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unclesally*s magazine

März 2010 / Ausgabe 154

www.sallys.net

„Die Bewohner Transsilvaniens sind quasi meine Landsleute.“ (Ezra/Vampire Weekend)

SHOUT OUT LOUDS Fettes Brot / Airbourne / Blood Red Shoes / Liars Alkaline Trio / OK Go / Broken Bells / Ken Black Rebel Motorcycle Club / Im Test: Vampire Weekend

Kino

Im Interview: MEL GIBSON

Auf Achse

mit Good Shoes

Noch was: KINO / COMIX / COMPUTERSPIELE / DIE BESTEN PLATTEN / HÖRSPIELE / BÜCHER / DVDs


unclesally*s magazine

EDITORIAL

Seite 3

Foto: Frank Abel

EDITORIAl

Was machst du gerade? Vielleicht deine Hausaufgaben? Oder todesmutig im Schnee campieren? Dann bist du möglicherweise Inuit, falsch therapiert worden, Teil einer intakten Familie oder Mitglied einer weiteren statistisch nicht weiter relevanten Minderheit. Deren Anführer warteten neulich in dichtem Schneetreiben vor dem stadtbekannten bolivianischen Lokal „Koka“ auf den 129er Bus, was vor allem die von besorgten Nachbarn alarmierten Beamten in ungläubiges Staunen versetzte: Da lagen sie rum, die Eiscamper, mitten auf dem Gehweg, umringt vom Staatschutz und der Gulaschkanone der AWO, ausgestattet mit nur einer Thermoskanne Eigenurin und schlecht gelüfteten Schlafsäcken. Ein Anblick, so herzerwärmend und doch so trist, dass ein paar Schulkinder das elende Häufchen mit Steinen bewarfen. Was die Camper-Fraktion in ihrem Schicksal vereinte, war nicht der herannahende Linienbus, sondern die kollektive Hoffnung auf ein Ticket für das Mini-Konzert der legendären Band Beatsteaks, die wo zum Wohle der Ärzte Haitis mal solidarisch an den Wänden des Magnets rütteln wollte. Eine feine, menschliche Geste, wie ich finde. Ähnlich solidarisch unterwegs wie die lustigen fünf ist im Übrigen eine andere, kürzlich in England formierte Interessensgemeinschaft namens Good Shoes. Die Good Shoes sind nicht so gut zu Fuß, weshalb wir sie in unserem aus steuerlichen Gründen zunächst an einen usbekischen Taubenzuchtverein verkauften und später zu einer nahezu lächerlichen Monatsrate zurückgeleasten VW-Mamba verfrachteten und anschließend ins Verderben karrten. Nett, nicht?! Wo waren wir doch gleich? Richtig: Solidarität.

Ein dieser Tage oft und aus falschen Beweggründen gebrauchtes Wort, dessen ursprüngliche, Lech Walesa-geprägte Bedeutung mit dieser Ausgabe so heftig an eure Stirn genagelt gehört wie einst die Thesen Luthers an die Schloßkirche zu Wittenberg: The world needs more soziale Gerechtigkeit, comprende?! Damit ihr mal seht, wie bitter ein sozialer Absturz sein kann, wie hässlich die Fratze des Elends wirklich ist, fahrt mal an den Stadtrand von Jökschlitz am Arbst. Genau dort, in der pommerschen Prärie, kippten wir die Good Shoes aus unserem Vehikel und überließen sie sich selbst. Ohne Waffen, aber mit einem Euro und 72 Cent in der Tasche, zogen sie in den Kampf ums Überleben. Ob sie wieder unversehrt nach Hause kamen und ob’s im städtischen Hallenbad überhaupt noch Majo auf die Pommes gibt, erfahrt ihr auf Seite 14. Nun, wie so oft an dieser Stelle wünsche ich viel Spaß mit der vorliegenden Ausgabe, in der wir mit dem Comic und dem Kreuzworträtsel ein lieb gewonnenes Paar begrüßen und uns – wie derzeit so einige – selbst anzeigen möchten: Liebe Süddeutsche Zeitung, wir haben uns euer Fakebook geliehen! Sorry, Leute. Denn auch wir als zu Recht belächeltes Relikt aus einer anderen Zeitrechnung möchten uns solidarisch erklären mit den Gicht- und Gelenkkatharr-geplagten Opfern der sozialen Netzwerke, den Power-Postern, den Losern und Usern, die beim Ablegen ihrer Devices ein ähnlich peitschender Phantomschmerz durchzuckt wie sonst nur ein Minenopfer. Also gibt es ab sofort monatlich das von uns erstellte und als SATIRE GEKENNZEICHNETE Alternativprofil eines namhaften Künstlers, einer Künstlerin oder einer anderen Minderheit. App App Hurra. (Smoke) Flo


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INHALT

INHALT

unclesally*s magazine

No. 154 – März 10 Foto: Birte Filmer

Foto: Erik Weiss

Musik: Seite 12

Musik: Seite 32

Kino: Seite 50

FETTES BROT

AUSTRALIEN-SPEZIAL

BERLINALE

Nach 18 gemeinsamen Jahren haben die drei Hamburger von Fettes Brot mehr Spaß an der gemeinsamen Sache als je zuvor. Eindrucksvolles Beispiel einer intakten Bandchemie ist nicht nur das lustige Interview mit den Kollegen, sondern auch das doppelte Live-Album in blau und orange, den schönsten Farben nach schwarz-weiß und Jein.

Jedes Jahr wandern unzählige Menschen ab in Richtung australischer Kontinent, und das aus gutem Grund: Das Klima ist super, die Leute sind nett und wenn man will, kann man schön seine Ruhe haben. Wir haben uns mal mit den einheimischen Bands Dukes Of Windsor, Karnivool und Airbourne beschäftigt und herausgefunden, dass die das genauso sehen. Nur andersrum.

Einmal im Jahr fährt man als Normalsterblicher lieber einen großen Bogen um das Berlinale-Areal rund um den Potsdamer Platz, damit man von den ganzen Stars nicht aus Versehen vom Bürgersteig geschubst wird, Unser Kino-Chef Patrick Heidmann warf sich für uns aber wieder wagemutig ins Getümmel und hat die eine oder andere Anekdote mitgebracht.

06-10 Starter

24-30 Platten

48 Für Zwischendurch

06 Turbostaat/ Dendemann 07 Highfield 2010 08 Paramore/ Rocky Votolato 09 Bloodlights 10 Euer Ding

11–19 Musik Stories I

11 The Soft Pack 16 Blood Red Shoes 18 Black Rebel Motorcycle Club/ Kashmir 19 The Knife

14 Auf Achse Foto: Ben Wolf

Diesmal hängen wir mit Good Shoes an so aufregenden Orten rum wie dem Schwimmbad, der städtischen Mall oder vor McDonald’s und machen: nichts. So wie jeden Tag.

Die Winterpause ist vorbei, Zeit also, die neuesten Platten abzuhören. Waren wieder ein paar Knaller dabei. Props an Die Sterne für den Mut, ihr neues Album „24/7“ in einen Party-Mob zu verwandeln, der auch vor der Disco nicht Halt macht. Sterne-Sänger Frank Spilker schnürt schon mal die Tanzschuhe.

36-42 Musik Stories II

58 Computerspiele

36 Ok Go/ Story Of The Year/ Sivert Høyem 40 Broken Bells/ Ken 42 Liars/ Lonelady

37 Fakebook: Serj Tankian

Wir schlagen die einst von der Süddeutschen Zeitung erfundene Brücke zwischen Web und Print, indem wir ab sofort monatlich einem Künstler eine neue Fakebook-Seite basteln. Achtung, Satire! Ist Ezra Koenigs Oma wirklich ein Vampir oder kann man auch mit transsilvanischem Blut in den Adern Vegetarier werden? Gute Fragen. Hier sind die Antworten.

41 Couch: Alkaline Trio

Wir reisten mit Sack, Pack und Schüttelkamera ins tief verschneite Stockholm, um dort mit den Jungs und dem Mädchen der Shout Out Louds auf große Entdeckungsreise zu gehen. Was es dort alles Leckeres zu essen gab und wieso man in Schweden mit dem Eispickel Schlittschuh fährt, erklären wir euch hier.

51-57 Kino

51 Im Interview: Mel Gibson 52 Im Interview: Nora von Waldstätten 53 Anvil/ Ein Prophet 54 Jerry Cotton/ Crazy Heart/ Männer, die auf Ziegen starren 55 Shortcuts 56 Kino DVDs

31 Mixtape

38 Test: Vampire Weekend

20 Titel: Shout Out Louds

48 In the Mix

Alk3-Frontmann Matt Skiba ist ein wirklich sympathischer und lustiger Typ, der trotz des ein oder anderen Dämpfers weder Humor noch Zuversicht verloren hat. Daran kann sich gerne jeder ein Beispiel nehmen.

43-46 Auf Tour

43 Beatsteaks/ Konzertfotos of Death 44 Blood Red Shoes 46 Frank Turner

Die neuesten Hits auf den Konsolen im Praxistest.

60-66 Der Rest

60 Comics 62 Bücher 63 Hörspiele 64 Kreuzworträtsel 65 Redaktionscomic 66 Vorschau/ Impressum/ Screenshots

All DAS und Noch Mehr auf www.sallys.net


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Neuigkeiten

Foto: Ben Wolf

Heute auf: Griechisch nekroi kai traumatismenoi (Tote und Verletzte) KILLSWITCH ENGAGE

Zum Zwecke der Erholung verließ Frontmann Howard Jones die laufende Tour von Killswitch Engage und wurde vorübergehend durch Phil Labonte (All That Remains, Ex-Shadows Fall) ersetzt. Gerüchteweise trägt eine Rückenverletzung die Schuld.

JAY REATARD

Die Todesursache des im Januar im Alter von 29 Jahren verstorbenen Jay Reatard entspricht dem traditionellen Rock’n’Roll-Lifestyle. Kokain im Zusammenspiel mit Alkohol kostete ihn das Leben.

dialush kai dialleima (Trennungen und Pausen)

neo sugkrothma kai epanenosh (Neue Projekte und Wiedervereinigungen) FUN LOVIN’ CRIMINALS

Nach einer fünfjährigen Pause, dem Wechsel in bürgerliche Jobs samt Umzug nach Großbritannien testen die Fun Lovin’ Criminals mit einem neuen Album ihren derzeitigen Marktwert. Auf „Classic Fantastic“ spielen Paul Kaye und Roots Manuva als Gastmusiker auf.

GARBAGE

Frontfrau Shirley Manson heizte die Gerüchteküche für ein neues Garbage-Album an, als Sie per Facebook-Statusmeldung von einem Studioaufenthalt mit ihren früheren Kollegen berichtete.

THE GET UP KIDS

THE KILLERS

Eine Pause auf unbestimmte Zeit steht vor den Killers. Vorerst ist Schluss mit Sense.

Die wiedervereinigten Get Up Kids veröffentlichen im April ihr erstes Werk nach sechs Jahren Plattenstille. „The Simple Science“ soll als EP mit vier Songs erscheinen.

SAMIAM

NIRVANA

Jegliche Tourpläne liegen fein säuberlich auf Eis, gemeinsam mit allen anderen Plänen für die Zukunft. Weitere Informationen stehen aus.

SCORPIONS

Nach 45 Bandjahren setzen sich die Scorpions zur Ruhe. Allerdings nicht, ohne noch mal mit neuem Album „Sting In The Tail“ und zugehöriger Welttournee um sich gestochen zu haben.

Frances Bean, Tochter von Kurt Cobain, gibt ihr musikalisches Debüt auf dem Song „My Space“ des Duos Evelyn Evelyn (mit Amanda Palmer!), der sich auf deren Ende März erscheinendem Debütalbum befindet. Als weitere Gastmusiker treten Tegan And Sara und Andrew W.K. in Aktion.

OASIS

Liam Gallagher arbeitet nach dem Ausstieg seines Bruders Noel mit den restlichen Oasis-Mitgliedern

TURBOSTAAT Da hinten am Horizont kann man sie schon erkennen: die Silhouette des neuen, kryptisch als „Das Island Manöver“ bezeichneten Albums vom Turbostaat. Zwölf raue und in eiskalter See gebadete Hits haben die fünf Flensburger auf dem neuen Werk vereint, verborgen unter Titeln wie „Fraukes Ende“, „Fünfwürstchengriff“ oder „Surt Und Tyrann“, dem zum Abfeiern via Internet freigegebenen Vorboten der vierten Turbostaat-Platte. Die genauen Koordinaten des „Island Manövers“ verkünden wir im April, bis dahin heißt es Tickets sichern. Hier geht’s zum Gottesdienst:

Turbostaat auf Tour 19.3. Leer – JUZ *** 2.3. Solingen – Cobra *** 9.4. Flensburg – Volxbad *** 15.4. Wilhelmshaven - Kling Klang *** 16.4. Osnabrück - Kleine Freiheit *** 17.4. Aachen – Musikbunker *** 18.4. Schweinfurt – Stattbahnhof *** 2.4. Weinheim - Café Central *** 21.4. Koblenz - Circus Maximus *** 22.4. Erfurt – Centrum *** 23.4. Magdeburg – Sackfabrik *** 24.4. Dresden - Groove Station *** 7.5. Bochum - Bahnhof Langendreer *** 8.5. Gießen – Muk *** 9.5. Erlangen - E-Werk *** 1.5. Wiesbaden – Schlachthof *** 12.5. Saarbrücken - Garage *** 13.5. Düsseldorf – Zakk *** 14.5. Leipzig - Conne Island *** 15.5. Berlin – Astra *** 16.5. Rostock - Mau Club

an einem Album, das unter einem neuen Bandnamen firmieren soll. „Oasis“ habe ihm sowieso nicht gefallen, verkündete Gallagher, der das Kind aber noch nicht beim Namen nennen wollte.

PENNYWISE

Doppelte Haushaltsführung: Zoli Teglas von Ignite füllt dauerhaft die Position des Frontmanns bei Pennywise, welche seit dem Ausstieg Jim Lindbergs im vergangenen Jahr vakant war. Zunächst übergangsweise in der Gruppe aktiv, integrierte ihn die Band nun als offizielles Mitglied. Parallel bleibt Teglas Schreihals bei Ignite.

diskos (Platten)

BONAPARTE

Picturebooks Nach unzähligen Shows im Vorprogramm von Bands wie Spinnerette oder Millencolin haben sich die Picturebooks aus Gütersloh mittlerweile einen Namen als mitreißende Live-Band erspielt. Nun will das Trio um Frontmann Fynn Grabke auch auf Konserve nachziehen und veröffentlicht im April ihr zweites Album „Artificial Tears“. Nach dem Debüt „List Of People To Kill“ dürfte die Scheibe mit ihrem Sound aus Punk und Indie überall offene Türen eintreten. Sämtliche Details zum neuen Album der Picturebooks und die Hotspots von Gütersloh gibt’s in der nächsten Ausgabe.

„My Horse Likes You“ geben uns Bonaparte im Juni mit auf den Weg. Zur korrekten fachlichen Vorbereitung empfehlen wir den Verzehr einiger Mädchenbücher und ein paar Tage Apfelernte auf dem Ponyhof.

BROKEN SOCIAL SCENE

Nach knapp fünf Jahren der Veröffentlichungspause erreicht uns im Mai das neue Album der Broken Social Scene, die neben Feist, Amy Millan von den Stars und Emily Haines aus dem Hause Metric auch Weakerthans’ Jason Tait und Sebastian Grainger von Death From Above 1979 als Gäste beherbergt.

THE DEAD WEATHER

Und der zweite Streich, der folgt sogleich: Schon im April erscheint ein neues Klimamodell von

Jack White, der Nachfolger des Dead WeatherDebüts „Horehound“, wie White proklamierte.

FRANZ FERDINAND

Begonnen hat die Arbeit am vierten Album, dem Nachfolger von „Tonight: Franz Ferdinand“. Wann das hoffentlich gute Stück in den Läden stehen wird, ist noch unklar.

THE GASLIGHT ANTHEM

„American Slang“ ist der Nachfolgers von „The ’59 Sound“ und wird für den Juni erwartet.

IRON MAIDEN

Das 15. Studioalbum der Bandgeschichte wurde auf den Bahamas auf die Festplatte gebannt. Titel und Erscheinungsdatum sind noch offen.

JAMIE LIDELL

Gemeinsam mit feiner Gesellschaft bestehend aus Feist, Beck, Kollegen von Wilco und Grizzly Bear stellte Jamie Lidell „Compass“ fertig, um im Mai zum Tanz zu laden. Man darf gespannt sein, wie richtungsweisend es denn sein wird.

NINE INCH NAILS

„1st official day of work in the studio“ schrieb Nine Inch Nails-Frontmann Trent Reznor in sein Twitter-Tagebuch.

RADIOHEAD

Im Rahmen der Arbeit am kommenden Album covern Radiohead auch das Stück „Wallflower“ von Peter Gabriel, wie der Ex-Genesis-Frontmann auf seiner Website verriet. Jener Song


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habe eine große Bedeutung in der Jugend von Radiohead-Frontmann Thom Yorke gespielt, so Gabriel weiter. Im Gegenzug nahm sich der PopBarde einer Neuinterpretation von Radioheads „Street Spirit (Fade Out)“ an. Das Cover ist auf seiner im Februar erschienenen Platte „Scratch My Back“ enthalten und lässt sich unter guardian.co.uk anhören.

tiert werden. Bernd Begemann trägt die Verantwortung für die Produktion.

RIVAL SCHOOLS

THEM CROOKED VULTURES

Im Sommer ist mit einem neuen Album von Walter Schreifels’ Rival Schools zu rechnen. Adam Horowitz von den Beastie Boys tritt darauf mit einem Remix des Songs „69 Guns“ in Erscheinung.

MARK RONSON

Für das im Juni erscheinende Werk „The Business“ sind Joint-Ventures mit den Scissor Sisters, Miike Snow und Santigold angekündigt, wenn die Kartellbehörde nicht dazwischenfunkt.

SIGUR ROS

Die Veröffentlichung des kommenden Albums ist auf unbestimmte Zeit vertagt, da alle Songs verworfen worden seien und man ganz von vorn beginnen will. Zudem werden eine Reihe von Bandmitgliedern gerade Väter, was zur schwierigen Planbarkeit beiträgt. Derweil geht Frontmann Jónsi den Solopfad, der ihn im Mai und Juni auch nach Deutschland führt.

SLASH

Saul Hudson, bekannt als Ex-Guns’n’Roses-Gitarrist Slash, bringt am 9. April das Solodebüt unter die Leute. Unter seine Achseln beziehungsweise. auf ihre Instrumente griff dabei eine illustre Gruppe bestehend aus Leuten wie Ozzy Osbourne, Iggy Pop, Ian Astbury, Dave Grohl, Kid Rock, Lemmy Kilmister, Wolfmother und vielen mehr.

SUPERPUNK

„Die Seele Des Menschen Unter Superpunk“ darf im Sommer im Albumformat näher reflek-

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Blink 182

THE THERMALS

Der Titel des im September erscheinenden neuen Albums der Thermals verspricht tiefere Einblicke: „Personal Life“ wird momentan von Chris Walla (Death Cab For Cutie) produziert. Bassist John Paul Jones (Ex-Led Zeppelin) kündigte in einem Interview ein zweites Album der Supergroup Them Crooked Vultures mit Josh Homme und Dave Grohl an. Noch im Laufe des Jahres soll die Veröffentlichung stattfinden.

UNKLE

Im Mai erscheint das neue Album von James Lavelle und Tim Goldsworthy alias UNKLE. Eine ganze Reihe an Gastmusikern besuchte die Aufnahmesessions für „Where Did The Night Fall“, unter anderem stellte Mark Lanegan seine Stimme zur Verfügung.

WE ARE SCIENTISTS

„Barbara“ steht ab Juni in den Schaufenstern einschlägiger Geschäfte. Während der Aufnahmen zum neuen Album saß Razorlight-Drummer Andy Burrows am Schlagzeug.

tainia kai thleorash (Film und Fernsehen) NICK CAVE

Für eine computeranimierte Neuverfilmung der Dreigroschenoper von Bertold Brecht und Kurt Weill soll Nick Cave die musikalische Arbeit übernehmen.

ANIMAL COLLECTIVE

Animal Collective haben gemeinsam mit dem Videokünstler und Regisseur Danny Perez einen psychedelischen Film namens „ODDSAC“ pro-

Highfield 2010 Im letzten Jahr verabschiedeten wir uns noch wehmütig vom Stausee Hohenfelden, jetzt heißt es: „Grüß Gott Großpösna“! Den Bonus der Wassernähe wollten sich die Highfield-Veranstalter nicht nehmen lassen und so wird das diesjährige Festival vom 20. bis 22. August am Störmthaler See in Großpösna bei Leipzig stattfinden. Ein königliches Line-Up hierfür steht in Ansätzen schon fest. Mal ehrlich: Blink-182, NOFX, Placebo und die fantastischen The Gaslight Anthem – allein bei diesem Anfangsaufgebot zucken euch doch schon die Füße. Tickets und alle weiteren Infos gibt es unter highfield.de. Und natürlich, liebe Freunde, werden wir auch in diesem Jahr wieder unsere traditionellen Highfield-Games austragen, bei denen ihr in diversen unolympischen Sportdisziplinen gegen die Kapellen antreten könnt.


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duziert, der auf dem Sundance Filmfestival seine Premiere feierte. Mehr zu dem als „visuelles Album“ charakterisierten Werk lässt sich unter oddsac.com erfahren.

COLDPLAY

Einen exklusiven Auftritt spielen Coldplay im Stadion von Springfield für nur zwei Personen: Homer und Bart Simpson. Zumindest bis Bart die Show unterbrechen lässt, um auf die Toilette zu gehen. Der Ausschnitt dieser Folge ist auf YouTube zu bewundern.

ta upoloipa (Der Rest)

Keiner mag öffentliche Verkehrsmittel. Doch alle Antipathie verfliegt, wenn ihr Paramore am 27. März ein Konzert in der Bereitschaftshalle der Bremer Straßenbahn AG spielen seht. Versprochen. Die Show findet im Rahmen der T-Mobile Street Gigs statt, deshalb gibt es die Tickets auch nicht zu kaufen, sondern bis zum 26. März nur exklusiv unter t-mobile-streetgigs.de zu gewinnen. Ein glücklicher Fan der amerikanischen Pop-Punk-Kapelle wird allerdings auch von uns auf sallys.net mit 1x2 Tickets bedacht. t-mobile-streetgigs.de

Hier die Termine für drei Stunden Rock/Punk/Alternative im unclesally*s Nightflight mit Flo im März, jeweils ab 0.00 Uhr (natürlich LIVE auf allen Frequenzen von Fritz und auf fritz.de, dort auch im Anschluss 24/7 als Loopstream!): Vom 4. auf 5.3. *** 11. auf 12.3. *** 18. auf 19.3.

Foto: Birte Filmer

Für vorerst zwei UK-Konzerte hat sich die Band wiedervereinigt - allerdings ohne Gitarrist von Bernard Butler. Der wurde laut eigener Aussage gar nicht gefragt, ob er mitspielen möchte.

THE CRIBS

Nach zehn Jahren hat Gitarrengott Johnny Marr, derzeit bei The Cribs, seine gestohlene Gibson SG wiederbekommen. Die Gitarre, die heute 30 000 Pfund wert ist, wurde damals backstage beim London-Konzert von Johnny Marr And The Healers entwendet. Der Dieb wurde von einem Gericht nun zu 200 Sozialstunden verurteilt.

KASABIAN

THE BEATLES

T-Mobile Street Gigs mit Paramore

SUEDE

Mit den Abbey Road Studios in London stehen die vielleicht berühmtesten Tonaufnahmekammern der Welt wegen eines überbordenden Schuldenbergs zum Verkauf. Neben den Beatles, mit denen das Studio hauptsächlich assoziiert wird und die sogar ein Album nach ihm benannten, nahmen dort Bands wie Radiohead, Pink Floyd, Oasis und Blur auf. Falls also noch ein Geburtstagsgeschenk für Papa gesucht wird und eine achtstellige Menge an britischen Pfund übrig ist: Zugreifen! Um den Verkauf an eine Investorengruppe und die möglicherweise bevorstehende Schließung des 1931 eröffneten Studios zu verhindern, haben sich einige namhafte Persönlichkeiten für ein gemeinsames Angebot zusammengefunden, ließ Ex-Beatle Paul McCartney durchblicken.

THE WHITE STRIPES

Die White Stripes wehren sich juristisch gegen eine Adaption ihres Songs „Fell In Love With A Girl“ für ein Rekrutierungs-Werbespot der US Air Force, der während des Superbowls ausgestrahlt wurde.

Böses Internet. Laut Kasabian-Sänger Tom Meighan, hat das www den Mythos Rockstar zerstört. Schuld seien seine bloggenden und tweetenden Mit-Musiker aber selbst und dadurch zuviel von ihrem Privatleben preisgeben würden.

ANGELS & AIRWAVES

Die Band hat ihr neues Album „Love“ als kostenlosen Download ins Netz gestellt. Wer im Gegenzug etwas spendet bekommt sogar einen kostenlosen Download von Mark Hoppus oben drauf.

THE GET UP KIDS

Ihren Konzerten lässt die Band nun einen neue Veröffentlichung folge. Ihre EP „Simple Science“ soll im April erscheinen.

NICK CAVE

Der Sänger soll die Musik zu einer Neuverfilmung der „Dreigroschenoper“ von Bertold Brecht und Kurt Weill beisteuern. Cave hatte auch schon den Soundtrack zu den Filmen „The Road“ und „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ gemacht.

die geschichte hinter dem song

Heute mit: ROCKY VOTOLATO

Dendemann Mit einer hübschen Kickermatte und stylischem Pornobalken ausgestattet hat sich Dendemann nicht nur einen neuen Look zugelegt, sondern für sein Album „Vom Vintage Verweht“ auch musikalisch ordentlich durchgefegt. Um sämtliche Details zur neuen Platte und lustige Anekdoten aus dem Hamburger Rap-Urgestein zu kitzeln, haben wir zwei Fachleute zu ihm an den Tisch gesetzt: Beatsteaks-Bassist Torsten Scholz sowie Radiomoderator und Wortjongleur Winson. Was die drei zu diskutieren hatten und was das alles mit Anthrax zu tun hat, erfahrt ihr in der April-Ausgabe.

Dendemann AUF TOUR 28.4. Bremen - Schlachthof *** 29.4. Hamburg - Fabrik *** 30.4. Münster – Skater‘s Palace *** 1.5. Köln - Gloria *** 2.5. Heidelberg - Karlstorbahnhof *** 3.5. Frankfurt a.M. - Batschkapp *** 6.5. Stuttgart - Röhre *** 7.5. München - Backstage *** 8.5. Freiburg - Jazzhaus *** 9.5. Düsseldorf - Zakk *** 10.5. Saarbrücken - Garage *** 11.5. Würzburg - Posthalle *** 12.5. Berlin - Astra

Der Song: “Lucky Clover Coin”

“‘Lucky Clover Coin‘ war der erste Song, den ich für das neue Album überhaupt geschrieben habe. Er stammt aus einer Zeit, in der ich noch mit meiner Depression zu kämpfen hatte. Ich ging mit meinem Sohn am Strand entlang und er hob diese Münze auf, wo ein dreiblättriges Kleeblatt vorne drauf war – ein ‘Lucky Clover Coin“ eben. In der Zeit davor hatte ich sogar Gedanken an Selbstmord verschwendet, aber die Arbeit an diesem Lied hat mich endgültig zurück in die Spur gebracht. Es ist ein Song für meinen Sohn. Durch ihn habe ich auch erst begriffen, dass es viel mehr im Leben gibt als das, was ich bis dahin geglaubt hatte davon begriffen zu haben. Es ist der Anfang einer Befreiung für mich.“ Heimat: rockyvotolato.com Auch gut: „True Devotion“ – das neue Album von Rocky Votolato


60 SEKUNDEN mit:

Captain Poon (BLOODLIGHTS)

Nachdem sich der Gluecifer-Gitarrist Captain Poon in der letzten Zeit ein wenig Ruhe im Leben gegönnt hat, heißt es in Kürze wieder „Leinen los“ und raus auf die Straße. Mit den „Simple Pleasures“ seiner hart rockenden Bloodlights im Kofferraum, begibt sich der 35-Jährige auf große Fahrt und dockt mit Sicherheit auch in einem Club in eurer Nähe an. Vor der Abreise haben wir den Kollegen nochmal durchgecheckt. Das letzte Mal im Urlaub gelangweilt habe ich mich: So blöd das klingt, aber im Urlaub habe ich mich noch nie gelangweilt. Sowas passiert mir immer nur zu Hause, deshalb muss ich auch bald mal wieder weg... Mein liebstes Mitglied der königlichen Familie ist: Sorry, aber für den Haufen habe ich nicht einen Funken Sympathie, auch wenn Mette Marit vielleicht ganz nett ist. Königsfamilien sind doch ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert... Meinen letzten Unfall hatte ich... ...letzten Oktober. Ich habe meinen Opel Monza zu Schrott gefahren, als ich nicht ganz aufmerksam war und einem anderen Wagen hinten rein gerauscht bin. Da war leider nix mehr zu retten, absoluter Totalschaden. Das letzte Mal trainiert habe ich... ...letzte Woche. Ich versuche tatsächlich, regelmäßig in den Fitnessclub zu gehen, um meinen zugegebenermaßen recht ungesunden Lebensstil mit ein bisschen Konditionstraining auszugleichen. Aber ich gehe nicht an die Gewichte. Ich habe eine Phobie vor... ...grünen Erbsen und Schlangen. Beides finde ich gleichermaßen abstoßend. Bei meiner Mutter melde ich mich... ...dreimal die Woche? Natürlich nicht, aber ich versuche schon, regelmäßigen Kontakt mit meinen Eltern zu halten. Das letzte Mal über ein Geschenk gefreut habe ich mich... ...vor ein paar Wochen. Mein Vater hat sich meinem Aquarium angenommen und das ganze Dinge mal generalüberholt. Jetzt beruhigt auf Tour gehen. Mit dieser Person möchte ich nicht im Fahrstuhl stecken bleiben: Schwer zu sagen, aber ich glaube, es wäre spannend, mit Lemmy von Motörhead stecken zu bleiben. Der kann nämlich nett oder manchmal alles andere als nett sein, je nach Tagesform. Aber er hätte sicher genug Anekdoten, um die Zeit zu überbrücken. Das letzte Mal Schmerzen hatte ich... ...neulich. Wir hatten eine kleine Party in meiner Wohnung und haben zu später Stunde noch am Boxsack im Wohnzimmer trainiert. Noch eine Woche später haben mir die Pfoten weh getan. Heimat: bloodlights.com Auch gut: „Simple Pleasures“ - das aktuelle Album von Bloodlights


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EUER DING

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euer ding

Liebe Leserinnen und Jungs

Das hier ist EURE Seite, auf der ihr uns eure Meinung geigen könnt oder sonst so erzählen, wer oder was euch gerade beschäftigt. Auch Kristin aus Lüneburg kommt in den Himmel:

War zwar knapp, aber wir haben es tatsächlich geschafft, dem Boss von Boss Hoss noch das versprochene Autogramm für Eva Maria abzuquatschen. Hier:

„Hach, heute endlich das langersehnte sally*s im Briefkasten gehabt! Und ich muss sagen, dass ich mich schon lange nicht mehr so sehr über Post gefreut habe... Im letzten Jahr war’s bei mir nämlich nicht so mit dem sally*s-Lesen, weshalb auch immer… Jedenfalls weiß ich auch, was ich die ganze Zeit verpasst habe. Naja, jetzt steht unserer sally*s-LeseBeziehung dank Abos nüscht mehr im Wege! In diesem Sinne: großen Dank! Liebste Grüße aus Lüneburg, Kristin

Voll nett vom Boss! Hier, eine echte Promo-CD mit Original-Autogramm, Widmung und obendrauf als Speizalgeschenk gibt‘s noch den persönlichen Tourpass des smarten Frontmanns! Schicken wir dir raus, liebe Eva Maria. Bis dann! Olli fährt gern schnell und schenkt uns eines seiner PS:

schlägt an und der Gute mutiert zu einem halbwegs überlebensfähigen und sozial integrierbaren Teil der Gesellschaft. Wenn man sich Seite 65 mal genauer ansieht, ist es bis dahin aber noch ein langer, steiniger Weg… Auch Bini hat was vermisst:

PS: Wo sind eigentlich die AhaComics? Habe ich da was während meiner Abstinenz nicht mitbekommen? Also wird’s die jetzt nicht mehr geben?“

„Hallo, liebe Redaktion! Schon seit einigen Monaten vermisse ich das Kreuzworträtsel. Bitte, bitte, lasst es wiederkommen. Das war nämlich neben Yessica Yetis Kolumne immer der Hauptgrund für mich, das Magazin zu lesen und ich habe es auch immer GENAU gelesen, um die Fragen beantworten zu können. Oder gibt es einen Grund für das plötzliche Verschwinden? Selbst, wenn ihr nichts mehr zu verlosen habt, ist doch egal, es geht doch nur um den Spaß. Liebe Grüße, Bini“

Hi Kristin, klar gibt’s Ahas Comics noch und natürlich wird’s die auch weiterhin geben. Es sei denn, seine Therapie

Hi Bini, auch das Kreuzworträtsel ist zurück und es gibt natürlich wieder was zu gewinnen. Viel Spaß damit!

DAS GUTE GESCHÄFT IN DIESEM MONAT ist: Empfohlen von: KILLERPILZE

Hey Olli, gute Idee, aber dazu Folgendes: Wir verlosen die Preise unter drei Parteien: Der guten alten PostkartenFraktion, den E-Mail-Schreibern und den Teilnehmern, die über unsere Homepage sallys.net mitmachen. Der Vorteil dabei ist: Die Kandidaten können sich selbst aussuchen, welchen der Preise sie denn abräumen möchten. Würden wir in die Verlosungstrommel auch noch die Abonnenten mischen, würde das a) dazu führen, dass die Preise möglicherweise nicht von denen gewonnen werden, die darauf abfahren und

King’s Road Pub Königstraße 19 89407 Dillingen

b) hätten die Abonnenten Päckchen im Briefkasten, mit deren Inhalt sie wenig bis gar nichts anfangen können - unter Umständen. Trotzdem lohnt es sich natürlich, unclesally*sAbonnent zu sein, denn: Man kommt automatisch in den Himmel!

Schickt eure Leserbriefe an sallys@sallys.net oder per Post an unclesally*s, Waldemarstr. 37, 10999 Berlin.

„King’s Road Pub“ ist ein kleiner Irish Pub in unserem Heimatort, den wir sehr gerne besuchen, weil es einer der wenigen Pubs ist, wo Rock-Musik läuft und man entspannt abhängen kann. Wenn wir nicht gerade unterwegs sind, treffen wir hier sehr gerne unsere Freunde oder trinken entspannt ein Bier. Außerdem gibt‘s hier im „King‘s Road Pub“ die weltbesten Burger und man fühlt sich immer willkommen.

Vielleicht kennt ihr die Killerpilze aus der Bravo oder dem Vorprogramm von Avril Lavigne, aber mit dem neuen Album „Lautonom“ erfolgt der laut proklamierte „musikalische Befreiungsschlag“ des Trios aus Dillingen an der Donau. Dann mal Hals und Beinbruch.


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MUSIK STORIES

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THE SOFT PACK

Immer schön Halbmast

Und da knattert und rattert sie wieder, die Hype-Maschine. Seit eineinhalb Jahren und einigen kleineren Veröffentlichungen gelten die Kalifornier von The Soft Pack unter Szenekennern und etablierten Medien gleichermaßen als „das nächste große Ding“. „Das ist doch Bullshit“, amüsiert sich Gitarrist Matty McLoughlin. „Es gibt jede halbe Stunde irgendein ‘next big thing‘.“ Recht hat er. So geradeheraus und uneitel wie sich Matty im Interview gibt, ist auch das selbstbetitelte Debüt der Kalifornier. Der Vierer füllt die knapp 30 Minuten Spielzeit mit GaragenRock und Pop-Punk – melodiös, kantig, ungestüm. Fragt man die Band nach ihrer größten Inspirationsquelle, werden jedoch nicht die Alben von den Stooges, den Buzzcocks oder Television aufgezählt, wie der Sound es durchaus vermuten lässt. Stattdessen nennt Matty die Bewunderung für amerikanische Komiker wie Steve Martin oder Rodney Dangerfield. Wo sich die Stirn zunächst fragend in Falten legt, besteht zweifelsfrei eine Verbindung: „Bei der Comedy geht es darum, eine Geschichte zu erzählen und eine Pointe zu finden. Beim Aufbau eines Songs sollte es genauso sein, jedes Element hat einen Zweck. Der Refrain ist quasi die Pointe.“ Auch hinsichtlich der Wahl ihres Bandnamens scheinen Matty, Sänger Matt, Bassist Dave und Drummer

Tote Hose in der Hose: The Soft Pack aus San Diego.

Brian einen Hang zu schrägem Humor unter Beweis zu stellen, versteht man unter einem ‘soft pack‘ doch „einen falschen, schlaffen Penis, den Transsexuelle tragen.“ Tatsächlich ist es bereits der zweite Name für die Combo aus San Diego. Ihre Karriere starteten die vier nämlich als The Muslims. „Ein Professor unseres Sängers erzählte, dass es zwei Typen von Menschen in den Konzentrationslagern gab: diejenigen, die versuchten zu überleben, und die, die schon aufgegeben hatten, Muslime genannt.“ Die Band wählte den Namen auf Grund seines Klangs, Politik oder Religion hätten keine Rolle gespielt, versichert Matty. Umso überraschter war das Quartett, als es von allen Seiten

feindliche, meist rassistische Kommentare hagelte. „Es gab Leute, die riefen ‘Dschihad bitch‘ bei Konzerten.“ Die Bezeichnung für ein falsches Genital erschien da schließlich als die bessere, weil weniger kontroverse Option. „Außerdem“, so Matty, „sind wir große Steely Dan-Fans.“ Und diese in den Siebzigern gegründete Band benannte sich bekanntlich auch nach – genau – einem Dildo. Text: Steffi Erhardt Heimat: thesoftpackofficial.com

TOURDATEN AUF DEN SEITEN 44-46


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MUSIK STORIES

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Ganz gut gewachsen: Fettes Brot aus Hamburg

Fettes Brot

Ihr könnt euch entscheiden Fettes oder Brot? Blau oder Orange? Wer dieser Tage mal auf der Internetseite der Brote vorbeigesurft ist, wird festgestellt haben, dass nicht nur sie von diesen Farben dominiert wird, nein, die ganze Fangemeinde teilt sich in zwei farbige Lager. Der Grund? Zu den besten aller Feste gehört schon lange und nicht nur für eingefleischte Fans ein Fettes Brot-Konzert – und das gibt es ab sofort auch auf Platte(n). Fettes Brot veröffentlichen zum ersten Mal in der fast 20-jährigen Bandgeschichte und

wohl auch deshalb gleich zwei Live-Alben. Eins ist blau und heißt „Fettes“, das andere ist orange und heißt, logisch: „Brot“. Beide sind, wie sollte es anders sein, voll mit insgesamt 31 Top-Hits aus der 18-jährigen Karriere der drei aus Hamburg.

Zum Interview bei Plätzchen und Tee kommen die drei geschafft aber gutgelaunt aus der Westernstadt Templin nach Berlin. Dort fand der Videodreh zur blauen Single „Jein“ (natürlich gibt es mit „Kontrolle“ auch eine orangene Single) statt. „Wir waren gerade schlap-


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pe 26 Stunden unterwegs, bis morgens um sechs haben wir gedreht. Es war kalt, nass und schön“, berichtet Björn und Martin ergänzt: „Die Idee war, dem Video, das es vor 14 Jahren zu ‘Jein‘ gab, ein Update zu verpassen und wieder einen Western zu drehen. Man mag es nicht für möglich halten, aber es geht tatsächlich noch skurriler.“ Das dominierende Wort an diesem Nachmittag ist auf jeden Fall „Spaß“ – aber lest selbst: Wie kam es zu der Idee ein beziehungsweise gleich zwei Live-Alben zu machen? Boris: Wir sind ja seit 2006 mit einer Band unterwegs und haben jetzt ein Level erreicht, das den Kern von dem trifft, was Fettes Brot ausmacht und unsere Musik von der anderer unterscheidet. Früher, als wir noch mit Turntables unterwegs waren, hätte das keinen Sinn gemacht, weil es ziemlich genau wie auf der regulären Platte geklungen hätte – nur nicht so gut. Das wäre wie Onanie. Warum mögt ihr den Begriff „Live-Album“ nicht? Boris: Das Genre ist echt versaut worden. Es gab eine Menge Bands, die mit mittelmäßigen bis uninspirierten Nachzüglern der Studioalben um die Ecke kamen, um mit den Verkäufen noch mal schnell Gold-Status* zu erreichen. Wir wollten vermeiden, dass so etwas auch von uns erwartet wird und nennen es deshalb lieber „Band-Platte“. Björn: Für uns ist es gleichzeitig auch eine Art Best OfAlbum, denn es sind ja Lieder von 1995 bis 2008 drauf. Aber viel wichtiger ist, dass durch die elfköpfige Band zu den jeweiligen Songs ganz andere Soundbilder entstanden sind. Damit ist es eigentlich ein ganz neues Projekt und das hört man den Songs auch an. Nicht nur, wenn wir sie in einer neuen Version spielen, sondern auch, wenn wir uns ganz nah am Original bewegen, klingen sie trotzdem ganz anders als das, was einst auf der Platte zu hören war. Und genau das wollten wir gerne mal auf ein Album bannen. Darüber hinaus haben wir dann noch versucht, die Stimmung und die Dynamik eines Fettes Brot-Konzertes festzuhalten, die Spielfreude und den Spaß, den wir auf und die Leute vor der Bühne haben. Deshalb sind die beiden Platten tatsächlich auch so wie ein Konzert aufgebaut: mit Anfang und Ende und dazwischen Gesabbel. Wann entstand denn die Idee? Boris: Das war ein eher fließender Prozess. 2008 haben wir von 80 Konzerten rund 20 sowie ein paar Festivalauftritte mitgeschnitten - immer schon mit dem konkreten Hintergedanken, irgendwann ein Album daraus werden zu lassen. Martin: Der Gedanke, wie schade es wäre, das nicht für die Nachwelt festgehalten zu haben, hat auch eine Rolle gespielt. So wie manche Frauen, die sich schnell noch mal für den Playboy fotografieren lassen, damit sie ihren Enkeln später zeigen können, wie toll die Oma mal ausgehen hat. (alle lachen) Boris: Das ist aber doch totaler Unsinn! Wir werden ja auch die nächsten Jahre mit dieser Band unterwegs sein und noch besser werden.

Boris: Wenn man es nachrechnet, stimmt es erstaunlicher Weise, aber es fühlt sich nicht so an. Es ist immer noch erstaunlich neu und frisch, nicht abgenutzt, immer noch aufregend und macht unwahrscheinlich viel Spaß. Gibt es da so etwas wie ein Geheimrezept? Martin: Wenn man es auf ein Wort reduzieren müsste, dann wäre das so was wie Offenheit. Die beiden anderen: wooohhhwww (dann Lachen) Boris: Keine Ahnung, wir haben einfach Spaß an dem, was wir machen. Uns gehen die Ideen nicht aus und wir haben immer noch das Bedürfnis, den Leuten etwas zu erzählen und uns selbst zu zeigen, was alles so möglich ist. Apropos – vor nicht allzu langer Zeit lief ein Film namens „Der Deichking“ im Fernsehen mit einer Fettes Brot-Coverband – gespielt von euch. Mit „Forellentee“ hattet ihr eine eigene Radiosendung und einen Gastauftritt bei den Drei ??? gab es auch. Wenn ihr euch entscheiden müsstet, was ihr davon gerne noch mal machen würdet, was wäre das? Martin: Die Radiosendung war das, was am meisten wir waren. Boris: Und was wir auch am ernsthaftesten betrieben haben.

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möchte, dass Claude-Oliver Rudolf mich spielt, den jungen König Boris – das muss doch wohl möglich sein. Ich glaube allerdings, wir hätten große Probleme damit, die Regie abzugeben. Martin: Wobei Detlef Buck natürlich auf der Hand läge, dessen Werk wir sehr mögen. Wir haben ihn bei einem Videodreh in Südafrika getroffen. Er hat uns kritisch angeguckt und meinte, na, noch könnte man mit euch einen Film drehen – dann hat er leider David Kross erfunden. Boris: Aber den Gedanken an einen Fettes Brot-Film finde ich spannend. Ich stelle mir da eher so ein geiles Roadmovie vor – so was wie „Almost Famous“... Martin: „Little Miss Sunshine“! Ihr kommt ja ursprünglich aus dem HipHop, hat man da nicht manchmal auch Lust, ganz kompromisslos mal wieder ein klassisches Rap-Album zu machen? Boris: Ja, darüber haben wir sogar schon mal nachgedacht. Björn: Also ein ganzes Album weiß ich nicht, aber ich hätte schon große Lust dazu, mit der Rap-Musik mal ganz handwerklich umzugehen und einen klassischen Song zu machen – solche hatten wir ja auch immer auf unseren Studioalben. Aber ich würde mal wagen zu behaupten, dass dieser Schwung nicht für ein ganzes Album reichen würde. Ich glaube, da würden wir uns nach ein paar Songs einfach zu eingeschränkt fühlen. Boris: Das ist ja auch kein Plan, den wir uns vorher machen oder worüber wir nachdenken. Diese Offenheit ist ja kein Konzept, die kommt einfach aus uns raus und unsere Songs passieren uns einfach. Das heißt, ihr arbeitet auch schon an Ideen für ein neues Album? Martin: Ja. Das passiert alles schon parallel. Boris: Wir werden weiter machen und es wird noch viel Musik von uns geben.

Martin: Die haben wir auch über anderthalb Jahre gemacht, sind alle vier Wochen nach Potsdam zu Radio Fritz gefahren, um eine Live-Sendung zu machen und drei aufzuzeichnen. Da waren wir mit Leib und Seele Radiomoderatoren und haben versucht, das Genre zu revolutionieren, was uns übrigens nicht gelungen ist. (lachen) Björn: Wobei ich auch sagen muss, dass ich die anderen Bereiche für uns und die Zukunft genauso spannend finde. Ich möchte also an dieser Stelle dazu aufrufen, uns weiterhin Hör- und Drehbücher zu schicken. Boris: Mit Quatsch Geld verdienen! Wenn man ein bekannter Musiker ist, kommen die Leute gerne auf die Idee, dass man ja auch mal was anderes tun könnte, ohne dass sie wissen, ob man das wirklich kann. Da sagen wir dann gerne mal ja.

Das waren ja Tonnen an Material, wie wählt man da aus? Boris: Es standen über 500 Songs zur Auswahl. Aber wir haben das Glück, coole Leute wie André Luth (Red: Produzent von FB) in unseren Reihen zu haben, die das für uns sortieren. in unserem Umfeld zu haben, die das für uns machen. Wir haben das auch deshalb nicht selbst gemacht, weil wir viel zu nah dran sind. Man ist ja auch immer ein bisschen eitel und hört am ehesten darauf, ob man selbst gut abgeliefert hat.

Bushido hat ja gerade mit Herrn Eichinger einen Blockbuster abgeliefert – wenn es einen Fettes Brot-Film geben würde, wer sollte den drehen und wer sollte euch spielen? Boris: Roland Emmerich. Björn: Ja! Ein Katastrophenfilm! Martin: In Zusammenarbeit mit Otto Walkes. Björn: Nein, Hape Kerkeling soll den drehen und wir werden von den Chipmunks gespielt. Boris: Nee, von Tick, Trick und Track... Martin: ...oder David Kross spielt einen von uns.

1992 war euer Gründungsjahr – da sind wir ja fast bei 20 Jahren – erschreckt euch das manchmal?

Wen denn? Jeder darf sich einen aussuchen. Boris: Dann nehm ich Kate Winslet – nein, ich

Jetzt geht es allerdings live weiter durch die schon fast überall ausverkauften Konzerthallen der Republik, und so großartig diese Platten auch geworden sind (und das sind sie wirklich), sollte man sich ein ganz echtes, schweißtreibendes, Spaß machendes Fettes Brot-Konzert einfach nicht entgehen lassen. Wer also noch ein Ticket ergattern kann, dem sei dies wärmstens empfohlen – zumal es noch das folgende Versprechen gab: „Wir werden jetzt auf der Tour sicher noch den ein oder anderen Hit ausgraben, der es nicht auf die Platten geschafft hat.“ Text: Caroline Frey Foto linke Seite: Birte Filmer Foto rechte Seite: Jens Herrndorff Heimat: fettesbrot.de

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* Aus den Richtlinien für Goldund Platin-Schallplatten: Die vorausgesetzten Verkaufszahlen müssen mit einer Veröffentlichung identischen Inhalts auf dem Inlandsmarkt erzielt worden sein. Bei der Addition verschiedener Tonträgerarten, Bildtonträgerarten und gegebenenfalls unterschiedlicher Versionen muss inhaltlich weitestgehend Übereinstimmung mit den Normalprodukten vorliegen. Diese ist gegeben bei Produkten mit gleichem Namen beziehungsweise Titel, gleichem Interpreten und inhaltlicher Übereinstimmung von mindestens 50% der Tracks (Verschiedene Versionen eines Tracks beeinträchtigen diese Identität nicht. Hierunter fallen auch Live-Versionen und Videos.) 


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AUF ACHSE

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auf achse... EN SUBURBANES ABHÄNG mit GOOD SHOES

Text: Flo Hayler Fotos: Sebastian Gabsch Auch gut: „No Hope, No Future“ – das neue Album der Good Shoes

Ganz schön langweilig, diese Freizeit. Ohne Sportsfreunde, Rätselhefte, reiche Eltern oder Drogen kann so ein Nachmittag in der Vorstadt extrem öde sein. Auch die Good Shoes wurden dank grassierender Beschäftigungsflaute in der kindheit zu Weltmeistern im Däumchendrehen, was sie bei unserem gemeinsamen Ausflug ins Herz der freizeitlichen Finsternis eindrucksvoll unter Beweis stellen. Schaut mal hier:

Direkt nach der Schule geht’s bekanntlich oft und gerne zum Abhängen vors städtische Schwimmbad. Von Hartz IV nach draussen verfrachtet, bleibt den Kids von heute meist nur das Vergnügen, einer fidelen Rentnerschar durch verspiegelte Scheiben dabei zuzusehen, wie sie in Zeitlupe ein paar Schneisen durch schlecht beheizte Becken zieht. Alt müsste man sein.


Unentbehrlich zur Überbrückung eines beschäftigungsarmen Tages ist vitaminlose plastiknahrung vom Discounter. In den überwachten Gängen der Billo-Könige von Lidl kennen die Stammkunden von Good Shoes sämtliche Artikel beim Vornamen. Entsprechend routiniert machen die vier einen Bogen um die Käsetheke und schnüren einen leckeren Proviantkorb aus Smarties, diesen unaufgetauten Fertigcroissants und Limo zum Kampfpreis von 29 Cent die Flasche.n

na, habt ihr sie Erkannt? Richtig, dies ist ein prähistorisches Objekt namens Telefonzelle. In den Neunzigerjahren standen die Dinger an jedem Bahnhof, heute sind sie ein prima Ersatz für traditionelle Hang Outs wie entglaste Bushaltestellen, die Polizeiwache oder Brandruinen. Wer’s warm mag oder sein Guthaben verquatscht hat, kann sich ja zu Shakira in die Mall stellen.

als am nächsten Morgen die Schule ruft, teilen sich die Good Shoes zum frühstück noch einen Royal Cheese und schlucken die chipsReste von gestern plus eine Dosis Halloo Wach - damit sie bloss nicht den nachmittag verpennen: wieder so viel vor, heute…


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Blood Red Shoes

Meine Band, das Wasser und ich

Wie Pech und Schwefel: Blood Red Shoes aus Brighton.

Die Blood Red Shoes sind verunsichert. „Ich hoffe, dass den Leuten ’Fire Like This’ gefällt“, sagt Sängerin Laura-Mary Carter und betont, dass das neue, zweite Album das inoffizielle Debüt ihrer Band sei. „Unsere erste Platte zählt nicht“ - und das aus gutem Grund. Die Frage nach dem ’Warum?’ ist berechtigt, schließlich öffnete ’Box Of Secrets’, der erste Blood Red Shoes-Silberling, dem Duo im Jahr 2008 alle Türen, verschaffte den lang ersehnten Plattenvertrag und hievte sie ganz nebenbei auf sämtliche Titelblätter der großen Musik-Gazetten. Und all das soll plötzlich nichts mehr miteinander zu tun haben, ein Debüt darf kein Debüt mehr sein? „Nein, es ist weiterhin die erste Platte“, korrigiert sich Laura und wirft einen Blick ins Nebenzimmer, wo Bandkollege Steven Ansell mit dem Verschluss einer Wasserflasche kämpft. „Ich kann gerade nicht“, ruft er leicht genervt und so muss die schüchterne Frontfrau alleine weitermachen. „Bevor ’Box Of Secrets’ erschien, hatten wir bereits mehrere Singles und EPs veröffentlicht und die mussten nur noch zu einem Album zusammengefügt werden. Das war’s.“ Die Aufnahmen zur zweiten Platte ’Fire Like This’ seien ganz anders gewesen, weil man zwischen Herbst 2008 und Sommer 2009 mehrere Monate im Studio an allen Songs zugleich arbeitete und ein unerwartetes Mammutprojekt daraus entstand - womit Laura immer noch Probleme hat, denn „diesmal gab es keine Vorab-Singles, alle Stücke

entstanden zeitgleich, und das war verdammt ungewohnt.“ Nach all den positiven Kritiken für das Debüt der Blood Red Shoes baute sich in den Köpfen der beiden Macher ein massiver Druck auf, den sie nur schwer ignorieren konnten. „Man darf die Kritiken einfach nicht lesen, denn sonst stehst du plötzlich da

David Lynch soweit das Auge reicht Nicht nur im Filmbusiness gilt David Lynch als wegweisend, auch in Musikerkreisen ist der Kult-Regisseur als Kollaborateur bekannt: So arbeitete er bereits mit Nine Inch Nails, David Bowie oder Dangermouse zusammen und beeinflusste aktuell die Blood Red Shoes. Drummer Steven Ansell erklärt warum: „Es gibt eine Folge seiner Fernsehserie ’Twin Peaks’, in der eine ältere Frau zur Hauptdarstellerin Laura Palmer sagt: ’A fire like this is very hard to put out.’ Ich finde den Satz so toll, dass ich einen Teil davon für unseren Albumtitel ’Fire Like This’ übernahm.“

und denkst: Okay, das mochten die Leute beim ersten Werk besonders, also keine Experimente. Doch andererseits will man Neues ausprobieren, sonst klingt ja alles gleich.“ Und so verzichtet ’Fire Like This’ auf unnötigen Schnickschnack und versucht vielmehr die Homogenität zu schaffen, die mit dem Erstling nicht möglich war. Der Indie-Rock ist geblieben, wurde aber mit Prog-Elementen angereichert. „Am Ende bin ich sehr zufrieden mit der Mischung“, sagt Laura und lacht befreit, während Kollege Steven mit nassem T-Shirt im Flur umher läuft und trockene Handtücher sucht. Ein Bild, wie es symbolischer kaum sein könnte: So hektisch und nervös der eine Part der Blood Red Shoes, so ruhig und gelassen sein Gegenüber. Wie gut, dass sich hier niemand vom Hype komplett verunsichern ließ und ’Fire Like This’ genau da ansetzt, wo das Debüt aufhörte. Sorgenfalten überflüssig, beim zweiten Anlauf der Blood Red Shoes mit ihrem ersten richtigen Album. Text: Marcus Willfroth Foto: Birte Filmer Heimat: bloodredshoes.co.uk

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SPEED DATING

Suchen: Ehemalige Orchestermitarbeiter, die ihnen neue Instrumente leasen. Der erste Eindruck: Ist auf der einen Seite skandinavisch zurückhaltend, auf der anderen pompös. Ob Blas- oder Streichinstrumente, die Dänen finden für alles Verwendung, solange das Ergebnis sphärisch ist. Darin bin ich eigen: ElektroPop mal anders: Nicht die angeschwipste Stimmung auf dem brennenden Clubboden steht hier im Vordergrund, sondern eine unbestimmte Sehnsucht, die Suche nach dem Selbst, eine tiefe, kreative Melancholie... So was eben. Hochzeit oder kurze Affäre: Weder noch: Ihr kennt doch diese Typen, die immer ein bisschen zurückhaltender als andere sind, sich ein bisschen geheimnisvoller geben und bis ihr überhaupt gemerkt habt, dass sie auf euch stehen, seid ihr über alle Berge. Heimat: myspace.com/efterklang Aktuelles Album: Magic Chairs

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Hadouken!

THE SOUNDS Efterklang

SPEED DATING

Suchen: Die Fans, die auch ein Jahr nach der Erstveröffentlichung von „Crossing The Rubicon“ noch genug Zeit, Geld, Lust und Sammlerwahn besitzen, um sich das Hitalbum auch in der deutschen Fertigversion zu besorgen. Der erste Eindruck: Ist schon lange verblasst. Mittlerweile hat man nur doch die sichere Gewissheit, dass die Sounds die beste Band der Welt aus Malmö sind. Das werden die Schwiegereltern sagen: Gut gemacht! Einen schöneren Partner hättest du dir nicht aussuchen können, mein Kleiner/meine Kleine. Und nett, intelligent und kreativ ist dein Neuer/deine Neue auch! Wenn er/sie doch nur öfter zu Hause wäre?! Vielleicht würdest du dann endlich mal ausziehen… Hochzeit oder kurze Affäre: Wer so begehrt ist wie die Mitglieder der Sounds, wohnt wahrscheinlich im Haus der Polygamen. Das steht übrigens auf Paradise Island.

Suchen: „Hyper, Hyper“-DancePunks, die auch die Großraumdisco nicht fürchten. Der erste Eindruck: Das ist so wie bei einem Anmachspruch direkt auf die Zwölf, und zwar von einem attraktiven Aufschneider: Irgendwie viel zu hohl und offensichtlich, aber man hört es trotzdem gern. Darin bin ich eigen: Auch wenn ihr es nicht wollt, wippt ihr zwanghaft mit den Füßen. Hochzeit oder kurze Affäre: Lass mal. Wie war das gleich mit dem Aufschneider? Heimat: myspace.com/hadouken Aktuelles Album: “For The Masses“

Heimat: the-sounds.com, Aktuelles Album: „Crossing The Rubicon“

The Brian Jonestown Massacre Suchen: Nach Menschen, die die Musik als solche wirklich ernst nehmen und auch bei psychedelischem Rock keine tauben Zehen kriegen. Der erste Eindruck: Mucker durch und durch. Das werden die Schwiegereltern sagen: Immerhin hat der alte Sack schon was erreicht. Seit der Gründung Anfang der Neunziger haben sich eine ganze Menge Platten angesammelt. Hochzeit oder kurze Affäre: Sänger Anton Newcombe hegt eine Faszination für berühmte Massenmörder, hat eine turbulente Drogenvergangenheit und die Mitglieder in seiner Kapelle haben gewechselt wie Elizabeth Taylors Ehemänner. So, und jetzt beantwortet euch die Frage mal selbst. Heimat: myspace.com/brianjonestownmassacre Aktuelles Album: “Who Killed Sgt Pepper?”


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Black Rebel Motorcycle Club Der Teufel trägt Kutte

Wer sich von dem trocken-düsteren Indie-Rock-Trio aus San Francisco eine spürbare Rückbesinnung zu den eigenen Wurzeln erhofft hat, bekommt vom Black Rebel Motorcycle Club eine leckere Pille verabreicht: ‘Beat The Devil’s Tattoo’ parkt in der Soundgarage direkt neben den frühen Werken der Band, markiert aber dennoch einen Neuanfang. ‘Beat The Devil’s Tattoo‘ ist das erste Album, bei dem Leah Shapiro auf dem Schlagzeughocker saß. Der Wechsel wurde irgendwann notwendig, nachdem Nick Jago, der lange als der B.R.M.C.Drummer schlechthin betrachtet wurde, immer weniger Interesse an seiner Hauptband zeigte und sich zunehmend seiner eigenen Musik widmete. Als sich Nick nicht für die Teilnahme an der bevorstehenden Europatour verpflichten wollte (oder konnte), standen B.R.M.C-Gitarrist/Bassist Rob Levon Been und Gitarrist/Sänger Pete Hayes vor der Wahl, die Reise abzusagen oder es mit jemand anderem zu probieren. Sie luden also Leah ein, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte, als sie einst mit ihrer Band Dead Combo ein Konzert für B.R.M.C. eröffnete. „Ich war skeptisch, ob sie sich in der kurzen Zeit die Songs draufschaffen könnte“, erinnert sich Pete, „aber sie hat uns voll überzeugt.“ Nach bestandener Live-Feuerprobe hieß es bald: Willkommen im Club. Auch die gemeinsame Arbeit an neuen Stücken klappte hervorragend, so dass sich die alten und das neue Mitglied des Motorclubs für drei Wochen im Studio einschlossen und die Songs in Eigenregie aufnahmen. Der unpolierte Lo-Fi-Charakter war dabei voll gewollt: „Rock‘n’Roll soll schließlich nicht nett klingen, sondern unfreundlich und dreckig.“ Dass Rob und Peter nun mit einer Dame sowohl Studio, Bus als auch Bühne teilen, bedeutet für die bei-

Willkommen im Club: Leah Shapiro (Mitte)

den Herren aber keine große Umstellung: „Ob Mann oder Frau ist letztlich egal“, glaubt Pete. „Leah ist einfach eine coole Person, und das ist das wichtigste, wenn man zusammen in einer Band spielt.“ Und auch gentlemanhafte Zurückhaltung scheint nicht nötig zu sein: „Im Gegenteil“, lacht Rob: „Ihre Sprüche bringen uns oft zum Erröten!“ Und die sympathische Leah bestätigt:„Ich bin versauter als die beiden zusammen.

Du darfst nicht vergessen, dass ich schon lange in Bands spiele. Mich kann nichts mehr schocken.“ Text: Robert Goldbach Heimat: blackrebelmotorcycleclub.com

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Kashmir

Geschichten aus der Einsamkeit

Wenn eine Band seit fast 20 Jahren besteht, muss sie aufpassen, dass sie sich nicht immer nur auf sicherem Eis bewegt. Hendrik Lindstrand, Keyboarder der dänischen Band Kashmir, kennt die Versuchung, sich der Sicherheit und dem damit garantierten Erfolg zu ergeben, nur zu gut: „Durch die langen Pausen zwischen den Alben gelingt es uns immer wieder, jedem einen eigenen Fingerabdruck zu geben. Jede Platte hat eine neue Anmutung. Wir wollen nicht den einfachen Weg gehen, von dem wir wissen, dass er funktioniert.“ Seit der Gründung im Jahr 1991 nähern sich die vier Skandinavier immer wieder langsam und bedacht einem neuen Kapitel in ihrer Bandgeschichte, dazwischen nehmen sie bewusst Pausen - voneinander und von ihrer gemeinsamen Musik. In dieser Zeit widmen sie sich anderen Dingen wie Kunst oder Poesie. So finden sie Inspiration und erhalten ihre Leidenschaft für die gemeinsame Band.

Bevor sich Kashmir für die Arbeiten an ihrem neuen Album ‘Trespassers‘ trafen, wagte Frontmann und Songwriter Kasper Eistrup ein für ihn besonderes Experiment: alleine Zeit verbringen, im Nirgendwo. „Es war eine völlig neue Erfahrung. Ich habe mir in Schweden eine kleine Hütte gemietet, tief im Wald.“ Weit weg von der Großstadt verbrachte er zehn Tage, umgeben von Natur, seiner Kunst und seiner Musik. Danach führte ihn seine Reise nach Spanien, in ein kleines Dorf an der Küste. Die Erfahrungen, Emotionen und Gefühle dieser Zeit gaben ihm die Inspiration für die Texte aus ‘Trespassers‘. Zurück in Kopenhagen strickte er dann mit seinen drei Bandkollegen das passende Gewand für seine Worte. Was sind schon fünf Jahre gegen einen neuen genetischen Fingerabdruck? Text: Kati Weilhammer Heimat: kashmir.dk


The Knife

Hallo Hochkultur Nach einigen Jahren in der Gunst der Kritiker ließen sich die schwedischen Dance-Theoretiker von The Knife zu einem Stück Konzeptkunst verführen. ‘Tomorrow, In A Year‘ ist der Soundtrack zu einem Theaterstück über Charles Darwin, das genau dann beeindruckt, wenn es gerade im Fluss ist. Also immer. Aber machen das auch die Hörer mit? Olof Dreijer ist ein gefragter Mann heutzutage. Schließlich ist er nach wie vor die eine Hälfte von The Knife, dem Elektro-Duo, dessen Flirt mit der Avantgarde gerade in die heiße Phase geht. Vor einem Jahr war es noch seine Schwester und Kollegin Karin Dreijer Andersson, die mit ihrem Nebenprojekt Fever Ray den Fans die Köpfe verdrehte und die Aufmerksamkeit beanspruchte, nun ist der Mann mit der sanften Stimme selbst in Erklärungsnot. “Man ist an uns herangetreten mit dem Auftrag, für ein Theaterstück zu komponieren, das von der Evolution der Arten handelt, ja.” Olof macht den Eindruck, als hätte er erstens schon zuviel gesagt und wäre zweitens jedesmal ein williger Handlanger, sobald jemand mit einer ausreichend verrückten Idee daherkommt. Aber weit gefehlt. “Es war das erste Mal, dass jemand so etwas von uns verlangte, und wir mochten die Herausforderung.” Olof berichtet davon, wie sich seine Schwester und er mit dem Ehrgeiz beflissener Studenten in die Materie gestürzt haben, um der ambitionierten Aufgabe nur ja gerecht zu werden. Nicht nur EIN Buch über Darwin musste es sein, sondern gleich ein halbes Dutzend, plus das Tagebuch des Meisters. Besonders erstaunlich fand Dreijer bei der Gelegenheit, “dass Darwin so gar nichts von dem hatte, womit man seinen Namen heute oft in Verbindung bringt. Also mit Sozialdarwinismus zum Beispiel. Seine Lehre basierte im Gegenteil auf einer sehr symbiotischen Harmonie, die die Natur als etwas eher Kooperatives darstellt”. Nicht, dass man das ‘Tomorrow In A Year‘ anhören könnte. Das Album erstreckt sich über zwei CDs und insgesamt 16 Stücke, die die komplette Evolutionsgeschichte akustisch nachzuahmen versuchen und dabei auf besonders entlegene und gewöhnungsbedürftige Klänge setzen. Vom Pantoffeltierchen bis zum aufrechten Gang sind es vielleicht nur 70 Minuten, aber die zurückgelegte Strecke fühlt sich durchaus wie eine halbe Eiszeit an. Dafür sorgen neben den sparsamen Stegreif-Vocals auch die experimentellen Sound-Arrangements, die ziemlich nonchalant mit praktisch herkömmlichen Songstrukturen brechen. Laut Olof volle Absicht. “Wer sagt denn, dass eine Melodie auf traditionelle Art eingängig sein muss, um als schön wahr genommen zu werden? Ich glaube, vieles von dem, was wir als angenehm empfinden, bedient nur eine gewisse Nostalgie in uns, die schon mal Gehörtes in Erinnerung ruft.” Mit der musikalischen Dekonstruktion dieses Befundes haben sich The Knife jedenfalls ein Ziel gesetzt, bei dem Genie und Wahnsinn näher zusammenliegen als jemals zuvor in ihrer Karriere. Aber das hat man über Charles Darwin ja schließlich auch gesagt. Text: Michael Haacken

Heimat: theknife.net


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Stockholm hat sie wieder. Nach sechsmonatiger Pause und Aufnahmen in den USA sind die Shout Out Louds für ihre dritten Platte ’Work’ in ihre Heimat zurückgekehrt. Das Album hat sie gelehrt, dass man seine Arbeit erst dann richtig zu schätzen lernt, wenn man sich zuvor mal Ruhe gönnt. Aus diesem Grund lassen wir heute die Stifte fallen und feiern die Freizeit. Wir haben die Band einen Tag lang an ihre Lieblingsorte in Stockholm begleitet. An diesem Montagmittag erscheint das schneeüberzogene Stockholm wie die menschenleerste Großstadt der Welt. Die Einzigen, die uns auf dem Fußmarsch Richtung Norrmalm entgegen schlittern, sind Rentner und deutsche Touristen in beigefarbenen Outdoorjacken. Nahe am Hafen, wo im Sommer die Fähren zu den Sehenswürdigkeiten ablegen, biegen wir in eine kleine, dunkle Straße ein. Hier liegt das Hotel, in dessen Keller sich der Proberaum der Kapelle befindet. Langsam aber sicher gilt es für die Band, in Tourform zu kommen, schließlich warten schon bald die obligatorischen Konzertreisen rund um den Globus auf sie. Vor einiger Zeit hätte den völlig tourmüden Freunden allein die Vorstellung von einem Alltag zwischen Bus und Bühne unweigerlich die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Nach einer halbjährigen Verschnaufpause und der Arbeit an ihrem neuen Album haben sie nun aber zu alter mentaler Stärke und ihrem Enthusiasmus für die Band zurückgefunden. Heute macht das Indie-Quintett allerdings schon früh Feierabend. Wir treffen die Shout Out Louds in einem Restaurant neben ihrem Banddomizil. Alle fünf sitzen in familiärer Vertrautheit beisammen. Keyboarderin Bebban stochert in einem kleinen Aluminiumtopf mit Meeresfrüchten herum. Sänger Adam bestellt eine Portion Pommes. Bassist Ted und Drummer Eric sind in ein Gespräch vertieft und Gitarrist Carl blickt kauend in die Runde. Gemeinsam strahlen die Shout Out Louds eine Harmonie aus, um die sie jeder Yogastammtisch beneiden würde. Sie kennen sich seit Jugendtagen. Vor neun Jahren überredet Bassist Ted Malmros - der Jüngste der Truppe - seinen Freund Adam Olenius, alle theoretischen Überlegungen und Träume endlich in die Tat umzusetzen und eine Band zu gründen. Im Jahre 2003 veröffentlichen sie gemeinsam mit Carl von Arbin, Bebban Stenborg und Eric Edman zunächst in Skandinavien und 2005 auch hierzulan-

de ihr Albumdebüt ’Howl Howl Gaff Gaff’. Dieses avanciert mit seinen charmanten, frischen Pop-Melodien und Hits wie ’The Comeback’ und ’Please, Please, Please’ zum Platte gewordenen Traum eines jeden Indie-Jüngers. Und die Begeisterung hält an. Als 2007 mit ’Our Ill Wills’ der Nachfolger erscheint, hätte man die meisten jungen Clubbesucher schon mit roher Gewalt an ihren Röhrenjeans von der Tanzfläche schleifen müssen, wenn Singles wie ’Tonight I Have To Leave It’ aus den Lautsprechern schallten. Und diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt zu alt (und nicht mehr schlank genug) für enge Hosen sind, fühlen sich bei der Kombination aus süßlich-leichten Melodien und herzzerreißendmelancholischen Themen plötzlich mit einem wohligen Kribbeln im Bauch an ihre alten The CurePlatten oder The Velvet Underground erinnert. Die Shout Out Louds spielen sich mit ihrer Mischung aus Frohsinn und Ernsthaftigkeit gleichermaßen in die Herzen derer, die nur die melodiöse Klangfassade der Hits zu schätzen wussten sowie jener, die durch Sänger Adam einen Phantomschmerz des enttäuschten Liebhabers spüren wollten. Doch plötzlich wurde es still um die Kapelle...

Nach dem Mittagessen begleiten wir Carl und Eric zum Hagapark, einem Erholungsgebiet am Rand der Stadt. Am Wochenende zwängen sich hier unzählige Großstädter in ihre Schlittschuhe und auf die romantische Natureisfläche. Heute sind wir die einzigen Besucher vor der verschneiten Seekulisse. Die Jungs schnallen sich ihre Langlaufkufen unter die Sohlen und hängen sich vorsorglich ein Paar in rote Plastikröhrchen verpackte Eispickel um den Hal, denn „die sollte man immer bei sich haben, um sich aus dem Wasser zu ziehen, falls man mal einbrechen sollte“, erklärt Carl, während er vorfreudig mit den Kufen scharrt. Schlittschuhlanglauf ist


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neben dem Radfahren sein liebstes sportliches Hobby. Schon zu Schulzeiten haben Eric und er immer „Hockey-Bockey“, eine kindgerechte Abwandlung von Eishockey gespielt. Eine Geschichte, die wir uns in unseren Astrid Lindgren-geprägten Fantasien nicht hübscher hätten ausmalen können. Carl ist einer der zugänglichsten unter den Bandkollegen und hat von Mutter Natur einen guten Sinn für Humor mitbekommen. Sein verschmitztes Lächeln lässt ihn jungenhafter wirken, als er ohnehin schon aussieht. Dabei hat er die 30 bereits geknackt und mittlerweile sein Studium als Grafikdesigner abgeschlossen. Bevor sich alle Bandmitglieder im letzten März wieder auf ihr musikalisches Weiterkommen konzentrierten, gönnte sich jeder einzelne von ihnen ganz bewusst eine sechsmonatige Auszeit, um am eigenen bürgerlichen Lebenslauf zu feilen. Eric nutzte die Zeit, um endlich sein BWL-Studium zu beenden, während Kollege Ted verstärkt als Regisseur arbeitete. Sein Zweittalent bringt er aber auch weiterhin bei den Shout Out Louds mit ein. So wie sich Carl um das Artwork der Platte kümmert und Eric (eigentlich) bei Business-Fragen helfen soll, zeigt sich Ted für die Videos der Band verantwortlich. Sein jüngster Streich ist der Clip zur zweiten Single ’Fall Hard’. Hier absolviert die Kapelle leicht deplatziert einen Auftritt in einer imaginären belgischen Talkshow. Trotz der pfiffigen Idee und Umsetzung sticht besonders eines im Video hervor: Sänger Adams sorgenvoll suchender Gesichtsausdruck. Ein perfekt trauriger Augenaufschlag, der den fröhlichen Sound des Songs kontrastiert. Während sich seine Bandkollegen in den freien Monaten eher praktischen Dingen zugewandt haben, hat Adam sechs Monate bei seiner Freundin in Melbourne verbracht und sich dort ausgiebig seinen Gefühlen widmen können. Ein Blick in seine dunklen, melancholischen Augen verrät: Adam Olenius ist ein emotionaler Grubenarbeiter - deshalb schreibt er auch die Texte. Seine Reise scheint ihm gut getan zu haben. Irgendwann machte er erste neue Songentwürfe, mit denen er den stillgelegten BandMechanismus wieder in Gang setzen sollte. Kollegin Bebban verbrachte ihre freie Zeit ebenfalls fernab der Heimat, bei ihrem Liebsten in den USA. Dort engagierte sie sich als freiwillige Helferin im Endspurt der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Im März 2009 hatte sie Stockholm endlich alle wieder. Die Arbeit an ’Work’ konnte beginnen...

Saluhall, Östermalm. Eine recht noble Adresse, um Lebensmittel einzukaufen. Bebban und Ted führen uns durch die Markthalle vorbei an Pâtisserie, frischem Biogemüse, Hummer und Fisch, Gewürzen und was Teds Herz sonst noch so begehrt. Er gilt als exzellenter Koch und betrachtet den Alptraum jeder Hausfrau als netten Freizeitspaß. Kollegin Bebban ist zwar „offiziell“ nur Backgroundstimme der Kapelle, gibt sich in Interviews aber am auskunftsfreudigsten. Entgegen aller möglichen Vorurteile präsentiert sie sich überhaupt nicht als fragile Band-Prinzessin, sondern ist cool, smart und witzig. Zu ihrer Musikkarriere kam sie wie die Jungfrau zum Kind. Inwieweit hast du deine Träume und Ziele von vor zehn Jahren verwirklichen können? Bebban: Ich bin musikalisch nicht so gut sozialisiert wie Adam. Meine Familie ist berüchtigt dafür, keinen Musikgeschmack zu haben. Vor der Band, mit Anfang 20, habe ich mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten. Ich hatte viele Ideen, aber keinen konkreten Plan. Doch ich wusste immer, dass ich mal bei Letterman auftreten würde. Auf „Our Ill Wills“ hast du den Song „Blue Headlights“ geschrieben und gesungen. Dieses Mal singst du keinen Song komplett alleine. Bebban: An „Blue Headlights“ hatte auch Carl großen Anteil. Bei uns ist das Songschreiben eher eine Gruppenarbeit. Diesmal habe ich kein Stück mit eingebracht, weil ich es GEHASST habe, live damit aufzutreten und kein weiteres Lied mehr singen wollte. Ich bin kein Mittelpunktsmensch. Außerdem kam ich mir immer störend vor. Adams Stimme ist ein elementarer Teil unseres Sounds und dann trete ich plötzlich mitten im Set mit einer Ballade nach vorn. Das war so typisch Mädchen: „Hallo, jetzt komme ich, wo ist mein kleines süßes Liebeslied?“ So bin ich nicht! Nervt es manchmal, das einzige Mädchen in der Band zu sein? Bebban: Ich bin nicht immer glücklich damit, ein Mädchen zu sein. Wenn die Leute eine Rezension über die Platte schreiben, geht es immer irgendwann darum, wie ich aussehe. Oder Konzertkritiker beschweren sich darüber, dass ich bei der Show nicht gelächelt habe. Hallo? Ich stehe nicht zum Grinsen auf der Bühne! Die anderen lachen auch nicht. So

Skåne- Gondolen gatan

war das von Anfang an. Ich schätze, das alles ist nicht böse gemeint, sondern spiegelt einfach nur wider, wie unterschiedlich Männer und Frauen nach wie vor in unserer Gesellschaft behandelt werden. In welcher Hinsicht seid ihr toleranter geworden? Bebban: Früher haben wir uns immer gescheut, Radiosender beispielsweise mit „Hi, wir sind die Shout Out Louds, ihr hört ...“, vorzustellen, weil uns das zu blöd war. Irgendwann haben wir unsere Eitelkeit abgelegt, was im Endeffekt ja bedeuten würde, dass wir weniger oberflächlich geworden sind. Auf dem neuen Album finden sich nicht mehr so viele Streicher und Percussion-Elemente wie auf „Our Ill Wills“. Hast du dich bei den Aufnahmen nackt gefühlt? Bebban: Nein! Niemand hat das. Das Durchfegen war für alle eine Erleichterung!

„Gondolen“, Södermalm, 21.00 Uhr. Wir sammeln Adam in einem großräumigen Restaurant ein, von dem aus man die gesamte Stadt überblicken kann. Das Publikum hier gleicht nicht den Indie-Kids, die


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Haga Park

Saluhall

er jeden Abend in den ersten Konzertreihen zu sehen bekommt. Eher deren Eltern. Doch neben dem grandiosen Ausblick gibt es süffige Cocktails, um auf das neue Album anzustoßen. ’Work’ ist im Vergleich zu ’Our Ill Wills’ eine ungemein aufgeräumte Rock-Platte geworden. Bewusst haben die Shout Out Louds die Streichinstrumente, Percussion-Exzesse und Glockenspiele ausgespart, die den Vorgänger einst berühmt gemacht haben. Es wurden keine zahllosen Soundschichten mehr übereinander gestapelt. Während auf ’Our Ill Wills’ jede noch so kleine Lücke mit zusätzlichen Klängen abgedichtet und verniedlicht wurde, konzentriert sich das neue Album - ähnlich wie bei einem Live-Auftritt - auf das Wesentliche. Alles in allem wirken die Songs nicht mehr so angestrengt verspielt wie auf ’Our Ill Wills’. Vor einigen Wochen hat das Quintett die neue Platte mit der Single ’Walls’ vorgestellt - dem absoluten Prunkstück des Albums. In Stimmung und Sound schafft sich der Song eine komplexer angelegte Velvet Underground-Referenz und entfernt sich dabei vom lieblichen schwedischen Indie-Pop. Das Stück beginnt sparsam instrumentiert

und entwickelt sich zu einem perfekt arrangierten Klanggebilde heran. Eine Bandarbeit, in der jedes Rädchen seinen passenden Platz gefunden hat. Zwar kulminiert die Platte mit diesem Track, doch anders als noch bei ’Our Ill Wills’, das in der zweiten Hälfte deutlich an Fahrt verlor, ist ’Work’ eine homogene Einheit geworden. Ein entscheidender Grund für die klanglichen Veränderungen ist wohl auch der Entstehungsort der Platte. Während sich die Shout Out Louds bei ’Our Ill Wills’ noch zu Hause in Stockholm durch Björn Yttlings (Peter, Bjorn And John) musikalische Spielzeugkiste klimpern durften, haben sie mit ’Work’ erstmals ein Album außerhalb der Heimat aufgenommen. In Seattle mussten sie nicht nur mit einem größeren Zeitdruck, sondern auch dem Perfektionismus ihres Produzenten Phil Ek (The Shins, Fleet Foxes) umgehen lernen. Und so hat sich Adam, wie er sagt, spätestens wenn er eine Passage während der Aufnahmen zum 25. Mal wiederholen musste, dort manches Mal wie ein lausiger Amateur gefühlt.

Nach unserem kurzen Zwischenstopp im „Gondolen“ führt uns Adam weiter durch die mittlerweile wie ausgestorben wirkende nächtliche Stadt in Richtung Skånegatan. Diese Straße im südlichen Södermalm bezeichnet der studierte Grafikdesigner auch als „Pop-Street“. Hier, wo sich Plattenläden und Bars aneinander reihen, trifft er für gewöhnlich alle zehn Meter jemanden, der auch mit dem Musikbusiness verbandelt ist. Wir setzen uns in eine kleine Bar namens Snotty. An den Wänden hängen - natürlich - zahlreiche Fotos aus längst vergangenen Zeiten, etwa als Ian Brown noch gut oder David Bowie wie ein feister Typ aussah, den die Damenwelt chronisch verschmäht haben muss. Adam ist hier wie viele seiner Künstlerfreunde Stammgast. Als Sohn eines Arztes - der dem kleinen Adam einst die Musik von Led Zeppelin, Queen und den Motown-Platten näher brachte - und einer Krankenschwester, hätte er sich angeblich auch vorstellen können, eine medizinische Laufbahn einzuschlagen. Doch wäre das klug gewesen? Ein Krankenhaus ist kein Ort für die überbordende Sensibilität eines Künstlers. Adam scheint einer von diesen Grüblertypen zu sein, die sich permanent emotionalem Druck aussetzen und sich dann heimlich selbst darüber ärgern, dass sie einfach

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nicht entspannen können. Wenn Adam eine Antwort gibt, kommt diese ruhig und überlegt und in 50% der Fälle so langsam, dass ihm Kollegin Bebban im Affekt dazwischengrätscht. Doch heute Abend hat er ja keine Verbalkonkurrenz, sondern ist ganz für sich alleine... Wieso ist die Melancholie die stärkste Antriebskraft des Künstlers? Adam: Melancholie lässt man erst richtig zu, wenn man allein ist. Wenn du dich isolierst, fallen dir leichter Worte ein, um deinen Zustand zu beschreiben, denn du willst ja das traurige Gefühl überwinden. Es ist nicht immer gut, alles mit seinen Freunden zu teilen. Manchmal hilft es, die Energie der Traurigkeit in einem anderen Kontext in etwas Schönes zu verwandeln. Inwieweit hast du deinen Job erst schätzen lernen müssen? Adam: Es hat zwei Alben lang gedauert, um anzukommen. Zunächst war es seltsam, die Band als Beruf zu betrachten. Es erschien uns so, als würden wir unser Geld mit Karaokespaß verdienen. Andere in unserem Alter haben mittlerweile echte Jobs und Kinder. Wir leben immer noch in diesem Paralleluniversum. Doch das gute Gefühl, das ich immer hatte, wurde bestätigt. Klar streiten wir uns auch heute bei den Proben, natürlich sind wir bei den Aufnahmen immer noch nervös. Nur jetzt fühlt es sich endlich so an, als hätten WIR die Kontrolle über das Ganze. Nach unserer Bandpause weiß ich den Job viel mehr zu schätzen und das versuche ich mir auch jeden Tag vorzubeten. Stößchen darauf. Adam schlürft sein letztes Bier und macht sich wie ein Eskimo verpackt auf den frostigen Heimweg. Er wirkt zufrieden - zumindest so zufrieden, wie ein chronischer Denker eben wirken kann. Stimmlich klingt er auf der neuen Platte jedenfalls weniger leidend als früher. Vermutlich sind er und seine Shout Out Louds tatsächlich endlich angekommen - vorerst zumindest. In dem Moment, in dem sie gemerkt haben, dass es auch ohne geht, wollten sie ihre Arbeit nicht mehr missen. Das ist wohl umgekehrte Psychologie. Text: Christine Stiller Bandfoto: Erik Weiss Heimat: shoutoutlouds.com


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PLATTEN/10 GEBOTE

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DIE 10 GEBOTE

Airbourne No Guts, No Glory.

(Roadrunner/Warner) Sie können noch so sehr beteuern, mit AC/DC nicht mehr als das Heimatland und die Liebe zum Rock gemein zu haben, es hilft nichts: Airbourne hören sich an wie AC/DC. Aber ehrlich gesagt - wer soll das schlecht finden? Die vier Jungspunde aus Warnambool klingen nämlich nicht nur so wie die Überband mit dem elektrisierenden Namen zu ihren besten Zeiten, sie können auch ähnlich gute Lieder schrei-ben. Auf ihrem zweiten Album „No Guts, No Glory“ sind so viele Hits, dass eine Hand nicht ausreicht, um sie aufzuzählen: „Born To Kill“, „No Way But The Hard Way“, „Raise The Flag“, „It Ain’t Over Till It’s Over“, „Chewin’ The Fat“ und so weiter und so fort - ein endloser Reigen arschtretender Rock’n’RollKnaller mit Mitsingfaktor und Hüftschwunggarantie. Text: Hans Vortisch

Frightened Rabbit The Winter Of Mixed Drinks

(FatCat/Rough Trade) Hach, das Häschen ist einen guten Monat zu früh dran, ehe seine Kollegen für ein verlängertes Wochenende die Weltherrschaft übernehmen - kein Wunder also, dass es sich erst mal mit ein paar Long Drinks ordentlich Mut ansäuft. Tausend Mal probiert, tausend Mal funktioniert, auch im Fall des nun schon dritten Albums der Indie-Kapelle Frightened Rabbit. Die Schotten haben ihre neuen Songs erneut auf den Seziertisch von Peter Katis gelegt, in dessen Tarquin Studios unter anderen die letzten Platten von The National zu Gold wurden. Herausgekommen sind elf zirpende, glitzernde, stürmische sonnenstrahlendurchtobte Hymnen, die bisweilen immer noch ein bisschen klingen wie eine unkompliziertere, entrümpelte Version von Arcade Fire und die nun wirklich, endlich, den Frühling bringen sollten. Text: Friedrich Reip

Alkaline Trio This Addiction

(Hassle/Soulfood) Das neue Alkaline Trio-Album handelt von Liebe. Und von Drogensucht. Laut Matt Skiba gibt es zwischen beidem nämlich keine großen Unterschiede - Heroin ist genauso wie eine Beziehung: Beflügelnd und euphorisierend zu Beginn, zerstörerisch und in den Wahnsinn treibend am Ende. Die Songs folgen derselben Grundidee: Leichtfüßig, eingängig, beschwingt und kickend beim ersten Kontakt - „This Addiction“, „Lead Posioning“ oder „Piss And Vinegar“ sind Hits, die man nicht erst kennen lernen muss um sie zu vergöttern. Gleichzeitig sind die Texte so verzweifelt und düster wie schon lange nicht mehr beim Trio. Pianos, Streicher und Bombast haben die drei diesmal bewusst weggelassen, sich auf die eigene Frühphase besonnen, die Stücke schnell und direkt eingespielt und den Ohrwurmfaktor zu neuen Höhen getrieben. Liebe auf den ersten Blick ist die Folge - und Abhängigkeit spätestens nach dem dritten Durchlauf. Text: Tito Wiesner

Gorillaz Plastic Beach

(EMI) Damon Albarn hat eine genaue Vorstellung der philosophisch oft bemühten Transzendenz. Nicht er sei hauptverantwortlich für die Songs seines Projekts Gorillaz, sondern vier wild gezeichnete Comicfiguren haben „Plastic Beach“ erschaffen, das dritte Album einer Band, die es nur im Zeichentrick zu sehen gibt. Durch und durch menschliche Gäste sind jedoch willkommen: Snoop Dogg, Mark E. Smith, Gruff Ryhs und der alte Zausel Lou Reed singen, schreien, rappen in den Songs was das Zeug hält. Musikalisch beackern die Gorillaz dabei so ziemlich alle Genres, die ihnen zur Verfügung stehen – HipHop, 2 Step, Pop, Rock und selbst die Klassik muss dran glauben. Ein Fiebertraum, irre, verrückt, out of space und doch absolut faszinierend. Albarns Comichelden zeigen uns, wo der Hammer hängt: Gottes Werk und Teufels Beitrag, nichts anderes ist „Plastic Beach“ geworden. Text: Marcus Willfroth

Dan Le Sac Vs. Scroobius Pip The Logic Of Chance

Die Sterne 24/7

Dukes Of Windsor It’s A War

I Walk The Line Language Of The Lost

Rocky Votolato True Devotion

Shout Out Louds Work

(Sunday Best/PIAS) Wenn Scroobius Pip „Hey“ sagt, sollen wir bekanntlich nicht „Ho“ sagen, aber auch auf „The Logic Of Chance“ macht es uns der Gute gemeinsam mit seinem Partner Dan Le Sac wieder schwer. So mitreißendes und ulkiges Liedgut, wie es die beiden HipHop-Anarchos aus Essex auf ihrem zweiten Album zusammenlöten, ist rar gesät im Land der Beats und Raps. Neben seinen unbestreitbaren Qualitäten als amüsanter Nörgler entpuppt sich Pip auf „The Logic Of Chance“ erneut als echter Lyriker, während Dan der Sack kongenial die kaputtesten Beats der nördlichen Hemisphäre aus allen erdenklichen Musik-Stilen zusammengerechnet hat. Trotz seiner aggressiven Nachdenklichkeit ist „The Logic Of Chance“ immer tanzbar und gerät so zu einem Manifest entzauberter Gegenkultur. Und auch wenn sich die Protagonisten wehren und zetern: Dan Le Sac und Scroobius Pip sind vielleicht nicht nur „Just A Band“. Text: Timo Richard

(Rookie/Cargo) „Surrender“, „Kill Your Friends“, „When The Roads Are Running Out“ - anhand der Songtitel ist schon vor dem Hören des vierten I Walk The Line-Albums offensichtlich, dass die Finnen wiedermal nichts von Lebensfreude und positiver Einstellung wissen wollen. Ihr düster-melancholischer Punkrock präsentiert sich allerdings leicht verändert - die Orgel tönte schon immer, so sehr nach unterkühltem, nebelverhangenen Achtziger-New-Wave klang die Band aber noch nie. Den Murder City Devils-Gedätchtnisorden müssen I Walk The Line somit abgeben, dafür bewegen sie sich jetzt in der eigens gezimmerten und schwarz gestrichenen Wave-Punk’n’Roll-Garage ohne jegliche Konkurrenz - bohren sich dank Songs wie „Sleepwalking“ oder dem Album-Opener aber auch weiterhin in die Gehörgänge. Deprimierend, aber auf mitreißende Art und Weise. Text: Tito Wiesner

(Materie/Rough Trade) In die Disco hat es sie verschlagen, Die Sterne. Und so präsentiert sich ihr erstes Studioalbum nach drei Jahren Pause als wilder Stil-Mix aus Elektro, Pop, Rock, kruden Samples und massiven Keyboardwänden. „24/7“, so der Titel, sorgte bereits vor Veröffentlichung für Diskussionen: Die Hamburger würden jetzt Techno machen und damit rigoros ihr Denkmal zerstören. Doch was Die Sterne hier veranstalten, ist nichts komplett Neues, keine 180 Grad-Drehung. Schon in den Neunzigern versuchte sich die Band um Sänger Frank Spilker an elektronischer Musik und setzte nicht allein auf Gitarre, Schlagzeug, Bass. Um diesen Ansatz bemüht, vermag „24/7“ den Puristen verwirren, doch selbst der wird beim Beatmonstrum „Convenience Shop“ heimlich mit den Füßen wippen - because your Disco needs you. Text: Marcus Willfroth

(Defiance/Cargo) Depressionen, Schreibblockade und sich mit Schlaflosigkeit abwechselnde Alpträume und ein aus lauter Verzweiflung angefangenes Studium der existenziellen Philosophie - das Leben von Rocky Votolato hätte in den letzten Monaten kaum unangenehmer sein können. Sein Leiden ist allerdings unser Glück. Votolatos Versuch, seine Dämonen auf musikalische Art und Weise zu bekämpfen, beschert uns sein bestes Soloalbum bisher. Er ist nicht mehr nur ein ehemaliger Punk mit Akustik-Gitarre, sondern Schöpfer ebenso zurückhaltender wie eindringlicher Indie-Kleinode. Vom unheimlich-hypnotischen „Eyes Like Static“ über das sich aus tiefer Trauer aufbäumende „Fragments“ bis zur Frank Turner-artigen Uptempo-Hymne „Red River“ ist das hier wohl das Intensivste, was der ehemalige WaxwingFrontmann je aufgenommen hat. Und ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie viel kreative Energie aus Verzweiflung entstehen kann.

(Motor/Edel) Im heimischen Australien haben Dukes Of Windsor mit „The Others“ und „Minus“ bereits zwei Longplayer erfolgreich veröffentlicht und damit Edelmetall sowie Chartplatzierungen geerntet. Nun ist good old Europe fällig, und leicht kann man sich den wuchtigen Songs des Quintetts nicht entziehen. Natürlich erinnert das alles an eine moderate und rockige Variante der ebenfalls australischen Presets - Dance-Rock aus Down Under eben. Über die Hitdichte des Albums kann man nur staunen, wirklich verwunderlich ist sie aber nicht. Schließlich haben die Dukes Of Windsor für alle Nicht-Australier mit „It’s A War“ einen übersichtlichen Abriss ihrer bisherigen Diskografie zusammengestellt und die Hits ihrer beiden bisherigen Platten zu einer fusioniert. Text: Britta Arent

(Universal) Es wäre ein leichtes gewesen, weiter zu rasseln und so aus kleinteiligen Songs großen Hits zu machen. Aber von wegen. Mit „Work“ überraschen die Shout Out Louds. Der fahrige und schrullige Sound ihrer ersten beiden Alben ist wie weggepustet. Entrümpelt und aufgeräumt klingen die Stockholmer nun und damit eindeutig ungewohnt. Der Opener „1999“ steigert sich stetig und auch die erste Single „Fall Hard“ muss erst warm laufen, doch „Walls“ ist der Brecher, der sich langsam aufbaut und schlussendlich mit voller Wucht entlädt. Er liefert den Beweis, dass die Band kein unnötiges Dekor mehr benötigt, denn auch die langsamen Stücke entfalten ohne Schmuck ihre volle Wirkung. Zudem beweisen „The Candle Burnt Out“ oder „Paper Moon“, dass der Richtungswechsel mit „Hard Rain“ vom Vorgänger „Our Ill Wills“ bereits eingeleitet wurde und eigentlich gar nicht so überraschend kam. Doch genau das ist. Bei genauem Hinhören sogar im positivsten Sinn. Text: Ina Göritz


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PLATTEN/OFFENBARUNG

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DIE OFFENBARUNG Broken Bells BROKEN BELLS (Columbia/Sony)

James Mercer und Brian Burton. The Shins und Danger Mouse. „Chutes Too Narrow“ und das „Grey Album“. Grammy-nominierter IndieFeingeist und preisgekrönter DJ-Hipster. Analogie und Digitalität. Pop-Kultur und Pop-Kultur. Dass darauf niemand früher gekommen ist! Die besten Kollaborationen sind so oft die nur auf den ersten Blick ungewöhnlichen. Und was The Shins-Sänger James Mercer und Gnarls BarkleyMastermind und Gorillaz-Produzent Brian Burton da als Broken Bells aufgenommen haben, ist mehr als nur eine neue Spielwiese beider. Es ist die endliche Verschmelzung zweier Genres, die in ihren Ursprüngen schon immer gleich waren,

in ihren Auswüchsen aber zwei Klientel bedienten, die sich in die Weichen und die Harten unterteilen lassen wollten. Aber wer braucht noch Schubladen, wenn Mercer in „Trap Doors“ leise und zu butterwarmen Beats „Gotta clip the lines and move for yourself“ ruft? Unnötig zu erwähnen, dass die beiden Umtriebigen von Orgel bis Tamburin sämtliche Instrumente selbst einspielten. Broken Bells, so heißt es weiter, sei kein zeitlich begrenztes Projekt, sondern eins mit Zukunft. Es passiert ja doch noch was in der Pop-Musik. Text: Fabian Soethof

1 hoffnungslos ** 2 egal ** 3 üben ** 4 bemüht ** 5 kann man machen ** 6 gut ** 7 vorn dabei ** 8 wichtig ** 9 grandios ** 10 klassiker Adolar Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre

(Unterm Durchschnitt/ Alive) Der Trend geht zum kryptisch verschlüsselten Songtitel. Adolar aus der Altmark (das wo in Sachsen-Anhalt liegt) schenken ihren Fans mit dem zweiten Album derer viele. Ein Beispiel: „Chaise Absurde“, ein Lied über den Blick aus dem Fenster. Ein anderes: „Mitnehmerrippe“, ein Lied über Einsamkeit und das, was davor war. Verpackt hat das schwarzhaarige Quartett seine Weltschmerz getränkten Hymnen aus unerwiderter Liebe, Fernweh oder Magdeburg in Gaffa-verschnürte We don‘t care-Pakete aus Punk, Post-Hardcore und Indie-Pop melancholischer Bauart. Da freut man sich doch, wenn der Briefträger klingelt. 6 Text: Flo Hayler

Alcoholic Faith Mission Let This Be The Last Night We Care

(Pony/Morr Music/Indigo) Ursprünglich tranken und musizierten Thorben Seierø Jensen und Sune Sølund alias Alcoholic Faith Mission zu zweit. Erst in einem Kopenhagener Schlafzimmer, später mit Unterstützung einiger Freunde in einem New Yorker Loft. Die Freunde sind inzwischen fester Bestandteil der Band und aus dem experimentierfreudigen LofiFolktronica des Debüts sind überwältigende Soundlandschaften aus Synths und Samples mit flirrenden Gitarren, Streichern, Posaune und mehrstimmigem Gesang geworden. Schon auf dem Vorgänger war die Nähe zu kanadischen Bandkollektiven wie Broken Social Scene oder The Most Serene Republic unüberhörbar, mit Album Nummer Drei präsentieren sie nun endgültig die skandinavische Referenz, in einer betont nordisch-düsteren Variante. Alles klingt sehnsüchtig, schwermütig und dank Kristine Permilds feenhafter Stimme vor allem eins: märchenhaft verwunschen und bezaubernd. 7 Text: Boris Mischke

Audrey Horne Audrey Horne

(Indie/Soulfood) Auf ihrem dritten Album beweisen die Norweger mit dem geschmackvollen Lynch-Liebhaber-Namen, dass Alternative-Rock längst nicht mehr ausreicht, um sich vom Metal-

Hintergrund der einzelnen Musiker und ihrer Stammbands (Enslaved, Sahg) noch weiter abzuheben. Wo der Vorgänger „Le Fol“ noch stärker Faith No More und Alice In Chains bemühte, gesellt sich nun noch eine pfundige Portion Classic-Rock dazu. Und der steht Audrey Horne äußerst gut zu Gesicht. Vor allem wenn er so gekonnt im kontemporären Kontext durch un-altbackene Song-Ansätze und Arrangements konterkariert wird. Ihr bestes Album soweit, und das ist bei den bisherigen Vorlagen schon eine gehörige Aus- beziehungsweise Ansage. 8 Text: Frank Thießies

Beach House Teen Dream

(Bella Union/Cooperative/Universal) Nach der stellenweise genialen Slowcore-Persiflage „Devotion“, veröffentlichen Beach House mit „Teen Dream“ ihren dritten Longpayer im fünften Bandjahr. An Kontinuität sonst sehr interessiert, verunsichern die neuen Songs jedoch: Was ist geschehen beim Duo aus Baltimore, Maryland? Plötzlich schöpfen Sängerin Victoria Legrand und Gitarrist Alex Scally Hoffnung, erinnern sich an die unbeschwerten Kindertage und dass das Leben nicht nur ein einziger Grauton ist. Musikalisch untermalt mit überraschend flottem PopAppeal ändert „Teen Dream“ die Marschrichtung von Beach House nicht komplett, zeigt aber, zu welch fulminanten Ausflügen dieses hochsensible Songwriter-Gespann fähig ist. Jetzt bitte keine Zeit verschwenden und sofort nachlegen. 7 Text: Marcus Willfroth

The Besnard Lakes The Besnard Lakes Are The Roaring Night

(Jagjaguwar/Cargo) Montreal gilt nun seit weit über einem Jahrzehnt als DIE Adresse für Post-Rock, Dream-Pop und allerlei andere obskure Genres. Erstaunlich ist, dass dort immer noch frische Alben entstehen: Der Hype um Bands wie Godspeed You! Black Emperor oder Arcade Fire scheint sogar die Kreativität zu beflügeln. The Besnard Lakes etwa sind ein um ein Ehepaar geschartes Kollektiv, das bestechend eigen klingt. Das in seiner Härte an Led Zeppelin gemahnende Schlagzeug dient als Boden, auf dem sich raumfüllende Klangflächen mit dominanten Gitarrenriffs duellieren. Man glaubt, sowohl den Größenwahn klassischer Siebziger-Rock-Bands, die zerstörten Klänge des Shoegaze als auch den Entdeckergeist früher Post-Rock-Platten herauszuhören und spätes-

tens nach dem zweiten Durchlauf starrt man ungläubig auf den Plattenspieler. Ein wirklich fantastisches Stück Musik! 7 Text: Volker Bernhard

Bloodlights Simple Pleasures

(Silversonic/H’Art) Captain Poon hat sich nach dem Ende von Gluecifer und dutzenden Live-Shows mit den Bloodlights zwar an seinen neuen Posten als singender Frontmanns gewöhnt, trotzdem ist „Simple Pleasures“ das Album eines Gitarristen geworden: Der norwegische Saitengott vernachlässigte bei all der in komplizierte Soli und Arrangements investierten Mühe offensichtlich die Arbeit an seiner Stimme, die zu wenig Volumen besitzt, um den Stücken den nötigen Druck zu verleihen. Die auf dem Debüt noch spürbare Experimentierfreude und der Mut der Band, auch mal das Hirn auszuknipsen und den einfachen Weg zu nehmen, ist auf „Simple Pleasures“ völlig abhanden gekommen. Dabei kommen die besten Songs doch meistens aus dem Bauch. 3 Text: Michael Harz

Black Rebel MOToRCYCle Club Beat The Devil’s Tattoo

(Abstract Dragon/Cooperative/Universal) Sie blicken zwar noch immer so düster, unscheinbar und distanziert in jede Kamera wie einst, aber irgendwie scheint beim Black Rebel Motorcycle Club aus San Francisco eine fast fröhliche Stimmung zu herrschen. Mit dem Neuzugang Leah Shapiro am Schlagzeug haben sich die B.R.M.C.-Masterminds Peter Hayes und Robert Levon Been eine angenehme Frischzellenkur verpasst, die sich auch in den Songs niederschlägt. Mit mehr Dynamik und spürbarer Experimentiertfreude komponierte der Club 13 neue Stücke, die bandeigene Trademarks wie Fuzz- und Blues-Gitarren genauso umgarnen wie diabolische Psychedelia und flirrende Slide-Gitarren. Das darf ruhig noch ein paar Alben so weitergehen. 6 Text: Michael Harz

Blood Red Shoes Fire Like This

(V2/Cooperative/Universal) Die Redewendung „auf Albumlänge“ ist vom Aussterben bedroht. Zu Zeiten von MP3-Downloads, Streams und minimalen Aufmerksamkeits-

spannen zwingt sich kaum noch jemand eine ganze Platte rein. Der Trend geht zur Supersingle. Mit ihrem zweiten Album wenden sich die Blood Red Shoes jedoch gegen diese Tendenz. „Fire Like This“ ist keine Single-Platte ähnlich dem Debütwerk „Box Of Secrets“ geworden, auf dem die Lücken zwischen den schillernden Hits mit eher mäßigem Song-Beiwerk ausgefüllt wurden. Mit der zweiten Platte strickt sich das englische Duo eine runde Sache zusammen - homogen, doch ohne den großen Ausreißer nach oben. Das ist nicht übel, aber nach dem Hit-Feuerwerk des Debüts auch irgendwie schon wieder unbefriedigend. Der Sound als solcher hat sich dabei nicht verändert. Nach wie vor pendeln die beiden kühn und eigenwillig zwischen Indie-Rock und Punk. 6 Text: Christine Stiller

The Blue Van Man Up

(Iceberg/Intergroove) Der kleine, blaue Bus, der für den Bandnamen Pate stand, befördert in der dänischen Heimat von The Blue Van normalerweise Patienten in die Psychiatrie. Statt in die Klapse schicken die Skandinavier den Hörer viel eher in die Vergangenheit, und das so konsequent wie kaum eine andere Band, die das Prädikat „Retro“ für sich in Anspruch nimmt. The Blue Van verehren ganz offensichtlich die Sechziger und Siebziger, den britischen Pop von Künstlern wie den Beatles oder den Kinks und den Glam von The Sweet. 13 Tracks lang rocken, orgeln und grooven sich die Dänen durch die goldenen Jahre der PopGeschichte, und das durchaus mit songschreiberischer Raffinesse und handwerklichem Können. Ob „Man Up“ so selbst zum Klassiker wird, ist allerdings fraglich. 6 Text: Steffi Erhardt

The Brian Jonestown Massacre Who Killed Sgt. Pepper?

(A Records/Cargo) Ein percussiongetriebener esoterischer Jam, schwerer Stoner-Rock, eine Party-Hymne basierend auf dem Schlachtruf britischer Hools, eine abstrakte sphärische Soundcollage und eine fluffige Manchester Rave-Nummer mit weiblichem Gesang - auf Isländisch. Und das waren erst die ersten fünf Lieder. So klingt es, wenn man wie Anton Newcombe sein eigener Herr ist und sich von keinen


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PLATTEN

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Konventionen beengen lässt: Feste Band? Stile? Verkaufserwartungen? Zeitgeist? Wozu Ziele ansteuern, wenn man selbst erst die Wege entdeckt? Das einzige Etikett, gegen das sich der verschrobene Freigeist nicht wehrt, heißt Psychedelic. Bewusstseinserweiternd. Das passt, auch zu diesem Album: geht es zu weit, siehst du’s zu eng. 7 Text: Robert Goldbach

Built To Spill There Is No Enemy

(ATP/Indigo) Es hat etwas ausnehmend Tröstliches, zu wissen, dass irgendwo dort draußen nach all der Zeit Built To Spill noch immer ihre Runden ziehen. Wenn die Alben, die sie dabei alle paar Jahre abwerfen, auch auf den ersten Blick etwas (und in diesem Falle sogar sehr) unspektakulär erscheinen, so gab es doch in den vergangenen 16 Jahren genügend Gelegenheit, zu lernen, dass der Schein trügt. Auch diesmal beginnen schon bald Melodien, sich aus der großen blauen Gitarrenwand herauszuschälen, die den Beatles oder Grandaddy näher sind als Dinosaur jr. und Modest Mouse. Kurz darauf bahnen sich die ersten dieser tollen stoisch-melancholischen Textfetzen von Doug Martsch den Weg ins Bewusstsein – tja, und beim dritten Mal hören ist die Platte dann „angekommen“. Kurz: „Good Ol’ Boredom“ ist zwar ein super Songtitel, wäre aber als Aufhänger für eine Bewertung eine Tiefstapelei, die ans Unverschämte heranreichte… 7 Text: Torsten Hempelt

C.Aarmé World Music

(Noisolution/Indigo) Diesen abgefuckten Haufen aus Schweden hatte man schon fast vergessen, dabei gab es 2007 sogar ein zweites Album, von dem man zumindest hierzulande wenig bis gar nichts mitbekommen hat. Nun starten C.Aarmé mit neuem Label im Rücken einen weiteren Anlauf. Kommerzielle Verwertbarkeit sucht man bei ihnen weiterhin vergebens, und Sänger Jessie Garon klingt, als wäre er auf Helium hängen geblieben. In den besten Momenten fühlt man sich dabei an die verblichenen McLusky erinnert, aber über weite Strecken hinterlassen die mechanischen Rhythmen einen etwas synthetischen Beigeschmack- So wirken C.Aarmé heute eine ganze Ecke harmloser als auf ihrem wunderbar rohen und kaputten Debütalbum. Dennoch bleibt das Gefühl, dass sie live auch mit dem neuen Material noch ordentlich Alarm machen werden. 5 Text: Marek Weber

Deadline Bring The House Down

(People Like You/EMI) Die Londoner Deadline sind inzwischen gut etabliert - mit ihren unermüdlichen Touren haben sie sich in Punk-Kreisen eine stetig wachsende Fangemeinde erspielt, die mit dem neusten, in-

zwischen fünften Album sicher wieder zufrieden sein wird. Wie immer dreht sich alles um Sängerin Liz Rose, deren melodische Stimme die Lieder völlig dominiert. Der zu Anfangszeiten noch ziemlich aggressive StreetPunk der Band ist über weite Strecken einem eingängigen Pop-Punk gewichen. Trotzdem knallen ihre schwer tätowierten Begleiter noch bei genügend Stücken ordentlich in die Saiten. Etwas lustlos erscheint die Entscheidung, ausgerechnet das sattsam bekannte „These Boots Are Made For Walking“ zu covern - letztlich passt es aber doch. Insgesamt fast zu schön. 6 Text: Hans Vortisch

Detroit7 Black And White

(Spark & Shine/Soulfood) Wenn es ums Musikmachen geht, legen japanische Bands auch oft eine gute Portion Wahnsinn an den Tag. Man denke an Merzbow oder Melt-Banana. Detroit7 gehen im Vergleich dazu fast konventionell zu Werke. Obwohl sie auch gehörig Krach schlagen, nehmen sie dafür eher den Weg durch die vollgeschwitzte, mit Verstärkern zugestopfte Garage. Unhörbar durchgeknallt wie bei manch anderem japanischen Kollegen wird es zwar nie, aber Atempausen werden auch nicht gemacht. Unterm Strich kommt damit ein sehr unterhaltsames GaragePunk-Album zutage, das fachmännisch vom Rage Aganist The Machine-Soundingenieur Stan Katayama abgemischt wurde. Bleibt zu hoffen, dass Detroit7 auch live wie die rockigen Geschwister von Guitar Wolf rüberkommen. Um mal das Bild von den verrückten Rock’n’RollJapanern weiter aufrecht zu erhalten. 8 Text: Tim Kegler

Drive-By Truckers The Big To Do

(Pias/Rough Trade) Schlechte Platten haben die Alternative-CountryRocker bislang noch nie gemacht - eher ausnahmslos exzellente. Und auch wenn sie seit dem Erscheinen ihres ambitionierten Über-Doppel-Albums „Southern Rock Opera“ 2001 gegen die eigene Opus Magnus-Messlatte ankämpfen müssen, scheint das achte Studioalbum nun endlich eine Art TeilErlösung zu versprechen. Denn so beherzt erdig wie eingängig haben die Truckers schon lange nicht mehr gerockt. Egal ob mit beherzten Neil Young plus Crazy Horse-Verweisen, frohlockenden Dan Baird-Bar-Nummern oder in den von Bassistin Shonna Tucker - wohlgemerkt ohne „r“- gesangsdominierten Country-Gefilden - für „The Big To Do“ gilt als oberster Punkt auf der aktuellen HörErledigungsliste: Große Ohren machen. 6 Text: Frank Thießies

SIEG AUF KURZER DISTANZ – DIE EP’s Eine liebevoll gefaltete 7“ + CD kommt von den Bremern The Town Of Machine. Verknotet aus den Vorgängerbands Jet Black und Mallorys Last Dance haben auch The Town Of Machine mit einem Gläschen Screamo und Hardcore gegurgelt, damit ihre Songs auch ordentlich Blut spucken. Verdünnt wird das Gemetzel mit Pathos und sehnsuchtstrunkenen Texten, was „The Town Of Machine“ (Unterm Durchschnitt) zu einem eindrucksvollen Minidebüt macht. Ihr Debüt auch auf Albumlänge bereits hinter sich haben die Berliner Radio Dead Ones, die ihrer Tradition von auf Vinyl gepressten Hymnen auch mit der neuen EP „Berlin City“ (XNO/Alive) treu bleiben. Sieben astreine Street-Punk-Songs umfasst dieser

kurzweilige Soundtrack zum Couchsurfen und Spiegelpogo, gesanglich unterstützt im Titeltrack von Mad Sin-Ikone Köfte. Wenn „Berlin City“ als Vorbote des neuen RDO-Albums herhalten darf, dann ist von den Jungs bald Großes zu erwarten. Mit einem ganzen Fass Vorschusslorbeeren überkippt, kann die „Summertime“-EP (Moshi Moshi/Universal) der Drums aus Kalifornien die Erwartungen tatsächlich erfüllen. Mit ihrem sonnigen Mix aus Surf, Pop und New-Wave sind die frisch nach Brooklyn übergesiedelten Exil-Floridaner die neuesten Lieblinge der It-Crowd. Nach ihren ersten und bereits restlos ausverkauften Live-Shows auf Europäischem Boden dürfte das Debütalbum der Drums wohl durch die Decke gehen. Mal sehen, ob sie trotzdem auf dem Boden bleiben. Text: Flo Hayler

Efterklang Magic Chair

(AD/Beggars/Indigo) Orchestrale Ausflüge in unendliche Weiten, Chöre, die sich in wahre Harmoniegewalt steigern können, kreativer Überfluss, der alle Wälle niederstürzt und durch nichts zu stoppen ist - genau das ist „Magic Chair“, das dritte Album der Kopenhagener Band Efterklang. So viel Magie und Sinnlichkeit hat man bisher von den Dänen nicht gehört. Ihre Arrangements von Geige, Trompete, Querflöte, Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang bilden eine wohlklingende Synthese aus Perfektion und ungeahnter Leichtigkeit. Efterklang setzen den einfältigen Jammerliedern von Bands wie Snow Patrol und Keane ein Ende. Da bleibt nur noch die Tracklist zu zitieren: „Scandinavien Love“. 8 Text: Kati Weilhammer

Fettes Brot Fettes Brot

(Fettes Brot/Indigo) Egal, ob Orange („Brot“) oder Blau („Fettes“) – das, was Fettes Brot hier abliefern, ist weit mehr als ein (nämlich zwei) normales (weil besonderes) LiveAlbum. Vor allem auch durch die elfköpfige Band, mit der die drei Hamburger jetzt auch schon ein paar Jahre unterwegs sind, haben die einzelnen Lieder eine ganz neue Gestalt angenommen. Da wird ordentlich gerockt, dann wiederum hat man das Gefühl, einen Ska-Klassiker vor sich zu haben, um sich im nächsten Moment mitten im Punkrock zu befinden, dann wieder wird es elektronisch - und gerappt wird natürlich auch. Über, unter und mittendrin von all dem ist es aber der Spiel- (auf) und Livespaß (vor der Bühne), den man hört. Beste Laune garantieren also Orange und Blau. 8 Text: Caroline Frey

Gavin Portland IV: Hand In Hand With Traitors, Back To Back With Whores

(We Deliver The Guts/Cargo) Wer meint, in Island gäbe es lediglich Schafe, Geysire, Björk und eine Menge Wasser ringsherum, der irrt. Gavin Portland beweisen mit ihrem Zweitwerk, dass die Ruhe des Eilands täuscht. Die Jungs haben sich modernem Post-Hardcore mit vielen Ecken und Kanten verschrieben und konnten bereits mit ihrem Debüt „III: Views Of Distant Towns“ begeistern. Energisch und druckvoll von hinten und mit teils wehleidigem Gekreische am Mikro versuchen die vier die Fans von Quicksand oder Fugazi in ihren Bann zu ziehen, was ihnen bisweilen recht gut gelingt. Auf jeden Fall ist „IV: Hand In Hand With Traitors, Back To Back With Whores“ eine gelungene Abwechslung zu Björk, Schafen und Geysiren. 6 Text: Kai Butterweck

Good Shoes No Hope, No Future

(Brille/PIAS/Rough Trade) Der Nachfolger eines gefeierten Debüts ist immer ein heikles Thema. Doch die Good Shoes hatten ihre Nerven im Griff. Obwohl die Band im Vorfeld der Aufnahmen auch noch den Ausstieg ihres Bassisten beklagen musste, lassen sie mit ihrem zweiten Album erneut die Herzen der Indie-Fans höher schlagen. Schon auf dem Debüt „Think Before You Speak“ haben die Good Shoes mit typisch britischem Indie-Pop geglänzt, der ohne Umwege direkt ins Tanzbein ging. Auf „No Hope No Future“ bleiben sie ihrer Taktik mit Singles wie „Under Control“ oder „The Way My Heart Beats“ treu. Und das, obwohl textlich die melancholische Stimmung

rund um die Tücken des Erwachsenwerdens im Vordergrund steht. Da fragt man sich, wo der Pessimismus herkommt, steht doch eindeutig fest: Wenn sie so weitermachen, gehört die Zukunft des Indie-Pop ganz klar ihnen! 7 Text: Saskia Steinbrecher

Hadouken! For The Masses

(ADA/Warner) Hadouken erleben seit 2007 einen rasanten Auftrieb. Ihre hochexplosive Mischung aus Breakbeats, Gameboy-Samples, Rave und einer gehörigen Portion Elektro machen sie zu Dance-Punks, die dem New-Rave von Meistern wie Klaxons, New Young Pony Club Konkurrenz machen. Die zehn clubgeschneiderten Nummern ihre zweiten Albums lassen kaum Zeit zum Atmen: Dunkel-visionär gibt „Rebirth“ das Tempo vor. „Turn The Lights Out“ macht es sich unweit des Prodigy-Klassikers „Smack My Bitch Up“ bequem und zuweilen übereifrig groovig findet das Album mit „House Is Falling Down“ den tanzwütigen Höhepunkt. Die Energieimpulse werden zum Ende hin nicht weniger, aber zurück bleibt trotz vollster Verausgabung: Leere. 6 Text: Samuel Stein

Holly Miranda The Magician’s Private Library

(XL/Beggars/Indigo) „Unclassifiable“ sagt das Musikprogramm zu Holly Mirandas Musik, wenn man sie über einen Computer abspielen will, und es stimmt tatsächlich, was den Stil angeht. Die Sängerin ist 27, sieht aus wie 15, und hat für ihr Debüt trotzdem schon mal den kompletten Garten umgegraben, den ansonsten Glücksproduzent Dave Sitek beackert. Der Tausendsassa aus Brooklyn steht immer noch für ein hyperaktives Soundgemisch aus Pop-Rock, Elektro-Bleeps und Trompetenterror, das an Kindergeburtstag bei reichen Leuten erinnert und gerne von säuseligen Frauenstimmen domptiert wird. Damit kann Holly dienen, wenn auch nicht unbedingt fesseln, denn ihre Elfenstimme schwebt eher unbeteiligt über dem Ganzen wie die Mücke über dem Kompost. Eine Privatbibliothek, die man eher durchblättert, als dass man auf Zaubersprüche stößt. 5 Text: Michael Haacken

The Intersphere Interspheres >< Atmospheres

(Songs Of The Century/ Soulfood) Wenn sich deutsche Bands an breitwandigem Alternative-Rock versuchen, klingt das wahlweise plump und anbiedernd - oder intellektuell verkopft. Der Spagat aus Anspruch und Massentauglichkeit, den US- und UK-Kapellen immer wieder erfolgreich vormachen, gelingt hingegen selten bis nie. The Intersphere sind da eine rühmliche Ausnahme. Mit Dredg, Incubus, Muse oder gar The Police sind die Vorbilder gut und geschmackvoll gewählt. Diese Mannheimer sind dem Proberaum jedenfalls deutlich entwachsen, die Auftritte bei Rock Am Ring in den letzten Jahren kamen nicht von ungefähr. Für den ganz großen Schritt fehlen allerdings noch die herausragenden Songs, die hängen bleiben, aber das kann ja noch kommen - bis dahin ist „Interspheres >< Atmospheres“ aber eine gute und geschmackvolle Wegzehrung. 6 Text: Tito Wiesner

Karnivool Sound Awake

(Sony) Heiteres Musikstilraten: glasklarer Gesang, vertrackte Rhythmen, bombastische Songstrukturen, komplexes Gitarrenspiel - was mag das sein? Klar, es geht um Progressive-Rock. Der alte Zombie regt seit einiger Zeit wieder die Glieder und findet immer öfter neue Anhänger.


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Karnivool aus Australien sind ein gutes Beispiel dafür, wie Prog-Rock im Jahr 2010 klingt. Was Yes in den Siebzigern und Tool in den Neunzigern waren, führt das Quintett aus Perth mit moderneren Mitteln erfolgreich fort. Zuhause bereits erfolgreich, wird mit dem zweiten Album die große weite Welt anvisiert, und sie könnten wirklich einen Treffer landen, denn „Sound Awake“ ist in sich sehr stimmig. Natürlich wird hier stark auf den Hang zur großen Geste gesetzt, doch wer auf Billo-Rock steht, geht besser in den nächsten Punk-Schuppen. Alle, die sich gern von virtuosem Stadion-Rock elektrisieren lassen, sollten Karnivool eine Chance geben. 7 Text: Tim Kegler

Kashmir Trespassers

(Sony) Kaum lassen sich Radiohead mal zwei Minuten zu lang Zeit, um ein Lebenszeichen von sich zu geben, schon machen sich ihre kleinen epigonalen Freunde wieder breit. Kashmir mag man das allerdings gar nicht übel nehmen, immerhin sind die Dänen artig beim warm-wütenden, nur dezent elektronisierten „OK Computer“-Sound geblieben und machen also, wenn man so mag: tröstende Musik fürs wunde Herz. Was man an Liebe und Kohle beim gar garstigen Coverartwork gespart hat, wurde in eine tiefe, vielfarbig ausgepinselte Produktion gesteckt, die nach dem Emo-Rush der ersten Bekanntschaft auch im Lauf der Zeit noch für einige Entdeckungen gut sein dürfte. Total unmodern und in seiner Wehmut nicht mal Jahreszeitengemäß. Aber schön. 6 Text: Friedrich Reip

Kasper Bjørke Standing On Top Of Utopia

(HFN/Rough Trade) Mit dem Nachfolger seines 2007 veröffentlichten „In Gumbo“ katapultiert sich der Däne Kasper Bjørke genau dort hin – nach Utopia. Selten war ein elektronisches Album so tiefgängig und facettenreich, hatte so viel Stil und Anmut. Als Paradebeispiel dafür fungiert seine erste Single „Young Again“, für die sich Bjørke die Stimme seines Landmanns Jakob Bellens lieh, doch auch die anderen Mitwirkenden beeindrucken. So entstand mit Davide Rossi, der auch schon die

Streicher für Röyksopp, The Verve und Coldplay arrangiert hat, das Rolling Stone-Cover von „Heaven“, das von Louise Foo (Giana Factory) gesungen wird und das - wie der Rest des Albums auch - meisterhaft ist. 7 Text: Kati Weilhammer

Ken Yes We

(Strange Ways/Indigo) Ja, sie können: Dass Aydo Abay auch ohne die ExKollegen von Blackmail bestens zurecht kommt, bewiesen die vorangegangen Alben seiner persönlichen Spielwiese namens Ken. „Yes We“ unterstreicht einmal mehr, dass kein Nebenprojekt, sondern eine sehr ernst zu nehmende Band am Werk ist. Förmlich kann man hören, wie viel hier unterzubringen war: Die Kraft des Rock. Die Verspieltheit elektronischer Musik. Und ganz viel Pop-Appeal. Bitte oszillieren Sie, um es mit Feuilletonschreibers Lieblingen zu sagen. Genau das tun Ken hier in zehn sehr kurzweiligen Nummern: eingängig, aber nie zu glatt. Ausschweifend, aber nie uferlos. Wer beim letzten Blackmail-Album die Experimentierfreude und die Ideen vermisst hat: hier sind sie. 7 Text: Robert Goldbach

The Knife Tomorrow, In A Year

(Rabid/Cooperative/Universal) Was für ein Projekt! Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer alias The Knife, ihres Zeichens zwei der kreativsten Köpfe der Elektro-Szene der letzten zehn Jahre, tun sich mit Mt. Sims und Planningtorock zusammen, um für eine dänische Performance-Gruppe eine Oper zu schreiben. Und die basiert dann auch noch auf Charles Darwins „Die Entstehung der Arten“. Im vergangenen September kam dieses kuriose Werk erstmals zur Aufführung, und wer live dabei war, darf sich glücklich schätzen, denn auf CD entfaltet die Sache nur ihre halbe Wirkung. Ohne Inszenierung entpuppen sich vor allem die sperrigen Geräusch-Experimente am Anfang nicht unbedingt als leicht verdaulich. Erst zum Ende hin kommen neben der Opernsängerin Kristina Wahlin verstärkt auch Karins Stimme zum Einsatz. Als weiterer Beweis für die abgründig-komplexe Kreativität von The Knife ist „Tomorrow, In A Year“ in jedem Fall ein Muss für anspruchsvolle Fans. 8 Text: Patrick Heidmann

Lapko A New Bohemia

(Fullsteam/PIAS) Heiter bis wolkig - weiter reichen die Prognosen in unseren Gefilden derzeit nicht. Die erste Begegnung mit „A New Bohemia“ wird auch nicht sofort für klare Sicht sorgen. Die zittrige, recht pathetische Stimmlage von Sänger Ville Malja setzt Geduld und Wohlwollen voraus. Und doch steckt hinter dem vierten Album des unkonventionellen Trios aus Finnland weit mehr als ein lauer Nordwind. Das Zusammenspiel der akzentuierten, intelligenten Texte mit Punk- und sogar Screamo-Elementen sowie einer schmerzlichen, dennoch befreienden Ehrlichkeit lässt nach einem langen, düsteren Winter endlich die Wolkendecke aufbrechen. Der leise Regen, drückende Schwüle, ein Sommergewitter, Blitz, Donner und Grillen im Gras. Dieses Album ist nicht einfach zu kategorisieren, aber mit etwas Geduld geht früher oder später die Sonne auf. 6 Text: Charlotte Walking

Lars And The Hands Of Light The Looking Glass

(Crunchy Frog/Cargo) Lars And The Hands Of Light zelebrieren genau den Sound, der für eine Jahreszeit geschaffen ist, nach der wir uns gerade wohl alle sehnen: dem Sommer. „The Looking Glass“ ist der perfekte Soundtrack für den lauen Juli-Abend - Indie-Pop der seichten Sorte. Männlein und Weiblein wechseln sich am Mikro ab und erzeugen dabei eine wohlige Grundatmosphäre. Ein echter Ohrwurm ist zwar nicht auszumachen, aber das gesamte Paket wickelt einen ziemlich schnell um den Finger. Die vier Dänen schaffen es spielend, leicht eine luftig- leichte Stimmung zu verbreiten, bei der man schnell das aktuelle (Wetter)Geschehen vergisst. Solide und von Wehmut und Vorfreude geprägt. Zeit, dass der Musik das passende Wetter folgt. 7 Text: Kai Butterweck

La Stampa Pictures Never Stop

(Staatsakt/Rough Trade) Einen Begriff zu finden, der das gesamte Klangkonzept von La Stampa charakterisiert, erscheint fast unmöglich. Das internationale Quintett aus zwei deutschen Kunstschreibern, einem Schweizer Pianovirtuosen, einem bosnischen Schlagzeuger und einem tschechischen Filmemacher, formierte sich

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vor vier Jahren zu einer vermeintlichen Art-SchoolBand. Bei dem geballten Maß an Intellektualität, das hier aufeinandertraf, war eine langfristige Koexistenz zunächst eher fragwürdig. Ihr abgefahrener Mix aus Post-Punk, New-Wave und RetroSchick, der zuweilen an Franz Ferdinand erinnert, hat sich über die Jahre jedoch bewährt. Aber schon der abrupten Wechsel zwischen deutsch- und englischsprachigen Texten könnte für den ein oder anderen Hörer zum Störfaktor werden. 5 Text: Natascha Siegert

Liars Sisterworld

(Mute/EMI) Zuletzt zeigte die FreakKurve deutlich nach unten. Die Liars gaben zwar nicht dem Stadion-Rock ein Stelldichein, doch das gleichnamige vierte Studioalbum geriet konventioneller als erwartet. „Sisterworld“ setzt diesen Trend fort und es scheint, als sei die Band bereit für den großen Pop-Song - so unverschämt eingängig wirken viele der Beiträge und beweisen, dass sich ein kleiner Brian Wilson im schrägen Frontmann Andrew Angus versteckt hält. Was freilich nur die halbe Wahrheit ist, denn natürlich kommt auch der fünfte Longplayer der Liars nicht ohne dissonante Gitarren und knorpelige Drums aus. Ein wenig Nerdtum sei erlaubt, wenn die Möglichkeiten zur musikalischen Raumgestaltung in ruhigere Gewässer laufen und vielleicht ist „Sisterworld“ am Ende nur ein Werk des Übergangs. Fortsetzung folgt, bestimmt sogar. 6 Text: Marcus Willfroth

Lonelady Nerve Up

(Warp/Rough Trade) Nein, diese Frau ist nicht gewöhnlich. Julie Campbell macht Pop-Musik im besten Sinne. Ein bisschen verspielt, ein bisschen verschroben. Mal klimpert, mal trommelt, mal zupft oder schrammelt sie sich mit der Gitarre durch ihre filigranen Indie-Stücke. Mittendrin wechselt sie dann plötzlich wieder die Richtung und durchbricht ihre Songstruktur mit einer ganz anderen Melodie-Passage. Obgleich sie so oftmals von einer konventionellen StropheRefrain-Komposition abweicht, wird die Platte nie der eklatanten Pop-Essenz beraubt. Denn bei allem Kreativanspruch vergisst die junge Dame aus Manchester eines nicht - den Beat. Songs wie „Intuition“ und „Nerve Up“ sind pfiffige Tanzstücke geworden. Lonelady beginnt ihre Karriere mit einem ambitionierten Debüt. 8 Text: Christine Stiller


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OK Go Of The Blue Colour Of The Sky

(Capitol/EMI) Keine Frage, die Jungs von OK Go sind sympathischcoole Kerle: sie melden sich meinungsstark in der New York Times und Essay-Sammlungen zu Wort, haben schon im US-Senat gespielt und sammeln Geld für die Opfer von Hurrikan Katrina und Obdachlose. Und natürlich sind da die Videos zu Songs wie „A Million Ways“ und „Here It Goes Again“, die das Quartett aus Chicago zur meistgesehenen Band auf YouTube gemacht haben. Aber wenn man ehrlich sein darf: musikalisch sind OK Go weit weniger spannend. Daran ändert auch das erste wirklich neue Album seit gut fünf Jahren nichts. Sie servieren Indie-Rock, Synthie-Pop und Funk und haben ein paar nette Melodien auf Lager, aber letztlich geht es doch ziemlich harmlos zu. Man wird wohl auf die zugehörigen Clips warten müssen, um zu wissen, ob sich hier doch noch echte Hits verstecken. 6 Text: Patrick Heidmann

Pavement Quarantine The Past

(Domino/Indigo) Es war eine der Sensationen des letzten Jahres: Pavement, die AternativeLegende der Neunziger, tritt noch einmal eine Reise zu neuen Ufern an, um der Welt zu beweisen, dass der Sound des vorvergangenen Jahrzehnts auch heute noch bestens funktioniert. Vorab schicken Stephen Malkmus & Co. aber zunächst ein Best Of-Album mit dem passenden Titel „Quarantine The Past“ ins Rennen. Fans der ersten Stunde wird das 23 Songs umfassende Meisterwerk wohl so einige sentimentale Erinnerungen entlocken können.

Pavement-Neulingen bieten die überarbeiteten Versionen alter Klassiker eine optimale Übungsfläche, um Songtexte für die zwei anstehenden Deutschlandkonzerte schon einmal vorab zu pauken. 7 Text: Natascha Siegert

Puppetmastaz The Break-Up

(Discograph/Alive) „Listen up, toys and dolls!“ Der vierte Puppenspiel-Tonträger wartet nicht nur auf die Freunde des Monsterbeats und der Vollmundigkeit. Das Kollektiv um Mr. Maloke zieht mit „The Break Up“ den musikalischen Schlussstrich unter die innovative Toygroup. Das zu wissen ist für das Hören der Platte essentiell. Leider vermisst man in dem Wirrwarr aus Solotracks der einzelnen Crewmitglieder den gewaltigen Vorwärtssog, und die einzelnen Stücke kommen längst nicht mehr so gewitzt daher. „Masquerade“ erinnert zwar gekonnt an die Elektroniker Justice, doch „Gettin’ Paid Spiritually“ versprüht nur noch flachen GangstaCharme. Ein wenig enttäuschend verlassen die Puppetmastaz nach sieben Jahren die Bühne. 4 Text: Samuel Stein

Quasi American Gong

(Domino/Indigo) Quasi haben musikalisches Territorium betreten, bevor die meisten Bands auf diesen Seiten überhaupt laufen konnten. Trotzt diverser Neben- und Haupttätigkeiten, im Falle von Sänger Sam Coomes u.a. bekanntermaßen Heatmiser, Janet Weiss trommelte bei Sleater Kinney, hat ihre Band die Zeit überdauert und klingt noch immer frisch wie am ersten Tag. Inzwischen durch Bassistin Joana

The Soft Pack The Soft Pack

Dass man mit einem Bandnamen wie The Muslims nicht glücklich wird, versteht sich fast von selbst. Vier unbedarfte junge Herren aus San Diego mussten es dennoch ausprobieren, hatten allerdings schnell die Schnauze voll und suchten sich lieber einen Dildo als Taufpaten. Gestatten: The Soft Pack. Auf seinem gleichnamigen Debüt schüttelt das bereits ausgiebig gehypte Quartett nun mit lässiger, fast gelangweilter Geste zehn punkpoppige Garagen-Rock-Nummern aus dem Ärmel. Vielleicht schon etwas zu lässig, meint man doch, alles schon mal irgendwo gehört zu haben. Etwa bei den Modern Lovers, den Ramones oder den Stooges. Richtig übel nehmen kann man es den Jungs zwar nicht, doch bevor man sich versieht ist es auch schon wieder vorbei - Hype wie Album.

Text: Nina Töllner

Samavayo One Million Things

(Fuel/Rough Trade) Nach Gewinn der Coca Cola Soundwave-Tour schicken sich die Berliner Samavayo an, eine ernstzunehmende Größe in der deutschen Musikszene zu werden. Dass die Band über 300 Konzerte auf dem Buckel und einen fast zehnjährigen Weg zurückgelegt hat, ist auf „One Million Things“ auch deutlich zu hören. Einflüsse wie Kyuss oder Fu Manchu, die für die jungen Musiker in den Anfangstagen relevant waren, scheinen noch dezent durch, man merkt aber auch, dass sie dabei sind, einen eigenen Sound zu finden, der die Gitarrenpower zurück- und Melodien nach vorne stellt. Für eine ganz formidable Rock-Platte und bodenständige Texte aber zu beanspruchen, einen eigenen Stil namens „Fuel“ kreiert zu haben - das ist dann doch etwas vermessen. 5 Text: Robert Goldbach

Shearwater The Golden Archipelago

(Matador/Indigo) Okkervil River-Mann Jonathan Meiburg ist ein Vogelliebhaber, und wahrscheinlich wollte er seit dem Ausstieg bei seiner Hauptband bloß ein paar seiner gefiederten Freunde treffen, drüben auf dem goldenen Archipel. Es ist allerdings eher eine Art Odyssee geworden dahin, denn die See war rau und Meiburg nichts anderes gewöhnt. Irgendjemand ist immer in Seenot, wenn Shearwaters wackliges Klavier erklingt und der Sänger das Organ auspackt, das permanent einen Geisterchor hinter sich wähnt. Es geht immer um alles auf diesen Reisen, das merkt man an der empathischen Stimme und den atmosphärischen Arrangements, die erst ins Ohr krabbeln wollen und dann doch lieber über die Reling kotzen wie in „Corridors“. Im Moment singt Meiburg noch Background-Vocals für Smog, aber in Zukunft könnte das auch umgekehrt sein. 7 Text: Michael Haacken

Sivert Høyem Moon Landing

(Heavenly/Cooperative/ Universal)

Contra:

Bolme verstärkt, haben die Songs auf „American Gong“ zwar an Feinheit gewonnen, klingen aber noch immer ungeschliffen und eigenwillig. Psychedelisch ja, aber nie ausufernd, sondern auf den Punkt gespielt, bestechen sie wahlweise durch Noise-Faktor oder melodiöse Soundgeflechte. Höchstwahrscheinlich werden Quasi auch noch dabei sein, wenn die meisten Bands auf diesen Seiten wieder verschwunden sein werden. Und das ist gut so. 7 Text: Britta Arent

Pro: Wie genial es sein muss, in der ewigen Sonne Kaliforniens aufzuwachsen, hört man an der Musik von The Soft Pack. Das lustige LiveQuartett mit den Löchern in der Jeans baut sein selbstbetiteltes Häuschen auf das schöne Grundstück der frühen Lemonheads, den Strokes und den Beach Boys, und das sieht doch gut aus! Gepaart mit einer gesunden Portion Post-Punk fährt „The Soft Pack“ schön Achterbahn mit den Emotionen und ist mindestens genauso gut fürs Herz wie für einen durchgetanzten Abend. Text: Rico Suave

(Rykodisc/Warner) Seien wir ehrlich: Wäre Norwegens erfolgreicher Rock-Export Madrugada nach dem Tod von Gitarrist Robert Burås im Jahr 2007 nicht ebenfalls zu Grabe getragen worden, der Bandname hätte auf dem Cover von „Moon Landing“ nicht fehl am Platze gewirkt. Zu charakteristisch ist der Bariton von Ex-MadrugadaFrontmann Sivert Høyem, zu ausgeprägt dessen melancholische Ader, die sich auch in seiner Soloarbeit Bahn bricht. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der Titelsong seines mittlerweile dritten Albums versprüht Madrugada-untypischen PopAppeal und riecht nach Hit. Die düstere Brillanz von „Empty House“ dagegen erinnert an die zuletzt leider immer rarer gesäten Glanzmomente von Høyems einstiger Band. Noch mehr von beidem, und der Sänger hätte gute Chancen, aus dem eigenen Schatten herauszutreten. 7 Text: Nina Töllner

So Many Dynamos The Loud Wars

(Vagrant/Hassle/Soulfood) Auf dem Album prangt das renommierte ‘Vagrant’-Label, produziert hat zudem Death

Cab For Cutie-Gitarrist Chris Walla - da müssten So Many Dynamos aus Illinois doch eigentlich eine Band voller sommerlicher Melodien sein. Denkt man. Und irrt gewaltig. Auch auf ihrem dritten Album legen die Jungs nämlich zunächst einmal Wert auf Konstruktion, Anspruch und Form. Eingängigkeit kommt danach. Die Folge sind zehn Songs im DC-Stil: Frickelig, verkopft, dynamisch, überraschend - von The Dismemberment Plan bis Q And Not U geht die Reise. Dazu dann Videospiel-Synthies, ein nonchalanter Sänger, Dancefloor-Appeal, und fertig ist der Soundtrack für die nächste Architektur-Studenten-Party. Und das ist alles andere als negativ gemeint. 6 Text: Tito Wiesner

Stereophonics Keep Calm And Carry On

(Universal) 13 Jahre nach ihrem stürmischen Debüt „Word Gets Around“ gehören die Waliser im Vereinigten Königreich mit fünf Nummer Eins-Alben in Folge immer noch zu den erfolgreichsten Bands ihrer aussterbenden Brit-Rock-Zunft. Es gäbe also auch im 18. Jahr ihres Bestehens genug über die Stereophonics zu erzählen. Umso trauriger, dass „Keep Calm And Carry On“ fast nichtssagend daher kommt. Außer gefälligem Radio-Pop trauen sich die vier Mittdreißiger nicht mehr viel, und selbst die obligatorische Ballade „100MPH“ kann so großartigen Frühwerken wie „Not Up To You“ nicht das Wasser reichen. Damals hatten die Songs noch mehr als nur Kelly Jones’ sexy Reibeisenstimme. Heute ist es kein Wunder, dass „KCACO“ nur auf Platz elf die Inselcharts enterte. 4 Text: Fabian Soethof

Story Of The Year The Constant

(Epitaph/Indigo) Kinder-Chöre, FeuerzeugRefrains, Pathos-Balladen - Story Of The Year sind im Rockstar-Olymp angekommen. Zwar hat auch ihr viertes Album noch genügend mitreißende Punkrock-Hymnen im Rise Against-Stil, Hardcore-Brecher und gelungene The Used-Zitate zu bieten - eben genau das, was diese Band groß gemacht hat. Insgesamt ist der Hang zu noch mehr Produktionswucht und eine gewisse Stadion-Sehnsucht aber nicht zu verbergen: Das träge „I’m Alive“ klingt wie ein Soundtrack für eine dick aufgetragene USSportler-Doku, „Remember The Time“ lädt zum Schunkeln, und bei „Holding On To You“ wird es dank Piano und Schwelge-Pop sogar richtig kitschig. Live wird das Ganze trotzdem wieder massiv kicken - auf Platte würde man sich aber wünschen, dass die Jungs beim nächsten Mal den Bombast-Regler wieder etwas nach unten verschieben. 7 Text: Tito Wiesner

Streetwaves The Pleasure to End All Pleasures

(I Made This/Alive) Sanfte, harmonische Gitarrenmelodien und eine Stimme, die zum Träumen einlädt. Wer es sich nach dem Opener von „The Pleasure To End All Pleasures“ auf der Couch mit einem Glas Wein gemütlich machen wollte, wird von den Schweden schon nach zwei Minuten eines Besseren belehrt. Was mit einer Folk-Ballade und Win Butler-Gedächtnis-Gesang anfängt, entpuppt sich schon nach dem zweiten Song als ausgewachsenes Indie-Album mit Rock‘n‘RollAvancen. Getreu dem Motto „Raus aus der Garage, rauf auf die Bühne“, konnten sich die Stockholmer vor drei Jahren auch außerhalb der


schwedischen Grenzen mit einer ausgedehnte Clubtour durch deutsche Gefilde einen Namen machen. Ein vielversprechender Geheimtipp sind sie aber noch immer. 6 Text: Natascha Siegert

Timid Tiger And The Electric Island

(Columbia/Sony) Wirklich verwunderlich ist es nicht mehr, wenn es pluckert und Timid Tiger für das ElektroRock-Soundgemetzel verantwortlich zeichnen. Schließlich war ihre „Electric Island EP“ bereits ein Warnschuss für alle phlegmatischen IndieRocker mit Hang zum Klangkonservatismus. Band und Umfeld haben in den letzten Jahren eine Generalüberholung erfahren, so dass auch die Soundkoordinaten neu ausgerichtet wurden und vom „Miss Murray“-1-2-3-Ausfallschritt ist nicht mehr viel übriggeblieben. Obwohl der Titeltrack noch in der Indie-Rock-Vergangenheit startet, werden im Folgenden Synthie-Teppiche ausgerollt, Disco-Lichter angeschmissen und allerlei Samples untergemischt. Nicht nur „Downtown City Lights“ klingt trotzdem seltsam vertraut, und somit scheinen die Tiger alles richtig gemacht zu haben. 6 Text: Ina Göritz

Tony Sly 12 Song Program

(Fat Wreck/edel) So ist das, wenn Punks erst mal die 30 gesehen und den rechtzeitigen Absprung verpasst haben: Statt mit ihren Jugendkumpels von einst lautstark durch die Clubs zu ziehen, bringen sie ihre Kids zur Schule und werden zu Teilzeit-Troubadouren, hin und her gerissen zwischen dem alten Leben als Punks und den neuen Pflichten als Familienväter. Wie zuvor schon seine Kumpel Joey Cape (Lagwagon) oder Nikola Sarcevic (Millencolin) schaltet nun auch Tony Sly, Frontmann der Cali-Punk-Legende No Use For A Name, die Verstärker aus und legt mit „12 Song Program“ ein lupenreines Akustikalbum vor. Jenes untermauert eindrucksvoll sein Talent für griffiges Songwriting und smarte Texte, durchsetzt mit der (Lebens-)Erfahrung aus 23 Jahren als weltreisender Frontmann von NUFAN. So geht’s doch auch. 7 Text: Flo Hayler

Turin Brakes Outbursts

(Cooking Vinyl/Indigo) Wären alle Songs auf „Outbursts“ so berauschend wie „Sea Change“, man würde verbrennen - oder sich ein Prinzessinnenkleidchen anziehen und auf einer großen Wolke tanzen. Nach ihrem gewöhnungsbedürftigen Major-Ausflug sind die Turin Brakes 2010 einfach wieder sie selbst: traumwandlerische Melodien mit Akustikgitarre statt gefälligem Softrock, zauberhafte Melancholie statt butterweichem Pathos. Die mollige Wärme ihres genialen Erstlings „The Optimist LP“ strahlt „Outbursts“ zwar nicht aus, doch der Zahn der Zeit verlangt zu Recht Bewegung. Die Londoner erweisen sich endlich wieder als bereinigter Glücksfall, auch wenn sie dabei fast unheimlich beschwingt klingen. Olly Knights und Gale Paridjanian lassen auf ihrem Weg zurück zu sich selbst nur wenig Luft nach oben. 8 Text: Christina Bergmann

Two Door Cinema Club Tourist History

(Kitsuné/Cooperative/Universal) Dieses Trio aus Nordirland versucht der tanzbaren Indie-Musik Neues abzugewinnen, was leider nicht recht gelingen mag. Sicherlich kombinieren Two Door Cinema Club technisch gekonnt eine aufgeregte Rhythmusgruppe mit di-

versen netten Hooklines, kleineren elektronischen Anleihen und radiotauglichen Gesangsparts. Es bleibt jedoch nicht viel davon hängen, das meiste glaubt man seit der großen Britrock Welle 2004 schon einmal origineller gehört zu haben. Einzig das eröffnende „Cigarettes In The Theatre“ wird sich sicherlich als Knüller auf der Tanzfläche erweisen. Schade dass man hier so wenig auf Risiko spielt, da half es anscheinend auch nicht, dass das Album auf dem renommierten französischen ‘Kitsuné‘-Label erscheint. 5 Text: Volker Bernhard

The Unwinding Hours The Unwinding Hours

(Chemikal Underground/ Rough Trade) Mit Aereogramme ging Mitte 2008 eine der bemerkenswertesten Bands des letzten Jahrzehnts von uns. Die gute Nachricht für die traurig zurückbleibenden Fans ist, dass es dennoch irgendwie weiter geht und Sänger Craig B und Klanghexer Iain Cook uns neue Musik schenken. Für sie haben sich die Vorzeichen verändert: Craig verdient jetzt seine Brötchen beim Belegen derselben in einer Pub-Küche und macht Musik nur noch, weil er will. Die Herangehensweise als Duo ist spontaner als im Bandkorsett, doch die ersten zehn Songs als The Unwinding Hours knüpfen nahtlos am letzten Aereogramme-Album an. Die wüsten Attacken der Frühphase sind längst Geschichte, stattdessen üben sie sich mehr denn je im Erschaffen makelloser Schönheit mittels Akustikgitarren, üppiger Streicher und Craigs zartem Gesang. Danke für diese Fortsetzung! 8 Text: Robert Goldbach

Velveteen 27

(Fuego/Rough Trade) Seit neun Jahren jonglieren die Frankfurter kräftig im Indie-Rock-Zirkus, und nachdem ihr Album „Homewaters“ 2008 als vermeintlich neue Death Cab For Cutie-Scheibe im Netz landete, war der Applaus unüberhörbar. Der Nachfolger „27“ besticht durch filigrane Verspieltheit mit viel Hang zu bedrückender Melancholie. Im Vergleich zum Vorgänger konnten

die Hessen im Bereich Intimität und Intensität sogar noch zulegen. Ein zugleich besonnenes und impulsives Werk ist „27“ geworden, das in seiner Klangbreite kaum noch zu toppen ist. 8 Text: Kai Butterweck

We Vs. Death A Black House, A Coloured Home

(Sinnbus/Alive) Bitte nicht vom Bandnamen abschrecken lassen! Hinter We Vs. Death verstecken sich keine langhaarigen Death-MetalKerle oder andere Bösartigkeiten, sondern fünf Niederländer, die gekonnt dem Post-Rock weitere Nuancen abluchsen, sofern man diese Schubladen bemühen möchte. Mit akzentuiertem Schlagzeug, prägnanten Gitarrenlinien und dem für die Band noch ungewohnten Einsatz von Gesang als weiterem Instrument wird das Rad nicht neu erfunden, wohl aber gekonnt angestoßen. Besonders löblich seien die auflockernden Trompetenmelodien zu erwähnen, die das Hauptaugenmerk immer mal wieder weg von der Gitarre lenken. Gut, dass aus langjähriger Freundschaft eine Zusammenarbeit wurde und das Berliner ‘Sinnbus’-Label dieses zweite Album der Utrechter auch bei uns zugänglich macht. 7 Text: Volker Bernhard

V/A Almost Alice

(EMI) Für die Verfilmung des Klassikers von Lewis Caroll hat Regisseur Tim Burton mit Johnny Depp und Helena Bonham Carter zwei Hochkaräter im Cast, und auch das LineUp des inoffiziellen Soundtracks „Almost Alice“ (für die Filmmusik zeichnet sich Danny Elfman verantwortlich, der bereits einen Großteil der Burton-Streifen vertont hat) kann sich sehen und hören lassen. Denn „Alice Im Wunderland“ hat auch die kreativen Zellen zahlreicher Musiker angeregt. Neben vielen anderen haben Wolfmother, The All-American Rejects, Plain White T’s und die ausgewiesenen Burton-Fans Mark Hoppus und Pete Wentz sowie Robert Smith jeweils einen Song zu dem Sampler beigesteuert. Das Gute: Die Stücke klingen trotz des thematischen Überbaus nicht aufgesetzt, die Bands haben die Spielweise größtenteils genutzt, ohne ihre Individualität aufzugeben. 6 Text: Britta Arent

Wer hören will muss sehen Man muss kein Fan von Blur, Oasis, Brit-Pop oder aus England sein, um diesen Film zu lieben. „No Distance Left To Run“ (Parlophone/EMI) dokumentiert eindrucksvoll und ergreifend die schmerzlichschöne Reunion von Blur im vergangenen Sommer, als Damon Albarn, Graham Coxon, Dave Rowntree und Alex James erstmals seit Coxons Ausstieg 2002 wieder gemeinsam Konzerte spielten. Der Film der Regisseure Dylan Southern und Will Lovelace erzählt die Geschichte von Blur in eindrucksvollen Bildern und anhand ergreifender Interviews mit den Protagonisten, von den frühen Tagen der Band bis zum fulminanten Konzert im Londoner Hyde-Park. Sollte man gesehen haben. Besser hätte man es nicht anrichten können. Nach einem zuletzt explosionsartigen Karrieresprung meißeln sich Floggin Molly mit „Live At The Greek Theatre“ (Sideonedummy/Cargo) ein eigenes Denkmal und setzen ihren Ruf als eine der besten Livebands im Punkrock nun endlich auch auf DVD um. In

einmaliger Atmosphäre wurde hier die ausverkaufte Show in den grünen Hügeln Hollywoods vom 12. September 2009 festgehalten. 100 Minuten Folk-Punk mit einer Setlist bestehend aus 21 Songs aus allen Phasen der Band-Geschichte in HD-Qualität. Massig Bonusmaterial und obendrauf das gesamte Konzert noch als Audiomitschnitt auf Doppeldisc inklusive. Mehr kann man nicht Verlangen. Ein absolutes First-ClassDinner für Augen und Ohren. Während Workaholic Jack White an der zweiten Dead Weather-Platte bastelt, werden mit „Under Great White Northern Lights“ (XL/Beggars/ Indigo) Fans der White Stripes weiter ruhig gehalten, auf dass sie irgendwann ein neues Album feiern können. Das Warten dürfte angesichts dieser beleuchtende Dokumentation nicht leichter werden: Schlicht wundervolle Bilder und Momente zeigen die Konzerte ihrer Kanada-Tour 2007 in außergewöhnlicher Umgebung und thematisieren sowohl Meg und Jacks Freundschaft als auch die kanadische Kultur. Gereicht wird das Ganze zudem mit dem ersten Livealbum der Band. Text: Florian Hayler, Kai Butterweck, Volker Bernhard


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DEMODESASTER

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DEMODESASTER Affentheater

King Kong lebt! Im März 1933 debütierte der Monsteraffe auf der Leinwand, 77 Jahre später taucht er plötzlich und unangemeldet im Demodesaster auf, um uns angesichts des Schnapszahl-geprägten Jubiläums eine Runde Bananenlikör nach der nächsten auszugeben. DIE HEMDEN NIMM DAS GELD UND LAUF

Wie kommt man auf so einen trivialen Namen? Suchen Bands, allen voran Rock-Kapellen, nicht meist ein Pseudonym, das nach Härte, Verwegenheit oder zumindest Tiefgründigkeit klingt? Da scheint „Die Hemden“ weder naheliegend noch irgendwie erste Wahl zu sein. Wer aber das Debüt „Nimm Das Geld Und Lauf“ hört, wird mitgezogen von der ungebügelten Coolness, die diese Platte atmet. Ein Tarantino-Soundtrack mit deutschen Texten, quasi Badass-Music von Gringos, rhythmisch zwischen Surf- und Country. Textlich wird hier affektierte Wüstenromantik erzeugt, bei der wir die Sandkörner in den Ohren rauschen hören. Cool. 7 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/hemden Live: 19.3. Berlin - Arcanoa

KAZIMIR BROKENLANDE

Haben Madsen schon wieder ein neues Album am Start? Noch nicht, aber Kazimir schlagen mit ihrer EP in die gleiche Kerbe des Punk-inspirierten IndieRock mit unrhythmischem Sprechgesang plus flirrende Gitarren. Daneben demonstrieren die Hanseaten in ihrem zweiten Song „Junge Verliebt Sich In Mädchen (Mädchen Sagt Nein)“ aber einen guten Riecher für humorvolles, fast hymnisches Songwriting und liefern den Beweis, dass es für manche Situationen weder plakative Attitüden noch viele Worte braucht. Das gilt es auszubauen, denn genau hier scheint die Stärke und Eigenheit der Band zu liegen. 6 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/kazimir Live: 21.3. Eichstätt – Studihaus *** 22.3. Jena - Café Wagner

LA CRASH PENETRATION STATION

Mit einer dreckigen Rotzigkeit bringen uns LA Crash Post-Punk und Indie im Uptempo-Gewand näher. Hätten Sonic Youth und Iggy Pop ein Kind, es hieße mit aller Wahrscheinlichkeit LA Crash und würde im Freistaat Bayern ohne aufgesetzte Politattitüde einfach nur frontal ballern und keine Gefangenen machen. Gerade das gibt der EP der Nürnberger nämlich eine Authentizität, die vor allem von Frontfrau und Energiebündel Andrea getragen wird. Die allein schon scheint reinstes Dynamit zu sein, und überhaupt schreit die ganze Sache an sich dann auch nach dem Prädikat: Gute LiveBand! Triefnasse T-Shirts und Bandscheibenvorfall inbegriffen. 8 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/golacrash Live: 27.3. Nürnberg - MUZ Club

TOM LÜNEBURGER GOOD INTENTIONS

Tom Lüneburger lässt sich nicht lumpen und versammelt (Live-)Musikerprominenz auf seinem Solodebüt. Zuvor war Tom Frontmann der verblichenen Pop-Rocker von Myballon und seitdem kennt er offenbar Leute wie den Drummer von

Air oder den Pianisten von Nena, mit deren Können er seine Balladen in Szene setzt – zehn Lieder, so brüchig wie Toms Brille auf dem Cover und meist von einer gewissen Schwermut angehaucht. Lyrisch ist das zwar nicht unbedingt originell, aber wenn Tom von langen einsamen Autofahrten oder eben „Good Intentions“ singt, dann tut er dies mit einer tollen Stimme und schönen Melodien. Viel besser kann es ein Damien Rice jedenfalls auch nicht. 7 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/tomlueneburger Live: 12.3. Schrobenhausen – Nähfabrik *** 14.3. München - Muffatcafé

PIRATE BRIDE PIRATE BRIDE

Ein kauziges Duo, diese Pirate Bride. Nehmen eine Violine, eine Gitarre und musizieren mit Lust aufs Versponnene und Sperrige drauf los. Stilistisch ist das kaum festzuzurren, vom Folk-Stück bis zur Post-Punk-Nummer führen die Berliner einiges im Repertoire. Dazu gesellt sich das Kieksen und Schmachten von Sängerin Kassandra. Und dann gibt es plötzlich diese sparsam und hintergründig gespielten Schrammel-Akkorde, von denen sich geltungssüchtige Geigen quiekend in die Lüfte schrauben. Wenngleich in all diesen Klangfarben immer noch ein gewisser Charakter des Ausprobierens mitschwingt: Pirate Bride ist ein Einstand von bezaubernder Sprödigkeit gelungen. 8 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/piratebridemusic

SPIN MY FATE TWO WAY CHOICE

Nach einer Dekade, in der Genres wie Post-Grunge und Alternative Metal wie wild abgegrast wurden, scheint es fast mutig, noch eine Band an den Start zu bringen, die sich diesen Stilrichtungen verschreibt – ist doch Innovation hierbei erste Pflicht und einzige Überlebenschance, will man dem geliebten Stil noch seinen eigenen Stempel aufdrücken. Spin My Fate gelingt das leider nur mäßig, klingt ihr Songwriting doch zu sehr nach den großen Vorbildern, die da vermeintlich Staind, Puddle Of Mudd und Hoobastank wären. Davon aber mal abgesehen steckt in den Münsteranern eine durchaus gute Band, die auf der Suche nach dem eigenen Stil noch mehr Eigenständigkeit braucht, um wirklich abzugehen. 5 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/spinmyfate Live: 5.3. Münster - Café Sputnik *** 12.3. Nienborg – Biercafe *** 13.3. Ochtrup - JZ Freiraum

TAPETE DER WILLE LENKT DIE TAT

Berlin ist Spitze in Sachen Sozialtransfers. Nur eine Frage der Zeit, bis da jemand wie Tapete um die Ecke biegt und stolz darüber reimt, wie es sich so lebt, als Drückeberger.

Allerdings entpuppt sich seine Anti-Haltung schon bald als durchaus vielschichtig, als mit Gewissensbissen und Depri-Stimmung beladen, und in den dick produzierten Brustton der Überzeugung schleicht sich das Zweifeln einer Akustikgitarre. Alles eben gar nicht so einfach. Und dann ist da ja auch noch die Liebe, die Tapete in so hoffnungslos romantische Zeilen wie „Die schönste Musik ist Dein Atem“ packt. Kriegen tut er das Mädchen trotzdem nicht. Uns dann schon eher. 7 Kong-Stampfattacken Heimat: myspace.com/tapeteberlin Live: 12.3. Halle – VL *** 20.3. Leipzig - AJZ Bunte Platte

WINTERHOOD SPECTRUM

Die Eiszeit ist so gut wie vorbei, aber die Musik der treffend betitelten Winterhood wäre nicht das schlechteste Wärmekissen gewesen.

Das dritte Album der Hamburger beginnt mit Songwriter-Soul im Stile von Norah Jones oder Cat Power und gipfelt in den Elektro-Welten von Air oder Kosheen. Spätestens hier wird klar, dass Winterhood keine verzwickten Experimente, sondern einfach unaufdringliche, manchmal fast süßliche Pop-Musik machen wollen. Ecken und Kanten suchen wir jedenfalls vergeblich. Aber die will man in verträumt-verschneiten Momenten ja auch meistens nicht. 6 Kong-Stampfattacken Heimat: winterhood.de Live: 7.3. Hamburg – Indra *** 14.3. Pinneberg - Landdrostei Text: Roy Fabian, Maik Werther

Volkswagen Soundfoundation Kinderschwimmen für Nachwuchstalente

Am 13. und 14. Februar lagen die Proberäume vieler heimischer Jungkapellen brach. Sie waren nach Wolfsburg gereist, um am Workshop der Volkswagen Sound Foundation teilzunehmen und ihr Können einer Expertenjury vorzustellen. Am ersten Tag wurde das ehemalige Nichtschwimmerbecken des Hallenbads Wolfsburg zum Konzertraum umfunktioniert, in dem ein kleines Publikum und die Jury Platz fanden. Jede Band spielte zwei Songs, um sich dann von der Jury eine professionelle aber gnadenlos offene Kritik abzuholen. Alles in allem waren die Kenner aber mit dem hohen Niveau der Darbietungen sehr zufrieden. Zum einen spielten die so genannten „Talents“, für die in der Kategorie HipHop die Bands Czar, NUT und Querfälltein an den Start gingen. Im Bereich Rock kletterten Mega!Mega! und Ayefore auf die Hallenbad-Bühne. Jenix, Manoo und On A SunDay spielten in der Pop-Konkurrenz. Außerdem waren mit Baby Universal (Rock) und Michelle Leonard (Pop) zwei Sound Foundation-“Newcomer“ mit von der Partie, die schon eine Stufe höher auf der Karriereleiter stehen als die Talents. So unterrichtete Michelle Leonard die Grünschnäbel am zweiten Tag in einem der Workshop-Kurse selbst und gab ihnen Tipps in Sachen Songwriting. An anderer Stelle lernten die Talents, wie sie ihre Bühnenshow und ihr Band- und Selbstmanagement verbessern können. Nach den beiden Tagen konnten alle Teilnehmer und Organisatoren auf ein ereignis- und vor allem äußerst lehrreiches Wochenende zurückblicken und man war sich einig: Es hatte sich definitiv gelohnt. volkswagen-soundfoundation.de


ape life‘s a mixt SPILKER K N A R F t i Heute m E) (DIE STERN

Bad Salzuflen. Ein guter Ort, um weg zu ziehen.Frank Spilker, Indie-Ikone und Frontmann der Band Die Sterne, hat zwar stets einen großen Bogen um die städtische Disco gezogen, sein neues Album „24/7“ klingt aber trotzdem gut nach durchtanzten Nächten. Ob Spilker heute immer noch „shoegazed“ wie einst oder mittlerweile einen stattlichen Hüftschwung vorweisen kann, erfahrt ihr in seinem Mixtape. Frank, zu welchem Song hast du in deiner Dorfdisco immer wild getanzt? Ich stamme aus Bad Salzuflen, einem Kurort, in dem es nur eine Rumba-Disco für Leute ab 60 gab, damit die sich da ihren Kurschatten antanzen konnten. Ich habe irgendwann das „Forum Enger“ entdeckt, was mich vom kulturellen Elend meiner Heimatstadt erlöste. Das „Forum“ war ziemlich Spex-Disco geprägt, nur an Weihnachten lief da auch mal Madonna oder Pop-Kram. Dazu habe ich zwar auch getanzt, aber in erster Linie war ich wohl so ein Shoegazer, schon alleine wegen meiner Körpergröße. Und „No Tears For The Creatures Of The Night“ von Tuxedomoon gehörte definitiv zu einem guten Abend. Welche Droge gehört zu Disco wie die Pille zu Techno? Alkohol. Aber viele der DJs trinken gar nicht, weil sie sonst die Nacht nicht überstehen würden. Die klassische Droge in den New Yorker Discos der Siebziger war natürlich Kokain. Gibt es ein Lied, das Tanzbarkeit und Intelligenz vereint? Nach diesem Lied suchen wir ja die ganze Zeit. Jeder Künstler tut das. Das ist doch das Höchste, was man erreichen kann. Eine Band, die beides gut kombiniert, ist LCD Soundsystem. Da reicht es mir, auf einen Beat abzufahren und dabei

noch den einen oder anderen Witz auf die Ohren zu bekommen. Gibt es einen Disco-Song, der das Genre beleidigt? Die gibt es zuhauf. Level42 wären sicher dabei, als Vertreter der FunkFraktion. Oder Sandra mit „Maria Magdalena“, mitsamt ihrem Produzenten Michael Cretu. Das Pech der Achtziger war, dass sich Typen wie Cretu oder Dieter Bohlen ein “trendiges“ Outfit oder einen Schlagersänger zugelegt haben, nur um alles Coole in der Indie-Musik auf ihre plumpe Art abzukupfern. So wie Herbert Grönemeyer im Grunde seines Herzens immer noch Bluesrocker war, und nicht New-Waver. Das hat mich immer ein bisschen geärgert. Kylie Minouge oder Madonna? Früher Madonna, aber heute sind mir beide zu klein. Mit wem würdest du nie in die Disco gehen? Mit Pur. „Saturday Night Fever“ oder „Grease“? „Saturday Night Fever“ natürlich. „Grease“ hat tolle Songs, aber der Soundtrack zu „S.N.F.“ von den Bee Gees ist noch eine Lage besser. Was glaubst du: Wer tanzt zu eurem neuen Song „Die Stadt Der Reichen“?

Schwer zu sagen. In meiner schlimmsten Vorstellung wären das so Weltmusik-Hörer, diese Jute-Trottel. Aber ich glaube, das Stück könnte auch problemlos in der Indie-Disco laufen, sogar ohne den Text. Welches Lied, das das Wort „Disco“ im Titel trägt, magst du gerne? „From Disco To Disco” von Whirlpool Productions natürlich, eine Hymne der Neunziger. “Disco Clown” von Munk ist auch sehr gut. Mein Sohn hat mir mal „Disco Pogo“ von Frauenarzt empfohlen, aber das war nicht so meins. Der Junge ist erst 14, da darf er so was hören. Aber wenn er das mit 21 noch machen würde, wäre es allerdings kritisch. Text:Flo Hayler Heimat: diesterne.de Auch gut: „24/7“ - das neue Album der Sterne


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MUSIK STORIES

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Als sich Australien vor ungefähr 200 Millionen Jahren vom Superkontinent Gondwana abspaltet, denkt natürlich wieder niemand über die Folgen für die örtliche Pop-Kultur nach. Ist ja alles ganz lustig mit den Beuteltieren, aber für eine ordentliche Weltkarriere ist der Standort Australien ein handfester Nachteil. Für ihre Siegeszüge um die Welt müssen OzExportschlager wie AC/DC, Kylie Minogue oder die Bee Gees große Opfer auf sich nehmen. Denn schon die Unmöglichkeit einer geregelten BandLogistik und der Mangel an Konzert-Locations in Tagesausflugsreichweite erschweren das musikalische Vorankommen im Lande des Kängurus ungemein. Gemeinsam mit den australischen Riff-Rock-Monstern Airbourne, den AvantgardeKrachern Karnivool und den Elektro-Indie-Spezis Dukes Of Windsor haben wir uns dem anderen Ende der Welt mal angenähert.

Man könnte es auch als schlechtes Timing bezeichnen: Die Dukes Of Windsor kehrten dem heimischen Melbourne ausgerechnet zur denkbar ungünstigsten Zeit den Rücken: im Frühling. Als sie zwei Dutzend Flugstunden später in der eisigen Dezemberluft des Berliner Flughafens ein Taxi heran winkten, war es allerdings schon zu spät: Die Mission „Neuerfindung einer Band“ war bereits in vollem Gange…

Das, was man uns derzeit als das mit ‘It‘s A War‘ betitelte ���Debütalbum“ der Australier verkaufen will, ist im Grunde nicht mehr als ein – bis dato - repräsentativer Querschnitt aus den vergangenen fünf Jahren Bandgeschichte. Nach einer EP, zwei Alben, Hits wie der aktuellen Single ‘It’s A War‘, diversen Fernsehauftritten, Preisen und Konzerten vor stattlicher Kulisse zogen die Dukes Of Windsor die Reißleine und verordneten sich einen allumfassenden Neuanfang: Sound, Look, Bandstruktur, Umfeld, die gemeinsame Zukunft – das Quartett stellte alles auf den Prüfstand, was sich zu prüfen lohnte. Nun, nach zweieinhalb gewöhnungsbedürftigen Monaten in der Fremde, haben die Dukes Of Windsor ihre innere Mitte aber gefunden und in ihrer neuen Heimat Berlin-Kreuzberg Fuß gefasst. Zum Proben muss die Band zwar per Straßenbahn ins weit entfernte ehemalige Rundfunkhaus der DDR nach Köpenick, freut sich aber schon auf den Sommer, denn dann „fahren wir per Rad“. So muss das sein. Mit ihrem Umzug nach Berlin reihen sich die Dukes ein in ein buntes und aus aller Herren Länder zusammengewürfeltes Kreativ-Potpourri aus Musikern und anderen Freaks, für die die Stadt zum neuen, kostengünstigen Lebensmittelpunkt wurde. Da kann es schon mal passieren, dass man zufällig alte Bekannte trifft: „Neulich begegnete mir Sänger der Band Expatriate auf einem Konzert“, erinnert sich Sänger Jack Weaving. „Ich kenne den Kollegen noch aus Melbourne, wir sind bei den MTV-Awards mal ein wenig aneinander geraten. Er lebt mittlerweile

auch in Berlin, wir haben Nummern ausgetauscht und treffen uns hoffentlich mal auf ein Bier. Im Grunde wollen wir es aber möglichst vermeiden, mit ‘Unseresgleichen‘ abzuhängen. Viel lieber tauchen wir in die fremde Kultur ein und lassen sie auf uns wirken.“ Einer der wesentlichen Gründe für den Umzug der Dukes nach Deutschland war neben der geographisch vorteilhaften Lage („von hier aus kommt man verhältnismäßig schnell in jedes andere Land der Welt“) auch die Überlegung, dass die eigene Musik „doch sehr europäisch“ klingt, jedenfalls im Vergleich zu dem, was sonst aus Australien oder Amerika kommt: „Ich denke, die Leute hier sind einfach offener für Musik auch abseits des Mainstreams“, glaubt Gitarrist Oscar Dawson. „In unserer Heimat sind meist nur die Bands populär, die reimportiert wurden, sprich: die zunächst in England oder Amerika, und als Reaktion darauf auch in Australien den Durchbruch schafften. Die Kids bei uns sind scheinbar zu träge, Bands zu entdecken. Wenn man ihnen aber einen erfolgreichen Act vorsetzt, schlagen sie zu. Hier in Europa ist das anders. Da hat man ein Herz für die Underdogs.“ So stricken die Dukes Of Windsor bis in den Sommer an ihrem neuen Sound, der den synthetischen und tanzflächentauglichen Indie-Rock mit dem Punch der Live-Konzerte verheiraten soll – und das könnte sogar klappen. Schließlich haben sich in Berlin schon ganz andere gefunden.

Neue Heimat: Die Dukes Of Windsor in Berlin. Foto: Beatrice Neumann

BANDS IM EXIL

Jet

Neben den Dukes Of Windsor haben sich weitere australische Bands ins Exil verabschiedet. Darunter die allseits berühmten Jungs von Jet, die über drei verschiedene Kontinente verstreut leben, oder die düsteren New-Wave-Freunde von Expatriate, die ihre Zelte vorübergehend in Berlin aufgeschlagen haben. Berühmtester Exil-Australier ist aber AC/DC-Gitarrist Angus Young, der die meiste Zeit im niederländischen Aalten zu Hause ist.


ROCK'N'ROLL REISEFÜHRER

Zu Hause ist es doch am Schönsten! Die Jungs von Karnivool fühlen sich in ihrer Heimat Perth immer noch pudelwohl. Überall entspannte Menschen, die Sonne scheint den ganzen Tag und wer Liebe sucht, hat zum Knuddeln immer einen Koalabären zur Hand. Down Under, der perfekte Ort um die Seele baumeln zu lassen. Gitarrist Mark Hosking zeigt uns die Hotspots seiner Stadt. Wo kann man sich nach einem anstrengenden Tag am besten entspannen? Der Strand in Perth ist wunderschön. Am Abend ist es bei uns meist immer noch sehr warm. Ich würde mich einfach auf den Sand legen und den Sonnenuntergang beobachten. Besonders zu empfehlen sind Scarborough- und Cottesloe-Beach. Wo in Perth gibt’s die besten Plattenläden? Im Stadtzentrum befindet sich zum Beispiel der Plattenladen „78“. Die haben eine große Auswahl an Platten von nationalen und internationalen Musikgrößen. Wenn wir mal zu Hause sind, verbringen wir dort sehr viel Zeit. Wo kann man sich in Perth die besten LiveBands ansehen? Die Musikszene in Perth stirbt leider langsam aus. Es gibt aber trotzdem Ausnahmen. In Nord-Perth gibt es ein kleines, billiges Hotel namens „Rosemount“. Das ist eine sehr etablierte Konzert-Location. Muss man sich bei euch vor boxenden Kängurus in Acht nehmen? Total! Die sind hier echt bösartig. In den Städten trifft man zwar nur selten auf eines dieser Viecher, sobald man aber ein bisschen rausfährt, sind sie auf einmal überall. Als wir vor ein paar Jahren mal auf dem Weg nach Adelaide waren, sind wir einer ganzen Horde begegnet. Das waren bestimmt mehrere hundert. Die sind echt riesig.

Wer kann einem in Perth noch das Didgeridoo-Spielen beibringen? Mark: Wir können dieses Instrument ein wenig spielen. Auf dem letzten Song unserer aktuellen Platte „Sound Awake“ gibt es einen kleinen Didgeridoo-Part. Es dauert aber eine Weile, bis man dieses Ding richtig beherrscht. Man braucht auf jeden Fall einen langen Atem. Wer das aber erlernen möchte, soll zu uns kommen. Welches Event sollte man auf keinen Fall verpassen, wenn man in Perth Urlaub macht? Bei uns in Perth gibt es das „Big Day Out“-Festival. Wir haben dort im Januar dieses Jahres mit Muse, Lily Allen und Rise Against gespielt. Letztes Jahr waren Rage Against The Machine die Headliner. Im Allgemeinen ist es eher ein Rock-Festival. Also wenn man Anfang des Jahres hier Urlaub macht, sollte man sich diese großartige Party nicht entgehen lassen. Welche drei Dinge sollte man im Gepäck haben, wenn man nach Perth fährt? 1. Eine Kamera, weil die Natur hier atemberaubend schön ist. 2. Ein Aufnahmegerät, weil wir hier echt großartige Bands haben. 3. Ein Handtuch, weil es hier sehr heiß werden kann. Text: Natascha Siegert Heimat: karnivool.com Auch gut: „Sound Awake“ das neue Album von Karnivool


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MUSIK STORIES

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Sydney Opera House, Quelle: Wikipedia

Nicht schön, aber laut: Airbourne aus Warrnambool, Victoria.

Mit ihrer unüberhörbaren Vorliebe für Angus Young & Co. gelten Airbourne als legitime Erben von AC/DC und damit als Prototyp des Rock-Exports aus Down Under. Aufgewachsen in der einstigen Hochburg des australischen Walfangs namens Warrnambool, sind Airbourne nach einem kurzen Abstecher an die amerikanische Ostküste nun wieder zu Hause gelandet, um dort ihr neues Album ‘No Guts, No Glory‘ einzuspielen. Wie sich das für ein traditionsbewusstes Ensemble wie Airbourne gehört, haben natürlich auch die neuen Songs ein exorbitantes Energielevel und mehr Eier als der Sack eines katalanischen Stiers. Auch wenn der Überraschungsbonus von ‘Runnin’ Wild‘ mittlerweile eingebüßt ist, braucht sich die neue Brut von Airbourne keinen Dezibel-Deut hinter dem energetischen Einstand der OutbackOutlaws vor zwei Jahren zu verstecken. Dabei waren die Entstehungsbedingungen für ‘No Guts, No Glory’ diesmal deutlich andere. „Bei jedem Soundcheck auf unserer fast zweijährigen Tour haben wir neue Riffs und Ideen ausprobiert, die wir dann im Bus abends verfeinert und aufgenommen haben“, erklärt Sänger und Gitarrist Joel O’Keeffe. „Das ganze Album ist tatsächlich auf Tour geschrieben worden. In Australien haben wir dann alles zusammengesetzt und aufgenommen. Insofern ist diese Platte eine gute Mischung aus unseren Erfahrungen in der Ferne und unseren heimischen Wurzeln.“ Die in diesem Falle auf ganz besondere Art stilecht gepflegt wurden. Denn Airbourne haben kurzerhand den Pub, in dem sie ihren ersten Auftritt hatten, zum Proberaum für die nachfolgenden Albumaufnahmen umfunktioniert. „Der Schuppen nennt sich ‘Criterion Hotel’. Er wurde von anderthalb Jahre geschlossen und noch nicht wieder eröffnet. So konnten wir dort in Ruhe zwischen all den Ratten, die dort hausen, unser Zeug aufbauen und üben“, erklärt Joel. Wo lässt sich nach Bier-Blumen duftender Bar-Rock auch besser intonieren, als in ebensolch einem Ambiente?

Schrauberei wurde. „Zu erkennen, dass nicht jede Note perfekt sein muss, hat viel von dem Druck genommen, unter dem wir nach dem Erfolg des ersten Albums standen. Wenn man perfektionistisch zu Werke geht, nimmt man sich selbst schon wieder viel zu ernst. Wir lieben einfachen Rock’n’Roll und man sollte sich dabei keinen allzu großen Kopf machen, das zerstört ansonsten den Spirit“, philosophiert Joel bauernschlau daher und hat damit natürlich Recht. Auf etwaige Kritikerargumente, die schon dem großem Landsmänner-Vorbild mit vier Buchstaben seit Jahrzehnten vorwerfen, immer dieselbe Platte zu machen, reagiert Joel dann auch mit der erwarteten Gelassenheit: „Ich glaube, dass wir auch in etlichen Jahren immer noch denselben Rock’n’Roll spielen werden. Vielleicht mit ein paar kleinen Weiterentwicklungen und Veränderungen. Auf dieser Platte sind ja auch schon Songs, die so in der Form nicht auf der letzten Scheibe waren. Der einzige Unterschied wird also sein, dass es mal kleine Unterschiede geben wird - aber letztendlich bleibt doch alles beim Alten“, so der sympathische Front-Derwisch lachend.

Nur konsequent also, dass die neue Scheibe somit keinesfalls Opfer überambitionierter Studio-

TOURDATEN AUF DEN SEITEN 44-46

Und da niemand so genau sagen kann, ob AC/DC je noch mal mit demselben neuen Album um die Ecke kommen werden, ist es letzen Endes verdammt gut zu wissen, dass es Leute gibt, die diesen Job genauso zuverlässig und pflichtbewusst übernehmen. Text: Timo Richard, Flo Hayler, Frank Thiessies Heimat: dukesofwindsor.com.au, airbournerock.com

Laut den Dukes Of Windsor ist Sydney im Gegensatz zu anderen Metropolen wie Melbourne oder Brisbane nicht unbedingt ein gutes Pflaster für Live-Bands. Grund für fehlende Auftritts- oder Probemöglichkeiten ist die Club- und Pub-Kultur. Die Behörden verlangen für Schankgenehmigungen teils horrende Preise von bis zu 200.000 Dollar. Damit sind die „Kneipen“ in Sydney meist Entertainment-Paläste mit angeschlossenem Casino, Séparées, diversen Bars oder exklusiven Club-Räumen.

In der fast 3,5 Millionen Einwohner starken Heimatstadt von The Living End, Tamper Trap oder den Dukes Of Windsor spielt laut deren Gitarrist Oscar Dawson „wirklich jeder in einer Band“. Grund dafür ist die große Pub-Dichte, die es den unzähligen Bands erlaubt, sich mit der entsprechenden Zielstrebigkeit eine loyale Anhängerschaft zu erspielen. Gefährdet wird die Szene in Melbourne genau wie in Berlin durch Gentrifizierung und die Verwandlung von einst alternativen Straßenzügen in komplettsanierte, club- und szene- Eureka Tower Quelle: Wikipedia befreite Luxusgegenden.

Darwin

Alice Springs

Perth

Adelaide

Brisbane

SYDNEY

CANBERRA MELBOURNE

Australiens wichtigste Städte


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MUSIK STORIES

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OK Go Läuft

Ihre Laufband-Choreographie zu ‘Here It Goes Again‘ war 2006 DER Kultclip auf YouTube. Und was kommt nach dem Hype? Klar, die vier Indie-Rocker haben sich extrem gefreut über das, was da vor vier Jahren über sie hereingebrochen ist und ihnen einen Grammy für das beste Video bescherte. OK Go-Bassist Tim Nordwind macht keinen Hehl daraus, dass ihnen die abgefeierte Internetpräsenz manche Tür geöffnet hat: „Wenn uns die Leute auf Grund unserer Videos kennen lernen, ist das okay. Es ist heutzutage schwer genug, bekannt zu werden“, sagt Nordwind. Aber: „Beides, die Videos und die Musik, sind Teil der Band. Doch die Musik ist die Basis von allem.“ Und wenn die so gelingt wie auf ihrem neuen Album ‘Of The Blue Colour Of The Sky‘‚ lauscht man gerne auch ohne visuelle Zusatzberieslung. Nicht zuletzt, weil da wirklich Überraschendes aus den Boxen tönt: Bei Songs wie ‘Skyscrapers‘ oder ’While You Were Asleep‘ zeigt Sänger Damian

Kulash tiefste Emotionen. Aufhorchen lässt auch manches ausgefallene Arrangement und die instrumentale Experimentierfreude. Ist das die neue Ernsthaftigkeit einer vermeintlichen Spaß-Band, die aus ihrem eigenen Schatten treten will? „Wir sind auf jeden Fall erwachsener geworden. Trotzdem ist es ein Album, das absolut nach uns klingt“, erklärt Nordwind. „Es ist melancholischer als sonst, es geht um Beziehungen und den Versuch, trotz schwieriger Situationen die Hoffnung nicht zu verlieren. Aber nach wie vor braucht man auch ein bisschen Spaß in dieser Welt, finden wir.“ Stimmt, und deswegen haben sich die Jungs lustige Videos wie das zu ‘This Too Shall Pass‘ nicht nehmen lassen. Konsequent weiterentwickelt, Bewährtes erhalten – so wird’s gemacht. Text: Isabel Ehrlich Foto: Jeremy & Claire Weiss Heimat: okgo.net

Story Of The Year Evolution braucht Zeit

Schon die letzten Story Of The Year-Alben waren Manifeste des Stillstands – aber auf hohem Niveau. Und mit dem sinnigen Titel ‘The Constant‘ hält die Band die Innovations-Erwartungen an das neue Album ebenfalls niedrig. Zugegeben, es müssen nicht immer Quantensprünge sein, die eine Band von Album zu Album tragen. Der Quastenflosser ist damals auch nicht aus dem Meer gehüpft und gleich zu Fuß weiter gelaufen. Aber muss man Routine vertonen? Die Typen vom Einwohnermeldeamt nehmen beim Stempeln doch auch keine Platten auf! Story Of The Year-Bassist Adam Russell findet diese Idee befremdlich, denn innerhalb der Band hat sich natürlich einiges getan: „Ich finde, dass ’The Constant’ unser bisher abwechslungsreichstes Album geworden ist. Unser Songwriting hat sich total verändert. Im Gegensatz zu den vorigen Alben haben wir die Songs gemeinsam geschrieben.“ Die „totale Veränderung“ hat das Konzept von Story Of The Year allerdings nicht hörbar auf den Kopf gestellt. Nach wie vor verbindet die Band Post-Hardcore mit epischen

Melodien. Und nach wie vor wirkt sie damit chronisch unterfordert, denn grundsätzlich beweisen SOTY auch auf ‘The Constant‘ wieder großes musikalisches Können. Würde diese solide Haltung nicht in ständigem Widerspruch zur spektakulären Live-Präsenz stehen, wäre wahrscheinlich auch alles in Butter. Doch so riskant sich die Handstand-Überschlag-Shows von SOTY auch gestalten – es hat vier Alben gedauert, bis man auch im Studio mal den Sicherheitsgurt weggelassen hat. „’Eye For An Eye’ ist das erste Lied, das wir jemals ohne Metronom und tausend Overdubs aufgenommen haben“, erklärt Adam. „Für uns sind Platten und Live-Shows eben zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Text: Timo Richard Foto: Tim Harmon Heimat: storyoftheyear.net

SIVERT HØYEM

Mit der Fackel zum Mond

Sivert Høyem ist müde. Der Norweger hat harte Zeiten hinter sich. Und damit ist nicht die gestrige schlaflose Nacht gemeint, die ihm seine SchweinegrippeImpfung beschert hat. 2007 war ein Jahr der Schicksalsschläge für Høyem, seine damalige Band Madrugada und die Musikszene Norwegens. Innerhalb von zwei Monaten wurden sowohl Madrugada-Gitarrist Robert Burås als auch Musikerkollege Thomas Hansen alias Saint Thomas tot aufgefunden. Obendrein starb Sivert Høyems Vater. Madrugada lösten sich nach Fertigstellung ihres sechsten Albums und einer letzten Tour auf. „Es machte keinen Sinn, die Band am Leben zu halten, da Robert so ein wichtiger Bestandteil war“, kommentiert ihr Sänger rückblickend. Selbst die Gitarre an den Nagel zu hängen, kam jedoch nicht in Frage. Von wegen: „Irgend etwas ist in dieser Zeit mit mir passiert. Ich glaube, ich bin zu einem stärkeren Performer geworden, so als ob ich die Fackel für jene weitertrage, die nicht mehr unter uns sind.“

Das Ende von Madrugada setzte die kreative Energie des Fackelträgers frei für seine bis dato nur zweitrangige Solokarriere. ‘Moon Landing‘, sein drittes Werk, beschreibt er dann auch als Neubeginn. „Es fühlt sich fast wie ein zweites Solodebüt an. Vorher habe ich meine besten Stücke immer für Madrugada aufgespart.“ Der melancholische Breitwand-Sound seiner alten Band lebt in Høyems Songs unverkennbar weiter. Er selbst nennt aber auch Seventies-Rock wie T. Rex, Amon Düül oder Richard Thompson als Einfluss und betont: „Ich wollte nicht, dass dies eine düstere Platte wird. Davon hatte ich in den letzten Jahren genug.“ Wer könnte es ihm verübeln? Text: Nina Töllner Heimat: siverthoyem.com


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Serj kreierte ein neues Album

Serj Tankian Lebt sich gut als Dirigent! vor 1 Stunde

Art der Veranstaltung: Ausbildung Musikrichtung: Oper unclesallys und sueddeutsche.de sind jetzt Freunde. unclesallys Wir sagen nur: Hegemann macht’s möglich! 5 Minuten vor Redaktionsschluß

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TEST

unclesally*s magazine

TEST

VAMPIRE WEEKEND Im großen Vampir-Test

Ach ja, die Jugend: Während sich Filmpaare früher nur liebeshungrig in die Augen blickten, beißen sie sich heute in die Halsschlagader. Bei der aktuellen Vampir-Euphorie rund um „Twilight“ und Co. haben wir ganz im Sinne des Hypes gehandelt und diesen Test zusammengestellt. Wie gut, dass Vampire Weekend-Sänger Ezra Koenig entfernt mit Dracula verwandt ist. Mal sehen, ob er und Kollege Chris Baio mithilfe ihres Telefon- und 50/50-Jokers richtig abräumen.

FRAGE 1 Von wem stammt der Roman „Dracula“? A Edgar Allan Poe B Bram Stoker C Horace Walpole D Emily Jane Brontë Ezra (ohne die Antworten abzuwarten): Bram Stoker. Der war nie selbst in Transsilvanien, wo der Roman spielt. Das ist mal wieder ein klassisches Beispiel dafür, dass die Briten ihre Sehnsüchte auf osteuropäische, nicht-protestantische Völker projizieren. Wisst ihr, wer wirklich schon mal in Transsilvanien war? Meine Oma. Da kommt sie nämlich her und somit sind die Bewohner Transsilvaniens gewissermaßen meine Landsleute. Deshalb empfinde ich „Dracula“ auch als Beleidigung.

Korrekte Antwort: B

FRAGE 2 Was bedeutet „Transsilvanien“? A Durch Sylvia B Im Silbersee C Schaurige Berge D Jenseits des Waldes Ezra: „Trans“ bedeutet „durch“. „Silvan“ heißt Wald. Also muss es „Jenseits des Waldes“ bedeu-

ten. Da seht ihr es, wir haben transsilvanische Wurzeln in der Band.

Korrekte Antwort: D

FRAGE 3 An welchen Tagen sind Vampire aktiv? A Von Montag bis Freitag B Von Montag bis Samstag C Von Dienstag bis Samstag D An keinem der genannten Zeiträume Ezra: A kann es nicht sein. Ich habe schon an Samstagen mit Vampiren abgehangen, sie sind sehr aktiv an Wochenenden. Es müsste D sein.

Korrekte Antwort: D

Zur Erklärung: Ob Samstag, Sonntag oder ein anderer „Tag“ war uns bei dieser Frage übrigens komplett egal, denn: Vampire sind nachtaktiv!

FRAGE 4 Welche Band wurde durch einen Auftritt im Titty Twister im Film „From Dusk Till Dawn“ berühmt? A ZZ Top B Juliette Lewis C Tito & Tarantula D Van Andern Till Dawn

Ezra: Es ist Antwort C. Das weiß ich, denn der Sänger der Kapelle war vorher in der L.A.-Punkband Plugz, die ich gut fand. Chris: Ist das nicht die Filmszene, in der Selma Hayek tanzt? Eine tolle Szene, eine tolle Frau!

Korrekte Antwort: C

FRAGE 5 Wer hat die Hauptrolle in Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ gespielt? A Horst Panik B Max Schreck C Kurt Angst D Fritz Furcht Ezra: Das ist schwierig. Chris: Ich kenne den Film, mein Vater hat die DVD. Ich denke, es ist Max Schreck.

Korrekte Antwort: B

FRAGE 6 Vampirfledermäuse sind begabte Jäger. Welche dieser Fähigkeiten haben sie allerdings nicht? A Ihr Speichel verhindert

die Blutgerinnung

B Sie können anhand


des Atemgeräusches ein bestimmtes Tier innerhalb einer Herde wiedererkennen C Ihr Speichel enthält ein Betäubungsmittel D Sie können mithilfe ihres Geruchssinns die Tiere in einer Herde erkennen, die Tollwut haben Ezra: Ich glaube, das mit dem Speichel stimmt und tippe deshalb auf D. Was meinst du? Chris: Orientieren die sich nicht mit Ultraschall, weil sie schlecht sehen können? Ezra: Stimmt, aber sie erkennen die Tiere ja anhand des Geräusches. Das mit der Tollwut klingt erfunden, wir nehmen D.

Korrekte Antwort: D

FRAGE 7 Welcher dieser Künstler malte ein berühmtes Vampir-Bild? A Salvador Dali B Edward Hopper C Edvard Munch D Jonathan Meese Ezra: Von Munch stammt „Der Schrei“, das scheint in diese Richtung zu gehen. Hopper wird es nicht gewesen sein. Ich habe nie von einem Vampir-Gemälde von Dali gehört, aber das erscheint mir nicht unmöglich. Ich kenne Meese nicht. Lass uns den Telefonjoker einsetzen.

Als Telefonjoker kommt Promoter Sven zum Einsatz, der neben ihnen steht.

Asche mit Wasser und ließ seine Verwandten diesen Cocktail trinken D Er köpfte die Leiche und steckte den Schädel auf die Spitze des Kirchturms Ezra: Ich denke, A ist so widerlich, dass nicht mal verrückte rumänische Dörfler auf so eine Idee kommen würden. D klingt nach einem geeigneten mittelalterlichen Ritual, das nehmen wir.

Korrekte Antwort: A

FRAGE 9 Welches Gerücht über das „Twilight“-Pärchen Robert Pattinson und Kristen Stewart hat es noch nicht gegeben? A Roberts Mutter würde wollen, dass

die beiden ein Baby zusammen haben

einen Antrag gemacht

B Robert hätte Kristen am „Twilight“-Set C Robert wäre knutschend

mit Miley Cyrus erwischt worden D Kristen hätte eine Affäre mit Orlando Bloom Ezra: „Twilight“ fasziniert mich als Kulturphänomen. Ich fand beide Filme langweilig und viel zu lang. Es ist erstaunlich, dass Teenager sich Filme ansehen, die so öde sind. Aber die Bilder sind cool und Kristen Stewart ist wunderschön. Außerdem ist sie eine tolle Schauspielerin. Also, Kristen, wenn du das hier liest: Schieß diesen Versager ab! Chris: Ich tippe übrigens auf A, das klingt am wenigsten anstößig.

Korrekte Antwort: C

Sven: Ich weiß es, es ist Edvard Munch. Ezra: Dann nehmen wir Antwort C.

FRAGE 10

Korrekte Antwort: C

Im Film „Tanz der Vampire“ fürchtet Yoine Shagal nach seiner Verwandlung zum Vampir das Kreuz nicht. Wieso?

FRAGE 8

A Er ist blind B Er hat noch nie zuvor eins gesehen C Er ist in Wirklichkeit ein Werwolf D Er ist Jude

Im Jahre 2005 glaubte ein Mann im rumänischen Dorf Marotinu de Sus, dass sein toter Schwager als Vampir zurückgekehrt sei und sich nun heimlich vom Blut der Familie ernährte. Mit welchem dieser Rituale brachte er den Vampir zur Strecke?

Ezra: Yoine Shagal klingt wie ein jüdischer Name. B macht keinen Sinn. Polanski ist Jude, also nehme ich D.

A Er grub den Leichnam aus, schnitt das

Korrekte Antwort: D

Herz heraus, verbrannte es, mischte die Asche mit Wasser und ließ seine Verwandten diesen Cocktail trinken B Er nagelte den Leichnam am Sargboden fest und verbrannte alles C Er stopfte dem Leichnam einen großen Stein in den Mund, um ihn verhungern zu lassen D Er köpfte die Leiche und steckte den Schädel auf die Spitze des Kirchturms Ezra: Alle klingen so, als könnten sie stimmen. Chris: Lass uns den 50/50-Joker nehmen.

A Er grub den Leichnam aus,

schnitt das Herz heraus, verbrannte es, mischte die

FAZIT Na bitte. Da hat sich die Ivy League-Ausbildung doch richtig gelohnt. In unseren kühnsten QuizTräumen haben wir es erhofft und tatsächlich: Diese Elite-Uni-Absolventen sind wandelnde etymologische Wörterbücher - und noch viel mehr. Danke Chris, danke Ezra! Wir schenken euch acht Punkte und einen Platz an der Spitze unserer ewigen Streber-Top-Ten. Text: Christine Stiller Foto: Søren Solkær Starbird Heimat: vampireweekend.com Auch gut: „Contra“ - das neue Album von Vampire Weekend


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MUSIK STORIES

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Broken Bells Schnauze, Lübke!

Danger Mouse aka Brian Burton hat in James Mercer endlich seinen Lübke gefunden. Stimmt nicht ganz, macht aber Spaß zu schreiben. Rein äußerlich erinnert das ungleiche Paar tatsächlich an die Trickfilm-Lieblingeaus den Achtzigern, als Assistent geht in ihrer gemeinsamen Band Broken Bells aber keiner der Protagonisten durch. 2009 wurde im Nachhinein noch schnell zum Jahr der Supergroups ausgerufen. Mit The Dead Weather und dem Altherren-Zeitvertreib Them Crooked Vultures lieferten diese aber vor allem gut Abgehangenes zum Thema Classic-Rock. Broken Bells – die erste Supergroup 2010 – besteht dagegen aus zwei Protagonisten des musikalischen Fortschritts. The Shins-Sänger James Mercer und Produktions-Revolutionär und Gnarls Barkley-Hälfte Brian Burton schaffen auf ihrem Debüt nicht mehr und nicht weniger als die Fusion von Indie-Geschreddel und besoffenem HipHop. Stramme Leistung eigentlich, denn mit der gemeinsamen Band sind die Broken Bells-Mitglieder aus Ruinen auferstanden. Irgendwann im letzten Jahr ist Mercer so genervt von der Routine seiner Shins, dass er sie kurzerhand auf Eis legt. Zeitgleich verkracht sich Burton über ‘Dark Side Of The Soul‘ – sein gemeinsames Projekt mit Sparklehorse und David Lynch – so der-

Drehen am Rad: Brian Burton & James Mercer (v. links)

be mit dem Label EMI, dass das epochale Album letztendlich nur als unautorisierter Download im Netz landet. Im Gegensatz dazu macht so ein total regulärer Promo-Tag doch richtig Laune. „Es ist auf jeden Fall cool, eine Platte mal ohne Rechtsstreit veröffentlichen zu können“, grinst Burton, der juristischen Ärger schon von seinem Beatlesvs.-Jay-Z-Mash-Up ‘Grey Album‘ gewohnt ist. „Überhaupt ist es für mich unglaublich, endlich in einer ’echten’ Band zu spielen. Ich habe überhaupt keinen Bock mehr zu produzieren. Es war toll, sich mit einem Haufen Vintage-Kram im Studio

einzuschließen und einfach zu spielen“, verkündet Burton mit tiefer Bassstimme und James Mercer ergänzt: „Und wir haben mittlerweile eine fast eheähnliche Beziehung. Während der Aufnahmen habe ich bei Brian gewohnt, wir haben uns gegenseitig bekocht und sind zusammen ins Kino gegangen.“ Nur Händchenhalten war nicht, die brauchte man zum Musizieren. Text: Timo Richard Heimat: brokenbells.com

Ken

Einmal alles, bitte Es gibt ein Leben nach Blackmail – und in dem möchte Frontmann Aydo Abay nicht nur Kompromisse aushandeln, sondern vor allem eines: sich in alle Richtungen austoben. Ken – auf diesen Namen taufte der 36-jährige Kölner seine persönliche Spielwiese, auf der er seit 2001 als Strippenzieher und Koordinator dieses überaus talentierten Haufens agiert: „Ich sehe mich als Dirigent“, erklärt Aydo. „Ich kann kein Instrument spielen, aber ich habe eine gewisse Vision von Songs, die ich einbringen will. Und ich habe die perfekten Leute gefunden, die das auch umsetzen können“. Mit diesen Leuten meint er den aktuellen Kern der Band: Gitarrist Georg Brenner (sonst bei der Band Urlaub In Polen), Oliver Fries an der anderen Gitarre, Keyboarder Marcel von der Weiden, den neuen Drummer Michael Borwitzky und am Bass Blu-Noise Chef Guido Lucas. „Ich habe die Jungs einfach machen lassen und später das ausgewählt, was am besten zu meiner Stimme passt.“ Insgesamt waren sogar über 20 Musiker an der Entstehung vom neuen Album ‘Yes We Ken‘ beteiligt. Ideen gab es also im Übermaß – schwieriger war es hingegen, aus dem seit 2006 angesammelten Material eine Auswahl zu treffen: „Da waren ein paar Country-Nummern, ein paar Elektro-Nummern, ein paar Rock-Nummern... Ich habe erst beim Mix eine ungefähre Vorstellung bekommen, welchen Charakter das Album haben könnte.“ Beschreiben

Ken ihr den? Aydo Abay aus Köln.

kann er den allerdings nicht so richtig: „Es klingt, finde ich, nach einer ewigen Suche. Das war es ja auch letztlich.“ Das ist im Grunde auch in Ordnung, solange man an der Suche noch Spaß hat. Und es wäre ohnehin keine andere Herangehensweise denkbar, wenn man einen so weit gefächerten Musikgeschmack hat wie Aydo Abay - schafft er es doch, im Gespräch innerhalb von fünf Minuten von ABBA über die Fuck Buttons zurück zu Spoon und zum Dillinger Escape Plan zu kommen.

Dass die Trennung von Blackmail lange an ihm nagte, gibt er unumwunden zu: „Monatelang war das wie eine Last, die ich mit mir rumgeschleppt habe. Während der Arbeit an der Platte wurde die dann zunehmend leichter.“ Und der grenzwertige Titel des Albums musste genau deswegen so sein: „Als der mir eingefallen ist, markierte das für mich den Punkt, an dem ich mich davon befreit gesehen habe. Seitdem konnte das Album gar nicht mehr anders heißen!“ Text: Robert Goldbach Foto: Jennifer Eberhardt Heimat: myspace.com/yesweken


?!

MIT: AUF DER COUCH

MATT SKIBA

(Alkaline Trio)

Matt Skiba, 33-jähriger Frontmann des Punkrock-Dreizacks Alkaline Trio, surft nicht nur regelmäßig auf den Wellen des Pazifiks, sondern auch über die Berge und durch die Täler seines eigenen Lebens. In den vergangenen 18 Monaten hatte Skiba diverse harte Schicksalsschläge zu verkraften, die aber weder seinen Mut, noch seine Zuversicht oder den unerschütterlichen Glauben an das Gute trüben konnten. Hier ein paar seiner Tipps, wie man auch in harten Zeiten den Kopf über Wasser behält. Matt, als ihr vor rund einem Jahr das letzte Mal auf Tour wart, machtest du nicht den Eindruck eines glücklichen und ausgeglichenen Typen. Was war los? Unser Schlagzeuger Derek und ich hatten keine gute Zeit. Wir beide verloren Freunde und standen kurz vor der Scheidung von unseren Frauen. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir das halbwegs unbeschadet überstanden haben, denn so normal es scheint, dass sich Ehepaare scheiden lassen, so bitter ist es, das selbst durchstehen zu müssen. So eine Scheidung ist nicht nur schlimm, sie ist WIRKLICH schlimm. Sich von der Person zu trennen, in die man einst verliebt war, ist deprimierend und schrecklich. Wenn man aber versucht, die Situation als Lernprozess und schmerzliche, aber nötige Erfahrung zu betrachten, kann man aus den eigenen Fehler noch was lernen . Was hat dir geholfen, über die Scheidung hinwegzukommen? In meinem Fall ausgiebiges Motorradfahren, Surfen und Fallschirmspringen in Kombination mit ein paar chemischen Substanzen und Alkohol, aber das soll nicht als universal gültiger Kummerkiller verstanden werden. Viel wichtiger ist es, sich auf sich selbst zu konzentrieren und herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist. Was rätst du Leuten, die einen Freund oder ein Familienmitglied verloren haben? Zunächst einmal glaube ich, dass der Tod nicht das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Das Schlimmste wäre, unglücklich zu sterben. Und ich weiß, dass meine Freunde zufriedene Menschen waren, die ein erfülltes, gesegnetes Leben hatten, bevor sie von uns gingen. Damit sind sie mir und hoffentlich vielen anderen Vorbild und Inspiration, das eigene Leben zu genießen und alles dafür zu tun, es mit Sinn und Verantwortung zu füllen. Was, wenn man eben nicht glücklich, zufrieden und ausgeglichen ist und somit auch kein gutes Vorbild sein kann? Natürlich durchläuft jeder auch mal eine dunkle, schwere Phase und Leid ist elementarer Bestandteil des menschlichen Daseins. Ich glaube zwar nicht an

Gott oder den Teufel, aber ich glaube daran, dass jedem von uns Gut und Böse innewohnen und uns die Natur mit Kräften und Mitteln ausgestattet hat, unsere Dämonen zu besiegen. Wir sollten also immer und zu jedem Zeitpunkt positiv denken und uns darüber bewusst sein, wie gut es uns geht, denn wir haben die Kontrolle über unser eigenes Leben. Wenn du Probleme hast – löse sie oder bitte andere um Hilfe. Es gab auch in deinem Umfeld ein paar Menschen, denen nicht mehr geholfen werden konnte, die sich selbst das Leben nahmen. Stimmt, das ist natürlich doppelt bitter, weil man offensichtlich als Freund versagt hat. Aber ich respektiere die Entscheidung der Person, denn sie war mit Sicherheit die Folge eines langen Leidens gewesen und wurde nicht aus einem Affekt heraus getroffen. Unser Job besteht darin, die Erinnerung an sie zu wahren.

FAZIT Matt Skiba, der ewige Optimist. Der mit einem beneidenswerten Maß an positiver Energie ausgestattete Motorradfreak verwandelt jede Not in eine Tugend. Mit seiner ansteckenden Energie und Lebensfreude ist der smarte Riese nicht nur Identifikationsfigur für alle Alk3-Fans, sondern ein Vorbild für jeden, dem das Leben schon mal ein Bein gestellt hat. Text: Flo Hayler Foto (im Bild): Erik Weiss Heimat: alkalinetrio.com Auch gut: „This Addiction“ - das neue Album von Alkaline Trio


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MUSIK STORIES

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LIARS

Unter Lügnern Ein Winterabend in Berlin. Die Liars haben bereits einen achtstündigen Interviewmarathon hinter sich. Kein Wunder, dass den Dreien nicht der Sinn danach steht, zum x-ten Mal ihr neues Werk „Sisterworld“ zu sezieren. Gitarrist Aaron Hemphill, intellektuell und scharfzüngig, scheint lieber über Rosenzucht und FassbinderFilme plaudern zu wollen. Sänger Angus Andrew lässt seinen australischen Spaßvogel-Charme spielen. Und Drummer Julian Gross ist zu sehr damit beschäftigt, alles zu bemalen, was ihm in die Hände fällt, um längere Wortbeiträge zu liefern. Eine lustige Runde also. Unterstellt man den Herren allerdings, sie hätten wieder einmal ein Konzeptalbum abgeliefert, sollte man sich warm anziehen. Angus wird ernst: „Wir ziehen es definitiv vor, Platten zu machen, die als Ganzes einen Sinn ergeben. Aber wir fühlen uns unwohl mit dem Begriff ‘Konzeptalbum’. Es gibt der Sache diesen intellektuellen Anstrich. Dabei geht es darum, mit der Musik ganz ursprüngliche Gefühle auszulösen.“ Beklommenheit und Verstörung, möchte man meinen, sind die Emotionen, auf die der latent gruselige Art-Noise der Liars abzielt. Ob letztere – wie einst auf ‘They Were Wrong, So We Drowned‘ – den Hexenmythos vertonen oder – wie im Fall von ‘Sisterworld‘ – in den Subkulturen von Los Angeles herumstöbern, macht dabei wenig Unterschied. Apropos L.A.: Nach Zwischenstationen in New York und Berlin sind inzwischen alle drei Liars wie-

Wo die wilden Kerle wohnen: Die Liars aus Los Angeles.

der in der Geburtsstätte ihrer Band gelandet. Was reizt sie an dieser Stadt der Oberflächen, die so gar nicht zu ihnen zu passen scheint? „Es ist ein sehr spannender Ort, voller wenig bekannter Facetten. Was L.A. wirklich ist, lässt sich nicht festmachen“, findet Angus. Aaron ergänzt: „Im Vergleich zu New York ist L.A. offener, wilder.“ Durch den gemeinsamen Wohnort sei das Trio bei der letzten Albumproduktion auch wieder enger zusammengerückt. „Wir haben beieinander übernachtet…“ – „…uns

gegenseitig Nägel und Haare gemacht…“ – „…füreinander gekocht, zusammen im Garten Unkraut gejätet…“ Na klar. Wie der Bandname schon andeutet: Nicht alles, was die Jungs einem so auf die Nase binden, ist für bare Münze zu nehmen. Aber es sei ihnen vergönnt. Der Tag war schließlich lang. Text: Nina Töllner Heimat: liarsliarsliars.com

Lonelady

Meine Straße, mein Zuhause, mein Block Der Mensch wird zweifelsohne durch seine Umwelt geformt. Und Manchester ist nicht der schlechteste Ort, um musikalische Prägung zu erfahren. Kaum eine britische Stadt verfügt über mehr popkulturelle Relevanz als Manchester. ‘Factory Records’, The Smiths, The Fall, Joy Division und der legendäre Haçienda Club - die Liste von Institutionen und Bands, die das Gefühl der Stadt maßgeblich beeinflusst haben, ist lang. Ein Großteil dessen ereignete sich allerdings, als Julie Campbell alias Lonelady noch nicht einmal geboren war. „Zugegeben, ich sehne mich nach einem Manchester, das es heute nicht mehr gibt. Ende der Siebziger gab es eine spezielle Naivität. Bands veröffentlichten ihre Musik zum ersten Mal selbst und es gab mehr Platz für Individualität, mehr Substanz.“ Für sie selbst ist der Mythos Manchester zur Inspiration geworden. Ihre Musik ist von The Fall beeinflusst - spartanisch, düster und direkt. Ihr Debütalbum ‘Nerve Up‘ bewegt sich zwischen Elektro und Gitarrenmusik, die Songs werden gleichermaßen aus dem Verstärker und dem Computer generiert. „Für die meisten Frauen ist gerade akustische Gitarrenmusik DER Einstig ins Musikgeschäft“, glaubt Lonelady, die sämtliche Rock’n’Roll-Manierismen genauso merkwürdig findet wie schüchterne FolkMädchen.

Elegant und geheimnisvoll: Lonelady aus Manchester.

Sie als Alpha-Mädchen zu bezeichnen, wäre aber falsch. Erfolg findet sie befremdlich. Unausweichliche Bekanntheit wie im Falle der Arctic Monkeys? ein Alptraum! An Selbstbewusstsein mangelt es ihr jedoch nicht. Vorproduziert hat sie ihr Album in Eigenregie in einem Hochhaus im Herzen Manchesters und dabei den Kontakt zur Außenwelt streng gemieden. „Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich in ein schickes Studio in London einzumieten“, bekräftigt sie, denn der Rest von ‘Nerve Up‘ fand seine Vollendung in einem heruntergekommen Baurelikt aus den Achtzigerjahren - einem jener Flecken,

an dem der unsanierte Charakter ihrer Heimatstadt noch hervorblitzt. „Diese Industriebunker sind Symbol dessen, was mich mit der Stadt verbindet. Leider werden sie immer mehr ausgelöscht.“ Für die Architektur mag das zwar gelten. Doch musikalisch hat Lonelady ihrer Stadt ein weiteres Denkmal gesetzt. Text: Ina Göritz Foto: Rebecca Miller Heimat: lonelady.co.uk

TOURDATEN AUF DEN SEITEN 44-46


Neulich Beatsteaks

28.1.10 Berlin - Magnet Club

Benefizkonzert zugunsten von Ärzte ohne Grenzen

Man konnte es kaum glauben, als die ersten Meldungen durchsickerten: die Beatsteaks spielen im (ca. 350 Menschen fassenden) Berliner Magnet Club? Außer der Reihe, einfach so? Nicht ganz. Die Lust in einem kleinen Rahmen mal wieder live zu spielen und das Erschrecken über die Katastrophenbilder, die in den letzten Januar Tagen über die Bildschirme flimmerten, ergaben eine Kombination, die die Beatsteaks auf die Bühne des Magneten und die kompletten Einnahmen des Konzertes in die Kasse der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ beförderte. Doch zunächst wurde den Fans einiges abverlangt. In eisiger Kälte mit Schneesturm eine der heißbegehrten Karten zu ergattern, war wirklich eine Herausforderung (wir haben das da oben mal festgehalten). Der dann folgende Konzertabend dürfte aber für alle Frostbeulen entschädigt haben. Die Bierflaschen klimpern und die Stimmung ist spitze. Kurz nach zehn eröffnen die fünf schließlich unter Jubelexzessen mit „Summer“ die Show. Als sich irgendwann die Sicherung verabschiedet und die Band etwas stumm auf der Bühne steht, übernimmt eben das Publikum. Mit ganz viel Liebe in der Kehle singen die Anwesenden einfach selbst, bis der Strom wieder fließt und sie sich weiter zu Songs wie „Demons Galore“, „I Don’t Care As Long As You Sing“, dem Vaselines/Nirvana-Cover „Molly’s Lips“ oder „Teenage Kicks“ von den Undertones vor lauter Euphorie die Knochen matschig tanzen können. Nach etwa anderthalb Stunden beenden die schweißnassen Protagonisten ihre Show schließlich in der zweiten Zugabenrunde mit „Let Me In“ und alle Anwesenden wissen wieder, was sie so vermisst haben. Fotos: Frank Abel

KONZERTFOTOS OF DEATH Ihr geht doch alle auf Konzerte. Und macht dabei - Fotos? Die wollen wir sehen. Und prämieren. Denn an dieser Stelle küren wir die „Konzertfotos Of Death“ - egal, ob mit Handy oder der Digitalen geschossen. Schickt uns euer Konzertfoto inklusive Namen der geknipsten Band/Person, Ort, Datum und zwei Sätzen dazu, wie’s so war, auf dem Konzert. Entweder per Mail an sallys@sallys.net oder aber ihr ladet euer Foto ganz einfach auf sallys.net hoch. Da könnt ihr dann auch die Fotos der anderen bestaunen und euren Senf dazugeben. Die besten, schrägsten und lustigsten aus den letzten Wochen zeigen wir euch hier: Jamie T 14.2. Hamburg – Grünspan Geknipst von: Deez

Ein spaßiges Konzert mit einem gut gelaunten Jamie! Und am Ende gab es sogar eine Circle Pit.

Deichkind 12.12.09 Dresden - Eventwerk

Final Prayer 28.8.09 Berlin - Cassiopeia

Geknipst von: Paulemaule

Geknipst von: Mlandsmann

Boah! Das war so krass! Sektdusche, Wodka, Zitzen.. das ganze Programm! Danke an die Crew vom Deich! Ach ja, das was PorkyvCodex da gerade trinkt, ist glaube ich Wodka…

Wer schon mal im Cassiopeia war, weiß, dass es immer ein Garant für Stage Diving, Schweiß und Action ist. Hier der Beweis mit Felix von Final Prayer.

Enter Shikari 13.1. Hamburg - Markthalle Geknipst von: Deez

Dieses Mal verbrachten die Bandmitglieder einen besonders großen Teil der Show im Publikum.


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PRÄSENTIERT

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Präsentiert TOUR DES MONATS.

BLOOD RED SHOES Im Jahr 2007 langweilte sich niemand so schön wie die Blood Red Shoes. Mit ihrer Single „It’s Getting Boring By The Sea“ klagten sie über die Tristesse des südenglischen Seebads Brighton und markierten damit gleichzeitig offiziell ihre Aufnahme in den erlesenen Kreis der britischen Indie-Gemeinschaft. Dabei erbrechen sie allerdings nicht die ewig gleichen Indie-Brit-Rock-Bröckchen wie viele ihrer Landsleute, sondern schaffen sich eine eigene Spezialmischung aus Indie und Punk. Auch wenn die schöne LauraMary Carter und ihr Kollege Steven Ansell nur als Duo auftreten, zünden sie dabei mit der Intensität einer komplett bestückten Fünfertruppe – mindestens. Und wir müssen es wissen. Beim sally*sounds09 waren die beiden unsere Ehrengäste. Jetzt sind sie mit ordentlich Spielerfahrung und einer neuen Platte zurück. „Fire Like This“ ist die zweite Veröffentlichung und wird die Nachfolge von „Box Of Secrets“ antreten.

Foto: Birte Filmer

Blood Red Shoes Auf TOUR 20.3. Hamburg - Uebel & Gefährlich *** 21.3. Berlin - Maria *** 22.3. Münster - Gleis 22 *** 23.3. Köln - Gloria *** 24.3. München - Backstage Halle *** 25.3. Stuttgart - Schocken

Mit einer E-Mail an verlosung@sallys.net habt ihr die Möglichkeit, für sämtliche von uns präsentierten Shows den ein oder anderen Gästelistenplatz zu ergattern. Bitte schreibt den Namen eurer Wunschkonzert-Combo in den „Betreff“ und gebt eure Adresse an! 09.05. Düsseldorf - Zakk 10.05. Saarbrücken - Garage 11.05. Würzburg - Posthalle 12.05. Berlin - Astra

Jägermeister Rockliga 22.03. Leipzig - Werk II 23.03. Frankfurt a.M. - Batschkapp 24.03. Stuttgart - LKA Longhorn 25.03. Freiburg - Jazzhaus 26.03. München - Backstage

Jingo De Lunch

27.02. Berlin - Festsaal Kreuzberg 02.03. Frankfurt a.M. - Nachtleben 03.03. Köln - Underground 04.03. Essen - Zeche Carl

Airbourne

08.03. München - Tonhalle 10.03. Wiesbaden - Schlachthof 11.03. Stuttgart - LKA Longhorn 13.03. Berlin - Huxleys 21.03. Hamburg - Große Freiheit 36 22.03. Köln - E-Werk

Lonelady

01.04. München - Rote Sonne 02.04. Berlin - Bang Bang Club 03.04. Dresden - Altes Wettbüro

Angus & Julia Stone 26.04. Köln - Gebäude 9 27.04. München - Atomic Café 28.04. Berlin - Lido 29.04. Hamburg - Molotow

Beat!Beat!Beat!

21.05. München - Atomic Café 22.05. Ulm - Club Schilli 23.05. Stuttgart - Keller 25.05. Wiesbaden - Schlachthof 27.05. Hamburg - Molotow 28.05. Hannover - Bei Chez Heinz 30.05. Düsseldorf - Zakk

Broken Social Scene

19.05. Köln - Bürgerhaus Stollwerck 24.05. Berlin - Kesselhaus

Dendemann

28.04. Bremen - Schlachthof 29.04. Hamburg - Fabrik 30.04. Münster – Skater‘s Palace 01.05. Köln - Gloria 02.05. Heidelberg - Karlstorbahnhof 03.05. Frankfurt a.M. - Batschkapp 06.05. Stuttgart - Röhre 07.05. München - Backstage 08.05. Freiburg - Jazzhaus

Fettes Brot

30.04. Bremen - Pier 2 01.05. Bielefeld - Stadthalle 03.05. Stuttgart - Liederhalle Beethoven-Saal 05.05. München - Zenith 06.05. Wiesbaden - Schlachthof 07.05. Dresden - Alter Schlachthof 08.05. Berlin - C-Halle 10.05. Hamburg - Große Freiheit 36 11.05. Hamburg - Große Freiheit 36 12.05. Hamburg - Große Freiheit 36 12.06. Köln - Lanxess Arena 10.12. Hamburg - Color Line Arena

Florence & The Machine 26.02. Berlin - Astra

Four Dead In Ohio 12.03. Berlin – Rosi’s 13.03. Hamburg - Molotow

Ohrbooten

09.04. Neuruppin - JFZ 10.04. Brandenburg - HDO 22.04. Potsdam - Waschhaus 23.04. Cottbus - Gladhouse 24.04. Zossen - E-Werk 06.05. Erfurt - Gewerkschaftshaus 08.05. Mühlheim - Ringlokschuppen 09.05. Schweinfurt - Stattbahnhof 11.05. Zossen - E-Werk 12.05. Heidelberg - Halle 02 14.05. Soest - Kulturhaus Alter Schlachthof 15.05. Aachen - Musikbunker 18.05. Marburg - KFZ 22.05. Konstanz - Kulturladen 23.05. Reutlingen - FranzK

Lostprophets

14.04. Wiesbaden - Schlachthof 18.04. Berlin - C-Club 19.04. Hamburg - Markthalle 21.04. Köln - Live Music Hall 22.04. München - Theaterfabrik

Montreal

13.03. Düsseldorf - HDJ 03.04. Rüsselsheim - Rind 04.04. Aachen - Jakobshof 24.04. Hammelburg - Wasserhaus 14.05. Aalen - Schuhfabrik 15.05. Immerhausen - Akku

Pennywise

25.04. Saarbrücken - Garage 26.04. Hamburg - Markthalle 27.04. Berlin - SO36 02.05. München - Werk


Foto: Erik Weiss

Reverend Horton Heat 27.03. Köln - Essigfabrik 28.03. Berlin - C-Club 01.04. Hamburg - Grünspan

Saosin & Aiden

03.04. Hamburg - Grünspan 06.04. Berlin - C-Club 12.04. Stuttgart - Röhre 14.04. Köln - Luxor

Black Rebel Motorcycle Club Was ist denn so toll an denen? Nachdem sie Suffkopp Jago endlich losgeworden sind, sitzt jetzt eine Spitzenbraut hinterm Schlagzeug. Geht außer mir da noch wer hin? Das kann euch eigentlich egal sein. Heute Abend könnt ihr endlich auch mal Papi mitnehmen. So wird’s enden: Ihr werdet euch schwören, morgen nach langer Zeit mal wieder Gitarre zu üben.

Black Rebel Motorcycle Club AUF TOUR State Radio

17.03. Stuttgart - Kellerklub 18.03. Köln - Werkstatt 20.03. Lingen - Alter Schlachthof 21.03. Hamburg - Knust 23.03 Berlin - Maschinenhaus 25.03. München - 59:1 28.03. Wiesbaden - Schlachthof 30.03. Dortmund - FZW

Stompin‘ Souls

10.04. Stuttgart - Beatclub 11.04. Wiesbaden - Schlachthof 12.04. Bielefeld - Stereo 13.04. Kiel - Pumpe

2.5. Hamburg - Markthalle *** 3.5. Köln - Essigfabrik *** 4.5. Berlin Postbahnhof *** 5.5. München - Backstage 14.04. Münster - Amp 15.04. Düsseldorf - Ratinger Hof 17.04. Berlin - Magnet

The Intersphere

01.03. München - 59:1 03.03. Frankfurt a.M. - Sinkkasten 04.03. Bremen - Treue 05.03. Lübeck - Riders Café 06.03. Berlin - Magnet 08.03. Hamburg - Logo 09.03. Köln - Werkstatt

10.03. Krefeld - Kulturrampe 11.03. Osnabrück - Kleine Freiheit 12.03. Erfurt - Museumskeller 13.03. Wolfsburg - Hallenbad (Kino) 26.03. Marburg - KFZ 10.04. Hofheim - Jazzkeller

The Soft Pack

01.03. Köln - MTC 06.03. Hamburg - Grüner Jäger 07.03. Berlin - Zapata

The Temper Trap

SMOKE BLOW Was ist denn so toll an denen? Das Aussehen. Nach einem guten Jahrzehnt im Hardcore hat bei Smoke Blow noch keiner graue Haare. Außer dem Werwolf im Backdrop natürlich. Geht außer mir da noch wer hin? Klar! Oder habt ihr schon mal einen Boxer alleine im Ring stehen sehen? So wird’s enden: Wahrscheinlich auf der Bahre des Kollegen vom Roten Kreuz oder vor Gericht, sollte eure Anzeige wegen Beleidigung Erfolg haben.

Smoke Blow Auf Tour 25.3. Berlin - Festsaal Kreuzberg *** 26.3. Leipzig - Conne Island *** 27.3. Chemnitz - Bunker *** 10.4. Bochum - Matrix *** 16.4. Hamburg - Fabrik *** 17.4. Osnabrück - Kleine Freiheit *** 23.4. Karlsruhe Substage *** 24.4. München - 59:1

27.02. Berlin - Postbahnhof 28.02. Köln - Gloria 02.03. München - Atomic Café 03.03. Frankfurt a.M. - Batschkapp

Trash Talk/Rolo Tomassi 03.04. Hamburg - Hafenklang 04.04. Berlin - Magnet 05.04. Köln - Underground 07.04. München - Ampere

Turbostaat

19.03. Leer - JUZ 20.03. Solingen - Cobra 09.04. Flensburg - Volxbad 15.04. Wilhelmshaven - Kling Klang 16.04. Osnabrück - Kleine Freiheit 17.04. Aachen - Musikbunker 18.04. Schweinfurt - Stattbahnhof 20.04. Weinheim - Café Central 21.04. Koblenz - Circus Maximus 22.04. Erfurt - Centrum 23.04. Magdeburg - Sackfabrik


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PRÄSENTIERT

Foto: Erik Weiss

Turbostaat (Fortgesetzt) 24.04. Dresden - Groove Station 07.05. Bochum - Bahnhof Langendreer 08.05. Gießen - Muk 09.05. Erlangen - E-Werk 10.05. Wiesbaden - Schlachthof 12.05. Saarbrücken - Garage 13.05. Düsseldorf - Zakk 14.05. Leipzig - Conne Island 15.05. Berlin - Astra 16.05. Rostock - Mau Club

unclesally*s magazine

08.03. Stuttgart - Theaterhaus 2 09.03. Köln - Essigfabrik 10.03. Münster - Cineplex 11.03. Dortmund - Dietrich-Keuning-Haus 12.03. Herford - X 13.03. Oldenburg - Cäciliensaal 14.03. Celle - CD Kaserne 15.03. Düsseldorf - Stahlwerk 23.03. München - Muffathalle 24.03. Erlangen - E-Werk 25.03. Kassel - Nachthallen 26.03. Osnabrück - Rosenhof 27.03. Berlin - Postbahnhof 28.03. Hamburg - Große Freiheit 36 29.03. Kiel - MAX 30.03. Lüneburg - Vamos! Kulturhalle 31.03. Bremen - Schlachthof 01.04. Lingen - Theater an der Wilhelmshöhe

T-Mobile Extreme Playgrounds 25.4. Duisburg Line-Up: Bad Religion, AFI, Sum 41

Wilwarin Festival

19.03. Berlin - Lido 02.04. Chemnitz - AJZ Talschock 03.04. München - Muffathalle

4.6.-5.6. Ellendorf Line-Up: Talco, Movits!, Orange Goblin, Egotronic, The Freeze, Jaya The Cat u.a.

Yeasayer

Open Flair

Zoot Woman

07.05. Köln - Bootshaus 10.05. Leipzig - Zentraltheater 11.05. Dresden - Beatpol

Events Rock’n’Roll Wrestling Bash 05.03. Köln - Gloria 10.04. Berlin - SO36 22.05. Hamburg - Knust 04.09. Braunschweig - Walhalla Skatehalle

TKKG - „Das volle Paket mit dem Totenkopf“ 05.03. Wuppertal - Rex Theater 06.03. Augsburg - Reese Theater 07.03. Frankfurt a.M. - Batschkapp

FRANK TURNER

Festivals

Underoath

28.02. Köln - Luxor 09.03. Hamburg - Knust 10.03. Berlin - Postbahnhof 11.03. München - 59:1

Im Tourbus mit:

13.8.-15.8. Eschwege Line-Up: 3 Feet Smaller, Bela B., Broilers, Fettes Brot, Jan Delay & Disko Nr.1, Levellers, Livingston, Monsters Of Liedermaching, SkaP, Skindred, The Gaslight Anthem, The Hives, Therapy?, TOS, Turbostaat, Wir Sind Helden u.a.

Highfield Festival

20.8.-22.8. Störmthaler See in Großpösna/ Leipzig Line-Up: Placebo, Blink 182, NOFX, The Gaslight Anthem u.a.

Roskilde Festival

1.7.-4.7. Roskilde/ Dänemark Line-Up: Boban I Marko Markovic Orkestar, Céu, Choc Quib Town, Dulsori, C.V. Jørgensen, Converge, Dizzy Mizzy Lizzy, Muse, NOFX, Pavement, Schlachthofbronx, Serena-Maneesh, Shantel & Bucoina Club Orkestar, Sólstafir, The Kissaway Trail, Valient Thorr, Wooden Shjips, Them Crooked Vultures, Motörhead, Gallows, Jack Johnson u.a.

Derzeit tourt Frank Turner im Vorprogramm von Flogging Molly in den USA, in Kürze eiert sein Bandbus wieder quer durch Deutschland. Sollte die Reisegruppe Turner mal auf der A1 liegen bleiben, kann zumindest einer technische Notfallversorgung leisten. Aber dieser eine ist nicht Frank... Wer hat die Macht über die Musik, die im Bus läuft? Eigentlich entscheidet der Fahrer, aber meistens stöpselt jeder Mal seinen iPod ein. Auf unserer aktuellen Tour durch Amerika, versuchen wir jeweils die passende Band zum kommenden Tour-Stop zu hören. Auf unserem Weg nach Gainsville, Floria, lief beispielsweise die ganze Zeit Tom Petty. Womit verbringst du sonst die Zeit im Bus? Meistens lese ich, derzeit ein Buch über die politischen Säuberungen in der UdSSR in den Dreißigerjahren - erschreckend. Oft gucke ich auch Filme oder Serien, „The Wire“ oder „Sopranos“. Momentan versuche ich aber, ein bisschen zu arbeiten und mein Tourtagebuch sowie neue Songtexte zu schreiben. Weißt du, wie man im Notfall Reifen wechselt? Ich weiß noch nicht mal, wie man fährt! Deshalb bin ich auch nicht der Richtige, wenn es technische Schwierigkeiten gibt. Unser Bassist betreibt allerdings einen Bandbus-Verleih und weiß alles, was man über Motoren wissen muss. Welche Tour-Gewohnheiten hast du deiner Mutter bisher verschwiegen? Sie hat keine Ahnung, wie viel ich trinke, und sie wäre unglaublich sauer, wenn sie es wüsste! Auf Tour zu sein, ist einem Leben als Teilzeit-Alkoholiker manchmal gar nicht so unähnlich.

We Were Promised Jetpacks Was ist denn so toll an denen? Das schottische Rrrrollen. Geht da außer mir noch wer hin? Na klar, und wisst ihr was liebe Mädels? Es sind vor allem Jungs. Wer schon mal das Biffy Clyro-Publikum abgescannt hat, weiß, dass man sich hier auf ähnlich attraktive Burschen freuen darf. Und Jungs - wir spielen euch hier gerade in die Karten... So wird’s enden: Nicht mit leeren Händen, sondern einem Date, einem neuen Facebook-Freund, einer Telefonnummer...

Mit welchem Essen liegt man an Raststätten immer auf der sicheren Seite? Auf Tour gesund zu bleiben, ist wirklich eine Herausforderung. Sandwiches sind eigentlich immer die beste Wahl. Aber Tag für Tag das gleiche zu essen, wird irgendwann auch langweilig. Hauptsache man achtet darauf, dass ab und zu ein bisschen Grünzeug dabei ist. Wer war der schrägste Typ, den ihr auf Tour kennengelernt habt? Eigentlich treffen wir jeden Tag massig schräge Leute. Ich habe mal ein paar Konzerte mit einem Typen namens The Clown gespielt. Er kam aus New Orleans und hatte sich das Clown-Make-Up der Einfachheit halber gleich ins Gesicht tätowieren lassen. Er spielte Gitarre und klang wie Tom Waits. Unglaublich cooler Typ, eigentlich.

We Were Promised Jetpacks AUF TOUR

FRANK TURNER AUF TOUR

18.4. Hamburg - Knust *** 20.4. Münster - Gleis 22 *** 21.4. Köln Werkstatt *** 22.4. Wiesbaden - Schlachthof *** 23.4. Dresden - Beatpol *** 24.4. Berlin - Lido

29.3. Stuttgart – Universum *** 30.3. Wiesbaden – Schlachthof *** 31.3. Düsseldorf – Zakk *** 1.4. Hamburg - Uebel & Gefährlich *** 3.4. Bremen - Lagerhaus


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MIX

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25 Jahre Suzuki Swift 25 Jahre Rock am Ring

Ein Konzertwochenende in der Eifel, ein Jahr voller Fahrkomfort

T-Mobile Extreme Playgrounds Saisoneröffnung

Wie gut, wenn man gemeinsam Geburtstag feiern kann. Da wird die Party umso besser – vor allem, wenn sie auf dem Nürburgring steigt. Rock am Ring und Suzuki Swift werden beide 25 Jahre alt, und ihr habt die Möglichkeit, euch auf www.suzuki-rockamring.de als Rock am Ring-Insider zu bewerben. Experte zu sein lohnt sich, denn 25 Teilnehmer gewinnen zwei Tickets* für Rock Am Ring 2010 inklusive eines komfortablen Stellplatzes für ihr Zelt*.

verbrauch: innerorts 7,4 l/100km, außerorts 4,9 l/100km, kombiniert 5,8 l/100km; CO2-Ausstoß kombiniert 140 g/km (80/1268(EWG)) für ein Jahr zu einer extrem günstigen Leasingrate*.

Außerdem gibt es je einen streng limitierten Swift „25 Jahre Rock am Ring“ 3-Türer (Kraftstoff-

*Alle relevanten Informationen zu dem Angebot und der Bewerbung gibt es unter suzuki-rockamring.de

Das Swift Sondermodell in elegantem Schwarzmetallic verfügt außerdem über ein MP3-fähiges CDRadio, eine Klimaanlage, ABS, ESP sowie sechs Airbags.

Am 25. April ist es wieder soweit. Die internationale BMX- und Mountainbike-Elite reist nach Duisburg, um dort auf der lehmigen Buckelpiste die spektakulärsten Tricks im MountainbikeSlopestyle und BMX Dirt Jump zu präsentieren. Wer bei so viel Waghalsigkeit nicht gerade mit dem Augenzuhalten beschäftigt ist, darf Fahrern wie dem 23-jährigen Dirt-Weltmeister Anthony Napolitan aus den USA, seinem Landsmann und X Games-Gewinner Rob Darden oder dem deutsche Meister im BMX Dirt Jump von 2008, Markus Hampl, fest die Daumen drücken.

Bad Religion Natürlich wäre die Veranstaltung ohne das livemusikalische Line-Up nicht komplett. Bei dieser Ausgabe der T-Mobile Extreme Playgrounds wird euch mit Aufritten von Bad Religion, AFI und Sum 41 ein sattes Punkrock- und Alternative-Programm geboten. Also zugeschlagen - Tickets gibt es unter t-mobile-playgrounds.de

- und vor allem: weitersagen. Ein glücklicher Gewinner kann das bald mit dem Sony Ericsson W395 erledigen, das wir auf sallys.net verlosen. Dieses schicke Handy verfügt unter anderem über eine 2-Megapixel Kamera, ein 1 GB Memory Stick Micro sowie Stereo-Lautsprecher.

T-Mobile Extreme Playgrounds Mountainbike Slopestyle & BMX Dirt Jump Live: Bad Religion, AFI, Sum 41 25.4. Landschaftspark Duisburg-Nord Tickets unter: t-mobile-playgrounds.de

Smirnoff Experience Werdet Veranstalter

Puzzeln macht Spaß. Bei der „Smirnoff Experience Berlin“ schiebt ihr allerdings keine öden Pappteilchen zusammen, sondern bestimmt selbst ein Party-Line-Up. Was wir bisher wissen: Die Sause steigt am 23. April in Berlin, als Headliner sind die Elektro-PopVirtuosen von Simian Mobile Disco gebucht. Doch weder Club, DJs, noch der zweite Live-Act stehen fest. Deshalb sind eure Party-Sensoren gefragt! Unter smirnoffexperienceberlin.com könnt ihr noch bis zum 13. März das perfekte Unterhaltungsprogramm für diesen Abend zusammenstellen, zwischen Bands wie WhoMadeWho, These New Puritans oder Metronomy wählen, die DJs aussuchen und die Spielstätte festlegen. Außerdem dürft ihr am Ende auch noch euer eigenes schickes Pla-

kat entwerfen, um die Sause gebührend anzukündigen. Darüber, wer den besten Vorschlag eingereicht hat, wird per Online-Voting entschieden. Die beste Party wird mit einem Budget von 150.000 Euro umgesetzt und der siegreiche Veranstalter an diesem Abend majestätisch gefeiert.

Smirnoff Experience Berlin 23.4. mit Simian Mobile Disco u.a. Teilnahme und weitere Infos unter smirnoffexperienceberlin.com


Rock’n’Roll Wrestling Bash Zeit für große Gefühle

Wer liebt das nicht?! Muskulöse Männer in engen Höschen werfen sich grunzend übereinander, die Knochen bersten, das Kunstblut spritzt. Beim Rock’n’Roll Wrestling Bash gibt’s all das und noch viel mehr – zum Beispiel kampfbegleitende Live-Musik, Metal und so, zu der sich die Wrestler getreu dem Motto „License To Thrill“ schnaubend bewegen. In guter, alter mexikanischer Lucha Libre-Tradition sind die wahren Identitäten der Kämpfer streng geheim und hinter Masken verborgen. Wer diesem skurrilen Ereignis beiwohnen möchte, ist an diesen Tagen herzlich dazu eingeladen! Infos: rockandrollwrestlingbash.org

Rock’n’Roll Wrestling Bash auf Tour 5.3. Köln – Gloria *** 10.4. Berlin – SO36 *** 22.5. Hamburg – Knust *** 4.9. Braunschweig – Walhalla Skatepark

Dockville

Sommerplanung für frühe Vögel Vom 13. bis 15. August findet das „Dockville Festival“ auf der Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg statt, Karten dafür gibt es schon heute – zum Frühbucherrabatt. Das Line-Up für den Festivalhybriden aus Kunst und Musik steht zwar bislang nur in Ansätzen, doch mit ein bisschen Vertrauen in die Veranstalter greift ihr heute schon für 39 Euro (zzgl. drei Euro VVK-Gebühr) zu. Diese Tickets sind auf 3.000 Stück limitiert, ihr bekommt sie vor Ort in Hamburg zum Beispiel in der Hanseplatte (Neuer Kamp 32) oder online unter shop.dockville.de. Bisher bestätigte Bands sind unter anderem Therapy?, Frittenbude, Bratze, Jupiter Jones und Slime. Alle Künstler unter euch sind auch zur frühen Planung aufgerufen: Bis zum 15. März läuft die Ausschreibung für künstlerische Beiträge aus allen Disziplinen. Ziel ist es, unter dem Motto „Recreation“ mit künstlerischen Mitteln den Festivalraum neu zu gestalten. Alle wichtigen Infos findet ihr natürlich online unter dockville.de

Jupiter Jones


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KINO

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Berlinale 2010 Feieralarm!

Double Tide

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin wurden 60 Jahre alt und luden zur großen Sause. Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und haben mal alle Party-Komponenten auf Berlinale-Tauglichkeit abgeklopft.

Randale:

Gästeliste:

Was wäre ein rauschendes Fest ohne die richtige Party-Crowd? Jury-Präsident Werner Herzog wachte gutmütig über seine Kolleginnen Cornelia „Die Badehose“ Froboess und Renée Zellweger, in der VIP-Lounge tummelten sich derweil Leonardo DiCaprio, Ben Stiller, Gérard Depardieu und Shah Rukh Khan. Allerdings hätten ein paar HollywoodDiven mehr den Glamourfaktor durchaus gehoben.

Shutter Island

My Name Is Khan

Knutschen:

Voll von erotischem Flirren präsentierte sich „Plein Sud“ von Sébastian Lifshitz im Panorama. Das Roadmovie über vier junge Leute knisterte zwar konstant, eröffnete mit einer unglaublichen Tanzsequenz, verlor dann letztlich doch einiges an Schwung. Mitreißend hingegen gab sich „Joy“ von Mijke de Jong in der Sektion Generation 14plus. Die Suche eines jungen Mädchens nach ihrer leiblichen Mutter überzeugte durch grandiose Bilder und tolle Darsteller. Ebenso bewegend wie verstörend auch „Caterpillar“ von Koji Wakamatsu, die Geschichte eines Mannes, der ohne Arme und Beine aus dem Krieg zurückkehrt und von seiner Frau gepflegt werden muss. Da entwickelte sich jeder Kuss zu einem perfiden Machtkampf und einem gnadenlosen Kommentar gegen den Krieg.

Kunterbunt treibt es Streetart-Godfather Banksy und sorgt mit seinem filmischen Farbtupfer „Exit Through The Gift Shop“ für den notwendigen FeelGood-Vibe im Festivalprogramm. Auch Julianne Moore, Annette Bening und Mark Ruffalo lassen zum alten The Who-Leitspruch „The Kids Are All Right“ die Korken knallen und überzeugen in der wundervollen Tragikkomödie mit partytauglichem Wortwitz, Charme und Esprit. Da kommt definitiv Festtagsstimmung auf.

Kater:

Alkohol:

Welche Folgen übermäßiger Genuss von Spirituosen haben kann, zeigte Thomas Vinterberg in „Submarino“: Zwei Brüder wachsen am sozialen Rand der Gesellschaft bei ihrer alkoholkranken Mutter auf. Jahre später ist einer Ex-Knacki, der andere Junkie; das war dann doch etwas zu viel Dramatik. Die desinfizierende Wirkung des Alks hingegen macht sich der im Rollstuhl sitzende Ben in Dietrich Brüggemanns „Renn, wenn du kannst“ zunutze, als er sich nach einem Unfall eine Schnittwunde von seinem Zivi Christian nähen lässt. Ein mehr als gelungener Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino.

Jede erinnerungswürdige Party hat auch ihre dunklen Momente. So begibt sich die 17-jährige Ree im hervorragenden Trailer-Trash-Drama „Winter’s Bone“ verzweifelt auf die Suche nach ihrem Vater, Sibel Kekilli dürstet es als „Die Fremde“ nach Freiheit und Selbstbestimmung, während „Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg permanent seiner eigenen Todessehnsucht entgegenläuft. Das drückt inhaltlich zwar ein wenig auf die Stimmung, bleibt dafür aber im Gedächtnis haften wie Rotweinflecken im Teppich. Allesamt sehenswert!

Konfetti:

Büffet:

Beim Eröffnungsfilm „Tuan Yuan“ wurde mehr gegessen und weniger emotional agiert. Keine raffinierte, aber dennoch grundsolide Vorspeise. Als gute Basis für den Partymarathon dienten wieder cineastische Köstlichkeiten aus der ganzen Welt, darunter das dänische Wettbewerbs-Highlight „En Familie“ von Pernille Fischer Christensen mit einem backenden Patriarchen, im Forum begleitete Sharon Lockhart in „Double Tide“ eindrucksvoll eine Muschelsammlerin an der Küste von Maine, und im Berlinale Special ließ Doris Dörrie „Die Friseuse“ unbekümmert futtern.

Werk „Howl“, für dessen Obszönität er Ende der Fünfzigerjahre vor Gericht stand. Seine halluzinativen Verse wirken im gleichnamigen Film auch heute noch besser als jede Partydroge. Feierstimmung kam außerdem zur Rap-Mucke im sehenswerten Dokumentarfilm „Neukölln Unlimited“ auf, in dem drei Kinder einer libanesischen Familie mit der Kraft der Musik um behördliche Anerkennung kämpfen.

Jud Süß

If I Want To Whistle

Renn, Wenn Du Kannst

Musik:

Etwa zur Geburtsstunde der Berlinale, und damit einer Feier zum 60. Wiegenfest des Festivals durchaus würdig, veröffentlichte der US-amerikanische Genie-Dichter Allen Ginsberg sein bekanntestes

Selbstverständlich kommen auch die Feierlichkeiten anlässlich des 60. Geburtstages der Berlinale nicht ohne die obligatorischen Kopfschmerzen am Tag danach aus. Im diesjährigen Festivalprogramm drückten vor allem Roehlers Film „Jud Süß“ und Zhangs Beitrag „San Qiang Pai An Jing Qi“ unangenehm auf die Hirnlappen. Die reichlich beknackte „Jud Süß“-Sexszene mit Gudrun Landgrebe treibt einem die pure Fremdschamesröte ins Gesicht, während die Darsteller bei Zhang wirken wie ein Mix aus zerschroteten Berghain-Druffis und der Gummibärenbande auf Crack. So viel Salzhering kann man gar nicht essen, damit die Kopfschmerzen verschwinden. Und mit Pech findet man auch noch Kotzflecken auf dem roten Teppich.

Geschenke:

Mit einem Goldenen Bären als Gastgeschenk durfte der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu für seinen Film „Bal“ nach Hause gehen. Reich beschenkt wurde auch der russische Beitrag „How I Ended This Summer“ (mit Bären für die Hauptdarsteller und dem Kameramann) sowie „If I Want To Whistle I Whistle“ aus Rumänien (mit dem Großen Preis der Jury und dem Alfred-Bauer-Preis). Als Beste Darstellerin wurde die Japanerin Shinobu Terajima für „Caterpillar“ geehrt, während der Regie-Bär an jemanden ging, der die Geburtstags-Einladung hatte ausschlagen müssen: Roman Polanski für „Der Ghostwriter“. Text: Cornelis Hähnel & Daniel Schieferdecker

Bal


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Alter Mann auf Abwegen Mel Gibson im Interview

KINO

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Hat Erfahrung im Rauswinken: Mel Gibson.

Seit „Signs“ war Mel Gibson in keiner Kino-Hauptrolle mehr zu sehen, nun meldet sich der einst bestbezahlte Schauspieler der Welt mit dem Actionthriller „Auftrag Rache“ zurück. Die Ereignisse der letzten Jahre – Alkoholprobleme, eine unschöne Scheidung und andere Skandale – haben ihn, wie sich sowohl auf der Leinwand als auch im Interview sehen lässt, ordentlich altern lassen. Darüber sprechen wollte er nicht, sondern konzentrierte sich lieber auf Themen wie Selbstjustiz und sein Comeback. Mr. Gibson, Ihre letzte Hauptrolle liegt gut acht Jahre zurück. Ist „Auftrag Rache“ also ein Comeback? Na ja, das wird jetzt immer geschrieben, aber für mich fühlt es sich nicht so an. Es ist ja nicht so, dass ich in all der Zeit vollkommen weg vom Fenster war. Im Gegenteil, ich war sogar ganz gut beschäftigt, vor allem mit meinen beiden Regiearbeiten „Die Passion Christi“ und „Apocalypto“. Auf jeden Fall schienen Sie das Interesse an der Schauspielerei verloren zu haben... Hatte ich auch. Aber wenn man lange genug wartet, kommt die Lust irgendwann auch zurück. Ist doch mit allem so: wenn du jeden Tag Trüffel isst, hängen sie dir auch mal zum Hals raus. Aber einmal im halben Jahr ist das in Ordnung. Damals, vor sieben oder acht Jahren, hat mich der Job gelangweilt und ich fürchtete, dass es meinem Publikum ähnlich gehen würde. Nun schien mir die Zeit reif für eine Rückkehr – und das Drehbuch zu „Auftrag Rache“ war dafür bestens geeignet. Und keine Sorge: Danach habe ich noch einen weiteren Film gedreht und im März steht schon der nächste auf dem Programm. Lassen Sie sich denn nach all den Erfahrungen als Regisseur noch gerne von jemand anderem inszenieren? Oder mischen Sie sich mehr ein als früher? Das hat sich schon ein bisschen mehr verändert. Wobei das, glaube ich, ganz natürlich ist, wenn man als Schauspieler im Laufe der Zeit auch öfter mal seine Meinung sagt. In diesem Fall hatte ich den Eindruck, dass Martin Campbell meinen Input zum Drehbuch durchaus zu schätzen wusste. Zumindest erschien mir die Zusammenarbeit immer

freundlich und harmonisch, schließlich wollte ich ihm nicht reinpfuschen. Vielmehr kann ich mich heutzutage besser in die Aufgaben von Regisseuren und Produzenten hineinversetzen, weswegen ich sogar noch mehr Respekt vor ihnen habe.

eine Vergeltungstat war alles, was er wollte. Den Kerl konnte ich sehr gut verstehen, auch wenn ich selbst bezweifle, dass ich das auch tun würde. Aber wer weiß; wenn es um meine Familie geht, kann ich diesbezüglich nichts beschwören.

Viele Actionstars und –helden der Achtzigerjahre wurden in den letzten Jahren reaktiviert. Wie sieht’s aus mit „Mad Max“ und „Lethal Weapon“? Ich bin sicher, dass die auch wiederkommen werden. Aber nicht mit mir, so verzweifelt bin ich nicht. Ist doch tragisch, wenn man sich mit „Rambo 8“ selbst zu Grabe tragen muss, oder?

Interview: Patrick Heidmann

Gerechtigkeit und Vergeltung sind immer wieder wichtige Themen in Ihren Filmen. Warum eigentlich? Dürstet es nicht jeden nach Gerechtigkeit? Es gibt nur dieser Tage viel zu wenig davon. Sonst würden all die Banker und Manager momentan in ihren Firmen die Böden wischen statt weiter an der Spitze zu stehen und Geld zu scheffeln. Geschichten, in denen man zeigt, wie jemand die Ordnung wiederherstellt und sich die Gerechtigkeit am Ende wirklich durchsetzt, machen in Zeiten wie diesen einfach Mut und kommen gut an. Selbst wenn sie manchmal vielleicht nur ein Mythos sind. In „Auftrag Rache“ geht das Hand in Hand mit Selbstjustiz. Könnten Sie sich vorstellen, auch so weit zu gehen, wenn Ihren Kindern etwas angetan würde? Das hängt natürlich davon ab, wo und wann, wie und warum. Ich habe mal ein Video gesehen von einem Mann, der den Mörder seiner Tochter erschossen hat. Er hat sich sofort nach der Tat ergeben, diese

Auftrag Rache Thomas Craven (Mel Gibson) ist ein altgedienter Detective der Mordkommission von Boston. Der Besuch seiner Tochter endet in einer Katastrophe: Ein Maskierter lauert Craven auf, schießt und flieht. Emma stirbt in den Armen ihres Vaters. Voll Trauer und Wut macht sich der Cop auf die Jagd nach dem Täter. Dabei stößt er auf Geheimnisse in Emmas Leben und immer mächtigere Gegner. „Auftrag Rache“ (ab 11.3.), ein Update der BBC-Serie „Edge of Darkness“ ist ein solider Polit- und Actionthriller. Und da laut Drehbuch Ökoaktivisten Freaks sind, Kriege wahre Männer nicht verändern und das Alte Testament die einzige Rechtsgrundlage von Belang darstellt, ist (ein sichtlich gealterter) Mel Gibson wohl die Idealbesetzung. Text: Christian Stein


Seite 52

KINO

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Schwerkraft

auf der Überholspur

First Step Award 2009, Max Ophüls Preis-Abräumer 2010: Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Schauspielerin und einen Sonderpreis Schauspiel für Fabian Hinrichs. Bei so vielen Vorschusslorbeeren wird man skeptisch, doch Maximilian Erlenweins Debüt hat den Applaus wahrlich verdient. Stilsicher und mit viel Feingefühl inszeniert er seine Gangster-Tragikomödie und beweist, dass auch der deutsche Film genretauglich ist. Die Geschichte des gelangweilten, angepassten Bankangestellten, der - nachdem sich ein Kunde vor seinen Augen erschießt - beginnt, sich in einer Spirale der Kriminalität zu verlieren, ist ebenso clever wie unterhaltsam. Immer die Balance von Situationskomik und unterschwelliger Tragik haltend, zeigt Erlenwein den Abstieg seines Protagonisten und schafft es dabei, Sympathien und Verständnis aufrecht zu erhalten. Durch das packende Spiel aller Figuren, die großartig fotografierten Bilder und die präzisen Dialoge ist „Schwerkraft“ (ab 25.3.) ein Unterhaltungsfilm im besten Sinne, ohne dabei zu leicht zu sein. Text: Cornelis Hähnel

Nora von Waldstätten im Interview

Schon 2009 gewann Nora von Waldstätten den New Faces Award (für einen beeindruckenden „Tatort“-Auftritt), 2010 wird nun endgültig das Jahr der Österreicherin. Mit einem Preis beim Max Ophüls-Festival ging es los, nun kommen mit „Parkour“ und „Schwerkraft“ gleich zwei beeindruckende Filme mit ihr ins Kino. Und demnächst folgt auch noch das Terroristen-Drama „Carlos, der Schakal“ vom französischen Regisseur Olivier Assayas. Nora, „Parkour“ und „Schwerkraft“ sind beide Regiedebüts. Spürt man einen Unterschied, ob hinter der Kamera ein alter Hase oder Neuling steht? Nicht zwingend. Gerade Erstlingsregisseure haben meistens ja auch das Drehbuch selbst geschrieben, was die Sache sehr spannend macht, denn dann ist der Film ganz und gar ihr Baby. Sie sind oft wahnsinnig engagiert und motiviert – und auch sehr mutig. Ich genieße das sehr und finde, man sollte keine Scheu haben, jungen Regisseuren zu vertrauen. Zumal man sich ja immer im Vorfeld kennen lernt und schnell merkt, ob die eigene Phantasie mit der des Regisseurs zusammenkommt.

Ist es dann nicht fast langweilig, anschließend Figuren zu spielen, die weit weniger abgründig sind? Ich verändere mich einfach wahnsinnig gerne und liebe es, mich in neue Dimensionen und Welten vorzuarbeiten. Das große Geschenk dieses Berufes ist ja, dass man sich auf solche Reisen begeben darf. Dabei birgt jede Rolle ihre Herausforderungen. Bei der Hannah in „Parkour“ etwa fand ich es ganz toll, diesen – wenn man so will – wesentlich gesünderen Charakter zu konstruieren. Natürlich hat sie auch ein Schicksal und eine Vergangenheit, aber erst einmal ist sie eben eine ganz andere Baustelle als etwa damals Victoria.

Auf welchen Wegen näherst du dich einer Rolle an? Für alle meine Figuren schreibe ich mir immer eine Biografie. Zu jeder Rolle, die ich bisher gespielt habe, gibt es ein Moleskine-Notizbuch, das ich immer mit am Set habe und manchmal auch im Nachhinein noch in die Hand nehme. Bei manchen Figuren ist das wirklich eine große Reise, auf die ich mich begebe. Auf den „Tatort“ zum Beispiel habe ich mich zwei Monate lang intensivst vorbereitet. Ich musste so viele Dinge ausloten: Zu wem betet sie, welche Musik hört sie, woran denkt sie vor dem Einschlafen? Über all diese Aspekte habe ich mich in die Rolle hinein gearbeitet.

Fällt es dir leicht, Rollen abzulehnen? Ja, das ist ein sehr wichtiger Aspekt dieses Berufes. Man sollte wissen, wohin man möchte und was man selbst gut findet. Und lernen, wie man Drehbücher liest. Man muß seine eigene Instanz bleiben und darf nicht aus Nervosität oder Unsicherheit Kompromisse machen. Mein oberstes Kriterium ist immer die Frage: Welche Geschichte ist wichtig genug, erzählt zu werden? Man steckt so viel Lebenszeit und –saft rein, da soll es sich auch lohnen. Interview: Patrick Heidmann

Parkour Zum Hype wurde die Sportart Parkour vor ein paar Jahren, als selbst James Bond und seine Gegner von Dach zu Dach sprangen und Kräne hochkletterten. Jetzt ist sie auch im deutschen Film angekommen. Wobei es in gleichnamigen Film, dem Debüt von Regisseur Marc Rensing, nur am Rande darum geht, dass Richie (Christoph Letkowski) mit seinen Kumpels durch die Industriebrachen Mannheims hüpft. Viel mehr stehen nämlich seine nicht unbedingt unkomplizierte Beziehung zu Hannah (Nora von Waldstätten) und die Schwierigkeiten mit der Selbständigkeit als Gerüstbauer im Zentrum der Geschichte. Und vor allem geht es darum, was passiert, wenn Eifersucht die Persönlichkeit verändert und irgendwann nicht nur Lebensentwürfe zum Wanken bringt. Statt als Sportfilm funktioniert „Parkour“ (ab 11.3.) also eher als Psychodrama – und das, von einigen Schwächen im Mittelteil abgesehen, verdammt souverän und überzeugend, nicht zuletzt auf Grund der Schauspieler sowie des gelungenen Endes. Text: Patrick Heidmann


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KINO

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Anvil

Flop-Rock Sacha Gervasis Rockumentary beginnt mit einer Rückblende auf ein riesiges Stadionkonzert, das Mitte der Achtzigerjahre in Japan stattfand. Mit Bands, die Weltruhm erlangten und Millionen von Platten verkauften sollten wie Whitesnake, Bon Jovi oder die Scorpions. Nur einer der damals anwesenden Bands blieb der große Erfolg leider bis heute verwehrt: Anvil. Obwohl die Gruppe um Steve „Lips“ Kudlow und Robb Reiner Anfang der Achtziger mit „Metal On Metal“ einen veritablen Rockhit im Gepäck hatte und mit ihren ersten beiden Alben selbst gestandene Rock-Ikonen wie Slash von Guns N‘Roses oder Lars Ulrich von Metallica maßgeblich beeinflusst hat, hat es der Metal-Gott nicht sonderlich gut mit ihnen gemeint. Lips fährt mittlerweile Essen aus und Robb arbeitet auf dem Bau. Lemmy Kilmister von Motörhead bringt es gleich am Anfang der Dokumentation auf den Punkt: Es kommt im Rock-Geschäft vor allem darauf an, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und das waren die beiden wohl einfach nicht. Regisseur Gervasi, selbst Anvil-Fan der ersten Stunde und ehemaliger Roadie der Band, hat Lips und Robb drei Jahre lang begleitet: Er hat die Gruppe bei einer verkorksten Europatour gesehen, war dabei, als sie für ein neues Album eine Plattenfirma gesucht haben und hat grandioses Archivmaterial aufgetrieben. Vor allem der langjährigen Verbindung zwischen Filmemacher und Band scheint es geschuldet

Some kind of monster: Robb Reiner (Anvil)

zu sein, dass man als Zuschauer wirklich nah an die beiden Protagonisten herankommt und die beiden Sympathieträger trotz (oder gerade wegen) der vielen Misserfolge schnell in sein Herz schließt. Dabei ist der Film nicht nur eine längst überfällige Verneigung vor dem musikalischen Schaffen der Band geworden, sondern vor allem das, was der Untertitel verspricht, nämlich „Die Geschichte einer Freundschaft“. Denn wie die beiden in die Jahre gekommenen Rocker trotz der unzähligen Fehlschläge unbeirrbar an ihrem Traum festhalten, sich gegenseitig stützen und stets neu motivieren, davor kann man als Außenstehender

nur den Hut ziehen. Selten hat man so sehr mitgefühlt mit einer Band, deren Enthusiasmus auch nach einer knapp 30-jährigen Karriere voller Fehlschläge immer noch ungebrochen scheint. Anvil sind beileibe nicht die erfolgreichste Band der Welt, aber spätestens nach „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“ ist klar, dass sie eine der sympathischsten Kapellen der Welt sind. Und das sollte doch auch irgendetwas wert sein, oder? Text: Daniel Schieferdecker Kinostart: 11. März 2010

Ein Prophet Böse Zellen

Der qualitativ hochwertige Gefängnisfilm erlebt gerade eine rege Renaissance. Sei es die brachiale Pop-Explosion „Bronson“ des Dänen Nicolas Winding Refn, das beklemmende IRA-Gefängnis Drama „Hunger“ des britischen Künstlers Steve McQueen, Uwe Bolls Kammerspiel „Siegburg“ oder der kontroverse Blick in den Jugendknast bei „Picco“ von Philip Koch: Das Genre zeigt sich so spannend und komplex wie lange nicht mehr. Auch die französische Produktion „Ein Prophet“ beschäftigt sich mit dem Geschehen hinter den Gitterstäben und das mit größter Intensität. Der 19-jährige Malik El Djebena (Tahar Rahim) muss für sechs Jahre in den Knast, die dortige soziale Hierarchie wird von der korsischen Mafiagruppe und ihrem Anführer Cesar Luciano (Niels Arestrup) bestimmt. Der ahnungslose Malik muss schnell spüren, dass man sich ihrem Einfluss nicht entziehen kann. Um unter ihrem Schutz zu stehen, muss Malik einen Insassen töten – oder er wird selbst umgebracht. In seiner Ausweglosigkeit begeht Malik den Mord und wird so zum Protegé der Gruppe, auch wenn er nie die volle Akzeptanz von ihnen bekommt. Im Laufe der Jahre steigt er in der Hierarchie nach oben und genießt immer mehr Privilegien. Doch Malik will mehr und beginnt, sein eigenes Netz der Macht zu knüpfen. „Ein Prophet“ hat bereits im letzten Jahr in Cannes den großen Preis der Jury gewonnen,

Vom Gejagten zum Jäger: Tahar Rahim in „Ein Prophet“.

Hauptdarsteller Tahar Rahim wurde für seine Rolle mit dem Europäischen Filmpreis prämiert. Wie Rahim in seiner ersten Hauptrolle die Wandlung vom verängstigten Neuling zum abgebrühten Player spielt, ist in der Tat nicht nur von erstaunlicher Finesse, sondern auch einfach verdammt glaubwürdig. Überhaupt: Glaubwürdigkeit ist der große Pluspunkt des Films, auch wenn sie nicht realistisch sein muss. Und doch ist man überzeugt, dass es so im Gefängnis ablaufen kann. Bandenkriege, Intrigen, Korruption, all das scheint trotz großer Dramatik mehr als wahrscheinlich. Gerade die behutsame, unaufgeregte und elegische Erzählweise (Regisseur Jacques Audiard nimmt sich dafür satte 150 Minuten Zeit) lässt den

Zuschauer dem Protagonisten folgen, begleitet seinen Aufstieg, der letztlich ein Abstieg ist, den Wandel seiner moralischen Überzeugung. Eben diese Zerrissenheit, die Simultanität von Fatalismus und Kampfesgeist und das Wissen um die Unmöglichkeit des unversehrten Absitzens, ja, letztlich des unabänderbaren Schicksals, lassen „Ein Prophet“ zu einer schonungslosen und genauen Charakterstudie werden. Ein Blick auf die Verlockung der Macht, auf die destruktive Kraft der Hackordnung und den verzweifelten Kampf um das Überleben. Text: Cornelis Hähnel Kinostart: 11. März 2010


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KINO

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Jerry Cotton

Cotton ermittelt, Decker begleitet

Eigentlich ist es erstaunlich, dass seit den Sechzigerjahren niemand mehr auf die Idee gekommen ist, die aus den Groschenromanen bekannten Fälle des FBIAgenten Jerry Cotton zu einem Kinofilm zu verarbeiten. 1954 wurde die Figur einst in Deutschland erfunden und war eigentlich als Persiflage auf amerikanische Krimis gedacht. Die in der Ich-Form geschriebenen Heftchen avancierten zum Kult: Eine europaweite Auflage von rund einer Milliarde der mittlerweile 2.700 Romane und 400 Taschenbücher spricht da eine deutliche Sprache. In die Rolle des Titelhelden schlüpft in dieser Neuauflage Christian Tramitz, der die Gratwanderung zwischen feiner Stilisierung, leiser Selbstironie und einer glaubwürdiger Ernsthaftigkeit perfekt spielt. Und auch der Fall, den er hier zu lösen hat, hat es in sich, ist Cotton doch selbst in ihn verwickelt. Die interne Dienstaufsicht beschuldigt den Helden unter den New Yorker FBI-Beamten, sowohl seinen ehemaligen Partner als auch den Gangsterboss Sammy Serrano (Moritz Bleibtreu) umgebracht zu ha-

ben. Jetzt machen die eigenen Leute Jagd auf Cotton, der in einem Wettlauf gegen die Zeit auch versuchen muss, den wahren Mörder zu finden. Sein neuer Partner Phil Decker (mal wieder als sympathischer Trottel: Christian Ulmen) ist ihm dabei nur bedingt eine Hilfe. Das „Wixxer“-Regieduo Cyrill Boss und Philipp Stennert inszeniert das Abenteuer des Jaguar-Fahrers ebenso smart wie rasant in einem lässig-coolen Stil jenseits jeglicher Peinlichkeit, wenngleich man auf das Schwäbeln von Heino Ferch gut hätte verzichten können und Monica Cruz hier etwas zu offensichtlich als Double für ihre berühmte Schwester herhalten muss. Text: Dirk Lüneberg Kinostart: 11. März 2010

Crazy Heart

Der gebrochene Countrystar

Der ehemalige Country- und Westernstar Bad Blake (Jeff Bridges) tourt mit 57 Jahren durch die amerikanische Provinz. Bad tritt in Bowlinghallen und Bars auf säuft, raucht und ist für gewöhnlich bei seinen Auftritten sternhagelvoll. Zwischendurch taumelt er dann von der Bühne, um mal kurz in einen Blecheimer zu kotzen. Für diese brillante Performance bekam Bridges („The Big Lebowski“) bereits einen Golden Globe – und hoffentlich beschert ihm diese Anti-Heldenrolle endlich auch den wohlverdienten Oscar. Denn Bridges ist so gut, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes gemacht als gepöbelt, gesoffen und gesungen. Erst als Bads Manager ihm endlich einen Job im Vorprogramm von Superstar Tommy Sweet (Colin Farrell) beschafft, scheint es wieder aufwärts zu gehen. Zudem tritt die rund 20 Jahre jüngere Journalistin Jean (Maggie Gyllenhaal, ebenfalls Oscar-nominiert), in Bads Leben.

te eines Country-Altstars. Die Story basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Cobb und steckt voller Scheitern und voller Musik. Bridges singt zudem alle Songs s elbst, und wenn er am Ende wieder zur Gitarre greift und mit leiser aber rauer Stimme komponiert, ist es im Kinosaal ganz still, denn er singt so aufrichtig wie er spielt. Was vielleicht auch daran liegt, dass alle Songs aus den Federn von Ryan Bingham und Grammy-Gewinner T-Bone Burnett stammen, der schon Soundtracks für „Walk the Line“ und „O Brother Where Art Thou?“ lieferte. Absoluter Lieblingssong aller Kinogänger ist ab sofort jedenfalls ohne Frage „The Weary Kind“.

Regisseur Scott Cooper liefert mit seinem Debütfilm „Crazy Heart“ die leise und tiefgründige Geschich-

Text: Karola Kostede Kinostart: 4. März 2010

Männer, die auf Ziegen starren Make Love, Take Peace

Diese Geschichte ist so abstrus, dass sie wohl tatsächlich wahr ist: In den Achtzigerjahren soll es eine geheime Militäreinheit gegeben haben, mit der das Pentagon eine ziemlich alternative Form der Kriegsführung erforschte – und zwar den Kampf mit übersinnlichem New-Age-Hokus-Pokus und hippiesker Gewaltlosigkeit. Zum Repertoire dieser Truppe gehörte beispielsweise die Überzeugung, durch Wände laufen oder Ziegen mit einem intensiven Starrblick töten zu können. Nachdem Journalist Jon Ronson über diese angeblich wahre Begebenheit sein Buch „Durch die Wand“ veröffentlichte, hat Regisseur Grant Heslov nun den Film dazu gedreht. „Männer, die auf Ziegen starren“ schildert die Ereignisse aus der Sicht des Reporters Bob Wilton (Ewan McGregor), der zufällig den Soldaten Lyn Cassady (George Clooney) in einer Hotelbar kennen lernt und sofort eine ganz große Story wittert.   Viel gewonnen ist bereits über die Besetzung der Psycho-Krieger, von deren ernster Sonderbarkeit McGregor einfach an die – oder sogar durch? – die Wand

gespielt wird. Clooney muss dafür kaum mehr tun, als schnurrbärtig einmal mehr den herrlich entrückten Blick zu reaktivieren, den er schon in Filmen wie „O Brother, Where Art Thou“ meisterlich einsetzte – und hat dabei mindestens ebenso viel Vergnügen wie Jeff Bridges, der als spiritueller Vietnam-Veteran mit dudehafter Schlunzigkeit den kiffenden New-AgeUmarmer gibt. Doch sonderlich viel steckt letztlich nicht hinter Heslovs drollig satirischer Antikriegsklamaukerei. Im Grunde erschöpft er sich sogar weitestgehend in der Idee, das Militär mit Übersinnlichkeitsgedöns kollidieren zu lassen. Das allerdings betreibt er auf entwaffnend bescheuerte Weise. Text: Sascha Rettig Kinostart: 4. März 2010


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KINO

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Bad Lieutenant

Der Räuber

Die Fremde

Werner Herzog ist doch noch in Hollywood angekommen. Vom Autorenfilm zum Cop-Thriller – nicht schlecht! In der eher freien Interpretation von Abel Ferraras Original von 1992 schickt er Nicolas Cage als bösen Bullen auf den Trip. Lt. McDonagh trinkt, verjubelt sein Geld bei Sportwetten, bedient sich in der Asservatenkammer und ist auch sonst nicht zimperlich. Als er beauftragt wird, einen Jungen zu beschützen, der Zeuge eines brisanten Auftragsmordes wurde, findet er im Geflecht aus Lügen und Korruption keinen Ausweg mehr. Wie bei Orson Welles, der in „Touch of Evil“ den korrupten Polizisten gab und mit Fettleibigkeit kämpfte, ist auch in Cages Figur die moralische Verkommenheit physisch eingraviert; er schleppt ein Rückenleiden mit sich herum, das ihm den Look eines bulligen Geiers verleiht. Aber wo Cage groß aufspielt, lässt das Drehbuch zu „Bad Lieutenant“ (ab 25.2.) leider an Fahrt vermissen. Das Motiv vom korrupten Polizisten, der mit Drogenhalluzinationen zu kämpfen hat, hätte man lustvoller ausreizen können.

Mit seinem zweiten Film nach „Schläfer“ erzählt Benjamin Heisenberg eine auf einem wahren Fall der österreichischen Kriminalgeschichte basierende Story. Johann Rettenberger (Andreas Lust) trainiert im Gefängnis auf Hof und Laufband, um gleich nach seiner Entlassung als Marathonläufer Erfolge zu feiern. Nebenbei raubt er, der eigentlich Unterschlupf bei einer alten Bekannten (Franziska Weisz) gefunden und alle Chancen für einen gelungenen Neuanfang hat, schnell auch wieder Banken aus – und flüchtet nicht selten zu Fuß. Auf Dauer geht das natürlich nicht gut, weswegen Heisenbergs vollkommen auf Psychologisierung verzichtender Film nach ruhigem Beginn zusehends Actionpotential entwickelt. Die Verquickung der langsamen Spröde der so genannten Berliner Schule, der man den Regisseur gemeinhin zurechnet, mit waschechten Stilmitteln des Thriller-Genres hat so noch keiner vor ihm auf die Spitze getrieben, wofür „Der Räuber“ (ab 4.3.) zu Recht in den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb eingeladen wurde.

Die Deutschtürkin Umay (Sibel Kekilli) hat ihren brutalen Ehemann in Istanbul verlassen und kehrt mit ihrem Sohn Cem nach Berlin zurück. Westlich sozialisiert, will sie dort ein selbstbestimmtes Leben führen und hofft auf die Hilfe ihrer Familie. Diese ist jedoch zu stark mit traditionellen Werten verhaftet und hält dem gesellschaftlichen Druck der türkischen Gemeinde nicht stand – eine Frau, die ihren Mann verlässt, gilt dort nämlich nach wie vor als unehrenhaft und beschmutzt das Ansehen der gesamten Sippe. Eine Versöhnung scheint schwierig, aber Umay will ihre Familie nicht aufgeben. Die Vergleiche mit „Gegen die Wand“ werden – schon wegen Kekilli in der Hauptrolle – nicht ausbleiben, und zumindest die mitreißende Kraft und die Intensität des Films sind vergleichbar. „Die Fremde“ (ab 11.3.) ist ein emotional packendes Drama, das auf Grund seiner Aktualität sicherlich für Gesprächsstoff sorgen wird.

Nine

Plastic Planet

Shutter Island

Der charismatische Daniel Day-Lewis wird umringt von sehenswerten Diven à la Penélope Cruz, Nicole Kidman, Judi Dench, Marion Cotillard und Sophia Loren – und sie alle haben nichts besseres zu tun, als in einem fort zu singen und zu tanzen. Das Ganze basiert auf einer Geschichte von Federico Fellini: Ein gefeierter italienischer Regisseur stürzt in den 1960er Jahren in eine Schaffenskrise und sucht für seinen neuen Film händeringend nach Inspiration bei den Frauen in seinem Leben. In der Praxis ist „Nine“ (ab 25.2.), die Verfilmung des gleichnamigen BroadwayMusicals, immerhin ein optisches Spektakel, denn Kostüme, Kamera und Kulissen sind betörend anzusehen. Aber leider merkt man Regisseur Rob Marshall („Chicago“) noch immer an, dass er eigentlich Choreograf ist. Das wäre nicht so schlimm, wenn einen die einzelnen Nummern vom Sitz reißen würden. Hier aber hinterlassen nur Cotillard Gesang, Cruz’ Humor sowie „Be Italian“ von Black Eyed Peas-Sängerin Fergie bleibenden Eindruck.

Jährlich und weltweit werden ca. 240 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert. Eine unvorstellbare Menge potentiellen, zukünftigen Mülls. In den Ozeanen schwimmt schon heute sechsmal mehr Plastik als Plankton. Wir nehmen Plastik in uns auf, etwa durch das Trinken aus bestimmten Plastikflaschen, mit nachweisbaren Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Solche Größenordnungen und Fakten in den Raum zu stellen ist eine Sache, sie anschaulich zu machen und pointiert darzustellen, eine andere. Das gelingt Werner Boote in diesem Dokumentarfilm eindrucksvoll. Das allgegenwärtige Material spricht schon bald für sich selbst. Boote pflegt einen charmanten Interviewstil, auch mit Fürsprechern der Plastikindustrie. Ohne undifferenziert zu wirken, zeichnet der Film ein sehr beunruhigendes Bild. Einkäufe nach „Plastic Planet“ (ab 25.2.) sind anstrengend: Man irrt durch Gänge voller Alarmsignale – und greift möglichst oft zu Glas und Pappe.

Zum vierten Mal setzt Martin Scorsese auf Leonardo DiCaprio: in „Shutter Island“ (ab 25.2.) schickt er ihn 1954 als US-Marshal Teddy Daniels auf eine Insel, wo der Kriegsveteran mitsamt Partner (Mark Ruffalo) das Verschwinden einer Patientin aus einer abgeschotteten Anstalt für psychisch kranke Straftäter aufklären soll. Für den auf dem gleichnamigen Roman von Dennis Lehane basierenden, perfekt besetzten GenreAusflug ließ sich Scorsese von zweitklassigen Horrorfilmen der Vierziger und Fünfzigerjahre inspirieren. Es wimmelt von zwielichtigen Psychiatern (Ben Kingsley & Max von Sydow), grimmigen Aufsehern und an Zombies gemahnenden Insassen. Je weiter Teddy dabei, getrieben von den eigenen Dämonen, in diese Welt eindringt, desto mehr verdichtet sich der Film zur gewittrig-düsteren Irrenhaus-Odyssee. Gleichzeitig aber geht es auch hier um das Thema Gewalt und seine Folgen, womit sich auch dieser faszinierend komplexe Grusel-Abstecher bestens in Scorseses Werk einfügt.

Text: Gordon Gernand

Text: Patrick Heidmann

Text: Daniel Schieferdecker

Text: Patrick Heidmann

Text: Christian Stein

Text: Patrick Heidmann


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KINO DVD

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DVD DES MONATS Taking Woodstock (Tobis/Universal)

Als junger Mann war Elliot Tiber eine Zeit lang Präsident der Handelskammer von Bethel, einer 4.000-SeelenGemeinde im Staat New York. Die Befugnisse, die dieses Amt mit sich brachte – und natürlich sein wacher Verstand – bemächtigten den damals 34-Jährigen dazu, im Sommer 1969 The Who, Janis Joplin und Joe Cocker quasi im eigenen Vorgarten spielen zu lassen. Cooler Job. Die Geschehnisse, Erlebnisse und zwischenmenschlichen Begegnungen vor und während der dreitägigen „Woodstock Music and Art Fair“ werden für Elliot (500) Days of Summer

(20th Century Fox) Durch die Höhen und Tiefen ihrer 500 Tage dauernden Beziehung begleiten wir das Nicht-so-richtigPaar Tom (Joseph Gordon-Levitt) und Summer (Zooey Deschanel), wobei Regisseur Marc Webber munter zwischen den einzelnen Tagen, sprich: Beziehungsstadien, hin und her springt. Dieser Kniff sowie die beiden klasse aufgelegten Hauptdarsteller aus Hollywoods Geheimtipp-Ecke machen den Reiz dieser mit toller Musik beschallten Melanchomödie aus. Als Extras hat die DVD lediglich entfallene Szenen zu bieten. Text: Dirk Lüneberg

Alle Anderen

(Prokino/EuroVideo) Paarurlaub? Kann Feuerprobe oder Beziehungskiller sein. Auch Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger) gehen im gemeinsamen Sardinienurlaub in dieser traurig-komischen Beziehungsstudie durch einige Turbulenzen. Auch Maren Ades zweite Regiearbeit zeichnet sich durch eine seltene Genauigkeit aus, in der das Komische und das Schmerzhafte immer wieder sehr dicht beieinander liegen und stellt mit zwei  natürlich-großartigen Hauptdarsteller die typischen Lebensentwurfsfragen der Generation 30plus. Auf DVD geht der Urlaub in Verlängerung u.a. mit exklusiven Specials, Deleted Scenes und Kommentaren. Text: Sascha Rettig

Ashes of Time Redux

(Splendid/WVG Medien) Farben fließen wie Blut: Wong Kar Wai hat sein Schwertkämpfer-Memodram aus dem Jahr 1994 so umgeschnitten, wie es geplant war. Die Helden sind Krieger für Geld, doch geht es nur beiläufig um ihren Job, das Kämpfen. Ihre Gegner sind Zeit, Erinnerungen und wahre Liebe. In ruhigen, aber ständig bewegten Bildern passiert wenig – doch das ist überaus stimmungsvoll und farbintensiv arrangiert. Ein schöner, poetischer, fast kaligraphischer Film. Als Extras gibt es ein Making Of, Interviews mit Regisseur und Schauspielern sowie den Kinotrailer. Text: Christian Stein

zu einer Art verspäteter Coming-ofAge-Erfahrung. Ang Lee tut gut daran, gänzlich auf historisches Bildmaterial zu verzichten. Dank der Sorgfalt, mit der Regie, Ausstattung und Kostümdepartment vorgehen, sind die Bilder vom bunten Treiben auf den Straßen Bethels ohnehin kaum zu unterscheiden von jenen, die etwa Michael Wadleigh einst für seine legendäre Dokumentation schoss. Lees Ziel war es, eine vollkommen zynismusfreie Komödie über die heutzutage oft als naiv und realitätsfern beBreaking Bad – Die 2. Season

(Sony) Es bedarf zwar kaum weiterer Beweise, aber dass der Ruf des amerikanischen Fernsehens so viel besser ist als der des deutschen, liegt vor allem an Serien wie dieser. Die Geschichte des High School-Chemielehrers White, der schwer an Krebs erkrankt ist und zusammen mit einem ehemaligen Schüler synthetische Drogen herstellt, um die Familienkasse aufzubessern, ist witzig, böse, bewegend und spannend zugleich. Und vor allem fantastisch gespielt, weswegen Hauptdarsteller Bryan Cranston schon zweimal mit dem Emmy ausgezeichnet wurde. Auch die zweite Staffel ist famos, nicht nur, aber auch dank des umfangreichen Bonusmaterials. Text: Patrick Heidmann

lächelte Love & Peace-Ära zu schaffen; dieses ganz besondere Lebensgefühl, die ungezwungene Atmosphäre während dieser drei Tage auf Leinwand zu bannen, ohne die Blumenkinder von damals als hoffnungslose Idealisten bloßzustellen. Und er hat dieses Ziel erreicht. „Taking Woodstock“ blickt sehnsuchtsvoll auf diese Zeit und ihre Menschen – und feiert sie leidenschaftlich. Neben einigen Deleted Scenes und einem Making Of bietet die DVD auch zwei interessante Behind-TheScenes-Featurettes. Text: Sebastian Gosmann

Das weisse Band

(X-Verleih/Warner) „Das weisse Band“ gibt keine Antworten, gönnt uns keine Aufklärung der mysteriösen Vorfälle, die sich im Sommer des Jahres 1913 in einem kleinen protestantischen Dorf in der Uckermark zutragen. In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern porträtiert Michael Haneke jene Kindergeneration, die 20 Jahre später dem Hitlerregime die Hand reichen wird. Mit einem hervorragenden Gespann aus talentierten Kinderdarstellern und Leinwandgrößen wie Josef Bierbichler oder Burghart Klaußner im Rücken legt er die Wurzeln der Unmenschlichkeit frei. Die Doppel-DVD bietet viele Extras wie etwa ein Cannes-Special und ein Making Of. Text: Sebastian Gosmann

Der Informant!

(Warner) Steven Soderbergh hat diese auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte inszeniert; die eines spießigen Nerds als tragischer Mann, der sich als Manager zu Höherem berufen fühlt, deshalb geheime Preisabsprachen seiner Firma dem FBI meldet, sein Konstrukt aus Lügen aber bald selbst nicht mehr durchschaut. Immer aberwitzigere Kapriolen schlägt diese Hochstapler-Farce, dieses subtil inszenierte Porträt eines notorischen Lügners, den ein fast nicht mehr erkennbarer Matt Damon mit sichtlichem Spaß verkörpert. Als DVD-Extras gibt es entfallene Szenen und einen Audiokommentar.

Text: Dirk Lüneberg

Brothers Bloom

(Senator/Universum) Die Brüder Stephen und Bloom sind Trickbetrüger. Ihr Ziel ist die schöne, reiche und gelangweilte Penelope. Da ein perfekter Schwindel alle glücklich macht, soll diese zwar um ihr Geld gebracht werden, aber eine gute Zeit dabei haben. Wären nicht Blooms Gewissen und Gefühle und ein alter Erzfeind... Humorvoll inszeniert, mit genregerecht konstruiertem Plot, erinnert der Film an Gaunerfilmklassiker wie „Der Clou“, erreicht diese aber nicht ganz. Die DVD-Extras sind überschaubar: ein Trailer und Interviews mit Mark Ruffalo, Adrien Brody und Rachel Weisz. Text: Christian Stein

Chéri

(Prokino/Euro Video) Im Paris der Zwanzigerjahre soll die alternde Kurtisane Lea de Lonval (Michelle Pfeiffer) aus Chéri (Rupert Friend), dem Sohn ihrer Kollegin Madame Peloux (Kathy Bates), einen Mann machen. Doch was als kurze Liaison geplant war, entwickelt sich zu einer sechsjährigen Beziehung und echter Liebe – bis Madame Peloux eine wohlhabende Ehefrau für Chéri findet und die Hochzeit plant. Gute Schauspieler (allen voran Kathy Bates), gelungene Dialoge und tolle Kostüme können nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Chéri“ leider ein recht belangloser Film geworden ist. Daran vermögen auch DVD-Extras wie Deleted Scenes oder Making Of nichts zu ändern. Text: Daniel Schieferdecker

Best of the Rest Auch in diesem Monat erscheinen natürlich wieder viel mehr DVDs und Blurays als hier Platz haben oder überhaupt jemand gucken kann. Deswegen sei noch schnell auf ein paar weitere März-Highlights hingewiesen, von denen mancher auch schon im Kino zu sehen war. „Berlin 36“ (X-Verleih/Warner) etwa, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft im deutschen Sport unter den Nazis, die nicht durch ihre Inszenierung, aber durch Karoline Herfurth und Sebastian Urzendowsky in den Hauptrollen begeistert. Oder auch die famose schwarze Komödie „Eine Nacht bei McCool’s“ (Highlight/Paramount), die trotz Matt Dillon, Michael Douglas und Liv Tyler 2001 im Kino ziemlich unterging und nun wieder aufgelegt wurde. Und schließlich der spannende Viren-Horrorthriller „Carriers“ (Splendid) mit Chris ‘Kirk’ Pine, der wohl auf DVD ohnehin besser aufgehoben ist als auf der Leinwand. Umso hochkarätiger sind dagegen die aktuellen Heimkino-Premieren. Audrey Tautou ist in der Schweizer Beziehungskomödie „Unglaublich“ (Kinowelt) aus dem Jahre 2001 mal wieder vor allem niedlich, während Diane Kruger in dem französischen Thriller „Ohne Schuld“ (Koch Media) nicht nur im Gefängnis sitzt, sondern auch ihre bislang beste darstellerische Leistung zeigt. Und der Film, in dem es auch um große Gefühle geht, ist so packend, dass Hollywood bereits am Remake arbeitet. Furios spielt auch Michael Sheen in „Der ewige Gegner – The Damned United“ (Sony), einem komplexen und mit vielen DVD-Extras ausgestatteten Sportdrama, in dem er mal nicht Tony Blair, sondern den glücklosen Trainer von Leeds United spielt. Völlig ohne große Namen, aber dafür mit betörenden Naturbildern wartet die preisgekrönte schwule Liebesgeschichte „Redwoods“ (Pro-Fun) auf, die ganz auf Ruhe und Emotionen setzt. Davon kann in „Lesbian Vampire Killers“ (Koch Media) keine Rede sein, denn natürlich setzt die britische Horror-Komödie, bei uns auf den Fantasy Filmfest gefeiert, vor allem auf Blut, Bier und sexy Frauen. Text: Patrick Heidmann

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Die Bucht

(EuroVideo) Dieser preisgekrönte Dokumentarfilm ist ein Thriller, grausam, aufrüttelnd und nichts für schwache Nerven. Ric O’Barry war Trainer von „Flipper“. Der Delfin eroberte damals die Herzen der Menschen, doch hinter den heutigen Delfinarien steckt eine gigantische geldhungrige Industrie. „Die Bucht“ liegt in der japanischen Stadt Taiji, und O’Barry heuerte einen kleinen Trupp an, um die unsauberen Machenschaften des Delfinfangs unter größtmöglichem, persönlichen Einsatz wie in einem Krimi aufzudecken. Diese spannende Tour de Force wird mit rund einer Stunde an Bonusmaterial (Interviews & Dokumentationen) angereichert. Text: Elisabeth Nagy

Orphan

(Kinowelt) Groß ist der Wunsch nach einem dritten Kind bei Kate (Vera Farminga) und John (Peter Sarsgaard), wobei eine Fehlgeburt das Ehepaar eine Adoption versuchen lässt. In einem Waisenhaus treffen sie auf die wohlerzogene und zurückhaltende Esther (Isabelle Fuhrman), die sich nach dem Einzug bei der Familie aber vom Unschuldsengel zum Satansbraten wandelt. Sorgfältig erzählter Soft-Schocker, der über durchweg tolle Schauspieler verfügt und glücklicherweise auf jegliche Ausgeburt-des-TeufelsKonstruktion verzichtet. Auf DVD gibt’s dazu Interviews, entfallene Szenen, ein alternatives Ende und mehr. Text: Dirk Lüneberg

Schattenwelt Die Entführung der U-Bahn Pelham 123

(Sony) Das Original von 1974 ist ein Klassiker, was Tony Scott nicht davon abgehalten hat, die Entführung einer U-Bahn nach allen Regeln seiner Actionkunst neu aufzubereiten. Dabei konzentriert sich Scott auf die beiden Hauptdarsteller. Nur Denzel Washington als Fahrdienstleiter mit Vergangenheit und John Travolta als schurkisch-böser Widersacher machen den Film dann auch sehenswert, denn erwartungsgemäß bekommt man von Scott kein Sozialdrama. Die DVD des Remakes ist mit Audiokommentaren von Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten und einem Making Of ausgestattet. Text: Elisabeth Nagy

(Salzgeber) Der ehemalige RAF-Terrorist Widmer (Ulrich Noethen) wird nach 22 Jahren aus der Haft entlassen und muss lernen, sich in einer ihm fremd gewordenen Welt neu zurechtzufinden. Schnell trifft er auf die geheimnisvolle Valerie (Franziska Petri) und fühlt sich zu ihr hingezogen – nicht ahnend, dass sie die Tochter eines seiner früheren Opfer ist. Verstörend, authentisch, reduziert und packend hat Regisseurin Connie Walther ihren Film inszeniert, in dem es bei der Auseinandersetzung der deutschen RAFVergangenheit ausnahmsweise um die Seite der Opfer geht. Interviews und zusätzliche Szenen runden das Ganze ab. Text: Daniel Schieferdecker

The Box Edge of Love

(Koch Media) Vera (Keira Knightley) gewährt im Krieg ihrer Jugendliebe Dylan (Matthew Rhys) Unterschlupf in ihrem kleinen Appartement – samt Ehefrau Caitlin (Sienna Miller). Der narzisstische Poet findet schnell Gefallen daran, die zwei Frauen um sich kämpfen zu lassen. Monochrome Bilder werden durch animierte Sequenzen aufgebrochen, die einzelnen Szenen mehr unheilvolle Tiefe verleihen.  Die Biografie des walisischen Schriftstellers Dylan Thomas zeigt brüchige Figuren, die nicht in der Lage sind, geradlinig zu handeln, was „Edge Of Love“ zu einem authentischen Drama um Liebe und Freundschaft macht. Auf DVD mit Making Of. Text: Jochen Barthel

(Constantin/Highlight/ Paramount) Jedermanns Geschmack waren die Filme von Richard Kelly („Donnie Darko“) noch nie, und auch „The Box“ wird vielen wieder wirr, öde oder schlimmer erscheinen. Uninteressant aber ist die Geschichte eines Ehepaars, das in den Siebzigern ein seltsames Angebot bekommt, nicht. Sie müssen einfach nur auf einen mysteriösen roten Knopf drücken. Dafür gibt’s eine Million Dollar – und ein ihnen völlig fremder Mensch stirbt. Vom Look über die Moral-Frage bis hin zur Besetzung mit Cameron Diaz und Frank Langella hat das Mysterydrama das Potenzial zum Kultfilm, und bietet auf DVD zusätzlich Interviews und anderen Featurettes. Text: Jonathan Fink

Toy Story 1 & 2 Julie & Julia

(Sony) Auch wenn sie in jüngerer Vergangenheit nicht gerade in Kassenschlagern mitspielte, strahlt Meryl Streep stets aus ihren Filmen heraus – ob es sich um ein albernes Musical wie „Mamma Mia“ handelt oder nun um Nora Ephrons „Julie & Julia“. Denn was eigentlich kaum mehr als eine konventionelle Selbstfindungskomödie über die Koch-Experimente einer Bloggerin (Amy Adams) wäre, wird durch Streeps Auftritt als legendäre Köchin Julia Child mit Hingabe, ausgeprägtem Mutterkomplex und schrägem Organ zum köstlichen Vergnügen. Als Bonusnachtisch bietet die DVD ein Making Of und ein Audiokommentar. Text: Sascha Rettig  

(Walt Disney) Rechtzeitig vor dem Kinostart von Teil Drei in diesem Sommer erscheinen die ersten beiden Abenteuer um Woody und Buzz Lightyear auf Blu-ray. Animationsfilme aus dem Computer sehen im hoch auflösenden Format meist besonders gut aus, da bilden auch die „Toy Story“-Filme keine Ausnahme. Die Bildqualität ist also top. Allerdings sieht man vor allem Teil Eins sein Alter an, der nach heutigen Maßstäben recht detailarm wirkt. Den hohen Unterhaltungswert des Films schmälert das allerdings nicht. Die Fortsetzung kann diesbezüglich sogar noch eins drauflegen. Mit umfangreichen, teilweise neu produzierten Extras. Text: Peter Meisterhans

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KINO DVD

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Kult

30 Rock – Season 2 (Universal)

„30 Rock“ und Alec Baldwin haben einander einiges zu verdanken: Indem er als angedickter TVProduzent zum komischen Ereignis in Tina Feys Comedy-Serie wurde, brachte er mit explodierenden Beliebtheitswerten noch einmal unerwartet Bewegung in seine Karriere. Nun erscheint hierzulande endlich die zweite Staffel von „30 Rock“, die aber auch ohne Baldwin eine höchst komische TV-Wahnsinn-Sitcom voll lächerlicher Eitelkeiten, Nerdismus, Backstage-Chaos wäre. Die DVD bietet eine Fülle von Bonusmaterial - von einer „30 Rock“-Live-Performance bis zu verpatzten Szenen. Text: Sascha Rettig

Boston Streets

(Ascot Elite) Boston ist scheinbar, so suggerieren es dutzende Filme, ein heißes Pflaster. In diesem Krimidrama, an dem auch „New Kid“ Donnie Wahlberg mitschrieb, geht es um zwei Jugendfreunde, die auch als Familienväter noch Gaunereien für den Kiezpaten übernehmen. Was der Story an Originalität fehlt, machen in dieser DVD-Premiere von Regisseur und Schauspieler Brian Goodman die genauen Beobachtungen und Milieuschilderungen wieder wett. Von den Darstellern (Ethan Hawke, Amanda Peet und vor allem Mark Ruffalo) ganz zu schweigen. Schade nur, dass die DVD ganz ohne Specials auskommt. Text: Jonathan Fink

Two Lovers

(Senator/Universum) Leonard (Joaquin Phoenix) hängt nicht gerade an seinem Leben. Immer wieder versucht er zu fliehen – entweder in den Tod oder auch nach San Francisco. Aber wovor eigentlich? Vor der Zukunft? Seinen Eltern? Sich selbst? Leonards Ge-

fühlswelt bricht sich an dem Zwiespalt zwischen der Aussicht auf ein bodenständiges Leben mit Sandra (Vinessa Shaw) und einem ständigen Abenteuer mit Michelle (Gwyneth Paltrow). Der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Diese Adoleszenzgeschichte eines Mittdreißigers ist nicht überzeichnet, sondern gefühlvoll und beklemmend echt. Entfallene Szenen und ein Audio-Kommentar runden die DVD ab. Text: Jochen Barthel

Zack and Miri Make a Porno

(Senator/Universum) Um ihre Geldsorgen loszuwerden, beschließen Miri (Elizabeth Banks) und ihr Mitbewohner Zack (Seth Rogen aus „Beim ersten Mal“) kurzerhand, einen Porno zu drehen. Und zwar nicht irgendeinen, sondern gleich eine Hardcore-Version von „Star Wars“! Gemeinsam stellen sie ein buntes Team aus Möchtegern-Filmern zusammen und planen, sogar selbst vor die Kamera zu treten. Regisseur Kevin Smith („Clerks“) verquickt recht derben Humor erstaunlich souverän mit einer zarten Romanze. Denn natürlich entdecken die beiden ausgerechnet bei den Dreharbeiten ihre wahren Gefühle füreinander. Mit knappen, aber amüsanten Extras. Text: Peter Meisterhans

Win a Lot Ihr könnt zahlreiche der hier vorgestellten DVDs gewinnen. Schickt uns einfach eine Postkarte oder E-Mail (verlosung@sallys.net) mit dem Kennwort „DVD-Verlosung“ und eurem Wunschtitel. Ggf. Altersnachweis nicht vergessen! Zu gewinnen gibt es: 3x Taking Woodstock, 5x Boston Streets, 3x The Box, 3x Alle Anderen, 3x Orphan + Leuchtfarben-Sets, 3x Ashes of Time Redux, 3x Schattenwelt, 3x Das weisse Band, 3x (500) Days of Summer, 3x Die Bucht, 3x Der Informant, 3x Berlin 36, 3x Redwoods, 3x Unglaublich, 3x Carriers, 3x Eine Nacht bei McCool’s, 2x 30 Rock – Staffel 2, 2x Chéri + Roman, 2x Brothers Bloom, je 2x Blu-ray Toy Story 1&2, 2x Edge of Love, 2x Julie & Julia, 2x Die Entführung der U-Bahn Pelham 123, 2x Breaking Bad – Staffel 2, 2x Two Lovers, 2x Zack and Miri Make a Porno + Plakat + Buch „Cumshots“, 2x Der ewige Gegner, 2x Ohne Schuld sowie zum Kinofilm „Nine“ 2x2 Freikarten und 2 Rom-Reiseführer.


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COMPUTERSPIELE

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Heavy Rain Ein sadistischer Killer, Drogen-abhängige FBI-Mitarbeiter, eine düstere Großstadt und Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Was klingt wie die Zutaten zum neuen David Fincher-Film im Stil von „Sieben“, ist in Wirklichkeit das Playstation3Spiel „Heavy Rain“. Der Film-Vergleich passt trotzdem: Selten zuvor waren die Grenzen zwischen Videospiel und Leinwand-Dramatik so fließend wie hier - über weite Strecken ist das Ganze eher interaktives Kino denn klassisches Gaming. Der Spieler schlüpft in die Rolle von gleich vier Charakteren, die allerdings allesamt dasselbe Ziel haben - den mysteriösen Origami-Mörder zu finden, der immer wieder Kinder ertränkt und sie dann mit seinem Markenzeichen, einer gefalteten Papierfigur, zurücklässt. Egal ob dabei der verzweifelte Familienvater gesteuert wird, der den Verlust seiner Söhne verkraften muss, oder als Journalistin, Detektiv oder FBI-Agent gearbeitet wird: Immer ist die Atmosphäre düster, bedrohlich, oft auch blutig und brutal. „Heavy Rain“ legt zudem großen Wert auf Emotionen: So viel Angst, Leid, Panik und Spannung ist für ein Videospiel ungewöhnlich. Allerdings tricksen die Entwickler auch, um diese Intensität zu erreichen und sorgen dafür, dass nie Leerlauf entstehen kann. Spielerisch sind nämlich meist nur marginale Dinge zu tun, um die Handlung

„Heavy Rain“ - fährt mit den Emotionen Achterbahn.

voran zu treiben. Im richtigen Moment die richtige Taste auswählen, durch Stick-Bewegung Angriffen ausweichen, per Knopfdruck einen Tatort untersuchen - viel Tiefgang oder Taktik verlangen die Situationen nicht, meist reichen schnelle Reaktionen. Videospiel-Profis werden also womöglich die Nase rümpfen und auf Grund mangelnder Herausforderung das Pad zur Seite legen. Allerdings verpassen sie dann nicht nur eine der spannendsten Geschichten, die je auf der Playstation erzählt wurden - überraschende Auflösung mit Schock-Effekt am Ende inklusive. Auch technisch ist „Heavy Rain“ eine Klasse

für sich: Schaurig-schöne Locations, wunderbar animierte Charaktere und eine kaum zu überbietende dramatische Inszenierung. Die Liebe kommt übrigens auch nicht zu kurz: Wie es sich für einen echten Psycho-Thriller gehört, spielen auch Leidenschaft und Sex eine Rolle. Kurzum: „Heavy Rain“ ist anders als alles, was bisher im Videospiel-Genre erschien und ein Trip, den sich PS3-Besitzer mit starken Nerven besser nicht entgehen lassen sollten. Publisher: Sony * Plattform: PS3 Text: Tito Wiesner

Dantes Inferno Hochkultur und Videospiele passen nicht zusammen? Denkste: Basierend auf den Werken des italienischen Dichters Dante Alighieri schicken die Entwickler von Visceral Games den Spieler in „Dantes Inferno“ im wahrsten Sinne des Wortes auf einen Höllentrip. Zugegeben, das Spiel folgt nur lose dem im 13. Jahrhundert veröffentlichten Epos „Die Göttliche Komödie“, durch das der Dichter zu unsterblichem Ruhm gelangte. Literarische Vorkenntnisse sind somit für das ebenso brutale wie faszinierende Vergnügen nicht vonnöten. Trotzdem wäre Dante selbst wohl durchaus beeindruckt davon, wie hier seine Verse in Detail-strotzende Szenarien verwandelt wurden. Der Spieler steuert Dante selbst, der bei seiner Heimkehr nach langer Reise das wohl denkbar unerfreulichste Szenario vorfindet - die Angebetete liegt tot am Boden. Natürlich nimmt ein Mann wie er ein solches Schicksal aber nicht kommentarlos hin, sondern begibt sich auf direktem Weg in die Hölle - schließlich hat Luzifer die Seele der Herzdame in sein Heimatreich mitgenommen. Der Weg zum Ziel ist aber alles andere als problemlos; zahllose monströse Kreaturen, riesige Endgegner und arme verfluchte Seelen tun ihr möglichstes, um Dantes Mission zu unterbinden. Mit vom Tod geborgter Sense und einem Kruzifix, das magische Blitze

Zu diesem Spiel hört man am besten Green Day.

verschickt, werden nach und alle kleinen Sünder ebenso bestraft wie riesiges Höllengetier, eklige Würmer oder halbnackte Gruft-Schönheiten. Die Anzahl möglicher Angriffs-Combos ist groß und wächst zudem beständig durch das Einsammeln von Seelen. Dabei hat das eigene Verhalten Auswirkungen auf die Upgrades: Wer Gnade walten lässt, hat andere Möglichkeiten, Lebensenergie oder Sense aufzuwerten als herzlose Berserker. Mit

zunehmender Spieldauer stellt sich zwar auch eine gewisse Monotonie ein - in manchen Ecken der Hölle treiben sich immer wieder dieselben Bösewichte herum. Action-Anhänger sollten aber schon auf Grund des ungewöhnlichen Szenarios nicht zögern, in diese fantastische Unterwelt hinabzusteigen und für die Liebe die Sense zu schwingen. Publisher: Electronic Arts * Plattform: PS3, Xbox360 Text: Tito Wiesner


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MUSIK STORIES

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Mass Effect 2

Endless Ocean 2

Retter der Menschheit zu sein, kann manchmal ganz schön nerven: Gerade mal zwei Jahre ist es her, dass Commander Shepard im ersten „Mass Effect“ in einem Mix aus Action und Rollenspiel den Weltuntergang verhindern musste, da bahnt sich schon die nächste Katastrophe an. Irgendwo am Rand des Weltalls werden ganze Kolonien von Menschen entführt und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Der Held nimmt sich auch diesmal wieder der Angelegenheit an - unterstützt von der mysteriösen, dank des Besitzes von Raumschiff und Waffen aber nicht unpraktischen Cerberus-Organisation. Was folgt, sind packende Gefechte, interessante Nebenaufträge, spannende Multiple-Choice-Dialoge mit Teamgefährten, Auftraggebern, Händlern und Feinden, eine Story mit überraschenden Wendungen und ein im Vergleich zum ersten Teil deutlich zurückgefahrener Rollenspielanteil. Da schultert man die Verantwortung für die Menschheit gern ein zweites Mal.

Schnelle Action, beeindruckende Effekte und dramatische Spannung gefällig? Dann bitte an anderer Stelle weiterlesen – „Endless Ocean 2“ ist nämlich genau das Gegenteil davon. Wie schon der 2007 erschienene Vorgänger setzt auch „Der Ruf des Meeres“ auf relaxte Atmosphäre, erholsame Unterwasser-Erkundungen und die Entdeckung der Langsamkeit. Da allerdings beim ersten Teil die Tauchgänge zwar schön anzusehen, aber oft etwas ziellos wirkten, haben die Entwickler diesmal mehr Aufgaben und eine durchgängige Geschichte integriert. Im Amazonas, der Arktis oder der Ägäis werden Fotos von der Meereswelt gemacht, Infos über Tiere und Pflanzen gesammelt, Schätze gehoben, es wird ein Korallen-Riff gerettet oder auf einem Delphin geritten. Zwischendurch geht man an Land, um Vögel zu knipsen, flüchtet vor einem Hai oder bringt Freunden das Tauchen bei - und staunt, wie entspannend ein Videospiel sein kann.

Publisher: Bioware * Plattform: PC, Xbox360 Text: Tito Wiesner

Publisher: Nintendo * Plattform: Wii Text: Tito Wiesner

Guitar Hero Van Halen Drakensang 2 Bei Videospielen ist es wie bei Kinofilmen - sie haben die Macht, altbackene und fast vergessene Legenden wieder zu coolen Helden zu machen. Jüngstes Beispiel: Eddie Van Halen, Hard-Rock- und Poser-Gott der Achtziger. Normalerweise würden sich trendbewusste Videospiel-Kids kaum für ihn und seine Bandkollegen interessieren, dank des jüngsten „Guitar Hero“-Teils dürfen sie nun aber 25 klassische Van Halen-Songs und anspruchsvolle Gitarrensoli des Meisters nachspielen - um dabei dann im Idealfall festzustellen, wie raffiniert und genial die doch sind. Hat man die Nase voll, warten noch Stücke von Offspring, Blink182, Weezer oder The Clash auf Besitzer der Plastik-Gitarre. Neue Locations, Mehrspieler-Modus mit 4 vs. 4-Option sowie eine ExpertSchwierigkeitsstufe mit zwei Fußpedalen dazu - und fertig ist der bis dato wohl anspruchsvollste Teil der erfolgreichen Musikspiel-Reihe.

Alle Welt spielt „World Of Warcraft“, „Dragon Age“ oder andere bombastische und riesige Rollenspiele - ist da für den Genre-Oldie „Das Schwarze Auge“ überhaupt noch Platz? Aber klar doch, meinen die Berliner Entwickler Radon Labs und bringen die Fortsetzung zum 2009 erschienenen „Drakensang“. Das Spiel erzählt allerdings die Vorgeschichte von „Drakensang“ - 23 Jahre vor den Geschehnissen des ersten Teils gilt es, einen jungen und noch unerfahrenen Helden in die Geheimnisse Aventuriens einzuweihen, ihn auszubilden und mit einer Gruppe von Abenteurern in einem Schiff auf die Suche nach wertvollen Artefakten zu schicken. Unterwegs warten quirlige Städte, zahllose Nebenquests, viele Kämpfe und Rätsel sowie eine unglaublich lebendige und oft auch witzige Welt - sympathische Charaktere statt herzloser Helden heißt hier das Konzept. Und das geht erneut voll auf.

Publisher: Activision * Plattform: Xbox360, PS3, Wii Text: Tito Wiesner

Publisher: DTP * Plattform: PC Text: Tito Wiesner

COMPUTERSPIELE

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Oh, wie schön ist Internet (II) Versprochen ist versprochen. Beim letzten Mal hatte ich unaufgefordert das Prinzip Social Media erklärt - heute möchte ich der Erläuterung der Long-Tail-Theorie widmen. Tatsächlich dreht es sich dabei um eine Schwanzlänge. Nämlich die des Internets. Auch wenn dieser Schwanz überhaupt nichts mit Genitalien zu tun hat, fällt mir zu genaueren Erklärung dieses Phänomens stets ein drastischer, aber wirklich passender Vergleich ein. Jeder wird sich bestimmt an jenen Herren aus Rothenburg erinnern, der sich mit einem anderen Kerl im Netz zu einem ganz besonderen Abendessen verabredet hatte. Unabhängig der Länge des Körperteils, das hierfür abgeschnitten und angerichtet wurde, ist die ganze Aktion ein schönes Beispiel für den Long Tail. Denn nur durch das Internet haben sich diese beiden Sonderlinge überhaupt gefunden. Im Netz findet einfach jedes Töpfchen sein Deckelchen - egal in welcher Nische. Meine Erklärung ist bestimmt eine sehr freie Interpretation von Chris Andersons Ansatz. Der Wired-Chefredakteur hat 2004 die Online-Musikverkäufe des US-Anbieters Rhapsody untersucht und festgestellt, dass jeder Song mindestens einmal verkauft wird. Der Name leitet sich von der Ähnlichkeit der Verkaufsgrafik mit einem langen Schwanz ab. Das Besondere: Mit dem Verkauf einer großen Anzahl weniger gefragten Produkte wurde mehr Umsatz erzielt als durch den Verkauf weniger Bestseller. Denn das Netz hebt die geografischen Beschränkungen auf. Wenn es am Verkaufsort nur wenige Nerds gibt, die ein Produkt kaufen würden, so sind es weltweit doch sehr viele. Tolle Sache, wie ich finde. Denn durch die Demokratisierung der Produktionsmittel beispielsweise im Musikbusiness, den perfekten Abgleich von Angebot und Nachfrage via Suchmaschinen und der Demokratisierung des Vertriebs via Amazon und eBay kann jeder, der eine gute Idee hat; damit auch irgendwie Geld verdienen. Oder sich mit Gleichgesinnten zum Abendessen treffen, findet *Lou Canova


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COMIX

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Rattelschneck Helden und Geschichten

(Carlsen) Rattelschneck: Das sind die beiden lustigen Einen, die für die Titanic und andere Fachillustrierte so eindrucksvolle Sympathieträger wie Stulli das Pausenbrot (schön mit Margarine beschmiert und dick mit Fleischsalat belegt) oder Lebkuchen Johnny erfunden haben. Jetzt hat der Carlsen-Verlag den beiden Cartoon-Anarchisten einen feinen Sammelband spendiert, in dem die Abenteuer der Anti-Helden und allerlei sonstige Cartoons vereint sind. Das ist oft recht skurril, fast immer komisch und vor allem nicht so bemüht, wie die Kollegen Katz & Goldt (dafür aber schlechter gezeichnet und dann auch noch stellenweise bunt ausgemalt). Kurz: ein Muss für jede ToilettenLese-Ablage – dann traut man sich nämlich auch, mal die “längeren“ “Geschichten“ zu lesen. Preis: 19,90 Euro Text: A. Hartung Heimat: carlsenhumor.de

Xavier Dorison/ Mathieu Lauffray Long John Silver Teil 1 -2

Elende Helden Pierre Pelot ist erfolgreicher französischer Romanautor und notorischer Vielschreiber. Will man dem Klappentext glauben (und wieso sollte ein Klappentext lügen) besuchte er Mitte der Achtzigerjahre seine frisch entbundene Frau in der Klinik. Zu dem Klinikkomplex gehörten noch ein Altenheim, eine Irrenanstalt und ein Waisenhaus (so dass man praktisch sein ganzes Leben in dem Gebäudekomplex verbringen kann). Pelot hörte aus einem Kellerfenster unter dem Waisenhaus die Rufe eines eingesperrten Kindes, das hoch und heilig versprach, „…so etwas nie wieder zu tun“. Angeblich (aber wie gesagt, warum sollte ein Klappentext lügen) ging Pelot anschließend sofort nach Hause und schrieb “Elende Helden“.

ist in heller Aufregung. Suchmannschaften werden gebildet und ein etwas unterbelichtetes Schlitzohr versucht, sich die Lage zu Nutzen zu machen - ohne zu ahnen, dass alles bereits viel schlimmer ist. “Elende Helden“ ist ein mitreißendes, tragisches kleines Meisterwerk, das einen der besten europäischsten Comiczeichner auf den Höhepunkt seiner Kunst zeigt (wo er hoffentlich noch eine Weile verweilt).

Der französische Comiczeichner Baru hat die Geschichte nun als Comic adaptiert. In diesem verschwindet - während eines unerlaubten Aufenthaltes im Freien - ein behinderter Junge aus solch einem Waisenhaus. Die Stadt

Baru/Pierre Pelot - Elende Helden (Edition 52) * Preis 18 Euro

Fünf Fragen an

Robert Venditti &

Text: A. Hartung Heimat: edition.52.de

lichkeit hast, eine Welt so aussehen zu lassen, wie immer du sie dir auch vorstellen magst. Robert: Comics sind in der Lage, einen einzelnen Erzählstrang stärker zu fokussieren als jedes andere Medium. Der Comic lässt die Leser in Szenen verweilen und sie so die volle Kraft eines dramatischen Moments erfahren. Welche Musik hörst du beim Zeichnen/ Schreiben am liebsten? Brett: Meistens höre ich abstrakte elektronische Geräuschmusik. Sachen wie Fennesz oder Tim Hecker. Robert: Einen wirklichen Mischmasch: Johnny Cash, Bob Marley aber auch alte Pop-Standards wie Sinatra und Dean Martin.

Brett Weldele Gibt es etwas Besonderes, was der Comic allen anderen Medien voraus hat? Brett: Mit unterschiedlich großen Bildern und Details hast du volle Kontrolle über die Zeit. Das Größte für mich ist aber, dass du im Comic die Mög-

Welcher ist dein aktueller Lieblingscomic? Brett: Das wird wohl „The Walking Dead“ sein. Das Buch hat mich mehrmals überrascht. Und als lebenslanger Zombiefan kann ich sagen, es ist wahrscheinlich eines der besten Werke des Genres. Robert: Ich habe gerade „3 Story: The Secret History of the Giant Man“ von Matt Kindt gelesen und es immens genossen.

(Carlsen) Long John Silver ist wieder da! Long John Silver? Genau, der gefährlichste Bursche aus Kapitän Flints berüchtigter Piratenbande und meuternder Schiffskoch in R.L. Stevensons “Schatzinsel“. Von der ist er ja bekanntlich ohne seine gerechte Strafe, dafür mit einem entwendeten Schmuckkästchen entflohen. Aber der Ruhestand hält nicht lange an. Denn die attraktive Ehefrau von Lord Hastings nimmt zu ihm Kontakt auf und macht ihm den Vorschlag, an einer Expedition teilzunehmen, die von ihrem Mann entdeckte Reichtümer aus dem Amazonasgebiet nach England transportieren soll. Meuterei und Schiffsübernahme inklusive. Da kann der alte Haudegen nicht widerstehen und der Tanz geht von Neuem los. Dorison und Lauffray haben eine unterhaltsame Hommage an Stevensons legendären Klassiker geschaffen, in dem vor allem die stimmungsvollen Bilder der schwankenden Planken auf stürmischer See, visualisiert durch stetige Perspektivwechsel, Freude machen. Auch wenn ICH mir Long John Silver etwas älter und verschlagener vorgestellt hatte. Preis: 12 Euro Text: A. Hartung Heimat: carlsencomic.de

Was empfiehlst du jungen Nachwuchskünstlern? Brett: Erwarte nicht, dass du von Comics leben kannst. Und jetzt, da der Druck weg ist, mach etwas Erstaunliches!  Robert: Stelle sicher, dass deine Kunst aus dir selbst kommt, aus deinem Leben, aus deinen Erfahrungen Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Plots – Krieg, Verbrechen, Romanzen etc. Aber du bist der einzige, der eine Geschichte auf deine Art erzählen kann – wenn du es zulässt.   Welche Musik soll auf deiner Beerdigung laufen? Brett: Nicht, dass ich besonders scharf auf meine Beerdigung wäre. Aber da ich wohl keine Wahl habe, würde ich mir Edit Or The Glitch Mob gefallen lassen. Etwas zum Kopfnicken. Robert: Ich hab keine Ahnung und hoffentlich noch lange Zeit, mir etwas zu überlegen. Text: Moritz Honert Heimat: cross-cult.de Auch gut: „The Surrogates“ (Cross Cult, 26 Euro) von Robert Venditti und Brett Weldele


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HÖR-/BÜCHER

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sequent zu Ende dächte: Als Gevatter Tod durch die Gegend zu laufen ist beispielsweise konkret ein ziemlicher Knochenjob, und auch wenn Tod sich einfach keine Vorstellung von Spaß machen kann (obwohl er sich in „Mort“ redlich bemüht), gerät er immer wieder in unglaublich komische Situationen. Das Gleiche gilt für Trolle, Zwerge, Hexen, Zauberer, Werwölfe, Vampire, Drachen, Götter und Menschen (und eine Truhe, um genau zu sein), die alle miteinander klarkommen müssen. Rassismus, Frauenfeindlichkeit und kapitalistische Ausbeutung sind dabei ebenso allgegenwärtig wie Zauberei, Zusatzdimensionen und wüste Kneipenschlägereien - und merkwürdigerweise genauso lustig oder mindestens lächerlich. Gerade auf deutsch erschienen ist „Witz und Weisheit der Scheibenwelt“, eine nett durchzublätternde Zitatensammlung, die für Anfänger aber eher ungeeignet ist. Nahe liegend ist der Einstieg mit dem ersten Discworld-Roman „The Colour of Magic“ („Die Farben der Magie“), genauso gut möglich aber auch mit dem zuletzt auf deutsch als „Schöne Scheine“ erschienenen „Making Money“ oder irgendeinem anderen. Wer eine Rockband will, steigt mit „Soul Music“ („Rollende Steine“) ein, Filmfans mit „Moving Pictures“ („Voll im Bilde“) und „Was mit Medien“-Menschen mit „The Truth“ („Die volle Wahrheit“).

Terry Pratchett Der Gott der Scheibenwelt

Man kann die Menschen in zwei Gruppen einteilen: die, die Terry Pratchett lieben – und die, die ihn nicht kennen. Es soll angeblich auch welche geben, die ihn kennen und nicht lieben – aber dabei kann es sich eigentlich nur um einen genetischen Defekt oder eine psychische Störung handeln, die ihren Ursprung in schlechten Büchern in der Kindheit hat.

Terry Pratchett ist der Erschaffer der Discworld, einer Scheibenwelt, die auf dem Rücken vierer Elefanten, welche wiederum auf dem Panzer einer gigantischen Schildkröte stehen, durchs All getragen wird. Von dieser „Discworld-Series“ sind mittlerweile 37 Bücher erschienen, dazu zahlreiche Comics, Karten, populärwissenschaftliche Untersuchungen und ein Kochbuch. SkyOne hat vier Bücher verfilmt, auf deutsch sind nahezu alle Discworld-Romane auch als (gekürzte) Hörbücher erschienen – neben anderen von Boris Aljinovic und Katharina Thalbach gelesen. Außerdem hat Terry Pratchett einige wunderschöne Kinder- und Jugendbücher geschrieben, für die er renommierte Auszeichnungen erhielt, und dann noch mehr Bücher, auch mit anderen Autoren zusammen.

Von all diesen Büchern wurden weltweit mittlerweile mehr als 50 Millionen Exemplare verkauft – und trotzdem kann man an Terry Pratchett hierzulande problemlos vorbei lesen, wenn man nicht von einem Eingeweihten in Pratchetts Multiversum eingeführt wird. Und genau diesen Part werde ich jetzt übernehmen: Vergesst eure Vorurteile über Fantasy und begebt euch auf die Discworld! Terry Pratchett hat mit dem Fantasy-Genre das gemacht, was Douglas Adams mit Science Fiction getan hat: Die typischen langweiligen Klischees weggelassen und dann mal ausprobiert, wie das mit coolen Charakteren liefe und was passieren könnte, wenn man einige der Grundlagen des Genres kon-

Ich persönlich empfehle „Thief of Times“ („Der Zeitdieb“), in dem die „Revisoren der Realität“ – durchaus „Momo“-ähnlich – die Zeit anhalten wollen, um das Multiversum zu perfektionieren. Zumal sie das komplette irdische Dasein doch als ziemlich chaotisch empfinden. Pratchett spielt mit der Zeit, definiert sie im Rahmen der Discworld teilweise neu und kommt zu nicht nur witzigen, sondern auch mathematisch schlüssigen philosophischen Erkenntnissen. Noch nie wurde die Planck-Zeit (die definitiv kleinstmögliche Zeiteinheit, 10-44 sek) so elegant und erheiternd hergeleitet! Ein herausragendes Beispiel für die Sorgfalt, mit der Pratchett Analogien zwischen unserer und der Scheibenwelt entwickelt und komplexe Systeme wie philosophische Schulen, das Finanzwesen oder gesellschaftspolitische Prozesse mit Leichtigkeit auf ihr inneres Wesen herunterbricht, um sie mit komischer Kreativität um neue, spannende Aspekte zu bereichern. Grundsätzlich gilt für eine solche Fantasiewelt: Schwer zu übersetzen – wer kann, sollte die Bücher auf englisch lesen und darf gleich mit dem neuesten Werk „Unseen Academicals“, in dem es endlich mal um Fußball geht und das auf deutsch erst im Laufe des Jahres erscheinen wird, beginnen. Drei weitere Bücher sind bereits in Arbeit, und seitdem bekannt wurde, dass Pratchett an Alzheimer erkrankt ist, betrachten wir jedes weitere Buch als Geschenk Gottes – des Discworld-Gottes! Text: Elmar Bassen Heimat: pratchettbooks.com Terry Pratchett: Witz und Weisheit der Scheibenwelt (zusammengestellt von Stephen Briggs) (Goldmann); Der Zeitdieb (ebda.) Die beste Übersicht über alle Pratchett-Veröffentlichungen findet ihr bei wikipedia


HÖR-/BÜCHER

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BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN

(Tacheles!) Stuckrad-Barre fährt Zug mit Merkel, StuckradBarre wohnt der Eröffnung eines Elektronikkaufhauses bei, Stuckrad-Barre geht auf die Fanmeile: Man muss angesichts dieser Sammlung von journalistischen Arbeiten nicht auf die Knie fallen, wie es kürzlich ein Autor der Spiegels für nötig befand. Dafür sind die hier gemachten Beobachtungen nämlich gelegentlich doch ganz schön eitel, ganz schön gestelzt, manchmal sogar rundherum belanglos. Und trotzdem: in ihrer Gänze – die Hörbuchfassung, die überflüssigerweise zur Hälfte von Christian Ulmen gelesen wird, den Rest erledigt der Autor, enthält nur eine Auswahl des Buchtextes – entfalten sie ein Abbild der deutschen Wirklichkeit, das sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber doch ein amüsanter und manchmal sogar kluger Diskussionsbeitrag ist. (2 CDs/rund 147 Minuten) Text: Moritz Honert

JOSH BAZELL SCHNELLER ALS DER TOD

(Der Hörverlag) Technisch gesehen sind Operationen nichts anderes als Körperverletzung. Deshalb ist es auch gar nicht so abwegig, dass sich der Ex-Mafia-Killer Pietro Brnwa, seit er seinen Einstieg ins Zeugenschutzprogramm erklärte, als Dr. Peter Brown durch New Yorker Krankenhausflure pöbelt. Einen zynischen Spruch auf den Lippen, ein paar Halloo Wach unter der Zunge. Wie reichhaltig seine Erfahrung auf dem Gebiet der Körperverletzung ist, erfahren wir aus den Rückblenden, die eine GangsterGeschichte über Freundschaft, Liebe und vor allen Dingen Rache erzählen. Trotz krudem Sex, B-Movie-Crime und Reißbrettdialogen ist dieses Romandebüt aber gelegentlich – zum Beispiel in den Episoden, die um das Thema Auschwitz kreisen – dann doch gar nicht so stumpf, wie Titel und Cover vermuten lassen. Christoph Maria Herbst hätte als Vorleser allerdings gerne ein bisschen weniger den Cowboy raushängen lassen dürfen. (6 CDs/rund 408 Minuten) Text: Moritz Honert

JOSEPH HADER HADER SPIELT HADER

(Wort Art) Humor ist etwas Trauriges. Dieser Gedanke beschleicht einen mehr als einmal beim Anhören dieses Mitschnitts von Josef Haders BestOf-Programm „Hader spielt Hader“. Zwölf Jahre ist Österreichs Vorzeige-Kabarettist damit inzwischen auf Tour. Hier gibt es kein Heischen nach billigen Pointen, viele Geschichten versanden einfach. Und selbst in den Klamauk-Momenten, wenn Hader von Nonsens-Wetten mit dem Teufel erzählt oder von in den Joghurt pinkelnden Molkereiarbeitern berichtet, geht es nie um ein befreiendes Lachen, sondern stets um die Absurdität im Normalen; um die Ausweglosigkeit des menschlichen Strebens, weil am Ende ja doch alles mit dem Tod endet. Lachen und gleichzeitig verzweifeln – das ist beklemmend, aber gerade deshalb große Kunst. (Zwei CDs/rund 140 Minuten) Text: Moritz Honert

SARAH HAKENBERG KNUT, HEINZ UND DIE ANDEREN

(Wort Art/Eichborn) Männer schnarchen, Theologiestudenten haben kleine Pimmel und Frauen, die im Winter keinen Mann haben, müssen sich selbst mit Schneebällen bewerfen: Nein, das sind keine Pointen von Mario Barth, das sind die Themen, um die die Geschichten von Sarah Hakenberg kreisen. Gleich ein knappes Dut-

Doktor Thomas, SupaKnut, Britta Lemon, Sven Blievernicht, David J. Becher, Christoph Landwehr (v.l.)

Das Vollplaybacktheater Reaktionäre Rabauken unterwegs

Heutzutage gilt ein Halbwüchsiger, der regelmäßig Leute verkloppt, als Fall für den Sozialarbeiter. Vor 30 Jahren sah das noch anders aus. Da stellte man einen solchen Rabauken ins Zentrum einer Hörspielserie für Kinder. Richtig, die Rede ist von Tarzan und seinen Freunden Karl, Klößchen und Gabi - kurz TKKG. Rückblickend ist kaum zu verstehen, wie dieser Quark damals ungefiltert die elterliche Zensur durchlief. Nicht nur weil Tarzan regelmäßig die Fäuste sprechen ließ, wenn sonst nix mehr zog, sondern auch, weil hier der Dicke in der Runde permanent wegen seines Umfangs gehänselt und das einzige Mädchen im Team nie mitspielen durfte, wenn es spannend wurde. Man darf gar nicht daran denken, welch reaktionärem und elitärem Gesellschaftsbild hier Einzug in die Kinderzimmer der Republik gewährt wurde. Kürzlich erschien übriges Episode 167.

Humor und lippensynchronem Spiel zur Tonspur vom Band zu retten, was zu retten ist. Im Zentrum der neuesten Produktion unter dem Motto „Back to the Future – Right on time“ steht die TKKG-Folge „Das Paket mit dem Totenkopf“. Ein früher Klassiker der Serie, der die Jungendbande mit einer Gruppe von Rauschgiftschmugglern konfrontiert. Man darf gespannt sein, womit das für seine Crossoverwut bekannte Vollplaybacktheater Tarzan und Co. im Laufe des Abends noch so konfrontiert. Gerüchte munkeln was von Dirty Dancing…

Nicht hoch genug zu loben ist deshalb das Bestreben des Wuppertaler Vollplaybacktheaters, diesen Misstand nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und mit überdrehtem

Text: Michael Blumenthal

zend davon versammelt die Live-Lesung „Knut, Heinz und die Anderen“, und die sind genauso doof, wie die eingangs präsentierte Auswahl befürchten lässt. Ein Klischee jagt das nächste, auf jedes lahme Vorurteil folgt eine abgedroschene Plattitüde. Zu allem Überfluss trägt Frau Hakenberg das Ganze dann auch noch vor wie eine hyperaktive Mittelstufenschülerin, dehnt Wörter ins Unendliche und huldigt dem weitverbreiteten Irrglauben, Witzigkeit speise sich in erster Linie aus depperter Aussprache. „Literarisches Kabarett“ nennt sie das. Aha. Wir dachten, wenn jemand weder schreiben noch lesen kann, hieße das Analphabetismus. (rund 87 Minuten) Text: Moritz Honert

NACHTMAHR RICHARD MARSH – DER SKARABÄUS H.P. LOVECRAFT – DAS GRAUEN VON DUNWICH

(Wolpertinger Hörbücher) Besondere Ambitionen, irgendwo mal den Sonderpreis „Innovativste Hörspielreihe“ abzustauben, scheint man im Hause Wolpertinger nicht zu hegen. Dafür ist die Idee dieser neuen Reihe, nämlich alte vergessene Schauergeschichten als Hörspiel zu vertonen, wahrlich zu abgenudelt. Zunächst schickt das junge Label Richard Marchs „Der Skarabäus“ aus dem Jahr 1897 und Lovecrafts „Das Grauen von Dunwich“ ins Rennen, wobei zumindest bei letzterem fraglich

Alle Termine auf Seite 46 und im Internet unter vollplaybacktheater.de und auf sallys.net

ist, wie er ins Programm passt. Von „vergessenem Klassiker“ kann beim allgegenwärtigen Lovecraft wahrlich nicht gesprochen werden. Sei’s drum. Die beiden CDs sind liebevoll aufgemacht, die Booklets zum Teil handgemalt und an Bord eine Reihe bekannter Synchronsprecher wie Franziska Piguilla (Gillian Anderson) oder Jürgen Thormann (Michael Caine). Allerdings scheint sich das mit dem klassischen Anspruch auch bis auf die Dramaturgie durchzuschlagen. Beide Geschichten sind so Old-School inszeniert, so stur von A nach B erzählt, dass sie oft hölzern und behäbig wirken. Wer Titanias „Gruselserie“ zu seinen Favoriten zählt, kann aber auch hier mal reinhören. (je eine CD/jeweils rund 54 Minuten) Text: Moritz Honert

WILLIAM S. BURROUGHS & JACK KEROUAC UND DIE NILPFERDE KOCHTEN IN IHREN BECKEN

(Der Audio Verlag) Die Antwort auf die Frage nach dem Inhalt könnte man sich einfach machen: Trinken, pöbeln, trinken, prügeln, trinken, töten, scheitern. Wahrlich, die frühe Gemeinschaftsarbeit der späteren Beat-Generation-Größen Burroughs und Kerouac zeichnet kein geschöntes Bild vom Leben der Bohème im New York der Kriegsjahre. Trotzdem ist „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ - 1944 auf einer wahren Begebenheit beruhend geschrieben, 2008 posthum

erschienen und jetzt auch auf Deutsch vorgelegt - mehr als die Aufzählung von Exzessen. Es ist die Geschichte eines tragischen Mordes, eine Studie über die menschliche Natur und ein darüber hinaus literaturgeschichtlich interessantes Dokument aus der Findungsphase der beiden später stilbildenden Autoren. Besonders Kerouac klingt hier noch oft etwas gewollt cool – was allerdings auch über seinen Interpreten Florian von Manteuffel gesagt werden kann. Felix Goeser als Burroughs klingt schon wesentlich abgeklärter. Spannend. (4 CDs/rund 250 Minuten) Text: Moritz Honert

DAVID FOSTER WALLACE UNENDLICHER SPASS

(Der Hörverlag) 1.500 Seiten Text in 170 Minuten? Dass das nicht funktionieren kann, sahen auch die Verantwortlichen vom Schauspiel Köln ein. Also probierten sie gleich etwas anderes. Statt einen Vorleser zu bestellen, engagierten sie eine Handvoll: Maria Schrader, Joachim Król und Harald Schmidt und den Kritiker Denis Scheck. Gemeinsam las man einen Abend lang kurze Passagen, diskutierte, erinnerte sich, tauschte Anekdoten und schuf so einen ebenso unterhaltsamen wie liebevollen Einstieg in das Buch. Vom Lesen entbindet einen das selbstredend nicht, aber die Hemmschwelle, sich dem telefonbuchdicken Schinken zu nähern, fällt gewaltig. (2 CDs/rund 169 Minuten) Text: Moritz Honert


X-WORT

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QUERGEFRAGT Einfach die Antworten auf die Fragen in die dazugehörigen Kästchen kritzeln, und somit im besten Fall das richtige(!) Lösungswort ermitteln. Das könnt ihr dann per Postkarte oder EMail an uns schicken und nehmt damit automatisch teil an der Verlosung von drei Exemplaren des nebenstehenden Anti Flag-Shirt. Einsendeschluss ist der 15. März 2010. [Sämtliche Umlaute (also ä, ö, ü) werden zu Vokalen (ae, oe, ue) und alle Begriffe werden ohne Leerzeichen geschrieben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.] 1

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1. Heimat von Airbourne, AC/DC und Co. 4. Musikalisches Obdach von Victoria Legrand und Alex Scally 5. Stieg Larssons „kriminelles“ Trio: „Verblendung“, „Verdamnis“, … 8. Turbostaat’sches Manövergebiet 10. Tocotronic werben musikalisch für diese Art Unsicherheit 12. Bis heute haben diese vier Detektive 167 Fälle gelöst 15. Zum 60. Mal ist der Vorhang gefallen, die Cineasten glücklich 16. Fettes Brot-Live-CD, die nicht orange ist, aber 18. Evolutionstheoretiker mit eigener Oper 20. Nordwest-englische Stadt 22. Mit Barbie hat Aydo Abay nichts zu tun 23. Liars-Gitarrist Aaron Hemphill erfreut sich dieser wohlriechenden Freizeitbeschäftigung

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SENKRECHt

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2. Frank Turner fährt diesen Monat mit unserem 3. Macht auch Steve Ansell nass 6. Sie haben aktuell weder „Hope“ noch „Future“ 7. „24/7“ haben sie an ihrem neuen Sound gearbeitet 9. Zoologisch fragwürdige Comictruppe um Damon Albarn 11. Dukes Of ... 13. Vier nicht-seidene Dänen 14. Anders für Stichtag 17. Julie Campbells Bühnename 19. Nicht nur „gewissermaßen“ (lat.) eine Band 21. Von diesem Leonard „mopsten“ Tegan And Sara ihren Albumtitel „Sainthood“

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SCREENSHOTS/VORSCHAU/IMPRESSUM

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IMPRESSUM

SCREENSHOTs

Dinge, die komisch heißen. Als ich mal jünger war (elf Monate), wohnte ich in Schiefbahn. Der Ortsname schürte Zukunftsangst und Perspektivlosigkeit in meinem noch ungeborenen Verstand. Ich schlief schlecht und brüllte oft nächtelang durch. Schon damals träumte ich davon, in Petting, Rammelsbach oder Eichelhardt wohnen zu dürfen. Durfte ich aber nicht. Doofe Mama! Es gibt Dinge, die heißen nicht gut. Ostwestfalen zum Beispiel. Warum heißt Ostwestfalen nicht einfach Ostfalen? Ostdeutschland heißt ja auch nicht Ostwestdeutschland. Wäre ja auch diskriminierend! Die Ostdeutschen wollen ja in einem eigenen Land wohnen und nicht nur im Ostteil eines anderen Landes, das einen eigenen Namen hat, man selber aber nicht. Den Ostwestfalen ist das egal. Die mögen ihren doofen Namen. Die würden auch Südwestniedersachsenfalen oder Niederniedersachsenfalen oder Nichtmalimentfertestensoetwaswieindernähevonsüdtirolfalen heißen, wenn es ihnen jemand so aussuchen würde. Und faktisch wäre das ja alles auch genauso richtig. Auch Rennautos heißen doof. Rennautos haben keine Beine. Sie haben auch keine Löcher im Bodenblech, durch die man seine Füße auf die Fahrbahn streckt. Die Fahrer müssen nicht ganz schnell laufen, um die Wagen zu bewegen. Die Autos fahren von ganz alleine! Der einzige Mensch, der WIRKLICH einen Rennwagen fährt, ist Fred Feuerstein. Meine Freundin hat eine Hose der Firma Acne. Die Hose ist schön und frei von Hautunreinheiten, aber wieso nennt jemand seine Firma Acne? Genauso gut könnte er sie Poops nennen. Oder Kakki. Aber würden wir Hosen von Kakki tragen? Oder von Uriin? Ja, das würden wir! Uns ist es näm-

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unclesally*s GmbH & Co. KG Waldemarstr. 37, 10999 Berlin Tel.: 030 - 694 09 663, Fax: 030 - 691 31 37 mailto: sallys@sallys.net * online: www.sallys.net

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lich AUCH egal, wie die Dinge heißen. Da sind wir Ostwestfalen! Wir kaufen bei Muji, essen bei FukiSushi und servieren unseren Gästen Mehlschwitze, Cozze und Pinkel. Das ist uns schnuppe.

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Wie kann man eine Stadt Oberkotzau nennen? Darf man das? Und warum nennt man sie nicht um? Das geht! Trotzdem müssen tausende von Leidenden in Schweinfurt, Darmstadt und Pissen wohnen. Es leben Menschen in Feucht, in Busendorf, Poppenhausen, Sexau und Fucking. Sind denn alle Städteplaner Hobby-Gynäkologen? Ist die BRD das YouPorn dieser Erde? Und was antworten Menschen, wenn sie im Urlaub gefragt werden, woher sie kommen, und sie in Fickmühlen, Busenbach, Puderbach, Moese, Hodenhagen oder Dildo wohnen? NICHTS sagen sie! Da bleibt ihnen nämlich die Antwort vor Scham halbsteif in der Hose stecken. Schlimm!

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In Klosterneuburg gibt es einen Gynäkologen Dr. Stopfer. Weitere, real existierende Fachärzte für Untenrum sind die Herren Dr. Horny, Dr. Loch, Dr. Schwanz, Dr. Stößer, Dr. Spreitzer und Herr Dr. Kuckuck und gerade hat mich ein Bekannter gefragt, ob ich schon mal Kalte Muschi getrunken hätte. Geht’s noch? Jetzt ist Feierabend!

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Ich geh jetzt zum Meldeamt und lass meinen Namen aus dem Pass streichen. Einer muss ja schließlich den Anfang machen. Yessica Yeti

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Dashboard Confessional

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IM KINO

Weiterlesen ab Ende März: Frank Black plaudert aus dem Nähkästchen, Dendemann über den Status Quo der deutschen Liedkultur und Turbostaat geben Nachhilfe in Sachen Geographie. Außerdem mit dabei: Dashboard Confessional, Marina And The Diamonds, Donots, Leatherface und viele andere.

Natürlich stellen wir euch endlich den großartigen Film „Precious“ vor, dessen Start noch mal ein wenig verschoben wurde. Dazu gibt’s noch ein paar weitere spannende US-Produktionen, etwa Tom Fords beeindruckendes Regiedebüt „A Single Man“ (siehe Foto), den Berlinale-Beitrag „Greenberg“ mit einem ungewohnt ernsten Ben Stiller oder den Erotik-Thriller „Chloe“ mit Julianne Moore und Amanda Seyfried. Doch auch von anderswo kommt großes Kino, etwa aus Chile („La nana“), England („Young Victoria“), Iran („Zeit des Zorns“), Österreich („Lourdes“) und natürlich Deutschland, woher „vincent will meer“ mit Florian David Fitz und Karoline Herfurth kommt.

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