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un-plaqued

OsseoSpeed TX ™

79240-DE-1106 © 2011 Astra Tech

Magazin für Mensch und Bildung

Die Wachstumsformel von Astra Tech URZELW T I M X JETZT EM APE G I M R FÖ

No 19 Wahrheit

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un-plaqued Magazin für Mensch und Bildung

Das OsseoSpeed™ TX Implantat kombiniert die Vorteile des klinisch erprobten Astra Tech BioManagement Complex™ mit einem wurzelförmigen Apex zur vereinfachten Implantatinsertion – bei allen Indikationen.

Wahrheit

AUSGABE  No 19 / D 8 €


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weiterentwickelte Ergänzung von VITAPAN und mit seiner mo-

tung und eine optimierte Schichtung für mehr Lebendigkeit.

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un-plaqued

Foto: anna.k.o.

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Der Klassiker unter den Frontzähnen – aus Ansprüchen neu geformt.


Editorial Die Wahrheit und nichts als die nackte Wahrheit. Das und alles andere, was Ihnen heute schon angedreht werden sollte – nichts davon lesen Sie hier. Haste mal ‘ne Wahrheit? – war meine erste Frage, als wir anfingen, uns mit dem Thema zu beschäftigten. Dann mussten wir erst einmal definieren, worüber wir eigentlich reden wollten, weil bereits das Verständnis des Wortes, die Ansprüche und Erwartungen, aber auch die Maßstäbe, an denen Wahrheit gemessen wird, deutlich differierten. Dann wurde es still, weil keiner Wahrheiten formulieren wollte, die womöglich einer genaueren Überprüfung nicht standhalten würden. Die Wahrheit wurde zu einer Frage der Perspektive, sowohl in den zwischenmenschlichen Beziehungen (S.58), als auch den Wissenschaften, die sich schwer tun, Wissen als Wahrheiten zu definieren (S.100). Zu recht, denn die Suche nach Wahrheit fängt meist mit dem Hinterfragen des Selbstverständlichen an (S.68), zum Teil auch dem, was seit Jahrhunderten in den Geschichtsbüchern steht (S.74). Ist man wirklich an Wahrheiten interessiert, geht es schnell an die eigene Substanz, eröffnet aber auch die Möglichkeit, Dogmen gegen Freiheit einzutauschen. Und die Erkenntnis, dass Wahrheit veränderbar ist – wie bei David und Goliath. Viel Spaß beim Lesen


A

Z N

E G EI

O W


O

+ F L

N A H

N E S


un-plaqued No19

1

Editorial

68

Ob Du willst oder nicht!

7

Contributor

72

Kommentar: Jeder Patient zählt!

8

Zahn der Zeit

74

Mut zum Wandel der Wahrheit

12

Wahrheit in Zahlen FOREVER YOUNG THEMA

14

Ich bin die Wahrheit

20

Die erniedrigende Wahrheit

28

wahr nehmen

38

Die Wahrheit steht uns gut!

48

Truth of a Revolution

50

Real – oder erdichtet?

54

Empirik, Evidenz, Eminenz: Die verschiedenen Perspektiven der Wahrheit

58

120% mehr Glanz

62

Die klassifizierte Wahrheit

4 | un-plaqued No 19

80

Existenzgründerwahrheiten auf den Zahn gefühlt

84

Aufbruch in die Implantologie

86

Dental Summer 2012

92

Vergleichbar Durchfallen

98

Examen feiern in Salzburg

THEORIE & PRAXIS 100

Die Vermessung der Wissenschaft

110

Was wäre, wenn es anders wäre ...?

114

Wenn Wissen sich teilt, wird mehr daraus


118

Per aspera ad Astra

124

Europerio 7 – The bigger the better?!

126

Implantate brauchen Pflege

128

Sieben Wahrheiten über Qualitätsmanagement

136 138

UN-PLAQUE YOUR LIFE 160

Das aufregende Leben der CassandraMichele – ›Es war einmal‹ war einmal

163

Inge‘s Music in the Box

164

Zähne auf dem Catwalk

And the winner is ...!

170

Wir empfehlen: das Lesen

Was Boote und Zähne verbindet, oder: Die Entdeckung des Epoxidharzes

172

Wusstet ihr schon?

176

Der gesunde Menschenverstand: Lang lebe die Illusion

GOOD BYE DENTIST 140

Die Selbstverständlichkeit des Kaffees

152

Onons Traum Teil 1: Wie verändert man Wahrheit?

LABORATORIUM DIFFICILE 156

Die Wāra des implantologischen Teams

un-plaqued No 19 | 5


IMPRESSUM un-plaqued # 19 Wahrheit Auflage Erscheinung Format Bezugspreis

12.000 Sommer 2012 / deutschlandweit 230 x 160 mm 8 Euro

Herausgeber Ingmar Dobberstein Verlag un-plaqued:multimedia Verlagsgesellschaft mbH Oranienburger Str. 91, 10178 Berlin un-plaqued REDAKTION Chefredakteur Ingmar Dobberstein / i_dee@un-plaqued.com Chefin vom Dienst Hanna Buttenberg / hanna@worldoptimizer.com Politik Eric Weigel / eric@un-plaqued.com Wirtschaft Jan-Philipp Schmidt /jp.schmidt@bdza.de Hochschule Karen Dobberstein / kmd@un-plaqued.com International David Rieforth / david@un-plaqued.com Wissenschaft Hans-Christian Lux / h-c-l @ alumni-magazine.com Fortbildung Anke Bräuning / ankebraeuning@gmx.de Lifestyle Leif Timmermeister/ leif@ un-plaqued.com Musik Mieze Katz / mieze@ un-plaqued.com Redaktionsassistenz Sascha Kötter / sascha@ un-plaqued.com Bildredaktion Anna K. Olthoff / annako @ un-plaqued.com Eike Wendland / icke@ graphicenvironment.com Ion Jonas Schmidt / i@ quasigrafik.de Illustration Britta Zwarg / b @ quasigrafik.de Ion Jonas Schmidt / i@ quasigrafik.de Steffen Seeger / info@steffenseeger.com Icons: The Nuon Project / thenounproject.com Fotografie anna.k.o / Ingmar Dobberstein / Felix Jork Schlussredaktion Anna Grodecki / Dr. Roland Schmidt / Ina Scharenberg Gestaltung quasigrafik / pixel@ quasigrafik.de

Kontakt info@un-plaqued.com un-plaqued.com alumni-magazine.com Anzeigen Ingmar Dobberstein/ i_dee@un-plaqued.com / +49.170.559 23 05 Sascha Kötter / sascha@un-plaqued.com / +49.151.1169 09 16 Druck Königsdruck, Alt-Reinickendorf 28, 13407 Berlin Unser Dank gilt allen wachen Geistern, die ihren Alltag mit bewussten Sinnen wahrnehmen, Fragen stellen, wenn Antworten gewünscht sind und Aussagen treffen, wenn Ruhe erbeten wurde. Und denen, die ihre Meinung äußern, auch wenn es gerade nicht der allgemeinen Auffassung entspricht. Zu oft hat haben die unpopulären Meinungen Einzelner in der Geschichte Recht behalten, zu oft lernen die Menschen nur durch Schmerz und Leid, anstelle ihres gesunden Menschenverstands. Die Wahrheit tut weh – deswegen gilt unser Dank jenen, die bereit sind für die Wahrheit Risiken einzugehen und sich nicht einlullen lassen, sondern mit Verantwortung neue Wahrheiten schaffen. Ganz besonderer Dank geht an meine Familie und besten Freunde, weil sie mich immer wieder auffangen, wenn ich gerade Zick-Zack laufe & Hanna, Phili, die Mieze und der Musik, Karen, Britta & Jonas & Anouk, Mike, anna.k.o., Erik, Robert-Bob, David, Lars, Frank, Alexander, Adriane & Robin, Onon, Zeyad, Nadja, Barbara, Gerhard, Gisel, Axel, Bertram, Sascha, Julka, Basti, Diana, Isolde, Kathleen & TACKEN, meene Oma Erni, die Dobbersteine und die Freunde und Familien. Und an Rici ... =) P.S: Großen Dank an die Mieze für die wunderbare Illustration des Inhaltsverzeichnisses der un-plaqued N° 18. LET´S HELLO! Die in den Artikeln und Mitteilungen ausgedrückten Meinungen sind die der Autoren und nicht unbedingt die der Redakteure oder des Herausgebers. Redakteure und Herausgeber lehnen jede Verantwortung oder Haftung für den Inhalt ab und geben keinerlei Garantie, Gewährleistung oder Empfehlung für die Produkte, für die in dieser Zeitschrift geworben wird, oder für die Behauptungen, die von den Herstellern derartiger Produkte oder Dienstleistungen gemacht werden. Eine Haftung für Folgen aus unrichtigen oder fehlerhaften Darstellungen wird in jedem Falle ausgeschlossen. Die im Magazin veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung oder Verwertung der Texte und Bilder sind mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ohne Einwilligung des Verlages strafbar. © un-plaqued:multimedia 2012

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CONTRIBUTOR Alexander Klebe ist freischaffender Kreativer, Entrepreneur und Macher im Bildungs- und Kommunikationsbereich (alexanderklebe.com). Er verbindet die Theorie mit der Praxis, Denken mit Handeln und die universitäre Lehre mit künstlerischen und selbstständigen Tätigkeiten. Seine Projekte realisiert er mit und für Stakeholder aus dem Stiftungs- und Bildungswesen, dem kreativschaffenden Gewerbe, mittelständischen Unternehmen und Start-Ups. Für un-plaqued schreibt er über seine Forschungsreise im September 2011 nach Äthiopien und hinterfragt dabei das Soziale Unternehmertum und die Wahrheiten des gegenwärtigen Denkens in der Entwicklungshilfe. Derzeit arbeitet er an der Vorbereitung einer weiteren Dokumentations- und Forschungsreise nach Ghana. Lest dazu ab Seite 140. Nadja Alin Jung ist von Hause aus Betriebswirtin (m-2c.de). Ihre Einsicht, dass die Industrie lange nicht der einzige Bereich mit der Notwendigkeit für betriebswirtschaftliches Wissen ist, ließ sie die Leidenschaft für die Zahnmedizin entdecken. Daraus ist die Medizinische Management Akademie (mmakademie.de) entstanden, die Zahnmedizinern betriebswirtschaftliches Denken und Handeln vermittelt. unplaqued hat Nadja kennen gelernt, weil sie in ihrem Bereich die altbekannten ›Wahrheiten‹ ebenso auf die Probe stellt, wie wir. In dieser Ausgabe hat sie über die echten Realitäten der Existenzgründung geschrieben, und darüber, was wie so oft im Leben die Grundlage für alles Weitere ist – die eigene Wahrheit zu finden. Wer bist Du? – ab Seite 80. Dr. rer. nat. Dominique Görlitz ist Extremsegler, Wissenschaftler und 5-Sterne-Redner. Dabei ist er ein Wanderer zwischen den Welten. Zum einen, weil ihn seine ABORA-Missionen die vorchristlichen Reisen zwischen Alter und Neuer Welt wiederentdecken lassen, zum anderen, weil er mit seinen Forschungen wissenschaftliche Fachgebiete, wie Archäologie, Geologie und Meeresforschung interdisziplinär verbindet. Auf diesen Wegen hat er bewiesen, dass ›Wahrheiten‹ noch lange keine sind, bloß weil sie seit Generationen so in den Geschichtsbüchern stehen. Und, dass der Mensch nie Aufwand und Mühen gescheut hat, seine eigenen Wahrheiten zu finden. Erleben könnt ihr ihn auf einem seiner zahlreichen Vorträge (abora.eu). Lesen werdet Ihr ihn ab jetzt in der un-plaqued ab Seite 74.

un-plaqued No 19 | 7

//


ZAHN DER ZEIT / WAHRHEIT

STUDIUM: ANZAHL DER MÄNNLICHEN STUDIERENDEN IN DER ZAHNMEDIZIN STEIGT WIEDER

Gesundheitswesen in den vergangenen 30 Jah-

Berlin (Dentista): Die Zahl der Zahnmedizin-

teil pro 100 Menschen im Alter zwischen 20 und

studenten steigt – den Angaben des Unterneh-

60 Jahren, jedoch in Zukunft erheblich steigen

mens Statista zufolge – wieder leicht. Die Sta-

wird, liegen ›die wesentlichen Herausforderun-

tistik betrachtend könnte man meinen, die

gen des demographischen Wandels noch vor

Zahl der Zahnmedizinstudierenden steige par-

uns‹, führt die Regierung in ihrer Antwort wei-

allel zur Anzahl der weiblichen ZMK-Studen-

ter aus. In der wissenschaftlichen Diskussion sei

tinnen. Entgegen der oft geäußerten Meinung,

es aber unstrittig, dass die Gesundheitskosten

das Fach werde nunmehr weiblich und Männer

in Zukunft noch weiter ansteigen werden. Daher

interessierten sich immer weniger dafür,

strebe die Bundesregierung eine nachhaltige

steigt nach einem kleinen Einbruch nun auch

Finanzierung des Gesundheitswesens an. Wie

die Zahl der männlichen ZMK-Studierenden

hoch dabei der Einfluss des medizinisch-tech-

wieder. Wir können gespannt sein, wie sich

nischen Fortschritts auf die Ausgabenentwick-

die Verteilung der Geschlechter in den nächs-

lung sein werde, sei in der wissenschaftlichen

ten Jahren entwickelt. //

Debatte strittig. Das Ausmaß der Kostenredu-

ren eher einen ›untergeordneten Erklärungsanteil‹. Da der sogenannte Altenquotient, der An-

zierung durch Prävention und Gesundheitsförderung in den vergangenen 30 Jahren ließe sich nicht beziffern, weil weder für Deutschland noch international entsprechende Kosten-Nutzen-Analysen vorlägen. //

STRAHLENDE ATHLETEN BEI DEN SPECIAL OLYMPICS 5.000 Sportler mit geistiger Behinderung aus ganz Deutschland maßen sich in 19 Disziplinen bei den Special Olympics Ende Mai in München Grafik: Statista | Beucher

und wurden dabei auch zahnmedizinisch sehr gut betreut. Hierfür sorgte das Gesundheits-

REGIERUNG: MEDIZINISCH-TECHNISCHER FORTSCHRITT IST FÜR STEIGERUNG BEI GESUNDHEITSAUSGABEN VERANTWORTLICH

programm Special Smiles Deutschland, das von

Berlin (hib/AS): Der medizinisch-technische

merischen Sozialverantwortung des Unterneh-

Fortschritt ist in erheblichem Maße für die Stei-

mens. Zahnärzte und Helfer zeigten den Athle-

gerung der Ausgaben im Gesundheitswesen

ten und Athletinnen, wie sich Zähne auch mit

verantwortlich. Mit 166,7 Milliarden Euro im

Handicap erfolgreich putzen lassen. Insgesamt

Jahr 2011 waren sie im Vergleich nochmals höher

731 Athletinnen und Athleten ließen sich nach

als in den Vorjahren. Wie die Bundesregierung

einem spezifischen Screeningprogramm unter-

in einer Antwort (17/10312) auf eine Kleine Anfra-

suchen. Das Ergebnis: 426 Athleten (58 Prozent)

ge der SPD-Fraktion schreibt, hatte die demo-

wiesen Gingivitis auf, und 150 Athleten (21 Pro-

graphische Entwicklung bei den Ausgaben im

zent) mussten dringend zahnärztlich behan-

8 | un-plaqued No 19

der Wrigley GmbH unterstützt wird. Es ist das größte Engagement innerhalb der unterneh-


ZAHN DER ZEIT / WAHRHEIT

delt werden. ›Gerade für Menschen mit geis-

sen. ›Dabei sein, weil alle dabei sind, ist nicht

tigen Behinderungen stellt das Zähneputzen

der richtige Weg – hinter erfolgreichem Marke-

eine große Herausforderung dar. Denn hier ist

ting steckt eine gut überlegte Strategie.‹

feinmotorisches Geschick notwendig, das die-

Was man zum Thema Rechtsicherheit und ›gu-

se Menschen oft nicht so schnell erlernen wie

ter Ruf im Internet‹ beachten muss und notfalls

Menschen ohne Behinderung‹, erklärte die

tun kann, gehört zum Vortragsteil des erfahre-

Zahnärztin Dr. Imke Kaschke, Leiterin Healthy

nen Juristen und Referenten Prof. Dr. jur. Hein-

Athletes. Doch so wie beim Sport gaben die Ath-

rich Hanika. Die Veranstaltung eignet sich zu-

letinnen und Athleten in München auch bei der

dem für diejenigen Mitarbeiter im Team, die

Mundpflege ihr Bestes. Sportler und Helfer hat-

mit der Betreuung des Webauftritts der Praxis,

ten ihren Spaß daran – getreu dem Motto der

des Labors bzw. der Organisation betraut sind.

Spiele ›Gemeinsam sind wir stark‹. // Termine: Berlin

28.09.2012

14 .00– 18.00 Uhr

Hamburg

29.09.2012

9.00 – 13.00 Uhr

Bern (Schweiz) 29.11.2012

8.30 – 12.30 Uhr

(DGI-Jahreskongress 2012)

WEB 2.0 – ›YOUVIVO‹-KOMPAKT-SEMINARE AUF DEUTSCHLANDTOUR

Infos und Anmeldung:

Die Einen wollen mit dem ganzen Internet mög-

Edith Leitner

lichst nichts zu tun haben – andere präsentieren

Fon: 089 55 05 209 - 16

sich mit eigener Praxis- oder Laborwebsite, und

Mail: Leitner@youvivo.com

immer mehr tummeln sich auf Facebook: Haben die einen Recht – oder die anderen? Sollte man besser die Finger davon lassen – oder so-

SITTENWIDRIGKEIT VON LÖHNEN

gar noch viel weiter ausbauen? Und wenn, wie

Berlin (hib/TYH): Die Agentur für Arbeit darf

macht man das erfolgreich, ohne den Boden des

nicht in ein Ausbildungs- oder Arbeitsverhält-

Rechtlichen zu verlassen?

nis vermitteln, das gegen ein Gesetz oder ge-

Das Thema, das im vergangenen November bei

gen die guten Sitten verstößt. Das schreibt die

der DGI-Jahrestagung in Dresden in Form eines

Bundesregierung in ihrer Antwort (17/9321) auf

Kompakt-Workshops zu einem völlig überfüll-

eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke. In

ten Saal geführt hat, steht nun in einer Vortrags-

ihr hatten die Abgeordneten auf eine Entschei-

serie quer durch Deutschland erneut am Start.

dung des Sozialgerichts Berlin hingewiesen, wo-

Das youvivo-Experten-Team führt dabei durch

nach im Land Berlin eine Vollzeitbeschäftigung

die drei Kern-Punkte der Social Media- und

mit einem monatlichen Bruttoentgelt von weni-

Marketing-Strategie ›Erfolgreiches Praxismar-

ger als 1.058 Euro als sittenwidrig anzusehen ist.

keting‹, ›Konkrete Beispiele‹ und ›Rechtsas-

Im Übrigen sei es Sache der Arbeitnehmer und

pekte‹. Dr. Klaus Daniel/Erlangen, Unterneh-

-geber, die Vergütung zu vereinbaren, schreibt

mensberater und Fachautor zum Thema Social

die Bundesregierung weiter. Zudem erhiel-

Media und Marketing, wird dabei darstellen,

ten Arbeitnehmer ergänzende Leistungen der

dass alle Bereiche des Praxis- oder Labormarke-

Grundsicherung für Arbeitsuchende, wenn ihr

tings zusammenspielen und sich ergänzen müs-

Einkommen nicht zur Sicherung des Lebensunun-plaqued No 19 | 9


ZAHN DER ZEIT / WAHRHEIT

DELEGATION UND SUBSTITUTION: WOHIN STEUERT DIE ZAHN-/MEDIZIN?

Der Wirkstoff soll jedem Zahnpflegeprodukt

Bonn (FVDZ): Die Delegation und Substituti-

José Córdoba von der Yale University und Erich

on ärztlicher Leistungen ist immer wieder Be-

Astudillo von der Universidad de Santiago, Chi-

standteil politischer Debatten. Ärztemangel

le. Aber nicht nur Zahnpasta und Mundwasser,

und Unterversorgung sollen dadurch bald der

auch in anderen Produkten wie Süßigkeiten

Vergangenheit angehören, möchten viele Po-

könnte das Produkt Verwendung finden. So-

litiker, aber auch findige ›Spezialisten‹ aus In-

lange der mit Keep 32  ausgestattete Stoff 60

dustrie und Wirtschaft glauben machen. De-

Sekunden im Mundraum bleibt, sollen alle Bak-

legation und Substitution seien vor allem bei

terien der Art Streptococcus Mutans abgetötet

der ärztlichen Versorgung weit fortgeschritten

werden und die Zähne für einige Stunden vor

seien. Verschiedene Modellprojekte wie AGnES

Löchern geschützt sein.

(Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Healthge-

Die Forschungsarbeit startete 2005 und soll in

stützte, Systemische Intervention) oder VERAH

14 bis 18 Monaten fertig für den Markt sein. Als

(Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis)

Partner sind derzeit Hersteller von Zahnpflege-

seien bundesweit in der Erprobung.

produkten wie Colgate oder Procter & Gamble

Darüber hinaus würden erste ärztliche Tätig-

sowie Schokoladenhersteller wie Hershey und

keiten – wenn auch zunächst modellhaft – an

Cadbury im Gespräch. //

beigefügt werden können, so die Forscher

Alten- und Krankenpflegekräfte zur eigenverantwortlichen Ausführung übertragen. Im zahnmedizinischen Bereich dagegen sei bisher nur die Delegation bestimmter Leistungen mög-

STARTERKIT ÄSTHETIK & FUNKTION: DGÄZ MIT ERSTEM CURRICULUM FÜR STUDIERENDE UND ASSISTENTEN

lich, berichtete FVDZ-Justiziar Lennartz. Doch dass dies nicht so bleiben müsse, verdeutlichten bereits die Bemühungen um einen Bachelor-Studiengang für Dentalhygiene. Die Position des FVDZ-Bundesvorstands zum drohenden Ärztemangel fasste Sundmacher

Die DGÄZ hat mit einem neuen Konzept, dem

wie folgt zusammen: ›Dem Ärztemangel begeg-

Starterkit für Studenten und Assistenten, ein

net man nicht durch Delegation oder Substitu-

eigenes Anfänger-Curriculum entwickelt, das

tion ärztlicher Leistungen, sondern durch eine

bereits für Studierende im klinischen Studie-

bessere Honorierung.‹ //

nabschnitt beginnen kann und dessen weitere Module auch Vorbereitungsassistenten offen

›KEEP 32‹: NEUER WIRKSTOFF GEGEN ›STREPTOCOCCUS MUTANS‹?

stehen. Damit wird dem Nachwuchs der Weg in

(gizmodo.de): Wissenschaftler haben ein Mo-

die in der Praxis heutzutage erheblich gefragt

lekül entdeckt, das die Zähne frei von Löchern

sind und die täglich gebraucht werden. Über-

halten und die Zahnpflege damit für immer ver-

mittelt werden solche Themen, die zwangswei-

ändern soll. Das Molekül wurde dem Anwen-

se in der universitären Ausbildung eher zu kurz

dungsgebiet entsprechend Keep 32 genannt

kommen, dazu gehört beispielsweise Implan-

und soll alle schädlichen Bakterien im Mund-

tologie mit dem besonderen Blick auf Ästhetik

raum innerhalb von 60 Sekunden abtöten.

und Funktion. Insgesamt stehen fünf Module

10 | un-plaqued No 19

Bereiche der aktuellen Zahnmedizin geebnet,


ZAHN DER ZEIT / WAHRHEIT

in diesem neuen strukturierten Curriculum zur

falls gerne mit Rat und Tat zur Seite. Bei Inte-

Verfügung, die Ästhetik und Funktion aus ver-

resse bitten wir Sie um Kontaktaufnahme bei:

schiedenem Blickwinkel beleuchten – von Chir-

GERL. Dentalfachhandel – Thomas Kirches

urgie über CAD/CAM bis zu fundiertem Umgang

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mit der Vielfalt der Komposite, ergänzt um Hy-

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Die Module 1 und 2 sind einzeln, die Module 3 bis

Mail T.Kirches@ gerl-dental.de

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5 nur als Serie buchbar und finden von September 2012 bis April 2013 statt. Die Kursgebühr

TAG DER ZAHNGESUNDHEIT 2012

beträgt für Studenten 199 € und für Assistenten 299 € (DGÄZ-Mitglieder; 397 € Nichtmitglieder). In den Teilnahmegebühren sind pro Modul Übernachtung, Kaffeepausen, Abendessen am Freitag und Mittagessen am Samstag enthalten. Sie müssen sich nur um Ihre An- und Abreise kümmern. Termine, Orte und An-

Berlin (BZÄK): Der Tag der Zahngesundheit

meldemöglichkeit findet Ihr auf der Web-

steht 2012 unter dem Motto „Gesund beginnt

seite der DGÄZ:

im Mund - mehr Genuss mit 65 plus“. Der Aktionstag wird jährlich am 25. September veran-

ASSISTENTEN, ANGESTELLTE & PARTNER GESUCHT

staltet und stellt Vorsorge, Aufklärung und die Verhütung von Zahn-, Mund- und Kiefererkran-

Die Firma Gerl Dental sucht

kungen in den Mittelpunkt. Die Auftaktpresse-

für ca. 15 Zahnarztpraxen

konferenz findet am 12. September 2012 in Ber-

Zahnärztinnen und Zahnärzte, die gerne im An-

lin im Haus der Bundespressekonferenz statt.

gestellten-Verhältnis, als Vorbereitungsassistenten oder als Partner in einer bestehenden

DENTAL WINTER 2013 IN ISCHGL

Praxis arbeiten möchten. Zum Teil besteht au-

Vom 3. bis 9. Februar 2012 wird im berühmten

ßerdem die Möglichkeit einer späteren Praxis-

österreichschen Skiort Ischgl der erste Dental

übernahme.

Winter Kongress für Assistentinnen und Assis-

Es handelt sich dabei um etablierte und er-

tenten der Zahnmedizin angeboten. Die Vor-

folgreiche Zahnarztpraxen im Großraum Kre-

träge werden sich grundsätzlich mit verschie-

feld (inkl. Düsseldorf, Mönchengladbach, bis

denen Praxis-Erfolgs-Strategien beschäftigen

zur holländischen Grenze), die bereits seit lan-

und selbstverständlich sind die Seminarzeiten

ger Zeit mit Gerl Dental zusammenarbeiten

so gelegt, dass ausreichend Zeit auf den Pisten

und diesbezüglich um Unterstützung gebeten

in und um Ischgl verbracht werden kann. Der

haben.

Kongress ist kostenfrei – wer zuerst kommt, ...

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un-plaqued No 19 | 11


THEMA / WAHRHEIT

WAHRHEIT IN ZAHLEN Anzahl der weltweiten Geburten pro Tag

Anzahl der weltweiten Todesfälle pro Tag

Weltweite Todesfälle pro Tag durch Suizid

Weltweite Todesfälle pro Tag durch Verkehrsunfälle

250.000

QUELLEN ›Die Welt in Zahlen 2011‹; brand eins; statista.com; news.de, thenounproject.com

2.800

150.000

3200

Weltweite Todes­ fälle pro Tag durch Herz-Kreislauf Erkrankungen

Weltweite Todesfälle pro Tag durch Aids

50.000

Weltweite Todesfälle pro Tag durch Ertrinken

8.000

Weltweite Todesfälle pro Tag durch Stürze

1.400

1.070

_Weltweites Vermögen aller Millionäre in Euro _Weltweite Staatsschulden aller Länder in Euro _Zahl der Reichen weltweit mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen US-Dollar in 2009 _Zahl der Menschen der Erde, die mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag überleben müssen

Lebensmittel, die in Afrika südlich der Sahara jährlich produziert werden (in t)

230.000.000

Lebensmittel, die in Industrieländern jährlich weggeworfen werden (in t)

222.000.000

_Menge Honig, die ein Deutscher durchschnittlich pro Jahr verzehrt ···········1 kg _Strecke, die Bienen durchschnittlich fliegen müssen, um 1 kg Honig herzustellen ················· 80.000 km

7.000

Weltweite Todesfälle pro Tag durch gewalttätige Konflikte und Kriege

500

32.200.000.000.000 28.200.000.000.000 93.100 440.000.000

_Anteil der Löhne der Plantagen-­­ arbeiter am Kaffeepreis ············5,1 % _Anteil des Einzelhandels am Kaffeepreis····························23,7 % _Anteil der Steuern, Zölle und Frachtkosten am Kaffeepreis ··· 44,9 %

_Anteil der Deutschen, die das Gefühl haben, dass sich Politiker nicht für ihre Meinung interessieren ······························71 % _Anteil der Deutschen, die sich nicht für Politik interessieren ··················67 %

12 | un-plaqued No 19

Weltweite Todesfälle pro Tag durch Alkoholismus

_Prozent der US-Bürger, für die ein Haustier die Rolle des besten Freundes übernimmt ·······································66 _Zahl der US-Bürger, die jährlich ins Krankenhaus kommen, weil sie über ihre Haustiere gestolpert sind···················85.000


THEMA / WAHRHEIT

ICH BIN DIE WAHRHEIT TEXT Ingmar Dobberstein ‧FOTO anna.k.o.

14 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

D

ie Suche nach der Wahrheit ist Grundprinzip allen forscherischen Seins, jeder Natur- und Geisteswissenschaften. Psychologen und Kommunikationsforschern zufolge lügt der Mensch jedoch durchschnittlich 200

Mal am Tag. Die Wahrheitssuchenden sind edle Menschen – aber am Ende auch nur Menschen, und damit fehlbar und manipulierend. Wie ist das mit der Wahrheit? Was kann man auf dieser Suche finden? Die großen Antworten, wie alles funktioniert und miteinander zusammenhängt? Was ist mit der Wahrheit, wenn es zum Beispiel heißt, dass es zu jedem Argument auch ein logisches Gegenargument gäbe? Wie ist das mit der Wahrheit, wenn man ein Geheimnis hat oder im Zweifelsfall einfach nicht alles erzählt?

Ich kannte einen, der hatte die Wahrheit erkannt... und dann ist er gestorben. Man sagt, am Ende des Lebens wüsste man, was wirklich wichtig ist und was nicht. Warum erst dann? Weil man nichts mehr ändern kann, weil das gelebte Leben dann die Wahrheit dieser Person ist? Echte Wahrheiten und Realitäten, die gleichermaßen auf eine Spezies oder Gruppe angewendet werden könnten, gibt es wenige. Der Gang zur Toilette, Steuern und der Tod. Schon bei einer Selbstverständlich-

DIE WAHRHEIT WAR IMMER NUR EINE TOCHTER DER ZEIT. Leonardo da Vinci

keit wie der Nahrungsaufnahme gibt es Indizien, dass einige wenige Menschen auch ohne Nahrung auskommen. Nur Wasser und Meditation? Die Nahrungsaufnahme ist als Wahrheit und Notwendigkeit für den Körper wissenschaftlich gesichert, denn selbst wenn 0,1 % der Menschheit ohne auskommen könnten, würden die Gesetze noch für die anderen 99,9 % gelten. Interessanterweise scheint die Nahrungsaufnahme einer näheren Wahrheitsbetrachtung aber kaum stand zu halten. Hinter der bloßen Bezeichnung des Vorganges gibt es hunderte verschiedene Formen der Nahrungsaufnahme und deren Notwendigkeiten. ›Normalesser‹, Fleischesser, Gourmet, Fastfood Junkie, Vegetarier, Veganer, Bulimiker, Lactoseintolerante, Allergiker aller Art aber auch Menschen, die aufgrund von Krankheiten auf vielerlei Nahrungsformen verzichten müssen. Nahrungsaufnahme ist also bei weitem kein einheitlicher Prozess, der einen Wahrheitsanspruch als Ganzes haben könnte.

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THEMA / WAHRHEIT

Nahrungsaufnahme und alles was an Verdauung und Energiegewinnung damit verbunden ist, ist stattdessen dynamisch, eine Balance zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Energiebedarf und Stoffwechsel, zwischen Aktivität und Ruhe und vielen weiteren Dualismen. Die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme ist somit eine Grauzone, die von Mensch zu Mensch verschieden, höchstens individuelle Wahrheiten bereit hält. Wahrheit ist Balance und deswegen einer ständigen Veränderung unterzogen. Ist Wahrheit überhaupt fassbar? Was sind Wahrheiten? Was ist mit der Realität, dem täglichen Gang zur Arbeit, den Aufträgen, den Patienten – was ist mit dem Ganzen, das einen umgibt? Das ist Wahrheit und Realität! Oder auch nicht, denn es könnte alles anders sein. Man könnte woanders wohnen, etwas anderes arbeiten, jemand anderen lieben – alles was uns umgibt sind temporäre ›Wahrheiten‹, die wir uns so erschaffen haben. Unser Leben ist das Resultat aus dem Glückumstand, auf welchem Kontinent man geboren wurde und allem danach. Dieses danach ist spätestens ab den ersten bewussten Gedanken auch eine Konsequenz unserer Entscheidungen. Wie in der Vergangenheit, wird man in der Gegenwart und Zukunft Entscheidungen treffen können – und sein Leben in Art und Weise verändern oder nicht, wie es eben am besten passt. Folglich entwickeln sich so die Wahrheiten, Prinzipien und das Denken. Aus dieser Perspektive betrachtet, gelten Wahrheiten gerade einmal für Vergangenes und vielleicht noch die unmittelbare Gegenwart. Das wäre dann nicht die Wahrheit, nach der man sucht, sondern die, die man erkennt.

WENN ES NUR EINE EINZIGE WAHRHEIT GÄBE, KÖNNTE MAN NICHT HUNDERT BILDER ÜBER DASSELBE THEMA MALEN. Pablo Picasso

Die Alltagsrealitäten betrachtend wird deutlich, dass es viele Wahrheiten für die gleiche Sache geben kann. Denn Menschen denken und fühlen nicht sachlich, nicht auf Fakten bezogen, sondern immer auf Basis komplexer Wahrnehmungen und deren Verarbeitung. Schon das Wetter zeigt, dass der Fakt, dass es regnet, leider nicht die ganze Wahrheit ist, die der Einzelne denkt und fühlt. Allein die Regenstärke, aber auch die Wirkung auf unser Gemüt, wird so grund-

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verschieden wahrgenommen, dass sich hinter der meteorologischen Tatsache, dass es regnet, ebenso hunderte individuelle Wahrheiten verbergen. Nun gibt es aber das Leben. Und es funktioniert. Es gibt da Naturgesetze, Mechanismen und Regeln, nach denen all dies geschehen kann. Es muss sie geben, diese Wahrheiten. Und es gibt sie, denn wir funktionieren. Wir sind, genauso wie die Welt um uns herum, selbst die Wahrheit. Unser Gehirn versucht lediglich, genau dieses Funktionieren zu verstehen, denn es ist daran nur unbewusst beteiligt. Glücklicherweise muss man sagen, denn nur so können wir uns alles Mögliche zufügen und trotzdem immer wieder regenerieren. Stellen Sie sich vor, wir müssten auch das Funktionieren unseres Körpers bewusst steuern ... wir wären ständig in der Krise. Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass für ein erfolgreiches und glückliches Dasein neben der rein kognitiven Intelligenz noch weitere ›Intelligenzen‹, wie die körperliche, emotionale oder soziale, verantwortlich sind. Neben unserer bewussten Wahrnehmung existiert nicht nur eine unbewusste Wahrnehmung sondern auch deren Einmischung in unsere offensichtlich bewussten Entscheidungen. Wissenschaftler behaupten, das Unbewusstsein würde diese bis zu 75% beeinflussen. Wie kann man etwas entscheiden, was einem gar nicht bewusst ist? Ob Seele, Qi, Herz oder Bauchgefühl, der Körper ist im Unbewussten eine andere Welt mit eigener Informationsverarbeitung. Bewusst können wir diese Informationen erstmal nicht verarbeiten. Der Darm zeigt in diesem Zusammenhang einige Besonderheiten, die weit über seine Aufgaben bei der Verdauung hinaus gehen. Neben seiner Rolle im Immunsystem, welche stofflich gut erforscht ist, beherbergt der Darm mehr Nervenzellen als das Rückenmark. Diese kommunizieren mit dem Hirn zu über 80% vom Darm ausgehend. Adressat der Darm-Informationen ist zum größten Teil das limbische System, welchem das Trieb- und Instinktverhalten sowie der emotionale Haushalt zugeschrieben wird. Deutlich wird dies am einfachsten in Extremsituationen, wie einem traumatischen Schockerlebnis oder plötzlichen Schreck. Wenn einem etwas auf den Magen schlägt oder bei bestimmten Erlebnissen mulmig oder sogar schlecht wird, dann hören wir plötzlich ein starkes Signal unseres Körpers. Hat man die Fähigkeit, etwas mehr ›in sich zu hören‹ würde man dies Intuition nennen, die indirekt auch als gesunder Menschenverstand bezeichnet wird. Intuition hat dabei einen engen Zusammenhang mit der ›inneren‹ Logik der Gegebenheiten und früheren Erfahrungen. Heutzutage wird sie auch als eine trainierbare Wahrnehmungsform betrachtet, deren Herausforderungen in der Differenzierung gegenüber Projektionen, Vorurteilen und der Bewusstmachung liegen.

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THEMA / WAHRHEIT

Ist Wahrheit in Wirklichkeit nur Kopfsache? Von 200 Lügen am Tag basieren viele auf einem anerzogenem Verhalten durch die Gesellschaft, Familie und Sozialisierung. Gemeinhin bezeichnet man dies auch als einen mehr oder weniger guten Umgang. Was antwortet man wem auf die Frage, wie es einem geht? Je nach Situation wird man bewusst eine Unterscheidung der inneren und äußeren bzw. nach außen präsentierten Wahrheit machen. Wir müssen sogar lügen,

EIN MENSCH IST IMMER DAS OPFER SEINER WAHRHEITEN. Albert Camus

da ein zu jeder Zeit praktiziertes Aussprechen der ›Wahrheit‹ unser gesellschaftliches Funktionieren gefährden und viele Menschen unglücklich machen würde. Einige Lügen entsprechen echten Unwahrheiten, manchmal aus Unwissen, vielleicht aufgrund eines schlechten Gewissens oder einer unglücklichen Situation oder auch als bewusste Täuschung. Wieder andere sind die Lügen uns selbst gegenüber, die Erklärungen war-

um unser Leben so ist wie es ist, oder die Rechtfertigungen warum etwas gut oder schlecht ist. Selbst wenn, oder gerade weil wir einige unserer persönlichen Wahrheiten und Bedürfnisse kennen, helfen uns vermeintliche Wahrheiten am Ende kaum dazu, das Leben zu verbessern. Wir wissen, welche Risiken mit Rauchen, Alkohol oder ungeschütztem Geschlechtsverkehr verbunden sind und machen es dennoch. In diesen Situationen schwingt die Erkenntnis mit, dass es ja nicht so kommen muss, weil es vielleicht doch keine Regel oder Wahrheit ist und man selbst zu denen gehöre, die nicht betroffen sein werden. Wir können einiges verstehen und vieles imitieren, was wir in der Natur beobachten. Manchmal scheint die Suche nach der Wahrheit aber eine Beschäftigung des Hirns aus Langeweile zu sein. Denn wie oft suchen Sie nach Wahrheiten, wenn Sie sich einfach wohlfühlen und alles gerade so ist, wie es Ihren Vorstellungen entspricht? Wie oft hinterfragt man das Glück, wenn es einem widerfährt? Eine gute Mischung aus Kopf- und Körperwahrheiten zu erhalten ist definitiv Übungssache und hat viel mit Ehrlichkeit gegenüber sich selbst zu tun. Die eigenen Wahrheiten sind dabei das einzige erreichbare Ziel. Die Akzeptanz, dass diese nicht einfach auf andere Menschen projizierbar sind und trotzdem für einen selbst zutreffen, hilft, sich selbst zu akzeptieren oder eben auch zu verändern. Denn ich werde meine Wahrheit, wenn ich mich erkennen, verstehen und mit mir leben kann.//

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THEMA / WAHRHEIT

DIE ERNIEDRIGENDE WAHRHEIT TEXT Eric Weigel ‧ILLUSTRATION Steffen Seeger

Fragt man einen Philosophen danach, was es zur Wahrheit zu sagen gäbe, sollte man über eine enttäuschende oder gar keine Antwort nicht verwundert sein. Obwohl ›Philosophie‹ schon lexikalisch die Liebe zur Weisheit und Wahrheit bedeutet, lehrt die Geschichte der Philosophie vor allem, dass die Suche nach Wahrheit immer vom jeweilig vorherrschenden Zeitgeist bestimmt war. In der Moderne zeichnet sich eine Verkettung von unliebsamen Wahrheiten ab, die das Selbstverständnis des Menschen erheblich kränken: eine Entthronung jeglicher Erhabenheit. Die Wahrheit wird zur Erniedrigung.

U

m zu verstehen, warum Wahrheit als Kränkung ein wesentliches Merkmal der Moderne ist, wagen wir zunächst eine kleine Reise in die Perspektiven anderer Kulturzeiten. Die griechische Antike ist dabei ur-

sprünglich maßgebend für das gesamte Unterfangen der Suche nach Weisheit und Wahrheit. Dort war Wahrheit die Suche nach einem Ideal, nach einer in den Dingen verankerten Ur-Idee, die es zu ergründen galt. Nicht mehr nur Schatten und Abbilder, sondern das Ding-an-sich sollte hell im Sonnenlicht stehend erkannt werden. Ideell gehörte dazu auch ein Idealzustand der eigenen Haltung: ein inneres Gleichgewicht zwischen dem noch animalisch-triebhaften und dem moralisch-sittlichen, zwischen Natur und Staat, zwischen Entschlossenheit und Zartheit, Ausschweifung und Maß, dem Apollinischem und dem Dionysischen. Die Kultivierung eines solchen Gleichgewichts ebnete den Weg zur Wahrheit und zum guten Leben. Stets die Unausgeglichenheit des Menschen mitdenkend, war dieser Weg bestimmt durch eine pendelhafte Bewegung auf die Wahrheit zu. Rückschritte gibt es auf diesem Weg nicht. Wahrheit war konnotiert mit Ausgewogenheit, Göttlichkeit, Reinheit.

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Eine andere interessante Wahrheitsauffassung auf unserem Weg in die Moderne findet sich im abendländischen Mittelalter. Im Schatten des Allmachtsgedanken des christlichen Gottes war das Bild von Wahrheit sehr viel zielorientierter. Man wollte das Eine finden, das für alles galt: ein transzendentes Etwas, aus dem alles entspringt, das alle Universalitäten in einer Einheit zusammenzufassen vermag. Unverkennbar dahinter stehend war die christliche Lehre der Allmacht Gottes und die damit verbundene Dreifaltigkeit. Gottesbeweise waren ein beliebtes Unterfangen der mittelalterlichen Philosophie: Bewies man Gott, so hätte man auch eine solche transzendentale Wahrheit bewiesen. Demnach barg die katholische Kirche ein kulturelles Wahrheitsmonopol. Erst in der darauf folgenden Frühen Neuzeit begann dank neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse ein Emanzipationsprozess gegen klerikal bestimmte Wahrheitsbilder. Der Einfluss empirisch-wissenschaftlischer Erkenntnisse wurde dabei so dominant, dass sich die Wissenschaft zum Antagonisten der Kirche etablierte. Wissenschaft löste immer mehr mythisch-religiöse Selbst- und Weltverständnisse durch harte Fakten auf. Kratzten manche Wissenschaftswahrheiten zu sehr an klerikal aufrecht zu erhaltenden Weltentwürfen, sah man sich der Inquisition ausgeliefert. Es sei erinnert an die Galileo-Anekdote und sein trotziges ›… und sie dreht sich doch!‹. Trotz aller kirchlicher Bemühungen war der Siegeszug der Wissenschaften nicht mehr aufzuhalten und prägt unser Verständnis von Wahrheiten bis heute. Kirche und Wissenschaft arrangierten sich innerhalb langer Prozesse hin zu einer ambivalenten Koexistenz, die von Max Horkheimer vortrefflich charakterisiert wurde.

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THEMA / WAHRHEIT

WAHRHEIT TRIUMPHIERT NIE, IHRE GEGNER STERBEN NUR AUS. Max Planck

Die Renaissance war Initialpunkt einer ganzen Reihe für den Menschen unliebsamer Wahrheiten, die das anthropologische Selbstbild unwiderruflich revolutioniert haben. Besagte ›harte Fakten‹ waren nämlich zunächst alles andere als schmeichelhaft. Jahrhunderte hatte man die Einzigartigkeit und Erhabenheit des Menschen kultiviert. Moral distinguierte ihn vom Tierreich. Der freie Wille war Attribut seiner gottgleichen Abstammung. Ein Gott war es auch, der seine Schöpfung zentral im Universum und nicht in irgendeiner Peripherie verortet haben musste. Unantastbare, wohlbehütete Wahrheiten, die sich spätestens seit dem Aufstieg des Christentums hin zu einem einheitlichen Weltbild verdichtet haben. Wissenschaft schickte sich nun an, jene uralten Selbstverständnisse innerhalb weniger Dekaden zugunsten nackter Wahrheiten zu destruieren. Zunächst nur unter Fachpublikum, und aus Angst vor klerikaler Stigmatisierung zumeist unter vorgehaltener Hand diskutiert, erreichten diese Wissenschaftswahrheiten nur allmählich die breite Masse. Schließlich war Wissen gebunden an Alphabetismus und nur einer Elite vergönnt, was erst die Erfindung des Buchdrucks oder erste Bibelübersetzungen änderte. Nichtsdestotrotz muss der Kulturschock unvorstellbar gewesen sein.

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THEMA / WAHRHEIT

Im Allgemeinen spricht man von drei wesentlichen Kränkungen des Menschen:

1

Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums. In der so genannten kopernikanischen Wende löste das heliozentristische das ptole-

mäische Weltbild ab. Dies war insofern skandalös, als das die Bibel (Josua 10, 13) die Erde als den zentralen Schauplatz des Universums verortete. Gott hätte seiner Schöpfung niemals irgendeinen, sondern den zentralen Platz im Universum eingeräumt, um den sich alles andere dreht. Die Vorstellung, dass die Erde nur ein Planet unter vielen anderen ist, verletzt damit die anthropozentrische Prestigeperspektive eines gottnahen Menschen.

2

Der Mensch entspringt aus einer Evolutionskette des Tierreichs. Auch hier besteht die Verletzung aus einem degradierten Erhaben-

heitsselbstverständnis. Der Mensch ist nicht von einem göttlichen Wesen nach seinem Ebenbild geschaffen worden, wie in der kreationistischen Schöpfungsgeschichte der Genesis überliefert, sondern steht dem Tier viel näher, als es sein kulturelles Eigenbild wahrhaben möchte und akzeptieren kann. Als regressives Kuriosum gibt es heute wieder vor allem in den Vereinigten Staaten die sogenannten Kreationisten, die vehement die Genesis als Wahrheit verteidigen.

3

Das menschliche Handeln beruht nicht (nur) auf einem freien Willen. Die wissenschaftlichen Indizien der Psychoanalyse spitzten sich dahin-

gehend zu, dass der Mensch wider der christlichen Lehre nicht Herr im eigenen Haus ist. Jahrhundertelang galt der freie Wille des Menschen als größtes Geschenk Gottes, auf dessen Existenz maßgeblich die christliche Ethik und Heilslehre begründet ist. Der Mensch als zwischen Gut und Böse Wählender bestimmt sein eigenes Schicksal, insbesondere als Konsequenz im Jenseits. Nun erfahren wir, dass ein archaisches, kaum kontrollierbares Unterbewusstsein wesentlich unser Handeln, Denken und Wollen lenkt. Es steckt viel mehr Animalisches in uns, als uns lieb ist.

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Dies sind die drei wesentlichen Umstürze. Der Vollständigkeit halber sei noch eine vierte, momentan debattierte erniedrigende Wahrheit angeführt: Es steht die Behauptung im Raum, dass Körper nicht mehr sind, als an die Umwelt optimierte Gen-Container, die den Fortbestand der Art durch äußerliche Attribute sichern. Auch hierbei handelt es sich erneut um eine Reduzierung auf einen rein naturalistischen Biologismus jenseits aller Vorstellungen von Individualität oder Einzigartigkeit. Denkt man in dieser Linie über Wahrheit nach, beendet die Moderne jede Vorstellung von Wahrheit als etwas Edlem. Vielmehr haben wir bis heute damit zu kämpfen, bestimmte Wahrheiten anzuerkennen und sie mit unserem kulturellen Erbe zu vereinbaren. Es bedarf immer einer Art kultureller Inkubationszeit, bis das Virus ›Wahrheit‹ sich ausbreitet und behandelt wird als ein Stigma, mit dem sich der Patient arrangieren muss. Im Kleinen können wir auch noch heute Kulturschocks durch Wissenschaftswahrheiten erfahren. Der Mensch ist nur bedingt an Wahrheiten interessiert: Nützen sie ihm als bequeme praktische Grundlagen, so bedient er sich ihrer gerne und brüstet sich mit ihnen. Für unbequeme Wahrheiten hält der Mensch nach wie vor ein großes Instrumentarium an selbstschützenden Mechanismen bereit. Immer noch reagiert der Mensch besonders allergisch auf Wahrheiten, die seine kulturelle Identität ankratzen oder gar Machtverhältnisse kippen könnten. Eine noch recht junge Institution

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wie die Ehe wird durch die wissenschaftliche Wahrheit, der Mensch sei zur Monogamie nicht fähig, kaum tangiert. Das Konzept der Ehe und Familie ist sowohl politisch besonders funktionell, als auch eine fest eingeschriebene menschliche Sehnsucht nach ewiger Liebe. Während die Funktionalität politischen Ursprungs ist, wird die Vorstellung von ewiger Liebe vor allem medial im 20. Jahrhundert massiv beflügelt. Die Traumfabrik Hollywood hat es bestens verstanden, diese Sehnsucht kommerziell motiviert zu instrumentalisieren.

DIE WAHRHEIT HAT NICHTS ZU TUN MIT DER ZAHL DER LEUTE, DIE VON IHR ÜBERZEUGT SIND. Paul Claudel

Konfrontiert mit der Möglichkeit, Monogamie sei eine kulturelle Lüge, erntet man allzu oft eine sonderbar trotzköpfige Empörung. Dies ist der Moment, bei dem zwar auf rationaler Ebene eine plausible Wahrheit deutlich wird, aber die mitschwingende Kulturverletzung so groß ist, dass man etwas lieber ›nicht wahrhaben will‹. Es gibt noch viel zu tun. Wer weiß, was in Zukunft wahr sein wird? Wir finden es heraus, indem wir uns trauen, das allzu bequeme Schneckenhaus immer mehr zu verlassen, denn die Geschichte zeigt, dass kulturelle Selbstverständnisse keine Zuflucht vor der Wahrheit gewähren. Es gibt zwar kein Entkommen, aber niemand ist alleine beim Abarbeiten der zunächst unliebsamen, kränkenden Wahrheiten. //

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DIE WAHRHEIT STEHT UNS GUT!

TEXT Mike Rubin

Gleich voran, allen Zweiflern zum Trotz: Die Wahrheit kann man verbiegen, man kann sie verschweigen oder auch relativieren, nur abschaffen kann man sie nicht. Zum Gl端ck ist sie doch eine der tiefen Urgegebenheiten, in der und durch die der Mensch lebt, an der er sich orientiert und ausrichtet.

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THEMA / WAHRHEIT

›Wenn die Worte nicht stimmen, stimmen die Begriffe nicht. Wenn die Begriffe nicht stimmen, wird die Vernunft verwirrt. Wenn die Vernunft verwirrt ist, gerät das Volk in Unruhe. Wenn das Volk unruhig wird, gerät die Gesellschaft in Unordnung. Wenn die Gesellschaft in Unordnung gerät, ist der Staat in Gefahr.‹  Konfuzius

Die gute alte Tante Wahrheit

aus einem tiefen menschlichen Bedürfnis nach

Seit ihrem Bestehen hat sich die Menschheit

zwischenmenschlicher Verständigung und see-

über die Welt und den Sinn ihres Daseins Ge-

lischer Verbindung.

danken gemacht. In Tausenden oder vielleicht

Erhard Landmann führt den Ursprung aller

sogar Millionen von Jahren haben sich in einer

Sprachen der Welt, anders als Franz Bopp mit

Evolution des Geistes oberste Prinzipien und

seiner historisch vergleichenden indogerma-

Normen herauskristallisiert, um die Welt und

nischen Sprachwissenschaft, auf die althoch-

ihre Zusammenhänge zu ordnen und zu ver-

deutsche Sprache, die europäische Ursprache,

stehen. Mit Hilfe der Philosophie und Wissen-

zurück. Er unternimmt in seinem Buch Weltbild­

schaft (Wahrheit und Wissen), der Ethik (Lie-

erschütterung eine erstaunliche Reise durch die

be), der Kunst (Musik, Dichtung und Schönheit),

Sprachen der Welt, und zeigt in seinen tabel-

der Gerechtigkeit (Gemeinschaft und Recht)

larischen Nebeneinanderstellungen die Ver-

und der Religion (Gott und Welt), hat sich die

wandtschaft von Worten der unterschiedlichs-

Menschheit auf die Suche begeben um ihre Fra-

ten Sprachen mit dem Althochdeutschen auf. Er

gen zu beantworten. Der Mensch lebt dort auf,

vergleicht Sprachen wie das Quiche der Mayas,

wo Sinn ist und nicht wo Unsinn herrscht.

das Nahuatl der Atzteken, afrikanische Sprachen, Chinesisch, Japanisch, Ungarisch, Rus-

Am Anfang war das Wort

sisch und weitere mit dem Althochdeutschen.

Wir finden die Welt vor und bezeichnen sie,

Die französische Sprache sei beispielsweise kei-

um uns ausdrücken und verständigen zu kön-

ne romanische Sprache und stamme nicht vom

nen, mit Begriffen und Worten für bestimm-

Latein ab, sondern vom fränkischen Dialekt des

te sachliche sowie emotionale Inhalte und Zu-

Althochdeutschen, schlussfolgert Erhard Land-

sammenhänge. Wir verabreden uns über die

mann. Aus einer Sprache, einer Kultur, einer

Sprache, um eine Beziehung in der Gemein-

Religion, seien viele hundert Sprachen, Kultu-

schaft und zur Welt herstellen zu können. Je-

ren und Religionen entstanden.

des Wort und jeder Begriff, der im Laufe der

Die Geschichte der Sprache, wie auch die Ge-

Menschheitsgeschichte entstanden ist, rührt

schichte der Menschheit, ist eng miteinander un-plaqued No 19 | 39


THEMA / WAHRHEIT

verwoben. Alle uns bekannten Sprachen sol-

Idealität ändert nichts an der empirischen Re-

len laut Richard Fester einen gemeinsamen Ur-

alität. Es gibt nämlich nichts, weder unter den

sprung haben. Die vergangenen 5.000 bis 6.000

Gegenständen, noch unter den Empfindungen,

Jahre, die über das Wort, also durch Nieder-

Gefühlen und Gedankendingen, was nicht zur

schriften und alte Überlieferungen in Holz und

Vorstellungswelt gehörte; was für mich da sein

Stein, erreichbar sind, schrumpfen angesichts

soll, muss mir bewusst geworden sein, und das

des bis heute beweisbaren Alters des Menschen

betrachtende Bewusstsein kennt nur Erschei-

von fast 5 Millionen Jahren zu einem Fast-Nichts

nendes. Deswegen kann es nicht gelingen, so-

zusammen.

lang man bei der Betrachtung eines Gegebenen bleibt und dieses aus seiner Gegebenheit zu be-

Wie wirklich ist die Welt als Grundlage für

greifen strebt, Erscheinendes von Nichterschei-

Wahrheit?

nendem abzuleiten. Denken mag ich freilich

›Der Mensch ist als wirklich in die Mitte einer

was ich will; nur vermittelt unabhängig von der

wirklichen Welt gesetzt und mit solchen Orga-

Gegebenheit operierendes Denken niemals an-

nen begabt, dass er das Wirkliche und neben-

dere Erkenntnis, als das Denken selbst betref-

bei das Mögliche erkennen und hervorbrin-

fende. Es ist eigentlich recht sinnlos, von einem

gen kann. Alle gesunden Menschen haben die

Weltbegriff, der außer Zusammenhang mit der

Überzeugung ihres Daseins und eines Daseien-

Erfahrung gewonnen wurde, auszusagen, dass

den um sie her.‹ Johann Wolfgang von Goethe

er ›richtig‹ sei, auch wenn er keinem Denkgesetze widerstreitet.‹

Wahrheit kann nur in einer wirklichen Welt stattfinden. Die Theorie der Unwirklichkeit

Die erfahrbare Welt ist der ›Spielplatz‹, den

der Welt, zum Beispiel in der indischen Maya-

wir erfassen, begreifen, deuten und untersu-

Lehre, die von ältesten Tagen bis heute so vie-

chen können, um zu verstehen in welchen fas-

le Verfechter gefunden hat und in vieler Au-

zinierenden und fast magischen Weltzusam-

gen als eine der Grundlehren gilt, hält einer

menhängen wir leben. Auch Schopenhauers

gründlichen Überprüfung nicht stand. Die Ma-

Lehre, die äußere Natur sei ein bloßes Gehirn-

ya-Lehre benutzt für ihre Idee einer unwirkli-

phänomen, wird dadurch ad absurdum ge-

chen Welt Worte wie ›Illusion‹, ›Trugbild‹ und

führt, dass unser Gehirn ein Teil eben dieser

›Täuschung‹. Inzwischen weiß jeder vernunft-

Außenwelt ist. Schopenhauers Willensmeta-

begabte und fühlende Mensch, dass weder sein

physik versucht aus einer gegebenen Erschei-

Körper, noch die Natur, noch das, was alle le-

nung, deren absolute Wirklichkeit vorausge-

bendigen Wesen feinstofflich und energetisch

setzt wird, alle übrigen Gegebenheiten, die

miteinander verbindet, keine Illusion, im Sinne

genau der gleichen Sphäre angehören, aber

einer nichtexistierenden Welt ist, sondern, dass

sämtlich unwirklich sein sollen, abzuleiten.

wir aus unserem Inneren eine Wirkung auf die

Dieser Versuch der Welt ihre Wirklichkeit ab-

Dinge und Zusammenhänge haben, ebenso wie

zusprechen, gelingt Schopenhauer ebenso we-

die Dinge und Beziehungszusammenhänge je-

nig wie den alten Indern mit ihrer Maya-Lehre.

den Einzelnen beeinflussen.

Es ist ein verzweifeltes Unterfangen, von einer metaphysischen Wirklichkeit her die Unwirk-

Hermann von Keyserling schreibt in seinem

lichkeit der Erscheinungswelt ableiten zu wol-

Werk Kritik des Denkens folgendes: ›Schon

len. Die wahrnehmbare, sichtbare und fühlba-

Kant nämlich, der Begründer des transzenden-

re Welt ist die Einzige, die uns auf dem Weg der

talen Idealismus, hat es richtig erkannt und aus-

Erfahrung zugänglich ist und sie umfasst die

drücklich ausgesprochen: die transzendentale

gesamte Vorstellungswelt. Die Realität der

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THEMA / WAHRHEIT

Phänomene (wahrnehmbare, sinnliche Ereig-

gane, die in jedem Säugetier vorkommen, tech-

nisse) haben wir, wie wir uns auch stellen, wie

nische Erfindungen, die mit den Kräften der

immer wir sie deuten mögen, vorauszusehen.

Natur zuverlässig arbeiten, z.B. Dampfmaschi-

Wir müssen voraussetzen, dass sie wirklich da

ne, Stromleitungsnetz, Benzin- und Elektromo-

sind, genau wie wir selber da sind.

toren, Flugzeuge und Autos. Manche Gesetze und Regeln wirken allerdings

Die Struktur hinter den Dingen

nur unter bestimmten Bedingungen oder Zeiten

Wir leben in einer wirklichen Welt. Das ist die

wie zum Beispiel den Jahreszeiten. Sind diese

Basis! Die wirkliche Welt besitzt eine Struktur,

bestimmten Umstände und Bedingungen gege-

die hinter allen Dingen ist. Es existieren also

ben, passiert immer dasselbe.

ganz bestimmte Regeln und Gesetze, durch die

Viele dieser Tatsachen erstaunen uns schon

unsere Welt so ist, wie sie ist. Einige dieser Ge-

lange nicht mehr, weil sie selbstverständlich

setze hat man bereits entdeckt und nennt sie

geworden sind und wir sie, oft unbewusst, als

Naturgesetze. Eine Aussage in der empirischen

gültig anerkennen. Diese verinnerlichten und

Wissenschaft gilt dann als begründet, wenn

akzeptierten Zusammenhänge geben uns eine

man sie als objektiv gültig nachweisen kann, im

Grundsicherheit, die der Einzelne wie auch die

Unterschied zu Aussagen, die lediglich auf sub-

Gemeinschaft zum Leben bedarf. Auch ohne

jektiver Sichtweise oder Geschmack beruhen.

wissenschaftlichen Nachweis kennen wir mitt-

Wir kennen mathematische Regeln (1 + 1 ist im-

lerweile einen bestimmten Teil der uns täglich

mer 2, unabhängig vom Beobachter), das Gesetz

umgebenden Weltzusammenhänge und stellen

der Identität (A = A, ein Baum = ein Baum), die

diese auch weitestgehend nicht in Frage, da sie

Kraft, die wir Gravitation nennen (Isaac Newton

uns immer wieder erscheinen und wir sie hö-

1686 in Philosophiae Naturalis Principia Mathe-

ren, sehen, schmecken, fühlen und anfassen

matica), die Moleküle, Zellen, Knochen und Or-

können.

Was ist Wahrheit? Gibt es nur eine Wahrheit oder mehrere oder überhaupt keine Wahrheit? Auf der Suche nach einer Antwort kann man verschiedene Ebenen herausstellen, in denen ein Wahrheitsbegriff angewendet werden kann:

DIE 3 EBENEN

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THEMA / WAHRHEIT

ollkomv t s i m versu ssert e b r e v t Das Uni nn nich a k n will, s r E e . d n ä r men r es ve e W . n e sitzen e b werd s e r es. We t b r i d r e v liert es. r e v , l l i w Laotse

1. Universelle Ebene

2. Gemeinschafts- und Gruppen-Ebene

All und Alles -> Realgrund =

Verbindungen ab zwei Menschen, Familie, Stamm, sozia-

Ur-Wirklichkeit = Ur-Wahrheit

le Gemeinschaft, religiöse und ethnische Gruppen, Vereine, Volk, Menschheit

Die Universelle Ebene ist die reale

Klar muss sein, dass die Wahrheiten der Universellen Ebe-

Grundlage für Alles, sie enthält alle

ne auf jeder weiteren Ebene erkannt werden können und

Gesetze aller Ebenen und Daseinsbe-

zu Teilen ja bereits erkannt worden sind. Das erfordert ge-

reiche. In dieser Ebene finden wir alle

meinsames Beobachten, Forschen, Experimentieren und

gegebenen Tatsachen inklusive Men-

Lernen. Klar ist auch, dass die Menschheit dem All nicht

schen-, Tier-, Pflanzen- und Mineral-

sämtliche Gesetze und Zusammenhänge entlocken wird.

welt sowie die Erde, Planeten, Son-

Da schwingt positiv mit, dass es noch viel zu erforschen

nen und so weiter, kurz gesagt: Alles

und zu entdecken gilt.

was existiert. Es spielt keine Rolle, ob der Mensch oder sonst ein intelligen-

Die bestmögliche und vernünftige Grundlage jeder

tes Lebewesen, alle Wahrheiten die-

Erkenntnis ist die Tatsache, dass ein Zusammenhang wirk-

ser Ebene entdeckt, die universellen

lich ist. Wie oben bereits erwähnt ist die Wissenschaft

Tatsachen existieren ›aus sich selbst

dafür zuständig, die Strukturen unserer Welt und der des

heraus‹, unabhängig von der Er-

Universums zu beobachten, zu erforschen und zu doku-

kenntnis der Menschen. Auf der uni-

mentieren. Feststehende und nachprüfbar richtige Ergeb-

versellen Ebene entspricht alles der

nisse übernehmen die Menschen dann als Wissenssätze

absoluten Wahrheit, da sie der rea-

(= Wissen). Zusammenhänge, die noch nicht eindeutig und

le Urgrund aller Gesetze, Regeln und

endgültig bewiesen werden konnten, aber ein theoreti-

Zusammenhänge ist.

sches Modell in Form von Thesen und Hypothesen postulieren, nehmen wir als Glaubenssätze an (= Glauben).

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THEMA / WAHRHEIT

Der unstrukturierteste und unsicherste Bereich

• Zuschreibung von Wahrheit

ist letztendlich jener der Vermutung, zum Bei-

Ein Standpunkt besteht aus dem Konsens von

spiel ob unser Weltall endlich oder unendlich

einer möglichst hohen Zahl von gleichen Mei-

ist.

nungen (Traditions-, Kultur-, Religions-, WeltKonsens). Menschen mit bestimmten Über-

Auf der interpersonellen Beziehungsebene, die

zeugungen zu einem Thema können sich

der Gemeinschafts- und Gruppen-Ebene ange-

gruppieren, so vertreten sie gestärkt einen ge-

hört, verstehen wir unter Wahrheit eine Aus-

meinsamen Standpunkt. Es gibt verschiedene

sage, die mit der Welt und ihrer Wirklichkeit,

Meinungen und auch verschiedene Gruppen

mit einem Faktum, übereinstimmt. So z.B. eine

mit unterschiedlichen Standpunkten zu einem

tatsächliche Handlung, ein reales Erlebnis, eine

Thema, beispielsweise Religion. Jeder Stand-

wirklich getätigte Aussage (persönliche Ge-

punkt hat eine eigene Strategie und Konzepte

schichte, Weltgeschichte), eine authentische

zu seiner Rechtfertigung.

persönliche Haltung und Gefühle sowie einen persönlichen Standpunkt (Wissen als auch

• Geschlossene Wahrheitssysteme

Nichtwissen). Verfälschungen dieser Inhalte

Ein theoretisches Modell einer in sich geschlos-

können als ›Lüge‹ oder als ›unwahr‹bezeichnet

senen Wahrheit, z. B. Mathematik, bestimmte

werden. Eine Verfälschung ist ein absichtliches

Theorien in der Physik, das Modell der Klimae-

oder unabsichtliches Verändern eines bereits

rwärmung und auch die Infektionstheorie, auf

existierenden Zusammenhanges oder Gegen-

der die heutige Schulmedizin basiert.

standes.

Die Kohärenztheorie ist eine in sich geschlossene Theorie, die nicht den Versuch macht, nach

In der Gemeinschafts- und Gruppen-Ebene

der ›absoluten‹ Wahrheit zu suchen, sondern

existieren vier Wahrheitskategorien:

nur die Stimmigkeit von Aussagen innerhalb eines bestimmten Kontextes untersucht. Die Ko-

• Tatsachen als Wahrheitsbeweis

härenztheorie vergleicht nur die Sätze unterein-

Eine Tatsache ist ein wahrgenommener Vor-

ander. Vereinfacht: Eine Aussage ist dann wahr,

gang der inneren und äußeren Realität. Sie be-

wenn sie in den Kontext passt. Ob der Kontext

steht aus einem Ding und seiner Bewegung, aus

an sich einen Sinn ergibt, wird nicht berücksich-

einer Handlung in der Zeit oder aus einer per-

tigt. So war im Mittelalter die Aussage ›... die

sönlichen Gefühlsregung. Erkenntnismodelle

Sonne dreht sich um die Erde‹, im Kontext des

sind beispielsweise die Gesetze der Logik (Ge-

geozentrischen Weltbildes wahr. Im heliozent-

setz der Identität, Gesetz vom ausgeschlossenen

rischen Weltbild ist diese Aussage falsch.

Dritten, Gesetz vom ausgeschlossenen Wider-

Bei der Pragmatischen Wahrheitstheorie ist

spruch), wie auch die Korrespondenztheorie.

Satz ›x‹ für eine Gruppe von Personen genau dann wahr, wenn die Anerkennung von ›x‹

• Nachweisverfahren von Wahrheit

nützlich für die Realisierung von Zielen der

Es werden bestimmte Kriterien zu einem prak-

Gruppe ist.

tischen oder logischen Nachweisverfahren festgelegt. Wenn diese Kriterien eingehalten werden, spricht man von einer wahren Aussage. Wissenschaftliche Erkenntnisprozesse finden in dieser Form statt.

un-plaqued No 19 | 43


THEMA / WAHRHEIT

3. Persönliche Ebene

Die Lüge bedeutet eine absichtliche Verfäl-

Individuum / Subjekt

schung eines Inhaltes, eines bereits existierenden Zusammenhanges oder eines Gegenstan-

Diese Ebene geht vom Bewusstsein des Einzel-

des. Menschen lügen aus Angst, Scham oder

menschen aus, der versucht, das Leben und die

Mitgefühl.

Welt zu verstehen und zu ordnen. Das Einzelwe-

Herman von Keyserling schreibt in seinem Auf-

sen weiß ganz sicher um sich selbst und steht in

satz Wahrheit und Richtigkeit aus Der Weg zur

Wechselbeziehung zu anderen Wesen, zur Na-

Vollendung (Heft 34, 1943): ›Ein echter und le-

tur, zum Kosmos sowie auch zu leblosen Dingen.

bendiger Wahrheitsbegriff in der heutigen geistig-seelischen Situation des Menschen, ist

Auf der Persönlichen Ebene ist das wahr, was

nur in Funktion der persönlichen Wahrhaftig-

das Individuum als wahr akzeptiert und als

keit fundiert. Ohne Überzeugtheit gibt es kei-

wahr fühlt. Wenn der Einzelne etwas als wahr

ne wohltätige Wahrheit mehr; die Zeit alleinse-

befindet, beeinflusst ihn das in seinem Leben

ligmachender Sachlichkeit ist um. ›Richtigkeit‹

grundsätzlich. Es bestimmt seine innere Ein-

kann, wie auch in Urzeiten, nur bestimmt wer-

stellung und Haltung, mit der er die Welt wahr-

den in Funktion der jeweils rechten Gleichung

nimmt und wie er in der Welt wirkt. Die Welt

zwischen Subjekt und Objekt, die aber hängt

und ihre Wirklichkeit wird ohne Zweifel von je-

von der jeweiligen psychischen Konstitution

dem einzelnen Mensch mit gestaltet, genau-

ab.‹

so wie auch die Wirklichkeit den Menschen be-

Wir können auf der Persönlichen Ebene zwei-

einflusst.

erlei Wahrheitskategorien bilden. Die eine be-

Der Mensch ist ein essenzieller Bestandteil der

dient sich der Tatsachen als Wahrheitsbeweis,

Wahrheit der Welt. Jede menschliche bzw.

während bei der personengebundenen Wahr-

überhaupt jede Handlung und Bewegung im

heit persönliche Erfahrungen der Innen- und

Universum, ist allein auf der Grundlage der Ur-

Außenwelt die Überzeugungen bestimmen.

Gesetze der Universellen Ebene möglich. Auf der Persönlichen Ebene misst sich die Echtheit

Meine Wirklichkeit, mein Standpunkt, meine

und Authentizität einer Person an ihrer Wahr-

Erkenntnis, meine Meinung, meine Überzeu-

haftigkeit (Albert Schweitzer: ›Treue zu sich

gung, mein Glaube bestimmen meine Wahr-

selbst.‹). Eine der höchsten Tugenden ist die

heit.

Ehrlichkeit. Ehrlichkeit bedeutet aufrichtig und offen zu

Das Erkenntnismodell

sein, und hängt von der Stärke der Persönlich-

Alles was der Mensch weiß, hat er erfahren.

keit, Intelligenz, Erziehung, Milieu, Erfahrun-

Der Mensch lebt in der Welt und bildet die Welt

gen und vor allem von der Reife eines Men-

durch seine Erfahrungen in seinem Bewusstsein

schen ab. Der reife oder weise Mensch weiß um

individuell ab. Es entsteht: Erfahrung durch Er-

die Zusammenhänge, dass wir Beziehungswe-

kenntnis. Dieses Modell bildet den Weg der Er-

sen und der Gemeinschaft gegenüber verant-

kenntnis in einfachen Zügen ab:

wortlich sind. 44 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

DAS ERKENNTNISMODELL

*

*

* Aufmerksamkeitsfilter: Interesse, Psyche, Bewusstsein und Sensibilisierung. * Biofilter = Physischer Filter: Körperlicher Zustand (z.B. müde oder wach), Seh-, Hör- und Wahrnehmungsvermögen.

Das Erkenntnismodell unterscheidet zwischen

der Verstand der Sache angleicht, wie das bei

Wahrheit und ihrer Erkenntnis. Der Grund ist,

uns der Fall ist; aufgrund dessen nämlich, dass

dass Erkenntnis immer subjektiv ist und durch

die Sache ist oder nicht ist, ist unsere Meinung

bewusstes Betrachten der Innen- und Außen-

und unsere Rede davon wahr oder falsch.

welt entsteht. Für das persönliche Leben ist Er-

Wenn aber der Verstand Richtschnur und Maß

kenntnis und der in ihr enthaltene Sinn essen-

der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Überein-

ziell. Durch Erkenntnis und Interesse an ›allem

stimmung der Dinge mit dem Verstand; so sagt

was ist‹, kann der Einzelne seine Meinungen

man, der Künstler verfertige ein wahres Kunst-

formen, Standpunkte beziehen sowie die Welt

werk, wenn es seiner Kunstvorstellung ent-

und ihre Ordnung erkennen. Selbsterkenntnis

spricht.‹

und Kenntnis der Welt gehören zu den wichtigsten Grundlagen für eine Selbstentfaltung, die

Die Wahrheit und ihr Gegenbegriff

dem Einzelnen höchstes Anliegen bedeutet.

Nahezu jedes Wort in unserer Sprache hat einen Gegenbegriff. Welchen Begriff kann man

Als einer der einflussreichsten Philosophen

der Wahrheit gegenüberstellen? Ist es die Lüge,

und Theologen der Geschichte, hat Thomas von

die Unwahrheit oder das Geheimnis?

Aquin im 13. Jahrhundert den Begriff ›Wahr-

Wenn Wahrheit bedeutet, die Welt zu zeigen

heit‹ in seinem Werk Quaestiones disputatae

wie sie wirklich ist, und wir davon ausgehen,

de veritate erwähnt: ›Ich antworte, es sei zu sa-

dass viele Dinge und Zusammenhänge noch

gen, dass Wahrheit in der Übereinstimmung

nicht entdeckt worden sind, scheint ›Geheim-

von Verstand und Sache besteht […]. Wenn da-

nis‹ der würdige Gegenbegriff zu ›Wahrheit‹

her die Sachen Maß und Richtschnur des Ver-

zu sein. Erst das Erkennen und die Entdeckung

standes sind, besteht Wahrheit darin, dass sich

eines Weltinhaltes macht für uns schlussendlich un-plaqued No 19 | 45


THEMA / WAHRHEIT

aus dem Geheimnis eine Wahrheit. Der Begriff ›Unwahrheit‹ bezieht sich dagegen auf eine unabsichtlich nicht korrekte Aussage, während die ›Lüge‹ eine absichtliche Verfälschung eines Inhaltes oder Zusammenhanges bedeutet.

GEGENBEGRIFF

LÜGE

subjektiv

subjektiv

EHRLICHKEIT

objektiv

objektiv

WAHRHEIT

GEHEIMNIS

›Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist. Nicht an der Wahrheit liegt es daher, wenn die Menschen noch so voller Unwissenheit sind. Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur wir stufen uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt keine Geheimnisse an sich, es gibt nur Uneingeweihte aller Grade.‹ Christian Morgenstern LITERATUR Hermann von Keyserling: Kritik des Denkens;

Und ewig sucht der Mensch

Erhard Landmann:

Am Anfang des Lebens und jeder Entdeckungsreise stehen der Wille zum Le-

Weltbilderschüt-

ben, Neugier, Sehnsucht und oft auch Notwendigkeit. Die Suche nach Wahr-

terung;

heit hat Philosophie, Wissenschaft und Kunst hervorgebracht und stellt den

Richard Fester:

Menschen mit seinen Möglichkeiten auf eine eigene Stufe im Universum. Die

Weib und Macht;

Menschheit, als Superorgan Mensch, befindet sich in einer Welt, die sich im-

Friedrich Köhler:

mer wieder wandelt, aber auch ihre Konstanten hat. Das Geheimnis ist schwan-

Die Offenbarung,

ger mit der Wahrheit, bis wir sie berühren, spüren, schmecken, sehen und be-

Muspilli;

gleiten können. Es ist schlussendlich das Interesse an uns selbst, unser Dasein

Ernst Jünger:

lebenswert zu gestalten, als auch das Überleben der Menschheit und aller Le-

Geheimnisse der

bewesen zu sichern, weswegen wir immer wieder Interesse und Mut aufbrin-

Sprache.

gen, auf der Suche nach Wahrheit. // 46 | un-plaqued No 19


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THEMA / WAHRHEIT

TRUTH OF A REVOLUTION TEXT Zeyad Salem

I

pass by the street and my heart aches, I pass

successive readings of Murakami's master piece

through the street and I picture it the way it

Kafka on the shore however I didn't really grasp

was that day, packed, energetic, happy, wor-

the meaning of such notion until that day.

ried, anticipating death, determined and unbeatable and I remember myself on the 25th of

After February 2011, the ousting of Mubarak

January 2011, joining the protests on this very

and the worldwide celebrations that followed,

same street, hearing the beats of my heart,

I among millions of people, thought that this is

feeling the weight of my steps knowing that no

it, this is our time this is when we get to build

matter how this ends, I would be filled with

our country into a nation of freedom, justice

pride that I revolted against a regime that took

and equality. Little did we know that the hard-

turns in suppressing my nation, my people and

er times were still ahead.

myself for more than 60 years.

Fascism is what is, whether it is the army who

It was a defining moment in my life, a moment

claimed to be on the side of the revolution, yet

of no return; it is when self realization and ac-

his actions proved otherwise, from civilians

tualization intertwine producing your present

undergoing military trials, girls coerced into

and future.

virginity tests, forceful evacuation of peace-

In everybody's life there is a point of no return,

ful sit-ins, silencing of all voices asking for a

I read this sentence countless times during my

real change, to a state media denouncing us as

48 | un-plaqued No 19


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

traitors and thugs all steered up by them, was

we the Egyptian people have zero tolerance

its biggest enemy.

for being randomly shot, killed, injured, beat-

Or religious based groups using all the manipu-

en, tortured or detained and in minutes we can

lative techniques in the book, using the prom-

gather and unite against any entity that vio-

ise of after life, as if they hold the keys to heav-

lates our rights, all what we are asking for and

en, as well an older generation that still cannot

I believe we have earned it the hard way, is to be

fathom what freedom is given that it thrives on

respected and treated as humans that have rights

patriarchy and oppression.

and more importantly a voice that will never be

Political parties which only care about person-

silenced again.

al gains and couldnâ&#x20AC;&#x2122;t care less about the essence

More than 2.276 martyrs later, I still believe that

of the revolution or those who sacrificed their

we will make it, we will build the nation we de-

life for it.

serve where justice, equality and dignity are the

And in the middle of all of it we stand united,

pillars, some would see my optimism as delusion,

trying to defend our dream of a free Egypt,

a dream but since I can still dream that means

trying to let those who lost an eye, an arm,

they haven't killed me yet.

a friend, a child, a sibling, a lover or a parent know that their loss was not in vain, coz the

Isn't that what a revolution is all about, isn't that

only truth in all of that surreal scene is that

how it startedâ&#x20AC;Ś a dream.//

zeyadsalem.wordpress.com un-plaqued No 19 | 49


THEMA / WAHRHEIT

REAL – ODER ERDICHTET? TEXT Karen Dobberstein

50 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

I

n der Psychologie werden seit jeher Gehirn-

unserer Vorerfahrung rekonstruiert werden.

strukturen und auch Gedächtnisfunktionen

In Extremfällen können Erinnerungen kom-

untersucht. Dazu gehören Untersuchungen

plett verdrängt werden, wenn sie zu schmerz-

zum Lernen als auch die Erforschung von Erin-

lich oder bedrohlich für das eigene psychische

nerungsprozessen. Eine direkte Erinnerung,

Wohlbefinden sind. Verdrängung dient hier

also das Reproduzieren einer Information, ist

als Schutzmechanismus vor diesen unerträgli-

nicht in allen Fällen möglich. In diesem Fall nut-

chen Erlebnissen. Forscher sehen hier die Ge-

zen Menschen die Fähigkeit auf allgemeine Er-

fahr, dass aufgedeckte verdrängte Erinnerun-

innerungen zurückzugreifen und dadurch ein

gen nicht der Wahrheit entsprechen müssen,

Ereignis zu rekonstruieren. In vielen Situatio-

da sie ebenso verfälscht und verändert werden.

nen wird die Rekonstruktion der wahrscheinlichen Wirklichkeit mit der Realität weitestge-

Was nicht ist, kann noch werden

hend übereinstimmen. Jedoch kann es gerade

Aus einer anderen Perspektive betrachtet, zeigt

über lange Zeiträume hinweg zu Verzerrungen

sich hier eine besonders positive Eigenschaft

des Erinnerungsprozesses kommen. Dieses

des Menschen. Unser Gehirn ist plastisch, was

Phänomen kennen beispielsweise Menschen,

bedeutet, dass es sich sehr schnell umorgani-

die sich wieder zu ihrem Ex-Partner zurückseh-

sieren kann. Obwohl es festgefahrene Denk-

nen, weil sie die negativen Seiten der Bezie-

strukturen gibt, deren Pfade schwer zu verlas-

hung vergessen oder verdrängt haben.

sen sind, können auch diese Nervenautobahnen

Untersuchungen aus den dreißiger Jahren fan-

abgebaut und wieder zu Trampelpfaden ge-

den drei Arten von rekonstruktiven Prozessen.

macht werden. Dafür können zieldienliche und

Erstens das Nivellieren, die Vereinfachung ei-

funktionale Nervenbahnen trainiert und gefes-

nes Erlebnisses, zweitens das Akzentuieren, die

tigt werden.

Überbetonung bestimmter Details und drittens

Ist es also möglich, die ursprüngliche Verknüp-

das Assimilieren. Letzteres bedeutet, dass Ein-

fung der Nervenbahnen zu einem bestimmten

zelheiten so verändert werden, dass sie mit dem

Ereignis zu reaktivieren? Deutlich wird dieses

Erfahrungswissen der Person übereinstimmen.

Phänomen bei Gerüchen. Jeder hat wahrscheinlich schon einmal erlebt, dass die Wahrneh-

Besonders gravierend wird diese Tatsache,

mung eines Duftes von Parfum, Essen oder

wenn es um Zeugenaussagen vor Gericht oder

anderen intensiven Gerüchen sofort eine Erin-

ähnliches geht. Es gilt als gesichert, dass sich die

nerung an eine bestimmte Begebenheit oder

Berichte von Augenzeugen verändern, wenn

eine Person hervorrief. Zeitgleich sind Details

sie nach dem Ereignis neue Informationen er-

und andere Sinneswahrnehmungen wieder

halten. Den nachträglichen Informationen

präsent und lassen uns die Situation noch ein-

wird mehr Beachtung geschenkt und sie blei-

mal durchleben.

ben sogar stärker im Bewusstsein, als das ursprünglich Gesehene. Detaillierte Fernsehbe-

Das Wiederaufrufen vergangener Erlebnis-

richte über Verbrechen können beispielsweise

se erfolgt durch synchrones Feuern der Neu-

die Beteiligten (Zeugen, Opfer) manipulieren,

ronen, welche schon während des Ereig-

so dass sie ihre Geschichte ausbauen oder ent-

nisses beteiligt waren. Da Erinnerungen in

sprechend verändern. Diese Erkenntnisse le-

verschiedenen Bereichen des Gehirns gespei-

gen nahe, dass Erinnerungen eher wie Colla-

chert werden, entsteht ein Gedächtnisnetz

gen sind, welche aus verschiedenen Elementen

aus Sinnesempfindungen, Worten, Gefühlen. un-plaqued No 19 | 51


THEMA / WAHRHEIT

Während des Erinnerungsprozesses

text-Effekt genannt, meint die unter-

spielt das Gehirn ein neuronales Akti-

schwellige Aktivierung von Assoziati-

vitätsmuster ab, welches ursprünglich

onen. Wikipedia beschreibt Priming

während des bestimmten Ereignisses

als: ›die Beeinflussung der Verarbei-

und der damit einhergehenden Reak-

tung eines Reizes dadurch, dass ein vo-

tion generiert wurde. Dadurch erlebt

rangegangener Reiz implizite Gedächt-

die Person das Geschehene erneut mit

nisinhalte aktiviert hat.‹ Priming-Reize

ähnlichen Wahrnehmungen wie in der

können ein Wort, ein Bild, ein Geruch

damaligen Situation. Die neuronale Ak-

oder eine Geste sein. Die anschließen-

tivität des echten Erlebens und der da-

de kognitive und emotionale Verar-

zugehörigen Erinnerung sind dabei

beitung wird durch den Priming-Reiz

nicht völlig identisch (80%), wie fMRT

beeinflusst und verändert so die nach-

Studien zeigen konnten. Durch die Wie-

folgende Bewertung, Gemütszustand

derholung von Informationen oder das

oder Verhaltensweisen. Werden durch

JEDER MENSCH ERFINDET SICH FRÜHER ODER SPÄTER EINE GESCHICHTE, DIE ER FÜR SEIN LEBEN HÄLT. Max Frisch

Erzählen von Ereignissen prägt sich das

den Priming-Reiz Gefühlszustände ak-

Erlebte dementsprechend immer stär-

tiviert, spricht man vom ›affektiven

ker in unser Gedächtnis ein.

Priming‹. Bei der Aktivierung begrifflicher Assoziationen spricht man hingegen vom ›semantischen Priming‹.

Verfälschte Erinnerungen Ein sogenannter, meist unbewusst ab-

Wie viel die Wortwahl unsere Mei-

laufender Priming-Effekt kann sich

nungsfindung beeinflussen kann, ver-

zum Beispiel auf die Aufrechterhal-

deutlicht folgende Studie als Beispiel

tung bestimmter psychischer Störun-

für ein semantisches Priming: In Un-

gen auswirken. Im Englischen bedeu-

tersuchungen zu Augenzeugenberich-

tet Priming etwa Vorbereitung oder

ten fanden Forscher heraus, dass eine

Grundieren. Der Priming-Effekt oder

unterschiedlich gestellte Frage, die

auch assoziative Aktivierung oder Kon-

Antworten der Personen prägte. Nach

52 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

dem Zeigen eines Films über einen Autounfall wurden zwei Gruppen von Menschen nach einer Schätzung der Geschwindigkeit der Autos gefragt. Die Formulierungen lauteten: A) Wie schnell waren die Autos, als sie in einander rasten? Und B) Wie schnell waren die Autos, als sie sich berührten? Die Gruppe A schätzte im Vergleich zur Gruppe B die Geschwindigkeit der Autos höher ein und dichtete mehr Details hinzu, die nicht vorhanden waren. Am Ende kommt es viel weniger darauf an, was wirklich wahr ist, als darauf, was wir glauben und damit für uns persönlich wahr ist. Denn die persönliche Wahrheit, also unsere Annahme über die Wirklichkeit beeinflusst, was wir sehen, hören und fühlen. Wie immer steckt in dieser Erkenntnis sowohl das Übel als auch das Glück. Reize aller Art bringen uns umgehend zurück zum einem archaisch reagierenden Wesen, das Opfer angelernter Schutzmechanismen und Erfahrungen ist. Andererseits können wir mit Hilfe positiver Denkweisen und Methoden die Plastizität unseres Gehirns dazu nutzen, jede andere Wahrheit anzunehmen und zu verinnerlichen. //

DER KOPF IST RUND, DAMIT DAS DENKEN DIE RICHTUNG WECHSELN KANN. Francis Picabia

un-plaqued No 19 | 53


THEMA / WAHRHEIT

EMINENZ, EVIDENZ, EMPIRIK:

DIE VERSCHIEDENEN PERSPEKTIVEN DER WAHRHEIT TEXT Bertram Steiner ‧ FOTO Hubble-Teleskop/ESA

›Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.‹, soll Bertrand Russell einmal gesagt haben. Das ist sicherlich richtig, zumindest dann, wenn mehrere Menschen sich eine Auffassung – oder wissenschaftliche Theorie – zu eigen gemacht haben. Der Wissenschaft hat es nicht geschadet, wenn die Mehrheit oder fast alle einem Irrtum anhingen. Ist die Zeit reif für eine wissenschaftliche Weiterentwicklung, bricht sie sich unaufhaltsam Bahn. Das Alte wird überwunden und das Neue wird zur ›wahren‹ Theorie.

N

atürlich ist auch die neue Theorie nur

unterworfen war. Virchows Zellularpathologie

eine Theorie, die darauf wartet, wider-

und andere wissenschaftliche Erkenntnisse ha-

legt zu werden, und keinesfalls eine un-

ben sie überwunden. Neues ersetzte Altes.

umstößliche Wahrheit. Galen hat im zweiten

Das ist ein normaler Vorgang in der Mensch-

Jahrhundert n. Chr. die Humoralpathologie

heitsgeschichte. Normal ist auch, dass Gruppen

(Viersäftelehre) als Krankheitskonzept entwi-

von Menschen an dem Alten festhalten wollen.

ckelt, die bis ins 19. Jahrhundert als medizini-

Wenn der Mensch des Mittelalters daran fest-

sche ›Wahrheit‹ nur marginalen Variationen

halten wollte, dass die Sonne sich um die Erde

54 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

dreht, war das nur normal. Diese ›Wahrheit‹

ben als auch Wissen die ›Wahrheit‹ für sich,

entsprach seiner täglichen Wahrnehmung. Im

jeweils in anderer Ausprägung. Während der

Prinzip müssten wir dies heute noch glauben,

Glaube es relativ leicht hat, dies semantisch lo-

sieht es doch für jeden von uns so aus, als stünde

gisch leicht zu belegen – denn man kann ja nur

die Erde fest, während die Sonne genauso wie

das Wahre glauben und nicht das Falsche – Zwei-

der Mond sich um uns herum dreht. Wir wis-

fel ist ja dem Glauben gerade nicht eigen – will

sen es besser. Unser Wissen widerlegt unsere

das Wissen immer wieder neu bewiesen wer-

Wahrnehmung.

den.

Heute wissen wir, dass die Erde sich mit durch-

Das gilt zum Beispiel, wenn der Laie sich der

schnittlich 107.000 km/h um die Sonne bewegt,

Wissenschaft annähern will. Solange die Pos-

obwohl wir keinen spürbaren Beleg dafür ha-

tulate seinem gelernten Wissensstand entspre-

ben, der sich mit unseren Erfahrungen über Be-

chen (der Apfel fällt nach unten), die Erkennt-

wegung oder Geschwindigkeit deckt. Würden

nisse nicht schrecklich unverständlich sind

wir jeden Abend – ähnlich Galilei – den Himmel

(Krümmung von Raum), sie seinem täglichen

betrachten, und hätten wir ausreichend ma-

Leben nicht widersprechen (UV-Licht ist nicht

thematische Kenntnisse und forschendes Inter-

sichtbar), sie statistisch ›belegt‹ werden (Rot-

esse, fänden wir den Beleg, und unsere Erfah-

wein schützt vor Herzinfarkt), will er ihnen ger-

rungen über Bewegung und Geschwindigkeit

ne folgen und sie für ›wahr‹ nehmen.

wären nicht mehr durch das Heraushalten der

Der wissenschaftlich tätige Mensch – auch in der

Hand aus dem fahrenden Auto geprägt.

Zahnmedizin – folgte dem genauso, erst recht, da er über mehr Fachwissen verfügt und so vie-

Gruppen von Menschen halten gelegentlich an

les für ihn nicht mehr schrecklich unverständlich

Altem fest, obwohl das Neue da ist und sich ver-

ist. Die statistischen ›Beweise‹ sind für ihn oft

breiten will. Solange diese Menschen nur sich

noch bedeutungsvoller als für den Laien. Leider

selbst dem Neuen verweigern, indem sie der

wird dabei immer wieder die wissenschaftsthe-

neuen Theorie einfach nicht folgen wollen, ist

oretische Grundprämisse vergessen, dass Wis-

dies für das wissenschaftliche Voranschreiten

senschaft die Suche nach Wahrheit ist, sie aber

ohne Belang. Doch wenn Gruppen von Men-

die Wahrheit als Endpunkt wahrscheinlich nie

schen das Neue verhindern wollen, weil sie in

erreichen wird.

dem Alten die Grundlage ihrer Daseinsberech-

Die Zahnheilkunde – so wir sie als Wissenschaft

tigung sehen, und wenn diese dann auch noch

sehen wollen – unterliegt dieser wissenschafts-

über Machtmittel verfügen, die eine Verbrei-

theoretischen Prämisse ebenso. Eine Theorie

tung des Neuen wirksam verhindern können,

gilt nur solange, wie sie nicht widerlegt ist. Al-

kommt es – wie bei Giordano Bruno oder Gali-

lerdings ist der empirische Anteil, zum Beispiel

leo Galilei – zu Situationen, die in Hinsicht auf

im Vergleich zur Physik, sehr groß. Das try-and-

wissenschaftliche Entwicklungen, und auch

error-Prinzip ist eine der tragenden Säulen

menschlich, bedauerlich sind.

der zahnmedizinischen Wissenschaft. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange den For-

Erkenntnisse der Wissenschaft wurden und

schenden die Konsequenzen dieses Prinzips

werden allzu leicht mit nahezu unumstößlichen

klar vor Augen sind. Dabei kommt in der Medi-

Wahrheiten verwechselt. In der Neuzeit, also

zin noch etwas hinzu, das andere Wissenschaf-

seit der Renaissance, hat sich der Dualismus

ten nur mittelbar berührt: die Nähe zum kran-

zwischen Glauben und Wissen entwickelt. Er-

ken Menschen und die Notwendigkeit zur meist

staunlicherweise beanspruchen sowohl Glau-

sofortigen Intervention nach besten Wissen und un-plaqued No 19 | 55


THEMA / WAHRHEIT

Gewissen. Während die Physik oder Chemie die

Forschungsergebnisse den wirtschaftlichen

Übereinstimmung eines neuen Gedankens mit

Interessen der industriellen Mittelgeber ent-

anderen Theorien solange unter Laborbedin-

sprechen sollen. Kommt die versorgte Hoch-

gungen untersuchen kann, wie es die finanziel-

schule nicht zu den gewünschten Ergebnissen,

len Mittel erlauben, stellt sich dies in der Medi-

lassen sich zunächst die Forschungs-Designs

zin anders dar.

›anpassen‹. Versagt auch das, gerät die Hoch-

Ab einem bestimmten Zeitpunkt müssen die

schule schnell auf der Liste der zu verteilenden

›Laborbedingungen‹ für medizinische Theori-

Fördermittel etwas weiter nach unten. Von der

en den Menschen mit einbeziehen. Ethikkom-

menschlichen Absonderlichkeit, Forschungser-

missionen ändern nichts daran, dass die Suche

gebnisse zielorientiert zu steuern, weil das Ziel

nach Wahrheit irgendwann am lebenden Men-

eine persönliche ›Anerkennung‹ seitens des

schen stattzufinden hat.

Mittelgebers ist, soll hier gar nicht gesprochen werden. Ein fataler Kreislauf, doch nicht um-

Die Kosten wissenschaftlicher Forschung sind

sonst hat sich der Spruch etabliert: ›Traue kei-

immer hoch, auch in der Medizin. Seit vielen

ner Studie, die Du nicht selbst gefälscht hast.‹

Jahren werden diese Kosten nicht mehr von staatlicher Seite allein getragen. Die Indust-

Kommen wir zurück zu Giordano Bruno oder

rie forscht genauso auf wissenschaftlicher Ba-

Galileo Galilei. Kein Zahnheilkundeprofessor

sis, wie die Hochschulen oder andere stattlich

käme heute noch auf den Scheiterhaufen wie

finanzierte Forschungseinrichtungen. Nicht

ersterer, nur weil die Ergebnisse der Untersu-

nur in der Zahnheilkunde hat sich die finanzi-

chung eines Füllungsmaterials nicht dem wirt-

elle Verschränkung zwischen industrieller Seite

schaftlichen ›Glauben‹ der finanzierenden

und staatlichen Trägern außerordentlich entwi-

Firma entspricht. Diese Zeiten sind vorbei. All-

ckelt. Das hat zweifellos finanzielle Vorteile für

gegenwärtig ist dagegen immer noch, die Su-

die Hochschulen.

che nach Wahrheit behindern zu wollen, nur

Für die wissenschaftliche Seite ist es nicht im-

reichen dafür heute wesentlich subtilere Mit-

mer von Vorteil. Es ist leicht vorstellbar, dass die

tel aus. //

56 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

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un-plaqued No 19 | 57


THEMA / WAHRHEIT

% 0 12 R

H E M Z! N A L G

TEXT Ronny Schlömer, Freelancer und Werbe-Ikone

Werbung – alles gelogen! Das wissen die Menschen. Irgendwie. Die ganz Dummen vielleicht nicht, aber man kann auch nicht die ganze Welt vor der bösen Werbung retten, die die Zähne immer weißer werden lässt und unseren Haaren noch mehr Glanz verleiht. Darüber zu schreiben wäre wirklich zu profan. Schauen wir lieber hinter die Kulissen. Unter Umständen gibt es mehr Wahrheit in dieser Branche als wir alle denken ...

D

ie Werbebranche, deren Mitglied ich

finitiv weniger spießig, es wird mehr gelacht

seit mittlerweile 16 Jahren bin, ist zwie-

und vor allem, man darf Shirts und Turnschu-

spältig! Vom kleinen Azubi bis zum Free-

he tragen! Rockstar!

lancer durfte ich einiges erleben. Wenn man noch klein ist, wirkt alles wie eine riesige Par-

Come in and find out!*

ty. Verrückte Leute und hey – wenn man sagt,

Spätestens wenn man auf die 30 zugeht,

man arbeitete in der Werbung, kommen mehr

macht es klick. Unbezahlte

Fragen, als wenn man erklärt ›Hey, ich bin

Überstunden, Feieraben-

Buchhalter‹. Nach dieser Aussage verstummen

de ausschließlich mit den

jegliche Nachfragen. In meinem Job ist das an-

Kollegen verbringen und

ders: ›Wow – wie kreativ‹, ›Ist bestimmt super

lächerliche 25 Tage Ur-

spannend.‹ Bla bla ja ja ...

laub im Jahr. Das soll die

Aus diesem Grund sind in der Werbebranche

Belohnung sein? Haha,

auch primär junge Menschen zu finden – jene,

›VERARSCHT‹

die das Spiel noch nicht durchschaut haben. Die

die Agenturen einem ent-

gut drauf sind, so richtig was anpacken und mit

gegen. Ganz zu schweigen

›verrückten‹ Slogans und Headlines die Welt-

von tiefer gehenden In-

herrschaft übernehmen wollen. Yeah right, ihr

halten, die man verzwei-

kleinen Hasen, träumt weiter! Ich war auch da-

felt sucht und nicht findet –

bei, es gefiel mir durchaus. Schließlich ist es de-

hat sich nicht jeder Werber

58 | un-plaqued No 19

schreien


THEMA / WAHRHEIT

schon einmal bei UNICEF beworben, in der Hoff-

eines damals fetten Handyherstellers (danke

nung, endlich einen Job mit Sinn und Inhalt zu

Apple, denen hast du es gegeben!), in meiner

bekommen?

Wohnung auf einer Leiter und wusste spontan

Mein Motto nach ca. acht Jahren Agenturarbeit

nicht, was ich tun sollte. Meine Kündigung pro-

war irgendwann ›Goodbye advertising shit‹.

vozierte einen Aufschrei unter den Ex-Kollegen.

Ich versuchte, die Wahrheit nun auf ›Kunden-

Einen Job hinschmeißen, für den ›andere Men-

seite‹ zu finden.

schen morden würden‹! Ich strich Wände – eine

Leider war ich weder ein Fan von Kollegen, die

Empfehlung meinerseits: ein ehrlicher, unprä-

sich auf Workshops gerne selber reden hören

tentiöser Job ohne verkaufte Seele. Einfach nur

und immer viel Alkohol konsumieren, noch von

weiß, weiß, weiß und fertig!

einem Chef, der etwas gegen Homos hat. Das

Die ersten Agenturen riefen an, sie hörten ich

war mir einfach zu Achtziger, dickes Sorry!

wäre ›Freiberufler‹! Aha, ja ok, bin ich dann

Nun stand ich da, nach einem gekündigten Job

mal ...

* Nach einer Umfrage verstanden die Probanden darunter ›Komm rein und finde wieder heraus!‹

un-plaqued No 19 | 59


THEMA / WAHRHEIT

Als Freiberufler hat man andere Perspektiven.

Höchstleistungen auflaufen und alle sind zu-

Frei machen, wenn man möchte, jede Menge

frieden. Man sitzt in Meetings und lässt den

Schmerzensgeld bekommen und seine Freizeit

Kunden spüren, wie geil man die neue Haar-

mit wirklich wichtigen Dingen vollpacken. So

farbe findet und ja, wir wissen verdammt noch

lässt es sich aushalten, aber ehrlich ...

mal, dass es die Beste ist. Ja, natürlich werden

Ich liebe diesen Job. Man hat einen gewissen

wir es schaffen, dass die ganze Welt nur noch

Abstand zu Kunden und Kollegen und schaltet

Ihr Produkt will – es ist aber auch wirklich toll.

schneller ab. Ich sehe es als ganz große Bühne.

Alle sitzen in einem Boot voller Begeisterung.

Man liebt wirklich jeden Kunden. Meetings, in

Na ja, meistens klappt es dann nicht direkt mit

dem Kunden einem etwas von neuen ›logisti-

der Weltherrschaft, die ›Konkurrenz war aber

schen Möglichkeiten‹ oder der schnellsten ›Au-

auch verdammt stark und das Budget mal wie-

toscheibenreparatur‹ erzählen – fantastisch!

der zu klein.‹ Egal, verloren und hopp zu einem

Allein dieses Gefühl der Freude lässt einen zu

neuen Kunden.

Werbehuren! So geht es tagein tagaus und alle Werbe-Ikonen spielen geschickt ihre Rollen:

DIE KUNDENBERATER,

DIE GRAFIKDESIGNER

DIE AGENTURCHEFS,

die immer solange dicke mit

– speziell die weiblichen Kol-

50-jährige ›Junggebliebene‹,

den Kunden sind, bis der Etat

legen – die mit Ellenbogenein-

die durch farbenfrohe Snea-

flöten geht.

satz alles für ihren Job tun,

kers und Nerd-Brillen den

bis die biologische Uhr tickt

Zahn der Zeit um 10 Jahre zu-

und sie ganz dringend Mutter

rückdrehen möchten und mit

werden müssen. Im Anschluss

Vorliebe nur noch 20-jährige,

geben sie sich lieber mit einer

sehr dünne Modelmädchen

Halbtagsstelle ab, aber bitte

einstellen.

ohne Verantwortung, um die

Qualifikation: ›Nebensache‹!

sie doch eigentlich jahrelang so gekämpft haben.

Es ist alles nur Flohmarkt! Man will verkaufen, verbreitet gute Stimmung, bügelt die uralten Hemden noch mal auf ... und alle Beteiligten sind glücklich. Mehr wollen wir doch gar nicht! Wie lange ich noch Teil dieser Werbewirklichkeit bleibe? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. //

60 | un-plaqued No 19


RUBRIK / WAHRHEIT

EMS-SWISSQUALITY.COM

VORURTEIL ABRASIV DAS NEUE AIR-FLOW PULVER PERIO RÄUMT AUF MIT EINEM VORURTEIL – UND MIT DEM BÖSEN BIOFILM Original Air-Flow Pulver Perio ist mit einer Korngrösse von ~ 25µm extrem fein. Zudem haben die Körner eine besonders geringe spezifische Dichte.

AIR-FLOW KILLS BIOFILM

> Mikroorganismen siedeln sich an und wachsen – der Brutherd entwickelt einen eigenen Schutz – Keime lösen sich ab und besiedeln weitere Bereiche

So wirkt die Original Methode Air-flow vom Zahnfleischrand bis in die tiefsten Parodontaltaschen – sie wirkt also auch dort, wo im Schutze des Biofilms Milliarden von Bakterien ihr zerstörerisches Werk verrichten: subgingival.

> Biofilm schützt die Bakterien gegen Pharmazeutika > Immunabwehr des Körpers ist machtlos – um das Eindringen der Keime zu verhindern, löst der Körper in Notwehr einen Knochenabbauprozess aus

VORTEIL ABRASIV

> Implantatpatienten sind vom Biof ilm in gleichem Masse betroffen – Periimplantitis führt zum Verlust von Implantaten

Zusammen mit dem PerioFlow Handstück des neuen AirFlow Master sowie dem AirFlow handy Perio inklusive der Perio-Flow-Düse ist dieses neu entwickelte Pulver perfekt zur Prophylaxe subgingival.

Der Biofilm …

Original Air-flow Pulver Perio trägt den bösen Biofilm ab – ohne die Zahnsubstanz im geringsten anzugreifen.

… richtig abgetragen

Biof ilm weg – Vorurteil weg. Zum Vorteil von Praxis und Patient.

Persönlich willkommen > welcome@ems-ch.com

… falsch abgetragen

120g-Flasche

un-plaqued No 19 | 61


DIE KLASSIFIZIERTE WAHRHEIT TEXT Karen Dobberstein

Im Verlaufe der letzten Jahre hat die mediale Präsenz psychischer Störungen deutlich zugenommen: Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme sei drastisch gestiegen, vermehrt hätten auch Kinder emotionale und Verhaltensstörungen. Burnout- und Erschöpfungssyndrome zeigten sich deutlich erhöht bei Menschen zwischen ihren zwanzigsten und vierzigsten Lebensjahren.

D

ie steigenden Zahlen für dieses Auftreten von psychischen Störungen und die daraus folgenden Krankentage sind alarmierend und Kosten verursa-

>EIN NEUROTIKER IST EIN MENSCH, hen sich die Ver­ DER EIN LUFTSCHLOSS BAUT. EIN brauchszahlen für PSYCHOTIKER IST DER MENSCH, DER Psychopharmaka und die Überwei- DARIN LEBT. EIN PSYCHIATER IST sungen an Psychotherapeuten, die DER, DER DIE MIETE KASSIERT.< chend. Damit einhergehend

erhö-

kaum mehr ohne

Jerome Lawrence

monatelange Wartezeiten Termine vergeben können. Besonders beunruhigend sind die steigenden Zahlen für die Vergabe von Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen. Es gibt zwar verhaltenstherapeutische Ansätze für Störungen wie zum Beispiel ADHS, doch auch diese gehen oft mit einer Gabe von Psychostimulanzien einher. Gibt es wirklich ein vermehrtes Auftreten von psychischen Störungen in der Gesellschaft oder benutzen Ärzte bestimmte Diagnosen wie Burnout, Depression und ADHS inflationär?

62 | un-plaqued No 19


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THEMA / WAHRHEIT

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Ein Klassifikationssystem

ersten Klassifizierung, der Diagnose, resultiert

Das DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual

eine weitere klassifizierte Entscheidung und

of Mental Disorders) ist ein diagnostisches Klas-

Einschränkung, die Therapie.

sifikationsschema für psychische Störungen, früher psychische Krankheiten genannt, wel-

Die Zuschreibung einer psychischen Störungs-

ches von der APA (American Psychiatric Asso-

Diagnose erlaubt dem Patienten einerseits Ver-

ciation) herausgegeben wird. Ausführliche Be-

ständnis und Bestätigung für seinen Zustand zu

schreibungen der Kriterien und die Einteilung

erfahren und eine erste Erklärung für sein ab-

in verschiedene Schweregrade der Störung sol-

weichendes Verhalten oder beeinträchtigen-

len umfassend Informationen liefern, welche

den Gemütszustand zu erhalten. Auf der ande-

Diagnose bestmöglich die Symptomatik des Pa-

ren Seite kann eine Diagnose die Manifestation

tienten wieder spiegelt und ihn somit einord-

eines Zustandes unterstreichen und somit auch

net. Doch was haben die Patienten eigentlich

die Handlungsmöglichkeiten einschränken.

von dieser Information?

Es gibt Kritiker aus den eigenen Reihen, wie zum

Für Ärzte und Psychotherapeuten ist das wei-

Beispiel den Schirmherren der aktuellen DSM-

tere Vorgehen nach Mitteilung der Diagnose

Ausgabe, Allen Frances. Nach seiner Meinung

relativ klar umrissen. Je nach ihrem wissen-

gäbe es bereits diese Diagnoseinflation und das

schaftlichen Ausbildungshintergrund werden

Klassifikationsssystem DSM-IV erschaffe Epide-

entweder Psychopharmaka verschrieben oder

mien wie ADHS überhaupt erst. Seit dem ersten

eine stationäre oder mehrstündige ambulan-

Erscheinen des DSM im Jahr 1952 mit 106 Diag-

te Psychotherapie veranlasst. Als Folge einer

nosen haben sich die Störungsbilder verdrei-

un-plaqued No 19 | 63


THEMA / WAHRHEIT

Statistik und Wirklichkeit Aus der Psychodiagnostik kennt man den Begriff des facht. Heute, vor Erschei-

Alpha-Fehlers bzw. Fehlers

Mit dem Wissen, dass je-

nung der nächsten Fassung

erster Art. Das bedeutet,

des Gehirn, auch bei einei-

des DSM im Jahr 2013, liegt

dass im Falle der Diagnose-

igen Zwillingen, individuell

bereits eine Petition gegen

stellung die Nullhypothese

verschieden ist, scheint die

die Ausweitung der Diag-

(= der Patient ist gesund) ab-

Anwendung klassifizierter

nosen vor. Nach aktuellen

gelehnt wird, obwohl sie zu-

Therapien ebenso unzurei-

Angaben auf der Websei-

treffen könnte. In diesem

chend. Es gibt zum Beispiel

te (ipetitions.com/petition/

Szenario wird einer Person

nur drei Therapierichtun-

dsm5/) liegt die Zahl der un-

eine Störung zugesprochen,

gen, die von den deutschen

terzeichnenden Mediziner

die nicht zutreffend ist. Jede

Krankenkassen anerkannt

gestellte Diagnose ist also

werden. Dabei existieren

nur mit einer bestimmten

viele andere Therapierich-

Die Verantwortung der

Wahrscheinlichkeit passend.

tungen, die ebenso effektiv,

Diagnose

Zudem lassen sich psychische

wenn nicht sogar wirksamer

Ein anderer Ansatz ist, die

Störungen und deren Verlauf

sind. Patient und Therapeut

Diagnose nur als eine Mo-

genauso wenig standardisie-

können ohne eine gewisse

mentaufnahme einer psy-

ren wie jene Patienten, die

Kennenlernphase nicht wis-

chischen Zustandsbeschrei-

unter ihnen leiden. Ein Nega-

sen, welche Therapieform

bung eines Menschen und

tiv-Beispiel hierfür sind un-

die passende ist. So unwis-

nicht als eine lebenslange

zählige Prognosegutachten

senschaftlich wie es klingt,

Krankheit zu sehen. Dieses

über Straftäter, die trotz an-

kann das jeder nur indivi-

›Wahrheitsproblem‹ wird

geblicher Resozialisation

duell herausfinden, indem

in allen wissenschaftlichen

rückfällig geworden sind

er es ausprobiert.

Disziplinen diskutiert und

und sich daher oft nicht

Eine Grundannahme aus

stellt ein wissenschafts-

bewahrheiten.

der Provokativen Therapie

bei fast 14 000.

theoretisches

Problem

nach Frank Farrelly lautet:

der Erkenntnisgewinnung

›Patienten können sich än-

in der Psychologie dar.

dern, wenn sie wollen‹. Diese Annahme drückt aus, wie

›Alle Erkenntnismöglichkeiten sind prinzi-

wichtig die Entscheidung zur Veränderung und

piell beschränkt, Sachverhalte können erst

das Übernehmen der Verantwortung für das ei-

im Sinn- und Zweckzusammenhang kon-

gene Handeln des Patienten sind. Nicht die Trie-

kreter Handlungen interpretiert werden.

be und das Unbewusste sind Schuld an der Mi-

Erkenntnisse sind daher immer Stückwerk.‹

sere, sondern unsere eigenen Entscheidungen.

(Lexikon der Psychologie, Spektrum)

Die Opferrolle und die ›Diagnosegläubigkeit‹

64 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

mancher Patienten sind daher für Verände-

gabe von ADHS-Medikamenten. Der Wirkstoff

rungs- und Selbstorganisationsprozesse nicht

Methylphenidat (Handelsname Ritalin) erfuhr

förderlich.

auf diese Weise eine Verbreitung ungeahnten Ausmaßes. Seit April 2011 wurde die Zulassung

Die permanente Medienpräsenz des Burnout-

des Wirkstoffs auch auf Erwachsene erwei-

Themas kann dementsprechend dazu führen,

tert, was teilweise zum Missbrauch desselben

dass Betroffene einerseits eine Erklärung für

als Leistungssteigerer geführt hat. Ein weite-

ihre Überarbeitung und Erschöpfung erhal-

res ADHS-Medikament ist Strattera (Wirkstoff

ten und Ärzte andererseits stets eine Diagno-

Atomoxetin), welches 2005 wegen der Begüns-

se für zunächst ›nur‹ vegetative Symptome pa-

tigung suizidaler Handlungen oder verstärkter

rat haben.

Feindseligkeit Schlagzeilen machte. Würden Sie

Die epidemiologischen Zahlen für Depressi-

Ihr Kind auf Basis einer Verdachtsdiagnose der

on und Burnout steigen weiter an. Fraglich ist

Dauermedikation mit derartigen Medikamen-

dabei, wie viele Hausärzte in Konsequenz auf

ten aussetzen?

derartige Diagnosestellungen direkt Antide-

Genauer betrachtet tauchte die Diagnose ADHS

pressiva verschreiben ohne dies vorher psy-

1980 das erste Mal im DSM-III auf. Die inflatio-

chodiagnostisch abgeklärt zu haben. Denn die

näre Verwendung dieser Diagnosestellung so-

Schnelligkeit einer verschriebenen Medikation

wie der steigende Verbrauch entsprechender

ist besorgniserregend. In den Vereinigten Staa-

Psychopharmaka begannen allerdings später.

ten, aber auch in Deutschland erfolgt bereits

Statistiken des Bundesinstituts für Arzneimittel

nach wenigen Minuten anamnestischer Abklä-

und Medizinprodukte belegen im Jahr 1993 eine

rung die Verschreibung eines Psychopharma-

Ausgabe von 34 kg Methylphenidat. 2008 dage-

kons oder anderer Medikamente.

gen gaben deutsche Apotheken unglaubliche

Selbst bei den besten Psychotherapeuten ist

1,7 Tonnen des Medikamentes aus, was einer

eine genaue Abklärung der Diagnose in diesem

50fachen Erhöhung in nur 15 Jahren entspricht.

Zeitraum nicht möglich. Nicht umsonst räumt

Die Kritik am DSM-IV, Verbündeter der Phar-

selbst die GKV finanzierte Psychotherapie der

maindustrie zu sein, wird zumindest bei sol-

Diagnosefindung fünf probatorische Sitzungen

chen Zahlen mehr als verständlich. Kritisiert

à 50 Minuten ein.

wird außerdem die Finanzierung aller Autoren des DSM-IV durch die Pharmaindustrie sowie

Glücksgefühle auf Rezept

die Tatsache, dass DSM-IV-Diagnosen Voraus-

Besonders brisant wird diese Tatsache, wenn

setzungen für viele US-Versicherungsgesell-

es um die Vergabe von Psychostimulanzien

schaften sind, Medikamente für Patienten zu

bei Kindern geht. Statistiken belegen zum Bei-

bezahlen. Gerade aus psychotherapeutischer

spiel einen beachtlichen Anstieg bei der Aus-

Sicht darf hier die Frage erlaubt sein, ob mit

un-plaqued No 19 | 65


THEMA / WAHRHEIT

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Hilfe der Psychopharmaka und deren Verwendung als neue Allzweck-Wohlfühlpillen wirklich nachhaltig und dauerhaft Therapieerfolge erzielt werden? Wege aus dem Dilemma Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er einer Diagnose totale Beachtung schenkt oder ob er trotz Diagnose einen Weg zu seiner Handlungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit und den eigenen Selbstheilungskräften geht. Damit unser Alltag verstehbar und bewältigbar bleibt, müssen wir mit Filtern und in Schubladen denken. Wir können nicht alle einströmenden Informationen verarbeiten! Vielleicht geht es viel weniger um die Frage, wie wahr eine Diagnose ist, als vielmehr um die Frage, wie hilfreich sie sein kann. Anstatt nur in ›ent-

>VON JEDEM GEDANKEN, DER GEDACHT WERDEN KANN, IST AUCH DAS GEGENTEIL WAHR.< Hildegard von Bingen

weder oder‹ Schubladen bzw. Diagnosen zu denken, kann man sich ebenso einer ›sowohl als auch‹ Einstellung zuwenden, die uns im Zweifelsfall die Grauzone der Wahrheit erkennen lässt und damit unsere Wahlmöglichkeiten erhöht. // 66 | un-plaqued No 19


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THEMA / WAHRHEIT

OB DU WILLST ODER NICHT! TEXT Hans Ljusson

Es war ein schönes Winterwochenende im Februar 2011. Eine Mountainbiketour mit der Freundin bei Kaiserwetter – und ein Unfall. Ein breiter Waldweg, moderate Geschwindigkeit, keine Fremdeinwirkung. Ein Unfall von der Sorte, wie sie immer nur ›den Anderen‹ widerfahren. Ein Sturz, bei dem man sich fragt: ›Wie konnte das bitte überhaupt passieren?‹.

I

rgendwie war es dann doch passiert. Mit dem Schreck fuhr mir ein brutaler und intensiver Schmerz durch die Glieder. Die Ohnmacht war nicht weit und ich wünschte

mir einen Krankenwagen, der sofort um die Ecke biegt. Doch leider standen wir mit unseren Mountainbikes mitten im Wald, auf einem Berg. Ortsunkundig würden wir zwar den Weg, den wir gekommen waren, zurückfinden, den schnellsten Weg aus dem Wald heraus hingegen nicht. Nach dem Abklingen des Schocks und des ersten Schmerzes wogen wir die Möglichkeiten ab. Fahrradfahren war unmöglich, die Notwendigkeit einer ärztlichen Untersuchung eindeutig. Da war allerdings die Frage, ob ich zum Arzt oder der Arzt besser zu mir kommen sollte. Trotz der Schmerzen kam mir zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn, dass ich mir eine ernstere Verletzung zugezogen haben könnte. Aufgrund der Kälte entschieden wir uns, nicht den Rettungswagen, sondern unsere Freunde zur Hilfe zu rufen, damit sie uns von einem Treffpunkt am Waldrand ins Krankenhaus bringen. Ohne eine Vorstellung von der Art meiner Verletzung schleppte ich mich noch knapp eine Stunde durch den Wald an den verabredeten Treffpunkt und wurde in die Unfallklinik gebracht. Die Röntgendiagnostik brachte die Erklärung für die jämmerlichen Schmerzen: Berstungsfraktur des vierten Lendenwirbels mit Beteiligung der Hinterwand des Spinalkanals. Ich war also haarscharf einer Querschnittslähmung entgangen. Es folgte eine sofortige Operation zur Stabilisierung von dorsal, drei Tage später eine zweite Operation zur vertikalen 68 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

Fixation und 14 Tage Krankenhaus-

der Patientensicht erfahren, dass ne-

aufenthalt. Danach folgten weitere

ben der chirurgisch-orthopädischen

drei Wochen Krankenstand, kontinu-

Krankengeschichte auch die psychi-

ierliche Physiotherapie und das Be-

sche Verarbeitung dazu gehört. Ein

wusstsein, dass der Rücken nie wie-

Auf und Ab mit jeder Menge Wi-

der werden würde wie vorher.

dersprüchen. Am Anfang war der Schockzustand, der mich nach au-

Die Wiederherstellung der Wirbel-

ßen hin ›tapfer‹ sein ließ und durch

säule stellt chirurgisch mittlerwei-

die erste Zeit im Krankenhaus brach-

le kein so großes Problem mehr dar.

te. Ich bekam von allen Seiten gesagt,

Das Ziel der Intervention ist die Verblockung des 4. mit dem 5. Lendenwirbel entlang eines eingebrachten Cage-Implantates. Entlang dessen soll sich eine knöcherne Brücke bilden, wodurch die Funktion und Belastbarkeit wieder hergestellt wird. Die vollständige Belastbarkeit wäre dann nach zwölf Monaten freigegeben. Den gleichen Therapieansatz verfolgt eine Alternativtherapie, bei der die Rekonstruktion des Wirbels mit einem Beckenkammtransplantat

SIE HABEN EINE WIRBELKÖRPERFRAKTUR UND BLEIBEN JETZT ERSTMAL RUHIG LIEGEN!

dass ich Glück gehabt hätte und dass es hätte schlimmer kommen können (die entsprechenden Beispiele fuhren im Rollstuhl über den Stationsflur). Ich klammerte mich an jeden die Heilung begünstigenden Faktor. Ich war jung, gesund, sportlich und normalgewichtig. Ich konnte immer noch Laufen und trotz der Schmerzen waren alle Operationen und die ersten Tage im Krankenhaus ›lege artis‹ verlaufen. Interessanterweise beschäftigte

durchgeführt wird. Mit einer Belas-

mich die realistische Bedrohung ei-

tung muss hier jedoch länger gewar-

ner Lähmung fast gar nicht. Wahr-

tet werden.

scheinlich war dieses Szenario auf-

All das, was sich nach weit entfern-

grund der fehlenden neurologischen

tem theoretischen Lehrbuchwissen

Ausfälle weit genug entfernt. Ande-

der Unfallchirurgie anhört, wurde

re Gedanken hingegen waren eine re-

an diesem Sonntagabend durch ei-

gelgerechte Verneinungsmentalität.

nen einzigen Satz des diensthaben-

Einer davon oder vielmehr eine Phan-

den Chirurgen Realität: ›Sie haben

tasie war, dass der Unfall überhaupt

eine Wirbelkörperfraktur und blei-

nicht stattgefunden hatte. Quasi der

ben jetzt erstmal ruhig liegen‹. In

Wunsch, dass man aus diesem (Alb-)

den folgenden Wochen durfte ich aus

Traum aufwachen könnte und sich die un-plaqued No 19 | 69


DER GEDANKE AN WAS WAR EINE MÖGLICHE DER WAS KANN ICH ALS SCHWACHSTELLE, WERDE ICH WIEDER AUSLÖSER LANGFRISTIGE DIE LANGFRISTIG UNEINGESCHRÄNKT FÜR DIESEN PROGNOSE ERWELCHES MASS AN PROBLEME SPORT HEFTIGEN STURZ? DAS VORHER EXISWARTEN? FUNKTIONELLER MACHEN KÖNNTE TREIBEN KÖNNEN? TIERENDE UNEINWIEDERHERSTELODER EINE SOLLGESCHRÄNKTE LUNG HATTE ICH BRUCHSTELLE, DIE SELBSTBEWUSSTZU BEIERWARTEN? SEIN IN DEN EINEM ERNEUTEN KÖRPER WAR ANUNFALL 70 | un-plaqued No 19


R T N

THEMA / WAHRHEIT

Sorgen und Ängste mit einmal um-

Unterschied der bleibt, ist das ›Kopf-

drehen und wieder einschlafen erle-

kino‹. Der Gedanke an eine mögliche

digt hätten.

Schwachstelle, die langfristig Prob-

Ich haderte mit dem Schicksal: Wa-

leme machen könnte oder eine Soll-

rum ich? Warum an dieser Stelle?

bruchstelle, die bei einem erneuten

Warum nicht eine ›einfache‹ Verlet-

Unfall wieder brechen könnte.

zung wie z.B. ein gebrochenes Bein

Dieses ›Kopfkino‹ und die daraus

oder Arm? Danach kam das Gefühl

resultierende, immer mitschwin-

der Zerbrechlichkeit und größeren

gende Anspannung beeinflussen die

Verwundbarkeit. Das vorher exis-

Lebensqualität.

tierende uneingeschränkte Selbstbewusstsein in den Körper war ange-

Aus der Patientensicht scheint es na-

kratzt. Am Anfang konnte ich keine

hezu irrelevant, wie gut ein Bänder-

zwei Treppenstufen auf einmal neh-

riss, eine Fraktur, eine Blinddarm-

men oder beim Überqueren einer

operation oder ein Implantat unter

Straße mal eben in den Laufschritt

medizinisch-objektiven Gesichts-

wechseln. Würde sich das wieder

punkten verheilt. Entscheidend ist,

geben? Welches Maß an funktioneller Wiederherstellung hatte ich zu erwarten? Gibt es eine Langzeitprognose? Werde ich wieder uneingeschränkt Sport treiben können? Joggen, Radsport, Basketball oder Wellenreiten? Die postoperative Betreuung sieht vor, dass nach einem Jahr auch Ak-

DANACH KAM DAS GEFÜHL DER ZER­ BRECHLICH­ KEIT UND GRÖSSEREN VERWUND­ BARKEIT.

ob eine Funktionseinbuße die Lebensgewohnheiten subjektiv beeinflussen. Streng genommen gibt es trotz der modernen Hightech-Medizin eine restitutio ad integrum selten bis nie. Daher ist die psychische Restitutio ein sehr wichtiger Teil der Therapie. Das Vertrauen in die medizinischen Mittel, sowie die Heilungs- und Anpassungsfähigkeiten des eigenen

tivitäten mit vertikalen Stauchun-

Körpers, sind wichtige Faktoren für

gen wie Joggen und Skifahren er-

den Verlauf und die nachfolgende

laubt werden. Mittlerweile ist dieses

Lebensqualität.

Jahr nach dem Unfall vergangen. Die Funktion des Rückens und der Beine

Als Souvenirs an dieses Ereignis be-

ist wieder hergestellt und ich kann

schäftigen mich nach wie vor zwei

sagen, dass die Heilung gut verlaufen

Fragen: 1. Was war der Auslöser für

ist. Relativ gesehen sind die Auswir-

diesen heftigen Sturz? Und 2.: Was

kungen im Alltag unproblematisch,

kann ich als langfristige Prognose

beziehungsweise nicht existent. Es

erwarten? Ersteres wird wahrschein-

gibt sicherlich einige Menschen in

lich nicht mehr klärbar sein. Letzte-

meinem Alter mit chronischen Band-

res ist die Ungewissheit mit der un-

scheibenbeschwerden, die mehr Ein-

zählige Patienten, wenn nicht sogar

schränkungen haben als ich. Das Ver-

alle Menschen, in Bezug auf ihre

trauen in den eigenen Körper kehrt

Krankheit leben müssen. Ich würde

langsam zurück und auch die Fähig-

lernen müssen, Tatsachen zu akzep-

keiten in Bezug auf Kraft und Beweg-

tieren und zu versuchen, das Beste

lichkeit bessern sich erheblich. Der

daraus zu machen. // un-plaqued No 19 | 71


THEMA / WAHRHEIT

JEDER PATIENT ZÄHLT! oder wie man aus den Fehlern derer lernt, die gar keine Fehler machen

Haben Sie schon einmal von einem Zahnarzt gehört, der Fehler macht? Ich nicht! Im Ernst, manchmal könnte man genau das denken, wenn man den Diskussionen der Kollegen über die gegenwärtigen Bemühungen des Staates folgt, die Patientensicherheit zu erhöhen. Ich verstehe die Empörung der Kollegen teilweise, denn die Ursachen für diese Bemühungen um das Wohl der Patienten gründen sich kaum auf der Qualität zahnmedizinischer Arbeit, als vielmehr auf immer häufiger vorkommenden Problemen in Krankenhäusern. Seien es multiresistente Keime oder auch die Behandlungsfehler von Ärzten, die nicht zuletzt auf die hohe Arbeits­belastung, 24-Stunden-Dienste und viele­andere Perversionen unseres Gesundheitssystems zurückgehen.

KOMMENTAR Ingmar Dobberstein

K

ann man deswegen Entwarnung für die

es immer mehrere Wege gibt, die in der Thera-

Zahnmedizin geben oder dieses Thema

pie Anwendung finden können.

einfach an sich abprallen lassen? Wohl

kaum, denn gerade das individuelle Fehlerbe-

Verfolgt man die derzeitige Diskussion um das

wusstsein und -verhalten gehört zu den Grund-

Patientenrechtegesetz, kann dem ärztlichen Be-

lagen der ärztlichen Arbeit. Ich nenne dies

rufsstand berechtigterweise mulmig werden.

auch gerne die Demut vor dem eigenen Tun,

Gerade noch so sind die Ärzte und Zahnärzte

die Reflexion über die Kompromisse, die man

um eine Umkehr der Beweislast herum gekom-

in der täglichen Arbeit am Patienten machen

men und dennoch lassen einige Formulierun-

muss. Diese kann man sowohl von dem selbst-

gen des Gesetzes besorgniserregenden Inter-

herrlichen Standpunkt aus führen, dass man

pretationsspielraum. Berechtigt ist die Frage,

ohnehin schon der beste Zahnarzt des Landes

wie man sich richtig vor dem steigenden Klage-

sei oder aber auch vor dem Bewusstsein, dass

verhalten der Patienten schützen kann? Wird

72 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

man in Zukunft jedes Arzt-Patienten-Gespräch

Patienten und Ärzte sind Menschen und trotz

aufzeichnen müssen und anschließend beide

aller ICD-10-Kataloge und anderer Klassifikati-

Parteien unterschreiben lassen? Kann man im

onen bleiben Krankheit und Gesundung indivi-

Vorfeld einer Behandlung überhaupt sichere

duelle Prozesse, die auch ein Staat nicht mit Hil-

Einschätzungen und Prognosen abgeben, wenn

fe von Gesetzen in festere Bahnen lenken kann.

man das Ausmaß der Erkrankungen und Zerstörungen noch gar nicht in vivo gesehen hat?

Eines ist sicher: Menschen werden Fehler machen, immer und immer wieder. Deswegen ist

Grundsätzlich scheint die gegenwärtige Initi-

es umso unverständlicher, dass die Vertreter

ative des Patientenschutzes auf falschen Vorr-

der deutschen Zahnärzteschaft eine so deutli-

aussetzungen zu basieren. Denn die wichtigsten

che Ablehnungshaltung gegenüber der Initiati-

Patientenschützer – neben den Patienten selbst

ve der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) ›Jeder

– sind die Ärzte. Der Schutz des Lebens, die För-

Zahn zählt‹ einnehmen. Denn wäre diesen Kol-

derung der Gesundheit sowie die Therapie der

legen ihr eigenes Fehlvermögen bewusst, hät-

Patienten nach bestem Wissen und Gewissen

ten sie schon längst nach Mitteln gesucht, von

sind die Grundvoraussetzungen einer Arbeit

den Fehlern anderer zu lernen und eigene mit

als Arzt. Sie sind unser Ethos und die Kollegen,

anderen zu teilen. Und genau deswegen ist jeg-

die dem nicht folgen, verdienen es nicht, diesen

liche Initiative von außen, die Patientensicher-

Beruf auszuüben!

heit zu erhöhen, berechtigt, wenn wir uns nicht

Und doch kennen wir alle die Beispiele aus un-

selbst darum kümmern.

serer täglichen Praxis, bei der Kollegen Arbeiten eingegliedert haben, die nicht nur umge-

Mit ›Jeder Zahn zählt‹ steht der deutschen

hend entfernt werden sollten, sondern uns zu

Zahnärzteschaft nun solch ein selbst initiiertes,

alledem nur noch mit dem Kopf schütteln las-

doppelt anonymisiertes Berichts- und Lernsys-

sen. Es ist nicht verständlich und zutiefst bedau-

tem zur Verfügung, dass bis zum heutigen Zeit-

erlich, warum Kollegen derartig schlechte Ar-

punkt bereits besser angenommen wurde, als

beiten zulassen und dem Patienten womöglich

die vielen Kritiker aus den eigenen Reihen an-

noch erzählen, dass dies das beste zu erzielen-

genommen haben. Über die zu Grunde liegende

de Ergebnis wäre, was zudem nur möglich wur-

Technik wurde bereits ausführlich in allen Me-

de, weil der Pfuscher so ein Held ist. Sie finden

dien berichtet, nur so viel sei an dieser Stelle ge-

meine Ausdrucksweise überheblich und über-

sagt: Es ist wirklich anonym, es ist sicher und die

trieben? Ich nenne sie ehrlich!

Ärzte arbeiten bereits seit sechs Jahren erfolg-

Denn es gibt sie, die Kollegen, die nicht nach

reich mit einem vergleichbaren System.

dem Ethos handeln; diejenigen, die aus Spaß

Nun ist es an uns, der gesamten deutschen

oder im Ernst erzählen, das größte Hindernis

Zahnärzteschaft, die eigenen Fehler anzuer-

für ein Implantat sei der gesunde Zahn. Und

kennen und mit anderen zu teilen, damit auch

diejenigen, die eben nicht umfassend aufklä-

auf dieser Ebene, ebenso wie in unserer tägli-

ren, sondern genau das empfehlen, was dem

chen Arbeit das maximal Mögliche für die Si-

Praxisumsatz gerade am besten nützt.

cherheit der Patienten unternommen wird. //

Dabei beginnt die Diskussion viel früher, denn Ärzte können keine Heilung versprechen. Zum einen, weil Heilung immer durch den Körper

jeder-zahn-zaehlt.de,

des Patienten verantwortet wird, zum ande-

Benutzername: Zahnarzt

ren, weil es eben viele Wege nach Rom und da-

Passwort: jzz

mit auch zur Besserung der Gesundheit gibt. un-plaqued No 19 | 73


THEMA / WAHRHEIT

MUT ZUM WANDEL DER WAHRHEIT Warum wir aus der Vergangenheit lernen können

TEXT und FOTOS Dr. rer. nat. Dominique Görlitz

Es ist eines der ungelösten Probleme der modernen Wissenschaft, ob sich die frühen Kulturzentren der Welt, wie Ägypten, Mesopotamien, Industal und auch die mesoamerikanischen Völker völlig unabhängig (autochthon) voneinander entwickelten. Viele Wissenschaftler geben zu, dass es viele – und häufig bemerkenswerte – Übereinstimmungen zwischen den Kulturen gibt, die oft über riesige Distanzen voneinander parallel existierten. Dennoch kann man auch heute nach jahrzehntelanger Forschung keine eindeutige Antwort auf diese Fragen geben: Standen die frühen Hochkulturen in Kontakt? Gab es eine hochseetaugliche Schifffahrt vor geraumer Urzeit? Was führt dazu, dass eine Kultur ihren Aufstieg hat, ihre Blüte und dann in Dekadenz und kulturellem Rückgang zugrunde geht? 74 | un-plaqued No 19


D

THEMA / WAHRHEIT

iese Fragen vor Augen startete 2007

begeistert uns wirklich? Und wie werden wir in

nach langer Vorbereitungszeit ein inter-

Zukunft denken und arbeiten müssen, um uns

nationales Team von engagierten Men-

die eigenen Chancen nicht selbst zu verbauen?

schen unter den Augen unzähliger Kamerateams und Journalisten vor der Skyline

Fortschritt versus Flexibilität

Manhattans mit einem prähistorischen Schilf-

Görlitz' ABORA-Projekte könnten schlüssige

boot eine außergewöhnliche Expedition. Sie

Antworten auf Fragen geben, die für die mo-

wollten beweisen, dass die Kulturen weit vor

derne Gesellschaft von hoher Relevanz sind.

der Zeitrechnung über die Weltmeere hinweg

Die Zukunft ist komplex, dynamisch und schwer

Wissen, Kultur und Technologie austauschten.

vorhersagbar. Unsere Gesellschaft tut sich mit

Der von uns heute oft belächelte Stand alter

diesen Herausforderungen jedoch schwer,

Technologien erweist sich bei einer genaueren

denn der Wandel in neue Verhaltensdimen­

Überprüfung häufig als überraschend fort-

sionen bedeutet auch die Aufgabe herkömm-

schrittlich. Der Nachbau des Schilfboots ABO-

licher Verhaltensweisen. Doch genau hier setzt

RA-III sollte belegen, dass man schon vor min-

die ABORA-Forschung an. Sie leitet wichtige Er-

destens 10.000 Jahren über hochseetaugliche

kenntnisse aus den Prozessen der Vergangen-

Schiffe verfügte, die Wind und Strömungen

heit ab. Der Schlüssel zur Bewältigung von Kom-

trotzten und dass es viel früher für den Men-

plexität und den bevorstehenden umfassenden

schen möglich war, neue Welten zu entdecken.

Veränderungen liegt nicht im Fortschreiben

Die jahrzehntelangen Forschungen, die ver-

und Beschleunigen bestehender Prozesse und

gangenen ABORA-Expeditionen und die aktu-

Strukturen, sondern im Ausbrechen aus eben

ellen Planungen einer neuen Schilfbootexpe-

diesen Mustern. Nur wer neu denkt, erreicht

dition für das Jahr 2012 sind Themen, die den

neues und nachhaltiges Wachstum. Deshalb

Forscher Dr. Dominique Görlitz vorantreiben.

versteht Görlitz seine Expeditionen als Spiegel

Ausgestattet mit einer Mischung aus Neugier-

gesellschaftlicher Themen in den Bereichen In-

de und Besessenheit wagt sich der deutsche In-

novation, Teamstruktur und vor allem Vernet-

diana Jones (Zitat der New York Times, 28. Mai

zung.

2007) auf neues Terrain, das noch nie von Menschen der Neuzeit betreten worden ist.

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen

Dominique Görlitz bleibt jedoch nicht bei der

wirft auf aktuelle Fragen ein völlig neues Licht.

Erforschung vergangener Prozesse und Er-

Dr. Dominique Görlitz ist ein Experimentalwis-

kenntnisse stehen. Er verbreitet eine tiefere

senschaftler, der keinen Aufwand scheut und

Botschaft: Gesellschaften sind nicht am Feh-

unterschiedlichste Disziplinen in einem ge-

len von Einfallsreichtum gescheitert. Vergan-

meinsamen Projekt vereint. Er promovierte an

gene Zivilisationen sind nicht überlebensfähig

der Universität Erlangen-Nürnberg zum Thema

gewesen, weil sie nicht in der Lage waren, ihr

der transatlantischen Kontakte vor Kolumbus.

konventionelles Denken zu ändern. Die Anfor-

Seine Forschungen liefern neue Befunde, dass

derungen in unserer modernen Gesellschaft an

ein interkontinentaler Kulturaustausch und

höchste Innovationskraft, Flexibilität und Kre-

Handel möglicherweise viel älter und höher

ativität stehen unsere ›inneren Bremsen‹ ge-

entwickelt war, als es sich manche Historiker

genüber. Welche vererbten, möglicherweise

und Archäologen an den Universitäten vorstel-

genetisch fixierten Verhaltensweisen, lassen

len können. Dr. Görlitz begründet seine Analy-

Menschen ihr innovatives Potential zur Wei-

sen durch interdisziplinäre Belege aus der Bio-

terentwicklung oder Umgestaltung veralteter

logie, Geographie, Anthropologie, As­tronomie,

Strukturen nicht umsetzen? Was motiviert und

Kartographie

und

Schiffbaugeschichte.

un-plaqued No 19 | 75


THEMA / WAHRHEIT

Dadurch entstehen neue fachübergreifende

en Welt gegeben haben könnte. Seinerzeit la-

Erkenntnisse, die allgemeine Zusammenhänge

gen jedoch kaum praktische Kenntnisse über

aufdecken und rückwirkend auch für die Ein-

die frühe Seefahrt vor, was eine Beurteilung der

zelwissenschaften neue Informationen liefern.

Seetüchtigkeit oder Reichweite der von prähistorischen Felsbildern bekannten Boote nahezu

Viele Fachwissenschaftler lehnen Görlitz' The-

unmöglich machte. Konsequenterweise widme-

orien und Interpretationen weiterhin ab. Die

te sich Thor Heyerdahl daher der praktischen

Kritiker meinen, dass der Mensch der Vorzeit

Erforschung früher Seefahrzeuge und erziel-

weder das intellektuelle noch das praktische

te mit seinen Expeditionen KON-TIKI (1946/47),

Know-how hatte, mit seinen scheinbar primiti-

RA-I & RA-II (1969/70) sowie TIGRIS (1977/78)

ven Wasserfahrzeugen zwischen den Kontinen-

größte öffentliche Aufmerksamkeit. Von wis-

ten hin und her zu reisen. Dabei liefert unter an-

senschaftlicher Seite musste er jedoch die be-

derem die ethnobotanische Forschung und die

rechtigte Kritik hinnehmen, dass ihm zwar eine

Humangenetik viele beeindruckende Befunde,

gut 3.300 sm lange Reise von Marokko nach Bar-

dass etwas mit der Entdeckung Amerikas durch

bados gelungen sei, dies aber nur mit den vor-

Christoph Kolumbus im Jahre 1492 nicht stim-

herrschenden Strömungen und vor dem Wind.

men kann.

Seine Boote besaßen nicht die Fähigkeit, quer und gegen den Wind zu navigieren. Er hätte z.B.

Die wichtigste Entdeckung für die

nie vom ägyptischen Alexandria aus nach Ma-

experimentelle Schiffsarchäologie

rokko segeln, geschweige denn eine Reise von

Thor Heyerdahl gilt als Begründer der experi-

Amerika über den Nordatlantik zurück in die

mentellen Schiffsarchäologie. Bereits Mitte des

Alte Welt erfolgreich bestreiten können.

letzten Jahrhunderts vertrat er die These, dass

Aus diesem Grund widmete sich Görlitz schon

es schon in vorgeschichtlicher Zeit transatlanti-

seit seiner Jugend der Frage nach den Anfän-

sche Kontakte zwischen der Alten und der Neu-

gen einer leistungsfähigen Schifffahrt in der

76 | un-plaqued No 19


THEMA / WAHRHEIT

Vorzeit. Im Unterschied zu Thor Heyerdahl stützte er sich

›Dreizehn Stürme‹

nicht auf altägyptische, sondern vorägyptische Belege.

erzählt die Geschichte von Dominique Gör-

Die Felsbilder der prädynastischen Negade-Kultur wei-

litz, der schon als Kind die Vision hatte, mit

sen im Unterschied zu den ägyptischen auffällige Striche

einem Schilfboot die Ozeane zu befahren.

an Bug und manchmal auch am Heck auf. Noch als Student

Eine Vision, die niemand für möglich hielt.

entdeckte er nach seiner ersten Forschungsreise 1993 nach

Angetrieben von Forschungsdrang, Neu-

Ägypten auf Felsbildern im Wadi Hammamat erste Hin-

gierde und der Frage nach der Entdeckung

weise für die Nutzung von Seitenschwertern für das Se-

der früheren Welt, macht sich Dominique

geln gegen den Wind.

Görlitz in die Vergangenheit auf. Dabei beleuchtet der Film die rätselhaften Tabak-

Es folgten erste Experimente mit kleineren Schilfbooten

und Kokainfunde in ägyptischen Mumien

und schließlich 1999 im zentralen Mittelmeer die erste

ebenso wie das Vermächtnis prähisto-

große ABORA-I-Expedition. Der Durchbruch gelang sei-

rischer Felsmalereien, die vermutlich

nem Team allerdings erst drei Jahre später mit der ABO-

hochseetüchtige und voll manövrierfähige

RA-II-Expedition. Sie segelte in dem riesigen Kulturdrei-

Seefahrzeuge darstellen. Des Weiteren

eck von Alexandria/Ägypten via Beirut nach Zypern, um

führt uns der Film zu den erstaunlichen

schließlich fast 600 km gegen vorherrschende NW-Winde

Navigationsmethoden vorzeitlicher See-

nach Alexandria zurückzukreuzen. Dieses Experiment be-

fahrer, insbesondere in die Geheimnisse

wies, dass Seitenschwerter am Bug wie ein moderner Kiel

der Astronavigation, um mit Hilfe der

nicht nur die Seitendrift minimieren, sondern auch die Se-

Sternbilder die Wege über die Ozeane auch

gelphysik positiv beeinflussen. Im Unterschied zu Heyer-

ohne Kompass und GPS zu finden.

dahl, der bereits Schwerter an verschiedenen Positionen benutzte, setzte Görlitz seine Kielschwerter so ein, dass sie gezielt den Lateraldruckpunkt des Rumpfes vor den youtu.be/E1w7KVYRWhE

Segeldruckpunkt verschoben. Damit konnte der an sich

New York

r

m AZOREN Ponta Delgada

G

o

l

f

s

t

o

un-plaqued No 19 | 77


THEMA / WAHRHEIT

kiellose Schilfsegler in den Wind drehen (in den

ren, um zu dokumentieren, dass die Menschen

Luv), um Kurs gegen den Wind aufzunehmen.

bereits Jahrtausende vor der Wiederentde-

Mit Hilfe leichter Strömungen von hinten konnte

ckung Amerikas durch Kolumbus 1492 diesen

ein Schilfboot also bis 65° am wahren Wind se-

Navigationsweg meisterten. Im Unterschied zur

geln. Das ist für ein jungsteinzeitliches Seefahr-

Südroute, die Thor Heyerdahl für die berühm-

zeug eine erstaunliche Leistung, vor allem wenn

te RA-II-Expedition wählte, wird der Golfstrom

man bedenkt, dass mittelalterliche Karavellen

nicht durch gleichmäßige Winde und Strömun-

kaum 75° am Wind geschafft haben.

gen unterstützt. Die ABORA-III konnte ihre Mission nur erfüllen, weil sie von New York bis zu

Mit der Expedition von ABORA-II wurde damit

ihrem Endpunkt gegen Winde und Strömungen

zum ersten Mal experimentell bewiesen, dass

ankreuzen konnte. Das hatte bisher noch keine

man nicht nur von einem Ort mit günstigen Be-

Expedition mit einem Steinzeitschiff versucht!

dingungen wegsegeln, sondern auch wieder gegen die Elemente dorthin zurückkehren konnte.

Die größte Herausforderung bestand nicht in

Dies war ein echter Regelbruch in der Wissen-

der Überwindung der zu erwartenden Schlecht-

schaft, ging man doch bisher immer davon aus,

wettersituationen, sondern in der Befahrung

dass die Araber oder vielleicht sogar erst die

des Golfstroms. Er wird von großen Wasserwir-

Portugiesen relativ spät, in der frühen Neuzeit,

beln flankiert, die sich entgegen seiner Haupt-

zu solchen maritimen Fähigkeiten in der Lage

strömungsrichtung drehen. Die ABORA-III konn-

waren. Mit diesem experimentellen Nachweis

te gegen alle Prognosen von Ozeanographen

war das Tor zum Atlantik aufgestoßen.

und Seefahrthistorikern demonstrieren, dass ein jungsteinzeitlicher Rahsegler selbst bei un-

Die ABORA-III-Expedition

günstigen Windrichtungen in der Lage war, sich

Zum ersten Mal ersten Mal sollte in der Neuzeit

dreimal aus den riesigen Wasserwirbeln frei zu-

ein prähistorischer Rahsegler die für unmöglich

segeln und wieder Kurs in Richtung Alte Welt

gehaltene Nordroute des Atlantiks überque-

aufzunehmen.


THEMA / WAHRHEIT

Die Expedition legte in 56 Tagen über 4.400 km (=2410 Seemeilen) zurück. Die Mehrheit der Meilen wurde quer und gegen den Wind gesegelt. Das Wetter bescherte dem Expeditionsteam ab August unerwartet viele Tiefdruckgebiete. Dreizehn Stürme, zwei mit Windspitzen der Stärke 10, überstand der prähistorische Rahsegler ohne größere Schäden. Erst ein Orkantief (12. Sturm) schüttelte die ABORA III 800 Meilen vor den Azoren drei Tage lang so durch, dass das Heck abbrach. Vermutlich ein Folge der immensen Transportschäden, die das Schilfboot auf ihrer Überführung von Bolivien zum Startort in New York erlitt. Nach altägyptischen Tempeldarstellungen wurde die Ruderbrücke umgebaut und der Masttrimm geändert. Mit dem Resultat, dass man das zuvor manövrierbehinderte Schiff wieder steuern konnte. Die Crew

Grund, die Überquerung des Nordatlantiks mit

legte mit dem Schiff nochmals 220 Meilen unter

einer verbesserten ABORA IV nicht noch einmal

Segeln zurück. Aufgrund des Umstandes, dass

anzutreten. Zudem haben sie in New York viele

sich das ersehnte Azorenhoch nach 13 Stürmen

neue Partnerschaften geschlossen.

nicht einstellte, beendete man das Experiment etwa 500 Seemeilen vor den Azoren. Obwohl das

Sollte es dem ABORA-Team gelingen, erneut

geographische Ziel nicht erreicht wurde, hat die

mit ihren Steinzeitsegler auf dem Hudson River

Seereise der ABORA III die wesentlichen Fragen

Segel zu setzen und den Nordatlantik zu über-

beantwortet. Sie konnte dokumentieren, dass

queren, könnten sie eine der spannendsten Fra-

ein prähistorisches Schilfboot das Potential be-

gen der Weltgeschichte lösen: Haben in grauer

sitzt, den Atlantik entlang des schwierig zu be-

Vorzeit die Meere bereits die Kontinente ver-

fahrenen Golfstroms in umgekehrter Richtung

bunden und meisterten die Menschen den See-

zu überqueren.

weg über den Atlantik in beide Richtungen? Den Mut, den das ABORA-Team an den Tag legt,

Transatlantische Reisen in der Frühzeit

mit Vorbehalten und tradierten Vorstellungen

Die Wissenschaft trägt immer mehr Hinweise

zu brechen und das kühne Vorgehen, entgegen

zusammen, die zeigen, dass der amerikanische

bisheriger wissenschaftlicher Erkenntnisse den

Doppelkontinent nicht ausschließlich über die

Versuch zu starten, sind ein Zeichen dafür, dass

Beringstraße besiedelt wurde. Damit mehren

wir unser Denken ändern müssen und den Mut

sich die Indizien, dass auch Kolumbus nicht der

benötigen, unkonventionelle Wege zu beschrei-

erste Besucher aus der Alten Welt war. Bewei-

ten, bevor Innovationen und neue Möglichkei-

sen kann man das jedoch noch nicht. Viele Fach-

ten sich uns erschließen können. //

gelehrte messen die 2000 Kilometer, die ABORA III nicht bis nach Spanien zurücklegen konnte stärker als die 4400 Kilometer, die die Crew bereits unter schwierigsten Bedingungen hinter sich gebracht hatte. Für echte Regelbrecher wie Dominique Görlitz und sein Team ist das kein

youtu.be/QNORuTGPpY4

un-plaqued No 19 | 79

abora.eu


RUBRIK / WAHRHEIT RUBRIK / WAHRHEIT

EXISTENZGRÜNDERWAHRHEITEN AUF DEN ZAHN GEFÜHLT TEXT Nadja Alin Jung‧FOTO Inga Nielsen 

Nichts als Erfolgsgeschichten: satte Gewinne, nach Neigung und Kasse ausgesuchte Patienten, freitags zählt schon zum Wochenende – wer das aus dem Leben eines Praxisgründers erzählt, lügt. Dass es aber trotz schlafloser Nächte auf Grund von Kreditverpflichtungen, Problemen mit den Mitarbeitern und Bergen an Bürokratie nicht so dramatisch wird, hat jeder selbst in der Hand. Sechs Existenzgründerwahrheiten.

80 | un-plaqued No 19


B

FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

ist Du ein Unternehmertyp? Die Frage

abhängig von einer Vielzahl Faktoren: dem Fin-

sollte sich jeder Existenzgründer stellen

den von gutem Personal, den richtigen Räum-

und ehrlich beantworten, bevor er sich

lichkeiten, der Qualität des bestehenden

auf das Abenteuer Selbständigkeit einlässt. Die

Patientenstamms oder auch der richtigen Wer-

neue große Verantwortung für das eigene Un-

bestrategie, um sich als neuer Spieler auf dem

ternehmen samt angestellten Mitarbeitern ist

Markt zu etablieren.

allgegenwärtig. Doch: gut vorbereitet ist halb

Die gute Nachricht: Man kann etwas tun. So gut

gewonnen. Macht man sich die folgenden Exis-

wie alle Faktoren lassen sich mit einer guten

tenzgründer-Wahrheiten bewusst, kann man

Strategie beeinflussen. Das ›plötzliche‹ Unter-

anfängliche Hürden gelassener nehmen und

nehmertum sollte Dich also nicht überraschen.

souveräner mit den vielfältigen Herausforde-

Bereite Dich im Vorfeld gezielt auf die Grün-

rungen der Gründung umgehen – ehrlich.

dung vor, überlege Dir, wie eine optimale Praxis- und Personal-Struktur für Dich aussieht und

Aller Anfang ist schwer

wie Du Deine langfristigen Ziele richtig angehen

Noch keinem ist die Existenzgründung wirk-

kannst. Kurz gesagt: Lerne unternehmerisches

lich leicht gefallen, schließlich hat man sich

Denken & Handeln, denn Du wirst es brauchen.

›plötzlich‹ mit einer Vielzahl von neuen Themen auseinanderzusetzen. Praxis-Finanzie-

Gute Zeiten, wahre Zeiten

rung, Versicherungen, Investitionsplanung,

Was waren die goldenen Zeiten der siebziger

Personalmanagement, Strukturaufbau und Or-

und achtziger Jahre für den Berufsstand der

ganisation der eigenen Person aber auch des

Zahnmediziner doch schön. Heute ist eine Pra-

Praxiskonstrukts um einen herum. Betriebs-

xis-Eröffnung kein Garant mehr für eine rosige

wirtschaftliches Agieren ist ›plötzlich‹ gefragt

Zukunft und beste finanzielle Aussichten. Nicht

WICHTIG IST, SEINE PRAXIS ›IN ZAHLEN‹ ZU VERSTEHEN

zuletzt, weil auch im medizinischen Bereich Insolvenzen keine Seltenheit mehr sind. Ein Ausruhen auf den ›guten alten Zeiten‹ gibt es nicht – angesichts des Gesundheitslottos der heutigen Zeit mit veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen und steigendem

– ohne Rücksicht darauf, ob dieses während

Kosten- und Konkurrenzdruck. Um langfris-

des Studiums jemals vermittelt wurde. Selbst

tig die eigene Existenz und die der Mitarbei-

bei einem Einstieg in eine bestehende Mehrbe-

ter zu sichern, muss man nicht nur das Patien-

handler-Praxis, in der Organisation und Struk-

tenwohl im Blick behalten, sondern auch das

tur schon bestehen und der Praxisbetrieb läuft,

der eigenen Praxis. Wichtig ist dazu seine Pra-

muss man sich in der neuen Position erst einmal

xis ›in Zahlen‹ zu verstehen um gerade anfäng-

zurechtfinden, seinen Platz behaupten und die

liche Anschaffungsfehler zu vermeiden. Finan-

eigenen Ideen in dem bestehenden Konstrukt

zielle Mittel sind nur dann richtig eingesetzt,

etablieren. Generell gilt: jede Gründung hat

wenn die innovative Behandlungsmethode, die

ihre Höhen und Tiefen. Deshalb sind Sorgen und

man im Auge hat, nicht die drei Zahnärzte in der

Ängste ganz normal – so ist das eben auf unbe-

Nachbarschaft auch schon haben.

kanntem Territorium.

Wie kann das Behandlungsangebot sicher und

Abhängigkeit statt der erwarteten Unabhän-

patientenkonform auf- und ausgebaut wer-

gigkeit? Jeder Existenzgründer ist anfänglich

den? Eine genaue Recherche im Vorfeld ist un-plaqued No 19 | 81


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

unverzichtbar, eine professionelle Organisati-

Praxis-Alltag – nichts als die Wahrheit

on und Struktur der Praxis ein Muss. Der Ser-

Stimmt es wirklich, dass die Zahnärzte heute

vicegedanke sollte im Mittelpunkt stehen und

vor lauter Bürokratie nicht mehr dazu kommen

Qualitätsmanagement (QM) nicht nur auf dem

ihre Patienten mit hundertprozentiger Auf-

Papier existieren, sondern gelebt werden. Und

merksamkeit zu behandeln? Kann sein, muss

bei all dem Guten, das Du tust, rede darüber.

aber nicht. Sicherlich ist der Verwaltungsauf-

Die kommunizierte Außendarstellung muss sich

wand durch Themen wie QM, gesetzliche Doku-

allerdings auch in der Praxisrealität wieder­

mentationspflichten, zunehmende Rückfragen

finden lassen.

der Versicherer, etc. gestiegen – dennoch ist alles eine Frage der Organisation. Die oben ge-

Die Wahrheit über eine gute Führungskraft

nannten Themen werden Dich stets begleiten,

Der wirtschaftliche Erfolg einer Praxis hängt

vermutlich werden sie wohl in den nächsten

entscheidend von der Management- und Füh-

Jahren eher mehr. Am besten ist also, sich von

rungskompetenz der Praxisinhaber ab. Wie für

Anfang an so zu strukturieren, dass man die Bü-

jede Führungskraft in einem Unternehmen ist

rokratie leichter bewältigen kann.

es auch für die selbständigen Zahnärzte wich-

Bei der Erledigung der Verwaltungsaufgaben

SORGEN UND ÄNGSTE SIND GANZ NORMAL

solltest Du Dich vor allem davon verabschieden, alles alleine zu machen. Delegieren ist die halbe Miete. Verwaltungsaufgaben können wunderbar ausgelagert werden, schließlich soll der Be-

tig, die Ziele der Praxis zu verwirklichen. Das

handlungsalltag, der über die Liquidität und

gelingt nur gemeinsam mit den Mitarbeitern,

das wirtschaftliche Wohl der Praxis entschei-

die motiviert und engagiert am selben Strang

det, nicht zu kurz kommen.

ziehen sollten. Aber – wie funktioniert das?

Und so wird’s gemacht: In einem ersten Schritt

Bei der Beantwortung dieser Frage sind einige

legst Du als Chef/Chefin die Philosophie fest,

Führungs-Erkenntnisse nützlich. Mitarbeiter-

nach der Du Dir die Umsetzung und Zielerrei-

gespräche, Teammeetings etc. sind hilfreich,

chung der einzelnen Aufgabenbereiche vor-

die Kür wäre immer miteinander zu reden. Was

stellst. Gehe Schritt für Schritt die einzelnen

Menschen anspornt, ist eine Vision und Verant-

Praxis-Bereiche durch. Wichtig ist dabei, The-

wortung für eigene Aufgaben. Ein großer Feh-

men wie Hygienemanagement und Arbeitssi-

ler, der nicht selten zur Demotivation der Mit-

cherheit nicht zu vergessen. Organisiere sie di-

arbeiter führt, sind Zusagen finanzieller Natur

rekt am Anfang gezielt mit, gerade im Hinblick

und Aussichten auf eine Position bei der Einstel-

auf die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen

lung, die später nicht realisierbar sind.

und Vorgaben, die schon vom ersten Praxistag

Die Praxisinhaber erfüllen eine Vorbildfunk-

an gelten.

tion und jede Veränderung beginnt bei einem

Im nächsten Schritt verteilst Du die entspre-

selbst. Wenn Du von Deinem Team erwartest,

chenden Verantwortlichkeiten für die einzelnen

dass es eine halbe Stunde vor der ersten Be-

Bereiche innerhalb des Teams. Zum einen ist es

handlung am Stuhl steht, reicht es nicht, wenn

eine große Motivation für die Mitarbeiter, für

Du selbst erst die Praxis betrittst, wenn der Pa-

ein Gebiet die Verantwortung zu übernehmen,

tient schon drauf sitzt. Eine gute Führungskraft

zum anderen behältst Du somit die notwendige

bleibt immer authentisch. Führung kann dabei

Transparenz und Möglichkeit, die Mitarbeiter

in jeder Situation anders sein.

nach den erbrachten Leistungen zu bewerten.

82 | un-plaqued No 19


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

Neben zentralen Themen wie Struktur und Organisation, wird Dich im Praxisalltag das Thema Personal permanent begleiten. Vom Wunschgedanken eines perfekt aufgestellten und fertigen Praxisteams solltest Du Dich leider trennen. Mit Personalwechsel, Schwangerschaft der Helferinnen, etc. ist einfach zu rechnen. Wenn einen der Ausfall einer Mitarbeiterkraft kalt erwischt, wird es schwierig. Deshalb muss ein gut aufgebautes Personalwesen in der Lage sein, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Stellengesuche können fertig in der Schublade liegen, die Bewerberauswahl kann routiniert durchgeführt werden und für die reibungslose Einarbeitung einer neuen Kraft ist gesorgt: dann bist Du gut vorbereitet. Am besten ist es, immer den Überblick über den Personalmarkt zu behalten, sich Konzepte und Kooperationen für die Ausbildung des Nachwuchses zu überlegen – und das nicht erst, wenn die Personalnot da ist. Eines ist aber auch klar: die beste Organisation schützt vor Überraschungen nicht. Wesentliche Eigenschaften eines/einer Praxischefs/-chefin sind Spontaneität, Flexibilität und vor allem Humor. Denn tropfende Behandlungseinheiten, piepsende Amalgamabscheider, skurrile Patienten, Serverausfälle und defekte Autoklaven machen auch vor der professionellsten Praxis nicht Halt. Selbständig oder selbst und ständig? Ist man nun selbständig oder doch nur selbst und ständig? Oder ist beides wahr? Sicherlich bringt der Traum der eigenen Praxis viele Vorteile mit sich: Entscheidungen alleine treffen zu können, höhere monetäre Ziele zu erreichen und Gestaltungsfreiheiten zu genießen. Diese Vorzüge enthalten jedoch auch einen großen Strauß an Verantwortung, den Druck der Sicherstellung des betriebswirtschaftlichen Erfolges und reichlich Aufgabenstellungen, die man in seiner vorhergehenden Angestelltentätigkeit niemals lösen musste. Die eigene Praxis kostet in den ersten Jahren viel Zeit, Motivation und Energie – das muss man sich bewusst machen. Wichtig ist aber, von Anfang an dafür zu sorgen, dass man nicht nur noch ›selbst und ständig‹ ist, sondern auch ein Leben außerhalb der Praxis führt. Andernfalls bleibt von der eigenen Unternehmung auf Dauer schlimmstenfalls nur noch Frust übrig. Hilf Dir also selbst. Mach Dir bewusst, welches Maß an Arbeit auf Dich zukommen wird, schaffe Strukturen, organisiere Dich selbst und nutze die Unterstützung Deines Teams richtig. Viele Vorzüge der Selbständigkeit kommen erst nach einer gewissen Aufbauund Strukturphase zum Tragen. Dann haben sich die Existenzgründer-Mühen gelohnt – denn wer würde Selbstbestimmtheit, Verwirklichung der persönlichen Ideen und Gewinne für die eigene Leistung je wieder aufgeben wollen? Hilfreiche Kompaktseminare für angehende Praxisinhaber/-inhaberinnen bietet die MMA Medizinische Management Akademie unter den Titeln ›Existenzgründung – Fit für den Praxiseinstieg‹ und ›Erfolgreich Führen – der Arzt als Unternehmer‹. // un-plaqued No 19 | 83

mmakademie.de


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

AUFBRUCH IN DIE IMPLANTOLOGIE TEXT Katja Geis

Das Anbieten implantologischer Leistungen sichert langfristig die Wettbewerbsfähigkeit einer Zahnarztpraxis. Zusammen mit einem leistungsstarken Implantatsystem und einem erfahrenen Implantathersteller als Partner ist es nicht schwer, sich fit für die Zukunft zu machen. Insbesondere, wenn man mit dem ›Astra Tech NAVIGATOR‹ einen kompetenten Lotsen hat.

W

as aber braucht man für eine im-

samtpaket‹ ergänzen. In einer ausführlichen,

plantologische Erstausstattung? Wie

persönlichen Beratung werden zunächst die

rechnet man die Leistungen ab? In

benötigten Schritte analysiert. Daraufhin wird

welcher Form darf man werben? Wie machen

die individuelle Route gemeinsam festgelegt –

das eigentlich die Kollegen und Kolleginnen?

zusammengefasst in einem eigenen Logbuch.

Und die ganz wichtige Frage: Wie kann man Fortbildungen so organisieren, dass die Work-

Modul Fortbildung

Life-Balance nicht aus dem Gleichgewicht ge-

In diesem Modul werden Grundlagenkurse zu

rät? Der Implantathersteller Astra Tech hat sich

›Chirurgie‹ und ›Prothetik‹ auf verschiedenen

über genau diese Fragen Gedanken gemacht

Levels angeboten. Die Kurse finden deutsch-

und den Astra Tech NAVIGATOR entwickelt. Da-

landweit statt. Zu dem Modul gehören auch die

hinter verbergen sich sowohl ein umfassendes

großen Fortbildungsveranstaltungen IMPLAN-

Fortbildungsprogramm als auch die fachliche

TAG und Astra Tech Jahressymposium. Wäh-

Unterstützung für die implantologische Praxis.

rend der IMPLANTAG, der sich an Einsteiger und

Das Besondere daran ist die Flexibilität, mit

das ganze Praxisteam wendet und wechselnd in

der Kurse und Maßnahmen nach jeweiligen Er-

verschiedenen Städten durchgeführt wird, fin-

fordernissen und zeitlichen Ressourcen aus

det das Astra Tech Jahressymposium mit sei-

sechs Modulen ausgewählt werden können.

nem wissenschaftlichen Programm im Herbst

Die Angebote richten sich sowohl an Implanto-

in Frankfurt am Main statt.

logen selber wie auch an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – denn Implantologie ist eine

Modul Mentoring

Teamaufgabe, die nur optimal gelöst werden

Hospitationen bei erfahrenen Kollegen und

kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Es

Kolleginnen erleichtern den Sprung ins kalte

braucht also nur die Lust und den Willen, zu

Wasser. Möglich sind auch Supervisionen bei

neuen Ufern aufzubrechen.

den ersten eigenen Implantationen. Das Modul Mentoring können auch bereits tätige Implan-

Sechs Module – ein Lotse

tologen nutzen. Der Austausch mit den ›Routi-

Der Astra Tech NAVIGATOR umfasst sechs Mo-

niers‹ erlaubt dann, auch anspruchsvolle Fälle

dule, die sich zu einem breit gefächerten ›Ge-

selber zu realisieren.

84 | un-plaqued No 19


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

Modul Management Mit der Bedarfs- und Potentialanalyse der eigenen Praxis können Aussagen zum örtlichen Umfeld und zum Patientenstamm getroffen werden. Gleichzeitig werden die notwendigen Schritte aufgezeigt, die Implantologie im Praxisalltag zu verankern. Mit dem ›Qualitätsmanagement‹ werden Prozesse optimiert, bei ›Abrechnung und Factoring‹ geht es um die Berechnung der erbrachten Leistungen.

Weitere Informa­ tionen erhalten

Modul Implantatpraxis

Sie unter:

Ohne Kommunikation läuft nichts! Die Patienten und Patientinnen wollen kom-

astratechdental.de

petent informiert sein, bevor sie sich für eine implantologische Behandlung entscheiden. Flyer, Broschüren, Schaumodelle, Filme oder die Wartezimmerausstattung, sind dabei bewährte Mittel. Daneben bietet das Modul Fortbildungen zu Marketing, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, damit eine implantologische Praxis zu einer erfolgreichen Praxis wird! Modul Networking Das Modul Networking bietet bundesweit Treffen und Veranstaltungen zum ›Netzwerken‹ unter Kollegen und Kolleginnen. Hier können Erfahrungen ausgetauscht, neue Entwicklungen und Techniken diskutiert oder wissenschaftliche Studien erörtert werden. Modul Team ›Last but not least‹ finden sich im Modul Team alle Kurse für die zahnmedizinischen Fachangestellten, die in der Assistenz, aber auch als persönliches Bindeglied zwischen Zahnarzt und Patient eine zentrale Rolle spielen. Von der ›Sys­ temeinweisung‹ über ›Assistenz in der Implantologie‹, ›Hygieneschulung‹ und ›Abrechnung‹, reicht die Bandbreite der angebotenen Kurse bis zu ›Prophylaxe und Recall‹. Diese Fortbildungsveranstaltung wird in Kooperation mit TePe, dem Spezialisten für Prophylaxematerialien, angeboten. //

un-plaqued No 19 | 85


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

DER VERNETZTE SOMMER TEXT Ingmar Dobberstein‧FOTOS Axel Moll / IFG

Was für ein ›Sommer‹!? Mal ehrlich, bisher konnte man sich über jede Sonnenstunde freuen, die zwischen Wolken und Weltuntergangsgewittern ihren Weg in die Gesichter der Menschen fand. So auch der diesjährige ›Dental Summer‹ am Timmendorfer Strand, der, obwohl in einer der sonnensichersten Zeiten – Ende Juni – stattfindend, sich etwas mehr Zeit ließ, seine volle Pracht zu entfalten. 86 | un-plaqued No 19


I

FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

m Gegensatz zum Wetter war die Sommerveranstaltung der jungen Zahnmediziner, die nunmehr im dritten Jahr durch den Bundesverband der zahnmedizinischen Alumni in Deutschland e.V. (BdZA) und der Internationalen

Fortbildungsgesellschaft (IFG) organisiert wird, von Anfang an ein toller Event. Die viertägige Veranstaltung, bei der jedes Jahr 250 Vorbereitungsassistenten und BdZA-Mitglieder zu phänomenalen Sonderkonditionen teilnehmen können, begeisterte vom ersten Tag an mit Referenten wie Prof. Dr. Edelhoff, Prof. Dr. G. Meyer, Prof. Gutowski, Dr. Jörg Weiler, Erfolgscoach Hans-Uwe Köhler, Dr. Markus Striegel, Dr. Thomas Schwenk sowie Gerhard Conzelmann samt Shaolin-Mönch Shi Yan Yan.

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FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

Doch was unterscheidet den Dental Summer von anderen Fortbildungsveranstaltungen, die das ganze Jahr über allerorts angeboten werden? Warum kommen gerade hier mehr als 350 junge Zahnmediziner, auch mehrere Jahre in Folge, zusammen? Ein Erfolgsrezept der Veranstalter ist die Auswahl der Referenten und deren Themen, die grundsätzlich für die Umsetzung im eigenen Praxisalltag inspirieren sollen. Es geht um das tägliche Brot des Zahnmediziners, wenn die Referenten zumeist in Tageskursen über Front- und Seitenzahnästhetik, Funktionstherapie, Praxismanagement oder Work-Life-Balance sprechen. Zum anderen ist der Dental Summer ein Event, bei dem der Alumni-Gedanke, also die Verbindung mit ehemaligen und neuen Kommilitonen, als auch der Austausch zwischen junger und erfahrener Generation, erstmals so umgesetzt wurde, wie es sich die BdZA-Verantwortlichen bei der Gründung des Verbandes vorgestellt haben. Dieser Gedanke und dessen Umsetzung scheint immer mehr Anhänger und Begeisterte zu finden, schließlich kommen jedes Jahr mehr Teilnehmer nach Timmendorfer Strand. Erstaunlicherweise ist die Kommunikation zwischen den Teilnehmern ebenso anders, als bei vielen anderen Fortbildungen. Der Wesenzug ›Meine Praxis, Mein Haus, Mein Auto – schau, was für ein toller Zahnarzt ich bin‹ ist hier wesentlich seltener anzutreffen, als ein offener und authentischer Wissensaustausch miteinander. Vielleicht liegt es daran, dass man sich hier wieder trifft, vielleicht liegt es an der jungen Generation. Aber auch die erfahrenen Kollegen lassen sich von dieser Atmosphäre 88 | un-plaqued No 19


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

anstecken, wenn beim Abendessen oder dem Volleyballturnier jung neben alt, Referenten neben Teilnehmern und alte und neue Kollegen gemeinsam am Strand den Ausklang des Tages genießen. Natürlich gab es auch in diesem Jahr einige Highlights, die nicht so schnell in Vergessenheit geraten werden. Da wäre zum Beispiel einer der letzten Auftritte des mittlerweile 76-jährigen Prof. Gutowski zu nennen, der in seiner nicht unumstrittenen, aber auch sehr lehrreichen Art über kombinierten Zahnersatz sprach. Aber auch die Volleyballspiele, die zu jeder Wetterlage, also auch bei Gewitter, Blitzen und strömenden Regen stattfanden und nicht weniger spannend und unterhaltsam waren. Respekt an die Teilnehmer und allen voran an die Sieger des Turniers, die sich in diesem Jahr auch unter widrigen Umständen gegenüber einem sehr ehrgeizigen Teilnehmerfeld behaupten konnten. Herzlichen Glückwunsch an Ricarda Heinemann, Uwe (Highlander) Diedrichs, Lars Herzer und Thomas. Herzlichen Dank auch an Petrus, dass ab dem zweiten Spieltag auch die Sonne wieder mitspielte. Neben der fachlichen Qualität der Veranstaltung sei an dieser Stelle den Organisatoren der IFG, allen voran Wilhelm Hakim, Jens Bönecke und Heiko Föllmer dafür gedankt, dass der soziale Teil des Dental Summers ebenso hervorragend organisiert wurde, wie die eigentliche Veranstaltung. Angefangen bei den Grillabenden am Strand, den EM-Fußballübertragungen, dem Volleyun-plaqued No 19 | 89


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ballturnier, bei dem es jedes Jahr Lupenbrillen der Firma Starmed für die Siegermannschaft zu gewinnen gibt, bis hin zur großen Dental Summer-Party am Freitagabend, wird hier für jeden Geschmack etwas geboten, bis in die späte Nacht getanzt und sich des Lebens erfreut. Als kleines Extra hat der BdZA in diesem Jahr am Samstagabend die dritte ALUMNI-Nacht der Zahnmedizin zu feinsten elektronischen Klängen gefeiert und die spannende Woche ganz entspannt ausklingen lassen. Wie geht's nun weiter? 2013 schreiben wir das nächste Kapitel des Dental Summer, zu dem Ihr Euch schon jetzt eines der begehrten Assistententickets unter-

bdza.de

dental-summer.de sichern könnt. Vorher jedoch gibt es noch ein paar Veranstaltungen, die Ihr unbedingt besuchen solltet, nicht zuletzt weil der BdZA wie immer einige ›Specials‹ für Euch bereithält. Im November findet der Deutsche Zahnärztetag in Frankfurt am Main statt, definitiv ein Highlight unter den bundesweiten Kongressen und ein Muss für alle, die auch zahnmedizinisch-politisches Interesse haben. Im Februar folgt der erste Dental Winter, an dem ge-

dental-summer.de

nau 50 junge Zahnmediziner teilnehmen können. Die Tickets dafür sind sehr begehrt, da Fortbildung und Skifahren eine ganz wunderbare Kombination sind. Wenn Ihr das ebenso seht, solltet ihr Euch sofort um die Anmeldung kümmern! Im nächsten Frühjahr wird schließlich die IDS 2013 in Köln stattfinden, wo wir Euch mit vielen Aktivitäten und der nächsten ALUMNI Nacht der Zahnmedizin erwarten werden.

uptodent-digital.de

Bis dahin wünsche ich Euch im Namen des BdZA Vorstandes einen schönen Sommer, viele tolle Erlebnisse und tapfere Patienten. Ich bedanke mich bei allen Teilnehmern für das in uns gesetzte Vertrauen und Eure Offenheit, mit uns zusammen dem Alumni-Gedanken echtes Leben zu schenken. //

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FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

VERGLEICHBAR DURCHFALLEN TEXT Cornelia Kronawitter ‧ ILLUSTRATION Anouk Zwarg

Mündliche Prüfungen widersprechen dem

ten Partymenschen sagen, sie wären durchge-

Grundsatz der Chancengleichheit

fallen, weil sie nicht in jeder Vorlesung in der

D

ersten Reihe saßen, wie die bebrillten Strebe-

ie schönen Mädchen sagen, sie seien

rInnen. Die bebrillten StreberInnen sagen, sie

durchgefallen, weil die Prüferin neidisch

seien durchgefallen, weil sie am Wochenende

auf ihr gutes Aussehen war. Die weniger

lernten, anstatt mit dem Prüfer in dessen Lieb-

schönen Mädchen sagen, sie seien durchgefal-

lingsclub zu feiern, wie die Partymenschen. Die

len, weil der Prüfer sie nicht attraktiv fand. Die

Studenten aus dem Osten sagen, sie wären

großen kräftigen Mädchen und Jungen sagen,

durchgefallen, weil sie nicht zum Blenden erzo-

sie wären durchgefallen, weil der Prüfer zu ih-

gen wurden. Die aus dem Westen sagen, sie sei-

nen aufschauen musste. Die kleinen Schwachen

en durchgefallen, weil sie nicht mit dem Prüfer

sagen, sie wären durchgefallen, weil der Prüfer

auf Russisch scherzen konnten.

sich nicht vorstellen konnte, dass sie mal als ZahnärztIn mit Patienten fertig werden könn-

Ob der Prüfer seinen ›zickigen Tag‹ hatte, man

ten. Die schlecht Angezogenen sagen, sie seien

zu hübsch, zu groß oder zu strebsam ist – auf

durchgefallen, weil sie kein Shirt mit großem

den allgemeinen Eindruck ›denen ist egal was

Ausschnitt und keinen kurzen Rock oder teuren

du kannst, die prüfen einen ohne Ende raus‹,

Anzug vorweisen konnten. Die gut Angezoge-

bleibt nur zu erwidern: Die Einführung schrift-

nen sagen, sie seien durchgefallen, weil der

licher Prüfungen ist lange überfällig – Prüfun-

Prüfer fand, dass hohe Absätze im späteren Kli-

gen in der Zahnmedizin sollten nicht mehr wie

nikalltag unpassend wären. Die extrovertier-

bisher mündlich durchgeführt werden!

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FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

Die Ergebnisse mündlicher Prüfungen sind nicht

vorzubereiten und die Prüfung wie auch das Ab-

vergleichbar und erscheinen willkürlich.

schneiden unter Kontrolle zu haben.‹

Selbst für die Studierenden untereinander, die

Bis Ende der 60er Jahre gab es in der Human­-

sich jahrelang in Kursen und Seminaren erlebt

medizin überwiegend mündliche Prüfungen.

und einzuschätzen gelernt haben, bleibt es ein

Im Kontext der 68er-Bewegung wurden Forde-

Rätsel, warum bestimmte Kommilitonen drei-

rungen laut, die Willkür der Hochschullehrer

mal durch eine Prüfung fallen, obwohl sie vor-

einzuschränken und die Vergleichbarkeit der

her nicht mit schlechteren Leistungen aufgefal-

Ergebnisse zu gewährleisten. Im Rahmen der

len sind als andere, die ihre Prüfung im ersten

Reformbewegungen wurde mit den Multiple-

Versuch bestanden haben. Die Prüfungskommis-

Choice-Klausuren ein Verfahren aufgegriffen,

sionen sollten über den schmalen Grat zwischen

das in den 50er Jahren in den USA entstanden

Vier und Fünf nachdenken, über die winzige

war. ›Das Ziel des Gesetzgebers ist gewesen, ein

Kluft zwischen ›bestanden‹ und ›durchgefal-

Prüfungssystem einzuführen, dass so objekti-

len‹, zwischen denen in mündlichen Prüfungen

viert ist, dass subjektive Beurteilungseinflüsse

oft kein erkennbarer Unterschied besteht.

weitgehend ausgeschlossen sind, der Prüfungsstoff für alle Prüflinge gleich und erlernbar ist

Die Humanmediziner: Einführung von Mul-

und die Chancengleichheit aller Prüfungsteil-

tiple-Choice-Klausuren vor 30 Jahren

nehmer gewahrt bleibt.‹

Dass die Ergebnisse mündlicher Prüfungen schlecht miteinander vergleichbar sind, wissen

1970 wurde die neue Approbationsordnung für

die Humanmediziner in Deutschland seit über

Ärzte verabschiedet. Zwei Jahre später wur-

30 Jahren und nehmen die Prüfungen großen-

de das schriftliche System auch für das Studi-

teils schriftlich ab. Vergleichen die Zahnis ihre

enfach Pharmazie eingeführt. Darüber hinaus

eigenen Prüfungsbedingungen mit denen der

wurde mit der neuen ÄAppO ein Staatsvertrag

Humanmediziner, heißt es schnell herablassend

zwischen den Bundesländern verabschiedet,

über die Humanis: ›Die kreuzen ihre schwarze

der die Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit

Reihe durch und das Physikum ist geritzt. Die

der Prüfungen in der ganzen Bundesrepublik

klaren Vorgaben für den schriftlichen Multi­

ermöglichen sollte. Zudem werden die Prü-

ple-Choice-Test machen es einfach, sich adäquat

fungsfragen vom Institut für medizinische und un-plaqued No 19 | 93


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) in

ner nonverbalen Ebene ablaufen (siehe auch

Mainz zentral entwickelt, um zu gewährleisten,

un-plaqued Nr. 18). Sicher sind Studierende, die

was in der Bundesrats-Drucksache 437/70 für

fachliche Brillanz und überragende Kenntnisse

das Humanmedizin-Studium festgelegt wurde:

unter Beweis stellen, eher geschützt vor solchen

›Die Prüfungsarbeit soll sich querschnittar-

nonverbalen, sozialen Bewertungseinflüssen –

tig über alle Stoffgebiete erstrecken, die Ge-

eine Eins steht hier nicht zur Diskussion. Aber

genstand der betreffenden Prüfung sind. Die

die ›Drei, Vier oder Fünf‹ liegt völlig im Ermes-

schriftliche Prüfung soll simultan für alle Prü-

sensspielraum des Prüfers. In dieses Ermessen

fungskandidaten durchgeführt werden. Durch

fließt alles ein, was der Prüfling für den Prüfer

das schriftliche Verfahren soll eine möglichst

darstellt – Ähnlichkeiten, Vertrautheit, Gefüh-

umfassende Objektivierung der Prüfungser-

le. Das entscheidet ebenso darüber, inwiefern

gebnisse erreicht werden.‹

es dem Prüfling überhaupt ermöglicht wird, sich und sein Können darzustellen.

Die mündliche Prüfung: Nonverbale, unbewusste Einflüsse

Für jeden Studenten sind mündliche Prüfun-

Die Zahnmediziner machten unbeeindruckt

gen problematisch und mehr Motivationskiller

weiter wie bisher. Alle Prüfungen der großen

als Förderung. Sie wissen, dass sie keinem Mus-

Prüfungsblöcke Vorphysikum, Physikum und

ter entsprechen können, das ihnen von vornhe-

Staatsexamina sind mündlich. Beisitzer sind

rein mehr Unterstützung, eine kommunikative-

erst im letzten Versuch des Vorphysikums und

re Atmosphäre, vielleicht mehr Nachsicht oder

des Physikums verbindlich vorgesehen. Die

ein unbewusstes Übersehen von Fehlern durch

Prüflinge sind also in den ersten Prüfungsrun-

den Prüfer sichert. Die Studenten haben trotz

den allein mit dem Prüfer und deren möglicher

ihrer Vorbereitungen das Gefühl, die Prüfun-

Willkür ausgesetzt. Die Geschichten über miss-

gen niemals unter Kontrolle bekommen zu kön-

lungene Prüfungen sind zahlreich und jeder

nen, und gewinnen trotz guter Noten nicht an

kennt sie. Auch wenn fraglich ist, ob sie sich alle

Sicherheit. Die Angst, die dementsprechend

so zugetragen haben, muss man die Tatsache,

in solchen mündlichen Prüfungssituationen

dass diese Geschichten massenhaft erzählt wer-

herrscht, verhindert von vornherein ein kom-

den, als Symptom dafür nehmen, dass mündli-

plettes Ausschöpfen der Leistungen des Prüf-

che Prüfungen als alleinige Form der Leistungs-

lings und führt die eigentliche Aufgabe einer

bewertung nicht mehr tragbar sind und dass

Leistungskontrolle ad absurdum. Vielmehr wer-

das System erneuerungsbedürftig ist.

den die Studenten durch diese künstliche, aber

Eine mündliche Prüfung ist immer eine kom-

durchaus gewollte Schürung der Angst in der

munikative Situation. Wenn sich zwei Men-

Zahnmedizin darauf trainiert, sich von Autori-

schen an einem Tisch gegenüber sitzen und in

täten abhängig zu fühlen. Sie machen ihre Per-

die Augen sehen, steht mehr zwischen ihnen im

sönlichkeit in der Prüfung unsichtbar, um nicht

Raum als lediglich der Aufbau eines MHC-Mo-

anzuecken. Sie lernen nicht, Konfrontationen

leküls, warum Calcium-Phosphat-Verhältnis-

auszuhalten und zu gestalten, sondern werden

se wichtig sind oder wie man Diabetes diagnos-

entmutigt. So oft ist zu hören: ›Ich will nur noch

tiziert. Man überprüft unbewusst, ob man sich

meinen Abschluss, will nur noch raus hier, nur

ähnlich ist. Da werden Gruppenzugehörigkei-

noch die restlichen zwei oder drei Jahre über-

ten hinterfragt und getestet, ob man sich fremd

stehen, ohne nach rechts und links zu sehen,

oder vertraut vorkommt. Es gibt Aspekte einer

ohne jemanden zu bewerten, ohne Schaden zu

mündlichen Prüfung, denen Prüfling und Prü-

nehmen.‹ Derart negative Gefühle im Zusam-

fer unbewusst ausgeliefert sind und die auf ei-

menhang mit dem Wunschberuf sind bedau-

94 | un-plaqued No 19


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

erlich. Es kann nicht sein, dass hier Studenten

fallen und wer durchfällt. Wären die Testate

erschaffen werden, denen es nicht möglich ist,

schriftlich, müssten sich die Lehrenden nicht

unbequeme Entscheidungen durchzusetzen, die

nur verbindlich auf einen klar umrissenen Prü-

über ihre fünfeinhalb Uni-Jahre sagen: ›Mein

fungsstoff festlegen, sondern auch, im Falle des

ganzes Selbstbewusstsein habe ich hier verlo-

schlechten Abschneidens der Studenten, Kritik

ren, ich traue mir nichts mehr zu.‹

an der Art ihrer Lehre gefallen lassen.

Die Lehrenden können in einer mündlichen

Die Humanmediziner orientieren sich bei der

Prüfung gar nicht objektiv herausfinden, ob

Bewertung ihrer Multiple-Choice-Klausuren

die Studenten den Lehrstoff aus ihrer Sicht be-

nicht an einer festen, zu erreichenden Punkt-

herrschen, erst recht nicht ohne die zusätzliche

zahl, sondern an der durchschnittlichen Leis-

Kontrolle eines Beisitzers und das nicht erst im

tungsfähigkeit der Gruppe. Erzielt der Durch-

letzten Versuch. Die Lehrenden haben hierbei

schnitt nur wenige Punkte, weil die Prüfung zu

die Verantwortung, den Studierenden eine kla-

schwierig war, fallen trotzdem nicht mehr Stu-

re und vergleichbare Rückmeldung zu vermit-

dierende durch als bei einer leicht gestalteten

teln, denn ohne diese kann man kaum eine ech-

Prüfung.

te Verbesserung erwarten. Studenten haben ein Recht auf Trennschärfe.

Sicher ist das Konzept schriftlicher Prüfungen bisher nicht ausgereift. Die wenigen Klausuren,

Die Lehre: Kontrolle durch schriftliche Prü-

die während des Semesters geschrieben wer-

fungen oder Beisitzer

den, erscheinen gefährlich unernst oder wer-

Schriftliche Prüfungen, oder zumindest die

den lächerlich gemacht. Man kann vom Nach-

ständige Anwesenheit eines Beisitzers, würde

barn abschreiben oder ein Buch auf dem Schoß

auch eine bessere Überprüfbarkeit der Leh-

haben; häufig werden bereits bekannte Fragen

re zur Folge haben. Bislang hatten die Prüfer

aus dem Vorjahr verwendet. Die richtigen Ant-

durch das alles verwischende nonverbale Ele-

worten der Multiple-Choice-Fragen werden

ment der mündlichen Prüfung in gewissem Maß

von den Prüfern nie vollständig bekannt gege-

die Möglichkeit zu bestimmen, wie viele durch-

ben mit der Begründung, dass die Fragen unter un-plaqued No 19 | 95


FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

Umständen noch mal verwendet werden müssen. Die Studierenden haben das Gefühl, dass ungeschulte Kräfte einen undurchdachten Multiple-ChoiceTest entwickeln und dadurch ihre Möglichkeiten, gezielt auf gute Noten hinzuarbeiten, eingeschränkt werden. Wieder scheint nichts vergleichbar, nichts kontrollierbar und das Konzept schriftlicher Prüfungen muss ebenso dringend professionalisiert werden. Die Humanmediziner haben Experten hinzugezogen und auch die lehrenden Zahnmediziner brauchen in dieser Aufgabe Supervision! Zu einem fairen Prüfungssystem ist es noch ein weiter Weg. Zunächst sollte aber die fehlende Vergleichbarkeit von mündlichen Prüfungen in der Zahnmedizin überhaupt in die Diskussion gebracht werden. Selbst ein Dozent, der Studenten schon seit längerem auf das Physikum vorbereitet, gab kürzlich zu: ›Ich hoffe immer, dass die Studenten völlig gleich behandelt werden, aber das ist leider nicht der Fall. Ihnen werden Fragen gestellt, die wir zusammen vorbereitet haben und bei manchen Leuten ist der Prüfer mit der Antwort zufrieden. Bei Anderen hingegen wird weiter gefragt, nachgebohrt, bis eine Wissenslücke kommt, nach der scheinbar zwanghaft gesucht wurde. Ich kann nicht sagen, warum bei genau diesem Studenten – vielleicht ist es ein winziger Unterschied in der Persönlichkeit, denn die Leute antworten nicht anders und sehen nicht ungewöhnlicher aus. Sie sind nicht ängstlicher oder linkischer, und doch ist da irgendwo im Hinterkopf des Prüfers dieses winzige Quäntchen, das ihn noch eine weitere Frage stellen lässt, statt sie, wie andere Studenten, nach der ersten richtigen Antwort auf der Liste abzuhaken.‹ Es wird also Zeit, dass das System der mündlichen Prüfungen hinterfragt und überdacht wird. Denn darin lägen auch jede Menge Chancen: An der zahnmedizinischen Fakultät gibt es so viele hoch motivierte Studenten, die sich bewusst für das Studium entschieden haben. Sie sind leistungsorientiert und selbstkritisch. Sie urteilen differenziert und können gute und schlechte Vorlesungen voneinander unterscheiden. Sie sollten fair behandelt werden. Dann säßen nicht mehr 100 Studenten in einem Hörsaal, die jedes Wort des Dozenten krampfhaft mitschreiben, um in der Prüfung nicht mit einem Detail über den Tisch gezogen zu werden. Nein, es säßen 100 Studenten im Hörsaal, weil sie verstehen wollen, weil sie eine gute Note in der Klausur erreichen wollen, weil sie interessiert sind an dem didaktisch gut aufbereiteten Lehrstoff einer Lehrveranstaltung und weil sie Fragen stellen können. Die Hochschullehrer wären mit ihrer Lehre wirklich konfrontiert und müssten sie besser aufbereiten. Aber diese Lehre würde in einem offeneren Klima stattfinden und durch ein Miteinander von Studenten und Lehrkörper ganz neue Anregungen bekommen. //

96 | un-plaqued No 19


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FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

EXAMEN FEIERN IN SALZBURG

Dentalwerk in Bürmoos

Das bestandene Examen frisch in der Tasche, führte Mitte November ein Ausflug den

Examensjahrgang

der

Universität

Würzburg nach Salzburg. Als Gäste von W&H konnten die Teilnehmer anlässlich des Abschlusses ihres Studiums neben Salzburg auch das Dentalwerk in Bürmoos kennenlernen.

TEXT Berit Melle

L

os ging es für die Zahnis am 17. November

men und Salzburg von seiner kulinarischen Sei-

2011 mit dem Bus von Würzburg nach Salz-

te kennenlernen. Beim Abendessen in einer ty-

burg. Nach der Ankunft im vorweihnacht-

pisch österreichischen Brauerei konnten die

lich geschmückten Salzburg, und zum Glück am

Würzburger Studenten mit Rindsroulade, Wie-

ersten Tag des Salzburger Weihnachtsmarktes,

ner Schnitzel und Strudel in aller Ruhe Kraft

ging es für die frisch examinierten Zahnis zu-

tanken und auf ihre erst kürzlich bestandenen

nächst zur Stadtführung durch die Mozart-

Examina anstoßen. Die Stimmung war sehr ent-

stadt. Ein kundiger Salzburger führte im

spannt und bot Gelegenheit, die letzten Jahre

waschechten Salzburger Dialekt durch die

an der Universität noch einmal Revue passie-

Stadt und spazierte geschickt durch die Gassen

ren zu lassen. Im Anschluss konnten sie noch

Salzburgs. Beim ersten Glühwein des Jahres

richtig ihren Abschluss feiern und die Tanzflä-

konnten sich die Teilnehmer wieder aufwär-

che für sich erobern.

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FOREVER YOUNG / WAHRHEIT

Nach einer etwas kürzeren Nacht für den ein

in Ruhe und ohne den Ablauf im Werk zu stören,

oder anderen Teilnehmer brachte ein Bus die

durch die Räume und Hallen zu gelangen. Die

Studenten am darauffolgenden Morgen von

Führung offenbarte dabei die einzelnen Schrit-

Salzburg ins ca. 30 km entfernte Bürmoos, den

te der Entstehung dentalmedizinischer Geräte

Sitz des W&H Dentalwerks. Nach ein paar ein-

von W&H, vom unbearbeiteten Rohstoff bis zur

führenden Worten zur Entstehung des Unter-

fertig verpackten und adressierten Ware. Inte-

nehmens W&H folgte ein kurzer Vortrag von

ressant war dabei, dass die Besucher den Mit-

Roland Gruber zum Thema ›Hygiene im Dental-

arbeitern bei vielen Arbeitsschritten über die

bereich – Wie sind Übertragungsinstrumente

Schulter schauen konnten. Mithilfe von hoch-

gemäß RKI aufzubereiten?‹

modernen Maschinen, aber auch beeindruckenden feinmotorischen Fähigkeiten, werden

Ein allgemein bekanntes Thema, sollte man mei-

kleinste Bestandteile zusammen gefügt und

nen, doch schon zu Beginn des Vortrages wurde

mehrfach auf ihre Funktion überprüft. Die Stu-

klar, welche versteckten Hürden im Praxisalltag

denten konnten sich davon überzeugen, welche

lauern und welche Gefahren daraus sowohl für

angenehme Arbeitsatmosphäre im Dentalwerk

Zahnarzt, Mitarbeiter als auch Patienten entste-

in Bürmoos für die Mitarbeiter herrscht.

hen können. Aufgelockert durch sehr anschauliche Videos konnten die angehenden Zahnärz-

Das Unternehmen W&H lädt regelmäßig Exa-

te mehr als einen wertvollen Tipp für ihren

mensjahrgänge verschiedener Universitäten

zukünftigen Arbeitsalltag mitnehmen.

ein und bietet Studenten damit die Möglichkeit, in einer spannenden und schönen Umge-

Anschließend fand eine Führung durch das Den-

bung ihren Abschluss gemeinsam zu feiern so-

talwerk in Bürmoos statt. Dabei wurden die

wie wertvolle Kenntnisse für ihre zukünftige

Teilnehmer in kleinere Gruppen aufgeteilt, um

Tätigkeit als Zahnmediziner zu gewinnen. // un-plaqued No 19 | 99


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Die Vermessung der Wissenschaft Ă&#x153;ber Wahrheit, Wissenschaft und Leitlinien

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THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

TEXT Barbara Ritzert

Einstein prüft Studenten. Ein Student sagt zu ihm: ›Sie stellen in diesem Semester ja genau die gleichen Fragen wie beim letzten Mal.‹ Darauf Einstein: ›Das ist wahr. Nur die Antworten sind diesmal anders.‹ öglicherweise ist diese Anekdote nur

gilt, schon morgen durch neue Erkenntnisse re-

gut erfunden – aber sie beleuchtet ein

lativiert oder widerlegt – falsifiziert – werden.

Grundprinzip von Wissenschaft: Diese liefert

Wissenschaft ist ein dynamischer Prozess, der

keine letztgültigen Wahrheiten, sondern allen-

von kritischer Diskussion und empirischer Über-

falls neue Antworten auf der Grundlage neuer

prüfung von Hypothesen lebt, die im Falle ihrer

Erkenntnisse. Den Umkehrschluss dieser Ein-

Falsifikation verworfen und durch neue Hypo-

sicht hat der deutsch-schwedische Biologe Ja-

thesen ersetzt werden. Kurz: Wissenschaft wird

kob von Üxküll so auf den Punkt gebracht: ›Die

von Irrtümern vorangetrieben, im Besitz der

Wissenschaft von heute ist der Irrtum von mor-

reinen Wahrheit kann sie nie sein. Der Soziolo-

gen.‹

ge Niklas Luhmann bezeichnet Wahrheiten da-

Darum verwenden Naturwissenschaftler im 20.

her zutreffend als ›Erschöpfungszustände der

Jahrhundert den Begriff Wahrheit in Zusam-

Wissenschaft‹.

menhang mit ihren Erkenntnissen kaum noch. Im Gegenteil: ›Ideen, wie absolute Gewissheit,

›Medizin muss Wissenschaft sein, oder sie wird

absolute Genauigkeit, endgültige Wahrheit

nicht sein‹, forderte bereits im Jahr 1905 Bern-

und so fort, sind Erfindungen der Einbildungs-

hard Naunyn, damals Präsident der Deutschen

kraft und haben in der Wissenschaft nichts zu

Gesellschaft für Innere Medizin. Der Diskurs

suchen‹, konstatierte der deutsche Mathema-

über die Wissenschaftlichkeit der Medizin hat

tiker und Physiker Max Born, ein enger Freund

Tradition – und wird in den letzten Jahren in-

von Albert Einstein, der 1954 mit dem Nobel-

tensiv geführt. Ist die Medizin eine Art ›Natur-

preis für Physik ausgezeichnet wurde.

wissenschaft vom Menschen‹ oder eher ein Aggregat aus mehr oder weniger wissenschaftlich

Doch was ist Wahrheit? Die ehrwürdige Enzy-

basierten (Heil-)Künsten? Eine Flut von aktuel-

klopädie Brockhaus (Ausgabe von 1974, S. 789)

len Publikationen belegt den Bedarf der klini-

versteht unter Wahrheit ›allgemein die Vollen-

schen Medizin nach diesbezüglicher Selbstver-

dung des Wissens, die in jeder Erkenntnis an-

gewisserung.

gestrebt wird.‹ Ähnlich formuliert es auch der

Der Grund dafür ist die sogenannte evidenzba-

Soziologe Rudolf Stichweh von der Universität

sierte Medizin (EbM). Diese hat ihre philosophi-

Luzern in einem Interview mit der Zeitschrift

schen Wurzeln zwar im 19. Jahrhundert, begann

Spektrum der Wissenschaft: ›Wahrheit bleibt

sich aber erst seit den 1990er Jahren zunächst in

eine Letztbeschreibung für das, was man in der

der Medizin und mit einer gewissen Zeitverset-

Wissenschaft anstrebt, hat aber in ihrer All-

zung auch in der Zahnheilkunde auszubreiten.

tagswirklichkeit vom 18. Jahrhundert bis heu-

Als evidenzbasierte Zahnmedizin (EbD = evi-

te zunehmend an Bedeutung verloren.‹ ›Mo-

dence based Dentistry) steht sie – wie die EbM –

derne Wissenschaft‹, so Stichweh weiter, ›hat

seitdem im Zentrum heftiger Debatten.

am Ende des 20. Jahrhunderts ein sehr klares

Für den Begründer der evidenzbasierten Medi-

Bewusstsein von der Ungewissheit, dem appro-

zin, den kanadischen Epidemiologen David L. Sa-

ximativen Charakter allen Wissens.‹ Prinzipi-

ckett, ruht die Praxis der EbM auf drei Säulen:

ell kann alles, was heute als gesichertes Wissen

auf der externen (wissenschaftlichen) Evidenz, un-plaqued No 19 | 101


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

auf der individuellen klinischen Erfahrung eiUnter Federführung von DGI und DGZMK

nes Arztes und den Erfahrungen und Erwar-

wurden 2010 die ersten Leitlinien nach AWMF

tungen der Patienten. Entsprechend hat er EbM

Kriterien in der deutschen Implantologie auf

definiert: ›The practise of evidence-based me-

den Weg gebracht. Auch international sind

dicine means integrating individual clinical ex-

dies die ersten Leitlinien auf diesem Gebiet.

pertise with the best available external clinical

Veröffentlicht wurden die systematischen

evidence from systematic research.‹ Und Sa-

Reviews, Konsensusstatements und Empfeh-

ckett betont, dass die externe Evidenz die indi-

lungen der vier Arbeitsgruppen Ende letzten

viduelle klinische Expertise des Arztes zwar be-

Jahres im Journal of Oral Implantology (2011;

einflussen, aber nie ersetzen kann.

4 (Suppl): 67-130.) Die Expertengruppen des Leitlinienprozesses haben vier Fragestellun-

Da jedoch kein praktisch tätiger Arzt in der

gen bearbeitet:

Lage ist, die Publikationsflut seiner Fachrich-

1.

tung auch nur annähernd zu bewältigen, haben Für welche klinischen Indikationen in

Fachgesellschaften und wissenschaftliche Orga-

der dentalen Implantologie ist die Verwen-

nisationen damit begonnen, Leitlinien zu ent-

dung von Knochenersatzmaterialien wis-

wickeln. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissen-

senschaftlich belegt?

schaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

2.

(AWMF) definiert Leitlinien als ›systematisch Welche prothetischen Behandlungsop-

entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungs-

tionen stellen ein evidenzbasiertes Konzept

findung in spezifischen Situationen. Sie beruhen

für die Versorgung des zahnlosen Oberkie-

auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen

fers, bezogen auf Anzahl und Position von

und in der Praxis bewährten Verfahren und sor-

Zahnimplantaten, dar?

gen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen

3.

aber auch ökonomische Aspekte berücksichtiWelche Indikationen bestehen für eine

gen.‹ Alleine das Register der AWMF weist ak-

dreidimensionale Röntgendiagnostik und

tuell über 700 Leitlinien aus, wobei die Zahl der

bilddatengestützte navigierte Methoden in

Leitlinien in der Zahnmedizin mit fünf noch im-

der dentalen Implantologie?

mer sehr übersichtlich ist.

4.

Dies hat zum einen mit der Zeitverzögerung zu

Welche Maßnahmen sind sinnvoll zum

Strukturerhalt des Alveolarfortsatzes nach

tun, mit der die Evidenzbasierung in der Zahn-

Zahnextraktion?

medizin ihren Einzug hielt. Gravierender ist jedoch, dass kontrollierte klinische Studien in der

Nach Ratifizierung in mehreren Runden

Zahnmedizin nur eine geringe Rolle spiel(t)en

durch die Fachgesellschaften ist bei drei der

und im klinischen und universitären Alltag ein

vier Fragestellungen zusätzlich die Verab-

Denken im Vordergrund stand, ›das auf klini-

schiedung von offiziellen AWMF Leitlinien

schen Beobachtungen, theoretischen Überle-

geplant. In einem Fall ist dies bereits erfolgt.

gungen und Spekulationen gegründet war, von

Unter dem Titel ›Indikationen zur implan-

respektierten Autoritäten aber wie wissen-

tologischen 3D-Röntgendiagnostik und

schaftlich abgesichertes Wissen verkündet wur-

navigationsgestützte Implantologie‹ ist eine

de‹, konstatierte Donald M. Brunette 1996 von

S2k Leitlinie bereits im Register der AWMF

der University of British Columbia in Vancouver.

publiziert.

Diese Eminenz-Basierung hielt sich in der Zahnmedizin hartnäckiger als in der Medizin. 102 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

PROF. DR. DR. HENDRIK TERHEYDEN, KASSEL

1. In der Wissenschaft ist die Wahrheit von heute der

3. RCTs sind der Goldstandard in der evidenzbasier-

Irrtum von morgen. Was bedeutet dies für die Leitli-

ten Medizin. Wo liegen Möglichkeiten und Grenzen für

nienarbeit der DGI?

diese Studien in der Implantologie?

Es ist sogar ein Qualitätskriterium einer guten wissen-

Versuchen Sie bitte einmal, eine Sinusbodenaugmenta-

schaftlichen Arbeit, dass Aussagen stets auf der gegen-

tion mit BMP-2/Knochenersatzmaterial mit Knochener-

wärtig zur Verfügung stehenden Datenlage beruhen und

satzmaterial alleine zu vergleichen. Wann nehmen Sie die

damit falsifizierbar sind, sobald neue Daten bekannt wer-

Biopsie? Nach sechs Wochen ist es ethisch kaum vertret-

den. Die DGZMK und AWMF legen daher die Gültigkeit ei-

bar in der Kontrollgruppe, nach sechs Monaten ist wahr-

ner Leitlinie auf drei Jahre fest. Danach wird sie vom Netz

scheinlich der Effekt des BMP durch Aufholen der Kont-

genommen, bis sie von den publizierenden Fachgesell-

rollgruppe gar nicht mehr nachweisbar. RCTs sind nur

schaften aktualisiert worden sind.

sinnvoll, wenn zwischen Test- und Kontrollgruppe nur ein kleiner Unterschied bei ähnlichen Therapien besteht und

2. Welchen Stellenwert hat die evidenzbasierte Im-

wenn die Therapie der Kontrollgruppe ethisch vertretbar

plantologie in der Zahnmedizin und welchen Stellen-

ist. Diese Bedingungen funktionieren nur für wenige Be-

wert sollte sie haben?

reiche, so dass auch in Zukunft wesentliche Fragen aus der

In der täglichen Therapieentscheidung in der Praxis steht

ärztlichen Erfahrung im Konsensus zu beantworten sind.  

die interne Evidenz des Behandlers in Kombination mit dem Wunsch des Patienten an vorderster Stelle. Es gibt

4. Die Kostenträger verlangen häufig wissenschaftli-

nämlich viele Bereiche, in denen eine Evidenzprüfung

che Nachweise, wenn bestimmte Verfahren eingesetzt

durch randomisierte kontrollierte Studien (RCT) nicht

werden sollen. Wie verändert und beeinflusst dies die

möglich ist oder in denen weltweit bislang keine RCTs

Zahnmedizin?

durchgeführt wurden. Daraus darf keinesfalls geschlos-

Die Forderung der Kostenträger ist einerseits richtig,

sen werden, dass die betroffene Therapie, weil nicht evi-

wenn die oben genannten Bedingungen berücksichtigt

denzbasiert, nicht durchgeführt werden sollte. Die Leitli-

werden. Andererseits ist sie falsch, wenn die falschen

nienarbeit in Deutschland folgt hier der AWMF Methode

Schlüsse aus fehlenden Studien gezogen werden, weil

der bestverfügbaren Evidenz und ersetzt fehlende Evi-

schlicht die Studien z.B. aus finanziellen Gründen noch

denz im Zweifelsfall durch einen breit abgestimmten und

gar nicht durchgeführt wurden. Die Forderung trägt aber

formalen Konsens. Dieses Vorgehen vermeidet die rein

dazu bei, dass die Materialhersteller geneigt sind, derar-

eminenzbasierte Empfehlung. Solche Leitlinien eröff-

tige Studien für den Wirksamkeitsnachweis auch zu finan-

nen dann dem Praktiker einen breiten Therapiekorridor

zieren. Dieser ist bei Medizinprodukten bekanntermaßen

möglicher Entscheidungen und sollten einen hohen Stel-

nur sehr eingeschränkt vorgeschrieben. Davon profitiert

lenwert haben.

dann wieder die Zahnmedizin.

un-plaqued No 19 | 103


PROF. DR. FRANK SCHWARZ, DÜSSELDORF

1. 2002 beklagte der Herausgeber im British Dental

3. Die Kostenträger verlangen häufig wissenschaftli-

Journal, dass 60 Prozent der Zahnärzte sich an Freun-

che Nachweise, wenn bestimmte Verfahren eingesetzt

den und Kollegen und nicht an der Fachliteratur ori-

werden sollen. Wie verändert und beeinflusst dies die

entieren. Hat sich daran nach Ihrer Erfahrung etwas

Zahnmedizin?

geändert?

Der indikationsbezogene Nutzen und die Sicherheit eines

Für niedergelassene Kollegen erscheint es aus meiner

Medizinproduktes kann nur durch eine umfassende wis-

Sicht fast unmöglich, die monatliche ›Flut‹ an wissen-

senschaftliche Dokumentation belegt und sichergestellt

schaftlichen Fachpublikationen zu überschauen und die

werden. Leider stellen viele Hersteller von Medizinpro-

relevanten klinischen Implikationen herausfiltern zu kön-

dukten das Marketing über die wissenschaftliche Doku-

nen. Dies darf jedoch nicht zur Resignation und Distanzie-

mentation. Jüngste Skandale haben verdeutlicht, dass

rung von der Fachliteratur führen.

eine weitere Verschärfung der Zulassung von Medizin-

Eine Alternative bieten hier systematische Übersichtsar-

produkten dringend erforderlich ist.

tikel, welche auf fokussierten Fragestellungen aufbauend eine präzise Analyse der relevanten Literatur er-

4. Inzwischen kritisieren Wissenschaftler, dass in der

möglichen.

Medizin der jungen Ärztegeneration vermittelt wur-

Unter Betrachtung der Ergebnisse solcher Metaanalysen

de, dass RCT ›die Wahrheit‹ darstellen. Was kann die

sollte man seinen eignes Behandlungskonzept regelmä-

Zahnmedizin davon lernen?

ßig und selbstkritisch reflektieren und gegebenenfalls

Ich halte den Begriff ›Wahrheit‹ in diesem Zusammen-

modifizieren.

hang in der Tat für unangebracht. Selbstverständlich muss man auch die Erkenntnisse, welche auf prospektiven, ran-

2. Welchen Stellenwert hat die evidenzbasierte Zahn-

domisierten klinischen Studien beruhen, kritisch reflek-

medizin heute in der studentischen Ausbildung?

tieren. Im Gegensatz zu einer Expertenmeinung kann aber

Wissenschaftliche Forschung beeinflusst selbstverständ-

meine Kritik an einer wissenschaftlichen Studie rationaler

lich auch die Weiterentwicklung und Verbesserung der

begründet werden, z.B. mit Verweis auf bestimmte Unter-

studentischen Ausbildung. Die Berücksichtigung der evi-

suchungsparameter- oder Methoden.

denzbasierten Zahnmedizin ist demnach ein integraler Bestandteil einer zeitgemäßen Lehre. Die Studierenden werden heute darauf vorbereitet, dass man sich ein zeitgemäßes Wissen nur unter konsequenter Berücksichtigung der aktuellen Fachliteratur erhalten kann.

104 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Doch die moderne Zahnheilkunde ist invasiver

Medizin‹, die Ärzte zu seelenlosen Therapie-

und biologischer geworden. Erkenntnisse, etwa

Automaten herabwürdige und randomisierte

über Entzündungs- und Regenerationsprozes-

kontrollierte Studien (RCTs) zum Maß aller Din-

se, schlagen Brücken zur Medizin und Biologie

ge mache.

und befeuern neue Wege in der Forschung. Das

Dem widersprechen die Protagonisten der Evi-

Argument, kontrollierte klinische Studien seien

denzbasierung mit Hinweis auf die Definition

in der Zahnmedizin kaum möglich, verliert an

von Sackett. ›Unser Ziel war, einen breiten the-

Überzeugungskraft. In den chirurgischen Ge-

rapeutischen Korridor für den praktisch tätigen

bieten, etwa in der Implantologie, sind gut designte, nicht-randomisierte Studien eine akzeptable Alternative in jenen Bereichen, wo RCTs nicht möglich sind. Zwar steckt die EbD noch in den Kinderschuhen, doch die Basis für die Entwicklung von Leitlinien in der Zahnmedizin wird kräftiger. Gleichwohl bleibt die Zahnmedizin an einem Punkt gegenüber der Medizin im Nachteil: Anders als Pillen und Tabletten handelt es sich bei Dentalprodukten um Medizinprodukte, die anderen Regularien und Zulassungsbedingungen unterliegen. Klinische Studien sind auch darum Mangelware, weil sie oft nicht gefordert werden und die Hersteller darum darauf verzichten können. Doch auch hier zeichnet sich ein Wandel ab. Der gerade zu Ende gegangene deutsche Ärztetag verabschiedete unter dem Eindruck der jüngsten Skandale um Brustimplantate und Pro-

Implantologen zu formulieren‹, sagt DGI-Präsi-

blemen in der Endoprothetik, eine Forderung

dent Hendrik Terheyden, Kassel, der 2010 die

nach strengeren Maßstäben für Medizinproduk-

erste Konsensuskonferenz der DGI zur Entwick-

te der höheren Risikoklasse III. Dies dürfte auch

lung von Leitlinien in der Implantologie zusam-

im Bereich der Dentalprodukte nicht ohne Aus-

men mit über 50 niedergelassenen Praktikern

wirkung bleiben.

und Wissenschaftlern aus 15 Fachgesellschaf-

Ein weiterer Faktor kommt hinzu: Schon heute

ten und Verbänden auf den Weg gebracht hat-

begründen Krankenkassen die Ablehnung ei-

te (siehe Kasten).

ner Kostenübernahme bevorzugt mit fehlender

›Die Methodik der von uns angewandten ‚best

wissenschaftlicher Evidenz. Auch bei Auseinan-

available evidence’ ist auch für andere Länder

dersetzungen vor Gericht achten Richter zuneh-

interessant, weil die reine Evidenzbasierung

mend auf die wissenschaftliche Basierung einer

(z.B. Cochrane Methodik) in der Implantolo-

diagnostischen oder therapeutischen Maßnah-

gie häufig durch die geringe Anzahl randomi-

me. Leitlinien und Belege nach den Prinzipien

sierter kontrollierter Studien limitiert ist‹, so

der EbD werden also zunehmend bedeutsamer.

Terheyden. Insbesondere in den chirurgischen Disziplinen, betont er, seien RCTs oft nur schwer

Kritik begleiteten EbM, EbD und Leitlinien

oder gar nicht realisierbar. ›Der Praktiker muss

gleichwohl von Anfang an: Es sei ›Kochbuch-

aber trotzdem heute schon Entscheidungen fälun-plaqued No 19 | 105


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

›Nicht vom Beginn an enthüllten die Götter uns Sterblichen alles; Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bessre. Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen Über die Götter und alle die Dinge, von denen ich spreche. Selbst wenn es einem einst glückt, die vollkommenste Wahrheit zu künden, Wissen kann er sie nie: es ist alles durchwebt von Vermutung‹ Xenophanes von Kolophon (580 v. Chr. – 470 v. Chr.)

len und benötigt dafür in aufbereiteter Form

randomisierten Studien und selbst zehn Pro-

die Informationen aus der Wissenschaft.‹ Ge-

zent der großen randomisierten Studien. Aller-

nau dies leiste die Methode der bestverfügba-

dings ist dies auch ein Beleg für die Überlegen-

ren Evidenz. Denn bei fehlenden Studien greift

heit wissenschaftlich kontrollierter Studien im

das Konsensverfahren, an dem Experten aus al-

Vergleich zu Beobachtungsstudien mit mangel-

len relevanten Fachgesellschaften teilnehmen,

haftem Design.

wodurch die Majorisierung der Leitlinie durch einzelne ›Eminenzen‹ vermieden wird.

Im gleichen Jahr legte Ionnidis im renommierten Journal der US-amerikanischen Mediziner-

Mit der Zahl der Leitlinien und angesichts der zu-

organisation (JAMA) nach. Dieses Mal nahm er

nehmenden Deutungshoheit der Wissenschaft

die Crème de la Crème unter die Lupe, nämlich

wächst indes seit einiger Zeit auch ein gewis-

jene 49 Arbeiten, die zu den meistzitiertesten

ses Unbehagen in der Zunft der Wissenschaft-

und angesehendsten der Medizin in den zurück-

ler selbst. Zu beobachten ist eine sehr (selbst-)

liegenden 13 Jahren gehört hatten. In 45 Studien

kritische Auseinandersetzung mit der evidenz-

hatten die Autoren verkündet, effektive Thera-

basierten Medizin. Plötzlich schwirren Fragen

pien entdeckt zu haben. In 34 Fällen wurden die-

nach der Evidenz der Evidenzbasierung durch

se Schlussfolgerungen in weiteren Studien über-

den Diskurs, mahnen Autoren wie Seth J. Baum,

prüft – mit dem Ergebnis, dass 41 Prozent der

Florida, unlängst im Fachblatt Clinical Cardiolo-

getroffenen Aussagen nicht bestätigt werden

gy, dass Evidenz zwar Wissen liefere, aber kei-

konnten. Damit bestätigte Ionnidis, was zwar

nesfalls die absolute Wahrheit.

klar ist, aber immer wieder aus dem Blickwin-

Losgetreten hat diese Debatte der Epidemiologe

kel gerät: Wissenschaft entwickelt sich auf der

und Mathematiker John P.A. Ionnidis, der in Bos-

Grundlage ihrer Irrtümer und Fehlannahmen –

ton an der Tufts University und an der Universi-

mit entsprechenden Konsequenzen für die kli-

ty School of Medicine sowie an der Universität

nische Medizin.

in Ioannina (Griechenland) lehrt. Er veröffent-

Bei der Entwicklung von Leitlinien werden wi-

lichte 2005 eine Studie mit dem provozierenden

dersprüchliche Studienergebnisse zwar aufge-

Titel ›Warum die meisten veröffentlichten For-

arbeitet und bewertet – doch dies setzt voraus,

schungsergebnisse falsch sind‹. Mit Hilfe eines

dass positive und negative Befunde gleicherma-

mathematischen Modells hatte Ionnidis sehr zu-

ßen publiziert und damit für die Bewertung von

verlässig vorhergesagt, wie hoch der Anteil je-

diagnostischen und therapeutischen Verfahren

ner Studien in verschiedenen Medizinbereichen

verfügbar sind.

ist, die später widerlegt werden: 80 Prozent der

Dass dies erwiesenermaßen nicht der Fall ist,

nicht-randomisierten Studien, 25 Prozent der

schreckt die Science Community inzwischen

106 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

auf. Die Zeichen mehren sich, dass systemati-

die Forscher immer weiter von der komplexen

sche Fehler (›Bias‹) das Fundament der Wissen-

Wirklichkeit entfernen, innerhalb derer die For-

schaft schleichend unterminieren.

schungsergebnisse angewendet werden sollen.‹

In biomedizinischen Fächern sind aufgrund der

Während Sarewitz Experimente mit transgenen

Komplexität der Forschung statistische Verzer-

Mäusen als Beispiel für den wachsenden Ab-

rungen häufig. Sind diese zufällig und finden sie

stand zwischen biomedizinischer Wissenschaft

in alle Richtungen statt, gleichen sie sich im Lau-

und ihrem Anwendungsumfeld aufführt, be-

fe der Zeit aus, wenn die Zahl der Untersuchun-

leuchtet Seth J. Baum in seinem Kommentar die

gen steigt. Ebenso versuchen die Forscher, die

Aussagekraft kontrollierter klinischer Studien.

verschiedenen Formen des Bias bei der Analyse

Studien-Patienten werden nach strengen Ein-

der Studiendaten herauszufiltern.

und Ausschlusskriterien ausgewählt und re-

Diese Kontrollmechanismen versagen indes

präsentieren nicht die ›normalen‹ Patienten in

dort, wo es um die Auswahl und Veröffentli-

der Praxis. Darum gelten die Schlussfolgerun-

chung von Studienergebnissen geht. Positive Forschungsergebnisse werden häufiger publiziert als negative. Das belegen

GLAUBE DENEN, DIE DIE WAHRHEIT SUCHEN, UND ZWEIFLE AN DENEN, DIE SIE GEFUNDEN HABEN. André Gide

inzwischen

viele Untersuchungen. Die Folge: In den Fach-

gen aus solchen Untersuchungen korrekterwei-

journalen sind falschpositive Resultate syste-

se auch nur für Patienten mit dem Profil der Stu-

matisch überrepräsentiert.

dienpatienten. Hinzu kommt, dass die Aussagen

Zunächst machten die Wissenschaftler dafür

auf Durchschnittswerten basieren. In der EbM

Firmen verantwortlich, welche die Veröffentli-

leitet sich die Evidenz von Durchschnittswerten

chung unliebsamer Forschungsergebnisse ver-

einer Gruppe her, während der Arzt einen indi-

hindern, um die Zulassung ihrer Produkte nicht

viduellen Patienten behandelt.

zu gefährden. Strengere Richtlinien und die Of-

Kritiker wie Baum und Sarewitz setzen gleich-

fenlegung von Interessenskonflikten sollten die-

wohl auf die Fähigkeit der Wissenschaft zur

ses Problem lösen. Inzwischen ist jedoch klar:

Selbstkorrektur. Diese könne jedoch nicht nur

Das Problem sitzt tiefer, nämlich in der wissen-

auf dem Wettbewerb zwischen den Forschern

schaftlichen Kultur selbst, ›die den Bias in eine

beruhen, schreibt Sarewitz in seinem Warnruf.

bestimmte Richtung drängt‹, schreibt Daniel Sa-

Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur basiere viel-

rewitz von der Arizona State University Anfang

mehr auf den engen Beziehungen zwischen Wis-

Mai im Fachblatt Nature.

senschaft und Praxis, die es ermöglichen, feh-

Wissenschaft werde unter der Prämisse betrie-

lerhafte und nutzlose Resultate auszusortieren.

ben, dass Fortschritt grundsätzlich mit der ste-

Diese Selbstkorrektur der Wissenschaft hat be-

tigen Produktion von positiven Ergebnissen

reits begonnen, wie aktuelle Veröffentlichun-

gleichzusetzen sei, so Sarewitz. Daher fehle der

gen in renommierten Fachjournalen zeigen.

Anreiz, negative Ergebnisse zu veröffentlichen,

›Ist es Zeit für medizinbasierte Evidenz?‹, lau-

Experimente zu wiederholen oder Ungereimt-

tet etwa der Titel eines Editorials vor wenigen

heiten und Widersprüche deutlich zu machen.

Wochen im JAMA. Der Autor John Concato, kli-

Außerdem würde der Versuch, systematische

nischer Epidemiologe an der Yale University in

Fehler zu vermeiden, dazu führen, ›dass sich

New Haven, räumt ein, dass besonders rigide un-plaqued No 19 | 107


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Herangehensweisen der evidenzbasierten Me-

gehensweisen und nutzt dazu eine Vielzahl von

dizin in jüngster Zeit modifiziert worden wären.

Quellen, Verfahren und Methoden, um Ärz-

Gleichwohl habe man eine ganze Generation von

te und Patienten schnellstmöglich mit klinisch

Klinikern gelehrt, dass es möglich sei, mit Hilfe

relevanten neuen Erkenntnissen zu versorgen.

randomisierter Studien die Wahrheit (›truth‹)

Vorangetrieben wird diese Entwicklung in den

zu finden, während Beobachtungsstudien inhä-

USA von einem eigens gegründeten Institut,

rent fehlerhaft seien. Dabei sei, so Concato, die-

dem Patient-Centered Outcomes Research Ins-

se Hierarchisierung nicht angebracht. Oft hätten

titute (PCORI). Die evidenzbasierte Medizin er-

RCTs nur eine limitierte klinische Relevanz. ›Bei

weist sich somit im besten wissenschaftlichen

einer medizinbasierten Herangehensweise an

Sinn als offenes System, das aus Fehlern lernt.

die verfügbare Evidenz liegt der Schwerpunkt hingegen auf klinisch relevanten Aspekten und

›Selbst wenn uns die Vorstellung fasziniert‹,

Fragestellungen‹, schreibt Conato, ›und nicht

schreibt Seth Baum, ›dass wir mit evidenz-ba-

auf Hierarchien des Forschungsdesigns.‹

sierter Medizin in der Welt der Wahrheit leben,

Dass dieses Konzept sinnvoll ist, belegt das

ist die wirkliche Wahrheit doch die, dass wir we-

Journal gleich mit einer Serie von Arbeiten,

nig wissen und dies akzeptieren müssen. Wis-

bei denen Auswertung und Vergleich großer

senschaft ist nie zu Ende, es ist eine evolutionäre

Beobachtungsstudien klinisch relevante neue

Disziplin.‹ Verdichtet ist diese Einsicht in einem

Erkenntnisse lieferten. Und der Name für die-

Satz des französischen Schriftstellers und No-

sen neuen Ansatz wurde auch schon gefunden:

belpreisträger für Literatur André Gide: ›Glau-

›Comparative effectiveness research‹ (CER).

be denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle

Diese Forschung vergleicht verschiedene Vor-

an denen, die sie gefunden haben.‹ //

Baum, SJ. Evidence-Based Medicine: What's the Evidence? | Clinical Cardiology Vol. 35, Issue 5, pp. 259–260, May 2012

Ioannidis, JPA. Contradicted and Initially Stronger Effects in Highly Cited Clinical Research | JAMA. 2005; 294(2): 218–228

C  oncato, J. Is It Time for Medicine-Based Evidence? | JAMA. 2012; 307 (15): 1641–1643

Nocini, PF. EvidenceBased Dentistry in Oral Surgery: Could We Do Better? | The Open Dentistry Journal, 2010, 4, 77–83 Patsopoulos, NA; Analatos, AA; Ioannidis, JPA. Relative Citation Impact of Various Study Designs in the Health Sciences | JAMA. 2005; 293(19): 2362–2366

Friedman, DH: Lies, Damned Lies, and Medical Science | The Atlantic, Nov 2010

Ioannidis, JPA. Why most published research findings are false | PLoS Med 2: e124

108 | un-plaqued No 19

Robert, MG; Fontanarosa, PB. Comparative Effectiveness ResearchRelative Successes | JAMA. 2012; 307(15): 1643–1645 Sackett, DL et al. Evidence based medicine: what it is and what it isn't | BMJ 1996; 312: 71, Published 13 Jan 1996 Sarewitz, D. Beware the creeping cracks of bias | Nature 485, 149, Published 10 May 2012 Türp, JC; Antes, G. Evidenzbasierte Zahn­ medizin | Dtsch Zahnärztl Z 55 (2000) 6


RUBRIK / WAHRHEIT

Occlusionsprüfung mit der 2-Phasen Methode

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THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

WAS WÄRE, WENN ES ANDERS WÄRE... ? TEXT Gisel F. Rieforth

110 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Stellen Sie sich vor, Sie melden sich mit weiteren 499 Gästen verbindlich zu inhaltlich anspruchsvollen Veranstaltungen, Seminaren und Vorträgen an, betreten Ihren vermeintlichen Tagungsort und finden sich inmitten eines großen Bühnenbildes wieder. Ihre Verwunderung erlaubt es Ihnen nicht, den extra für Sie installierten, 10 Meter langen Schredderweg aus Holzspänen zur Anmeldung zu benutzen. Insgeheim vergewissern Sie sich, ob Sie tatsächlich auf der richtigen Veranstaltung sind. Oder vielleicht haben die vorherigen Veranstalter ihr Bühnenbild nicht rechtzeitig abgebaut?

Üblicherweise findet man auf derartigen Tagungen und Kongressen große Foyers mit weitläufigen Irrwegen vor, lange Tische mit gestärkten weißen Tischdecken, ordentlich gestapelte Kaffeetassen, vereinzelte Gruppen von TeilnehmernInnen und exzellent geputzte Fußböden. Was bitte aber hat ein Wasserverlauf mit Schwimmkerzen, ein lila Raum in Plüsch und Stoff oder ein Rollrasen zum Sitzen, im Oktober auf einer wissenschaftlichen Tagung zu suchen? Die 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) im Jahre 2005 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg richtete sich an PsychotherapeutInnen und ÄrztInnen. Das Thema der Tagung lautete: ›Triadisches Verstehen in sozialen Systemen – Gestaltung komplexer Wirklichkeiten‹. Unter der Leitung von PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Joseph Rieforth wurde ein Überblick über den aktuellen Stand systemischer Arbeiten in Wissenschaft und Praxis, sowie die neuesten Forschungsergebnisse aus den Arbeitsfeldern Therapie, Supervision, Mediation und Sozialarbeit, mit über 100 DozentInnen angeboten. Die Veranstalter hatten gute un-plaqued No 19 | 111


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

organisatorische und inhaltliche Arbeit geleis-

den fegen die verstreuten Holzspäne auf den

tet, für diese Tagung jedoch ließ sich das Olden-

Weg zurück, die Bewegungsfreudigen nutzen

burger Team ein kleines ›Extra‹ einfallen.

ihn zum Überspringen und andere genießen >schlicht-Weg< den königlich geführten Gang.

Stellen Sie sich vor, nach einer ersten stillen Beobachtung der anderen TeilnehmerInnen

Stellen Sie sich vor, Sie haben den Bewegungs-

stellen Sie fest, dass alles offensichtlich in ei-

hunger gestillt und sehnen sich nach einer ent-

nem geordnetem Rahmen abläuft. Sie erhalten

spannten Sitzmöglichkeit in Gesellschaft. Ein

Ihre Orientierung zurück, doch Ihre Neugierde

Hinweisschild verweist auf eine ›Sitztorte‹, die

ist geweckt. Sie erkennen das Thema des Kon-

sich dominant, rund und jungfräulich präsen-

gresses: Triaden, Triaden, Triaden.

tiert. Lassen Sie sich verführen und nehmen Sie

Die große Bewegung, vergleichbar einem Tanz-

in Ihrer Vorstellung auf der drei Meter großen

theater, beginnt. Es bilden sich Grüppchen am

Triaden-Torte Platz.

Wasserverlauf und Warteschlangen vor den

Beim näheren Hinsehen erkennen Sie, dass die

triadisch gestalteten Toilettenbereichen. Diese

triadische Teilung in 12 Tortenstücke schon voll-

bieten nebenbei die Möglichkeit, sich am stillen

zogen ist. Die einzelnen Stücke werden nach Be-

Örtchen auch ›intellektuell‹ mit Kritzeleien an

lieben ›verrückt‹: Nichts ist mehr so, wie es war.

den Wänden zu erleichtern. Einige entledigen

Sie finden einen Platz auf dem Randstück der

sich ihrer Schuhe, bevor sie die lila Plüschtria-

Torte – Rücken an Rücken mit vertrauten und

de betreten. Die TeilnehmerInnen interagierten

fremden Menschen, dem offenen Szenario der

mit der Raumgestaltung: Die Ordnungslieben-

Veranstaltung zugewandt. Vielleicht bevorzu-

112 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

gen Sie auch die zarte Tortenspitze als eine Ein-

wickeln, und Wissenschaft kreativ im Sinne der

ladung zu einem lustbetonten Sitzerlebnis. Wie

›Gestaltung komplexer Wirklichkeiten‹ voran-

dem auch sei, sie sind dabei. Plötzlich funktio-

zutreiben. Und warum sollte sich diese kom-

niert die große Choreographie – die Zuschauer

plexe Vernetzung nicht auch auf den Raum er-

entwickeln sich zu den Akteuren!

strecken, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse ausgetauscht werden?

Ist es wirklich angemessen, auf einer Veran-

Andere Weggestaltungen können die Inhalte

staltung mit hohem wissenschaftlichen Niveau,

von wissenschaftlichen Tagungen einbeziehen

eine Mischung aus Sicherheit und Kommunika-

und deren Kommunikation fördern. Die Aus-

tion stiftendes Inventar mit Genussversprechen

wahl unterschiedlich gestalteter Sitz- und Be-

zu installieren?

wegungsmöglichkeiten, wirkt vitalisierend und

Saßen wir nicht jahrelang auf unbeweglichen

bedient ein großes Spektrum individueller Be-

Stühlen und fest verankerten Bankreihen in

dürfnisse. Sowohl der angeregte Austausch als

Hörsälen und haben uns mit fortschreitender

auch die eigene Zentrierung, Erholung und Ver-

Sozialisierung an eine automatische Aufmerk-

arbeitung von neuen Eindrücken und Informati-

samkeits- und Ideenhemmung gewöhnt? Wa-

onen, findet auf diese Weise Raum.

rum sollte man im Rahmen wissenschaftlicher Veranstaltungen aus der gewohnten Konformi-

Die gemeinsam verbrachte Zeit, die unter-

tät heraustreten? Sollten wir etwa der ›natur-

schiedlichen Menschen als auch die theoreti-

bedingt‹ hoch kriechenden Trägheit den Kampf

schen und praktischen Seminare, Vorträge und

ansagen?

Arbeitsgruppen, kann man als einen besonders potentiellen Freiraum begreifen. Dieses Poten-

Warum nicht? Wir könnten den Austausch wis-

tial maximal zu nutzen und die Eindrücke hoch

senschaftlicher Themen als einen vielschichti-

motiviert zurück in die verschiedenen Arbeits-

gen kreativen Akt begreifen, bei dem Dozen-

und Lebensbereiche zu transportieren, wäre

tInnen, TeilnehmerInnen, OrganisatorInnen

ein Ziel erfolgreicher Veranstaltungen. //

und HelferInnen als ein komplexes System gewürdigt werden. Gerade in Zeiten, in denen

BUCHEMPFEHLUNG

wir vielfach vorgegebene Pfade zu gehen ha-

Triadisches Verstehen in sozialen Systemen; Rieforth,

ben, lohnt es neue Möglichkeitsräume zu ent-

Joseph (Hrg.); Carl-Auer-Verlag; 2006; S.253

un-plaqued No 19 | 113


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

WENN WISSEN SICH TEILT, WIRD MEHR DARAUS TEXT Frank Stratmann

Seit dem Jahr 2010 bin ich regelmäßig eingeladener Referent auf großen Kongressen der Gesundheitswirtschaft. Dabei gehe ich genauso regelmäßig einen Barter-Deal ein. Denn ich bekomme den Zugang zum Podium aufgrund meines Wissens und erhalte dafür Sichtbarkeit. Gut – und die Reisekosten.

A

m Rednerpult stehend spreche ich aus,

die eine Öffentlichkeit herstellen (Prof. Jeff Jar-

was ich für wahr halte. Auf Basis meiner

vis: What would Google do?). Ich möchte Ihnen

Erfahrungen und meiner durch mich

in diesem Zusammenhang zwei Veranstaltun-

verarbeiteten Informationen entstand – ir-

gen vorstellen, die in 2012 wie eine neue Wahr-

gendwann einmal und entsteht fortwährend –

heit klingen, wenn es um den Transfer von Wis-

Wissen, um in meinem Fachgebiet zu bestehen.

sen in der Gesundheitswirtschaft geht. Es geht

Darüber darf ich dann reden und mich mittei-

um die Erkenntnis, dass Wissen wächst, wenn

len. Das Publikum konsumiert das Gesagte,

das Milieu nicht wie gewohnt dem Sender-Emp-

empfängt mein Wissen als Information und

fänger-Prinzip folgt, also mehr oder weniger

zieht daraus folgend subjektive Schlüsse. Was

frontal passiert.

damit im Anschluss passiert, bleibt im Verbor-

Im Gegensatz dazu basieren beide Konzepte

genen. Leider.

auf der Idee, dass, wenn sich Wissende treffen,

Sichtbar im Sinne des gestreuten Themas war

um ihr Wissen zu teilen, sich daraus neues Wis-

und bleibe nur ich und meine Präsentation.

sen akkumuliert. Diese Akkumulation von Wis-

In der Finanzwirtschaft ist die These der Ent-

sen entsteht durch Vernetzung. Ähnlich arbei-

stofflichung eine Mär. Beim Wissenstransfer

tet ein gesundes Gehirn. Je mehr drin ist, desto

allerdings nicht. Während mit faulen Kredi-

mehr passt rein. Diese Tatsache ist nicht nur

ten haptische Gärten angelegt und Häuser ge-

eine subjektive Empfindung, sondern eine wis-

baut wurden, bezahlt man beim Wissenstausch

senschaftliche Wahrheit.

künftig eher für die Rahmenbedingungen, in denen sich Wissen teilt. Weniger für die Tat-

Kreativkonferenz Klinikmarketing - Kn

sache, dass jemand Wissen hortet und es nur

Für strategische Marketingkommunikation in

häppchenweise gegen Cash verteilt. Je größer

Kliniken gibt es keine Altvorderen. Überlie-

der Cash, desto größer der Happen?

fertes Wissen gibt es nicht. Woher die theoretischen Grundlagen kommen könnten und wo

In Zukunft wird sich die Macht von denen, die

welche Ansätze bereits erfolgreich sind, wur-

Geheimnisse haben, hin zu denen verschieben,

de Ende Mai in Berlin diskutiert. Dies geschah

114 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

einerseits vor dem Hintergrund sich entwi-

Medicamp 2012 für die Gesundheitswirtschaft

ckelnder Technologien und andererseits durch

Jetzt kündigt sich das erste Barcamp für die Ge-

die nicht aufhaltbaren gesamtgesellschaftli-

sundheitswirtschaft an. Seit 2005 gibt es die

chen Veränderungsprozesse.

Idee der Barcamps und schon 2006 fand das Erste in Berlin statt. Das Format einer Unkonferenz

In drei unterschiedlichen Know-

löst bekannte Konferenzstruktu-

ledge-Cafés wurde im Rahmen

ren auf, in dem die Teilnehmer

der Konferenz unter gleichbe-

das Programm selbst bestimmen.

rechtigter Teilhabe der Teil-

Die eigens für das Barcamp ein-

nehmer gearbeitet, Wissen zu-

gerichtete Online-Community

sammengetragen, diskutiert, am folgenden

medizincamp.de, spielt eine große Rolle beim

Tag vertieft und neu arrangiert wieder mitge-

Gelingen der Veranstaltung. Es gibt im eigentli-

nommen. Machen Sie sich selbst ein Bild auf  

chen Sinne keinen Veranstalter, Gastgeber und

khochn.de, wo ein Online Forum die Kreativkon-

Zuhörer sind ebenso unüblich. Hier heißen sie

ferenz über die eigentliche Veranstaltung hin-

Mitwirkende.

aus verlängert.

JE MEHR DRIN IST, DESTO MEHR PASST REIN.

un-plaqued No 19 | 115


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Die Vermarktung des Events gelingt über virale Marketingeffekte via Internet. Das Medicamp findet im Herbst 2012 statt und jeder, der Lust hat, darf sich jetzt schon beteiligen. Jeder ist eingeladen. Auf Facebook findet man die entsprechende Fanpage zum Medicamp 2012. So unterschiedlich die Branche, so unterschiedlich sind die Menschen, die die Themen eines Barcamps gestalten. Der Fokus der diesjährigen Veranstaltung dreht sich um die wirtschaftlichen Entwicklungen im Gesundheitsmarkt und um

facebook.com/ medizincamp

die allgemeinen Herausforderungen im Gesundheitswesen. Rezepte erwartet niemand. Nur Wissen, das sich ohne Bedingung teilen darf, um in jedem einzelnen Teilnehmer zu überleben und zu wachsen. Die Zeit scheint reif. In einer Branche, in der sich, wie in keinem anderen Wirtschaftszweig, ein asymmetrisches Wissensverhältnis manifestiert, benötigen wir neue Wahrheiten. Das erzeugt Kreativität, um die Rahmenbedingungen für Gesundheit im Sinne der Menschen zu verbessern. //

praxis2null.de

DIE MACHT WIRD SICH ZU DENEN VERSCHIEBEN, DIE EINE ÖFFENTLICHKEIT HERSTELLEN 116 | un-plaqued No 19


KEIN MAINSTREAM. NUR STREAM. www.radio-vru.de un-plaqued No 19 | 117


PER ASPERA AD ASTRA TEXT Ingmar Dobberstein

Fachkongresse, Messen und Fortbildungen für ZahnärzteInnen sind mittlerweile an jedem Wochenende im Jahr verfügbar. Üblicherweise werden diese durch eine mehr oder minder große Dentalausstellung begleitet, die über die neuesten Produkte auf dem Dentalmarkt informiert. Der implantologische Sektor ist dabei einer der am häufigsten vertretene Schwerpunkt der Zahnmedizin, nicht zuletzt weil die Fortschritte der letzten Jahrzehnte einem Quantensprung gleichkommen, der sonst gerade mal durch die CAD/CAM-Technik erreicht wird.

D

och was kann und soll man erwarten, wenn eine

toph Hämmerle, Lyndon Cooper so-

einzige Firma zu ihrem internationalen Weltkon-

wie Clark Stanford. Sehr schnell

gress einlädt? Kann man auf ein umfangreiches

wurde klar, was den roten Faden der

und vielseitiges Programm hoffen oder wird man mit mo-

Veranstaltung bestimmen sollte: Für

notoner Eigenwerbung konfrontiert? un-plaqued folgte

eine langfristige und erfolgsverspre-

der Einladung von Astra Tech ins schwedische Göteborg,

chende Implantation sollte der Pla-

um auf dem ATWC (Astra Tech World Congress) im Mai

nungsphase mindestens die gleiche

2012 heraus zu finden, wie eine der führenden Firmen in

Aufmerksamkeit geschenkt werden

der Implantologie ihr wissenschaftliches und technisches

wie dem eigentlich chirurgischen

Gesamtkonzept vor mehr als 3.000 internationalen Teil-

Handwerk. So war es kaum verwun-

nehmern präsentiert.

derlich, dass ein besonderer Fokus auf Planungssoftware wie Facilita-

Nach New York 2006 und Washington 2008 versprach der

te™ oder auf die patientenindivi-

nunmehr dritte Weltkongress von Astra Tech im Geburts-

duellen und Implantatsystem unab-

land der Osseointegration auch vor dem Hintergrund des

hängigen CAD/CAM-Abutments von

Zusammenschlusses des Unternehmens mit DENTSPLY Fri-

Atlantis™ gelegt wurde, die eine

adent, ein besonderes Ereignis zu werden. Mehr als 150 in-

Versorgung mit den technisch aus-

ternationale Referenten gestalteten das viertägige Pro-

gereiften Astra Tech Implantaten

gramm, darunter so renommierte Wissenschaftler wie

prä- und postimplantologisch ver-

die Professoren Tomas Albrektsson, Jan Lindhe, Chris-

vollständigen.

118 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Der Pre-Congress

gende Lebensqualität der Menschen.

Dass neben technischen und prozessorientierten Neu-

In diesem Zusammenhang wurde die

erungen ein kritischer Erfahrungsabgleich der behan-

ORIS Studie und deren Ergebnisse

delnden Implantologen im Fokus stand, machte bereits

vorgestellt, bei der Patienten mit im-

der Pre-Congress am Mittwoch deutlich. Hier wurde den

plantatgetragener partieller Prothe-

einzelnen Regionen und Ländern die Möglichkeit zum

se denen mit Totalprothese gegen-

moderierten Erfahrungsaustausch geboten. Dieser dien-

übergestellt wurden. Während die

te zum einen dazu, den unterschiedlichen Vorlieben in

Studie zwar leichte Unterschiede in

der Implantatversorgung, die trotz internationaler Stu-

der Akzeptanz des neuen Zahnersat-

dien und einer gewissen Einheitlichkeit der Wissenschaft

zes beider Gruppen feststellte, und

existieren, Rechnung zu tragen. Hier wären zum Beispiel

die subjektiven Zufriedenheitswerte

die Zementierung oder Verschraubung des definitiven

in der Gruppe mit Implantat getra-

Zahnersatzes, die Verwendung von Kurzimplantaten, der

gener Prothese etwas höher waren,

Zeitpunkt der Belastbarkeit als auch die generelle Art

stellte die Studie keine nennenswer-

der prothetischen Versorgung zu nennen. Zum anderen

ten Unterschiede in Bezug auf die ei-

führten die Country Sessions dazu, dass sich die interna-

gentliche Lebensqualität der Patien-

tionalen Teilnehmer einer Region spezifisch miteinander

ten bei beiden Versorgungsformen

vernetzen konnten, um den Erfahrungsaustausch im eige-

fest. Auch wenn die subjektiv emp-

nen Land fortsetzen zu können. Mein Interesse erweckte

fundene Mundgesundheit bei Im-

die Nordic Session, die vom Gastgeberland Schweden so-

plantatpatienten höher war als bei

wie den anderen skandinavischen Ländern durchgeführt

denen mit Totalprothese, wurde

wurde. Neben einer Live-OP mit anschließender Diskus-

man in der Diskussion darüber einig,

sion, konzentrierte sich diese Veranstaltung vor allem auf

dass Lebensqualität (Qualitiy of Life,

die mit Gesundheit und Mundgesundheit zusammenhän-

QOL) eine überdimensional komplexe

un-plaqued No 19 | 119


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Empfindung der menschlichen Psyche ist, die kaum ausschließlich mit der Versorgung mit oder ohne Implantaten in Zusammenhang gebracht werden kann. Weit deutlicher waren die Steigerungsraten der Lebensqualität bei Tumorpatienten, die nach Sektion und Bestrahlung mit implantatgetragenem Zahnersatz versorgt wurden. Hier wurde neben grundsätzlichen ethischen Fragen der chirurgischen

going back to the roots‹ den Veränderungen in der im-

Maximalversorgung vs. eines men-

plantologischen Versorgung. So sei es auffällig, dass zwar

schenwürdigen Lebensabends vor

immer weniger komplett zahnlose Patienten existierten,

allem diskutiert, welche unterschied-

diese allerdings meist wesentlich schwierigere Ausgangs-

liche Bedeutung Lebensqualität je

situationen aufwiesen. Auch sei der Anspruch an die Im-

nach Schwierigkeit des Krankheits-

plantologie aufgrund immer jünger werdender Patienten

bildes haben kann. Einigkeit bestand

deutlich gestiegen – an die Haltbarkeit und Lebensdau-

bei allen Diskussionen darüber, dass

er von Implantaten aber auch ihre Ästhetik. Erschwerend

Tumorpatienten von Anfang an inter-

komme hinzu, dass aufgrund der besseren medizinischen

disziplinär und damit auch zahnme-

Versorgung, heutzutage andere Co-Faktoren wie neue

dizinisch kontrolliert versorgt wer-

Medikamente und komplexere Vorerkrankungen zu be-

den müssen. Wenn ein Patient die

rücksichtigen seien, so Lyndon Cooper bei seinem Eröff-

Tumordiagnose erhält, hat er zumeist

nungsvortrag. Zudem würdigte er die Fortschritte, die in

andere Sorgen als die Zähne, die al-

der Technik und vor allem in Hinblick auf die ästhetischen

lerdings während der Tumortherapie

Bedürfnisse der Patienten gemacht werden können.

sehr stark und vorhersehbar in Mitleidenschaft gezogen werden. Leider

Dass der ATWC 2012 mehr als nur ein üblicher großer Kon-

ist hier laut Aussage der skandinavi-

gress war, wurde besonders durch die Interaktion mit dem

schen Vertreter auch in Ländern wie

Publikum während der Main Sessions deutlich. So wurde

Schweden und Dänemark, ebenso

zum Beispiel ein komplexer Behandlungsfall grundsätz-

wie in Deutschland noch viel Arbeit

lich unter der Voraussetzung dargestellt, dass mehre-

in der Kommunikation und dem Aus-

re Ärzte verschiedene Behandlungsstrategien verfolgen

bau der Zusammenarbeit zwischen

können, ohne dass diese sich gegenseitig ausschließen.

entsprechenden Tumorzentren und

Nach der Vorstellung des Behandlungsfalls durch einen

zahnmedizinischen Versorgungszen-

Referenten sowie der drei ausgewählten Therapieansätze,

tren zu leisten.

konnte das Publikum mittels ausgeteiltem Abstimmgerät seinen bevorzugten Weg in einer ›Live-Evaluation‹ wäh-

Die Main-Sessions

len, welcher sofort in Geschlecht, Behandlungserfahrung

Die Main-Sessions, die jeden Kon-

und Spezialisierung aufgeschlüsselt an die Wand proji-

gresstag für alle Teilnehmer im

ziert wurde. Im Anschluss fanden ausführliche Statements

Hauptsaal eröffneten und beende-

durch Kliniker für die jeweiligen Behandlungsstrategien

ten, widmeten sich unter dem Kon-

statt, die wiederum durch ein fünfköpfiges Expertenteam

gressthema ›Creating the future by

ausführlich diskutiert wurden.

120 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Eine weitere ›Live-Evaluation‹ zum

schäftigen sollten, wie sich eine Milliarde Menschen die-

Ende der Veranstaltung zeigte, in-

ser westlichen Kultur (Europa, USA) in Zukunft im Umfeld

wieweit das Publikum nach der Dis-

von fünf Milliarden Asiaten und zwei Milliarden Afrika-

kussion der Vor- und Nachteile eine

nern integrieren werden. Denn es sei unaufhaltbar, dass

andere Therapiestrategie wählen

alle Länder auf das Niveau der USA und Europas aufho-

würde. Ergänzt wurde diese für mich

len würden, besonders wenn man die wirtschaftlichen

sehr neue und beispielhafte Integra-

Wachstumszahlen vergleicht (Europa 0,3 % vs. Afrika 5

tion eines Publikums von knapp 3.000

%). Allein die Globalisierung bewirke, dass sich heutzu-

Kollegen, durch die Möglichkeit, via

tage kein einzelnes Land mehr vom Feld aller Länder ab-

einer Smartphone-App auch Fragen

setzen könne. Ob ein Zusammenwachsen der Welt seitens

an die Referenten zu stellen, die die-

der westlichen Kultur überhaupt gewünscht sei, war da-

se dann nach eigenen Ermessen in ih-

bei eine der Kernfragen seines Vortrages. Denn aus der

ren Vortrag einbauten.

Statistik sei die Beobachtung ableitbar, dass die westliche Welt nicht in der Lage sei, wirklich abzugeben.

Gapminder.org

Stattdessen sei die technologische Abstufung das Mit-

Dass die Schweden nicht nur in der

tel der westlichen Welt, einen einheitlichen Wohlstand

Implantologie einen grundsätz-

möglichst lange hinaus zu zögern. Das könne man am Bei-

lich ganzheitlichen Ansatz verfol-

spiel von Autokonzernen, die in den einzelnen Weltregi-

gen, wurde auch in der Inspiratio-

onen unterschiedliche Automarken einsetzen, beobach-

nal Speech von Prof. Hans Rosling

ten. Ein weiterer Beweis dafür sei seiner Meinung nach

vom Karolinska Institut in Stockholm

das Zerklüften der westlichen Kultur selbst, in deren Län-

deutlich. Als einer der Entwickler

dern trotz übermäßigen Wohlstands eine weiteres Ausei-

der Weltstatistik auf gapminder.org

nanderdriften in arme und reiche Gesellschaftsschichten

referierte er über die Entwicklung

zu beobachten sei, obwohl es dafür keinerlei Notwendig-

der Bevölkerungsstruktur der Län-

keiten gäbe. In diesem Zusammenhang stellte er die im-

der dieser Erde seit 1800 bis in die

mer noch stattfindende Entwicklungshilfe seitens westli-

nahe Zukunft. Mithilfe der dynami-

cher Länder für China genauso in Frage wie den Nutzen

schen Statistik der offenen Plattform

der Ländergrenzen in einer globalisierten Welt. Gapmin-

gapminder.org wird deutlich, wie

der.org beweist laut Rosling, dass sich zuerst immer die

schnell die Welt zusammenwächst

Human Ressources entwickeln, aus denen im Anschluss

und die Unterschiede zwischen west-

ein Wirtschafts- und Technologiewachstum hervorgehe.

licher Kultur und den Entwicklungsländern aller Kontinente immer kleiner werden. Dabei werde allerdings auch deutlich, dass die Unterschiede heutzutage kaum noch in Lebenserwartung und Kinderzahl zu finden seien, als vielmehr im Einkommen der Menschen. Rosling schloss dabei nicht aus, dass diese Unterschiede vor allem durch die Steuerung der globalen Entwicklung durch die westlichen Länder der nördlichen Hemisphäre aufrecht erhalten würden, die sich schon heute mit der Frage beun-plaqued No 19 | 121


Die beste Erfindung sei seiner Meinung nach diejenige, die

lich. Auf dem Kongress wurden fast

so günstig ist, dass alle Menschen sie sich leisten könnten,

eine halbe Million Schwedische Kro-

was aber wenig im Interesse marktwirtschaftlich ausge-

nen durch die Teilnehmer gespendet.

richteter Firmen sein dürfte. Dass diese Denkweise wei-

Die gleiche Menge Geld wird zusätz-

terhin verbreitet in der westlichen Kultur sei, führt Ros-

lich von Astra Tech gestiftet, womit

ling dabei auf die Dominanz der Babyboomer-Generation

auch hier auf eines der dringlichsten

der 50er und 60er Jahre zurück, die - heute fest im Sattel

Probleme der Zukunft aufmerksam

sitzend - offenbar so stark in ihrem Systemdenken kon-

gemacht wurde.

kurrierender Länder und politischer Systeme verankert

Ohne Übertreibung kann ich sagen,

seien, dass ein echtes Zusammenwachsen der Menschen

dass dieser Astra Tech World Con-

erst durch nachfolgende Generationen verwirklicht wer-

gress zu den beeindruckendsten

den könne.

Großveranstaltungen in den letzten 15 Jahren Zahnmedizin meines Le-

›Water for Life‹

bens gehörte. Ich danke den Mühen

Das Zusammenwachsen der internationalen Teilnehmer

der Menschen, die diesen Weg zu

des ATWC wurde in Göteborg auch durch die zwei wun-

Astra (Tech) möglich gemacht haben.

derbaren Abendveranstaltungen realisiert. Während alle

//

Teilnehmer am Donnerstag in die Göteborger Oper zu einem ›Abend der offenen Tür‹ eingeladen wurden und dabei hinter alle Kulissen schauen konnten, fand am Frei-

Mehr Info´s zum ATWC 2012, Videos und

tagabend die Abschlussgala statt, die alles bisher Gesehe-

Abstracts findet Ihr unter:

ne verblassen ließ. Im Scandinavium Stadion wurden die über 2.500 Gäste mit einem tollen Vier-Gänge-Menü verköstigt und dabei durch eine Show unterhalten, die auf

gapminder.org

vier Bühnen mit Sängern, Akrobaten, einem Kinderchor und den schönsten skandinavischen Klängen, dem Rhythmus der Jahreszeiten und des Lebens huldigte. Beeindruckend wäre zu wenig gesagt, denn vielmehr ist

wateraid.org

es den schwedischen Organisatoren von Astra Tech gelungen, Begeisterung für die Implantologie, ihr Land, als auch für eine menschlich gerechte Welt zu verbreiten. Letzteres wurde nicht zuletzt durch die Spendenaktion ›Water for Life‹ an die WaterAid Stiftung, die Trinkwasserprojekte in den ärmsten Ländern dieser Welt unterstützt, deut122 | un-plaqued No 19

astratechworld congress.com


whdentalcampus.com The platform for students

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THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

THE BIGGER THE BETTER?! TEXT Dr. Hans Christian Lux ‧ FOTO AMFORT/Christian Lendl

E

uroperio 7 – die Tagung der European

rückläufige Teilnehmerzahlen aufweisen. Die

Federation of Periodontology (EFP) fand

DGP zog für 2012 die richtige Konsequenz und

vom 6. bis 9. Juni 2012 in Wien statt. Eine

hält keine Jahrestagung ab.

Mammutveranstaltung, 125 Sessions mit unzähligen Referenten und noch mehr wissen-

Wie war es in Wien? Dem Ziel, alle wichtigen As-

schaftlichen Postern. Zusätzlich konnten sich

pekte der aktuellen parodontalen und implan-

die über 7.900 Teilnehmer bei 113 Industrieaus-

tologischen Therapie im wissenschaftlichen

stellern über neueste Produkte informieren.

Programm abzubilden, wurde man gerecht.

Drei Jahre nach der letzten Europerio 6 in Stock-

Zudem gab es unter den Vorträgen erstaunlich

holm war es Zeit für die turnusmäßige Zusam-

wenige Überschneidungen und die Referenten

menkunft aller europäischen Fachgesellschaf-

waren weitestgehend erstklassig, fachlich auf

ten für Parodontologie. Allein die Seltenheit

den Punkt und immer im Zeitrahmen. Die The-

der Tagung und der Anspruch, die Parodonto-

mengebiete waren vielseitig und eine gute Mi-

logie Europas zu repräsentieren, versprachen

schung aus Wissenschaft und Praxis; die At-

eine gewisse Exklusivität. Doch bürgt eine der-

mosphäre war mit Kollegen aus dem Mittleren

artige Großveranstaltung gleichzeitig auch für

Osten, den USA, Südamerika und Asien erfreu-

Qualität?

lich international. Auch die Referenten erfüll-

Schon oft haben insbesondere die Großver-

ten hohe Standards. Zum Beispiel wurden in

anstaltungen enttäuscht. Der Zahnärztetag in

fast allen Vorträgen ggf. beteiligte Sponsoren

Frankfurt 2011 zeigte zum Beispiel eine Hoch-

einer Forschungsarbeit oder Studie zu Anfang

glanz-Industrieshow, aber ein nur durch-

der Präsentation aufgeführt und somit eine

schnittliches wissenschaftliches Programm.

große Transparenz geschaffen.

Auch auf anderen Jahrestagungen in Deutsch-

Sei es aufgrund der vielseitigen Einflüsse und

land klopft sich die Familie der Altvorderen

Diversität der Referenten, oder weil in den drei

gerne selbst auf die Schultern ohne wirkliche

Jahren zwischen den Tagungen viel Neues pas-

Innovationen zu präsentieren. Masse statt Qua-

siert ist: Im Gegensatz zu den letzten Großkon-

lität. Dies mag unter anderem ein Grund da-

gressen der deutschen Dachgesellschaften,

für sein, dass die Jahrestagungen der verschie-

präsentierte sich die Europerio 7 trotz ihrer

denen Fachgesellschaften stagnierende oder

Größe als Tagung mit erstklassiger Qualität. //

124 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Einen großen Fokus im Rahmen der Europerio 7 nahm die intensive Diskussion um Entzündungen an dentalen Implantaten ein. Neben neuen Konsenszahlen zur Häufigkeit der Periimplantitis, wurde vor allem resümiert, dass der präventiven Pflege von Zahnimplantaten eine hohe Bedeutung zukommen muss. Das Aktionsbündnis gegen Periimplantitis (gegen-periimplantitis. de) stellte in Wien unter dem Titel ›Implantate brauchen Pflege‹ die erste spezielle Infobroschüre für Patienten vor, die zur häuslichen, täglichen Mund- und Implantatpflege motivieren soll. Im Bereich der professionellen Reinigung von Implantatoberflächen, zeigte insbesondere die Vorstellung einer randomisierten und kontrollierten Fallstudie von Prof. Dr. Thomas Flemmig (Seattle), dass durch den Einsatz von Glycin-Pulver und der speziellen AIRFLOW PERIO Technologie (EMS) auch Implantate regelmäßig, effizient und ohne Veränderungen der Titanoberflächen vom Biofilm befreit werden können.

un-plaqued No 19 | 125


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

IMPLANTATE BRAUCHEN PFLEGE

on

off

TEXT Kristin Jahn

Nahezu jede implantologische Fachgesellschaft, Fortbildung oder Fachzeitschrift thema­ tisiert Periimplantitis als eine Begleiterscheinung der Implantologie. Auch auf der Europerio 7, der weltgrößten parodontologischen Konferenz in Wien, widmeten sich vom 6. - 9. Juni 2012 viele wissenschaftliche Vorträge diesem Thema. Die Prävention der Periimplantitis entwickelt sich zu einer der größten Herausforderungen der Implantologie.

D

ie Verbreitung der periimplantären Mu-

ge Prophylaxe scheint bislang die beste Prä-

kositis ist mit über 50 Prozent, die der

vention für beide Erkrankungen zu sein.

Periimplantitis mit zwölf bis 40 Prozent

angegeben1. Periimplantitis ist eine irreversib-

Aktionsbündnis thematisiert Entzündun-

le Entzündung im Gewebeumfeld eines in Funk-

gen an Implantaten

tion befindlichen osseointegrierten Implanta-

Mit der Gründung des Aktionsbündnisses gegen

tes, die zur Rückbildung des Kieferknochens

Periimplantitis im Herbst 2011 ist die erste inter-

führt. Als Folge liegt das Implantat frei und

disziplinäre Initiative entstanden, die sich aus-

muss mittelfristig zumeist entfernt werden.

drücklich der Information und Aufklärung über

Für die Prävention und Therapie der periim-

die Gesunderhaltung von Implantaten wid-

plantären Mukositits, der reversiblen Vorstufe

met. In diesem Bündnis setzen sich Unterneh-

der Periimplantitis, stehen mittlerweile ver-

men aus den Bereichen der Implantologie und

schiedene gut funktionierende Behandlungs-

Dentalprophylaxe, führende Fachverlage und

ansätze zur Verfügung. Ein wissenschaftlicher

Wissenschaftler für die Prävention der Periim-

Konsens über die Prävention und Therapie der

plantitis ein. Das Bündnis macht durch eine ge-

Periimplantitis steht noch aus. Eine engmaschi-

zielte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und den

126 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Aufbau langfristiger Kooperationen auf die Präventi-

1

on und Verbreitung periimplantärer Entzündungen auf-

Consensus report of the Sixth European

merksam. Die Arbeitsgruppe gesundes Implantat, der Pa-

Workshop on Periodontology, Group D. J

tientenkanal des Aktionsbündnisses, informiert über die

Clin Periodontol 2008; 35 (8 Suppl): 282-285

Lindhe J, Meyle J: Peri-implant diseases:

Notwendigkeit der richtigen Pflege von Implantaten. Das Ziel dieser Arbeit sind gesunde Implantate, die ästhetisch und funktionell allen Anforderungen gerecht werden. Neue Patienteninformation – Implantate brauchen Pflege Mit der Broschüre Implantate brauchen Pflege der Arbeitsgruppe gesundes Implantat erhalten Patienten neutrale Informationen über die Notwendigkeit der Pflege von Implantaten. Das Heft erklärt auf acht leicht verständlichen Seiten im DIN-A5 Format die Bedeutung einer optimalen Mundhygiene für die Langlebigkeit von Implantaten. Die Arbeitsgruppe gesundes Implantat präsentierte die Bro-

KONTAKT

schüre Implantate brauchen Pflege erstmals während der

Aktionsbündnis gegen Periimplantitis

Europerio 7 in Wien in Deutsch und Englisch, wo sie an den

c/o DentaMedica GmbH

Messeständen von EMS Electro Medical Systems und Gla-

Harkortstr. 7

xoSmithKline zur Mitnahme auslag und hohen Zuspruch

04107 Leipzig

bei den Messebesuchern fand. Interessierte Zahnmedizi-

Fon: +49 (0) 341 – 99 99 76 -43

ner können die Broschüre unter gegen-periimplantitis.de

info@gegen-periimplantitis.de

für ihre Praxis bestellen. Neue Studie zur Prävention der Periimplantitis Die Arbeitsgruppe gesundes Implantat unterstützt eine neue wegweisende Mulitzenterstudie zur Prophylaxe periimplantärer Erkrankungen, die PD Dr. Dirk Ziebolz (Universitätszahnmedizin Göttingen), Sylvia Fresmann

gegen-periimplantitis.de

(1. Vorsitzende der DGDH) und Prof. Dr. Johannes Einwag (Direktor des ZFZ Stuttgart) gemeinsam konzipiert haben. Etwa 200 Probanden werden in vier Gruppen mit verschiedenen Prophylaxemaßnahmen eingeteilt, um herauszufinden, ob ein Präventionsansatz dem anderen überlegen ist. Die Betreuung der Probanden und die Datenerhebung gewährleisten in erster Linie Dentalhygienikerinnen. Die Studie ist auf drei Jahre angelegt. Mehr Informationen zu den aktuellen Projekten des Aktionsbündnisses und der Arbeitsgruppe gibt es im Internet unter gegen-periimplantitis.de.

un-plaqued No 19 | 127


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

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SIEBEN WAHRHEITEN ÜBER QUALITÄTSMANAGEMENT TEXT Sascha Kötter

Die Befürworter des Qualitätsmanagements (QM) sind zahlreich. Die Gegner ebenso. Neben der gesetzlichen Verpflichtung durch den Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) wird häufig über Sinn und Unsinn eines QM im ambulanten Praxiswesen diskutiert. Hier zur Abwechslung ein paar Wahrheiten zum QM in der Zahnarztpraxis. 128 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

Die Ausgangssituation Mediziner und Zahnärzte sind mal wieder gezwungen etwas umzusetzen, das einen abstrakten Namen trägt: Qualität managen? Als Krönung werden in naher Zukunft Prüfer bei Ihnen erscheinen, die genau kontrollieren, ob Sie das auch können, Qualität managen. Befürchtungen drängen sich auf, es könnte jemand kommen, der die Qualität Ihrer zahnärztlichen Arbeit überprüft.

1. Es ist nicht Aufgabe des QM, Ihre Behandler-Qualitäten zu bewerten. Vielmehr sollte QM in erster Linie als Rahmenwerk für eine gesamtheitliche Praxisausrichtung verstanden werden. Diese Ausrichtung hat letztendlich immer ein Ziel: die Verbesserung. Aber kann QM in Wahrheit zu Verbesserungen in der zahnmedizinischen Praxis führen und wenn ja, für wen? Um dies zu beantworten, müssen zwei häufig vermischte Begriffe näher betrachtet werden: Effektivität und Effizienz. Stellen wir einige Aussagen der QM-Befürworter auf die Probe: ›QM setzt Potentiale in punkto Effektivität und Effizienz frei.‹ Dabei bedeutet Effektivität ›das Richtige zu tun‹ (Ziele festlegen und diese erreichen) und Effizienz ›etwas richtig zu tun‹ (Aufwand-Nutzen Relation). Anders formuliert: Effektives Handeln beschreibt ›was‹ getan wird, effizientes Handeln beschreibt ›wie‹ etwas getan wird. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden diese Begriffe fälschlicherweise häufig als Synonyme verwendet. Es ist beispielsweise effektiv, eine brennende Kerze mit einer Magnumflasche Moët & Chandon zu löschen. In aller Regel ist die Kerze danach aus, das Ziel wurde erreicht. Effizientes Handeln sieht allerdings anders aus. Nehmen wir als Ausgangspunkt der Unterscheidung von ›Effektivität‹ und ›Effizienz‹ ein sehr verbreitetes QMNormwerk, die ISO 9001. Bei genauer Betrachtung wird man in der ISO-Norm viele Inhalte zu dem Thema finden, ›Was‹ (Effektivität) getan werden soll. Allen QM-Methoden ist dabei ein patientenfokussiertes Handeln gemein, was gleichzeitig die Frage nach dem größten Nutznießer der QM initiierten Verbesserungen beantwortet: Es geht um die Patientensicherheit. un-plaqued No 19 | 129


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

2. Die Ebene der Effektivität wird vom QM ausführlich bedient. Inhalte zur Effizienz, also ›Wie‹ etwas getan werden sollte, sind in dem QM Normwerk allerdings kaum zu finden. Zwar wird ein prozessorientierter Ansatz gefordert, der jedoch im ersten Schritt lediglich festlegt, ›wie‹ der Dokumentationsstandard auszusehen hat. Auch fordern die meisten QM-Ansätze eine Prozessverbesserung bzw. Methoden, die diese anschieben. Wie konkret man allerdings ›besser‹ wird, bzw. was ›besser‹ überhaupt bedeutet, lässt das Qualitätsmanagement offen.

3. Die Ebene der Effizienz wird vom QM nur oberflächlich bedient. Die Wirklichkeit in der Praxis zeigt generell zwei verschiedene Herangehensweisen an das QM. Die Einen begnügen sich damit, die Mindestanforderungen zu erfüllen, teilweise sogar weniger. Damit bedient man vor allem die eingangs beschriebene Idee eines regulatorischen Kontrollinstruments. Verständlicherweise ist bei dieser Einstellung niemand bereit, viel Geld oder Zeit in das Projekt Qualitätsmanagement zu investieren. Dementsprechend befüllen diese Behandler lediglich die Freitextfelder eines beliebiges QM-Handbuchs. Jedem dürfte klar sein, das dieser Weg zwar kostengünstig ist, aber natürlich nur minimale Potentiale freisetzt. Sofern sie vor dem Erwerb des Handbuchs ineffiziente Prozesse hatten, haben Sie diese auch danach. Dem QM ist das weitestgehend egal. Das zweite Lager bilden diejenigen Behandler, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Sie sehen Potentiale in der Installation eines QM in Ihrer Praxis, haben Seminare mit blumigen Namen wie ›Gelebtes QM‹ oder ähnliches besucht und obige Aussage ›QM setzt Potentiale in punkto Effektivität und Effizienz frei‹ geglaubt. Voller Tatendrang haben sie über Wochen und Monate die praxisinternen Prozesse bis ins kleinste Detail erfasst und ihr individuelles QM aufgesetzt, eventuell sogar zertifizieren lassen. Nicht selten sind diese Behandler nach einer Weile frustriert, weil der anfangs versprochene Erfolg trotz 130 | un-plaqued No 19


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

massiven Aufwands ausbleibt. Was

man allerdings erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, eine

ist hier falsch gelaufen?

unternehmensweite Qualitätsausrichtung sogar erst um

Die Handlungsebene der Effektivität

1965. Für die Entscheidung ›Wie etwas getan wird‹ wur-

›Was getan wird‹ wurde nahezu voll-

den Milliarden in Produktionsverfahren investiert, ›Was‹

ständig erschöpft, aber die Effizienz

getan wird entschied in der Regel alleine das Top-Ma-

›Wie es getan wird‹ blieb meistens

nagement. Daher schlummern in der klassischen Indust-

außen vor.

rie die größeren Potentiale auf der Handlungsebene der Effektivität, denn das Top-Management hat in der Regel

Um hier einen Erklärungsansatz zu

wenig Bezug zur Basis — dem Kunden. Hier liegt der größ-

finden, muss man sich bewusst ma-

te Unterschied. Das Management in der Praxis, also der

chen, woher die QM-Rahmenwerke

Behandler, steht dagegen täglich im Kontakt zur Basis.

ursprünglich stammen. In der klas-

Ungeachtet dieser Situation ist Effektivität auch in der

sischen Industrie bestand lange Zeit

zahnärztlichen Praxis ein Thema. Beispielsweise bilden

ein Ungleichgewicht zwischen Effek-

Patientenbefragungen in den meisten Praxen immer

tivität und Effizienz. Die Entwicklung

noch die Ausnahme, obgleich sie ein hervorragendes

von Effizienzmaßnahmen ist wesent-

Werkzeug sind, Probleme frühzeitig zu identifizieren und

lich älter. Fließbandfertigung wur-

darüber hinaus die Patientenbindung zu festigen. Den-

de beispielsweise schon im 15. Jahr-

noch arbeitet grundsätzlich keine Praxis am generellen

hundert im Schiffsbau praktiziert,

Bedarf des Patienten vorbei. Das liegt in der Natur der

die ersten Qualitätskontrollen findet

Sache begründet.

4. In der zahnärztlichen Praxis liegen die größeren Potentiale zumeist in der Effizienz. Stellt diese Aussage die Daseinsberechtigung des QM in der zahnmedizinischen Praxis in Frage? Nein, Sie müssen noch ein paar Schritte weiter gehen, um alle Potentiale nutzen zu können. Wie lässt sich die Effizienz steigern? Eine frohe Botschaft vorweg: Falls Sie sich die Mühe gemacht haben, Ihre Prozesse mit Hilfe eines Qualitätsmanagements detailliert abzubilden, haben Sie den größten Aufwand bereits hinter sich. Zur Steigerung der Effizienz halten die gängigen QM-Methoden keine weiteren Werkzeuge bereit. Ab diesem Punkt kommen die Methoden des (Geschäfts-) Prozessmanagement (engl. Business Process Management, BPM) zum Einsatz. Sie geben Auskunft über die Leistungsfähigkeit von Prozessen, bieten Werkzeuge zur Optimierung sowie zur nachhaltigen Kontrolle. Falls Sie sich mit diesen Methoden eigenständig auseinandersetzen möchten, hier eine Auswahl der geläufigen Ansätze: KAIZEN (Wandel zum Besseren), Total Cycle Time (TCT), Business Process Reengineering (BPR, radikaler Ansatz), Kontinuierlicher Verbesserungs-Prozess (KVP), Lean (Nicht wertschöpfende Tätigkeiten eliminieren), SixSigma (statisun-plaqued No 19 | 131


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

tische QM-Methode), Prozesssimulation und vieles mehr. Eine Einschränkung gilt für jede medizinische Praxis: Die Effizienz der eigentlichen Behandlung lässt sich unter medizinischen Qualitätsprämissen meist nicht steigern. Reden wir über Effizienzsteigerung sind hauptsächlich solche Prozesse gemeint, die administrative Aufgaben oder Faktoren betreffen, wie z.B. die Behandlungsvorbereitung, Kapazitätsauslastung und Abrechnung.

5. QM alleine reicht als Methode zur Effizienzsteigerung nicht. Es bietet jedoch durch den Prozessansatz eine sinnvolle Ausgangsbasis, mittels Methoden des Geschäftsprozessmanagements die Effizienz zu verbessern. Einen Sonderstatus nimmt der oben genannte ›kontinuierliche Verbesserungsprozess‹ ein. Dieser wird daher von vielen QM-Methoden gefordert. Doch wie sympathisch finden Sie eine Aufgabe, die NIE endet? Ihren Mitarbeitern wird das nicht anders gehen, womit wir einen weiteren Grund hätten, warum viele mit QM nicht glücklich werden. Der Faktor Mensch Nehmen wir an, Sie haben es geschafft, Ihre Prozesse zu identifizieren, die Leistungsfähigkeit relevanter Prozesse zu messen (IST-Zustand), daraus abgeleitete Prozessziele zu formulieren (SOLL-Zustandsdefinition) und konkrete Maßnahmen für jene Zielerreichung auszuwählen. Jetzt müssen Sie ›nur noch‹ jeden in Ihrer Praxis davon überzeugen, dass im Extremfall plötzlich ›alles anders ist‹ und dadurch ›alles besser wird‹. Würden Sie so einer Aussage glauben? Grundsätzlich haben die meisten Menschen zunächst Angst vor Veränderung. Das ist etwas völlig Natürliches. Machen Sie jetzt nicht den Fehler, diese Widerstände nicht zu akzeptieren. Oft liegen die Ursachen hierfür wesent132 | un-plaqued No 19


Rübeling +Klar Dental Labor Berlin Zahntechnik am Puls der Zeit

Vortragsveranstaltung Humboldt Carré, Berlin

12. September 2012 Moderne Konzepte in der Implantologie Dr. med. dent. Peter Randelzhofer Können wir, was wir wollen oder wollen wir, was wir können? Schwerpunktthemen:

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lich früher im Verlauf des Praxisgeschehens. Der Bereich Change Management betrachtet diese Problematik genauer. Eine leichte aber sehr populäre Lektüre ist zudem Das Pinguin Prinzip von J. Kotter und H. Rathgeber.

6. Der Erfolg einer Veränderung, auch bei einer QM-Installierung, hängt maßgeblich davon ab, wie Akzeptanz und Handlung aller Akteure nachhaltig verändert werden können. Kontinuität Alle bisherigen Bemühungen haben zum Ziel gehabt, ein Stück mehr Wahrheit über die eigene Praxis zu erfahren. Diese individuelle Wahrheit hat den Vorteil, die ›objektivste‹ Entscheidungsgrundlage zu sein. Auch eine verhältnismäßig kleine Organisation wie die zahnmedizinische Praxis ist kein statisches Konstrukt, sondern vielmehr ein organisches Gebilde und unterliegt so oder so einem stetigem Wandel. Mitarbeiter kommen und gehen, Patientenwünsche, staatliche Anforderungen und damit auch entsprechende regulatorische Maßnahmen ändern sich permanent. Es wäre daher fatal, sich auf der Momentaufnahme auszuruhen. Mit der QM-Evaluation sollten Sie Ziele formulieren, die es innerhalb eines gewissen Zeithorizonts zu erreichen gilt. Eine häufig zutreffende Aussage lautet: ›Was nicht gemessen wird, wird nicht getan.‹ Sowohl QM als auch Prozessmanagement bieten Inhalte dazu, was gemessen werden kann. Dennoch sollte die kontinuierliche praktische Erfassung im Idealfall keinen Zusatzaufwand bedeuten und daher weitestgehend durch eine starke IT-Implementierung in die täglichen Arbeitsprozesse integriert werden. Bestenfalls erhalten Sie auf diese Weise eine objektive Sofortabbildung der Realität Ihrer Praxis. Sie können Probleme früher identifizieren und werden schneller und zielgerichteter reagieren. Die Versuchung liegt nahe, nach der erfolgreichen Um-

T

setzung eines Qualitätsmanagements die Früchte der Arbeit zu bestaunen. Allerdings werden Sie schneller, als Ihnen lieb ist, feststellen, dass die freigesetzten Potentiale nach und nach im Alltagsrauschen untergehen. Neben der oben genannten Kontrolle auf Basis von Kennzahlen ist daher auch regelmäßiger Abgleich von Modell und Realität

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unabdingbar, damit das Modell eben nicht zu jenem statischen Konstrukt verkommt, dessen Mehrwert höchstens noch das Handbuch in Form eines Türstoppers ist. Das bedeutet unter anderem, das Checklisten und Arbeitsanweisungen regelmäßig aktualisiert und verbessert werden und dass ein QM angepasst wird, sobald Veränderungen im Bereich der Mitarbeiter auftreten. Viele scheuen den damit verbundenen Aufwand oder auch das Konfliktpotential im Team. Das ist verständlich und zugegeben, ein nicht immer leichtes Unterfangen. Daher kommt es vor allem auf die Praxisrelevanz der verwendeten Werkzeuge an. Wer möchte sich erst in einem 300 Seiten dicken Handbuch verirren, um die gesuchte Checkliste zu finden? Auch hier kann eine konsequente IT-Integration helfen, mehr Übersicht zu schaffen. Die letzte Maßnahme, um Stillstand vorzubeugen, sind Kommunikationskanäle für Verbesserungsvorschläge seitens der Mitarbeiter.

7. Der Nutzen eines QM versickert im Alltag, falls regelmäßige Zielkontrollen, Modellprüfung und kontinuierliche Verbesserungen nicht stattfinden. Achten Sie daher genau auf die Praxisrelevanz von Werkzeugen und Methoden. Fazit QM alleine ist kein Garant für eine erfolgreiche Praxis. Selbst eine Zertifizierung nach bspw. ISO 9001:2008 sagt erst einmal nichts über die Effizienz der praxisinternen Abläufe aus. Da im Zuge eines Qualitätsmanagements ohnehin die Notwendigkeit besteht, die eigenen Prozesse zu dokumentieren, ist es ratsam, diese mit Hilfe des Prozessmanagements zu optimieren. Durch diese Maßnahme kann neben der Effektivität auch die Effizienz verbessert werden. Nicht zuletzt sollte bedacht werden, wer künftig mit dieser Methodik in Kontakt kommt. Der Faktor Mensch sollte von Beginn an Teil der Überlegungen und der Umsetzung sein. Werden diese kritischen Faktoren berücksichtigt und praxisnahe Werkzeuge eingesetzt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass QM einen echten Mehrwert bringt, der sich nicht zuletzt auch in einem positivem Return of Investment niederschlägt. Kritisch zu bewerten sind Vorlagen wie QM-Handbücher und IT-Lösungen mit vordefinierten Prozessen. Sie mögen zwar einer etwaigen Prüfung standhalten, bieten Ihnen in der Regel aber keine bedarfsgerechte Abbildung Ihrer individuellen Notwendigkeiten. Behalten Sie den Mut, Ihr eigenes Praxiskonzept zu entwickeln. Zeigen Sie dabei im eigenen Interesse die Offenheit, dieses durch Methoden wie QM auf seine Umsetzbarkeit regelmäßig zu überprüfen. // Kontakt zum Autor unter: s.koetter@beocondis.de

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AND THE WINNER IS … ! Eine Geschichte mit Blick auf das Gesundheitssystem in Deutschland

TEXT Dr. Gerhard Brodmann ‧ ILLUSTRATION Britta Zwarg

Zwei konkurrierende Unternehmen A und B vereinbaren ein WettkampfRudern im Männer-achter. Die Mannschaften beider Unternehmen trainierten intensiv und als der große Tag kam, waren beide ›fit for fight‹. Wettbewerber A gewann mit einem Kilometer Vorsprung.

W

ettbewerber B war am Boden zerstört. Die Unternehmensführung beschloss einstimmig, dass der Wettkampf im nächsten Jahr unbedingt gewonnen werden muss. Eine Projektgruppe wurde beauf-

tragt, die Ursachen der Niederlage zu finden. Nach aufwändiger Recherche fand diese schließlich heraus, dass bei Wettbewerber A – vollkommen unverständlich – sieben Ruderer und ein Steuermann im Boot saßen, während im Boot des eigenen Unternehmens sieben Mann steuerten und einer ruderte. In dieser kritischen Situation war von der obersten Ebene nun geballte Führungskompetenz gefordert. Unverzüglich wurde ein Beratungsunternehmen damit beauftragt, Strukturen und Schwachstellen des eigenen Ruder-Achters näher zu analysieren. Nach Monaten intensivster Arbeit kamen die Berater zu dem abschließenden Ergebnis, dass zu viele Männer gleichzeitig steuerten und möglicherweise zu wenige Männer ruderten. Auf Grundlage dieser Erkenntnis stellte die Unternehmensführung B eine neue Mannschaft auf: vier Steuermänner, zwei Ober-Steuermänner, ein Steuermann-Koordinator und einen Ruderer. Der Ruderer sollte zusätzlich dadurch motiviert werden, indem man ihm mehr Verantwortung in seinem Arbeitsgebiet übertrug, sein bisheriges Gehalt kürzte und dafür ein erfolgsorientiertes Bonussystem einführte.

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Den nächsten Wettkampf gewann Wettbewerber A mit zwei Kilometern Vorsprung. Wettbewerber B entließ daraufhin seinen Ruderer fristlos. Gleichzeitig war man sich einig, dass der Führungsebene des Unternehmens aufgrund ihres verantwortungsvollen Handelns ein finanzieller Extra-Bonus zusteht. Erneut wurden die Berater mit einer umfassenden Analyse beauftragt. Diese kamen zu dem Ergebnis, dass die gewählte Taktik und Mannschaftsaufstellung zweifelsfrei richtig war, dass die Motivationsstrategie als innovativ zu bewerten sei und dass somit die Lösung eigentlich nur noch in der Verbesserung des Materials liegen könne. Momentan ist Wettbewerber B damit beschäftigt, einen neuen Bootstyp zu entwickeln. Sollten Sie sich möglicherweise mit den Themen zur Zukunft des ›Gesundheitsmarktes Deutschland‹ befassen, zum Beispiel mit dem Spannungsfeld zwischen GKV und PKV, der Systemfrage Bürgerversicherung oder Prämienmodell, der Zukunft von GOZ und GOÄ, mit Fragen zur Freiberuflichkeit und Überreglementierung etc., und sie haben in obigen Zeilen Parallelen mit Akteuren und Aktionen unseres Gesundheitswesens entdeckt, so wäre dies rein zufällig. Aktuell ist unser Berufsstand mehr denn je gefordert, auf Handlungsstrategien mit >Weitsicht und Pragmatismus< zu setzen (Leitartikel von Dr. Peter Engel, in der ZM vom 1. Juni 2012). //

zm-online.de/m2.htm

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THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

WAS BOOTE UND ZÄHNE VERBINDET Am Anfang einer Entwicklung steht immer eine Frage, ein Problem, eine Herausforderung, oder einfach die Suche nach etwas Neuem!

U

nsere

Geschichte

jedoch

kommt aus dem Jahr 1936, in dem Pierre Castan (1899–

1985), Chemiker der Züricher Firma

Im folgenden Fall bestand die Her-

De Trey AG (heute Dentsply DeTrey)

ausforderung in der Suche nach

sich an die Erforschung neuer Mate-

einem neuen Material zur Herstel-

rialien für dentale Prothesenkunst-

lung von zahnärztlichen Prothe-

stoffe gemacht hat. Er stieß dabei auf

sen. Aus heutiger Sicht nichts Be-

einen Harz, welches bei der Reaktion

sonderes, sollte man meinen.

von Bisphenol A mit Epichlorhydrin entsteht und mit Phthalsäureanhydrid gehärtet werden konnte. Wie sich erst viel später herausstellen sollte, hatte er damit die Grundlage für einen Werkstoff gelegt, dessen Bedeutung zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Entferntesten abzusehen war. Einzig die Verwendung in der Zahnmedizin schien vorerst nicht möglich zu sein, was in Anbetracht der Ausgangsfragestellung wie eine Enttäuschung wirkte. Grund dafür war, dass die Aushärtung des Materials in der feuchten Mundhöhle nicht möglich war. 1983, fast ein halbes Jahrhundert später, wurde schließlich das Schweizer Patent vergeben, auf dessen Ursprung die Weiterentwicklung dieses Materials beruhte. Ab diesem Moment beginnt der Werkstoff seinen Siegeszug durch nahezu alle Bereiche der technischen Fertigung. Die Rede ist von Epoxidharz,

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ODER TEXT David Rieforth


THEORIE & PRAXIS / WAHRHEIT

DIE ENTDECKUNG DES EPOXIDHARZES einem Zweikomponentenmaterial, bestehend aus einem Flüssigharz auf der Basis von Bisphenol A und Epichlorhydin sowie einer Härtungskomponente auf Basis von Polyamin oder Amin-Addukten. Vermischt man beide Bestandteile miteinander, lassen sich Materialien mit Glasfaser, Kohlenstofffasern und Aramidfasern, wie sie im Schiff- und Flugzeugbau eingesetzt werden, verbinden. Darüber hinaus wird Epoxidharz zum Beispiel bei der industriellen Tauchlackierung von Automobilen, der Betonbeschichtung, zur Herstellung von elektrischen Schaltungen auf Leiterplatten sowie als Bindemittel für verschiedene Anstrichstoffe in der Innenschutzlackierung für Lebensmittelverpackungen verwendet. Die Einsatzfähigkeit von Epoxidharzen geht bei weitem über die hier aufgezählten Bereiche hinaus, schließlich hatte man, einfach gesagt, einen neuen Hochleistungsklebstoff gefunden. Besonders im Bootsbau entfaltet der Werkstoff seine Vorteile, da er Osmoseschäden ausschließt, auch wenn er direkt mit Seewasser in Kontakt kommt. Zu guter Letzt fand dieser Werkstoff, der sich ähnlich wie UHU-2-Komponenten-Epoxidharzkleber verarbeiten lässt, auch eine Verwendung in der Zahnmedizin. Hauptbestandteile der Paste A sind hierbei Bisphenol-A sowie Bisphenol-F Epoxidharz. Paste B besteht zum Großteil aus den reaktiven Elementen Dibenzyl-Diamin und Aminoadamantan. Mischt man die beiden Pasten im Verhältnis 1:1, erhält man einen von den zahnmedizinischen Fachgesellschaften empfohlenen Sealer für Wurzelfüllungen. Allgemein geläufig ist dieser unter dem Namen AH Plus der Firma Dentsply De Trey GmbH. So verschieden die Kunst des Bootsbaus und der Zahnmedizin auch sind, im Detail gibt es enge Verknüpfungen technischer Entwicklungen, die sich nicht zuletzt auch aufgrund eines ähnlichen Milieus und der einwirkenden Kräfte nutzen lassen. // un-plaqued No 19 | 139


GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

DIE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT DES KAFFEES oder soziales Unternehmertum und Bildung in Äthiopien

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GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

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GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

TEXT · FOTO Alexander Klebe

I

m September 2011 hatte ich die lang erwarte-

kratisch organisierten und sozial orientierten

te Gelegenheit, für eine wissenschaftliche

Kooperativen auf Produzentenseite.

Feldforschung nach Äthiopien zu reisen. Die-

Am Beispiel der Kaffeeproduktion in Äthiopi-

se Reise war eine ideale Möglichkeit meine frü-

en, dem Ursprungsland des Kaffee, möchte ich

heren wissenschaftlichen Vorarbeiten im Ur-

die Ergebnisse meiner Forschungsreise über die

sprungsland des Kaffees zu vertiefen und

Förderung von wirtschaftlich nachhaltiger Ent-

gleichzeitig Menschen persönlich begleiten

wicklung und hier insbesondere den Aufbau ei-

und interviewen zu können, die sich unterneh-

ner sozialen Unternehmenskultur in Äthiopien

merisch und sozial engagieren.

präsentieren und dabei auch die Bedeutung von

Schon während der Recherchen zu meiner Di-

Bildungsarbeit herausarbeiten.

plomarbeit faszinierte mich das Thema Kaffee und dessen spezifische Wertschöpfungskette.

Hungersnot und Entwicklungshilfe

Am Beispiel des Fairtrade-Konzeptes unter-

Vor dem Hintergrund der Nachrichten aus dem

suchte ich damals alternative Handelsmodel-

Sommer 2011 über die schlimmsten Hungers-

le und Geschäftsbeziehungen, die mehr soziale

nöte in Ostafrika seit 60 Jahren und gewaltige

Gerechtigkeit für Kaffeebauern in den Entwick-

Nahrungsmittelhilfslieferungen in die betrof-

lungsländern bringen sollten. Einen Aspekt des

fenen Länder, drängte sich die Frage nach der

Fairtrade-Modells fand ich besonderes interes-

langfristigen Wirksamkeit von klassischer Ent-

sant: die Förderung von eigenständigen, demo-

wicklungshilfe auf.

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GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

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GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

In der Fachwelt wird bereits seit längerem da-

Gerechter Handel statt Hilfe!

rüber diskutiert, ob klassische Entwicklungs-

Im Kontrast zu klassischer Entwicklungshilfe

hilfe eine nachhaltige Entwicklung nicht sogar

stehen Methoden zur Förderung von sozial ori-

teilweise verhindere. Inwieweit sind wohltäti-

entiertem Unternehmertum und der Ausbil-

ge Spenden z.B. an Nahrungsmitteln, Kleidung

dung von lokalen Fachkräften und Know-how

und Haushaltsgegenständen förderlich bei dem

im landwirtschaftlichen Sektor.

Ziel, eine lokale wirtschaftliche Entwicklung zu

Ines Possemeyer, die auch als Journalistin für

begünstigen? Kurzfristig gleichen sie eine Not-

GEO in Äthiopien recherchierte (vgl. GEO, Ausg.

wendigkeit aus, in der langfristigen Betrach-

7, 2011), berichtet, dass Äthiopien weltweit die

tung ergibt sich jedoch die Frage der Generie-

größten Mengen an Hilfslieferungen des World

rung von wirtschaftlichen Abhängigkeiten und

Food Programm (WFP) erhält. Dies spiegelt sich

negativen Preiseffekten auf lokalen Märkten.

auch im volkstümlichen Sprichwort: ›In Äthiopi-

Auch die Werkzeuge der westlichen Parla-

en hofft man auf viel Regen in Kanada‹ wieder.

mente, über direkte finanzielle Hilfe die Etats

Dabei bieten sich in Äthiopien ideale Bedingun-

der Regierungen in den betroffenen Regio-

gen für die landwirtschaftliche Produktion, die

nen aufzustocken, werden mit dem Argument

ausländische Investoren aus dem Nahen Osten,

kritisiert, dass die politischen Strukturen der

Asien und Holland anlocken. Zu allem Wider-

Empfängerländer mit ihrer zentralen Wirt-

spruch liegen im Hafen von Djibuti, dem Haup-

schaftspolitik, staatlichen Exportmonopo-

tumschlagsplatz für den äthiopischen Seehan-

len und Beschränkungen ausländischer Direk-

del, eben jene Frachter mit den Hilfslieferungen

tinvestitionen und sozialer Engagements, die

des WFP neben denen mit in Äthiopien ange-

größten Entwicklungshemmnisse darstellten.

bautem Reis für Saudi-Arabien und Korea.

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GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

Die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts erwirt-

ten und ihre Ernte an Mittelsmänner weiter-

schaftet Äthiopien mit landwirtschaftlichen Er-

verkaufen, die dann die großen Importeu-

zeugnissen. Kaffee, Getreide und Reis sind die

re und Röster bedienen. Der größte Teil der

wichtigsten Einnahmequellen des Landes, in

Wertschöpfung wird jedoch in der Veredelung

dem ca. 85% der Bevölkerung in der Landwirt-

erzielt. Während die großen Röster hohe Mar-

schaft arbeiten. Kaffee ist mit 840 Millionen

gen mit den Kaffeebohnen realisieren, reichen

US-$ Exportvolumen das wichtigste Exportgut

die Einnahmen der Kaffeebauern oft nicht ein-

des Landes und Äthiopien ist größter Kaffeeex-

mal aus, um ihre Familien vollwertig zu ernäh-

porteur in Afrika.

ren, geschweige denn steigende Nahrungsmit-

Das Land erfuhr in den letzten Jahren ein star-

telpreise durch eigene finanzielle Rücklagen

kes Wirtschaftswachstum von zuletzt 9% per

auszugleichen.

anno und damit auch einen Wandel, der am

Da die Kaffeebauern selbst nur erschwerten Zu-

deutlichsten auf den Großbaustellen in der

gang zu Märkten, Informationen und Darlehen

Hauptstadt Addis Abeba sichtbar ist. Auf den

haben, verhilft die Selbstorganisation in Form

umliegenden Ackerflächen und in Gewächshäusern internationaler Konzerne wird mit Hightech Blumenzucht und Reisanbau betrieben. Auch die Hauptverkehrswege von Addis Abeba in die Provinzregionen zeugen, mit den großen Baumaschinen chinesischer und koreanischer Konzerne am Straßenrand, von einem Wettlauf um Einfluss und von heißbegehrten Leasingverträgen für Ackerflächen. In den ländlichen Regionen kommt dieser Fortschritt jedoch nur langsam an und wenn, dann eher in Form von gestiegenen Preisen für Grundnahrungsmittel. Die Verantwortung der wirtschaftlichen Entwicklung liegt hier zumeist in den Händen der Kleinbauern selbst, die ihr weniges Ackerland oft mit Ochsen und Holzpflügen bestellen. Kaffeeproduktion und Welthandel Kaffee zählt mit einem Marktwert von mehr als 10 Mrd. US-$ nach Öl zu den wichtigsten internationalen Handelsgütern. Der Kaffeeanbau wird von mehr als 25 Mio. Kleinbauern in Entwicklungsländern betrieben, die ca. 50% der Weltproduktion erwirtschafun-plaqued No 19 | 145


GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

einer Kooperative potenziell zu mehr sozia-

durch am Markt höhere Preise zu erzielen. Den

ler Partizipation und Marktmacht. Die Koope-

Erfolg der eigenen Arbeit misst Technoserve am

rative übernimmt die Aufgaben der Weiter-

Einkommenswachstum der Kaffeekooperativen

verarbeitung und den Verkauf des Kaffees. Ein

und der Bauern selbst und veranstaltet regel-

Export durch die Kooperative bietet einen hö-

mäßig Konferenzen auf denen die Fortschritte

heren Rückfluss des Gewinns an die Bauern als

der verschiedenen Kooperativen miteinander

der Export durch Mittelsmänner. Der Zugang

verglichen und Investitionsprojekte ausgewer-

zu Krediten wird vereinfacht und langfristige

tet werden.

Investitionsprojekte sind möglich.

Konkret bedeuten diese Projekte z.B. die Anschaffung und Finanzierung einer Waschwalze,

In Äthiopien sind die grundlegenden Struktu-

mit der die Kooperativen eine weitere Produk-

ren von landwirtschaftlichen Kooperativen im

tionsstufe in ihre Wertschöpfung integrieren

Ansatz noch weit verbreitet, da die Ursprün-

und die Qualität ihrer Produktion erhöhen kön-

ge der Zusammenschlüsse von oft hunderten

nen. Mit der verbesserten Produktionsmetho-

Kleinbauern noch aus den Zeiten des kommu-

de, die sich vom klassischen Trocknen der Boh-

nistischen Derg-Regimes stammen.

nen qualitativ erheblich abhebt, lässt sich ein

Lokal tragen diese Kooperativen eine große Be-

mehr als doppelt so hohes Einkommen pro ver-

deutung, da sie nicht nur die Rolle und das de-

kauftem Kilogramm Kaffee erzielen.

mokratische Selbstverständnis der Farmer in ei-

Cervone betont, welche Bedeutung Eigentum

ner kollektiven Organisation stärken, sondern

für die Farmer hat. Da die Bauern der Koope-

mit ihr auch soziale Verantwortung überneh-

rative selbst dafür arbeiten, selbst einen Kre-

men. Frei nach dem Gedanken von Muhammad

dit aufnehmen, das Fundament und das Dach

Yunus, soziale Probleme lokal durch unterneh-

selbst bauen, entsteht diese wichtige Gefühl, et-

merische Konzepte zu lösen, werden in den Ko-

was selbst geleistet zu haben und etwas Wert-

operativen wichtige Entscheidungen getroffen,

volles zu besitzen. Dieses Gefühl übersetzt sich

die das Wohl der Allgemeinheit im Sinn haben

in die Motivation, es auch langfristig zu pfle-

sollen. Die selbstbestimmten und lokal agieren-

gen und damit das Einkommen nachhaltig zu

den Kooperativen dienen als Grundlage des so-

verbessern.

zialen Unternehmertums in Entwicklungsländern, dessen Verbreitung vielfältig gefördert

Ebenso bedeutend ist der Lerneffekt, dass ge-

werden kann.

meinsame Anstrengung und langfristige Investitionen sich durch eine höhere Lebensqualität

Der Schlüssel, Armut zu bekämpfen, ist

bezahlt machen. Für zukünftige Investitions-

soziales Unternehmertum.

vorhaben der Kooperative wird damit ein wich-

Von Addis Abeba aus arbeitet Carl Cervone, un-

tiger Grundstein gelegt.

terstützt von einem 50-köpfigen Netzwerk von

Der Weg aus der Armut beginnt für die Bauern

lokalen Beratern, mit den Kaffeekooperativen

mit dem Wandel des eigenen Verständnisses,

zusammen. Cervone ist gebürtiger Amerikaner

sich nicht nur als passive Rohstofflieferanten

und Landesdirektor von Technoserve Ethiopia,

zu verstehen, sondern auch weitere Produkti-

einer von der Bill and Melinda Gates Foundation

onsschritte und Aufgaben in die Verantwortung

geförderten Non-Profit-Organisation, die Kaf-

der Kooperative zu übertragen. Vom erzielten

feebauern dabei unterstützt, die Qualität ihres

Gewinn der Kooperative werden rund 70% an

Kaffees durch effizientere Anbau- und Weiter-

die einzelnen Farmer ausgezahlt, 20% als fi-

verarbeitungsmethoden zu verbessern und da-

nanzielle Reserve für kommende Investitionen

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GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

zurückgestellt und 10% direkt in gemeinschaft-

sondern dort, wo der Kaffee geröstet und sei-

liche Sozialprojekte investiert, wie die Entwick-

ne ›Geschichte‹ erzählt wird. Diese Geschichte

lung von Schulen, Brunnen und Rentenfonds.

wird von den Genießern weltweit noch eher mit

Diese Investitionen sind gerade für die Farmer

dem Gesicht George Clooneys oder der Kaffee-

ein bedeutender Faktor auf dem Weg zu selbst-

hauskette Starbucks assoziiert, als mit Bildern

bestimmten und sozialem Unternehmertum.

der Kaffeebauern selbst. Doch auch dieses Bild

Als herausragendes Beispiel dient hier die Ge-

verändert sich im Laufe der Zeit.

schichte der Kuapa Kokoo Kooperative aus Gha-

Denn mit der steigenden Qualität der Kaffee-

na. Schritt für Schritt wurden von der Koopera-

produktion, der Vermittlung von Geschäftskon-

tive nachfolgende Stufen in der Wertschöpfung

takten zu internationalen Einkäufern und der

des eigenen Kakao integriert, bis sie dann selbst

Unterstützung beim Marketing bietet sich den

in Kooperation mit lokalen Partnern in Groß-

Kooperativen die Möglichkeit, ihren Gourmet-

britannien die Vermarktung von Divine Cho-

Kaffee direkt an Importeure zu liefern und so

colate aufbaute. Mit dem Gewinn werden eine

ihr Einkommen, und ebenfalls Ihre Marktprä-

Vielzahl von gemeinschaftlichen Projekten im

senz zu erhöhen.

Gesundheits-, Bildungs- und sozialen Bereich realisiert. Konsumenten wissen dieses Konzept

Die Bedeutung von Bildung

zu schätzen, denn mittlerweile kaufen sie nicht

Die Begleitung der Berater von Technoserve im

mehr nur Produkte, sondern Lösungen. Dabei

Feld zeigt, dass ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit

vermischen sich die ökonomischen und sozialen

in der Wissensvermittlung von praktisch-an-

Ansprüche der Verbraucher.

wendbaren und ökonomischen Grundkenntnissen liegt: Buchhaltung, Management und Mar-

Auch beim Kaffee findet die größte Wertschöp-

keting. Viele betriebswirtschaftliche Konzepte

fung nicht in den Entwicklungsländern statt,

werden auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten un-plaqued No 19 | 147


GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

vor Ort angepasst, so berichten zum Beispiel die

akademische Entwicklung der Adama Universi-

Kaffeekooperativen seit neuestem täglich per

ty in Äthiopien, betont.

SMS über die erzielten Erntemengen und Erlöse.

Die wenigen Studienplätze werden in Äthiopi-

Durch die wirtschaftliche Entwicklung in den

en meist ohne Berücksichtigung der persönli-

ländlichen Gebieten werden zusätzliche, wenn

chen Studienwünsche der Bewerber vergeben.

auch bisher noch wenige Arbeitsplätze in den

Zudem können es sich nur wenige Familien auf

Kooperativen geschaffen. Derzeit, so Carl Cer-

dem Land leisten, auf ihre Kinder als Arbeits-

vone, sei es jedoch schwierig, gut ausgebilde-

kraft zu verzichten, denn traditionellerweise

tes Personal für die anspruchsvolleren Auf-

hilft jedes Familienmitglied, Einkommen zu ge-

gaben in den Anbauregionen selbst zu finden.

nerieren.

Lokal verfügbare Fachkräfte stellen für die-

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Mög-

se wirtschaftliche Entwicklung zwar einen ent-

lichkeit Bildungschancen wahrzunehmen eng

scheidenden Schlüssel zum Erfolg dar, doch die

mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit

Tür zum Wandel wird nur mit Hilfe der exter-

verbunden ist. Wenn Familien, die ihr Einkom-

nen Berater geöffnet.

men hauptsächlich in der Landwirtschaft erzielen, eine stärkere wirtschaftliche Basis aufbau-

Bildung und Perspektive sind eng miteinan-

en können, ist es ihnen ebenfalls möglich, ihren

der verknüpft. Menschen, die in der Bildung

Kindern eine Ausbildung zu finanzieren.

eine Perspektive sehen, sich zukünftig besser zu stellen, werden auch die nötige Motivation

Die Bildungsarbeit im Rahmen der wirtschaft-

aufbringen, um zu studieren. Jedoch gibt es in

lichen Entwicklungsarbeit hat demnach drei

Äthiopien kaum weiterführende Universitäten,

Aufgaben: Die Vermittlung von ökonomischem

die sich dem Management und der Verwaltung

Basiswissen, die Einführung von Lowtech-In-

widmen, wie Prof. Dr. Dirk Linowski, Berater für

novationen und das Setzen von nachhaltigen

148 | un-plaqued No 19


GOOD BYE DENTIST/ WAHRHEIT

Bildungsanreizen durch wirtschaftliche Absi-

der von Sahay Solar, eine Zukunft für Äthio-

cherung und Perspektivbildung. Diese Pers-

pien. Mit Hilfe der von ihm gegründeten Non-

pektivbildung bedeutet vor allem, wirtschaft-

Profit-Organisation will er die Ausbildung von

liche, d.h. lokale Geschäftsmöglichkeiten und

Ingenieuren im Solarbereich in Kooperation mit

internationale Marketingstrategien gemein-

der Arbaminch Universität vorantreiben. Geför-

sam mit den Akteuren vor Ort zu entwickeln,

dert wird dieses Vorhaben von der Schweizer

als auch persönliche Entwicklungsperspektiven

Regierung. Die ausgebildeten Ingenieure sol-

zu eröffnen und zu fördern. Denn nicht selten

len in kleinen Teams sowohl kommerzielle als

kommt die Motivation zu mehr Leistung durch

auch soziale Solarprojekte gemeinsam planen,

Vorbilder, positive Beispiele und viele kleine,

installieren und betreuen. In der Unterneh-

eigene Erfolge.

mensvision sieht Max Pohl die Chance, ein eigenständig wirtschaftendes Solarunternehmen

Soziales Unternehmertum beginnt bei uns

in Äthiopien aufbauen zu können und so die de-

Das Berliner Start-Up Coffee Circle, an dem der

zentrale Solarenergie langfristig als Lösung für

Tengelmann-Konzern 30% der Anteile hält, ist

die Energieversorgung in Afrika zu etablieren.

Kaffee-Importeur. Die drei Gründer Martin Elwert, Robert Rudnick und Moritz Waldstein-

Fazit und Ausblick

Wartenberg, verstehen sich als soziale Unter-

Soziales Unternehmertum ist bereits weit in die

nehmer. Pro verkauftem Kilogramm Kaffee

Kaffeeanbaugebiete Äthiopiens vorgedrun-

fließt ein Euro in die Umsetzung von Projekten

gen, steckt jedoch noch in den Kinderschuhen.

in den Anbauregionen in Äthiopien, wie z.B.

Pioniere sind Unternehmer, Berater und Fach-

den Bau einer Grundschule oder die Versorgung

kräfte, die von Stiftungen unterstützt werden.

einer Krankenstation mit Solarstrom.

Sie konzentrieren ihre Arbeit darauf, mit Wis-

Im Solarstrom sieht auch Max Pohl, der Grün-

sen und Kreativität geschäftsfähige Lösungen un-plaqued No 19 | 149


GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

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GOOD BYE DENTIST/ WAHRHEIT

für soziale Probleme zu entwickeln. Jedoch

schen Aspekten auch soziale Werte in ihre Ent-

stellt jeder Anfang wirtschaftlicher Entwick-

scheidungsprozesse einfließen zu lassen. Die

lung hohe Anforderungen an die Ausbildung

Wurzeln für die wirtschaftliche Entwicklung in

von jungen, einheimischen Fachkräften.

Afrika liegen zum Großteil auch in der Gestal-

Dieser Wandel in den Köpfen und dem Handeln

tung der Hilfsmaßnahmen selbst. Wenn sich

der Menschen benötigt Inspiration, Erfahrung

diese von Formen einer Almosenpolitik hin zu

und Geduld, damit der von Frans Johansson be-

gerechten und respektvollen Handelsbeziehun-

schriebene ›Medici Effekt‹ einsetzen kann. Die-

gen wandeln, dann ist wirtschaftlich nachhalti-

ser entsteht aus der Zusammenarbeit von Men-

ges Wachstum möglich. Im besten Fall entsteht

schen aus unterschiedlichen Feldern, Kulturen

sogar das ökonomische Selbstverständnis, dass

und Industrien. Eine Vielfalt an Expertise, die

Unternehmen und Kooperativen wirtschaftli-

sich mit konkreten Problemstellungen befasst,

che und soziale Interessen maximieren.

fördert Johansson zufolge das Potenzial neuartige und zukunftsfähige Lösungen für die Her-

Meine Untersuchungen verstärken den Ein-

ausforderungen unserer Zeit zu entwickeln.

druck, dass ›Handel‹ statt ›Hilfe‹ der Schlüssel zum Erfolg ist. Jedoch ist Hilfe beim Aufbau gerechter Handelsbeziehungen und der Ausbildung von wirtschaftlichen Akteuren gefragt. Wie das im konkreten Beispiel der Kaffee-Kooperativen in Äthiopien aussehen kann, habe ich im dokumentarischen Kurzfilm: We are Coffee Farmer zusammengefasst. Das Material für den Film konnte ich ebenfalls während der Forschungsreise sammeln und in den darauffolgenden Monaten editieren. Der Film dient als Best-Case Studie und als Anregung für weitere entwicklungspolitische Betrachtungen. Mein Dank gilt der Haniel-Stiftung für die groß-

Nicht zuletzt ist der Einsatz von engagierten

zügige Unterstützung der Forschungsreise,

Menschen gefragt, die unmittelbar auf ihr

durch die es mir möglich war, eben jene positi-

Umfeld einwirken, eine Kombination von lo-

ve Entwicklung im Rahmen des sozialen Unter-

kalem Potential und internationalem Know-

nehmertums und der Bildungsarbeit zu beglei-

how innovativ verknüpfen und so den Weg

ten und zu dokumentieren. //

für wirtschaftlich rentable und soziale Unternehmensstrukturen ebnen. Die anfänglichen

Link zum Film:

Erfahrungen der Kaffee-Kooperativen sind ein

vimeo.com/35764583

Beispiel für die Entwicklung und Förderung dieser Strukturen, welche sich auf andere Wirtschaftszweige übertragen lassen und weiter

Deutsch-Äthiopischen Studenten-

ausgebaut werden können.

& Akademikerverein: daesav.de

Es bedarf jedoch auch eines Umdenkens in den westlichen Gesellschaften. Verbraucher wie Unternehmer sind aufgefordert, neben ökonomi-


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GOOD BYE DENTIST/ WAHRHEIT

TEIL 1

WIE VERÄNDERT MAN WAHRHEIT?

Mein Name ist Onon Disdaabazar. Ich komme aus der Mongolei und bin angehende Zahnärztin in der Abschlussphase des Staatsexamens. Seit 2004 studiere ich an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Ich bin nach Deutschland gekommen um Zahnmedizin zu studieren. Eine gute Zahnärztin zu werden war und ist mein Kindheitstraum. Der Weg dahin war allerdings von vielen Herausforderungen und Hoffnungen geprägt. Immer wieder haben mich Menschen gefragt, warum ich mir gerade diesen Weg ausgesucht habe? Dazu möchte ich Euch meine kleine Geschichte erzählen:

A

ls kleines Kind hatte ich einen schlim-

tät in Moskau studiert, als ich einen Anruf mei-

men Zahnunfall, bei dem ein Frontzahn

ner Mutter mit der Nachricht erhielt, dass unse-

disloziert wurde und nicht mehr in der

re Familie nach Deutschland umziehen würde.

Zahnreihe stand. Mein Lächeln war schnell

Meine Mutter ist Diplomatin und war als Han-

weg. Nach einer sehr langen und aufwendigen

dels- und Wirtschaftsrätin der Botschaft der

Behandlung hatte ich irgendwann mein altes

Mongolei in Deutschland tätig. Sie bot mir an,

Lächeln zurück. Zum Glück ist dieser Zwischen-

mit der Familie nach Deutschland zu kommen.

fall am Ende relativ gut für mich ausgegangen,

Nach einer kurzen Überlegung, entschied ich

zumal er in mir den Wunsch geweckt hat, eine

mich für Deutschland.

Ärztin zu werden, die den Leuten das Lächeln schenkt.

Da meine Sprachkenntnisse nicht ausreichend

Ich ging damals in die 5. Klasse, war zielstrebig

für das Studium in Deutschland waren, musste

und fleißig und hatte in allen Schulfächern gute

ich zunächst sechs Monate Deutsch als Fremd-

Noten, besonders in den naturwissenschaftli-

sprache lernen und als Ausgleich zu meinem

chen. Schon zu dieser Zeit habe ich angefangen,

mongolischen Abitur ein Jahr am Studienkol-

mich bewusst für ein Medizinstudium vorzube-

leg absolvieren. Dann begann das Zahnmedi-

reiten. Nach der Schule wurde ich dann stolze

zinstudium an der Charité in Berlin …

Zahnmedizinstudentin in der Mongolei. In den folgenden zwei Jahren wurde mir immer klarer,

Obwohl das Studium nicht immer leicht war,

dass die Zahnmedizin viel mehr zu bieten hat-

hatte ich viel Spaß. Ich bin glücklich und stolz,

te, als wir in der Mongolei lernten, weswegen

in Deutschland studiert zu haben. Ich habe ei-

ich mich über ein Auslandstudium informierte.

nen tollen Mann und zwei wunderbare Söhne,

Als sich die Gelegenheit bot, in Moskau Zahn-

die mich während dieser Zeit sehr unterstützt

medizin zu studieren, habe ich mich sofort da-

haben. Weil ich beide Kinder während mei-

für beworben. Weil ich damals bereits fließend

nes Studiums bekommen habe, musste ich zwi-

Russisch sprach und gute naturwissenschaftli-

schendurch das Studium aussetzen und unter

che Kenntnisse hatte, bekam ich den Studien-

nicht ganz leichten Bedingungen im Anschluss

platz samt einem Stipendium. Ich hatte gerade

weiter studieren.

zwei Monate an der 3. Medizinischen Universiun-plaqued No 19 | 153


GOOD BYE DENTIST / WAHRHEIT

Nun geht diese schöne aber auch anstrengentigsten Hygienemaßnahmen nicht eingehalten de Zeit in Deutschland langsam zu Ende und ich werden, die Bevölkerung zu wenig informiert werde noch in diesen Sommer in die Mongoist und die angebotenen Behandlungen häufig lei, mein Heimatland, zurückkehren. Einerseits qualitativ schlecht sind. Man bekommt ein mulfreue ich mich riesig, dass ich meinem so lang miges Gefühl, wenn man sich bewusst macht, angestrebten Ziel endlich nahe gekommen bin, dass die meisten Zahnärzte mit sehr alten Techandererseits mache ich mir viele Gedanken um niken und Methoden behandeln und nur wenig meine Zukunft als praktizierende Zahnärztin in der heutigen modernen Zahnmedizin Anwender Mongolei. dung findet. Mein größtes Ziel und tägliche Motivation während des Studiums war der Wunsch, mit meiMein Traum ist es, eine moderne, nach deutnem Fachwissen mongolischen Bürgern die besschem Standard ausgestattete Praxis zu eröffte deutsche Zahnmedizin bieten zu können. nen und mein ganzes Können meinen LandesIn der Mongolei gibt es im zahnmedizinischen leuten anzubieten. Ich möchte mich dabei auch Bereich einiges zu verbessern, vor allem bei auf Kinderzahnheilkunde spezialisieren und Kindern und Jugendlichen, die fast 70% der Gewerde auch in Zukunft postgraduale Fortbilsamtbevölkerung der Mongolei ausmachen. dungen in Deutschland besuchen, um auf dem Laut einer Studie liegt Kariesverbreitung bei neuesten Stand der Zahnmedizin zu bleiben. Ich Kindern im Alter von 0–6 Jahren bei 87–100% möchte mein Wissen an die mongolischen Kolund auch Parodontitis ist mit 85–97% ein sehr legen weitergeben und Arbeitsgemeinschaften weit verbreitetes Problem. einführen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass Die Mongolei ist ein großes und wunderschönes Prophylaxe ernst genommen und kontinuierlich Land mit 2,7 Millionen Einwohnern, die sich auf durchgeführt wird. Ich möchte den Leuten helder vierfachen Fläche von Deutschland verteifen, die weit weg entfernt von der Stadt leben len. In der Hauptstadt Ulaanbaatar lebt ungeund keine Möglichkeiten haben, zahnärztliche fähr die Hälfte der Bevölkerung, für die es insBehandlungen zu bekommen. Und ich hoffe, gesamt nur zehn staatliche Ambulanzen und dass ich in Zukunft mit deutschen Kollegen eng ca. 350 kleine Privat-Praxen für die zahnmedizusammenarbeiten kann und Unterstützung zinische Versorgung gibt. Dabei ist Besorgnis bei diesen Zielen, auch vor Ort, erhalten werde. erregend, dass in der gegenwärtigen mongoIch habe mich während des Studiums immer lischen Zahnmedizin die einfachsten und wichwieder gefragt, wie ich das in Deutschland er154 | un-plaqued No 19


GOOD BYE DENTIST/ WAHRHEIT

worbene Wissen und Können im praktischen Berufsleben in der Mongolei umsetzen kann. Da der zahnärztliche Beruf mit vielen technischen Gerätschaften verbunden ist, mache ich mir immer wieder Sorgen, wie ich die Qualität und Standards so hoch halten kann, wie hierzulande. Es wäre sehr schade, wenn ich das, was ich hier gelernt habe, in der Mongolei nicht praktizieren und verwirklichen könnte. Da ich aus einer durchschnittlichen mongolischen Mittelstandsfamilie stamme, sind die finanziellen Möglichkeiten meiner Eltern, mir bei der Ausrüstung einer modernen zahnärztlichen Praxis zu helfen, begrenzt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Zahnmediziner in Deutschland Interesse an meinem Projekt einer modernen, ›deutschen‹ Zahnarztpraxis in der Mongolei hätten und mich bei der Verwirklichung dieses Traumes unterstützen würden. Hier in der un-plaqued werde ich regelmäßig über die Fortschritte meiner Arbeit und den weiteren beruflichen Werdegang berichten. Denn am Ende ist es ein unglaublich schönes Gefühl, etwas bewirken und zum Positiven verändern zu können.

In diesem Zusammenhang meine Bitte: Jede Hilfe und Unterstützung für eine moderne ›deutsche‹ Zahnarztpraxis in der Mongolei sind willkommen! Sei es in Form von Beratungen zu Führung und Management einer Praxis, materieller Unterstützung mit Geräten und Technik, Instrumenten und Materialien oder auch einer Zusammenarbeit vor Ort, verbunden mit dem Kennenlernen der wunderschönen Mongolei. Danke!

rlin 37 Be sse: 4 e 0 r 1 d a • kt e 78 Konta ­Straß r com e n e ag qued. h a l n p e p n n@u r • Ko • ono abaza 8 a 0 d s 3 i D 41 60 Onon 176 2 0 : n o F un-plaqued No 19 | 155


LABORATORIUM DIFFICILE / WAHRHEIT

DIE WĀRA DES IMPLANTOLOGISCHEN TEAMS Wāra – die althochdeutsche Wurzel des Wortes ›Wahrheit‹ bedeutet ›Vertrauen‹ und ›Treue‹. Wie sieht es mit ›Vertrauen‹ und ›Treue‹ in der Implantologie aus? Was ein bisschen altbacken klingt, kann für eine erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit stehen, die in der Implantatprothetik ästhetisch optimale Langzeitergebnisse hervorbringt. Das heißt in der Kurzfassung: Die Wahrheit steckt in der Teamarbeit! TEXT Jörn von Mensenkampff

Erleben Sie implantologisches Teamwork als App auf Ihrem iPad. Sie können Zahnarzt und Zahntechnikermeister multimedial und interaktiv bei der prothetischen Arbeit ›über die Schulter gucken‹. Dr. Helmut Steveling und José de San José González kommentieren die jeweiligen Schritte dabei aus ihrer Sicht. Zusammen mit der detaillierten visuellen Darstellung bietet die App >Learning by viewing< in einer ganz neuen Form.

D

ie Implantologie ist der Bereich in der Zahnmedizin, der sich in den letzten Jahrzehnten am stärksten entwickelt und verändert hat. Während man früher beim Therapieerfolg von der ›survival rate‹ sprach, also

die Osseointegration und die Funktion des Implantates definierte, ist heute die ›success rate‹ in den Fokus gerückt, die auch ästhetische Parameter mit einbezieht. Diese Entwicklung, zu der CAD/CAM-Abutments (siehe Atlantis) maßgeblich beigetragen haben, hat nicht nur die Aufgabenfelder vom Zahnarzt, sondern auch vom Zahntechniker grundlegend verändert. Die Zahntechnik, früher eine rein handwerkliche Disziplin, bietet heute außerdem computergestützte,

vielschichtige

Leistungen,

die

analytische

Fähigkeiten,

Kreativität und Präzision verlangen. Damit wird der Zahntechniker zum gleichberechtigten Partner des chirurgisch-prothetisch arbeitenden Zahnarztes. 156 | un-plaqued No 19

teamwork-media.de


LABORATORIUM DIFFICILE / WAHRHEIT

Planung und Durchführung der Implantatpro-

nuten, da präzise Absprachen zwischen Zahn-

thetik gestalten Zahnarzt und Zahntechniker

arzt und Zahntechniker die Parameter bereits

gemeinsam, detaillierte Absprachen sind un-

festgelegt haben. Kurze Zeit nach Abschicken

verzichtbar. Ausgeführt wird die Zusammenar-

der Bestellung holt ein Logistikdienstleister

beit mit einem durchdachten, standardisierten

das Implantatmodell mit Wax-up und Gegen-

Workflow – echtes Teamplay also.

kiefer ab und schickt es in speziellen Versandboxen nach Schweden. Alternativ kann das Mo-

Implantatplanung auf Basis der prothe­

dell im Labor eingescannt und und die Daten

tischen Vorgaben

digital übermittelt werden.

Wenn Zahnarzt und Zahntechniker Hand in Hand arbeiten, können vorhersehbare und hervorragende Behandlungsergebnisse erzielt werden,

SCHRITT 2 – ANPASSUNG UND FREIGABE

die die Patientenwünsche umsetzen und nach

In Mölndal, der schwedischen Produktionsstät-

anatomischen, funktionellen und ästhetischen

te von Atlantis, wird das Modell – soweit noch

Gesichtspunkten optimal konzipiert sind. Die

nicht geschehen – eingescannt. Ein Abutment-

im Vorfeld gemeinsam erarbeiteten protheti-

Designer entwirft mit Hilfe einer speziellen

schen Vorgaben sind die Basis für das Backward

Software (Atlantis VAD – Virtual Abutment De-

Planning, mit dem das Ziel der Behandlung de-

sign) ein virtuelles Abutment, das sich an der

finiert und der Weg dorthin festgelegt wird. Die

Form der endgültigen Krone orientiert. Be-

Implantatposition wird beim Backward Plan-

handler und Zahntechniker können in der Re-

ning nicht mehr während der Implantation be-

gel einen Tag nach der Bestellung den Abut-

stimmt, sondern im Vorfeld berechnet. Dabei

mententwurf in der virtuellen Mundsituation

ergänzen sich das Wax-up auf dem Planungs-

auf dem Web-Portal begutachten. Der Atlan-

modell, das der Zahntechniker erstellt, und das

tis 3D Editor, eine neu entwickelte Software­

Planungssystem (siehe Facilitate) zur compu-

optimierung, erlaubt es, Änderungen an den

tergestützten Implantatplanung und schablo-

Abutment-Entwürfen direkt am PC vorzuneh-

nengestützten Implantatinsertion.

men. Das können zum Beispiel Anpassungen am Stumpf und am Durchtrittsprofil oder Ver-

Step by Step – vier Schritte zur Prothetik am

laufsänderungen der Präparationsgrenze sein.

Beispiel von Atlantis

Allerdings bleiben vorgenommene Änderun-

SCHRITT 1 – BESTELLUNG

gen immer softwarekontrolliert, so erfolgt z. B. bei Unterdimensionierung ein Warnsignal. Das

Mithilfe der Indexregistrierung überträgt der

System ermöglicht einen einfachen Zugriff auf

Zahntechniker nach der Implantatinsertion die

den jeweiligen Patientenfall rund um die Uhr.

exakte Implantatposition auf das Planungsmo-

Tatsächlich wird der weitaus größte Teil der de-

dell und modelliert ein weiteres Wax-up. Da-

signten Abutments ohne Änderungswünsche

bei wird jetzt zusätzlich das Augenmerk auf die

freigegeben.

Gestaltung des Emergenzprofils, des Weichgewebes und der Papille gelegt. Dieses neue Waxup ist Basis für das Design des CAD/CAM-Abut-

SCHRITT 3 – PRODUKTION

ments, das über die Atlantis WebOrder bestellt

Nach erfolgter Freigabe werden die Abut-

wird. Vom Einloggen bis zur Komplettierung der

ments unter Einsatz modernster Frästechnik

Bestellung und Definierung der Anforderungen

mikrometergenau aus einem Titan- oder Zir-

(Größe, Breite, Emergenzprofil, Tiefe der Prä-

kondioxid-Rohling gefräst. Abutments aus

parationsgrenze, etc.) dauert es nur wenige Mi-

Titan sind die am häufigsten verwendeten un-plaqued No 19 | 157


LABORATORIUM DIFFICILE / WAHRHEIT

Implantataufbauten und können bei allen Indikationen und in allen Positionen im Mund eingesetzt werden. GoldHue sind titannitridbeschichtete TitanAbutments, die dem Abutment einen warmen, goldenen Farbton verleihen – ideal beim Einsatz in hochästhetischen Zonen bei einem dünnen Gingiva-Biotyp. Abutments aus Zirkondioxid sind in verschiedenen Farbnuancen erhältlich und besonders für hochästhetische Ergebnisse geeignet, zum Beispiel im Frontzahnbereich.

Atlantis TM Abutments in unterschiedlichen Materialien

SCHRITT 4 – AUSLIEFERUNG Im wahrsten Sinne des Wortes erfolgt die Auslieferung des fertigen Abutments ›postwendend‹. Das Abutment muss nicht mehr nachbearbeitet werden und passt perfekt auf das Modell. Der Zahntechniker kann sofort mit dem Anfertigen der Suprastruktur beginnen. Interdisziplinäres Teamwork von Anfang an Erfahrene Praktiker bevorzugen die möglichst frühe Einbindung der Zahntechnik in den implantologischen Prozess – zu oft wird der Zahntechniker erst nach der Implantation hinzugezogen. Das frühzeitige Involvieren erlaubt beiden – Zahnarzt wie Zahntechniker – von Anfang an den Weg zum Ziel mit dem ›Blick aufs Ganze‹ gemeinsam zu gestalten. CAD/CAM-Abutments bieten die perfekte Möglichkeit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu hochästhetischen und vorhersagbaren Ergebnissen zu führen. Dabei ist das einfache und schnelle Handling bemerkenswert, der Arbeitsaufwand im Vergleich zu konventionellen Abutments, die zeitintensiv nachbearbeitet werden müssen, gering.

>>>

Teamwork ist auch in der Zahnarztpraxis gefragt – mehr dazu auf Seite 84: AUFBRUCH IN DIE IMPLANTOLOGIE 158 | un-plaqued No 19


2008 lernten wir die dürftige zahnmedizinische Versorgungslage in Gambia kennen.

2009 gründeten wir den gemeinnützigen Verein ÄRZTE HELFEN e.V.,

richteten eine kleine Zahnklinik in unserer Partnerklinik ein und organisierten die ersten Ärztetransfers. Das Projekt TEETH beginnt.

2010 konnten wir zwei gambianische Oral Health Worker anstellen. Sie praktizieren seitdem ganzjährig.

2011 richteten wir ein kleines Zahnlabor ein und können Zahnersatz anfertigen.

2012 kämpfen wir mit der schwierigen nanziellen Situation unserer Partnerklinik. Für den weiteren Bestand der medizinischen Versorgung werden Sach- und Geldspenden sowie das persönliche Engagement medizinischer Fachkräfte benötigt.

www.aerztehelfen.de 030/39202449

Helfen Sie uns zu helfen. Spendenkonto ÄRZTE HELFEN e.V.: Konto 78 15 700 BLZ 300 606 01 (Deutsche Ärzte- und Apothekerbank)


RUBRIK UN-PLAQUE / WAHRHEIT YOUR LIFE / WAHRHEIT

Das aufregende Leben der

CA SS AN DR A- M IC HE LE

Folge 3: Wahrheit

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UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

oder: When a man loves a woman

D

a liege ich mit meiner Freundin ganz entspannt auf der Couch und wir schauen so eine romantische Liebesschnulze namens: ›When a man loves a woman‹ an – da höre ich sie plötzlich leise weinen, sie reibt ihr

kleines, nasses Näschen im Taschentuch und haucht ganz verlegen so etwas wie: ›Oh nee, was schön.‹ Ich erhebe mein müdes Haupt und werfe ihr so zärtlich, wie es mir möglich ist, die nackte Wahrheit vor die Füße: ›Vergiss den Scheiß, dat gibt es doch gar nicht.‹ Ich habe leider alle Illusionen verloren, sämtliche Bastionen sind gefallen und eben diese nackte Wahrheit macht mir und meiner im Grunde doch sehr romantischen Seele einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Die Wahrheit ist: es gibt keine Prinzen mehr. Eigentlich sind meine Mutter und Mr. Walt Disney daran schuld, denn beide prägten meine Phantasie mit einschlägigen Märchen von mutigen Prinzen, die gegen böse Drachen und gemeine Hexen kämpften. Prinzen, die sich in holde Schönheiten verliebten, sie retteten, befreiten und erlösten. Prinzen – die hätten jede haben können und haben sich doch nur für die Eine entschieden. Und am Ende haben sie sich immer bekommen – da stand sie dann in ihrem weißen Kleid und Hochsteckfrisur, er hielt ihr zartes rosa Händchen – und wenn sie nicht gestorben sind, bla, bla, bla ... So verließ ich den heiligen Gral meiner Kindheit, sorgsam behütet, naiv und mit Dauerwelle. Ich wurde zwangsläufig erwachsen mit allen Konsequenzen: Girokonto, GEZ-Nachzahlung und mehrfach gebrochenem Herzen. Wo sind sie denn nun? Diese verdammten Prinzen? Heute tragen sie verwaschene T-Shirts vom Wühltisch und zerlatsche Turnschuhe, sie haben Mut und Leidenschaft gegen eine langweilende Coolness eingetauscht. Heute zieht keiner mehr sein Schwert für die Liebe! Gefühle werden heimlicher als Drogen gehandelt. Die ›Eine‹ wird eine von vielen – auf jeder Party, in jedem Club warten neue Optionen und am Ende gibt es keine Entscheidung. Der Mann hat aufgehört zu kämpfen, wobei sich jedoch der Wert seiner Beute erst durch den Kampf definiert. Der Mann konsumiert das Weibchen, schnell und unkompliziert. Das Weibchen sitzt am Ende da, wartet auf seinen Anruf, macht RTL2 an und schaut blöde Schnulzen! Der feine Herr sonnt sich in seinem Testosteronspiegel, lässt sich einen Drei-Tage-Bart stehen und spricht mit Laptop und Latte im Cafe sitzend vom Zauber der unendlichen Freiheiten. un-plaqued No 19 | 161


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

Da sitz ich nun in meinem Turm, lasse mir die Haare wachsen, doch niemand steht unten und will rauf. Hoffnungslos verloren zwischen Mädchen-Trauma und Erwachsenen-Vernunft versuche ich mir am Ende das optimistische Beruhigungsmantra aufzusagen: ›Gedulde dich, holdes Weib, er wird schon kommen.‹ (Fuck you.) Welche der unzähligen Begegnungen geht über den Tausch einer Telefonnummer hinaus? Welche Begegnung überlebt erste zwischenmenschliche Aktivitäten? Manchmal habe ich das Gefühl, dass mehr Sorgfalt auf Unverbindlichkeit, als auf Annäherung gelegt wird. Die Flucht beginnt schon vor dem ersten ernsten Manöver – so werden keine Kriege gewonnen, werte Herren. Und so hetzen sie alle durch Berlin, rennen ihren Träumen hinterher oder begraben sie still und leise am Straßenrand – die Stadt trägt tausend Mahnmale gebrochener Herzen. Die Prinzessinnen mit oder ohne Hoffnung, die Prinzen mit oder ohne Schwert begegnen einander oder auch nicht. Am Ende sprechen wir dann von Schicksal oder vom Märchen. Kurz bevor mich die düstere Realität versucht mit ihren kalten Pranken zu schnappen, greife ich zu meiner Geheimwaffe – Luther Vandross! Seine Musik legt sich auf meine Synapsen, vernebelt mein Gehirn und ich schwebe auf einer weichen, weißen Blase aus Liebe, Hoffnung und Zuversicht der Zukunft entgegen. Gott sei Dank gibt es Schuhläden und Luther Vandross. ›Liebe Gemeinde, versucht Euch zu erinnern, an dieses warme Gefühl Eurer Kindheit, fest daran zu glauben, dass es da draußen tatsächlich echte Prinzen gibt. Mutige Männer in Rüstung, zu allem bereit, um für die Liebe zu kämpfen! Hört auf Euer Herz, gebt nicht auf und kämpft. Was habt Ihr zu verlieren? Es ist die Selbstlosigkeit, die Euch zu wahren Helden macht. Gefühle zeigen macht nicht angreifbar, sondern stark.‹ Eure Cassandra-Michelle

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UNPLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

INGE‘S MUSIC IN THE BOX Kennen gelernt habe ich sie mit Sugar my Skin, die Seele aus dem Leib getanzt

Konzerte 2012

habe ich mir zu Songs wie Alles Neu, Ekelhaftes Benehmen und Kreisel, gehei-

Erfurt 02.11.

ratet habe ich zu Tanz der Moleküle und zur Scheidung hörte ich Dann war das

Offenbach 03.11.

wohl Liebe. Wann immer besondere Situationen in meinem Leben stattfan-

Köln 08.11.

den, war mit Sicherheit auch ein MIA.-Song dabei. Wenn ich die Arme in den

Hannover 09.11.

Wind strecke und mir die Freiheit um die Nase weht, und ich dabei Heroes oder

Magdeburg 10.11.

Fallschirm höre, oder in den melancholischen Momenten zu Rien ne va plus, 5

München 15.11.

bis 8 oder Brüchiges Eis gedanklich abschweife – ihre Songs haben mich oft da-

Stuttgart 16.11.

bei begleitet. Weil sie etwas zu sagen haben, und weil das weitere Gedanken

Oberhausen 17.11.

in mir auslöst.

Bamberg 23.11.

Schon oft hat MIA. Menschen polarisiert, mit ihren Texten Themen aufge-

Dresden 07.12.

bracht, die zum Nachdenken angeregt, Protest ausgelöst oder Zustimmung

Leipzig 08.12.

geerntet haben. Die größten Diskussionen hat wahrscheinlich der Song Was

Hamburg 14.12.

es ist erzeugt, als sie von schwarzem Kaffee, roten Lippen und der goldenen

Berlin 15.12.

Sonne sang. Aber es hat mitten in die Neufindungsphase meiner Identifikation mit Deutschland gepasst. PRO Test hat mich in so mancher Situation weiter an die Sache glauben lassen und mich auf meinem Weg bestärkt. Und natürlich ist Hoffnung im Pauken & Trompeten Remix meine absolute Hymne, einen schlechten Tag wieder schön zu machen. Das neue Album von MIA. heißt so, wie sie sind und wie sie immer waren: TACHELES ! Seit der ersten Platte sprechen sie Klartext, erzählen sie ihre Geschichten oder auch ihre Erfahrungen und Wahrheiten. So auch hier, und doch sind sie anders als auf den vorherigen Alben. Und irgendetwas ist dazu gekommen, denn die Texte und Songs passen schon wieder zu den Themen meines Lebens. Durchhaltevermögen, Genuss, Liebe, Verlust, Erwartungen und noch viel mehr. Wer die Mieze einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß, dass sie ihre Perspektive des Lebens besingt und dass sie lebt, worüber sie singt. MIA. hat eine Message, und mit dieser verbreiten sie Mut, und inspirieren zu neuen, eigenen Wegen. Ich finde, wenn Menschen Musik so lieben, wie diese Band, und anderen mit ihrer Musik so viel zurückgeben, ist das mehr als eine Empfehlung wert. Deswegen: Hören Mitsingen Kaufen Verschenken Teilen! Eure Inge =)

www.miarockt.de un-plaqued No 19 | 163

MIA. TACHELES


ZÄHNE AUF DEM CATWALK

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UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

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UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

TEXT Ingmar Dobberstein · FOTO Lars Kroupa

W

ann immer man denkt, man hätte schon alles gesehen – wird man von Neuem überrascht. So geschehen in diesem Jahr auf der Berliner Fashion Week 2012, bei der gleich auf drei Modenschauen

Schmuck der Designerin Zofie Angelic gezeigt wurde. Das Besondere daran: die Schmuckstücke basieren auf Vitapan Kunststoffzähnen, die normalerweise für die Herstellung von partiellen und totalen Prothesen eingesetzt werden. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Schmuckdesignerin Zofie Angelic dieses Materials bedient hat, um es in ihre Kollektion zu integrieren. Während Zähne normalerweise nur bei Zahnmedizinern ästhetische Faszination auslösen, hat sie diese in Form von Armbändern, Colliers, Ringen und Masken in einen gänzlich neuen ästhetischen Rahmen gesetzt. Zofie Angelic ist in der Modewelt für ihren unkonventionellen, ästhetischen Stil, sowie die besondere Materialauswahl ihrer handgefertigten Schmuckstücke bekannt. Aus mehreren hundert einzelnen Svarowski-Kristallen kreierte sie unter anderem den Kopfschmuck für die Fashion Show von Guido Maria Kretschmer, die mit großer Eleganz an Motive aus Tausendundeiner Nacht erinnerten. Die Show des Labels Siok ließ seine Models sogar ausschließlich ihre Zahnschmuckkollektion als Accessoires tragen. Auf der Berliner Fashion Week begeisterte Zofie Angelic mit ihrer extravaganten Zahnschmuck-Kollektion nicht nur Publikum, Models und Designer sondern auch den ein oder anderen Celebrity. Die Idee zu dieser Aktion entstand in Zusammenarbeit mit der Agentur White & White und der VITA Zahnfabrik, die in den letzten Jahren immer wieder durch un-plaqued No 19 | 167


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

besondere Aktionen um die Ästhetik und die Identifikation mit Zähnen aufgefallen sind. Dass es die Firma VITA nach Musikvideos, Apps und einigen beeindruckenden Imagekampagnen nun bis zu Deutschlands größtem Fashionevent geschafft hat, überrascht einmal mehr. Die Berliner Fashion Week findet zweimal jährlich statt und vereint mehrere Modemessen in der Stadt. Längst hat sie es zu weltweiter Anerkennung gebracht, nicht zuletzt weil Berliner Designer immer wieder durch extravagante Kreationen als Querdenker auf sich aufmerksam machen. Dabei steht die in Berlin gezeigte Mode nicht für die Haute Couture à la Paris, sondern vielmehr für spezielle, aber unbedingt tragbare Mode. ›Are you excentric enough...‹ war das Motto der diesjährigen Fashion Week – die Zahnschmucklinie von Zofie Angelic ist definitiv exzentrisch genug, um sogar herausnehmbare Zähne gesellschaftsfähig werden zu lassen. Seit mehr als 50 Jahren produziert das Bad Säckinger Familienunternehmen VITA Kunststoffzähne und beliefert damit Zahntechniker und Zahnärzte weltweit. Als Sponsor für die Zahnschmucklinie von Zofie Angelic gibt das Unternehmen ein eindeutiges Bekenntnis zu konfektionierten Zähnen. Auch die gelungene fotografische Inszenierung (White & White) zeigt, dass konfektionierte Zähne alles andere als langweilig sind. Lars Kroupa, Inhaber der Agentur White & White steht stolz hinter der Idee: ›Unsere Zahnschmuck-Bilder sind in diesem Umfeld etwas provokant, aber es sind alles Motive, auf denen das Auge gerne verweilt. Erst wenn die Bilder länger wirken, werden die unechten Zähne sichtbar. Ähnlich dem Anspruch bei Zahnersatz im Mund – nahezu unsichtbar und hochästhetisch!‹ Und da behaupte mal einer, herausnehmbare Zähne wären nicht sexy ... un-plaqued ist begeistert! // 168 | un-plaqued No 19


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde

Das Einzige, was stört,

Kieferorthopädie

ist der Patient

F. G. Sander, N. Schwenzer,

R. Rankel,

M. Ehrenfeld

O. Reichert di Lorenzen

2. Aufl., neu erst. 2011, 489 S.,

1. Aufl. 2010, 144 S., Set Buch &

1.324 Abb., geb.,EUR 89,95

Hörbuch, EUR 34,80

ISBN 978-3-13-593802-8

ISBN 978-3-86867-037-0

Die zweite, neu erstellte und erweiterte Aufla-

Bücher zur erfolgreichen Praxisführung gibt es

ge des KfO-Klassikers zeigt sich als umfassendes

viele. Oliver Reichert di Lorenzen, ein begehr-

Lehrbuch für die Aus- und Weiterbildung. In 15

ter Ansprechpartner in Fragen dentaler Schön-

Kapiteln wird das gesamte kieferorthopädische

heit und Roger Rankel, Experte für Kundenge-

Spektrum beleuchtet. Die ungewöhnlich zahl-

winnung, haben mit ›Das Einzige, was stört, ist

reichen, qualitativ hochwertigen Abbildungen

der Patient‹ einen neuen Ansatz gewählt: Sie

vermitteln das Wissen leicht und überaus an-

verbinden auf inspirierende und unterhaltsa-

schaulich, so werden dem Leser viele Arbeits-

me Weise zahnmedizinische Branchenkenntnis

schritte aus Labor und Praxis Schritt für Schritt

und betriebswirtschaftliches ›Verkaufsden-

näher gebracht.

ken‹. In kurzweiligem Ton betrachten die Auto-

Jungen Zahnmedizinern, die sich mit den

ren den Patienten – ›der Mensch, der am Zahn

Grundlagen und der kieferorthopädischen Di-

hängt‹, sie untersuchen verschiedene Praxis-

agnostik befassen, dient es als gutes Nachschla-

konzepte, die Qualität des Erstkontakts zum Pa-

gewerk, vielleicht auch als Anregung für eine

tienten und die Einstellung der Mitarbeiter. Je-

spätere Laufbahn als Kieferorthopäde. Dem

des Kapitel wird durch eine Checkliste ergänzt,

Praktiker werden aktuelle Behandlungsmetho-

so dass ein alltagstauglicher, Praxis-orientier-

den vermittelt und zahlreiche konkrete Thera-

ter Leitfaden entstanden ist – voller Ideen, die

pievarianten aufgezeigt. Vor allem die Praxis-

nicht viel kosten, außer Einsatz und ein wenig

tipps sind sehr hilfreich und werden durch das

Kreativität. Ein empfehlenswerter Ratgeber für

nötige theoretische Hintergrundwissen so un-

Praxisinhaber und Mitarbeiter, die ihre eigene

terfüttert, dass die Anwendung dieser oder je-

Praxisphilosophie kritisch hinterfragen und Be-

ner Apparatur bzw. Therapie stets nachvollzieh-

triebsblindheit vorbeugen wollen.

bar ist.

Für alle, die bei unserer letzten Ausgabe zum

Das Buch ist sehr empfehlenswert, da es sowohl

Thema Kommunikation auf den Geschmack ge-

inhaltlich als auch optisch viel zu bieten hat. Be-

kommen sind und sich ausführlicher mit diesen

sonders Weiterbildungsassistenten können sich

Themen beschäftigen wollen, ist dieses Buch ein

den ›Sander‹ getrost unter ihr Kopfkissen le-

Muss. Wer wenig Zeit zum Lesen hat oder ein-

gen!

fach lieber zuhört, gibt es den Leitfaden im Set als Buch und als Hörbuch – gelesen von Dagmar Berghoff.

WIR EMPFEHLEN: 170 | un-plaqued No 19


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

Privatleistungen

Basis Parodontologie

erfolgreich anbieten

Einfach Perfekt -

Praxiserfolg sichern

Perfekt Einfach

R. Homma

C. Langhorst,

181 S., 9 Abb., Br.,1. Aufl. 2011

Illu: E. Langhorst

EUR 37,80

1. Aufl. 2010, EUR 39,90,

ISBN 978-3-94196-442-6

ISBN 978-3-00-0319452-5

Patienten für notwendige Privatleistungen

Cord Langhorst, Leiter der ZMP-/ZMF-Ausbil-

und höherwertige Versorgungen zu gewinnen,

dung und langjähriger Zahnarzt, hat mit seiner

ist für manchen Zahnarzt immer noch eine un-

Tochter Eva Langhorst ein wunderbar illustrier-

gewohnte Herausforderung. Das aktive An-

tes Lehrbuch zur Parodontologie verfasst. Ein-

bieten von Privatleistungen erfordert eine ge-

gebettet in eine phantasievolle Rahmenhand-

naue Kenntnis der Persönlichkeitsmerkmale

lung, in der die Zahnarzthelferin Zari aus einem

und Verhaltensweisen des Patienten. Reinhard

fernen Land nach Deutschland kommt, um eine

Homma hat mit seinem Praxisleitfaden ein rea-

Weiterbildung als Dentalhygienikerin zu ma-

listisches und praxistaugliches Konzept entwi-

chen, vermittelt das Buch auf kreative Weise

ckelt, um Kunden für private Behandlungsmaß-

die Grundlagen der Parodontologie.

nahmen zu gewinnen. Sein Ratgeber vermittelt

Trotz der künstlerischen Aufmachung ist das

nicht nur Hintergrundwissen zum Thema Kauf-

Lehrbuch ein klar strukturierter Leitfaden, der

motivation, Denk- und Verhaltensstrukturen

aktuelles Basiswissen vermittelt: Angefangen

von Kunden, es werden ebenso die emotiona-

bei den Ursachen der Erkrankung, über die Be-

le Ansprache der Kunden in der Praxis beleuch-

funderhebung und Mundhygiene bis zu den Be-

tet, als auch typische Kommunikationsaussa-

handlungsmöglichkeiten von parodontalen Er-

gen und mögliche Verbesserungen präsentiert.

krankungen. Darüber hinaus wird im Kapitel

Ebenso wird deutlich, wie wichtig es ist, mit Be-

›Verhaltensänderungen‹ psychologisch ein-

geisterung und Leidenschaft in das Kundenge-

fühlsam erklärt, wie man eine Bewusstseinsän-

spräch zu gehen und eine klare Strategie in der

derung beim Patienten im Umgang mit seiner

Kommunikation zu verfolgen. Interviews mit

Erkrankung erreichen und ihn zu einer Verhal-

verschiedenen Zahnärzten untermauern den

tensänderung bewegen kann.

Erfolg des vorgestellten Praxiskonzeptes – mit ›Privatleistungen erfolgreich anbieten‹ werden

Entstanden ist ein origineller und ganzheitli-

Praxisneugründer wie auch erfahrene Zahnärz-

cher Leitfaden durch die Parodontologie mit

te angesprochen, Kommunikation erfolgreich

vielen verständlichen Beispielen, die so schön

umzusetzen.

illustriert sind, dass man sie sich spielerisch

Mehr zum Thema in Reinhard Hommas Artikel

merkt. Ein Fachbuch, das man so gerne liest,

›Kannst Du erfolgreich sein?‹ in der UN-PLAQUED,

wie eine spannende Geschichte.

Nr. 18, Kommunikation.

DAS LESEN un-plaqued No 19 | 171


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

WUSSTET IHR SCHON? UN-PLUEQAD Wusstet ihr schon, dass es eagl ist, in wlehcer Rehenifloge Bcuhstbaen in eneim Wrot sethen, Huaptschae, der esrte und ltzete Bcuhstbae snid an der rhcitgien Setlle? Ncah enier Sutide, die uetnr aerdnem von der Cmabirdge Uinertvisy dührruchgeft wrdoen sien slol, ist die Bcuhstbaenrehenifloge in eneim Wrot eagl. Solnage der esrte und ltzete Bcuhstbae rhcitg ist, kenönn die rsetclhien Bshcuteban ttoal druchenianedr sien, und man knan es tortzedm onhe Poreblme lseen, wiel das mneschilhce Gherin nhcit jdeen Bcuhstbaen enizlen leist, snodren das Wrot als Gnazes. =) mrc-cbu.cam.ac.uk

Patientenaufklärung am Kaffeetisch Der nexilis Verlag wendet sich als Sachbuchverlag mit einem speziellen Angebot an Zahnärzte sowie Fachspezialisten der Zahnmedizin. Die beiden Patientenratgeber ›Moderne Zahnmedizin. Schöne Zähne.‹ und ›Praxisratgeber Implantologie‹ heben sich nicht nur optisch und haptisch von üblichen Ratgeberbüchern ab, sondern bestechen durch ihre Individualisierbarkeit. Eine Praxis kann in Herausgeberschaft eine eigene Auflage des Patientenratgebers realisieren. Dabei werden die Praxis auf mehreren Seiten in Wort und Bild vorgestellt, der Umschlag komplett individuell gestaltet sowie der Herausgeber mit Porträt und Kurzvita in der Umschlagklappe dargestellt. So erhält das Buch einen sehr persönlichen Touch und wird vom Patienten als noch werthaltiger empfunden.

nexilis-verlag.com

In der Beratung persönlich überreicht, unterstreicht das eigene Buch die Kompetenz und Hochwertigkeit der Leistungen der Praxis, und ist deutlich langlebiger als ein Praxisflyer. Ab 2,96 € / Buch (je nach Auflage).

172 | un-plaqued No 19


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

Am Anfang war das Licht Dass Lupenbrillen hilfreich bei der täglichen Arbeit in der Praxis sind, steht mittlerweile außer Frage. Aber wusstet Ihr schon, dass man mit der richtigen Beleuchtung zusätzliche 2 cm Tiefenschärfe gewinnen kann? Mal abgesehen davon, dass jegliches lästiges Licht einstellen der OP-Lampe endlich überflüssig wird. Die Firma starMed, seit vielen Jahren verlässlicher Anbieter für medizinische Beleuchtungssysteme und Lupenbrillen, bietet mit dem starLight nano eine äußerst leichte (8g) und stufenlos dimmbare LED-Leuchte an, die auf alle gängigen Lupenbrillen adaptiert werden kann. starVision-Lupenbrillen, die übrigens auch als Studentensammelbestellung zu besonders günstigen Konditionen erhältlich sind, verfügen bereits ab Werk über den entsprechenden Adapter. Wenn Ihr also wirklich sehen wollt, was Ihr gerade am Patienten fabriziert habt, kann man Euch die starVision-starLight nano-Kombination nur empfehlen – ... und es ward Licht. starmed-technik.de

Die Okklusions-Community Dr. Jean Bausch GmbH & Co. KG, führender Anbieter von Okklusionsprüfmitteln, ist jetzt mit einer Facebook-Seite vertreten. Auf facebook.com/bauschdental finden Sie die neuesten Informationen über Bausch-Produkte sowie interessante Videos und Fotos zur Okklusionsprüfung. Treten Sie einer Community von über 2000 Fans bei und beteiligen sich an Diskussionen über Zahnheilkunde und

facebook.com/

Okklusion: bauschdental.de

bauschdental

un-plaqued No 19 | 173


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

›VITA ToothFinder‹ navigiert zum richtigen Zahn Der VITA ToothFinder ist ein neues Programm, das die Auswahl passender Front- und Seitenzähne für herausnehmbare voll- und teilprothetische Versorgungen erleichtert. Schritt für Schritt erreicht der Anwender sicher die richtigen Garnituren. Auf der ersten Stufe wählt der Nutzer aus den drei zur Verfügung stehenden Frontzahnlinien die jeweils passende aus. Das Angebot reicht vom vollanatomischen Frontzahn VITA PHYSIODENS bis hin zum unschlagbaren Klassiker VITAPAN, der seit April 2012 in optimierter Anatomie und Schichtung als VITAPAN PLUS angeboten wird. Ist die Entscheidung für eine Frontzahnlinie getroffen, leitet das System über die Erklärung unterschiedlicher Aufstellkonzepte zur Bestimmung der jeweils funktionsgerechten Seitenzahnlinie: VITA PHYSIODENS mit vollanatomisch ausgeformten Kauflächen, VITA LINGOFORM mit anatomisch präabradierten Kauflächen, VITAPAN CUSPIFORM mit semianatomisch schmal gestalteten Kauflächen und VITAPAN SYNOFORM mit plan angelegten Kauflächen. Darüber hinaus findet der Interessierte detaillierte Ausführungen zum VITA MRP (Microfüller Reinforced

vita-zahnfabrik.com

Polyacrylic)-Material, das millionenfach erfolgreich verarbeitet wird. Weitere Informationen zu fachspezifischen Kursen und Arbeitsinstrumenten sowie die Möglichkeit, Prospekte und Formenkarten herunterzuladen, runden das Programm ab.

Parodontitis-Selbsttest-App: Kampfansage an eine Volkskrankheit Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie e.V. (DGP) hat die App ›Selbsttest Parodontitis‹ zur Früherkennung von Parodontitis für Patienten auf den Markt gebracht. Mit der neuen Anwendung sollen auf spielerische Art Berührungsängste abgebaut und der Zugang zur Parodontitis-Behandlung erleichtert werden. Unbehandelte Parodontitis kann mittel- bis langfristig nicht nur zu Zahnverlust führen, sondern auch den Verlauf chroni174 | un-plaqued No 19


UN-PLAQUE YOUR LIFE / WAHRHEIT

scher Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder von Herz-Kreislauferkrankungen verschärfen. Einfach verständlich und leicht zu bedienen führt die neue App den Laien zu einer groben Einschätzung, ob eine parodontale Erkrankung bei ihm vorliegen könnte. Elf Fragen mit je drei Antwortmöglichkeiten ermitteln die persönliche Erkrankungswahrscheinlichkeit. Ist diese hoch, wird ihm zum Besuch bei seinem Zahnarzt geraten.

itunes.apple.com

Entwickelt hat Professor Kocher die App gemeinsam mit seinem DGP-Vorstandskollegen Dr. Filip Klein. Nach erfolgreicher Einführung der ersten AppVersion plant die DGP für das Update bereits eine weitere Verfeinerung: ›Unser nächstes Ziel ist es, in einer zweiten Ausbaustufe den Selbsttest mit einen Algorithmus zu unterlegen, der auf den wissenschaftlichen Daten einer großen Bevölkerungsstudie (SHIP) beruht‹, so Professor Kocher.

PLAQUE 'N' PLAY Nach dem Erfolg des AKW-Quartetts gibt ein neues Supertrumpf-Kartenspiel: Das Demo-Quartett ›Deutschlands Proteste‹ portraitiert auf 32 Karten die wichtigsten Bürgerbewegungen. Mit den acht Kategorien Studenten, BauProjekte, Soziales, Anti-AKW, Krawalle , Frieden, DDR und Menschenketten fächert das Quartett die großen Themen zivilgesellschaftlichen Engagements auf, vom Arbeiteraufstand 1953 in der DDR bis zur großen Anti-Atomkraft-Kundgebung nach dem Fukushima-GAU. Nach bewährter SupertrumpfManier kann man sich gegenseitig mit Werten wie ›Wutpotential‹ und ›Erfolgsfaktor‹ überbieten.

UED Q A PL U N- R L O S T T T E. E T VE R ie QUA de d O sen finM d E n u nn 3D lück en ›Wa

ge in G nell e De die Fra raditio ?‹ an h c t f t su t au hr die lin stat . Ver r wor Ant jedes Ja e in Be ed.com l den Krawal -plaqu n i u a @ M info

un-plaqued No 19 | 175

demo-quartett.de


DER GESUNDE MENSCHENVERSTAND / WAHRHEIT

DIE WAHRHEIT IST: ILLUSION!

Wahrheit und Illusion liegen dicht beieinander.

Unser Selbstbild und die Bedeutung, die wir

Die Suche nach der Einen lässt uns meistens die

ihm geben, bestimmen unseren Terminkalen-

Andere entdecken.

der und die Prioritäten, nach denen wir leben. Was aber würde der Welt fehlen, wenn es den

Das größte Geheimnis ist die Zukunft, deren Un-

Einzelnen von uns nicht mehr gäbe?

gewissheit unserem Bedürfnis nach Sicherheit gegenüber steht. Doch wie kann man das Unbe-

Der Tag ist dabei wie eine Glocke, die simuliert,

kannte entdecken, wenn man täglich kleine und

wir wären die bedeutendste Spezies, allein auf

große Pläne macht?

dieser Welt. Die Nacht dagegen öffnet das Fenster, das uns zum Teilchen im Universum werden

Kontrolle zu haben ist ein Gefühl, dass uns

lässt.

Wahrheit und Selbstbestimmung vermittelt. Die Zufälle des Lebens belehren uns täglich ei-

Illusionen sterben, je mehr Erfahrungen wir

nes Anderen. Was also kontrollieren wir wirk-

machen. Auf dem Weg ermöglichen sie uns al-

lich?

lerdings die tägliche Lebensfähigkeit zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Liebe ist Antrieb und Motivation für die größten Taten und stärksten Bindungen des Menschen. Aber wie wählerisch ist die Liebe, wenn ihr Entstehen auf Substanzen, wie Endorphinen und Oxytocin basiert?

176 | un-plaqued No 19

LANG LEBE DIE ILLUSION.


VITAPAN PLUS Innen vollkommen. Außen vollendet. ®

HORIZONT-ERWEITERUNG ERWÜNSCHT?

VITA shade, VITA made. Anforderungen wachsen, Bedürfnisse ändern sich. Darauf gilt

Winkelmerkmale für eine harmonischere Frontaufstellung,

es, zu antworten. Dies haben wir getan: VITAPAN PLUS ist die

verbreiterte Zahnhälse zur altersgerechten Zahnfleischgestal-

weiterentwickelte Ergänzung von VITAPAN und mit seiner mo-

tung und eine optimierte Schichtung für mehr Lebendigkeit.

dernisierten Anatomie die perfekte Symbiose aus Ästhetik

Das ist Ihr Plus an Multifunktionalität, Ästhetik und Sicher-

und Funktion. Hierzu zählen unter anderem verbesserte

heit. Das ist Ihr VITAPAN PLUS./ www.vita-zahnfabrik.com

un-plaqued frei Haus nur 20 € im Jahr: info@un-plaqued.com (auch ältere Ausgaben nachbestellbar)

un-plaqued

Foto: anna.k.o.

3420_2D

Der Klassiker unter den Frontzähnen – aus Ansprüchen neu geformt.

Profile for un-plaqued:multimedia

UN-PLAQUED 19 Wahrheit  

Die Wahrheit und nichts als die nackte Wahrheit. Das und alles andere, was Ihnen heute schon angedreht werden sollte – nichts davon lesen Si...

UN-PLAQUED 19 Wahrheit  

Die Wahrheit und nichts als die nackte Wahrheit. Das und alles andere, was Ihnen heute schon angedreht werden sollte – nichts davon lesen Si...

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