeFans. Im Zuge ihrer „Sounds Of The Universe“Tour haben sich die drei Musketiere aus dem Synthie-Pop-Wald diesmal in Barcelona auf schwarzes PVC bannen lassen. Auf der Standardversion des Inszenierungs-Meisterwerks befinden sich neben einem 25 Songs umfassenden Zusammenschnitt der zwei Barcelona-Konzerte aus dem letzten Jahr auch noch vier weiter Bonus-Tracks. In der DeluxeEdition von „Tour Of The Universe - Live In Barcelona“ (EMI) gibt es zudem noch eine zusätzlich Tour-Dokumentation und viele weitere Extras oben drauf. Und wer über einen Blue-ray-Player verfügt, kann sich das Ganze auch noch in „High Quality“ reinziehen. Da weiß man doch sofort, was auf dem Wunschzettel ganz oben steht. 6 Text: Natascha Siegert

Mando Diao MTV Unplugged/ Above And Beyond

(Universal) Zur exzellenten CD-Ausgabe nun also das begleitende visuelle Pendant. Auch hier gilt: Für ihre UnpluggedGlotz(en)-Premiere „Above And Beyond“ (Universal) wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Hier sitzt die Band nicht betreten auf Barhockern und lässt die Wandergitarre kreisen, nein, das ist großes Theater mit mehreren Bühnenbildern, Streicher-Ensemble und Gaststars wie Juliette Lewis, Lana Del Rey, oder Beatles-Begleiter Klaus Voormann, der die Band während ihres Auftritts in bester Dalli Dalli-OskarManier obendrauf noch zeichnerisch porträtiert. So sollten Samstagabend-Shows aussehen und klingen, denn die 24 Songs des Repertoire-Sets sind ebenso unterhaltsam wie spannend interpretiert. 8 Text: Frank Thießies

Velvet Revolver Live In Houston

(Eagle Vision/Edel) Die Frage, warum dieser Mitschnitt während der Tour zum Debüt „Contraband“ erst fünf Jahre später erscheint, ist genauso gut wie die, wer denn nun nach Scott Weilands Abgang der nächste Sänger der Band wird?! Man weiß es einfach nicht. Relativ schnell weiß man dagegen, dass man „Live In Houston“ (Eagle Vision/Edel) überhaupt nicht braucht. Schlappe 78 Minuten Ami-Auftritt, der mit schäbigen Bildeffekten und Overdub-Overkill sowie lahmen Interview-Interims-Sequenzen zu einer völlig aseptischen Angelegenheit ohne wirkliches Live-Feeling verkommt. Dann doch besser mal wieder die erste Studio-Scheibe hören. 4 Text: Frank Thießies

Paul Kalkbrenner 2010 - A Live Documentary

Paul Kalkbrenner hat mit Regisseur Max Penzel und Hannes Stöhr noch einmal ein Team zusammengetrommelt, das schon beim Film „Berlin Calling“ gute Arbeit geleistet hat. So entstand ein beeindruckendes Zeitdokument über seine diesjährige Europa-Tour, die ihn von Berlin nach unter anderem Paris, Istanbul und Zürich führte. Das Ganze wird zudem im Doku-Teil mit vielen Interviews abgerundet, die den Künstler dem Zuschauer persönlich näher bringen. 5 Text: Holger Muster


DEMODESASTER

EINMAL BONZE SEIN

Als Elizabeth Magie Phillips zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Brettspiel erfand, um auch den einfachen Leuten wirtschaftspolitische Ideen und die Gefahren des monopolistischen Landbesitzes zu erklären, war ihr nicht klar, welchen Kult sie damit lostreten würde. Denn kaum ein Gesellschaftsspiel offenbart selbst bei den besten Freunden solch ungeahnte Charakterzüge wie Monopoly. Was 1904 als „The Landlord's Game“ patentiert wurde, zeigt auch heute noch, wie schnell aus Laptop-Esoterikern und Marxisten raffgierige Miethaie werden können. Auch wir sind davor nicht gefeit und spekulieren in diesem Monat hemmungslos auf dem musikalischen Immobilienmarkt. ALAN J. BOUND COSMOLOGY

Ein Blick auf das Albumcover verrät es: Hier steht jemand auf Klischees. Alan J. Bound, Gitarrist aus Köln, hat lange Haare und ist der Klang- und Gedankenwelt des Mystic- und Psychedelic-Rock verfallen. Entsprechend tragen die Songs Titel wie „Ikarus“, „Deep Space“ oder „Magic Circle“ und hören sich auch genauso an: Alan schmeißt hallige Riffs und Soli in die unendlichen Weiten, während Synthesizer herumorgeln und Ex-Can-Drummer Jaki Liebezeit stoische Beats trommelt. Das ist in seiner fast hanebüchenen Konsequenz zwar durchaus bewundernswert, letztlich hat Alan bis auf ein, zwei Ausnahmen aber nur selbstvergessenes Gegniedel zu bieten. Eine spirituelle Offenbarung ist diese Platte jedenfalls nicht. Zwei Häuser auf der Hafenstraße Heimat: alanjbound.com

ALTBAU ALTBAU

Zwei-Mann-Projekte sind derzeit offenbar schwer in Mode. Auch Altbau aus Berlin setzen auf das duale Prinzip. Ausgerüstet mit Bassgitarre, Schlagzeug und einer Loop-Station unternehmen sie ausführliche Exkursionen in Sachen Klang. Meditatives Brummen, hintergründiges Gluckern, entschiedenes Stampfen und angriffslustiges Gedröhn: Hier wird, wie es sich für anständige Forscher gehört, zwischen den Koordinaten Noise, Wave und Funk mächtig viel ausprobiert. Das ist meist recht spannend, manchmal aber auch ganz schön viel verlangt. Richtig gut wird es dann, wenn sich aus all den Soundexperimenten ein echtes Thema herausschält. Insofern eine durchaus groovende Platte, die zuweilen jedoch etwas beliebig vor sich hin wabert. Ein Hotel auf der Goethestraße Heimat: myspace.com/altbaurocks Live: 7.12. Berlin - King Kong Klub

THE DISTINCTIVES HERMENEUTICA

Sich The Distinctives zu nennen, zeugt von Selbstvertrauen. Doch nicht nur das haben die drei Düsseldorfer mit den Größen des britischen Gitarren-Pop gemein. Ob es sich nun um die Beatles, Oasis, Supergrass oder The Kooks handelt: The Distinctives haben deren Alben mit Sicherheit im Schrank. Es dengelt und schrammelt eingängig vor sich hin, obendrein beherrscht Sänger Sebastian den Cockney-Akzent. Damit gelingen ihm und seinem beiden Kompagnons drei nette Liedchen sowie ein halbfertiges Fragment. Distinktiv, also unverwechselbar sind aber weder die einen noch das andere. Stattdes-

sen kommt diese EP wie ein Schnellschuss daher. Dass es die Band erst seit März gibt, komplettiert diesen Eindruck. Für das nächste Mal empfehlen wir daher ein wenig mehr Zeit zur Reife. Zwei Häuser auf der Berliner Straße Heimat: myspace.com/thedistinctives Live: 3.12. Düsseldorf - FFT

THE GRAND COULEE EP #1 (LONG LIVE THE KING)

Wir lassen die Hosenträger knallen, schunkeln zum beschwingten IndieFolk und halten Ausschau nach John-Boy und den Waltons. Gibt’s jetzt aber schummrige Lagerfeuermusik mit Strophen übers Küheschubsen und Moonshine-Trinken? Weit gefehlt! Stattdessen setzt das äußerst textaffine und gewitzte Duo aus Berlin mit „Long Live The King“ klar auf tiefgründig gute Texte und errichtet Michael Jackson und Farrah Fawcett posthum einen scherzhaften Schrein. Was die namensgebende Talsperre am Columbia River mit dem Ganzen zu tun hat, weiß keiner so recht. Der markante Wortwitz beider Geschichtenerzähler, angereichert mit ihren Mundharmonika-Soli und sich ins Hirn brennenden Refrains ist aber mindestens ebenso mitreißend. Ein Hotel auf der Parkstraße Heimat: thegrandcoulee.com

DAVID LEMAITRE VALEDICTION

David Lemaitre ist im wahrsten Wortsinne ein Meister der entspannten Klänge. Der Songwriter aus Bolivien mit Wahlheimat Berlin verknüpft auf seiner ersten EP sachte Gitarrenklänge mit ruhigen Beats und Streicherarrangements. Ein Könner der Caféhaus-Musik, der mal melancholisch düster wie Nick Drake, mal alternativ poppig wie Sufjan Stevens klingt. Bei allem Weltschmerz haucht er dennoch eine innere Ausgeglichenheit in seine Songs, die selbst hartnäckigen Misanthropen ein Lächeln abringen würde. „Valediction“ in Gänze ist dann wie heiße Schokolade mit Gebäck. Und mal ehrlich, die mag doch jeder. Vier Häuser auf dem Rathausplatz Heimat: david-lemaitre.de

SHIT FOR BRAINS BROKEN VOW

„Are you friendly or are you not?“, murrt uns eine Stimme entgegen und kündigt Shit For Brains’ neue Platte an. So richtig klar ist auch uns die Antwort darauf nicht. Zwar knurren einige der Songs der fünf Hessener gewaltig, aber beißen tun sie dann doch nicht. Der Sound verwundert kaum, wenn man weiß, dass die Jungs eine Wegstrecke, inklusive

Split und obligatorischer Reunion von bereits 17 Jahren auf dem Buckel haben. Thrash-Metal und Alternative-Rock, der die Neunziger in den Knochen hat, brezelt durch den Raum. Das klingt aber nicht nach muffigen alten Gebeinen, sondern hat immer noch Potenzial. Genug, um mit „Broken Vow“ einen Silberling auf die Welt loszulassen, der zwar nicht einfallsreich, aber überzeugend brutal klingt. Zwei Häuser auf der Lessingstraße Heimat: myspace.com/shitforbrainsgermany

TEMPOMATADOR MONDAY

Tempomatador mögen Vollgas, sagen sie. Nun, rasant geht es auf dem ersten Album der beiden Kasseler eigentlich nur am Anfang zu, wenn Clubbeats pumpen und Synthies wirbeln. Mit andauernder Fahrzeit verschreiben sie sich dann aber immer mehr smoothem Elektro-Power-Pop, der sich von halsbrecherischen Aktionen eher fern hält. Tempomatador wühlen durchaus gewagte Sounds aus dem Handschuhfach hervor, unterwerfen diese aber sogleich der Diktatur ausgleichenden Komponierens. Hin und wieder wird es sogar balladesk und ambientlastig. Spätestens hier sinkt der Adrenalinspiegel spürbar, so dass „Monday“ am Ende weniger einem Geschwindigkeitsrausch denn einem Tempomaten gleicht. Drei Häuser auf der Theaterstraße Heimat: myspace.com/tempomatador Live: 25.12. Kassel - Unten

URSA MAJOR SPACE STATION WONDERFUL TODAY

Die Ursa Major-Gruppe ist mit fast allen hellen Sternen des Großen Bären und des Großen Wagens der wohl größte Sternenhaufen an unserem Nachthimmel. So weit, so gut. Wer jetzt aber bei „Wonderful Today“ musikalische Astrophysik erwartet, wird enttäuscht. Denn seit die vier Münsteraner 1995 mit der Ursa Major Space Station ihre eigene Butze aufmachten, pfeift uns ein beständiger Wüstensturm aus Rhythm-andBlues entgegen. Desert-Rock vom Feinsten, der klare Verbeugungen vor Kyuss oder Fu Manchu nicht verstecken kann und mit einem Quäntchen Grunge verzwirbelt durch dynamische Wechsel und tiefgestimmte Gitarrenlastigkeit besticht. Was nicht verwundert, benannte sich die Band dann doch nicht nach dem Sternenhaufen, sondern DEM Reverb-Gitarreneffektgerät der späten Siebziger. Drei Häuser auf der Hauptstraße Heimat: myspace.com/ursamss Texte: Roy Fabian, Maik Werther


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MUSIK STORIES

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Grant Hart

Darryl Jenifer

Grant Hart/Darryl Jenifer Back from somewhere!

Bad Brains. Hüsker Dü. Ohne Frage zwei der wichtigsten Bands, die jemals unter der vielfarbigen Flagge des HardcorePunk die sieben Meere überquerten. Die Inspiration für Tausende und Lebenswerk für sieben waren - und letztendlich an nichts anderem scheiterten, als an sich selbst. Zumindest ist das die landläufige Meinung. Doch was bedeutet „Scheitern“? Dazu später mehr, und auch hierüber: Zwei der sieben veröffentlichen dieser Tage Alben. Darryl Jennifer, Bassist und ein Viertel der immer noch/mal wieder aktiven Bad Brains, legt mit „In Search Of Black Judas“ sein Solodebüt vor; Grant Hart, einst Schlagzeuger und neben Bob Mould Hauptsongwriter und -Sänger des legendären Minneapolis-Trios Hüsker Dü, schaut mit der Raritätensammlung „Oeuvrevue“ auf eine Zeit zurück, an die er selbst möglicherweise die wenigsten Erinnerungen hat – die letzten 22 Jahre. In etwa also die Zeit seit der wenig freundlichen Hüsker Dü-Auflösung. Doch vor den Fetzen fliegen erst mal die Funken – Platten der Sex Pistols und der Ramones sind es, die 1977 in Washington, D.C., der Jazz-Rock-Combo Mind Power eine Initialzündung bescheren. Die britischen Punker beeindrucken Sänger H.R., Gitarrist Dr. Know, Schlagzeuger Earl Hudson und Bassist Darryl Jenifer durch Attitüde und Aggression, die New Yorker Pseudobrüder halten nicht nur mit dem Song „Bad Brain“ von ihrer 1978er LP ’Road To Ruin’ als Paten für den neuen Namen her, sondern dürfen trotz der eigenen, damals als halsbrecherisch geltenden Ge-

schwindigkeit gleich erst mal den Staub der vier Rastas fressen. Trotz des bis heute legendären Konsums von eigentlich als entspannend geltenden „Kräutern“ sind die Bad Brains nämlich (wenn sie sich nicht gerade in ihren berüchtigten Reggae-Zwischenspielen austoben) einfach mal druckvoller und schneller als so ziemlich alles, was man sich damals vorstellen kann. Das haben sie mit den zwei Jahre später und gut tausend Meilen weiter westlich, in Saint Paul, Minnesota, gegründeten Hüsker Dü gemeinsam: Gitarrist Bob Mould, Greg Norton (Bass und Schnurrbart), und der noch nicht einmal volljährige Barfuß-Trommler Grant Hart nennen ihre erste (Live-)LP 1982 aus gutem Grund ’Land Speed Record’ und brettern in gut 26 Minuten durch 17 rudimentäre Songs. In wachsendem Maße werden sie zwar dem rumpelnden und kreischenden Wall of Sound Dutzende der ergreifendsten Melodien jenseits der bekannten Pop-Schemata gegenüberstellen und auch das Tempo der Songs etwas drosseln – doch die Geschwindigkeit, mit der sie diese schreiben, aufnehmen und veröffentlichen, ist erstaunlich und erinnert an die Beatles: Sieben Langspielplatten (darunter zwei Doppel-Alben!), eine EP und diverse Singles in den folgenden fünf Jahren.

Dann, 1987, ist Schluss: Mould und Hart entzweien sich dem Vernehmen nach über Dinge wie Drogen und Egos – Dinge, die auch den Werdegang der Bad Brains sicher nicht unbeeinflusst gelassen haben. Immerhin hatten die sich zum Zeitpunkt des Hüsker-Abgangs nach zweijähriger Auszeit gerade relativ frisch wiedervereinigt und ihre dritte Platte ’I Against I’ (1986) veröffentlicht – inklusive eines Songs, direkt übers Gefängnis-Telefon eingesungen vom sich zunehmend zum Problem der Band entwickelnden H.R. Der exzentrische Frontmann will ohnehin eigentlich lieber nur noch in Reggae machen, kann sich aber dann doch nicht so ganz lösen. Die Folge: Trennungen, Wiedervereinigungen, abgesagte Touren, Platten und Shows auch mit anderen Sängern – allerdings: „Die Bad Brains haben sich nie aufgelöst – wir sind eine Familie! Manchmal dysfunktional, aber immer Brüder, die einander nie verlassen haben. Vergiss nicht: Wir waren Brüder, bevor uns die Mission ’Bad Brains’ auferlegt wurde“, beteuert Darryl Jenifer, der die Sache offenbar ganz anders erlebt, als es für Außenstehende den Anschein hat. Überhaupt – frustriert sein, weil trotz Unterstützung und Name-Dropping von Fans wie den Beastie Boys, Hen-


ry Rollins und Madonna(!) die Karriere so recht aus dem Schlingern nie wieder rauskam, und der einst so unfassbar agil-akrobatische H.R. inzwischen regungslos auf der Bühne steht, dabei frappierend der Grinsekatze aus ’Alice im Wunderland’ ähnelt? Nicht mit Darryl: „Das Leben als Bad Brains zu leben, übersteigt die Vorstellungskraft der meisten – wie fast alle göttlichen Missionen. H.R. ist ein wahrer Künstler, der einfach er selbst sein will! Wenn das bedeutet, still zu stehen und zu lächeln, dann segne ihn Jah! H.R. ist doch keine Jukebox für Hardcore-Punker! Der Doc (Dr. Know), Earl und ich hingegen haben kein Problem damit, die altbekannten Riffs zur Fan-Zufriedenheit zu liefern!“ Ganz so verständnisvoll scheint es zwischen Grant Hart und seinem ehemaligen Hüsker Dü-Gegenstück Bob Mould nicht zuzugehen. Auch wenn, wie Hart kürzlich einem US-Radio-Sender erzählte, „wir beide uns besser verstehen als unsere Anwälte“, und sich nach Jahren des gegenseitigen Angiftens eine gewisse „Leben und leben lassen“-Haltung entwickelt habe, klingt doch eine gewisse Bitterkeit mit, wenn Hart erklärt, warum sich unter den Songs auf ’Oeuvrevue’ kaum Lieder aus der Hüsker Dü-Phase finden: Die seien einfach nicht so obskur wie die, die er solo oder mit der Nachfolgeband Nova Mob veröffentlicht hat – bis auf einen namens „No Promise Have I Made“ – „und der ist obskur, weil niemand bei Hüsker Dü daran interessiert war zu lernen, wie er richtig gespielt werden sollte.“ Wie der nun also „richtig gespielt“ wird, gibt es auf der CD zur ersten Deutschland-Tour von Grant Hart seit vielen Jahren zu hören. Denn während Bob Mould seit dem Ende der gemeinsamen Band einen recht regelmäßigen Veröffentlichungs- und TourRhythmus hat, machte sich Hart nicht nur – zumindest hierzulande – extrem rar, sondern veröffentlichte auch zwischen 1999 und 2009 einfach mal zehn Jahre lang keinen Ton Musik. „Es lag an mir, zu entscheiden, was ich tun sollte. Ich lernte eine Menge und verbrachte wichtige Zeit mit meinen ’inspirierenden Hombres’; lernte viel über Kunst und wurde fähig, meine Meinungen mit Fakten zu untermauern.“ Dann erschien mit ‘Hot Wax‘ ein komplett neues Album, dem nun, nur ein Jahr später, eben ‘Oeuvrevue‘ folgt – und nicht nur das: „Die nächste Platte ist etwa halb fertig. Ich werde John Miltons ’Paradise Lost’ als eine Art Pop-Musical präsentieren.“ Dagegen nimmt sich Darryl Jenifers aktuelles musikalisches Baby nahezu „bieder“ aus: ’In Search Of Black Judas‘ ist ein überwiegend zurückhaltendes, atmosphärisches Dub-Album geworden. Ist er der schnellen, harten Songs also überdrüssig? „Nein, die Bad Brains werden die Grenzen des Machbaren ausloten, solange wir alle leben. Aber ich liebe es, alle möglichen verschiedenen Geschmacksrichtungen zu erschaffen und wollte einfach nicht, dass mein Soloalbum ein reines Rock-Album wird.“ Apropos Geschmacksrichtungen – eine relativ große Bandbreite derer liefert in den Achtzigern das damals kalifornische Label ’SST Records’: Neben Black Flag, der Band von Labelchef Greg Ginn, zählen so illustre Combos wie die Descendents, die Meat Puppets, die Minutemen, Sonic Youth und Dinosaur Jr zum Künstlerstamm; Doom Metal (Saint Vitus) gehört genauso zum Programm wie frickeliger Jazz-Punk (Saccarine Trust) oder Avantgarde (Henry Kaiser). Dazwischen: Unsere Helden. Die Bad Brains als schwarze Band, Hüsker Dü mit zwei schwulen Mitgliedern sind in der nach einer kurzen Phase der Offenheit sehr schnell von weißer Heteronormativität und Tough Guy-

Mentalität dominierten Hardcore- und Punk-Szene der Achtziger schon Außenseiter – und als solche scheinbar unvereinbar, denn die Bad Brains sind zwar als musikalische Großtäter unumstritten, nicht aber in Hinblick auf ihre Weltsicht: Besonders diverse homophobe Tiraden und Aktionen von Sänger H.R. haben das Quartett immer wieder in keinem guten Lichte dastehen lassen. Während Grant Hart sich zu dem Thema diesmal nicht äußern mag, signalisiert Darryl Jenifer Reife und das Bewusstsein, aus Fehlern gelernt zu haben, erzählt in Interviews, dass dies hauptsächlich jugendlicher Dummheit und religiösem Übereifer gepaart mit gefährlichem Halbwissen bzw. Zuvielglauben geschuldet sei – und heute vor allem Vergangenheit ist.„Ich habe gelernt, Jahs gesamte Schöpfung zu lieben. Menschen, Tiere, Insekten, Pflanzen – alles was lebt, sollte geliebt werden. Hass ist Tod, Liebe ist Leben.“ Grant Hart jedenfalls sei schon „damals ein guter Freund gewesen. Ich habe in den Achtzigern im Haus seiner Eltern übernachtet und dort eine schöne Gitarre zurückgelassen. Hoffentlich hat er sie noch. ’One Love’ für Hüsker – so nannten wir ihn.“ Vielleicht kreuzen sich ihre Wege bei einer der kommenden Solo-Touren mal wieder. Um abschließend kurz zur Eingangsfrage zurückzukehren – ist das nun also Scheitern? Klar, wie so viele Wegbereiter sind diese beiden Bands vermutlich von den Nachkommenden niedergetrampelt worden, metaphorisch gesehen. So haben Rage Against The Machine, die Deftones oder auch die Red Hot Chili Peppers ihre Luxusanwesen sicherlich nicht unwesentlich auf dem Land begründet, das die Bad Brains erst urbar gemacht haben. Und dass Hüsker Dü sich nicht nur am Anfang der eigenen keimenden kommerziellen Popularität nach zwei Major-Alben, sondern auch verhältnismäßig kurz vor Beginn eines Phänomens namens „Grunge“ auflösten, ist ebenfalls nicht ohne Ironie. Aber wenn man mal die rein materiellen „Werte“ außen vor lässt, dann haben wir es hier mit Menschen zu tun, die ihr gesamtes Wesen in ihre Kunst gelegt, damit Gewaltiges geschaffen und Generationen berührt haben und dies weiterhin mittelbar und direkt tun, und die vor allem immer noch für ihre Musik leben – wenn auch vielleicht nicht besonders gut davon. „Ich lebe in meiner eigenen Welt, in der es Künstlern erlaubt ist, Alben zu machen, so wie sie sie machen wollen; ohne mit irgendwelchen Businessleuten Kompromisse einzugehen“, gibt sich Grant Hart als Träumer zu erkennen, der aber durchaus Realitätssinn hat: „Ich bin schlecht darin, Geschäfte zu führen. Aber meine Ehrlichkeit über mein vormals verdorbenes Leben steht im Kontrast zu den Lügen, die erzählt werden. Ehrlichkeit ist die beste Taktik – Die Wahrheit tut nur denen weh, die lügen.“ Ebenfalls immer gut: Humor. So antwortet Darryl Jenifer auf die Frage, wer denn der titelgebende ’Black Judas’ sei: „Tja – wer ist er, wo ist er? Ist er in Deutschland? Kennt er Kein Hass Da*? Ist er ein Mitglied der berühmten Milli Vanilli? Das frage ich mich auch – und deshalb suche ich ihn!“ Solange die Suche noch läuft, solange die Träume noch nicht ausgeträumt sind, solange sieht Scheitern wohl anders aus. Text: Torsten Hempelt Foto Darryl Jenifer: Atiba Jefferson Heimat: darryljenifer.com & granthart.com

* deutsche Bad Brains-Tribute-Band um Punk-Archivar, Comic-Herausgeber, Ex-Militant MothersSänger und APPD-Mitbegründer Karl Nagel


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SPEZIAL : MUSIKFERNSEHEN

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Seit bekannt ist, dass sich der juvenile Hort der Pop-Kultur mit dem possierlichen Namen MTV Ende des Jahres endgültig aus dem frei zu empfangenden Fernsehprogramm verabschieden wird, sprießen die Nachrufe auf den Sender aus dem Boden wie Unkraut. „Musikfernsehen ist tot“ heißt es, Medienkonzerne und Jugendliche schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und fragen sich verzweifelt: Was nun...? Fragen sie sich das wirklich? Wohl eher nicht! Denn mal ganz ehrlich: Mit Musikfernsehen hatte MTV lange nix mehr zu tun. Am Ende war das nur noch weichgespülter Plastik-Pop, freizügiger DatingPorn und Marketing-Wichserei, vom ewigen JambaGebimmel ganz zu schweigen. Vielleicht hat sich der Sender damit wirklich zum überflüssigen Stück Vergangenheit diffamiert, vielleicht aber auch nicht. Das sollen andere entscheiden! Wir wollen hier keine Fahndung nach Tätern herausgeben, sind nicht auf

Spurensuche und auch kein Bestattungsinstitut. Deswegen maßen wir uns auch gar nicht an, den zigsten Nachruf auf MTV zu verfassen. Dinge ändern sich. Wenn dem nicht so wäre, würden wir noch immer im Leoparden-Wickel-Dress in Höhlen vor uns hin schwitzen oder gar auf Bäume klettern. Aber ein paar Fragen bleiben da doch. Und dass man wenigstens darüber reden muss, hat uns schon die gute Erziehung gelehrt. Deswegen holen wir uns Rat bei denen, die es nicht nur wissen, sondern besser wissen. Und

so treffen wir uns mit MTV-Urgestein Steve Blame zum Mittag, schwelgen mit Markus Kavka in Erinnerungen, fragen nach, was die Beatsteaks eigentlich davon halten und wagen einen Blick auf mögliche Alternativen im Internet. Zugegeben, ein bisschen Sensationsgeilheit und Neugier schwingt hier und da natürlich mit. Wenn also doch der ein oder andere Satz zum „Warum?“ fällt, bitten wir, das zu entschuldigen – wir sind schließlich auch nur Menschen!

Steve Blame

Von Wehmut keine Spur „Ich war der 17. Angestellte von MTV Europe und der zweite Moderator, der dort seine Arbeit aufnahm. Ich war überwältigt, all diese offensichtlich so kompetenten und kreativen Menschen kennenzulernen...“ (Steve Blame: ’Getting Lost Is Part Of The Journey – MTV, Deutschland und Ich’)

Steve war Anfang der Neunziger das Gesicht der MTV News. Alle zwei Stunden flackerte er über die Bildschirme von mehr als 100 Millionen Haushalten in 31 europäischen Ländern. Später war er maßgeblich am Aufbau von Viva 2 beteiligt und hat gerade sein Erstlingswerk über die Tücken der wahnwitzigen Welt der Pop-Musik herausgebracht. Was war MTV für dich früher, was ist es heute? (Lacht)! Am Anfang war es das reine Chaos. Aber gerade aus diesem Chaos konnte eine grandiose Kreativität wachsen, weil wir im Grunde komplett auf uns selbst gestellt waren. Nach und nach wurde MTV aber immer mehr zu diesem „Kooperationsmonster“ und hat sich enorm verändert. Ab Januar muss man für den Sender bezahlen – ein Tod auf Raten? MTV macht das aus einem bestimmten Grund, das kann nur ein ökonomischer sein. Was passiert den tagtäglich für ein Mist auf der Welt, warum gibt es Kriegen? Da spielen doch moralische Aspekte kei-

ne Rolle. Ich persönlich sehe darin wenig Zukunft. Niemand zahlt doch in Deutschland für MTV! Was heißt das? Ich weiß es nicht! Man darf ja auch nicht vergessen, dass sich die Zeiten geändert haben. In den Achtzigern hat man seine Informationen noch übers Fernsehen bezogen, heute hingegen haben wir zig Möglichkeiten und suchen explizit nach dem, was wir sehen wollen. Was hättest du MTV vor fünf Jahren geraten? Nichts! Ich finde es schade, dass es Musikfernsehen so nicht mehr gibt, aber im Grunde ist es mir auch wurscht! Dein bedeutendster Moment bei MTV? Mein Interview mit dem Dalai Lama. Er hat mir unter anderem erzählt, sein Hobby sei es, Radios zu reparieren. Ich meine, der Dalai Lama - the God Of Earth - repariert Radios! Das zeigt doch einmal mehr, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die wirklich zählen.

Worin liegt die Schwierigkeit, wenn man heute noch innovatives Fernsehen machen möchte? Das Problem ist, dass gerade in Deutschland gerne auf Nummer Sicher gegangen und immer erst geschaut wird, wie ein Format woanders funktioniert. Ich wollte hier mal ein Konzept vorstellen und als ich mit dem Wort „neuartig“ ankam, meinten sie nur: „Das wollen wir nicht.“ MTV ist also nicht allein! Heimat: steveblame.com Das ausführliche Interview über Steves Buch „Getting Lost Is Part Of The Journey – MTV, Deutschland und Ich“ und seine Erfahrungen bei und mit der Fernsehwelt gibt es als Video bei sally*sTV.


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SPEZIAL : MUSIKFERNSEHEN

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Markus Kavka

Wie der Vater, so der Sohn! Was Steve Blame für MTV Europe war, ist Markus Kavka für MTV Germany. Klar, dass Steve sein Buch an Markus mit „To my MTV-son“ adressiert und mit „Dein Papi“ unterzeichnet. Für uns erinnert sich der MTV-Ziehsohn an die Zeit bei dem Sender, resümiert den Trubel um die aktuellen Geschehnisse und erklärt, was an den vielen Pseudo-Nachrufen dran ist. Steve beschreibt sich als „Teil eines Hypes... Bis die Seifenblase geplatzt ist.“ Ein Geschichte, die ja irgendwie auch zu dir passt. Schaust du manchmal wehmütig zurück? Wehmut ist in meinem Fall das falsche Wort, weil mir von Anfang an klar war, dass mein Job keiner für die Ewigkeit sein würde. Ich blicke auf diese zehn Jahre mit Freude zurück, weil sie bis dato die aufregendsten in meinem Leben waren. Nehmen wir mal an, wir sehen MTV nie wieder – wie blickst du auf den Sender zurück? Es ist schwierig, das in ein paar Sätze zu packen. MTV war lange Jahre der Inbegriff von Coolness. Durch MTV hat Musik ein Gesicht bekommen, junge Leute einen eigenen Sender, das Fernsehen eine neue Ästhetik und die Musikindustrie ein Promo-Instrument von unschätzbarem Wert. Die Liste ließe sich noch beliebig fortführen. Klar muss aber auch sein: Das war einmal und wird nie wieder so sein. Das ist der Lauf der Dinge. Warum nerven die ganzen Nachrufe auf den Sender? Weil sie in erster Linie von Leuten kommen, die seit Jahren schon kein MTV mehr gucken und nicht verstehen wollen, dass man anno 2010 keinen Sender mehr am Leben erhalten kann, der 24 Stunden Musikvideos ausstrahlt. Manchmal erinnern mich diese Nachrufe in ihrer Tonalität ein bisschen an nölende Kleinkinder, denen man ein Spielzeug weggenommen hat, das sie allerdings sowieso mit’m Arsch nicht mehr angucken würden. Du hast das Internet selbst als Plattform genutzt. Welche Möglichkeiten und welche Nachteile birgt es? Ich persönlich treffe diese Unterscheidung Web vs. klassisches TV gar nicht, weil ich in punkto Vorbereitung und Umsetzung an beides exakt gleich rangehe. In absehbarer Zeit wird es sowieso egal sein, aus welchem Ausspielkanal das jeweilige Format kommt. Hat MTV die Verlinkung mit dem Netz versäumt? Ich tue mich schwer damit, jetzt mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und ihn eines Versäumnisses zu bezichtigen. Ich hätte jedenfalls nicht in der Haut der Leute stecken wollen, die damals strategische Entscheidungen treffen mussten. Mit sehr viel Weitsicht und noch mehr Glück könnte MTV aber heute klassisches Musikfernsehen, Web TV, Social Network und Mobile Provider in einem sein. Heimat: markus-kavka.de

Musikfernsehen 2.0 Was MTV unterschätzt zu haben scheint, haben andere längst für sich erschlossen. Das Internet bietet mittlerweile jede Menge alternative Kostbarkeiten: Online-Sender wie putpat, tape.tv, die Videoportale um den Branchenführer YouTube und zig Magazinformate. Wer weiß, was er sucht, wird fast immer fündig. Beim personalisierten Musikfernsehen sind die Inhalte in den Händen des Users und die Künstler unabhängig von mächtigen Plattenbossen. Dennoch: Der Kosmos bleibt beschränkt! Wer auch immer den Anspruch auf den Titel „neues Musikfernsehen“ erheben darf, sei mal dahin gestellt. Fakt ist, dass sowohl putpat als auch tape. tv Musikfernsehen wieder zum Leben erwecken und uns ermöglichen wollen, wie früher rund um die Uhr Musikvideos zu schauen. Doch auch wenn beide Plattformen mit der Abstinenz von Klingeltonreklame und Seifen-Opern werben, ist jedem, der nach Adam Riese eins und eins zusammenzählen kann, klar – ganz ohne Knete geht es nicht. Der Unterschied ist lediglich, dass die Finanzierer hier (noch) nicht aus der Klingeltonindustrie kommen, sondern wie beim normalen Fernsehen Werbespots zwischen den Videos gezeigt werden - und zwar nicht zu knapp. Auch sonst haben die Plattformen einiges gemein. Bei beiden gilt zuerst einmal: Anmelden! (Praktisch: putpat ermöglicht es, das last.fm-Konto mit dem Account zu verknüpfen.) Ist das geschehen, funktionieren sie nach demselben Prinzip: Ein intelligenter Musiksender lernt, merkt sich die Entscheidungen des Users und spielt nur die Clips, die dem persönlichen Geschmack entsprechen. Unter Einstellungen lassen sich dazu verschiedene Genre und Channels anwählen. Gott sei Dank, denn ohne diese Feinjustierungen wären beide Programme sehr weichgespült. Der Ver-

such, Künstlernamen direkt einzugeben, führt übrigens oft nicht ans Ziel. Dennoch, in Zeiten, in denen YouTube längst nicht mehr alle erdenkliche Musik bereithält, eine gute Sache. Wer mehr auf Inhalt setzt und sich fragt, was eigentlich aus den - meist von Moderatoren - angeführten Sofalümmeleien geworden ist, bei denen unsere Lieblingsbands einst mit ehrlichen Fragen konfrontierten wurden, dürfte ebenfalls fündig werden. Immerhin reden wir vom luftleeren Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. Richtig überzeugend sind aber nur einige wenige Angebote. Von den Formaten verschiedener Musikmagazine wie intro.tv oder unserem hauseigenen Channel sally*sTV, bis hin zu bandinternen Videoblogs oder gänzlich unabhängigen Plattformen wie tiefentaucher, vertigo oder bunch.tv kann man sich fast täglich mit neuem Junk-Food versorgen. Der Vollständigkeit halber hier irgendwas aufzulisten, lassen wir bleiben! Wir wollen euch aber folgenden Rat mit an die Hand geben: Wer aufmerksam durch die Weiten des Internets streift, der kann jede Menge ungeschliffener Perlen entdecken, die den regelmäßigen Konsum durchaus wert sind, auch unabhängig vom Musikkosmos.


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SPEZIAL : MUSIKFERNSEHEN

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Die Beatsteaks

machen sich „mal wieder eine Rübe...“ ...und wandern ebenfalls ins Netz ab. Nach fast zwei Jahren Abstinenz melden sie sich mit dem bandeigenen Sender Beat.tv endlich aus der Versenkung zurück und verraten, womit sie sich bis dato ihre kostbare Zeit vertrieben haben. Torsten Scholz steht schon jetzt Rede und Antwort. Was genau verbirgt sich denn hinter Beat.tv? Eigentlich war es als Format konzipiert, das ein paar Wellen schlage sollte, bevor unsere Platte im Januar rauskommt. Nach nur einer gesendeten Folge hoffe ich aber, dass wir es vielleicht schaffen, auch ein bisschen was von uns zu zeigen, das man sonst so nicht sieht. Ihr haltet nicht etwa selbst mit der Kamera drauf, sondern lasst euch das Ganze gerne was kosten. Warum? Weil wir wollen, dass es gut wird! Eine Digitalkamera auf Tour anmachen und blödes Zeug labern – das kann und macht ja fast jeder. Wir allerdings machen uns mal wieder eine Rübe, haben Konzept und all so Zeug. Wie essentiell ist es als Kunstschaffender, möglichst viel Präsenz im Internet zu zeigen? Ich bin wahrscheinlich zu alt, um diese Frage rich-

tig zu beantworten. Ich denke, gute Platten machen und sich live Mühe geben, ist 1.000 Mal wichtiger als eine Homepage und ein Facebook-Account. Weil aber Menschen um uns rum sind, die uns lieb haben und wollen, dass wir alles richtig machen, haben wir den ganzen Käse natürlich auch. Welche Rolle spielt das Kulturgut Musikvideo in diesem ganzen Kosmos noch? Eine ganze Menge! Wir reden uns zumindest seit mehreren Tagen die Köpfe heiß, wie das Video zur neuen Single aussehen soll. Ist Musikfernsehen nun wirklich tot? Weiß ich nicht, ist es tot? Das verschiebt sich alles nur ein wenig. Früher saß ich bei MTV vor „120 Mi-

nutes“ oder „Yo!“ und habe mir Platten aufgeschrieben, die ich unbedingt haben musste. Und heute ist’s eben eine Online-Plattform. Dass ihr heute so erfolgreich seid, daran ist MTV nicht ganz unschuldig. Wofür möchten sich die Beatsteaks bedanken? Dafür, dass es dort irgendwann mal Leute gegeben hat, die gesagt haben: “Ach komm, das ’Summer’Video von diesen Beatsteaks ist gar nicht zu dunkel. Lass mal spielen und die Band vielleicht mal einladen...“- obwohl wir keine 100.000 Platten verkauft haben! Heimat: beatsteaks.com

Money... for nothing

Bevor MTV dann künftig weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit sendet, sollten sie als letzten frei empfangbaren Song vielleicht noch mal „Money For Nothing“ von den Dire Straits spielen, der 1987 übrigens der erste Clip auf MTV Europe war. Passt auch so hübsch zum neuen Sendekonzept.„No Money for everything“ gibt es hingegen im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten:

Und jetzt... zisch ab, MTV!

Unsere Taschentücher sind aufgebraucht, die Tränenkanäle versiegt. Zeit, ein Resümee zu ziehen: Wenn MTV sich jetzt also von der Bildfläche verabschiedet, dann ist das nichts anderes, als ein Auftakt für neue Legenden. Und wer weiß, vielleicht birgt das Ganze ja sogar eine Chance für die kleine Schwester von MTV. Viva bleibe jedenfalls kostenlos und werde sich programmlich künftig breiter aufstellen, heißt es in der Pressemitteilung des Senders. Und auch das Internet wird seinen Teil dazu beitragen, eine Lücke zu schließen, die uns offenbar soviel Kopfzerbrechen bereitet. Ein bisschen denken wir trotzdem wehmütig an die guten alten Zeiten zurück, als wir uns um drei Uhr Nachts mit billigem Bier vor dem Fernseher tummelten, um den aufwühlenden Klängen von Metallica und Nirvana zu lauschen, bis wir eng umschlungen einschliefen. Geblieben sind uns eigentlich nur das Bier, Metallica und die Erinnerung! Verdammt, MTV, jetzt zisch schon ab, bevor wir wirklich noch anfangen zu heulen! Alle Texte: Stephanie Johne

Sehenswert: beat.tv, .tiefentaucher.tv, bunch.tv, intro.tv, tape.tv, puptat.tv Pflicht: sallys.tv


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REISEFÜHRER

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FÜHRER E IS E R L L O 'R 'N K C O R

Mit Who Knew und FM Belfast

nach Reykjavík

Carmen Mannhardt und Henning Kruse

Wenn ihr das hier gelesen habt, wisst ihr, wo euer nächster Urlaub hingeht. Mit diesen Tipps von Who Knew-Sänger Ármann Ingvi und Fräulein FM-Belfast Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir erlebt ihr in Islands Hauptstadt Reykjavík die Party eures Lebens. Welche drei Gegenstände dürfen in unserem Reisegepäck nicht fehlen? Ármann: Haargel, schicke Klamotten, Sarkasmus.

schen und Einheimische kennen lernen. Außerdem kann man ALLES kaufen, auch die Möbel. Wo sehen wir die besten Live-Bands?

Market“ (Geirsgata), das ist ein Indoor-Flohmarkt, wo es CDs, Klamotten, antike Möbel, Schmuck aber auch isländische Spezialitäten zu kaufen gibt.

Deine Lieblingsbar ist? Ármann: „Kaffibarinn“ (Bergstadastraeti 1) ist die legendäre Bar, die einmal Damon Albarn und Regisseur Baltasar Kormákur gehört hat. Hier feiern die berühmten Leute.

Hemmi og Valdi

Hamborgarabúlla Tómasar

Lóa: Im Oktober beim „Iceland Airwaves Festival“. Aktuelle Termine findet man im „Grapevine“, einem Programmheft in englischer Sprache. Ármann: „Sódóma Reykjavík“ (Tryggvagötu 22), „Faktorý“ (Smiðjustígur 6) und „NASA“ (Thorvaldsenstræti 2) – diese Clubs sind außerdem gut zum Ausgehen.

Welche Gerichte sollten wir mit unserem ungeübten Gaumen besser meiden? Lóa: Ich würde auf eingelegte Körperteile von Tieren verzichten, die sind nicht so lecker. Ármann: Haltet euch fern von allem, was im Rahmen des „Þorrablót“, einem isländischen Fest im Winter, serviert wird: fermentierter Haifisch, gesengte Lammköpfe, gesäuerte Widderhoden oder Trockenfisch. Für uns sind das Delikatessen.

Kaffibarinn

Lóa: „Bakkus“ (Tryggvagata 22)! Ármann: Hier tummeln sich Künstlertypen. Der Laden ist recht schäbig, doch sie haben einen Kickertisch und einen Fotoautomaten, in dem man rummachen kann. „Bar 11“ (Laugavegur 11) ist der lokale Rock-Schuppen – die rocken da bis zum Tagesanbruch. Tagesanbruch? Diesen Begriff kennen Einheimische nicht! Bar 11

Ein nettes Café? Lóa: „Tíu Dropar“ (Laugavegur 27) ist wie das Haus deiner Oma dekoriert, es gibt Frühstück und Kuchen. Ármann: „Hemmi og Valdi“ (Laugavegur 21) ist das gemütlichste Café. Hier kann man sitzen, quat-

Wo bekommen wir ein bisschen Kultur geboten? Lóa: In den Galerien „Kling & Bang“ (Laugavegur 23) und „i8“ (Tryggvagata 16) und dem Kunstmuseum „Hafnarhúsið“ (Tryggvagata 17). Ármann: Checkt all die tollen isländischen Bands live und unter gogoyoko.com. Wo sollten wir shoppen gehen? Was macht die isländische Mode aus? Ármann: Ihr könntet zu „Naked Ape“ gehen (Bankastræti 14) oder zu „Kronkron“ (Laugavegi 63B). Lóa: Aftur, Forynja, Kvk, Mundi und E-Label sind isländische Labels, die man alle im Stadtzentrum (Laugavegur) findet. Ich bin nicht sicher, was typisch isländisch ist – viel Schwarz und auffällige Muster. Wo können wir eine typisch isländische Delikatesse essen? Ármann: Im „Sægreifinn“ am Hafen (Geirsgata 8) gibt es eine berühmte Fischsuppe und auch Wal-Steak. „Hamborgarabúlla Tómasar“ (Geirsgötu 1) ist ein guter Burgerladen und die besten Hot Dogs der Welt gibt’s am Stand bei „Bæjarins Bestu“ (Tryggvagata 101). (Bill Clinton hat hier mal einen mit Senf gegessen.) Lóa: Im „Þrír Frakkar“ (Baldursgötu 14), „Frú Berglaug“ (Laugavegi 12) und auf dem Kolaportið Flea

Der romantischste Ort der Stadt ist? Lóa: Der Leuchtturm von Grótta. Ármann: Seht euch mit eurem Date das Nordlicht an. Was ist ein schönes Ausflugsziel? Ármann: Fahrt nach Norden ins Myvatn-Gebiet mit all den heißen Quellen und Vulkanen, nach Nordwesten entlang des ganzen Vestfyrðir. Im Osten gibt es eine tolle Berglandschaft, im Süden kann man surfen oder eine Gletscherwanderung machen. Macht Bilder vom berühmten Gletschersee Jökulsárlón und all den Wasserfällen. Lóa: Fahrt auf die Halbinsel Snæfellsnes. Da gibt es einen Gletscher, einen Strand und nette kleine Städte. Welches thermale Freibad ist zu empfehlen? Lóa: „Laugardalslaug“ ist super. Es befindet sich in Laugardalur (Sundlaugarvegur) und hat eine Wasserrutsche. Text: Christine Stiller, Heimat: myspace.com/wellwhoknew; myspace.com/fmbelfast Auch gut: „Bits And Pieces Of A Major Spectacle“ und „How To Make Friends“ - die aktuellen Alben von Who Knew beziehungsweise FM Belfast


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TEST

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TEST

BOSSE

Im großen Jahresrückblicks-Test

Auch wenn das aktuelle Jahr mal wieder nur so verpufft ist, sind die meisten Schlagzeilen schon fast wieder vergessen. Sänger Axel Bosse hilft euch jetzt, euer Gedächtnis ein wenig aufzufrischen. Einen Telefon- und 50/50-Joker könnte er beim Beantworten der folgenden zehn Testfragen zur Hilfe nehmen, wenn er das denn wollte.

Frage 1 Der Pilz des Jahres 2010 ist...

A Der Flamingo B Die Schleiereule C Der Haussperling D Der Mauersegler Bosse: Der Fußpilz. Nein. Ich glaube, es ist der Mauersegler, weil er so leicht zu pflücken ist - immer auf Augenhöhe an der Mauer. Ach, das ist ja ein Vogel. Ich weiß es sowieso nicht.

Korrekte Antwort: B

Frage 2 Wie kürzlich bekannt wurde, soll König Carl XVI. Gustaf von Schweden angeblich eine Affäre mit einer Dame gehabt haben, die Sängerin welcher Kapelle war?

A ABBA B Ace Of Base C Army Of Lovers D A*Teens Bosse: Army Of Lovers hieß diese Band. Wenn ich morgens aufstehe, checke ich immer erst spiegel.de, sueddeutsche.de und dann aber auch bild. de und daher weiß ich das ganz genau. Ich weiß

sogar, wie die aussieht, das ist so eine Braunhaarige. Heute ist sie 46, der König ist, glaube ich, 67. Diese Band ist eigentlich der Grund, warum ich überhaupt angefangen habe, Musik zu machen. Mein Pianist hat, glaube ich, auch schon mal mit der Frau geschlafen.

Korrekte Antwort: C

Frage 3 Warum war Lady Gagas Fernsehauftritt bei den diesjährigen MTV Video Music Awards nichts für Tierfreunde?

A Sie aß genüsslich einen Hot Dog, während

sie über den Roten Teppich stolzierte

in einer Prada Tasche dabei

mit einem pink-gefärbten Lamm zur Verleihung

B Sie erschien in einem Fleisch-Outfit C Sie hatte ihre beiden Siamkatzen

D Sie kam als Schäferin verkleidet und

Frage 4 Die französische Nationalmannschaft gab bei der WM 2010 ein desolates Bild ab und schied schon in der Vorrunde aus. Welcher Skandal kam ihnen allerdings NICHT in die Quere?

A Ein Trainingsstreik der Spieler B Die Suspendierung Nicolas Anelkas’,

nachdem er Trainer Domenech angeblich als „dreckigen Hurensohn“ beschimpft hatte C Eine angebliche Schlägerei zwischen den Offensivkräften Ribery und Gourcuff im Flugzeug D „Le Figaro“ veröffentlichte Fotos, die heimlich in der Spielerdusche aufgenommen wurden Bosse: Die WM habe ich verfolgt und sage: es war die Schlägerei! Davon habe ich nichts gehört... Von der Duschsache allerdings auch nicht. Ich nehme den 50/50-Joker.

Bosse: Das war das mit dem Fleisch, die hatte sich so ein Kotelett umgehängt. Das Foto habe ich noch vor Augen – bild.de! Ich wollte ja in meiner Kindheit immer Fleischer werden...

A Ein Trainingsstreik der Spieler D „Le Figaro“ veröffentlichte Fotos,

Korrekte Antwort: B

Bosse: Ok, dann sage ich D.

die heimlich in der Spielerdusche aufgenommen wurden

Korrekte Antwort: D


Frage 5 Im Mai 2010 rief der italienische Ministerpräsident Berlusconi höchstpersönlich in einer kleinen Mailänder Polizeiwache an, um die Freilassung seiner marokkanischen Lieblings-Prostituierten Ruby anzuordnen. Mit welcher Notlüge erreichte er das?

A Er behauptete, sie sei eine Enkelin des

ägyptischen Präsidenten Mubarak

B Er habe vergessen, sie zu bezahlen und

wolle das gerne persönlich und in bar nachholen C Ruby habe für die Carabinieri verdeckt im Rotlichtmillieu ermittelt D Er fürchte, dass sie sich im Gefängnis ansteckende Krankheiten zuziehen könnte Bosse: Antwort A – das hab’ ich gelesen. Da gab’s einen Artikel in der Sueddeutschen Zeitung. Die anderen Sachen sind zwar schlau ausgedacht, aber ich kenne die Antwort. Das war jetzt aber nicht die gleiche Dame wie die von Franck Ribery, oder?

Korrekte Antwort: A

Frage 6 Die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 21. April im Golf von Mexiko führte zur schlimmsten Ölkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Wie viele Liter Öl flossen zwischen dem 21. April und dem 15. Juli 2010 (dem Tag an dem das Bohrloch zum ersten Mal dicht war) täglich(!) ins Meer?

A Ein Stamm hatte die Häuptlingstochter

des anderen Stammes entführt

Handy-Klingelton des anderen beleidigt

B Einer der Stämme fühlte sich durch den C Ein Stammesmitglied hatte das Auto

eines anderen gestohlen und zu Schrott gefahren D Mitglieder des einen Stammes haben im Haus des Häuptlings des anderen Stammes randaliert. Bosse: Das habe ich nicht gelesen, scheiße. Dann nehme ich jetzt aber, weil es so absurd klingt, den Handyklingelton. Das kann man sich nicht ausdenken, das muss wahr sein. Was auch immer das für ein Ton war.

Korrekte Antwort: B

Frage 9 Am 5. November startete der zwölfte CastorTransport in Nordfrankreich mit dem Ziel Gorleben. Wo genau in Gorleben werden die CastorBehälter gelagert?

A Unterirdisch in einem Salzstock B Überirdisch in einer grünen Halle C Unterirdisch in einem alten Stollen D Unterirdisch in einer Betonhalle Bosse: Ich komme ja aus der Asse, da ist es, glaube ich, mit Salz bedeckt. In Gorleben allerdings... ’Ne grüne Halle? Ich glaube, dass es in Gorleben genauso wie in der Asse in einem Salzstock gelagert wird.

Korrekte Antwort: B

Frage 10

A Zwischen 8 und 10 Millionen Liter B Zwischen 20.000 und 40.000 Liter C Unter 2 Millionen Liter D Zwischen 100.000 und 500.000 Liter

Wer ist Anna Chapman?

Bosse: Ich sage „Unter 2 Millionen Liter“. Da kenne ich mich nicht aus, aber das wäre mein Tipp.

C Eine ehemalige russische Spionin D Ein Unterwäsche-Design aus der

A Der neue Zwerghund von Paris Hilton B Die uneheliche Tochter von

Arnold Schwarzenegger

Korrekte Antwort: A

neuen Victoria’s Secret-Kollektion

Frage 7

Bosse: Das weiß ich jetzt wieder – sicher auch von bild.de. Die sexy Spionin, die ist in Russland jetzt ein Star. In Amerika hat sie ziemlich prüde in so einer Wohnsiedlung gelebt hat. Niemand weiß, was sie wirklich ausspioniert hat, man weiß nur, wie sexy sie ist. Da wird doch jetzt ein Kinofilm über sie gedreht. Und ein Buch hat sie doch auch schon geschrieben. Die Paris Hilton von Russland.

Wie heißt der neu aufgelegte Vertrag, den Barack Obama und Dmitri Medwedew am 8. April 2010 zur atomaren Abrüstung unterzeichneten?

A STOP B START C HALT D WAIT

Korrekte Antwort: C

Bosse: WAIT! Moment, lasst mich mal kurz überlegen – ich habe darüber auch was gelesen... Nein, das heißt START-Abkommen. Ja stimmt, das habe ich gelesen, wahrscheinlich nicht auf bild.de.

FAZIT

Korrekte Antwort: B

Frage 8 Im November kam es in Indonesien zu heftigen Stammeskämpfen. Hunderte Menschen attackierten sich mit Pfeilen und Macheten, Dutzende Häuser und mehrere Autos brannten nieder. Warum?

Spiegel-Leser wissen mehr, aber eben auch nicht alles. Bosses sieben richtige Antworten beweisen, dass auch Bild (ihn) bildet – irgendwie. Wenn wir die richtigen und falschen Antworten nochmals genauer analysieren, können wir sogar feststellen, dass er in Sachen Klatsch, Tratsch und Prominente zu 100% richtig gelegen hat. Unnützes Wissen nutzbar gemacht. Text: Christine Stiller Foto: Patrick Wamsganz Heimat: axelbosse.de


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MUSIK STORIES

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The Fog Joggers Gern mit Echtheitsgarantie

Wer den schnellen Erfolg sucht, sollte idealerweise ein Ohr für musikalische Modeerscheinungen haben. Statt sich jedoch dem allgemeinen Massengeschmack anzubiedern, setzen The Fog Joggers auf ein Pony, das heute nicht mehr ganz so zügig läuft. Die Zeiten, als Sechziger-inspirierter Blues-Rock auch von den hippsten Indie-Schnitten abgefeiert wurde, sind vorbei. Fürs Erste. Wieso es sich für all jene trotzdem lohnt, den vier Mittzwanzigern mal genauer zuzuhören? In erster Linie, weil es den Jungs aus Nordrhein-Westfalen schlichtweg egal ist, dass andere Bands ihre Musik momentan in Synthetik und Surf-Pop-Anleihen ersticken. Sollen die ruhig den Hype bedienen, die Trends von heute sind schließlich die eingeschlafenen Füße von morgen. Jan, Christian, Stephan und Ben bleiben sich und ihrem eigenen Musikgeschmack lieber gleich ganz unbeeindruckt treu und lassen sich unter anderem von Motown-Platten, den Beatles, den Rolling Stones oder auch den Doors inspirieren. Mit einem

Minimum an Idealismus betrachtet, ist es das, was zählen sollte – für eine junge kreative Künstlerseele. Die Fog Joggers haben ihre eigenen Stärken, zum Beispiel eine filigrane Art, recht komplexe Songs zu komponieren. Und dann ist da noch diese Stimme... Sänger Jan Büttner singt mit aller Hingabe, klingt dabei gleichzeitig jedoch weit abgeklärter und reifer, als man es von jemandem erwarten würde, der gerade mit „To Strangers And Friends“ seine erste EP veröffentlicht. Das Debütalbum der Band ist in Arbeit, und wer sich von ihren unbestrittenen Live-Qualitäten überzeugen will: am 27. Januar startet die nächste Tour. Text: Christine Stiller Heimat: myspace.com/thefogjoggers

Screaming Females The New Kids!

Marissa Paternoster verteilt aus dem Backstage-Catering gerettete Schokolade an die Vorbands, während Bassist „King“ Mike sich fragt, ob in Tschechien der Euro ebenfalls die gängige Währung ist. Dort nämlich führt ihre Tour die Screaming Females als nächstes hin. Doch noch steht das Trio aus New Brunswick, New Jersey, vor dem Bang Bang Club in Berlin und hat soeben die letzten Equipment-Teile in einen Kleinbus mit holländischem Kennzeichen geladen. Kurz zuvor haben die drei bei ihrem ersten BerlinAuftritt das Publikum schwer beeindruckt. Dabei sind die Zutaten denkbar einfach und bekannt – Schlagzeug, Bass, Gitarre & Gesang. Während Mike und Jarrett vor allem ein supersolides Fundament legen, ist natürlich Marissa Paternoster unleugbar Zentrum der Aufmerksamkeit. Nicht umsonst wurde die kleine Frau mit der großen Frisur von der New Yorker ’Village Voice’ als „Best Guitar Shredder 2009“ apostrophiert. Und so punktet sie nicht nur mit einer tollen Stimme, sie legt auch mit einer beeindruckenden Beiläufigkeit ein ums andere Mal Gitarrensolos (sic) aufs Parkett, die zwar einen J Mas-

cis nicht sofort alt aussehen, aber doch zumindest aufhorchen lassen sollten. Was anscheinend bereits geschehen ist, denn in den USA spielten die „Screamales“ kürzlich im Vorprogramm von Dinosaur Jr. Und auch von The Dead Weather – was besagte ’Village Voice’ zur Frage veranlasste, wie sich Jack White nach dem, was Marissa unmittelbar zuvor veranstaltet hatte, überhaupt noch auf die Bühne traute. Große Worte, aber dies ist auch eine potentiell große Band – und im Frühjahr 2011 kommen sie wieder! Text: Torsten Hempelt Heimat: screamingfemales.blogspot.com

Underoath

11. Gebot: Du sollst Underoath hören!

Höret das Evangelium: Auch ohne Gründungsmitglieder machen Underoath das, was sie am besten können: aufwühlenden Progressive-Core. Beweis: das neue Album ‘Ø (Disambiguation)‘, das alles andere ist als eine leere Menge! Verliert eine Band ihr letztes Gründungsmitglied, kann man ihr in neun von zehn Fällen die finale Ölung verpassen. Doch Underoath waren unter zehn stets die eine, die herausstach. Kurz vor den Aufnahmen ihres siebten Opus haben die Eidgenossen aus Florida mit Trommler Aaron Gillespie nun tatsächlich ihren letzten Gründer verloren – doch von Ölung keine Spur. Im Gegenteil: „98% der Leute, die heute unsere Band kennen, haben sowieso keine Ahnung, was Underoath am Anfang für Musik gespielt haben.“ Underoath: 1. Rest: 0. Dass der Ausstieg von Aaron, mit dem man schon längere Zeit über die musikalische Ausrichtung uneins war, und der Neuzugang von Daniel Davison (Ex-Norma-Jean) einer kreativen Auferstehung gleichkommt, daran lässt ‘Ø (Disambiguati-

on)‘ keinen Zweifel: So vertrackt, experimentell, melodiös und hart zugleich war der Tampa-Sechser noch nie – und das will was heißen bei diesen durchgeknallten Christ-Core-Geschossen, deren zwei jüngste Platten in den Staaten die Top Ten der Billboard Charts aufmischten. In Deutschland noch Lichtjahre von ähnlichem Erfolg entfernt, wünscht man Underoath ja nicht erst seit heute, dass sie auch hierzulande endlich richtig durchstarten – auch wenn die plakative Gesinnung, im Rahmen derer sie ihre Konzerte gerne auch mal Jesus Christus widmen, nicht bei jedem hiesigen Heiden gut ankommt. Amen. Text: Ben Foitzik Heimat: underoath777.com


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MIXTAPE

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WAS HÖRT EIGENTLICH... ANGELIKA EXPRESS Der Weg von Bergisch Gladbach bis zum neuen Angelika Express-Album „Die Dunkle Seite Der Macht“ war lang. Sänger Robert Drakogiannakis nimmt uns noch einmal mit an den Frühstückstisch seiner Kindheit und in den Kölner Sonic Ballroom. Außerdem verrät er, warum Sido ganz okay ist, MySpace hingegen nicht und gewährt Einblick in seine geheimen Wünsche... Welcher Song mit deutschen Texten hat dich geprägt? Eine der ersten Bands, die mich wirklich gekickt haben, waren die Fehlfarben. Ihr ganzes Album „Monarchie Und Alltag“ war für mich auch als Songschreiber sehr prägend und ist bis heute unerreicht. Ein Jahr nachdem wir mit Angelika Express angefangen hatten, sind wir mit Fehlfarben auf Tour gegangen. Dadurch war das für mich schon eine ganz besondere Konstellation. Welchen Song legst du auf, wenn es dir schlecht geht? Wenn ich in melancholischer Stimmung bin, höre ich gern „Radio City“, das zweite Album von Big Star. Der Song „September Gurls“ hat was total Trauriges, gleichzeitig fühlt man sich dabei, als ob die Sonne aufgehen würde. Dieser Kontrast macht ihn zu einem echten Seelenöffner. Es ist genau die Art von Song, die später durch Elliott Smith kultiviert wurde. Euer Song „Die Kanonen Von Ehrenfeld“ ist eine Art Loblied auf den Sonic Ballroom. Welcher Song verbindet dich außerdem noch mit dem Club? Wenn ich den Sonic Ballroom betrete,

muss ich oft an „Never Mind The Bollocks“, das Album der Sex Pistols denken. Mit ungefähr 15 habe ich es ständig gehört. Morgens vor der Schule, während ich mein Leberwurstbrötchen gegessen habe und nachmittags direkt wieder. Irgendwie ist es so, dass ich in die Zeit von damals transferiert werde, wenn ich dort an der Theke stehe und der DJ einen Song der Sex Pistols auflegt. Wer sollte dich mal zum Duett auffordern? Joe Strummer, aber er ist ja leider tot. Bei einer The Clash-Reunion seinen Platz einzunehmen, wäre aber ein Traum. Ich rechne nicht unbedingt damit, aber falls jemand fragt: Ich bin bereit, um „Lost In The Supermarket“ zu singen. Ihr habt eure MySpace Seite dicht gemacht. Sido sei daran nicht ganz unschuldig, wie es heißt. Am

HipHop lag es aber nicht, oder? Die Sido-Anzeige war ein Ärgerns, aber letztlich nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es ging nicht um seine Musik, sondern grundsätzlich um die übermäßige Werbung auf MySpace, die mich gestört hat. Viele Bands haben einfach keine normale Homepage mehr, was ein Fehler ist, aber so führt im manchen Fällen kein Weg an MySpace vorbei. Ich mag HipHop eigentlich, auch wenn ich kein großer Kenner bin. „Planet Rock“ von Afrika Bambaataa & The Soulsonic Force zum Beispiel ist wirklich gut. Welche Band hat dich politisch geprägt? Da ich mit Dead Kennedys aufgewachsen bin und nicht mit Mainstream-Musik, hat das schon Spuren hinterlassen. Als Jugendlicher habe ich ihre Texte übersetzt, damit ich verstehe, wovon Jello Biafra überhaupt singt. Songs, in denen die Botschaft eine wichtige Rolle

spielt, funktionieren aber natürlich nur, wenn auch die Musik packend ist und eine Haltung transportiert. Wenn es auf den politischen Aspekt reduziert ist, wird es immer ein bisschen eklig. Text: Ina Göritz Heimat: angelika-express.de Aucht gut: „Die Dunkle Seite Der Macht“ das neue Album von Angelika Express

DAS MIXTAPE

Fehlfarben „Paul Ist Tot" Big Star - „September Gurls“ Sex Pistols – “Pretty Vacant” The Clash – “Lost In The Supermarket” Afrika Bambaataa & The Soulsonic Force – “Planet Rock” Dead Kennedys – „California Über Alles“


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SPEED DATING

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SPEED DATING

Smith Westerns Adai Suchen: Harte Kerle, bleiben dabei aber selbstverständlich im entscheidenden Moment ganz weich. Keine Angst. Der erste Eindruck: Ihr da, hört auf, euch zu beschweren! Natürlich wurdet ihr gewarnt. So ein Date ist eine Wundertüte. Dass ihr IndieGören aber auch jedem Trend hinterherhecheln müsst. Jetzt habt ihr den amerikanischen Brüllbären an der Backe. Pech. Darin bin ich eigen: In Indie-Land wagt es niemand, sich vorzustellen, wie es bei diesen Post-Rock/Metal-

Kapellen zugeht – beziehungsweise, wie die Leute im Publikum aussehen. Jetzt seid ihr mittendrin und euer Stirnbändchen reicht nicht aus, um sich die Augen damit zu verdecken. Seht hin, hier ist alles echt. Hochzeit oder kurze Affäre: Es ist nie zu spät, sich umpolen zu lassen – also von Poppy-Pop zu Metal-Zeugs. Wer mitmacht, bei dem funkt es hier vielleicht auf den viel zitierten zweiten Blick.

VERsuchen: auf der Bühne erwachsen zu werden. Der erste Eindruck: Diese Teenager holen das Surfbrett aus der Garage, aber das ist ja im Moment auch super angesagt. Wer will schon ein Date von gestern?! Das werden die Schwiegereltern sagen: Sagen werden sie nichts, nur endgültig die Hoffnung verlieren, dass sie in den nächsten Jahren Enkelkinder bekommen. Diese Jungs sind ja schließlich selbst gerade erst den Windeln entwachsen.

Hochzeit oder kurze Affäre: Smith Westerns spielen im Dezember im Vorprogramm von MGMT. So könnten sie alle Pragmatiker natürlich als Sprungbrett ins nächst höhere Etagenbett ansehen. Wer dann runterfällt, muss aber leider doch eine Vollmacht der Eltern der Jungen holen, um bis zum Traualtar für völlig überstürzte Teenagerliebe vorgelassen zu werden. Heimat: myspace.com/smithwesterns Aktuelles Album: „Smith Westerns“

Heimat: myspace.com/adai Aktuelles Album: "We Are All Dead"

Awkward I Suchen: Selbstbewusste Kuschelkäfer, die dem Kandidaten ein bisschen die Schüchternheit austreiben. Der erste Eindruck: Dieser Bandname ist für ein Speed Dating natürlich ähnlich praktisch wie einen Klamottenladen für Mollige „Blauwal“ zu taufen. Dates an sich sind ja schon unangenehm, und dann dieser Softie... Aber ihr packt das schon. Darin bin ich eigen: Hier sitzt immerhin ein ganz sympathischer Typ – der ab und zu an Jack Johnson erinnert: Mit richtiger Band, mehr Tiefgang und ohne Sommerlaune - aber in Holland ist das Wetter ja auch nur so mittel. Hochzeit oder kurze Affäre: Ja, das könnte passen. Bei so viel gefühl-

Fistful Of Mercy

voller Zurückhaltung steht IHR dann auch wenigstens bei allen Partys endlich immer im Mittelpunkt. Hurra! Heimat: myspace.com/awkwardi Aktuelles Album: "I Really Should Whisper"

Buck Brothers Suchen: „Girls in skirts and boots on bikes.“ Der erste Eindruck: Punk ist nicht immer ein schmutziges Geschäft. Diese Londoner Party-Punker lassen sich nur manchmal eine Kruste stehen. Darin bin ich eigen: Die Kapelle hat 2007 einen Guinness-BuchRekord aufgestellt: 28 Konzerte in zehneinhalb Stunden! In der Alltagspsychologie von Frauenmagazinen ist dieser Mann also eindeutig: „ehrgeizig! Temperamentvoll! Gut organisiert und potent genug, um eine doppelte Drillingsschwangerschaft anzuzetteln!“ Der Wahnsinn.

Hochzeit oder kurze Affäre: Ihr wisst doch, wie das mit diesen Punkern ist: Nach einmal besoffen Drüberrollen kennen sie euren Namen nicht mehr – obwohl, den wussten sie wahrscheinlich nie. Aber die Drillinge gibt’s trotzdem gratis. Schön. Heimat: myspace.com/buckbrothers Aktuelles Album: „We Are Merely Filters“

Suchen: Speed Dating my ass! Sie könnten dieses Spiel erfunden haben! Der erste Eindruck: Folk, ein bisschen Pop, ein wenig Kitsch und große Namen. Darin bin ich eigen: Auf welche Band trifft diese Art des Kennen- und Liebenlernens besser zu?! Eine flüchtige Begegnung von Singer/Songwriter Ben Harper und Dhani Harrison (Sohn von Beatles-Mitglied George) in einem Skate Park war die Initialzündung, um

später gemeinsam mit Harpers Freund Joseph Arthur eine Platte aufzunehmen – in nur drei Tagen! Hochzeit oder kurze Affäre: So eine Supergroup ist was für erfahrene Dater, zumal die Herren mittlerweile auch schon das eine oder andere ExBeziehungspäckchen mit sich herumschleppen dürften. Wie lang bleiben Soupergroups im Schnitt zusammen? Heimat: fistfulofmercy.com Aktuelles Album: „As I Call You Down“

Olsen And The Hurley Sea Suchen: Immer den nächsten Melancholie-Kick. Der erste Eindruck: Eine Fehlbesetzung, wenn‘s um „Speed“ geht. Flüchtigkeiten gibt es bei dieser Band frühestens ab 1.00 Uhr morgens und nur unter Einwirkung von Vitamin CPräparaten. Darin bin ich eigen: Ist das IndieBlues? Wenn man diesen Kandidaten so schwermütig vor sich hin säuseln hört, möchte man alle süßen Hintergrundinstrumente gleichzeitig packen und ein kleines „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand Bikini“-Interlude spielen. Pervers, nicht? Hochzeit oder kurze Affäre: Der Typ hier hat Tiefgang. Ein Rohdiamant, der

euch nicht von selbst anspricht (jedenfalls nicht vor 1.00 Uhr nachts). Doch wenn ihr es schafft, ihn von eurer eigenen Melancholie zu überzeugen, wird aus minus mal minus plus und (zumindest) eine sehr gefühlsbetonte platonische Beziehung. Heimat: myspace.com/olsensplace Aktuelles Album: "The Hurley Sea"


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2010 – Das Jahr der Frau

SPEZIAL : FRAUEN

Seite 39

LoneLady, Zola Jesus, Marnie Stern, Robyn, Lady GaGa, Glasser

Ahnen konnte man es schon länger, 2010 bringt Gewissheit. Das XY-Chromosom entwickelt sich zunehmend zum sozialen Stigma. Nicht nur im bundesdeutschen Bildungssystem haben Mädchen mittlerweile klar die Nase vorn. Auch der Blick auf die Jahresabschluss-Charts bestätigt, was wir eigentlich längst wussten: Frauen sind die neuen Männer! Möglicherweise wird 2010 irgendwann als das Jahr gelten, in dem die Jungs zum „schwachen Geschlecht“ erklärt wurden. Jüngst sind Frauen nicht nur zahlreicher und erfolgreicher in den Charts vertreten, sie beweisen auch einen größeren Gestaltungswillen in Sachen Revision von Pop-Kultur. Während der olle Rock trotz toller neuer Künstlerinnen wie Florence Welch oder Marina & The Diamonds hauptsächlich männlich besetzt bleibt - allerdings auch dementsprechend traditionell vor sich hin rumpelt - hat die neue Elektro-Indie-Affinität des Publikums Künstlerinnen wie Robyn, Lonelady oder Uffie eine glitzernde Bühne ge-

schaffen, auf der weibliche Individualität gehörig abgefeiert wird. Dass das manchmal in die Hose gehen kann, wissen wir nicht erst, seit sich Lady GaGa in Schnitzel wickelt, aus Katy Perrys BH Sahne spritzt oder Ke$ha vorgibt, sich mit Whisky die Zähne zu putzen. Die weiblichen Chartstürmer des Jahres sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie Indie geschickt auf die Finger geschaut haben. Wir lassen deshalb die offensichtlichen Gallionsfiguren der neuen Weiblichkeit bewusst außen vor und erinnern uns an jene Damen, die uns das Jahr 2010 wirklich versüßt haben – ganz ohne niedlich zu sein. Warum jetzt allerdings so viele promi-

nente Musikerinnen auf Android machen, ob es wirklich ein Zeichen weiblicher Selbstermächtigung ist, sich zum Sexroboter zu stilisieren und ob Frauen im Musikbusiness auch durchschnittlich 15% weniger verdienen als Männer, das stellt sich wahrscheinlich erst 2011 heraus. Ke$ha

Der Trend geht zum Fembot – nicht erst seit Lady GaGa sich in Alu-Rüstungen kleidet. Robyn und Janelle Monáe – deren Alben von der Presse exzessiv abgefeiert wurden – haben es vorgemacht. Mittlerweile schmücken sich auch Mainstream-Acts wie Christina Aguilera mit einem elektrischen Hintern. Und auch Kelis – genau, die mit dem Milchshake – möchte ihre Mikrowellen-Hippie-Outfits nie wieder missen.

Der Fall Ke$ha ist ähnlich gelagert. Nachdem Uffie es nach Jahren in der Netz-Dauerrotation vor lauter Feiern nicht schafft, ihr Album rechtzeitig auf den Markt zu bringen, hat die Sängerin aus Los Angeles gemeinsam mit ihren Hit-Produzenten Dr. Luke und Max Martin das „Selbstbewusste-PartySchlampen“-Image in den Mainstream überführt.

Foto: Jason Nocito

Copy/Paste


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SPEZIAL : FRAUEN

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Allein zu zweit Robyn – und die anderen

Dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, wissen wir ja. Dass aber hinter vielen erfolgreichen Frauen unauffällige Männer stehen, war uns neu. 2010 hat eine Reihe exzellenter Mädchen/Junge-Duos hervorgebracht – aber an die Typen kann sich irgendwie niemand erinnern...

Robyn hat etwas, das man nicht erlernen kann. Sie verfügt über eine Begabung, die Blicke der Menschen auf sich zu ziehen, die ihr dann auch noch neidlos zugestehen, dass sie (irgendwie) eins von den ganz coolen Mädchen ist.

Best Coast-Frontfrau Bethany Cosentino ist eine der Protagonistinnen des Indie-Surf-PopHypes. Ihr Debüt „Crazy For You“, ihre Liebelei mit Wavves-Frontmann Nathan Williams und ihr ausdauerndes Getwittere über ihre Katze „Snacks“ haben sie im Laufe des Jahres zu einer kleinen Indie-Berühmtheit werden lassen. Dass Multiinstrumentalist Bobb Bruno nicht unwesentlich zum Sound von Best Coast beiträgt, ist unerheblich – er ist unbekannter als Cosentinos Katze.

Und ja, selbst wenn wir es gewollt hätten, wären wir in unserer Retrospektive an dieser Dame nicht vorbeigekommen. Nicht nur, dass die schwedische Sängerin ihren ehrgeizigen Masterplan, mit ihrer „Body Talk“-Trilogie in diesem Jahr drei Kurzalben zu veröffentlichen, wahr machen konnte. Robyn hat dabei auch ihre Anhängerschaft um ein Vielfaches erweitert und avanciert momentan zu einer international gefeierten Elektro-Pop-Primadonna. Dabei blickt Robin Miriam Carlsson auf eine düstere Vergangenheit zurück. Hätte sie 2005 den Absprung zu sich selbst nicht rechtzeitig geschafft, wäre sie wahrscheinlich bei ihrem Majorlabel als gurrendes Radio-Kunstprodukt verendet. Doch spätestens als die Plattenfirma ihre Hinwendung zu einem stärker auf Elektro-Beats fokussierten Sound nicht gutheißen wollte, war Robyn mit ihrem selbstgegründeten Label ‘Konichiwa Records‘ frei, das zu tun, was sie wirklich wollte. Ein gutes Stück Künstlichkeit hat sich die platinblonde 31-Jährige jedoch bewahrt. Im echten Leben ist wohl keine Frau gleichzeitig so tough und so zerbrechlich, wie es Robyn von einem Elektro-Track zum anderen im wilden Wechsel auslebt. Aber gut, sie ist die Künstlerin. Sie kombiniert Schmachtschnulzen und Zucker-Pop mit dicken Beats und kultiviertem Zickenalarm. Sie hat den perfekten Kurzhaarschnitt, der auf jeder Friseurmesse den ersten Preis gewinnen würde und nur sie wird momentan auch von Hobby-Intellektuellen und Cordhosenträgern abgefeiert. Wieso eigentlich? Weil dank des Robyn-Phänomens nun e-n-d-l-i-c-h auch die Hüter des guten Musikgeschmacks völlig unzensiert Neunziger-Beats aus der Großraumdisco zelebrieren, sich dabei aber weiterhin mondän und „indie“ fühlen dürfen. Der Nebeneffekt ist wohl das Beste am ganzen Zauber – Robyn zeigt dem selbstgerechten Teil von Indie-Land sein wahres profanes Gesicht. Allein dafür hat sie schon ein dreifaches „Hurra“ verdient. Während Robyn auch dem gemeinen Radiohörer gefallen und sich in ihren Songs gern abwechselnd ein bisschen süß und ein wenig von oben herab präsentiert, etabliert Julie Campbell alias Lonelady aus Manchester eine angenehme eigenbrötlerische Verschrobenheit in der musizierenden Damenriege. Ihr wirklich gelungenes Debüt „Nerve Up“ hat sie in einem Hochhaus in ihrer Heimatstadt zum Großteil in Eigenregie aufgenommen. Sie ist mehr Sound-Künstlerin als Pop-Prinzessin, zeigt sich gern in androgynen Outfits und ist im Gegensatz zu Acts wie Robyn zu kantig für den Mainstream. Auf internationale Bekanntheit und den großen Erfolg zielt Lonelady aber angeblich auch nicht ab. Und so, wie unsere Welt funktioniert, wird sie beides mit ihrer raffinierten, zwischen Elektro-Pop und Gitarren-Schrammelei pendelnden Musik wohl auch nicht fürchten müssen.

Statt ihr Dasein einsam zu fristen, hat Supermodel Karen Elson mit Jack White nicht nur einen liebenden Ehemann, sondern auch den Produzenten ihres Debütalbums „The Ghost Who Walks“ auf dem heimischen Sofa sitzen. Praktisch und unpraktisch zugleich. Model UND Musikergattin – ernstzunehmende Karrieren sind schon an weniger gescheitert. Doch die schöne Britin hat sich ihre Lorbeeren neben dem Familienbonus natürlich zum Großteil selbst verdient. Ihre Bühnenkarriere begann sie mit The Citizens Band, einer politischen Cabaret-Truppe aus New York. Dennoch ist der Einfluss ihres Gatten auf den sperrigen Folk-Rock/ Americana-Hybriden „The Ghost Who Walks“ nicht zu überhören. Und mit der Supermodel-Optik muss sie auch leben. Es gibt schlimmere Schicksale. Weit düsterer als die bisher genannten Künstlerinnen gibt sich Nika Roza Danilova alias Zola Jesus. Mit gerade einmal 21 Jahren ist Nika die jüngste Sängerin in unserer Auswahl. Aufgewachsen im ländlichen US-Bundesstaat Wisconsin hatte sie schon früh viel Zeit, um sich auf ihre künstlerische Seite zu besinnen. Nika studierte mal Operngesang, ist aber eigentlich ein Gothic-Girl. Die Angst vor dem Düsteren hat sie wohl spätestens verloren, als sie als Kind tagtäglich mit den Kadavern konfrontiert war, die ihr Vater - ein Jäger - in Haus und Garten lagerte. Sie selbst versucht angeblich immer, sich ihren Ängsten ganz bewusst zu stellen. Musik ist für Zola Jesus eine ernste Sache. Ihre aktuelle Platte „Stridulum II“ fordert allerdings dem Hörer auch einiges ab. In ihren dichten, spartanischen Kompositionen aus epischen Synth-Sounds und intensiven Beats kommt ihre herausragende Stimme perfekt zur Geltung, bleibt dabei aber immer distanziert. Wie jede der hier aufgeführten Damen hat auch sie ihre Nische im Pop-Zirkus 2010 gefunden - in ihre kommt nur weniger Sonne.

So richtig neu ist das kanadische Elektro-Punk Duo Crystal Castles natürlich nicht, ihren Ruf als heißester Scheiß in Sachen emotionale Dance-Musik verdanken sie aber sicher der extrovertierten Persönlichkeit ihrer Frontfrau Alice Glass. Ohne das Subkultur-Pin-Up am Bühnenrand würde Produzenten-Frickler Ethan Kath eine eher unscheinbare Figur abgeben. Jenny & Johnny sind ein Paar. Aber wie das so ist in Beziehungen, geht es auch beim gemeinsamen Musizieren zwischen Rilo Kiley-Sängerin Jenny Lewis und Johnathan Rice oft darum, wer die Hosen an hat. Und da Johnathan auf dem ersten gemeinsamen Album in nur einem Lied singt, haben wir da so eine Ahnung. Ausgeglichener geht es da bei den Sleigh Bells zu, auch wenn hier ausnahmsweise der PromiBonus eindeutig an die männliche Hälfte der Band vergeben werden muss. Immerhin war Playback-Schrauber Derek E. Miller Gitarrist der Hardcore-Helden Poison The Well. Aber ohne die engelsgleiche, in der Teen-Pop-Band Rubyblue geschulten Stimme von Frontfrau Alexis Krauss würden die Sleigh Bells-Tracks wahrscheinlich nur als reiner Lärm durchgehen.

Sleigh Bells (Foto: Aaron Richter)


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SPEZIAL : FRAUEN

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Zukunftsmusik Auch in der nächsten Zeit bitten viele interessante Künstlerinnen um Gehör. Allen voran steht die schwedische Sängerin Lykke Li. Mit ihrem Debütalbum „Youth Novels“ legte die heute 24-jährige Tochter eines Künstlerehepaares 2008 den Grundstein für eine sicher bald (sehr) erfolgreiche Karriere.

Eine rosige Zukunft könnte auch Amanda Warner a.k.a. MNDR bevorstehen, die aber weniger die vor Kreativität implodierende Allround-Künstlerin, als die angesagte Minimal-Techno/Elektro-Pop Schnitte mit Streberbrille gibt. Dafür ist sie 2010 im Track „Bang Bang Bang“ auf Mark Ronsons aktueller Platte zu hören. Nach einer EP „E.P.E“ mit Songs wie „Fade To Black“ und „I Go Away“ arbeitet die Neu-New-Yorkerin mit ihrem Teampartner Peter Wade jetzt an einem ganzen Album. Glasser hat mit „Ring“ ihr Debüt kürzlich bereits

Lykke Li (Foto: Daniel Jackson)

Lykke Li wirkt eigenwillig und hat ihre gut gepflegten Ecken und Kanten. Und mal ehrlich, wer könnte Textzeilen wie „I’m your prostitute, you go’n get some“ im Video zu ihrer neuen Single „Get Some“ statt mit dem obligatorischen lasziven Augenaufschlag mit solch einer Ernsthaftigkeit im Gesicht vortragen, als erklärte sie gerade einer Schulklasse, wieso es wichtig ist, die Umwelt zu schützen. Lykke Li veröffentlicht 2011 ihr zweites Album.

veröffentlicht. Die zarte Cameron Mesirow aus Kalifornien bezaubert mit surrealem Synth-Pop und Trance-Anleihen, während die New Yorkerin Marnie Stern als eigenwillige Gitarristin und Sängerin ihr eigenes – stellenweise recht anstrengendes – Indie-Sub-Genres erst nach und nach in

die breitere Öffentlichkeit spielt. Das im Oktober erschienene selbstbetitelte Album ist ihr mittlerweile drittes, doch wer wusste das?! Text: Timo Richard, Christine Stiller


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PRÄSENTIERT

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Präsentiert TOUR DES MONATS.

Fettes Brot

Sie sind die netten Rapper von nebenan, sie sind die klugen Ulknudeln des deutschen HipHop und sie kommen jetzt wieder für euch auf Tournee. Jeder kennt sie, viele lieben sie, doch nur wenige durften Anfang November mit ihnen zu einem exklusiven Gig nach Amsterdam reisen; ein Trip, den Fettes Brot extra für ihre Fans organisiert hatten. Doch auf ihrer aktuellen Tour übersteigt die räumliche Kapazität der einzelnen Spielorte natürlich wieder die von wenigen mickrigen Reisebussen. Und ihr wisst ja, wie es heißt: „The more the merrier“ Erlebt ein fröhliches HipHop-Familienfest mit null Kalorien und „Emanuela“, Bettina, „schwulen“ Mädchen und natürlich den Hauptdarstellern Dokter Renz, König Boris und Björn Beton. Jungs mit gutem Humor sind bekanntlich nicht einfach zu finden, genießt es also wenigstens einen Abend lang auf Pump und ohne anfassen. Aber ist ja auch schön.

AUF TOUR 30.11. Fürth - Stadthalle *** 1.12. Leipzig - Haus Auensee *** 3.12. Lingen - Emslandhallen *** 4.12. Hannover - AWD Hall *** 5.12. Berlin - C-Halle *** 6.12. Offenbach - Stadthalle *** 7.12. Münster - Halle Münsterland *** 9.12. Kiel - Sparkassen-Arena *** 10.12. Hamburg - O2 World *** 14.12. Kempten - Big Box *** 16.12. Dortmund - Westfalenhalle 2

Mit einer E-Mail an verlosung@sallys.net habt ihr die Möglichkeit, für sämtliche von uns präsentierten Shows den ein oder anderen Gästelistenplatz zu ergattern. Bitte schreibt den Namen eurer Wunschkonzert-Combo in den „Betreff“ und gebt eure Adresse an! Foto: Jens Oellermann

A Day To Remember

16.02. München - Theaterfabrik 17.02. Stuttgart - LKA Longhorn 18.02. Köln - Essigfabrik 19.02. Hamburg - Große Freiheit 36 20.02. Berlin - Huxleys 22.02. Münster - Skaters Palace

Blumentopf

Dúné

Blood Red Shoes

AUF TOUR 2.3. Saarbrücken - E-Werk *** 9.3. Frankfurt - Jahrhunderthalle *** 10.3. Erfurt - Thüringenhalle *** 12.3. Ludwigsburg - Arena *** 14.3. Münster - MCC Halle *** 15.3. Bremen - Halle 7 *** 16.3. Hannover - AWD Hall *** 18.3. Bamberg - Stechert Arena *** 19.3. Dortmund - Westfalenhalle 1 *** 22.3. Hamburg - Sporthalle *** 24.3. München - Olympiahalle *** 25.3. Leipzig - Arena *** 26.3. Bielefeld - Seidenstickerhalle *** 10.6. Berlin - Kindl-Bühne Wuhlheide *** 11.6. Berlin - Kindl-Bühne Wuhlheide *** 2.7. Dresden - Elbufer

Che Sudaka

26.11. Heidelberg - Karlstorbahnhof 30.11. Nürnberg - Hirsch 01.12. Frankfurt - Batschkapp 02.12. Saarbrücken - Garage 03.12. Bielefeld - Kamp

17.02. Hamburg - Markthalle 18.02. Berlin - C-Club 24.02. Köln - Live Music Hall

Was ist denn so toll an denen? Na los Freunde, selbst denken macht schlau. Allein wie viele von euch haben sich einen Auszug aus dem Antwortkatalog an die Zimmertapete gemalt?! Geht da außer mir noch wer hin? Ist das eine rhetorische Frage? So wird’s enden: Je nach Standort mit blauen Flecken, geprellten Rippen, verstauchten Füßen und/oder einer neuen Liebe, einem neuen Bandshirt und einem Ticket fürs nächste Konzert!

26.11. Bielefeld - Kamp 27.11. Hamburg - Mondial 12.02. Kaiserslautern - Kammgarn 25.01. Marburg - KFZ 26.01. Berlin - SO36 27.01. Bremen - Lagerhaus 28.01. Hamburg - Fabrik 29.01. Lübeck - Treibsand 15.02. Frankfurt - Batschkapp 16.02. Reutlingen - Frank K 17.02. Nürnberg - Hirsch 18.02. Karlsruhe - Substage 19.02. Heidelberg - Halle 02 27.02. Freiburg - Jazzhaus 01.05. München - Marienplatz

All Time Low

Beatsteaks

Casper Support: Kraftklub

31.12. München - Muffathalle 16.02. Saarbrücken - Garage 17.02. Oldenburg - Kulturetage 18.02. Bochum - Zeche 19.02. Hannover - Kulturzentrum Faust 22.02. Heidelberg - Karlstorbahnhof 23.02. Nürnberg - Hirsch 24.02. Ulm - Roxy 25.02. Erfurt - Centrum 26.02. Würzburg - Posthalle

17.01. Hamburg - Grünspan 18.01. Köln - Luxor 19.01. München - 59to1 20.01. Berlin - Lido

Emil Bulls

18.12. München - Backstage Werk

Bosse

24.03. Leipzig - Moritzbastei 26.03. Kaiserslautern - Kammgarn 29.03. München - 59to1 30.03. Stuttgart - Röhre 31.03. Frankfurt - Nachtleben 01.04. Erfurt - HsD 02.04. Dresden - Beatpol 06.04. Köln - Luxor 07.04. Bochum - Zeche 08.04. Osnabrück - Kleine Freiheit 09.04. Hamburg - Große Freiheit 36 14.04. Braunschweig - Meier Music Hall 15.04. Bremen - Schlachthof 16.04. Berlin - Postbahnhof

Frittenbude

27.11. Oldenburg - Amadeus 28.11. Hannover - Indiego 08.12. Lindau - Club Vaudeville 15.12. Hamburg - Uebel & Gefährlich 16.12. Hamburg - Uebel & Gefährlich 17.12. Berlin - Astra 18.12. Leipzig - Felsenkeller


Good Charlotte

23.01. Stuttgart - LKA Longhorn 24.01. München - Backstage Werk 25.01. Saarbrücken - Garage 26.01. Berlin - Huxleys 28.01. Hamburg - Grosse Freiheit 36 29.01. Düsseldorf - Stahlwerk

James Yuill

28.01. Hamburg, Mondial Club 29.01. Rostock, Lohro Klubnacht @ Momo 31.01. Berlin, Postbahnhof 01.02. Leipzig, Werk II 02.02. Nürnberg, MUZ Club 04.02. Dresden, Scheune 05.02. München, Atomic Cafe 07.02. Stuttgart, Club Schocken 08.02. Frankfurt, Sinkkasten Arts Club

Jingo De Lunch

09.12. Jena - Rosenkeller 11.12. Aschaffenburg - Jukuz 16.02. München - Kranhalle

Johnny Flynn

29.11. Köln - Gebäude 9 30.11. München - Atomic Café 01.12. Berlin - Magnet 02.12. Hamburg - Molotow

Junip

13.01. Hamburg - Uebel & Gefährlich 22.02. Berlin - Lido

K.I.Z.

07.12. Augsburg - Kantine 08.12. Mannheim - Feuerwache 10.12. Oberhausen - Turbinenhalle 11.12. Hamburg - Docks 12.12. Hannover - Capitol

Klaxons

29.11. Köln - Luxor

Kashmir

02.12. Stuttgart - Röhre 03.12. Dresden - Beatpol 04.12. München - Backstage Halle 05.12. Köln - Luxor 07.12. Frankfurt - Mousonturm 08.12. Bochum - Zeche 09.12. Berlin - Postbahnhof 10.12. Hamburg - Uebel & Gefährlich

Marnie Stern

01.12. München - Feierwerk 06.12. Hamburg - Prinzenbar 07.12. Berlin - Comet Club

Ohrbooten

21.12. Bremen - Lagerhaus 22.12. Hamburg - Fabrik 23.12. Berlin - Astra

Panteón Rococó

27.11. München - Muffathalle 28.11. Schweinfurt - Stattbahnhof 29.11. Nürnberg - Hirsch 30.11. Osnabrück - Lagerhalle 01.12. Hannover - Faust 02.12. Köln - Live Music Hall 03.12. Lindau - Club Vaudeville 04.12. Stuttgart - Zapata 05.12. Freiburg - Jazzhaus 07.12. Essen - Zeche Carl

Clueso Was ist denn so toll an dem? Neben seinem musikalischen Talent und dem immer weiter und weiter wachsenden Erfolg ist der Erfurter immer noch ein guter Junge geblieben. Und so süß. Geht da außer mir noch wer hin? Aber hallo! Die große Nachfrage regelt bei Clueso doch das vielseitige Konzertangebot. So wird’s enden: Mit einem Sonnenbrand im Herzen.

AUF TOUR 29.1. Flensburg - Deutsches Haus *** 31.1. Rostock - Mau Club *** 1.2. Erlangen - E-Werk *** 4.2. Krefeld - Kufa *** 9.2. Erfurt - Messehalle *** 11.2. Dresden - Messe Dresden *** 12.2. Berlin - Arena *** 13.2. Bremen - Pier 2 *** 16.2. Hannover - AWD Hall *** 17.2. Hamburg - Alterdorfer Sporthalle *** 19.2. Kassel - Kongress Palais *** 20.2. Freiburg - Rothaus Arena *** 21.2. Saarbrücken - E-Werk *** 24.2. München - Zenith *** 25.2. Würzburg - Posthallen *** 26.2. Mannheim - Mozartsaal *** 28.2. Frankfurt - Jahrhunderthalle *** 1.3. Kempten - Big Box *** 3.3. Stuttgart - Liederhalle Beethovensaal *** 4.3. Oberhausen - König-Pilsener-Arena *** 6.3. Münster - Halle Münsterland *** 7.3. Magdeburg - Bördelandhalle


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Im Tourbus mit:

08.12. Kiel - Pumpe 09.12. Hamburg - Fabrik 11.12. Berlin - SO36

K.I.Z.

Robyn

07.03. Frankfurt - Mousonturm 09.03. Köln - Live Music Hall 11.03. München - Muffathalle 12.03. Berlin - Astra

Smoke Blow 27.12. Kiel - Max

The Sisters Of Mercy 01.03. Berlin - C-Halle

The Whigs

07.12. Berlin - Crystal Club

The Wombats

09.02. Berlin - Astra 10.02. Hamburg - Docks 11.02. München - Tonhalle 12.02. Köln - Live Music Hall 20.02. Offenbach - Capitol

Turbostaat

26.11. Flensburg - Volxbad 27.11. Flensburg - Volxbad 10.12. Bremen - Lagerhaus 11.12. Jena - Kassablanca 12.12. Regensburg - Alte Mälzerei 13.12. Göttingen - Musa 15.12. Augsburg - Musikkantine 18.12. München - Feierwerk 19.12. Potsdam - Waschhaus

Das Vollplaybacktheater - Die ??? und der Karpatenhund

16.12. Wuppertal - Festsaal Rudolf-Steiner-Schule 17.12. Wuppertal - Festsaal Rudolf-Steiner-Schule 19.01. Düsseldorf - Stahlwerk 20.01. Krefeld - Kulturfabrik 21.01. Bonn - Brückenforum 22.01. Berlin - Huxleys 23.01. Berlin - Huxleys 24.01. Bielefeld - Rudolf-Oetker-Halle 25.01. Hannover - Theater am Aegi 26.01. Oberhausen - Luise-Albertz-Halle

27.01. Mannheim - Alte Feuerwache 28.01. Trier - Europahalle 29.01. Mainz - Frankfurter Hof 09.02. Bad Sassendorf - Tagungszentrum 10.02. Lingen - Theater an der Wilhelmshöhe 11.02. Aurich - Stadthalle 12.02. Siegen - Siegerlandhalle 13.02. Frankfurt - Batschkapp 14.02. Frankfurt - Batschkapp 15.02. Würzburg - Posthalle 16.02. Karlsruhe - Tollhaus 17.02. Stuttgart - Theaterhaus 18.02. Augsburg - Reese-Theater 19.02. Augsburg - Reese-Theater 20.02. München - Muffathalle 21.02. Coburg - Kongresshaus Rosengarten 26.02. Fulda - Kreuz 27.02. Schwabach - Markgrafensaal 28.02. Göttingen - Stadthalle 01.03. Münster - Halle Münsterland 02.03. Osnabrück - Stadthalle 03.03. Kiel - Kieler Schloss 04.03. Hamburg - Große Freiheit 36 05.03. Hamburg - Große Freiheit 36 10.03. Lübeck - Kolosseum 11.03. Bremen - Pier 2 12.03. Oldenburg - Cäciliensaal 14.03. Köln - Essigfabrik 16.03. Bochum - Christuskirche 17.03. Hagen - Stadthalle 18.03. Leipzig - Theater-Labor-Sachsen 19.03. München - Muffathalle 11.04. Wuppertal - Forum Maximum 12.04. Wuppertal - Forum Maximum

Rock’n’Roll Wrestling Bash 04.12. Köln - Live Music Hall

Nicht weiterlesen – wenn ihr a) die Ehefrau von einem der K.I.Z.-Jungs seid oder ihr euch b) nach einem innigen Beisammensein mit den Herren auf Tour mehr von irgendetwas erhofft habt. Für alle anderen heißt es: Bühne frei für Nico und Maxim! Auf welchen unnützen Gegenstand könnt ihr auf Tour nicht verzichten? Unseren DJ. Was war euer bislang ekligstes Tourerlebnis? Bei einem Auftritt hat … in eine Bierflasche gepisst, sie wieder zugemacht und zurück in den Kasten gestellt. Drei Lieder später hat … die Flasche geext und nach der Show … auf die Fresse gehauen. Wen würdet ihr gern mal am Straßenrand als Tramper auflesen? David Garrett und Arnold Schönberg, um sie dann auf Leben und Tod gegeneinander antreten lassen. In welcher Situation seid ihr auf Tour mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten? Als wir in Stuttgart auf der Straße vor dem Baden-Württemberger Innenministerium gespielt haben. Was vermisst ihr auf Tour am meisten? Unsere Kinder und das Brandenburger Tor. Welche schlechte Angewohnheit ist bei euch nur auf Tour aktiv und wird zu Hause wieder abgelegt? Hinter dem Rücken unserer Ehefrauen rumficken. Aber nicht weitersagen. Die verrückteste Begegnung hattet ihr wann und mit wem? Das war damals mit dem Karl Theodor von und zu Guttenberg, der ist echt voll der lockere Typ. Das hätten wir gar nicht gedacht. Und als er uns dann noch gestanden hat, dass er alle unsere Songs auf seinem iPod hat, war es gänzlich um uns geschehen... schon irre.

Gogol Bordello Was ist denn so toll an denen? Sie sind der personifizierte Gypsy-Punk – da ist für jeden, der gern lustig ist, was Passendes dabei. Geht da außer mir noch wer hin? Klar, Madonna zum Beispiel – die hat ja durch ihr Bekenntnis zum Fansein ordentlich zur Popularität der Bande beigetragen. So wird’s enden: Mit Schwielen an den Füßen und Samba hinter der Stirn.

In welcher Situation geht ihr euch auf Tour am meisten auf die Nerven? Beim Ficken. Früher war da dieser Community-Gedanke viel gegenwärtiger. Man hat sich einfach gehen lassen. Da wurde auch ganz normal geteilt. Jetzt ist das nur noch Competition, die Hölle. Wo würdet ihr nie wieder Halt machen? Wir kommen ja nicht aus Liebe zu unseren Fans, sondern wegen des Geldes. Deswegen sind für uns alle Städte gleich. Heimat: k-i-z.com

AUF TOUR

AUF TOUR

30.11. München - Tonhalle *** 1.12. Dortmund - FZW *** 9.12. Berlin - C-Halle *** 10.12. Stuttgart - LKA Longhorn *** 11.12. Köln - Live Music Hall

7.12. Augsburg - Kantine *** 8.12. Mannheim - Feuerwache *** 10.12. Oberhausen - Turbinenhalle *** 11.12. Hamburg - Docks *** 12.12. Hannover - Capitol


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so war’s

SO WAR’S

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Foto: Axel Mosch

Gorillaz

21.11. Berlin - Velodrom Damon Albarn übertrifft alles und zaubert im Berliner Velodrom mit unzähligen Gastmusikern die bunteste und abgefahrenste Show des Jahres auf die Bühne – und hatte sichtlich Spaß dabei. Leider war das Ticket für das Bombast-Spektakel im Berliner Velodrom nicht gerade das, was man ein Schnäppchen nennt – doch im Endeffekt jeden Cent wert. Leider müssen wir an dieser Stelle eine Auflistung all der fantastischen Dinge vornehmen, die ihr, solltet ihr nicht vor Ort gewesen sein, unglücklicherweise verpasst habt. Zum Auftakt der Show rappte Snoop Dogg – allerdings nur als digitaler Einspieler auf der Leinwand. Dafür waren im Anschluss über 30 andere Künstler an der LiveShow beteiligt: Ein weibliches Streicher-Septett dekoriert mit Matrosenmützen, die HipHopper De La Soul aus New York, Musiker des syrischen Staatsorchesters, ein Blechbläser-Ensemble, zwei Schlagzeuger, die schwedische Sängerin Yukimi Nagano, Soul-Legende Bobby Womack, Neneh Cherry und natürlich Mick Jones und Paul Simonon der Kult-Combo The Clash an Gitarre und

Bass. Drumherum werkelten noch zahlreiche andere Musiker, Damon Albarn hüpfte wie ein ausgelassener kleiner Junge auf Bühne und Equipment umher und scheute auch den Körperkontakt mit den ersten Publikumsreihen nicht. Gleichzeitig wurden natürlich die eigentlichen Protagonisten – die Comicfiguren – etwa im animierten Clip zum Song „Stylo“ mit Bruce Willis auf die

riesige Leinwand projiziert. Das, liebe Freunde, ist nur ein winziger Auszug aus diesem spektakulären Ereignis aus der Welt der zeitgenössischen PopMusik, mit dem Mastermind Albarn diesen Abend zu einem ganz ganz besonderen machte. Foto: Sebastian Gabsch

KONZERTFOTOS OF DEATH Ihr geht doch alle auf Konzerte. Und macht dabei - Fotos? Die wollen wir sehen. Und prämieren. Denn an dieser Stelle küren wir die „Konzertfotos Of Death“ - egal, ob mit Handy oder der Digitalen geschossen. Schickt uns euer Konzertfoto inklusive Namen der geknipsten Band/Person, Ort, Datum und zwei Sätzen dazu, wie’s so war, auf dem Konzert. Entweder per Mail an sallys@sallys.net oder aber ihr ladet euer Foto ganz einfach auf sallys.net hoch. Da könnt ihr dann auch die Fotos der anderen bestaunen und euren Senf dazugeben. Die besten, schrägsten und lustigsten aus den letzten Wochen zeigen wir euch hier:

Anberlin 19.8. Berlin - Magnet Geknipst von: NoSleepTonight

Die Band heißt „Anberlin“ und der braungebrannte junge Herr im Vordergrund schimpft sich Christian McAlhaney. Ihr erstes Konzert in Deutschland auf der ersten Tour durch Europa, obwohl die Band seit 2002 besteht bzw. seit 2007 in der heutigen Konstellation. Die gesamte angestaute Freude der sehnsüchtigen Fans hat das kleine, treue Publikum zum Brodeln gebracht. Die fünf Jungs sprühen live quasi vor Leidenschaft, und sind angenehm facettenreich und durchaus empfehlenswert. Anzumerken ist, dass sie einen härteren energetischeren Sound live haben als auf der Platte. Damit bleibt schlussendlich nurnoch zu sagen: Das lange Warten in Berlin auf Anberlin (dieser abgekartete Witz musste auf Grund der besonderheit der Situation einfach sein) hat sich voll und ganz gelohnt!!

Timid Tiger 23.10. Düsseldorf – Stone Geknipst von: ina_rawr!

Der Erfinder des „No-Pants-look“ spielt Kletteraffe. WANGO WANGO FROM THE BOTTOM OF OUR HEART!

Danko Jones 10.11. Köln – Live Music Hall Geknipst von: lijah-rock

Danko Jones in der Live Music Hall - That’s what I call Rock’n’Roll!

Jello Biafra And The Guantanamo School Of Medicine 27.6. Lärz - Fusion Festival Geknipst von: Alfred Sigg

Immer noch politische Ansagen zwischen den Songs, immer noch die „Pantomimen Show“, immer noch ein super Live-Erlebnis!

Phoenix 6.11. Station - Berlin, Beck´s Music Experience

Phoenix sind wahrscheinlich eine der perfektesten Kapellen, die es momentan auf diesem Erdball gibt. Sänger Thomas Mars hat eine Stimme wie vom Band, ihre Indie-Songs bringen die Menschen unweigerlich auf ein emotionales hohes C und als Aushängeschild der Beck's Muisc Experience 2010 ließen es sich die Franzosen natürlich auch an diesem Abend, den die Ting Tings und Paul Smith schon entsprechend eingeleitet hatten, nicht nehmen, eine meisterhafte Show darzubieten.

Volbeat 3.11. Ludwigsburg – Arena Geknipst von: aeinschey

alle Konzertfotos Of Death findet ihr auf sallys.net


X-MAS QUICKIES Alles nur geschenkt

Jack Daniel’s

Axe Dark Temptation

Fast wie der Weihnachtsmann

Macht die richtigen Überraschungen

Wie gerne würden wir mal eine von Jacks legendären Partys besuchen. Doch da kommen wir leider ein paar Jahre zu spät. Dafür verlosen wir auf sallys.net gemeinsam mit Jack Daniel’s ein Spitzen-Musik-Paket für die eigene Fete daheim. Der Gewinner bekommt einen Plattenspieler von ATR, Modell „ProJect Debut III Esprit“, und einen Gutschein über 100 Euro von flight13.com, wo er ordentlich Platten shoppen kann. Ein Traum zum Fest. Danke Jack. Und wo wir schon mal bei Überraschungen sind: Im Jack Daniel’s Online Store gibt es im Dezember für jeden Kauf über 10 Euro ein kleines Geschenk obendrauf.

Mal ehrlich Jungs, wie oft kommt es vor, dass ihr eine Frau mit rundum perfekten Maßen beschenken dürft und sie sich auch noch darüber freut? Antwort: nicht wirklich so oft. Wie gut, dass es ab dem 1. Dezember den „Dark Temptation Adventskalender“ mit dem traumschönen Kalendermädchen Sophia Thomalla gibt. Auf axe.de könnt ihr jeden Tag schicke Geschenkvorschläge für Sophia machen – und so gleichzeitig für den Ernstfall im realen Leben üben. Das Geschenk, das die meisten Stimmen erhält, wird in einem „Bescherungs-Film“ hinter dem aktuellen Kalendertürchen von Sophia Thomalla persönlich ausgepackt. Und das, liebe Hormone, natürlich nicht im Schlabberoutfit... Das schönste Weihnachtsgeschenk legt euch aber Axe selbst unter den Tannenbaum. Auf sallys.net wartet ein funkelnagelneuer iPod-Touch auf einen Gewinner.

jack-lives-here.de

axe.de

Skullcandy

Fürs Ohr und Auge

boot Düsseldorf

Weckt winterliche Strandgefühle

Wären wir nicht alle gerne Surfer? Auf der „boot Düsseldorf“ können die Aktiven die neuesten Produkte rund ums Windsurfen, Wellenreiten, Kitesurfen, Stand Up Paddling und Skimboarding bewundern und testen, alle Nichtsportler dürfen zumindest einmal anfassen. Auf der weltgrößten Wassersportmesse zeigen Profis, was sie können, und auch Besucher haben die Chance, verschiedene Sportarten auszuprobieren. So können sie sich beispielsweise auf einer 1.000 Quadratmeter großen Indoor-Wakeboardanlage versuchen und sich anschließend mit neuen schicken Boards und anderem Equipment eindecken. Auf sallys.net verlosen wir schon im Vorfeld ein 7’3“ Mini Malibu von Bic.

Mit dem Lowrider zeigt ihr Mut zur Farbe. Doch bei dem guten Sound unter diesen schicken, robusten Kopfhörern, die bestens für Skate- und Snowboarder geeignet sind, werdet ihr all die Komplimente gar nicht mitbekommen. Sei’s drum. Skullcandy verschenkt auf sallys.net eines dieser hübschen Accessoires in metallic-blau. Wer nicht gewinnt oder seine Kopfhörer noch mit netten Gimmicks aufwerten möchte, der statte doch einfach skullcandy.com einen kleinen Besuch ab. scullcandy.com


Rave On Snow 2010 Ein Club voller Schnee

Beim „Rave On Snow 2010“ geht’s auf die echte Piste. Vom 10. bis 12. Dezember werden sich in SaalbachHinterglemm wieder tausende Ski- und Snowboardhasen einfinden und gemeinsam eine große Party feiern. Das heißt über 70 DJs wie Channel X, Chris Liebing oder Oliver Koletzki sorgen für 48 Stunden Musik auf der Piste und in den Clubs. Wer nicht pausieren möchte, muss es nicht. Als exklusiver Bierpartner der Sause verschenkt Warsteiner einen Wochenendtrip zum „Rave On Snow“ inklusive zwei Übernachtungen, einem Tankgutschein im Wert von 250 Euro, einem Skipass für Samstag sowie den Partytickets für die Abendveranstaltung. Bewerbt euch jetzt auf sallys.net. raveonsnow.partysan.net warsteiner.de

Axe Mas

Nicht lang denken, schenken

Wenn wir alle ehrlich sind, ist Weihnachten doch die stressigste Festivität des ganzen Jahres. Wie gut, dass es da Axe Mas gibt. Mit drei witzigen Geschenkpaketen könnt ihr sicherstellen, dass weder ihr, noch der von euch Beschenkte während der Weihnachtszeit ins Schwitzen gerät. Beruhigt Nerven und Gewissen und wählt zwischen dem „Axe Mas Webcam“-Paket, bestehend aus einer Webcam, einem „Axe Dark Temptation“-Bodyspray und Duschgel für 12,99 Euro, dem „Axe Buzzer-Wecker“, der auch im tiefsten Winterschlaf noch erhört wird und im Set mit einem „Rise Up Showergel“ und „Axe Rise Up Bodyspray“ für 9,99 Euro zu haben ist. Außerdem gibt es für alle Freunde der tragbaren Musikunterhaltung die „Axe Mas Soundmütze“ für 9,99 Euro inklusive eines „Axe Twist“-Bodysprays und einem „Axe Twist“-Duschgel. Auf sallys.net verlosen wir je drei dieser entspannten Geschenkalternativen. axe.de


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KINO

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The Tourist

Burlesque

In einem Satz: Ein Amerikaner lässt sich auf seinem Euro-Trip von einer mysteriösen Schönheit verführen und wird plötzlich von Gangstern und Cops gleichermaßen gejagt. Grund zur Vorfreude: Angelina Jolie und Johnny Depp in Venedig – so viel geballte Schönheit wie in diesem Remake von „Fluchtpunkt Nizza“ gibt’s im Kino nicht alle Tage. Grund zur Besorgnis: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck fühlt sich zwar seit seinem Oscar in Hollywood heimisch, ob er dazu allerdings Grund hat, muss sich erst noch zeigen.

In einem Satz: Ein Mädchen aus der Provinz kommt nach Los Angeles, wo sie mit Gesang, Tanz und Ehrgeiz von der Kellnerin zum Star einer BurlesqueShow wird. Grund zur Vorfreude: Christina Aguilera, Cher, große Stimmen, Pailletten und falsche Wimpern – für manchen Fan klingt das so spaßig, dass selbst die öde Story nicht stört. Grund zur Besorgnis: Alle anderen kriegen bei so viel künstlichem Glitzer wohl das Grausen. Dass der Film mehr Spaß macht, als die meisten Musicals, müssen aber auch sie eingestehen.

Kinostart: 16. Dezember 2010

Kinostart: 6. Januar 2011

Die Superbullen

The Green Hornet

In einem Satz: Die Chaoten Tommie und Mario aus „Ballermann 6“ sind jetzt Polizisten und machen erst ihr Viertel, dann ganz Deutschland unsicher. Grund zur Vorfreude: Ganz ehrlich? Da fällt uns nichts ein. Das hier gezeigte Foto sagt eigentlich schon alles und macht jedes Aufkommen von Freude irgendwie unmöglich. Grund zur Besorgnis: Angeblich ist mit zahlreichen prominenten Gastauftritten zu rechnen. Wenn damit Mario Barth und Sky DuMont gemeint sind, ist das eine echte Drohung!

In einem Satz: Nach dem Mord an seinem Vater nimmt ein Millionärserbe den Kampf gegen das Böse auf, wofür er sich mit einem Assistenten und einer sexy Sekretärin zusammentut. Grund zur Vorfreude: Eine Comic-Verfilmung mit Seth Rogen als Held, Christoph Waltz als Bösewicht und Michel Gondry als Regisseur? Klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Grund zur Besorgnis: Dass die Vorlage kaum jemand kennt, ist nicht unproblematisch. Dass der Kinostart mehrfach verschoben wurde, sogar richtig bedenklich.

Kinostart: 6. Januar 2011

Kinostart: 13. Januar 2011


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KINO

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Dass die Presse einen Film erst ziemlich kurzfristig vor Kinostart zu sehen bekommt, passiert in Zeiten, in denen große Blockbuster wie „Harry Potter“ auf fast der ganzen Welt am gleichen Tag anlaufen, immer wieder. Aber jedes Mal pünktlich zur Hochsaison – also rund um Weihnachten und in den Sommerferien – häufen sich solche Fälle, so dass es Zeit wird für eine kleine sally*s-Vorschau. Text: Patrick Heidmann

Love and Other Drugs

Morning Glory

In einem Satz: Ein Pharma-Vertreter und eine Parkinson-Patientin genießen ihre zwanglose Affäre, bis irgendwann Viagra und die Liebe ihrer Beziehung eine neue Wendung geben. Grund zur Vorfreude: Jake Gyllenhaal und Anne Hathaway zeigen angeblich mal wieder viel Talent fürs Komische. Aber vor allem so viel nackte Haut wie nie zuvor! Grund zur Besorgnis: Die Paarung Jake & Anne hört sich irgendwie erst einmal eher süß als sexy an, ganz zu schweigen davon, dass Viagra und Parkinson auch nicht gerade antörnen.

In einem Satz: Die junge Fernsehproduzentin Becky übernimmt eine Morning Show, doch die Allüren des Moderatoren-Duos machen ihr den Arbeitsalltag regelmäßig zur Hölle. Grund zur Vorfreude: Es wird mal wieder Zeit für eine richtig gute Screwball-Komödie, besonders, wenn Harrison Ford, Diane Keaton und Rachel McAdams die Hauptrollen spielen. Grund zur Besorgnis: Frühstücksfernsehen macht schon im TV keinen Spaß, also warum sollten wir es uns auf der Leinwand angucken? Kinostart: 13. Januar 2011

Kinostart: 6. Januar 2011

Meine Frau, unsere Kinder und ich

72 Stunden – The Next Three Days

In einem Satz: Der Zweikampf zwischen Greg Focker und seinem strengen Schwiegervater geht in die dritte Runde, jetzt mit zwei Enkelsöhnchen im Mittelpunkt. Grund zur Vorfreude: Wenn Ben Stiller, Robert de Niro, Barbra Streisand, Dustin Hoffman, Owen Wilson und Co. gut drauf sind, sollte es eigentlich jede Menge zu lachen geben... Grund zur Besorgnis: ...beim Vorgänger war allerdings niemand gut drauf, und die Sache wurde zu einer einzigen, unerträglichen Peinlichkeit für alle Beteiligten.

In einem Satz: Als seine Ehefrau unschuldig im Gefängnis landet, wird ein unbescholtener Mann zum Kriminellen und setzt alles daran, sie zu befreien. Grund zur Vorfreude: Ein schnörkelloser Actionfilm ohne Superhelden und Fantasy-Gedöns ist uns immer willkommen. Genauso wie Russell Crowe in der richtigen Rolle. Grund zur Besorgnis: Schon wieder ein Remake eines europäischen Erfolgsfilms? „Ohne Schuld“ kam zwar hier nie ins Kino, aber etwas mehr Originalität würde Hollywood gut tun.

Kinostart: 23. Dezember 2010

Kinostart: 20. Januar 2011


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KINO

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Heartless

Düstere Kino-Perle für zu Hause Keine Frage, mit der Bezeichnung „Alleskönner“ sollte man mehr als vorsichtig umgehen. Aber bei Philip Ridley – ein Name, der zugegebenermaßen im deutschsprachigen Raum nicht vielen etwas sagt – ist man doch geneigt, sie heranzuziehen. Denn ohne Frage gehört der Brite zu den vielseitigsten Künstlern der letzten 30 Jahre: als Maler und Fotograf hatte er Ausstellungen in London, Japan, Italien und Frankreich, er veröffentlicht regelmäßig preisgekrönte Kinder- und Jugendbücher und gehört mit seinen Theaterstücken zu den umstrittensten Dramatikern des neuen Jahrtausends. Ridleys Arbeit als Filmemacher nimmt in diesem beeindruckenden Oeuvre einen beinahe bescheidenen Raum ein. Nach dem Drehbuch zum Spandau Ballet-Gangsterfilm „The Krays“ inszenierte er Anfang der Neunzigerjahre die beiden Spielfilme „Schrei in der Stille“ und „Die Passion des Darkly Noon“, die beide zwar in Insiderkreisen für Aufsehen sorgten, aber letztlich doch sehr schnell in Vergessenheit gerieten. In der Folge dauerte es gut 15 Jahre, bis der Londoner nun mit „Heartless“ wieder einen Abstecher ins Medium Kino wagte. Weit hatte er es dabei nicht, denn statt in der USProvinz siedelt er seine neue Geschichte direkt vor der Haustür, im nicht eben schicken Londoner

Im Kino: Zusammen mit Senator Home Entertainment und MotorFM präsentieren wir eine exklusive Kino-Preview von „Heartless“, am 18. Dezember um 22.30 Uhr im CinemaxX am Potsdamer Platz in Berlin. Der Film wird in der Originalversion gezeigt. Wir verlosen 60 Freikarten für dieses ungewöhnliche Filmerlebnis. Dazu einfach eine E-Mail mit dem Kennwort „Heartless-Preview“ bis zum 16. Dezember an verlosung@sallys.net schicken.

East End an. Dort lebt der scheue Fotograf Jamie (Jim Sturgess), dessen Gesicht zur Hälfte von einem großen Feuermal gezeichnet ist, bei seiner verwitweten Mutter, jobbt im Atelier seines Bruders und führt ein zurückgezogenes Leben. Doch in der Nachbarschaft treiben dämonisch-brutale Gangs ihr Unwesen, deren Gewalt bald auch tragische Konsequenzen für Jamies Leben hat. In seiner Verzweiflung sinnt er auf Rache – und geht dafür einen folgenschweren Deal ein.

noch als von seiner Geschichte von seiner faszinierend düsteren Atmosphäre lebt, die nicht zuletzt durch starke Bilder und ebensolche Musik (Sturgess singt selbst!) befeuert wird. Wirklich schade, dass ein solches Werk in Deutschland nicht ins Kino kommt, sondern nur auf DVD und Blu-ray erscheint. Doch immerhin in einem einmaligen Fall sorgen wir für Abhilfe (siehe links). Und Philip Ridley ist ohnehin längst zu neuen Ufern aufgebrochen: derzeit arbeitet er an seinem ersten Album!

Es fällt nicht leicht, „Heartless“ zu beschreiben, geschweige denn, ihn in gängige Schubladen zu stecken. Gleichzeitig von grimmiger Realitätsnähe und surrealen Fantasy-Motiven gekennzeichnet, vereint er Elemente aus Horror, Drama und Liebesfilm zu einem bemerkenswerten Kinoerlebnis, in dem auch für humorvolle Momente Platz bleibt. Ridley, der neben „21“-Star Jim Sturgess auch die „Harry Potter“-Veteranen Timothy Spall und Clémence Poésy sowie Eddie Marsan („Sherlock Holmes“) verpflichten konnte, nimmt sich dabei abermals bewährten Themen wie Gewalt, Trauer und Erwachsenwerden an.

Text: Patrick Heidmann

Man sollte alle Erwartungen an gängige KinoKonventionen hintanstellen, um offen zu sein für den komplexen und facettenreichen Genre-Mix von „Heartless“. Wer dazu bereit ist, den erwartet ein erstaunliches Filmerlebnis, das viel mehr

Auf DVD & Blu-ray: Am 7. Januar erscheint „Heartless“ bei Senator Home Entertainment/Universum Film als DVD, Blu-ray und in einer Special Edition im Steelbook. Interviews, die B-Roll, ein Audiokommentar, Musikvideos und weitere Specials runden die Veröffentlichung ab. In den Videotheken ist der Film bereits einen Monat vorher zu finden. Wir verlosen 2x die DVD und 2x die Bluray, jeweils zusammen mit einem „Heartless“-Mousepad. Dazu einfach eine E-Mail mit dem Kennwort „Heartless-DVDs“ an verlosung@sallys.net!


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KINO

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„Niemand ist zu 100% hetero“ Tom Tykwer im Interview

Wenige Erfolgsgeschichten sind so eng mit dem weltweiten Boom des deutschen Kinos verbunden wie die von Tom Tykwer. Nach „Die tödliche Maria“ und „Winterschläfer“ gelang ihm 1998 mit „Lola rennt“ der große Durchbruch als Regisseur. Inzwischen hat er internationale Großproduktionen wie „Das Parfum“ und „International“ verantwortet und mit Stars wie Natalie Portman und Cate Blanchett gearbeitet. Seinen neuen Film „Drei“ drehte er erstmals seit zehn Jahren wieder in Deutschland. Tom, „Drei“ lässt sich nicht ohne weiteres in ein Genre einordnen. Wie würdest du den Film beschreiben? Jedes Mal, wenn ich an ihn denke, muss ich erst mal lachen, und das ist schön, nach einigen eher düsteren Filmen. „Drei“ ist also eine Komödie, so soll es sein, aber mit unerwarteten Abstechern ins Tragische. Der Zufall bricht immer wieder in die Grundheiterkeit des Films ein und torpediert ihn, wenn auch ohne ihn abstellen zu können. Ein schmaler Grat des Erzählens, den vor allem die Schauspieler bewältigen mussten. Ohne jemanden wie beispielsweise Sophie Rois wäre das nicht gelungen. Denn Sophie ist jemand, der auch komplexe und eigensinnige Texte in eine Sprachparty verwandelt. Ich wusste immer, dass wir das schwergewichtige Zeug, welches in der Geschichte gelegentlich verhandelt wird, von Anfang an unangestrengt einflechten müssen. Eine gewisse Mühelosigkeit sollte den Film antreiben. Premiere feierte der Film bei den Festivals in Venedig und Toronto. Ist die Komik also universell? Wir hatten dort schöne Vorführungen, in Toronto war es geradezu rauschhaft, aber ich freue mich jetzt doch sehr darauf, dass der Film nun endlich hier vor einheimischem Publikum läuft. Denn ich glaube schon, dass er in Deutschland am stärksten wirkt. Die drei sind schon irgendwie sehr deutsche Persönlichkeiten, entschuldige Sophie (sie ist Österreicherin), und auch typische Wahlberliner. Es gibt so viele Details im Film, urbane Rituale, die wir hier ganz genau kennen, sei es die Art und Weise, wie bräsig und neugierig zugleich durch eine Ausstellungseröffnung geschlendert wird oder auch einfach nur das Verspeisen von Currywurst zu jeder möglichen Tageszeit. Der Humor und die Leichtigkeit zeichnen den Film auch im Umgang mit dem Thema Sexualität aus... Ich nehme an, jeder Filmemacher versucht, Sex und Körperlichkeit, wenn diese Dinge in der Erzählung eine Rolle spielen, einigermaßen interessant zu

zeigen. Leider geht es oft schief und sieht entweder verklemmt oder nach Leistungsstress aus. Wir haben uns bemüht, beides zu vermeiden. Die Szenen scheinen trotzdem einige, insbesondere männliche Zuschauer irritiert zu haben; in Venedig haben manche währenddessen das Kino verlassen. Woran liegt das? Ich weiß es nicht genau, ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass Homosexualität im populäreren Kino in der Regel immer noch auf eine letztlich entferntere, exzentrische Gruppe abgeschoben wird, die möglichst weit weg und irgendwie ausgewiesen anders ist als der sich in der Heteroecke verschanzende Zuschauer. Hier aber identifiziert sich der männliche Durchschnittszuschauer zwischen 30 und 60 – also durchaus das Zielpublikum des Films – wahrscheinlich zunächst mal am ehesten mit Sebastian Schippers Figur, und dass der sich in einen Mann verliebt, trifft manche von denen offenbar irgendwie unerwarteter als ich das selbst empfunden habe. Gleichzeitig geht es überhaupt nicht um sexuelle Labels und Schubladen! Nein, denn nur weil man diese sexuelle Neigung vielleicht auch in sich trägt, muss man sie ja nicht prioritär haben. Simon lässt im Film durch bestimmte, mehr oder weniger dramatische Veränderungen im Leben nur etwas zu, was schon immer da, aber eben nicht so dominant war. Es erschien uns wichtig zu zeigen, dass da nicht ein Typ sein spektakuläres Coming Out hat, während vorher sein wahres Ich völlig unterdrückt wurde. Kaum einer kann ja wirklich behaupten, er sei 100% hetero- oder 100 % homosexuell. Nur wenn man uns direkt darauf festnageln will, sagen doch die meisten, sie seien vielleicht eher die Ausnahme von der Regel. Insgesamt glaube ich, dass unser Denken da dem Tun längst voraus ist – und der Film nimmt das als Vorlage. Interview: Patrick Heidmann

Drei Für seinen ersten wieder in Deutschland angesiedelten Film hat sich Tom Tykwer eine Dreiecksgeschichte vorgenommen. Die Beziehung zwischen der Kultur-TV-Journalistin Hanna (Sophie Rois) und dem Kunsttechniker Simon (Sebastian Schipper) ist nach 20 Jahren immer noch glücklich, allerdings hat sich die Routine vielleicht ein wenig zu breit gemacht. Das zeigt sich aufs Nachdrücklichste, als sie unabhängig voneinander den relaxten Wissenschaftler Adam (Devid Striesow) kennen lernen – und sich beide in ihn verlieben. Drei kluge Menschen, viele Dialoge und die Kulisse Berlins, viel mehr braucht Tykwer für seine clevere, ernsthafte und leichfüßige Beziehungskomödie nicht. Hier und da bewegt sich das Skript gefährlich nah am Prätentiösen, vor allem Simon wird unnötig viel Drama aufgebürdet. Aber die lässige Selbstverständlichkeit, mit der in „Drei“ auf Großstädter um die 40 geblickt und Hetero/Homo-Klischees heruntergespielt werden, ist mehr als erfreulich. Genauso wie die Hauptdarsteller: Schipper ist vor der Kamera ähnlich überzeugend wie dahinter, Striesow so überraschend und sympathisch wie lange nicht. Aber es ist die viel zu selten im Kino zu sehende Sophie Rois, die den Film zu einem echten Ereignis macht. Text: Patrick Heidmann Kinostart: 23. Dezember 2010 Bereits am 2. Dezember läuft außerdem der von ihm produzierte und betreute Kinderfilm „Soul Boy“ der kenianischen Regisseurin Hawa Essuman in den Kinos an.


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KINO

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3 Fragen an

...James Franco, der längst Hollywoods erste Adresse ist, wenn es um heiße Typen für intellektuell anspruchsvolle Rollen geht. Obwohl er parallel sein Studium vorantreibt, Kurzfilme dreht und einen Roman schreibt, ist er nun als Dichter-Legende Allen Ginsberg in „Howl“ und ab Mitte Februar in „127 Hours“ zu sehen. James, du hast unter anderem Literatur studiert und bist auch selbst Autor. Hattest du dich schon vor dem Film viel mit Allen Ginsberg beschäftigt? Oh ja, ich bin schon lange ein Fan. „Howl“ habe ich mit ungefähr 15 Jahren das erste Mal gelesen und es hat mich damals schon umgehauen. Überhaupt mochte ich die ganze Beat-Bewegung sehr gerne und habe mir oft vorgestellt, mal einen der Schriftsteller für einen Film zu spielen. Ich hatte nur nicht unbedingt mit Ginsberg gerechnet, sondern eher an Jack Kerouac gedacht. Hat sich dein Blick auf das Gedicht durch den Film noch mal verändert? Ja. Denn natürlich habe ich inzwischen viel zu Ginsbergs Persönlichkeit recherchiert und mich mit seinen

Gedanken beschäftigt, so dass sich viele der privateren Aspekte und Details mir erst jetzt erschließen. Du hast in letzter Zeit nicht nur viel gespielt und studiert, sondern auch eigene Kurzfilme inszeniert. Steht als nächstes ein eigener Spielfilm an? Absolut, das dauert nicht mehr lange. Es gibt sogar mehrere Projekte. Unter anderem habe ich mir die Rechte an Büchern über die Jugend von Charles Bukowski sowie über den Dichter Hart Crane gesichert. Dem Thema Literatur bleibe ich also weiterhin verbunden. Aber keine Sorge: Ich hänge die Schauspielerei nicht an den Nagel. Interview: Patrick Heidmann „Howl“, ab 6. Januar im Kino

...Mila Kunis, die nach acht Jahren in der Sitcom „Die wilden Siebziger“ und Komödien nun in „Black Swan“ ihr dramatisches Talent beweisen kann. In Darren Aronofskys beeindruckendem Horror-Drama über die Ballettwelt ist die gebürtige Ukrainerin neben Natalie Portman und Vincent Cassel zu sehen. Mila, „Black Swan“ zeigt den verbissenen Ehrgeiz in der Welt des Balletts. Verstehst Du die Besessenheit dieser Mädchen? Ich habe für den Film einige Ballerinas kennen gelernt und einen Einblick bekommen, wie groß der Konkurrenzkampf in dieser Welt ist. Daher verstehe ich natürlich, dass die Mädchen mit aller Macht versuchen, perfekt zu sein. Persönlich nachvollziehen kann ich das allerdings nicht wirklich, selbst wenn die Strukturen in Hollywood gar nicht so unähnlich sind. Das ist deine bisher anspruchsvollste Rolle, für die du in Venedig kürzlich sogar ausgezeichnet wurdest. Ist das ein Schritt in eine neue Richtung? Es ist auf jeden Fall ein Schritt. Ob nach vorne, zur Seite oder gar nach hinten muss sich erst noch zeigen.

Einen düsteren Film wie diesen zu drehen, war klasse, aber ich höre jetzt nicht auf, Komödien zu spielen. Hast Du denn das Gefühl, dass du mittlerweile „Die wilden Siebziger“ hinter dir gelassen hast? Immer wenn ich denke, dass das endlich so ist, kommt doch wieder jemand mit dem Thema an. So wie du jetzt. Noch immer treffe ich 13-jährige Kids, die mich darauf ansprechen, obwohl die gerade erst geboren wurden, als ich anfing, die Serie zu drehen. Es sind einfach ständig irgendwelche Wiederholungen im Kabelfernsehen zu sehen, deswegen wird mich die Serie wohl auch in Zukunft weiter verfolgen. Interview: Patrick Heidmann „Black Swan“, ab 20. Januar im Kino

...Naomi Watts, die nach längerer Babypause derzeit gleich zweimal auf der Leinwand zu sehen ist. Im Polithriller „Fair Game“ (seit 25.11.) spielt sie die real existierende CIA-Agentin Valerie Plame, während sie in Woody Allens Komödie „Tall Dark Stranger – Ich sehe den Mann deiner Träume“ eine unglücklich Verheiratete mimt, die sich in ihren Chef verguckt. Naomi, Valerie Plame stand nach ihrer Enttarnung plötzlich im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Gefühl kennen Sie sicher auch, oder? Auf jeden Fall, denn auch über mich und mein Leben urteilen und sprechen die Menschen von früh bis spät. Ohnehin habe ich gewisse Parallelen zwischen ihr und mir erkannt. Genau wie Valerie bei ihren Undercover-Aktionen schlüpfe ich hauptberuflich in andere Rollen! Der Unterschied ist aber natürlich, dass mich bei Versagen nur die Kritiker verreißen, während sie einen Fehler mit ihrem Leben hätte bezahlen können. Wie ging es beim Dreh zu Woody Allens „Tall Dark Stranger“ zu? Letztlich ist es bei jedem Film so, dass der Regisseur den Ton angibt, auch für die Stimmung hinter den Kulissen.

Wenn also jemand wie Woody verantwortlich ist, der eine heitere und unbeschwerte Person ist, dann färbt das auf die Arbeitsatmosphäre ab. Denn er mag zwar schüchtern und manchmal auch ein wenig unbeholfen sein. Aber vor allem ist er eben unglaublich witzig und liebt es, seine Schauspieler auf den Arm zu nehmen. Ist er eigentlich einer jener Regisseure, mit denen jeder Schauspieler unbedingt mal arbeiten will? Oh ja, wenn man von ihm engagiert wird, ist das tatsächlich ein Karriere-Meilenstein. Bevor man ihn trifft, nimmt man ihn ja als ikonische Figur der FilmGeschichte wahr. Ich war wirklich eingeschüchtert und ehrfürchtig, als ich dann tatsächlich vor ihm stand. Interview: Patrick Heidmann „Tall Dark Stranger“, ab 2. Dezember im Kino


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KINO

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THE PACIFIC bietet großes Kino

Wenn derzeit immer wieder festgestellt wird, dass im Fernsehen oft besser und spannender erzählt wird als im Kino, dann werden als Beweis dafür meist Serien wie „Mad Men“, „True Blood“ oder „Breaking Bad“ herangezogen. Doch auch die zehnteilige Miniserie „The Pacific“, die gerade auf DVD und Blu-ray erschienen ist, untermauert diese These. Wobei es sicherlich kaum ausschließlich am Format liegt, dass die aufwändige Produktion über den Zweiten Weltkrieg so überzeugend geraten ist, wie Hauptdarsteller James Badge Dale („24“) im Interview zu Recht bemerkt: „Es stimmt schon, dass die Kluft zwischen Kino und TV viel kleiner ist als früher. Aber letztlich kommt es doch darauf an, ob jemand Geschichten erzählen kann. Wer das drauf hat, überzeugt sowohl auf der Leinwand als auch auf dem Bildschirm.“ Kein Wunder also, dass hinter „The Pacific“ zwei Männer stecken, die vom Geschichtenerzählen tatsächlich einiges verstehen. Steven Spielberg und Tom Hanks zeichnen als Produzenten verantwortlich und setzen dabei auf das gleiche Rezept wie vor neun Jahren bei „Band of Brothers“. Wieder folgen sie US-Soldaten durch die grausamen Irrungen des Zweiten Weltkriegs, nur dass es dieses Mal nicht nach Europa geht, sondern in den Pazifik, wo schon vergleichbare Kinofilme wie „Der schmale Grat“ oder „Flags of our Fathers“ angesiedelt waren. Was die großartig fotografierten Bilder und den 200 Millionen Dollar teuren Produktionsaufwand angeht, kann die Serie mit solchen Werken ohne Frage mithalten. Die Spieldauer von zehn Stunden erlaubt aber zusätzlichen Raum für Details und einen faszinierend langen Erzählatem, der die Brutalität des Soldatenlebens noch schwerer erträglich macht als sonst. Dass es eine Weile dauert, bis sich drei der zahlreichen Figuren als Protagonisten (ge-

spielt von Dale, Jon Seda und dem von Spielberg einst für „Jurassic Park“ entdeckten Joe Mazzello) herausstellen, ist dabei durchaus beabsichtigt. Aber ist nicht vielleicht die Thematik von „The Pacific“ doch eher etwas für ein Publikum in den USA, wo die Serie ganze acht Emmys einheimsen konnte, als in Deutschland, wo die Quoten der Erstausstrahlung eher mittelprächtig waren? „Glaube ich nicht“, meint Dale, „denn auch wir Amerikaner wissen eigentlich fast nichts über diese Seite des Zweiten Weltkriegs. Zwar sind in die Ereignisse, die wir zeigen, keine Europäer involviert. Aber trotzdem ist das nicht nur amerikanische, sondern Weltgeschichte. Außerdem geht es hier nicht nur um einen speziellen Krieg, sondern um den furchtbaren Preis, den Menschen dafür zahlen, wenn sie überhaupt in den Krieg geschickt werden. Sie machen etwas durch, was eigentlich kein Mensch je

Vater Morgana

Süßer die Hochzeitsglocken nie klingen Christian Ulmen versucht wieder einmal das zu tun, was er im Kino zuletzt am liebsten getan hat: Heiraten. Nach „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und „Hochzeitspolka“ probiert er nun auch in „Vater Morgana“, den Bund fürs Leben einzugehen. Viel besser könnte es für Lutz (Christian Ulmen) kaum laufen: Er ist zufrieden mit seinem Bürojob bei einer Werttransportfirma, genießt das Liebesgl��ck mit seiner Freundin Annette (Felicitas Woll) und will sogar mit ihr zusammenziehen. Fehlt nur noch der Heiratsantrag, den er ihr vor den Augen sämtlicher Kollegen auf einer Firmenfeier machen möchte. Als auf einmal jedoch sein chaotischer Vater Walther (Michael Gwisdek) auftaucht, den er jahrelang nicht mehr gesehen hat, läuft plötzlich alles aus dem Ruder. Zudem stellt sich bald heraus: Walther hat Alzheimer. Im Kino wird die Demenzerkrankung derzeit gleich in zwei Filmen thematisiert, neben „Vater Morgana“ auch in „Small World“ mit Gérard Depardieu und Alexandra Maria Lara. In Letzterem geschieht das in Form eines Dramas, während Re-

gisseur Till Endemann für „Vater Morgana“ eine komödiantische Herangehensweise gewählt hat. Mit Christian Ulmen und Michael Gwisdek hat er dafür prinzipiell durchaus hochkarätige Darsteller gewinnen können, und auch die Nebenrollen sind mit Felicitas Woll, Heinz Hoenig und Marc Hosemann anständig besetzt. Dennoch will die humorvolle Aufarbeitung der missratenen VaterSohn-Beziehung nicht richtig zünden. Zu klamaukig kommt das Ganze daher, ohne jedoch wirklich witzig zu sein. Zu aufgesetzt, zu konstruiert wirken die Irrungen und Wirrungen des armen Lutz, so dass es nie so recht gelingen will, den Verlauf der Geschichte ansatzweise nachvollziehbar zu gestalten. So bleibt das albern betitelte „Vater Morgana“ am Ende leider bloß eine optische Enttäuschung. Text: Daniel Schieferdecker Kinostart: 16. Dezember 2010

durchmachen sollte. Und trotzdem passiert es immer wieder, überall auf der Welt.“ So reiht sich „The Pacific“ letztlich tatsächlich ein in die besten Kriegs- bzw. Antikriegsfilme, als Geschichtsstunde(n), erschütterndes Mahn- und Denkmal sowie – auch Dank dem ein oder anderen Klischee und mitunter arg bombastischer Musik – als hoch emotionale Angelegenheit. Mehr kann man nicht erwarten, weder im Kino noch im Fernsehen. Wir verlosen 3x die DVD-Box unter allen, die uns eine E-Mail an verlosung@ sallys.net unter dem Stichwort „Pacific“senden. Text: Patrick Heidmann


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KINO

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Nowhere Boy

(Just Like) Starting Over

In diesem Jahr hätte John Lennon seinen 70. Geburtstag gefeiert, im Dezember jährt sich seine Ermordung zum 30. Mal. Ereignisse, derer nicht nur mit einer riesigen CD-Box, einer eigenen Füller-Edition und einer speziellen John-Lennon-Gitarre, sondern nun auch mit seiner verfilmten Biografie „Nowhere Boy“ gebührend gedacht werden. Der junge John Lennon (Aaron Johnson) wächst bei seiner strengen Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) auf. Seine Mutter Julia (Anne-Marie Duff) lebt zwar noch, musste ihren damals fünfjährigen Sohn jedoch abgeben. Als Teenager auf der Suche nach sich selbst, gerät John in einen Konflikt, der vor allem in der Gegensätzlichkeit dieser beiden Mutterfiguren liegt – und eine innere Zerrissenheit in ihm hervorruft. Doch am Ende ist es natürlich der Rock’n’Roll, der ihm einen Ausweg aus seinem Dilemma bietet. Das Spannende an Sam Taylor-Woods Biopic ist vor allem der Umstand, dass es sich auf die Zeit konzentriert, bevor John Lennon mit den Beatles zur PopIkone wurde. Oder wie es die Jury des diesjährigen

Filmfest Hamburg bei der Vergabe des Art Cinema Awards formuliert hat: „Der Regisseurin gelingt es, ohne übertriebene Anspielungen auf dessen spätere Prominenz, den Zuschauern einen jungen Menschen nahe zu bringen, der zwischen Rebellion, Musik und dem Wunsch nach Verständnis und Geborgenheit seine eigene Identität sucht.” Allerdings liegt genau darin auch die Krux den Films, denn “Nowhere Boy” interessiert sich bloß für Lennons verletzliche Seite und kein Stück für seine Zementierung als Legende. Irgendwie hätte man ja doch ganz gerne noch etwas von den Beatles gesehen. Text: Daniel Schieferdecker Kinostart: 8. Dezember 2010

Monsters

Romantik und Weltraumkraken

Ohne nennenswertes Budget und mit nur zwei etatmäßigen Schauspielern hat Gareth Edwards ein bemerkenswertes Kinodebüt realisiert – und dem Monsterfilm eine glaubhaft realistische Seite verpasst. Vor sechs Jahren zerbrach eine Raumsonde der NASA beim Wiedereintritt in die Atmosphäre. Proben interstellarer Organismen verteilten sich über Zentralamerika, im Norden Mexikos, der „Infizierten Zone“, entstand dadurch eine neue Spezies. An der südlichen Grenze geraten diese haushohen, äußerst robusten Wesen immer wieder in verheerende Kämpfe mit dem Militär. Weil Samantha (Whitney Able) dabei verletzt wird, soll der Fotojournalist Andrew (Scoot McNairy) die Tochter seines Verlagschefs zurück in die USA bringen. Es geht viel schief, und schließlich bleibt beiden nur, die gefährliche Zone direkt zu durchqueren. Verrückte Wissenschaftler vergrößern schon lange keine Insekten mehr, King Kong und Godzilla inspirieren nur noch zu müden Remakes; es ist leider

recht still geworden um Riesenmonster im Film. Dies könnte ein vielversprechender Neustart sein. Regie, Buch, Kamera, Spezialeffekte, alles stammt aus der Hand Gareth Edwards. Er beweist ein gutes Gespür für die Chemie seiner Hauptdarsteller, für Drehorte und Situationen. Das Bild einer leidgeprüften Bevölkerung im Alltag mit den Aliens wirkt sehr überzeugend, die Reise durch die Zone ist toll fotografiert. Die Kreaturen stehen eher im Hintergrund, ohne aber zu kurz zu kommen. „Monsters“ ist ein ernstes, ruhiges, ungewöhnliches Roadmovie und eine Romanze. Die Liebe überwindet nämlich alle Hindernisse, selbst 20 Meter hohe Weltraum-Kraken. Text: Christian Stein Kinostart: 9. Dezember 2010

Immer Drama um Tamara Aufruhr auf dem Land

Tamara Drewe gehört zu der Gattung von Frauen, die - wo immer sie auftauchen - allein durch ihre Anwesenheit für Aufregung sorgen – und die um eben diese Wirkung sehr genau wissen. Und da die Titelheldin vom sexy Bond-Girl Gemma Arterton gespielt wird, stimmen in jedem Fall schon einmal die optischen Rahmenbedingungen. Doch dabei bleibt es nicht, denn Arterton weiß auch schauspielerisch zu überzeugen. Der Aufruhr beginnt, als die umtriebige Tamara in ihr Heimatdorf in der Provinz zurückkehrt, um das Häuschen ihrer verstorbenen Mutter zu verkaufen. 18 Jahre lang war sie nicht mehr dort und wird deshalb auch nicht sofort erkannt: Aus der grauen Maus von einst ist – dank Nasen-OP – eine hinreißende Schönheit geworden. Von nun an wirbelt die alles andere als auf den Mund gefallene Tamara das beschauliche Dorfleben durcheinander – allen voran das der Kommune um den berühmten Schriftsteller Nicholas Hardiment und seiner aufopferungsvollen Ehefrau, die Tamaras direkte Nachbarn sind.

Ein typisch britischer, schwarz eingefärbter und wüstensandtrockener Humor sind die Markenzeichen dieser gut getimten, frisch inszenierten Provinzposse von „Die Queen“-Regisseur Stephen Frears, bei der am Ende und nach einigen unterhaltsamen Umwegen jeder das bekommt, was er oder sie verdient (und sei es der Tod). Dank eines bestens aufgelegten Ensembles und der von originell bis skurril reichenden Gags und Figuren kann man sich bei dieser vielleicht einen Tick zu ausufernd geratenen Komödie prächtig amüsieren. Schade nur, dass der so billig wirkende deutsche Titel der eigentlichen Klasse dieses Kinospaßes nicht gerecht wird. Text: Dirk Lüneberg Kinostart: 30. Dezember 2010


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KINO

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Der Auftragslover

Ein Mann von Welt

Home For Christmas

Alex (Romain Duris), Mélanie und Marc betreiben eine sehr spezielle Firma. Für Geld öffnen sie unglücklich gebundenen Frauen die Augen, der geborene Charmeur Alex mimt dazu den Traumprinzen. Der aktuelle Fall des Trennungs-Teams ist anspruchsvoll: In nur einer Woche wird die kultivierte und attraktive Juliette (Vanessa Paradis) heiraten, scheint damit aber mehr als einverstanden – im Gegensatz zu ihrem Vater, dem Auftraggeber. Alex gibt sich als vom Vater engagierter Bodyguard aus und versucht, Juliette näher zu kommen, was jedoch eher auf seine eigenen Gefühle schlägt. „Der Auftragslover“ (ab 6.1.) ist vergnüglich und temporeich, was vor allem an der originellen Umsetzung der Geschäftsidee des Protagonisten liegt. Der Aufwand für Recherche und das Inszenieren „aussichtsreicher“ Situationen hat Geheimdienst-Niveau. Die Welt der Reichen und Schönen, aus der Juliette stammt, ist hübsch anzusehen. Und endlich kommt eine Komödie mal wieder ohne Körperflüssigkeiten aus.

„Ich glaub’, ‘ne Dame wird ich nie“ sang einst Hildegard Knef und auch Ulrik (Stellan Skarsgard) mangelt es an Etikette. Gerade aus dem Knast entlassen, beschließt er, sein Leben zu ändern, sein Geld nur noch legal zu verdienen und die Beziehung zu seinem Sohn zu verbessern. Doch so einfach ist es mit dem Ausstieg nun auch wieder nicht, ein paar offene Rechnungen aus der Vergangenheit bringen die neue Rechtschaffenheit immer wieder ins Wanken. Im Berlinale-Wettbewerb 2010 war „Ein Mann von Welt“ (ab 9.12.) ein Publikumsliebling. Der norwegische Regisseur Hans Petter Moland hat eine skurrile und schwarze Komödie auf die Leinwand gebracht, die selbst in ihren absurdesten Momenten einer gewissen Tragik nicht entbehrt. Neben den schrägen Einfällen sind es vor allem die knarzigen Charaktere, die dem Film seinen schroffen Charme verleihen und somit die ganz eigenwillige Komik vorantreiben. Die ist so rüde und absurd, dass sie stilsicher die wohl lustigsten Sexszenen seit Jahren präsentiert. Und die sind gar nicht damenhaft.

Wahnwitzig, was sich alle Jahre wieder unterm Weihnachtsbaum abspielt! Das dachte sich auch Regisseur Bent Hamer („Kitchen Stories“) und erzählt in „Home for Christmas“ kleine Episoden aus der Heiligen Nacht, die sich in einem Städtchen Norwegens zutragen. Unverdrossen verwendet er dabei sämtliche Elemente des typischen Weihnachtsfilms: Schnee und große Gefühle, Sterne und neugeborene Kinder, Modelleisenbahnen und Weihnachtsmänner. Eigentlich sind das alles alte Hüte. Aber sie werden in derart eigenwilliger Art und Weise inszeniert, dass sich der bereits so häufig verfilmte Weihnachtszauber für kurze Zeit ganz unverbraucht anfühlt. Vielleicht liegt das an dem melancholischen Soundtrack von John Erik Kaada, der die Geschichtchen in feierlicher Langsamkeit trägt, vielleicht auch an den gut gewählten Kameraeinstellungen. Jedenfalls ist „Home for Christmas“ (ab 2.12.) ein besonderer Weihnachtsfilm. Er ist komisch in seiner Dramatik und voll charmanter Herzensangelegenheiten.

Last Night

Megamind

Michael (Sam Worthington) und seine fragile Frau Joanna (Keira Knightley) sind das sanftmütigste Leinwand-Paar seit langem: Beide bewohnen in New York ein nobles Apartment, das ebenso still und aufgeräumt wirkt wie ihre Beziehung. Dann wird ihr Zugehörigkeitsgefühl unvermutet auf die Probe gestellt. Als Michael an der Seite seiner attraktiven Kollegin (Eva Mendes) auf einer Dienstreise weilt, trifft Joanna per Zufall ihren Ex (Guillaume Canet) wieder. In „Last Night“ (ab 6.1.) gelang Regisseurin Massy Tadjedin vom Dialog bis zur Ausstattung eigentlich alles. Peter Deming, der schon Lynchs „Mullholland Drive“ fotografierte, sorgt für eine herausragende Kameraarbeit, die Schauspieler für ein nuancenreiches Spiel. Frage: Wie ist es, das Fremdgehen? Antwort: Es stimmt melancholisch. In gefühlter Echtzeit erzählt „Last Night“ von den Versuchungen einer Nacht und erinnert, was die Ereignisdichte betrifft, in der sich Joanna so unverhofft in neuer Gesellschaft wiederfindet, an Kubricks „Eyes Wide Shut“.

„Es geht um Schatten und Licht, und um das Gleichgewicht/und darum, dass man das Eine niemals ohne das Andere kriegt“, hat ein weiser Mann einmal das antagonistische Dilemma von Gut und Böse in Worte gefasst. Und genau diese Dualität hat Dreamworks nun zum Thema seines neuesten 3D-Animationsspektakels gemacht: den ewigen Wettstreit des blauhäutigen Dauerverlierers Megamind gegen den gefeierten Superhelden Metroman. Gerade als der sympathische Superschurke eines Tages jedoch über seinen Erzfeind triumphiert, entdeckt er plötzlich die Liebe – und damit das Gute in sich. Mit Hilfe dieses Kunstgriffs hat Regisseur Tom McGrath dem altbekannten Superheldenstoff noch mal eine völlig neue Facette abgewonnen, und zwar mit bissigem Humor, netten Bildern und einer unerwarteten Tiefe. So ist das weltlenkende Polaritätsprinzip in “Megamind” (ab 2.12.) am Ende wieder hergestellt, weil schließlich „das Eine aus dem Anderen entsteht/und fehlt das Eine sind auch die Tage des Anderen gezählt.“

Von Menschen und Göttern

Text: Christian Stein

Text: Kathleen Prüstel

Text: Cornelis Hähnel

Text: Daniel Schieferdecker

Text: Vanessa Pape

Die in den Bergen Algeriens in einem Kloster lebenden christlichen Mönche können glatt als Musterbeispiel für gelungene Integration durchgehen. Die Franzosen, denen missionarischer Eifer fremd ist, sind bei der Bevölkerung beliebt, besuchen die muslimischen Feste und der Arzt des Klosters wird auch von den Dorfbewohnern gerne und häufig konsultiert. Als jedoch islamistische Rebellen in der Gegend immer wieder Jagd auf Andersgläubige machen, kann die algerische Regierung nicht mehr für die Sicherheit der Mönche garantieren und legt ihnen nahe, das Land zu verlassen. Dies stellt die christliche Glaubensgemeinschaft vor eine schwierige Entscheidung. „Von Menschen und Göttern“ (ab 16.12.) beruht auf realen Begebenheiten. Besinnlich erzähltes, hervorragend gespieltes und zutiefst bewegendes Drama mit leichtem Hang zum Pathos. Text: Dirk Lüneberg


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KINO DVD

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DVD DES MONATS

Die Muppet Show – Die erste Staffel (Walt Disney)

Kermit, der aufrichtige und manchmal etwas neurotische Frosch; die zickig-anspruchsvolle Schweinedame Miss Piggy; der sich maßlos überschätzende, truthahn-ähnliche Gonzo; die ewig grantelnden Senioren Waldorf und Statler – für manche ist diese chaotische Puppen-Truppe, zu der auch Bären, Hühner, animalische Schlagzeuger, dänische Köche und andere Kuriositäten gehören, seltsamer Kinderkram. Aber für Kenner ist „Die Muppet Show“ das beste Beispiel für schräg-subversive Comedy, die zwar Kindern Spaß machen kann, aber in ihrer Genialität vor

allem auf ein erwachsenes Publikum abzielt. Ein paar Jahre nach seiner erfolgreichen „Sesamstraße“ und noch lange vor ähnlich gelagerten Konzepten wie den „Simpsons“ brachte der unverwechselbare Jim Henson die oft missverstandene Show 1976 auf die Bildschirme, wo die Geschichten über den Alltag auf und hinter der Bühne eines Varietés fünf Staffeln lang mit mäßigem Erfolg liefen. Doch wie wenig andere Fernsehserien haben sich die Muppets – auch dank zahlreicher folgender Kino-Filme (der nächste steht im Dezember 2011 an) und TVSpecials – für immer ins popkulturelle

Chapter 27

Die Säulen der Erde

(Evolution/Alive) Wie sein Vorbild Holden Caulfield zieht es den Lennon-Mörder Mark David Chapman (Jared Leto) kurz vor Weihnachten nach New York. Drei Tage irrt er durch Manhattan, bevor er Lennon am 8.12.1980 erschießt. In Anlehnung an Salingers „Fänger im Roggen“, das Chapman angeblich antrieb, erforscht der Film dessen Beweggründe und zeigt die letzten Stationen vor der Tat. Übergewichtig und egozentrisch sieht man ihn vor dem Dakota-Building herumlungern: die Psyche eines Mörders lässt sich nicht besser abbilden als es Leto in diesem ruhig erzählten Täter-Porträt gelingt. Die DVD bietet ein Making Of mit Schauspieler-Kommentar. Text: Kathleen Prüstel

Der Andere

(Universum) Kaum läuft die Verfilmung von Ken Follets Megabestseller im TV, ist sie auch schon auf DVD und Blu-ray erhältlich. Der mehr als 1.000 Seiten starke Schmöker, der vom krisengeplagten Bau einer Kathedrale im britischen Mittelalter handelt, wurde in 400 Minuten aufwändige, aber auch recht schmalzige Fernsehunterhaltung umgesetzt. Immerhin aber ist die deutsch-kanadische Koproduktion mit Donald Sutherland und Rufus Sewell teilweise recht interessant besetzt. Auf DVD auch als Steelbook und Special Edition erhältlich, wobei nur letztere einiges Bonusmaterial (unter anderem Interviews, Making Of) bereithält. Text: Peter Meisterhans

(Koch Media) Nach dem plötzlichen Verschwinden seiner Frau (Laura Liney) findet Peter (Liam Neeson) auf dem Anrufbeantworter und in ihrer E-Mail Nachrichten von einem gewissen Ralph (Antonio Banderas), die darauf schließen lassen, dass die beiden eine Affäre hatten. Peter macht sich auf nach Mailand, um seinen Nebenbuhler zu suchen und zur Rede zu stellen. Toll besetzte und fotografierte, leider auch etwas klischeebeladene und schmierig geratene Verfilmung einer Kurzgeschichte von „Der Vorleser“-Autor Bernhard Schlink. Als Extras finden sich ein Making Of, Interviews und Trailer auf DVD und Blu-ray. Text: Dirk Lüneberg

Es kommt der Tag

Der Räuber

Inception

(Zorro/Goodmovies/ Indigo) Johann Rettenberger (Andreas Lust) hat die Zeit im Knast auf einem Laufband verbracht. Kaum entlassen, gewinnt er den Wien-Marathon - als Außenseiter. Das ist nur eine Episode, denn mit dem Bankenausrauben hört er trotzdem nicht auf. Als ihn sein Bewährungshelfer drängt, eine Arbeit anzunehmen, erschlägt er ihn im Affekt. Und rennt weg. Die bis dahin schon atemlose Handlung nimmt nun noch einmal Fahrt auf. Der einer wahren Geschichte nachempfundene Thriller war ein Überraschungserfolg auf der Berlinale. Text: Elisabeth Nagy

(Zorro/Goodmovies/Indigo) Die 29-jährige Alice (Katharina Schüttler), wurde einst von ihrer Mutter Judith (Iris Berben) zur Adoption freigegeben, die sich als Terroristin in den Untergrund begab. Mittlerweile hat Judith eine neue Familie gegründet und wird durch das unerwartete Auftauchen ihrer Tochter plötzlich mit den Schatten ihrer Vergangenheit konfrontiert – mit sämtlichen Konsequenzen für ihre Tochter, ihre Familie und sich selbst. Das Regiedebüt von Susanne Schneider überzeugt durch narrative Kniffe, stimmige Bildhaftigkeit und viel Emotionalität. Als Extras gibt es Interviews mit den Beteiligten. Text: Daniel Schieferdecker

(Warner) Als Spezialist für den Ideenklau im Kopf anderer Menschen soll Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) für den Magnaten Saito arbeiten. Anstatt jedoch eine Idee zu stehlen, soll er eine Idee verpflanzen und damit für das perfekte Verbrechen sorgen. Doch nicht nur, dass ein unbekannter Gegner jeden Schritt vorauszusehen scheint, auch die Erinnerung an seine verstorbene Frau steht Cobb im Weg. Mit „Inception“ hat Christopher Nolan ein wahres Meisterwerk inszeniert, das trotz Blockbuster-Handhabung in der Lage ist, für ordentlich Unordnung im Kopf des Zuschauers zu sorgen . Ein großer Film, allerdings mit sehr wenigen Extras. Text: Daniel Schieferdecker

Gedächtnis eingebrannt. Umso unbegreiflicher, dass erst jetzt die erste Staffel in Deutschland auf DVD zu haben ist. Auf vier DVDs gibt’s die ersten 24 Folgen (mit deutschem und Originalton), natürlich mit den Schweinen im Weltall, der Tierklinik und Gaststars wie Peter Ustinov, Vincent Price, Charles Aznavour oder Candice Bergen. Ein Meilenstein der Fernsehgeschichte und ein Muss für alle, die wissen, dass es nicht immer leicht ist, grün zu sein. Applaus, Applaus, Applaus! Text: Patrick Heidmann

Kiss & Kill

(Kinowelt) Dass es ein Weilchen dauern kann, bis man bemerkt, dass es die heiße Flamme - respektive die bessere Hälfte - mit James Bond aufnehmen kann, hat man ja in den letzten Jahren häufiger mal im Kino gesehen – ob beim Ehepaar Smith oder kürzlich in „Knight And Day“. Ashton Kutcher und Katherine Heigl sehen daneben ein bisschen blass aus, nichtsdestotrotz ist „Kiss & Kill“ allemal für rund 100 Minuten federleichtes, reueloses Heimkino zwischen Action und Comedy gut, ein augenzwinkerndes Wiedersehen mit Tom Selleck inbegriffen. Im soliden Bonusprogramm tummeln sich Making Of, Deleted Scenes und Gag Reel. Text: Friedrich Reip

Knight and Day

(20th Century Fox) Der Retter in der Not rempelt June (Cameron Diaz) erst einmal über den Haufen. Sie ahnt nicht, dass Roy Miller (Tom Cruise) ein Super-Sonder-Agent ist und sie als Kurier missbraucht. Er rettet sie ein ums andere Mal aus misslichen Lagen, weicht ihr nicht von der Seite. Das gefällt ihr, irritiert sie aber zunehmend, doch bald flüchtet und rettet sich das ungleiche Paar gemeinsam vor und gegen allerlei Verfolger. Eine kurzweilige Action-Komödie, die auf DVD in einer um sieben Minuten längeren Fassung erscheint. Nur auf der Blu-ray gibt es Extras wie unveröffentlichte Szenen und bunte Features. Text: Elisabeth Nagy

BEST OF THE REST Mehr denn je weiß man im Weihnachtsgeschäft gar nicht wohin mit all den DVD- und Blu-ray-Neuerscheinungen, deswegen halten wir uns an dieser Stelle wie immer kurz. Auf ein paar Themen muss aber wirklich noch hingewiesen werden. Zum Beispiel auf zwei hübsche Filme, die im Kino leider völlig untergingen: „Easy Virtue“ (Sony), eine Kostümkomödie mit Jessica Biel als neureiche Amerikanerin, die ihre britisch-distinguierten Schwiegereltern (Colin Firth & Kristin Scott Thomas) überrumpelt, sowie „Ich & Orson Welles“ (Universal) von Richard Linklater, ein Theaterfilm mit Zac Efron, Claire Danes und dem starken Christian McKay als Orson Welles. Anderes kam gar nicht erst ins Kino, etwa das unnötige, aber nicht unspannende US-Remake „The Experiment“ (Constantin/Highlight/Paramount), mit Adrien Brody in der Bleibtreu-Rolle sowie Forest Whitaker, Maggie Grace u.a. Noch mehr Thrill bietet der australische Horror-Western „Red Hill“ (Kinowelt), der nicht nur wegen „True Blood“-Star Ryan Kwanten ein Geheimtipp ist. Auch nicht ohne: „Shank“ (Ascot Elite), ein rauer Actionthriller über Jugendgangs, die 2015 ganz London kontrollieren. Reichhaltig ist auch das Angebot aus dem Fernsehbereich. Da gibt’s zum Beispiel den Zweiteiler „Henry VIII“ (Ascot Elite), in dem die später auch in den „Tudors“ verarbeitete Geschichte des Monarchen mit Stars wie Ray Winstone, Helena Bonham-Carter oder Emily Blunt erzählt wird. Oder erstmals (und passend zu unserer DVD des Monats) alle fünf Staffeln von Jim Hensons „Fraggles“ (Universum), die sensationelle zweite Staffel von „Mad Men“ (Universal), Bastian Pastewka und Anke Engelke als Wolfgang und Anneliese in „Fröhliche Weihnachten 2“ (Brainpool/Sony Music) oder zahlreiche neue Folgen zum 40. Geburtstag vom „Tatort“ (Walt Disney). In zwei Fällen heißt es sogar Abschied nehmen: denn mit einer umstrittenen sechsten bzw. einer durchwachsenen achten Staffel verabschieden sich mit „Lost“ (Walt Disney) und „24“ (20th Century Fox) zwei Serien, die ohne Frage in den TV-Olymp gehören. Text: Patrick Heidmann

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Looking For Eric

Männertrip

(Universal) Plattenlabel-Praktikant Aaron (Jonah Hill) soll den abgehalfterten BritRocker Aldous (Russel Brand) zu einem Comeback-Konzert von London nach Los Angeles bringen, woraus eine dreitägige Exzess-Odyssee wird. Die Idee hinter dieser Komödie ist durchaus vielversprechend und mit Jonah Hill und Katy Perry-Ehemann Russel Brand wurde auch eine charismatisch-sympathische Besetzung gefunden, so dass man in Sachen Sex, Drugs and Rock’n’Roll gut auf seine Kosten kommt. Auf der DVD finden sich nur Audiokommentare und Outtakes, es gibt aber auch noch eine Extended-Party-Edition als Blu-ray mit weiteren Extras. Text: Dirk Lüneberg

Mary & Max

(Ascot Elite) Mary ist acht Jahre alt und lebt in Australien, Max ist ein wesentlich älterer New Yorker. Sie ist etwas altklug, er ein übergewichtiger Sonderling mit Asperger Syndrom. Beide sind sie einsam – und ein zufälliger Briefwechsel initiiert eine lebenslange Brieffreundschaft. Adam Elliott ist ein liebenswürdiger Knetanimationsfilm für alle Altersstufen ab zwölf und für alle Lebenslagen gelungen. Auf die DVD packt er neben dem Audiokommentar seinen Oscarprämierten Kurzfilm „Harvie Krumpet“, außerdem Interviews mit den Originalsprechern, ein Making Of und nicht verwendete Szenen sowie ein alternatives Ende. Text: Elisabeth Nagy

Micmacs – Uns gehört Paris!

(Kinowelt) Mal wieder extravagantes französisches Kino aus der Phantasie von „Amélie“-Regisseur JeanPierre Jeunet. Videothekar Bazil (Dany Boon) macht sich auf die Suche nach dem Mann, der Schuld ist, dass eine Kugel in seinem Kopf feststeckt, und bekommt dabei Unterstützung von einer Truppe kauziger Außenseiter. Eigenwillig und humorvoll, liebevoll ausschmückt und in surreal-satten Farben – ein wahrer Traum von einem Film, über den man nur staunen kann. Als DVD-Bonusmaterial gibt es einen Audiokommentar, ein Making Of und mehr. Text: Dirk Lüneberg

(Ascot Elite) Frau Yoons (Kim Hye-ja) einziger Sohn Do-jun (Won Bin) sitzt im Gefängnis. Er soll ein Schulmädchen ermordet haben. Um seine Unschuld zu beweisen, stellt die Mutter eigene Ermittlungen an, denn Dojun ist sowohl zu einfältig als auch zu sanft, um jemandem etwas anzutun. Ohne das Asia-Kino zu verklären – das neue Werk des koreanischen Regisseurs Bong Joon-hos ist eine Perle. Ein skurriler und komischer Thriller und Familienfilm, herausragend gefilmt und geschnitten. Als DVD-Bonus gibt’s ein Interview mit Bong Joon-ho, ein Making Of und mehr. Text: Christian Stein

Please Give

(Sony) Neurosen werden im Big Apple wie rare Sammlerstücke gepflegt, und Nicole Holofcener hat nun einen Film darüber gemacht. Im Stile Woody Allens inszeniert sie mit scharfem Blick und feiner Ironie eine Parabel auf die amerikanische Oberflächlichkeit und das wahre Leben dahinter. Kern ihrer Geschichte ist die Diskrepanz zwischen dem, der man ist und dem, der man gerne wäre – sowie der Unfähigkeit, diesen Widerspruch in Wohlgefallen aufzulösen. “Please Give” ist unaufgeregt, pointenreich und mit Catherine Keener, Amanda Peet und Oliver Platt toll besetzt. Extras: Behind The Scenes, Outtakes, Interviews. Text: Daniel Schieferdecker

Salt

(Sony) Die CIA-Agentin Evelyn Salt (Angelina Jolie) ist eine der besten ihrer Zunft. An der Loyalität für ihr Vaterland wird jedoch mächtig gerüttelt, als ein Überläufer plötzlich aussagt, sie sei eine russische Schläferin. Als sie sich ihrer Verhaftung widersetzt, um der Intrige auf den Grund zu gehen, hat sie mehr als nur einen Feind im Nacken – und vielleicht sogar sich selbst. Ein rasanter Action-Thriller, der zwar ein klein wenig berechenbar ist, aber durchaus Spaß macht und voll und ganz auf seine sexy Hauptdarstellerin zugeschnitten ist. Die vielen Extras lassen ebenfalls Freude aufkommen und liefern quasi das „Salt“ in der Suppe. Text: Daniel Schieferdecker

Shelter

(Senator/Universum) Golden Globe-Gewinner Jonathan Rhys Meyers und die unvergleichliche Julianne Moore in den Hauptrollen waren nicht genug, diesem Gruselthriller einen Kinostart zu verpassen. Wenn man ehrlich ist, ist das auch ganz gut so. Denn trotz der beiden immer sehenswerten Stars und einigen durchaus effektvollen Schreckmomenten ist die von Mystery-, Okkultismus- und PsychohorrorSpuren durchzogene Geschichte einer Psychologin, die einen seltsamen Fall von gespaltener Persönlichkeit zu untersuchen hat, ein eher krudes, selten überzeugendes Machwerk. Interviews runden die DVD- und Blu-ray-Premiere ab. Text: Jonathan Fink

Splice

(Senator/Universum) Geheim, aber im Namen der Wissenschaft kreuzen die Genetiker Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) menschliche DNA mit der von diversen Tierarten. Es entsteht ein Hybridwesen,

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ZaOza Download-Tipp Wolfsburg

Diese frühe Arbeit des deutschen Regietalents Christian Petzold zählt zweifelsfrei zu den Filmen, die man sich mehr als einmal ansehen kann. Benno Fürmann spielt den Autoverkäufer Philipp, der ein Kind überfährt und Fahrerflucht begeht. Sein schlechtes Gewissen lässt ihn seine Beziehung vernachlässigen, während er sich zugleich in die trauernde, allein erziehende Mutter (Nina Hoss) verliebt. Philipp beginnt eine Affäre mit ihr, ohne ihr jedoch von seiner Tat zu erzählen. Ein ebenso subtil wie fesselnd erzähltes Drama um die großen Themen von Schuld, Sühne und d Vergebung, das zudem dank seiner erstklassigen Besetzung mehr als nur zu überzeugen versteht. adtipps n lo ow

(EuroVideo) Eric (Steve Evets) erledigt seinen Job bei der Post nur widerwillig und seine halbwüchsigen Stiefsöhne tanzen ihm auf der Nase herum. Doch nach dem Genuss eines Joints passiert ein kleines Wunder: Fußballstar Eric Cantona erscheint ihm leibhaftig und gibt Lebensveränderungstipps. Hart an der Realität, aber fein ausbalanciert zwischen Drama, Märchen, großer Tragödie und kleiner Komödie erzählt Ken Loach eine menschlichmenschelnde Geschichte samt pfiffigem Ende. Auf der DVD sind noch eine Featurette, ein Making Of, Trailer, Interviews mit Loach und Cantona sowie die Dokumentation „United We Stand“ zu finden. Text: Dirk Lüneberg

Mother

KINO DVD

Text: Dirk Lüneberg

Filmtipp Dezember 2010 zum Download unter zaOza.de/sallys

Win a Lot

Auch in diesem Monat könnt ihr wieder zahlreiche der hier vorgestellten DVDs gewinnen. Schickt uns einfach eine Postkarte oder E-Mail (verlosung@sallys.net) mit dem Kennwort „DVD-Verlosung“ und eurem Wunschtitel. Ggf. Altersnachweis nicht vergessen! Zu gewinnen gibt es: 1x Die Muppet Show + T-Shirt, 2x Kiss & Kill + Blu-ray, Feuerzeug, Regenjacke & T-Shirt, 2x Micmacs + Blu-ray, Soundtrack & Button, 3x Toy Story + 3 Blu-rays, 3x Inception, 3x Splice, 3x Der Andere, 3x Blu-ray Chapter 27, 3x Mother, 3x Mary & Max, 3x Please Give, 3x Die Säulen der Erde, 3x Es kommt der Tag, 3x Looking For Eric, 3x Der Räuber, 3x The September Issue, 3x The Experiment, 3x Shank, 3x Henry VIII, 2x Red Hill + Blu-ray, 2x Shelter + Blu-ray, 2x Männertrip, 2x Knight and Day, 2x Ich & Orson Welles, 1x Salt + Blu-ray, 1x Easy Virtue + Blu-ray, 1x Lost – Staffel 6 sowie 1x 24 – Staffel 8. Außerdem verlosen wir pünktlich zum Kinostart von „Tall Dark Stranger – Ich sehe den Mann deiner Träume“ drei Woody Allen-Fanpakete mit je zwei Freikarten, dem Plakat und der DVD „Scoop“.

das sich sehr schnell und zunehmend unkontrollierbar entwickelt. Regisseur Vincenzo Natali („Cube“) ist einer der besten SciFi/ Horrorfilme der letzten Jahre gelungen: intelligent und spannend erzählt, mit unvergesslichen Szenen bebildert. Vor allem die „Kreatur“ ist eine beeindruckende Figur, toll gespielt von der Französin Delphine Chanéac. Ein Making Of und der Trailer sind die DVD-Extras. Text: Christian Stein

The September Issue

(Universum) Wer sich mit Mode beschäftigt oder auch nur „Der Teufel trägt Prada“ gesehen hat, weiß um die Macht der Anna Wintour, ihres Zeichens berühmt-berüchtigte Chefredakteurin der US Vogue. Dank dieses erhellenden, unterhaltsamen und sehr komischen Dokumentarfilms von R. J. Cutler kommt man ihr nun

Weitere DVD-Besprechungen findet ihr auf sallys.net

so nah wie nie. Er begleitet Wintour und ihr Team bei der Entstehung der September-Ausgabe (stets das wichtigste Heft des Jahres), was einen erstaunlichen, ebenso glamourösen wie ernüchternden Einblick in eine faszinierende, sehr eigene Welt ergibt. Ein Muss nicht nur für Mode-Tipps, leider allerdings ohne Bonusmaterial. Text: Jonathan Fink

Toy Story 3

(Walt Disney) Mehr als zehn Jahre hat es gedauert, bis Woody, Buzz und ihre Spielzeugfreunde zurück ins Kino gefunden haben. Anders als etwa „Indiana Jones 4“ knüpft aber „Toy Story 3“ im besten Sinne an seine beiden Vorgänger an und strotzt nur so vor Einfallsreichtum, Humor für alle Altersklassen und rasanter Action. Auf den 3D-Effekt muss man mangels entsprechender Veröffentlichung zu Hause zwar verzichten, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Das umfangreiche Bonusmaterial auf DVD und Blu-ray gibt einen guten Einblick in zahlreiche Aspekte der Produktion. Text: Peter Meisterhans


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COMPUTERSPIELE

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Im Test:

Kinect Sport im Wohnzimmer geht in die nächste Runde: Dank Nintendos Wii haben wir uns daran gewöhnt, Videospiele nicht mehr unbedingt sitzend zu zocken - sondern stattdessen mit vollem Körpereinsatz vor dem Fernseher rumzuhampeln. Sony zog kürzlich mit Move für Playstation3 nach, und jetzt setzt auch Microsoft auf Bewegungssteuerung. Der große Unterschied: Für Kinect braucht man keinen Controller mehr. Die Wiimote in der Hand halten und wie eine Bowlingkugel führen, den Playstation-Move-Controller wie einen Tennisschläger mit voller Wucht durchziehen - alles altbekannt. Bei Microsoft gibt es jetzt dieselben Sport-, Party- und Familienspiele - statt ein Gamepad in die Hand zu nehmen, müssen aber einfach nur Hände, Füße und der Rest

des Körpers richtig bewegt werden. Die Technik ist erstaunlich: Was vor den drei Linsen der gut 20 Zentimeter breiten Kinect geschieht, „sieht“ das Gerät mit zwei Infrarot-Tiefensensoren und einer VGA-Kamera. Diese fertigt nebenbei noch in manchen Spielen Schnappschüsse an, etwa zur Veröffentlichung über Facebook. Das ganze Sys-

tem muss mittig unter oder direkt über dem Fernseher aufgestellt werden. Witzig und unheimlich zugleich: Mit Hilfe eines Elektromotors folgt das Gerät dem Standort der Spieler - wie ein Überwachungsgerät, dem keine Bewegung entgeht. Big Brother Microsoft is watching you! Vor dem ersten Spielen sollten allerdings unbedingt Stühle, Tische und alles irgendwie Zerbrechliche aus dem Weg geräumt werden: Die Spieler brauchen viel Platz vor dem Fernseher. Microsoft empfiehlt eine Entfernung von 1,80 Metern für einzelne Spieler und von 2,50 Metern, wenn zwei Personen gleichzeitig antreten. Auch seitlich sollte genug Raum sein, denn in vielen Spielen sind schnelle Armbewegungen oder Fußtritte zur Seite nötig etwa, um virtuelle Bälle zurückzuschleudern. Doof, wenn dann eine Glasvitrine im Weg steht. Natürlich ist noch nicht alles perfekt: Kinect setzt Bewegungen mit leichter Verzögerung um - wer beispielsweise winkt, sieht das oft erst etwas später am Bildschirm. Bei den meisten Titeln stört das erstaunlich wenig. Mehr Probleme bereitet es, die richtige Stelle für Sprünge oder den besten Augenblick für einen Balltritt zu erwischen. Gerade bei Hardcoretiteln mit höherem Schwierigkeitsgrad dürfte die teils zu unpräzise Steuerung so Probleme bereiten.

Die ersten Spiele Rechtzeitig zum Markstart von Kinect ist auch bereits eine ganze Reihe von Spielen für das neue System verfügbar - allerdings handelt es sich bei den meisten Titeln um eher einfach gehaltene Sport- und Party-Spiele. So darf im gelungenen „Kinect Sports“ (Microsoft) mit Bowling-Kugeln oder Speeren geschmissen werden, in „Your Shape: Fitness Evolved“ (Ubisoft) das Wohnzimmer-Workout perfektioniert oder im leicht hakeligen „Fighters Uncaged“ (Ubisoft) geboxt werden. Etwas ungewöhnlicher sind da das witzige Rennspiel „Joy Ride“ (Microsoft) oder der Streichelzoo „Kinectimals“. Und wer unbedingt tanzen will hat gleich mehrere Optionen: Von „Dance Central“ (Microsoft) über „Dance Paradise“ (Konami) bis hin zu „Michael Jackson - The Experience“ gibt es ein breites Angebot für den heimischen Dancefloor.

Verbesserungen und Ergänzungen sind aber schon angekündigt - ab Frühjahr 2011 soll es dank der bei Kinect eingebauten Mikrofone möglich sein, Spiele per Sprach-Kommandos zu starten und zu bedienen. Kinect kostet 149 Euro inklusive des Party-Titels „Kinect Adventures“. Und trotz einiger technischer Macken - und der Notwendigkeit, sein Wohnzimmer leer zu räumen, um Verletzungen zu vermeiden - ist das ein durchaus fairer Betrag, um über Wochen hinweg schweißtreibende Partys im Familien- und Freundeskreis feiern zu können. Muskelkater am Folgetag inklusive. Text: Tito Wiesner


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COMPUTERSPIELE

Seite 59

Assassin’s Creed Brotherhood Rom ist eine Reise wert - vor allem, wenn man wie „Assassin’s Creed“-Held Ezio Auditore Spaß an Schwertkämpfen im Kolosseum, Attentaten im Pantheon und Chaos in der Sixtinischen Kapelle hat. Die packende Geschichte von Brotherhood hat aber noch viel mehr zu bieten und entführt den Spieler gekonnt in die Zeit der Renaissance. Wer die „Assassin’s Creed“-Reihe nicht kennt, sollte wissen, dass die eigentliche Hauptfigur ein in der Gegenwart lebender Barkeeper namens Desmond Miles ist, der mit Hilfe einer Hightechmaschine in die Erinnerungen seiner Vorfahren reisen kann - in diesem Fall in die von Meuchelmörder Ezio. Dessen Hauptaufgabe ist es, die Metropole am Tiber von den bösen Templern zu befreien. „Brotherhood“ ist dabei der direkte Nachfolger von „Assassin’s Creed 2“, das vor allem in Florenz und Venedig spielte. An der Spielmechanik hat sich nichts geändert: Ezio klettert an Häuserwänden empor, sprintet über Dächer und absolviert Missionen, in denen es früher oder später darum geht, eine Zielperson auszuschalten - mal im offenen Kampf mit dem Schwert, mal in einem Überraschungsangriff mit der versteckten Klinge. Nebenmissionen und Sammelaufgaben sorgen für Abwechslung - kann Ezio etwa Wachtürme in Brand setzen und damit

Teile der Stadt befreien. Überhaupt kommt dem Schauplatz Rom große Bedeutung zu: Neben wunderschönen Stadtvierteln gibt es auch viele antike Ruinen, unterirdische Katakomben und Anhöhen sowie zahllose berühmte Gebäude - vom Kolosseum übers Pantheon bis zur Engelsburg und Teilen der Vatikanstadt. Berühmte Leute laufen natürlich auch durch die Gassen - man hat das Vergnügen, unter anderem dem Philosophen Niccolò Machiavelli und dem Astronomen Nicolaus Copernicus zu begegnen.

bekommt allerdings ein fesselndes Historiendrama voller Überraschungen geboten - das spannend erzählt und wunderbar inszeniert ist. Ein besseres Urlaubsziel als dieses Rom des 16. Jahrhunderts bekommen PC- und Konsolenspieler diesen Winter kaum vor den Controller.

Das grundsätzliche Gameplay ist trotzdem kaum anders als im Vorgänger. Wer damit leben kann,

Publisher: Ubisoft Plattform: Xbox360, PS3, PC

Alles bestens also? Nicht unbedingt - Activision hat der erfolgreichen Ego-Shooter-Reihe in diesem Jahr kaum Neuerungen spendiert, Black Ops stagniert auf hohem Niveau, fast alles fühlt sich an, als hätte man es so schon mal gesehen und gespielt. Für die Shooter-Krone 2010 reicht das allerdings immer noch locker, vor allem da die „Medal Of Honor“-Konkurrenz in diesem Jahr extrem schwächelt: Angefangen von Optik über Inszenierung bis hin Multiplayer-Modi und spielerischer Ab-

wechslung schlägt „Call Of Duty“ den Electronic Arts-Shooter in praktisch allen Belangen.

Text: Tito Wiesner

Genre: Stealth-Action

Call Of Duty: Black Ops Ballern mit Fidel Castro und Präsident Kennedy: Das siebte „Call Of Duty“Spiel versetzt den Spieler als Elitesoldaten in Missionen im Kalten Krieg - insbesondere in den Sechzigerjahren. Treffen mit diversen berühmten Personen der damaligen Zeit inklusive. Nach wie vor wird mal in großen, mal in kleinen Teams gegen erbitterten Widerstand mit teils hunderten von Gegnern gekämpft. Die Schauplätze wechseln aber schnell: Kubas Castro begegnet man etwa, wenn man als Randfigur an der Invasion in der Schweinebucht Anfang der Sechziger teilnimmt. In einer anderen Mission gilt es dann wieder, in den Vietnam-Krieg einzugreifen - und sich gegen scheinbar unerschöpfliche Truppen des Vietcong zu behaupten. Oder aber es darf aus einem russischen Gefängnis ausgebrochen werden - für Abwechslung in der Kampagne ist somit gesorgt. Der Multiplayermodus - eines der Hauptargumente für den großen Erfolg der CoD-Reihe - wurde gegenüber dem Vorgänger „Modern Warfare 2“ nochmals ausgebaut. Es gibt acht Spielmodi auf 13 sehr unterschiedlichen Maps, auf denen sich bis zu 32 Teilnehmer die Kugeln um die Ohren jagen können.

Text: Tito Wiesner

Genre: Action Publisher: Activision Plattform: Xbox360, PS3, PC


Seite 60

COMPUTERSPIELE

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Need for Speed: Hot Pursuit Zurück zu den Wurzeln - mit Tankstopp bei Burnout: Mit „Need For Speed Hot Pursuit“ will Electronic Arts an eine Glanzphase der populären Rennspiel-Serie anknüpfen - und bezieht sich direkt auf dem gleichnamigen Klassiker aus dem Jahr 1998, dessen großen Reiz die Verfolgungsjagden mit der Polizei ausmachten. Ordnungshüter, Kopfgeldprämien und Blaulicht sind aber nicht die einzigen Veränderungen, auf die sich Raser dieses Jahr einstellen müssen. Keine protzigen Tuning-Möglichkeiten, kein realistisches und simulationsartiges Renngefühl, das stundenlanges Einarbeiten voraussetzt – „Need For Speed Hot Pursuit“ grenzt sich deutlich von den letztjährigen Serien-Teilen ab. Im Zentrum stehen dafür Verfolgungsjagden mit der Polizei - bei denen der Spieler wahlweise Jäger oder Gejagter ist. Als rücksichtsloser Raser gilt es, den Ordnungshütern zu entkommen und seinen Kopfgeldwert zu steigern, als Polizist hingegen werden die Straßen-Rowdys selbst gejagt - und beim Aus-dem-Verkehr-ziehen der Wagen wird nicht unbedingt nach deutscher Straßenverkehrsordnung vorgegangen. Wildes Drängeln und Rempeln, Abdrängen oder gegen die Bande pressen sind einige probate Mittel, hinzu kommen aber auch unterhaltsame Extras wie auslegbare Nagelbänder, lähmende Elektroschocks, das Errichten von Straßensperren oder die Zuhilfenahme von Hubschraubern. Erfolge schalten wie gewohnt neue Events und Fahrzeuge frei, das Fahrgefühl ist trotz zahlloser lizenzierter und wunderschön anzusehender Luxuskarossen aber immer Arcade-lastig. Unterschiede im Fahrverhalten gibt es zwar, prinzipiell sind aber alle Vehikel problemlos zu kontrollieren, egal ob man nun im BMW Z4, im Audi TT oder im Polizeiwagen von Mazda unterwegs ist.

Auch sonst will „Hot Pursuit“ von Realismus nicht viel wissen - die Entwickler von Criterion Games haben viele Elemente der „Burnout“-Reihe übernommen, etwa spektakuläre Crashs, Turbo-Leiste oder beeindruckende Zeitlupeneinstellungen. Gänzlich neu sind die Online-Optionen: Das „Hot Pursuit“-Hauptmenü setzt auf soziale Verbindungen und Interaktivität - wer online ist, kann diverses auf seiner Wall posten, Schnappschüsse hinterlassen, mit Freunden Bestzeiten und Leistungen vergleichen und sie zu Events herausfordern - Facebook lässt grüßen. Optik und Sound sind grandios, überhaupt bietet „Hot Pursuit“ durchgängig beste Unterhaltung - wenn man Spaß an Action-Raserein hat und keinen zu großen Wert auf Realismus legt. Beeindruckend, wie sich die „Need For Speed“-Reihe auch diesmal komplett neu erfindet - trotz 16-jähriger History ist von Ermüdungserscheinungen nichts zu spüren. Text: Tito Wiesner

Genre: Racing Publisher: Electronic Arts Plattform: PC, Xbox360, PS3, Wii

Need For Speed-History Man schrieb das Jahr 1994, als erstmals der Name "The Need For Speed" auf einer Rennspiel-Packung prangte - damals noch exklusiv für die längst verschollene 3DO-Konsole, Umsetzungen für PC und die erste Playstation folgten erst ein Jahr später. Seitdem hat die Reihe eine unvergleichliche Karriere eingeschlagen: Mehr als 100 Millionen Spiele wurden mittlerweile verkauft - und der Schwerpunkt immer wieder verschoben. Mal klassisches Rennspiel, dann Katz-und-Maus mit der Polizei (Hot Pursuit / 1998), ehrfürchtige Huldigung einer einzelnen Marke (NfS Porsche / 2000) oder wilde Tuning-Hatz im Fast&Furious-Stil (NfS Underground / 2003) - langweilig wurde es nie. Und wird es wohl auch zukünftig nicht werden: Für 2011 hat man bereits NfS Shift 2 angekündigt - statt Polizei gibt es dann wieder fordernden Realismus.


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James Bond: Blood Stone Gran Turismo 5 Kein neuer Film, aber zumindest ein neues Spiel: 007-Fans müssen sich diesen Winter nicht vor der großen Leinwand, sondern dem heimischen Monitor einfinden, wenn sie neue Abenteuer mit Daniel Craig, Judi Dench und Co. erleben wollen. Es geht auf eine Reise von Athen über Istanbul bis Bangkok, es muss geballert, geschlichen und mit Boot oder Aston Martin gerast werden, um ein paar Bösewichten gefährliche Bio-Waffen wegzunehmen. Klingt spannend, ist aber leider eher einfallslos: Die Kontrahenten verhalten sich dämlich, die Skript-Sequenzen sind vorhersehbar, die Spielzeit ein Witz - nach fünf Stunden ist schon wieder Schluss. „Blood Stone“ ist in jeder Hinsicht pures Mittelmaß - zu wenig, um dem großen Agenten gerecht zu werden.

Gut zu sprechen sind Rennspiel-Fans auf Sony schon lange nicht mehr - zu häufig wurde „Gran Turismo 5“ in den letzten Jahren verschoben. Nach unendlich langer Wartezeit muss man den Entwicklern allerdings tatsächlich anerkennend auf die Schulter klopfen: So gut hätte man sich den Titel selbst in seinen kühnsten Racing-Träumen kaum vorgestellt. Über 950 Fahrzeuge von Herstellern wie Ferrari, Lamborghini und Bugatti, 20 wunderschöne Schauplätze, unzählige Modi, diverse Online-Optionen und ein Realismus, der seinesgleichen sucht: Vom Tag- und Nachtwechsel bis hin zum Reifenqualm wurde jedes kleinste Detail berücksichtigt. Da bleibt einem jegliches Gemecker über die ständigen Verzögerungen vor ehrfürchtigem Staunen praktisch im Hals stecken.

Genre: Action

Genre: Racing

Publisher: Activision Plattform: PC, Xbox360, PS3

Publisher: Sony Plattform: PS3

Text: Tito Wiesner

Text: Tito Wiesner

COMPUTERSPIELE

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Zensur auf Tour Deutschland – Heimat der Zensur. Bei uns kommen Spiele mit expliziter Gewaltdarstellung in aller Regel nur geschnitten auf den Markt. Wenn sich in „Half-Life“ Wissenschaftler beleidigt hinsetzen, weil sie gerade niedergeschossen wurden, Blut grün ist oder Soldaten zu Robotern werden, schreien deutsche Gamer empört auf. Dabei sind wir gar nicht das einzige Land, das gerne mal die Schere ansetzt. Auch bei anderen Nationen hört der Spaß im Spiel manchmal auf. An europäischen Maßstäben gemessen neigen Amerikaner ja zur Prüderie. Für die ist Sex, was für uns Gewalt ist. Daher löste die freizügige HotCoffee-Modifikation für „GTA San Andreas“ einen Riesenskandal aus. Hier konnte man nämlich mit seiner virtuellen Freundin Intimes teilen. In China wurden die Untoten aus „World Of Warcraft“ in ansehnliche Texturen gekleidet, weil deren verwüstete Körper die Ehre der Verstorbenen besudelten. „Command & Conquer:-Generäle“ durfte gar nicht erst verkauft werden, da es das Ansehen der chinesischen Armee befleckt. Und Segas „Football Manager 2005“ kam auf den Index, weil es Tibet als eigenständigen Staat führt.

Rage

Gray Matter

Viele mordlustige Mutanten und ein durchgeknallter Fernsehmoderator: Bevor der Ego-Shooter „Rage“ im September 2011 für PC und Konsole erscheint, feiert das Spiel als Mobil-Variante mit Namen „Rage: Mutant Bash TV“ schon jetzt auf iPhone und iPad Premiere. Das Spielprinzip ist klassisch: Das Programm schiebt den Spieler durch drei extrem düstere Level. Alle paar Meter springt ein Mutant aus der Deckung der Spieler muss ihn dann möglichst rasch per Tippen aufs Touchpad ausknipsen. Das Ganze ist nicht für stundenlange Sessions gedacht, sondern soll beste Unterhaltung für zwischendurch bieten; und das klappt hervorragend. Top-Grafik und der Verkaufspreis liegt bei weniger als zwei Euro - fairer geht es kaum.

Einst sorgte der Name „Gabriel Knight“ für angenehmes Rückenkribbeln bei Adventure-Spielern mit Hang zu düsteren Geschichten. Jetzt hat „Knight“Autorin Jane Jansen wieder eine Story zu einem Spiel abgeliefert, und erneut ist für wohliges Gruseln gesorgt. Ein verbitterter Forscher, eine tote (oder doch nicht so ganz tote?) Ehefrau, eine Magie-interessierte junge Studentin und ein ziemlich aus den Fugen geratendes Experiment sind die Zutaten für ein spielerisch klassisches, fesselndes Abenteuer. Atmosphäre und Schauplätze sind hervorragend, die Technik nicht unbedingt - vor allem die Steuerung nervt. Aber auch „Gabriel Knight“-Spiele waren nicht immer perfekt - und sind heute trotzdem alle Klassiker.

Genre: Shooter

Genre: Adventure

Publisher: id Software Plattform: iPhone, iPad

Publisher: dtp Plattform: PC, Xbox360

Text: Tito Wiesner

Text: Tito Wiesner

Nachbar Japan betrieb Zen-Sur und ließ die berühmte Atombombenexplosion aus „Fallout 3“ entfernen. Australien die Drogen. In Saudi-Arabien war „Pokémon“ lange Zeit verboten, weil es angeblich die darwinsche Evolutionstheorie unterstütze. Mexiko verbannte „Ghost Recon: Advanced Warfighter 2“ wegen der Gewalt gegen mexikanische Rebellen. Brasilien verbot „Bully – die Ehrenrunde“, weil es dort auf dem Schulhof etwas härter zugeht und das Rollenspiel „Everquest“ wurde neun Jahre nach Erscheinen indiziert, weil die dort gebotene Entscheidungsfreiheit zu inneren Konflikten und Depressionen führen könne. Zensur gibt es also auf der ganzen Welt und in ihren Unterschieden bietet sie einen wunderbaren Einblick in die Psyche eines Volkes. So leistet sie einen Beitrag zur Völkerverständigung. Ein Hoch auf die Zensur! Nils Bomhoff ist Redakteur bei MTV GameOne und hat Tarnnetze an den Fenstern, damit man ihn bei Google Street View nicht sieht.


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COMIX, HÖR-/BÜCHER

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Seyfried & Ziska Kraft durch Freude

Seyfried und Ziska erschufen zu Beginn der Neunzigerjahre (des letzten Jahrtausends) die verstörend-betörend grell-düsteren Comicalben “Future Subjunkies“ und “Space Bastards“. “Kraft durch Freude“ heißt das Ergebnis der neuesten Kollaboration. Auf den ersten Blick wirkt es wie der Versuch, die alten Seyfried-Comics mit der grellen Depression von “Space Junkies“ zu vereinen. Kraft durch Freude hieß ja bekanntlich die Freizeitorganisation des Nationalsozialismus, die dafür sorgen sollte, dass jeder Bürger den gleichen Urlaub und das gleiche Theaterstück erlebt. Wer sich davon einen optischen Eindruck machen will, kann sich ja einfach mal die Kdf-Anlage Prora auf Rügen anschauen. In “Kraft durch Freude“ erfolgt eine Art gesellschaftliche Freizeit-Gleichschaltung über das neueste ItPhone: den "Moon". Der kann alles, was ein SmartPhone auch kann, dient als Kamera und Sender, als Personalausweis und Fingerabdruck. Und: Er kann fliegen. Wie ein kleiner Handy-Hund umschwebt er 24 Stunden sein Handyherrchen. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten der totalen Überwachung möchte sich das Ministerium für Informationssicherheit natürlich nicht entgehen lassen. Im Gegenzug lässt sich der Konzernchef von Kraft durch Freude, Dr. Freund, als Kandidat für die Vereinigten Staaten von Europa aufstellen. Dr. Freunds Wahlversprechen: Wenn ich gewinne, bekommt jeder Bürger einen Moon für einen Euro! Die totale Überwachung rückt in greifbare Nähe. Mit gewohntem Witz und Schärfe machen sich Seyfried und Ziska über die Konsumgeilheit, den Überwachungswahn und die freiwillige Aufgabe der Privatsphäre lustig. Dabei haben die beiden mit einem allseits bekannten Problem zu kämpfen. Was macht man, wenn die Wirklichkeit nicht mehr parodierbar ist? Die Satire von der Realität eingeholt beziehungsweise überholt ist? Einige Details wirken fast schon

anachronistisch. Die kaufgeile Masse im Media Markt sieht genau SO aus! Das Wort Privatsphäre durchläuft gerade einen Bedeutungsverlust, der vielleicht erst in einigen Jahren vollkommen ersichtlich sein wird. Und alle machen freiwillig mit! Spätestens seit sich in den letzten Jahren die Werbeagenturen auch nicht mehr scheuen, die niedrigsten Instinkte ganz offen zu befeuern und die entsprechende Schamgrenze immer weiter nach unten zu legen, quasi sich permanent selbst zu parodieren, verliert der gewohnte ätzende Stachel von Seyfried und Ziska auf einmal verblüffend an Schärfe. Werbeslogans, wie “Geiz ist geil!“ oder “Kauf dich glücklich“ könnten eigentlich auch aus alten Seyfried-Comics stammen. Dass im Comic die ganze Verschwörung zum Scheitern gebracht wird, indem sich einfach eine sympathische italienische Widerstandszelle in die

Moons einhackt und aus ihnen das falsche Lied zur richtigen Zeit erklingen lässt, wirkt vor allem irgendwie putzig. Fast möchte man die beiden Künstler in den Arm nehmen, drücken und flüstern: „Ich mag doch auch lieber selbstgebackenes Brot unterm italienischen Abendhimmel, aber die alten Lieder haben nicht mehr die gleiche Kraft! Wetzt eure Messer! Macht sie richtig scharf! Ich weiß, dass ihr das könnt! (Und vielleicht lasst ihr dann das nächste Mal auch einfach diese zentimeterdicken Outlines und diese bescheuerte Farbverlauf-Computer-Colorierung weg?! Ja?!)" Das Buch ist in Deutschland nur bei Zweitausendundeins erhältlich. Text: A. Hartung Preis: 12,90 Euro Heimat: seyfried-ziska.de/zweitausendundeins.de

Fil

Didi & Stulle 9 - Im Auftrag der Kanzlerin Die Kanzlerin braucht Hilfe. Das ist ja nichts Neues. Die Kanzlerin braucht Hilfe, um wiedergewählt zu werden. Auch das ist nichts Neues. Neu ist jedoch, dass sie auf Empfehlung ihres alten Freundes Strucki (Ist der überhaupt in Merkels Partei? „Mann, weees ick do nich. Denxte ick kenn jetz jedn einzilnen aus meine Partei, Alta?!? Dit sind zufällich Milljonn?!“) die beiden proletarischen Lebens-Philosophen Didi & Stulle beauftragt, eine Marketingkampagne mit dem Endziel Wiederwahl auf die Beine zu stellen. Besonders Didi erweist sich da einmal mehr als vielfältig begabt und entwickelt ungeahnte Energie. Schade nur, dass man den riesigen Wahlroboter auch nach der Wahl nicht abschalten kann und dieser ungeniert weiter Charlottenburg dem Erdboden gleichmacht.

Fil ist unbestritten einer der besten deutschen Comiczeichner. Am Beginn latscht Merkel noch ziemlich unmotiviert ins Bild. Hmmm, Merkel, ja?! Das ist ja so, als würde man sich über die Kelly-Family oder Boris Becker lustig machen. Sollte bei Grandmaster Fil etwa die Luft raus sein? Dieser ist aber auch einer der Comicerzähler, die wirklich ein Bild nach dem anderem zeichnen und am Beginn einer Seite oft noch nicht genau wissen, was auf dem letzten Bild passiert. Geschweige denn drei oder vier Folgen weiter. So nimmt sich der Meister im Laufe der Bilder seiner Fi-

gur an, und zunehmend richtig Fahrt auf. Nach zwei weiteren Merkel-Geschichten “Die Rechnung kommt am Schluss“ und vor allem “Die Endung“ steht da eine Figur, die unsere beiden Helden glatt etwas fade aussehen lässt. Und das muss man erst mal schaffen. Das nächste Mal wähle ich die auch. Glaube ich. Text: A. Hartung Preis: 7 Euro Heimat: fil-berlin.de


ROMAN LEUTHNER NACKT DUSCHEN STRENG VERBOTEN

(Der Hörverlag) Verboten! Verboten! Was ist nicht alles verboten auf dieser Welt?! In Finnland darf man während des Geschlechtsverkehrs kein Schach spielen, in manchem amerikanischen Counties ist das Tragen von Cowboystiefeln nur dann erlaubt, wenn man mindestens zwei Kühe besitzt, oder manchmal ist es eben verboten, „nackt zu duschen“ - so der Titel, der vom Journalisten Roman Leuthner kompilierten Sammlung völlig gestörter Gesetze. Ein paar Dutzend davon wurden für die Hörbuchfassung ausgewählt, um von Hella von Sinnen und Dirk Bach aufgezählt und kommentiert zu werden. Wobei das mit dem Aufzählen kein Witz ist. Pro Gesetz werden hier wirklich nur ein paar Sekunden gebraucht. Der Kommentar beschränkt sich auf gekünstelt klingende Lacher und lauwarme Witzchen, was dem Ganzen dann nicht nur von der Darbietung (ein atemloses „Hier, einen habe ich noch ...“) her, sondern auch humoristisch etwas sehr Fips-Asmussen-haftes (Spätgeborene: bitte googlen und gruseln) verleiht. Ein bisschen mehr Erklärung hätte gerne sein dürfen. Auch so weiß man aber nach mehr als einer Stunde Jura-Crashkurs, wieso Shakespeare seinem „Henry VI“ die goldenen Worte „The first thing we do, let’s kill all the lawyers“ in den Mund gelegt hat. (1 CD/rund 78 Minuten) Text: Moritz Honert

STANISLAW LEM DIE STERNTAGE BÜCHER – 7. und 8. REISE

(Lübbe Audio) Wigald Boning liest Stanislaw Lem, das gab es vor fünf Jahren auch schon mal. Macht aber nichts, kann man immer wieder hören. Schließlich handelt es sich bei den Sterntagebüchern um einen so lustigen wie klugen Klassiker der Science-Fiction, und bei Wigald Boning trotz seines quäkigen Organs um einen angenehmen Vorleser. Und anders als vor fünf Jahren scheint diesmal auch mehr geplant als nur das Einlesen der siebten und achten Reise, den Gassenhauern des Zyklus – zumindest interpretieren wir die aufgedruckte „Nr. 1“ auf dem Cover mal in diesem Sinne. Wer dem Kosmonauten Ijon Tichy also noch nicht durch Zeitparadoxons bis zum Kongress der raumfahrenden Völker gefolgt ist, wo dem Erdbewohner die Verfehlungen seiner Artgenossen um die Ohren gehauen werden, kann das mit dieser schön aufgemachten aber leider mit etwas wenig Infos ausgestatteten Doppel-CD nachholen. Die Reise lohnt sich. (2CDs/rund 90 Minuten) Text: Moritz Honert

VAN DUSEN EINE UNZE RADIUM

(Folgenreich/Universal) Über ein Jahrzehnt ist es her, dass Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen, genannt „Die Denkmaschine“, seinen letzten Fall im Radio gelöst hat. Noch länger her ist natürlich der erste, denn „Eine Unze Radium“ wurde bereits 1978 im RIAS Berlin uraufgeführt. Danach folgten 76 weitere Herausforderungen für den selbst ernannten „Hobbykriminologen“, die ihm Kultstatus einbrachten. Die Zutaten sind aber auch einfach nur herrlich: wirklich rätselhafte Wendungen, trockener Humor und ein SprecherEnsemble der alten Schule, das sich gewaschen hat. Den Prof spricht Friedrich W. Bauschulte, hinzu kommen Gäste wie Otto Sander, Jürgen Thormann (in Folge 3: „Mord bei Gaslicht“) und Lothar Blumhagen (Synchronstimme von Roger Moore in „Die Zwei“) bei Folge 4 als „Der Mann, Der Seinen Kopf Verlor“. Bleibt also zu hoffen, dass die ersten vier Teile den Weg für mehr ebnen. (1 CD/ca. 50 Minuten) Text: Holger Muster

FELIX ISENBÜGEL FAUST-RAUSCH

(Edition Fux/Audiopool) Wenn sich ein „GZSZ“Jüngling auf die Vertonung des wohl bekanntesten Stückes Goethes stürzt, ist erst einmal Skepsis angesagt. Doch Felix Isenbügel macht nicht nur selbst seine Sache als Mephisto gut, sondern hat sich auch hervorragende Mitstreiter ins Boot geholt. Helmut Krauß („Praxis Bülowbogen“) spricht Gott, für Gretchen konnte Jana Kozewa (Deutscher Comedy-Preis 2004 für „Mensch Markus“) gewonnen werden und Otto Strecker übernahm den Faust und führte zudem Regie. Was „Faust-Rausch“ aber besonders auszeichnet, ist die Verbindung mit der elektronischen Musik von Ohrbooten-Mitglied Christopher Noodt. Erst durch diese Zusammenarbeit wird das Ganze zu einem Trip, der sich wirklich hören lassen kann. (1 CD/rund 53 Minuten) Text: Holger Muster

SONST ERSCHIENEN Im Weltraum ist mal wieder die Hölle los. Terroristen namens „Die Vollstrecker“ (Folgenreich/Universal) haben ein Raumschiff entführt und Testpilot Mark Brandis muss in seiner neuesten Doppelfolge hinterher. Ehrensache! Sehr abwechslungsreich ist das diesmal geworden, weil neben dem bekannten Weltraumgeballer und politischen Intrigen zum ersten Mal einige Dark-SF-Elemente einfließen - auch wenn der Titelheld als waschechter Saubermann natürlich wenig Verständnis dafür aufbringen kann, sich von Kriminellen helfen zu lassen. Wenn man die Space-Seifenopera hier etwas weniger ernst nimmt als sie sich selbst, kann damit durchaus seinen Spaß haben. Genauso wie mit dem TrashMusical „Monster of Rock“, das wir kürzlich ganz unten in unserem Redaktionspostfach gefunden haben. Die CD ist zwar schon im Sommer erschienen, da der Autor, Sänger und Komponist Sascha Gutzeit (ja, genau, der Gründer des Hörspiellabels Meteor) das Stück dieser Tage wieder auf die Bühne bringt, ist es doch noch eine Erwähnung wert. Wer sich die GagaMetal-Version der „Rocky Horror Picture Show“ in ganz infantil mit dem Synchronsprecher von Bruce Willis und viel zu langen Liedern vorstellen kann, hat ein ziemlich genaues Bild dessen, was hier geboten wird. „La-la-la-la-Leichenteile“, so von dem Kaliber sind die Texte. Aber ins Ohr geht es. Text: Moritz Honert

Michel Birbaek Die Beste Zum Schluss

(Lübbe) Michael Birbaek macht mit „Die Beste Zum Schluss“ alles richtig. Auch wenn das Grundmuster ähnlich ist wie schon in seinen früheren Romanen. Ein Mann und eine Frau (oder eigentlich mehrere) haben fast nichts als Stress im (Medien-)Beruf und in der Liebe. Wobei diesmal erschwerend hinzukommt, dass Ich-Erzähler Mads „Verliebtheit“ als eine Art Krankheit meidet. Doch der Titel gibt ja Hoffnung… Bis zum Ende darf viel gelacht, geweint und nachgedacht werden. Über die schönen, kleinen Ideen, die Birbaek so ganz nebenbei in klarer Sprache auf den Punkt formuliert. Zum Beispiel: „Sprich mit Fremden, aber lass dir nichts gefallen. Die Angstisolierung besorgter Eltern macht aus neugierigen Kindern später verhaltensgestörte Erwachsene, die an Mitmenschen in Not vorbeigehen.“ Schöner kann nicht versucht werden, die Welt zum Besseren zu verändern. Text: Holger Muster


MUSIK STORIES

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unclesally*s magazine

QUERGEFRAGT Einfach die Antworten auf die Fragen in die dazugehörigen Kästchen kritzeln, und somit im besten Fall das richtige Lösungswort ermitteln. Das könnt ihr dann per Postkarte oder E-Mail an uns schicken und nehmt damit automatisch teil an der Verlosung des neuen My Chemical Romance-Albums „Danger Days“. Einsendeschluss ist der 20. Dezember 2010. [Sämtliche Umlaute (also ä, ö, ü) werden zu Vokalen (ae, oe, ue) und alle Begriffe werden ohne Leerzeichen geschrieben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.]

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SENKRECHt 2. Federvieh & Pilz des Jahres 4. The Coral haben’s getan: Ein Jahr, ein Tier, ein Album, zwei Versionen 7. „Best Dressed“ New Yorker 10. Gerards eigener mündet aktuell in “Danger Days ...“ (engl.) 11. Allen Ginsberg, Shout Out Louds & James Franco haben welchen Heuler gemeinsam gemeinsam (engl.) 13. Gealterte „Beautiful Ones“ 14. Hatte nicht nur Musikvideos, sondern auch Markus Kavka & Steve Blame im Programm 17. Mathe-ABC: 14/1x3 18. Beatsteaks’scher Lautgeber

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1. Bob Mould, Greg Norton & Grant Hart waren: 3. Erdöl Suckers (engl.) 5. Chill-Wave ist ihr Joker, „Psychic Chasms“ ihre LP 6. Johnny Depp im Kino-Urlaub 8. Komponist der „Winterreise“ 9. Smith Westerns sind mit diesen „Kids” unterwegs 12. Dhani, Ben & Joseph sind: 15. „König Nacht“ aus der Stadt Melchisedechs 16. Zwei Berliner, united by Denim 19. Ein König, ein Doktor, ein Bauarbeiter – und dieses Reiseziel 20. Trotz geographischen Irrtums: Manchmal geht dank Nr. 18 auch in Dresden nie die Sonne unter

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Das Lösungswort der letzten Ausgabe war übrigens „LIFESTYLE“

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SCREENSHOTS/VORSCHAU/IMPRESSUM

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SCREENSHOTs Leopardy

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unclesally*s GmbH & Co. KG Waldemarstr. 37, 10999 Berlin Tel.: 030 - 694 09 663, Fax: 030 - 691 31 37 mailto: sallys@sallys.net * online: www.sallys.net

Die geistigen Führer von Hemd und Hose sind Modemagazine und Lifestyle-Gazetten. Die sind aber vor allem eins: unentschlossen, bestechlich und glitschig wie Nipple-Balm! Während wir auf den Body&Soul-Seiten erfahren, dass Kuscheln Paare intensiver aneinander bindet als regelmäßiger Sex, steht weiter hinten im Heft (logisch weiter hinten!), dass Analsex das neue Kuscheln ist. Noch gnadenloser ist man beim Thema Mode. Was im Summer-Special „Strandgut“ noch heißer Scheiß ist, wird zwölf Seiten später schon wieder im Lager verfeuert. Die LV-Bag, die auf Seite 45 noch ein „Must Have“ ist, passt im Ankle-Boot-Report schon nicht mehr zur aktuellen Stiefel-Mode. Abgesehen davon, dass man jetzt eh keine Stiefel mehr trägt. Es sei denn die mit der roten Sohle, aber die jetzt auch nicht mehr, weil es Stiefel mit roter Sohle jetzt auch bei Assi-Deichmann gibt, von denen die Sachen aus der „5th AvenueCollection“ aber total OK sind, weil die die Cindy Crawford auch trägt, was die in Wirklichkeit natürlich NIEMALS machen würde, weil sie nicht mal weiß, wo Deichmann ist und sie sich lieber beim Pilates umdrehen würde, als Gummischuhe zu tragen. Fashion-Mags empfehlen nichts, sie empfehlen ALLES. Pastell-Töne sind geil, aber Neon-Look auch, Smokey Eyes sind Pflicht, aber dezentes Make-Up pflichter! Braun ist jetzt das neue Weiß - und Braun geht zu allem. Außer zu Braun. Und Schwarz ist jetzt das neue Schwarz. Auf dem Titel geht’s los: „Alles geht! Hippie-Ponchos, Leder-Shorts, Springer-Stiefel und Sexy 7/8-Jeans“ Anschließend folgen dann 320 Seiten, die einem erklären: Trag’ auf keinen Fall Hippie-Ponchos! Bitte. Und auf keinen Fall bei einem Date! Und auch sonst nie. Trag’ niemals in deinem Leben Leder-Shorts, es sei denn, du verdienst dein Geld damit. Chucks ja, aber niemals Dr. Martens. Bloß nicht! Erst wieder im Sommer. Aber dann

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auch nur „Kris-Kross“ (oder “Entenfüße“, wie die Kindergarten-Kinder sagen). Ach ja: die 7/8-Jeans wird schon in der zweiten September-Hälfte von der NOCH stylischeren 6/7-Jeans abgelöst, die sich dann aber Sex/Heaven-Jeans schreibt. Puh! Und nie vergessen: Open-Toe-Stiefeletten immer aus Kalbsleber und Kalbsleber immer aus Open-Toe-Stiefeletten. So gourmetisiert man InStyle!

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Also zermalmt sich die Mode-Presse selbst und gegenseitig und alles, was schön sein könnte, zu nichts. Und übrig bleibt? GAR NICHTS! Außer eins. Und jetzt kommt’s! Da sind sich alle einig: DER LEOPARDENLOOK. Echt! Ohne Witz. Der kommt. Ist schon da. WIEDER da! Leopardenmuster. Das, was „Die Nanny“ immer trägt. Und Elisabeth Taylor. Und Nutten. Der schlimmste Fashion-Fauxpas seit “bauchfrei“ kehrt zurück. Am liebsten als Leggins. Und das sollen wir jetzt tragen?! Das ist jetzt posh?! Das tragen nicht mal Afrikaner! Hoffe ich. Aber WIR sollen.

Ressorts:

Hier mein Tipp: Kombiniert die Leoletten, die Leoginns und das Wolleokleid doch einfach mit einem ultrafrischen Skype-Look. Heißt? Wascht euch die Haare, bemalt euch das Gesicht und zieht ein frisches T-Shirt an. Den Rest sieht man eh nicht. Skype-Look! Gottseidank. Yessica Yeti

Jeff Bridges

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INTERVIEWS

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VORSCHAU Während anderenorts Blei und Kaffeesatz die Erleuchtung für 2011 herbei orakeln sollen, können wir euch schon jetzt und ganz ohne Hokuspokus verraten, was die ersten Wochen des neuen Jahres bringen werden. Zum Beispiel das neue und erste Social Distortion Album seit sechs Jahren. Ob „Hard Times And Nursery Rhymes“ es mit dem legendären „White Noise“ aufnehmen kann, verraten wir euch dann ab Ende Januar auf diesen Seiten. Dann außerdem mit dabei: Rival Schools, Cold War Kids, Kaizers Orchestra, Joan As A Police Woman und viele andere...

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Während die Fachwelt gespannt auf die Berlinale und die Oscar-Verleihung wartet, kann sich auch das reguläre Kinoprogramm sehen lassen. Der deutsche Film präsentiert sich mit so unterschiedlichen Filmen wie „Poll“, dem Drama „Das Lied in mir“ mit Jessica Schwarz oder der Bestseller-Adaption „Dschungelkind“. Gleichzeitig kehren Meister-Regisseure wie Clint Eastwood („Hereafter“), Mike Leigh („Another Year“) und Danny Boyle („127 Hours“) zurück. Und zum Interview treffen wir Oscar-Gewinner Jeff Bridges, der mit dem SciFi-Spektakel „Tron: Legacy“ und dem Western-Remake „True Grit“ von den Coen-Brüdern gleich zwei neue Filme am Start hat.

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