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un-plaqued #16 ETHIK

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DieEthik(altgriechischἠθική(ἐπιστήμη)ēthikē(epistēmē)„dassittliche(Verständnis)“,vonἦθος ēthos „gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, Sinnesart“, vergleiche lateinisch mos) ist eines der großen Teilgebiete der Philosophie und befasst sich mit Moral, insbesondere hinsichtlich ihrer Begründbarkeit. Cicero übersetzte als erster êthikê in den seinerzeit neuen Begriff philosophia moralis, der seitdem in der lateinsprachlichen Philosophie verwandt wurde. Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff Ethik von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte, wobei allerdings schon seit Sokrates die Ethik ins Zentrum des philosophischen Denkens gerückt war (Sokratische Wende). Hintergrund war dabei die bereits von den Sophisten vertretene Auffassung, dass es für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird. Aristoteles war der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik war somit für Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat, diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet. Die allgemeine Ethik wird heute als eine philosophische Disziplin verstanden, deren Aufgabe es ist, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzustellen. Die Ethik baut als philosophische Disziplin allein auf das Prinzip der Vernunft. Darin unterscheidet sie sich vom klassischen Selbstverständnis theologischer Ethik, die sittliche Prinzipien als in Gottes Willen begründet annimmt und insofern im Allgemeinen den Glauben an eine göttliche Offenbarung voraussetzt. Das Ziel der Ethik ist die Erarbeitung von allgemeingültigen Normen und Werten. Sie ist abzugrenzen von einer deskriptiven Ethik, die keine moralischen Urteile fällt, sondern die tatsächliche, innerhalb einer Gesellschaft gelebte Moral mit empirischen Mitteln zu beschreiben versucht. Die philosophische Disziplin Ethik (die auch als Moralphilosophie bezeichnet wird) sucht nach Antworten auf die Frage, wie in bestimmten Situationen gehandelt werden soll. Die einfachste und klassische Formulierung einer solchen Frage stammt von Immanuel Kant: „Was soll ich tun?“ Ihre Ergebnisse bestehen in anwendbaren ethischen (bzw. moralischen) Normen, die beinhalten, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Handlungen geboten, verboten oder erlaubt sind. Die Ethik ist von ihrer Zielsetzung her eine praktische Wissenschaft. Es geht ihr nicht um ein Wissen um seiner selbst willen (theoria), sondern um eine verantwortbare Praxis. Sie soll dem Menschen (in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt) Hilfen für seine sittlichen Entscheidungen liefern. Dabei kann die Ethik allerdings nur allgemeine Prinzipien guten Handelns oder ethischen Urteilens überhaupt oder Wertvorzugsurteile für bestimmte Typen von Problemsituationen begründen. Die Anwendung dieser Prinzipien auf den einzelnen Fall ist im Allgemeinen nicht durch sie leistbar, sondern Aufgabe der praktischen Urteilskraft und des geschulten Gewissens.

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Ethik ist die praktische Philosophie menschlichen Handelns.

Wikipedia

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Inhaltsverzeichnis un-plaqued 16 | Ethik

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un-plaqued #16 ETHIK

Editorial

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Was ist Ethik?

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spotted by un-plaqued!

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Ethik für Alle!

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Zur ethischen Physiognomie der Finanzkrise

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Ethische Perspektiven

26

Ethik & Monethik

38

Ästhetische Zahnheilkunde – Marketing oder Notwendigkeit?

44

Flächenobjekt? oder: Haste mal ´ne Endo?

48

Die andere Seite: Scheinbehandlung

51

Gibt es Ethik in der Lehre?

52

Panik im Studium oder: Die Normalität psychosomatischer Probleme

58

Wenn die Angst kommt...

62

Die eisige Berliner Freiheit

64

Wie schafft man gute Lehre? Interview mit Prof. Dr. Harzer

68

Menschen mit Behinderung in Deutschland

76

Mission Zahnmedizin – Operieren bei Windstärke 8

84

Kinder - Ja! Doch wann?

88

Das Bauchzahngefühl

92

Ohne Angst beim Zahnarzt - Hypnose in der Zahnmedizin

96

Applied Kinesiology (AK) - Ganzheitliche Diagnostik in der Zahnmedizin

104

Die Geheimnisse des Parodontiums

112

Frühgeburtrisiko und Parodontitis - eine neue Studie

116

Vom Schutz und Frust des Nachbarzahnes

118

Aspartam - Der bittersüße Tod?

120

Wie kommt der Kunststoff in die Tube?

126

Abrechnung - Pflicht oder Kür?

128

Mehr Sicherheit bei der Existenzgründung

132

Green Hills in the sun - Famulieren in Kenia

134

Gesunde Zähne für Gambia

144

Buchrezensionen

146

ALUMNI Nacht der Zahnmedizin 2010

148

Das aufregende Leben der Cassandra-Michelle

152

Mieze´s Music Box

156

Impressum

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Zahl der Studienanfänger durch attraktive Hochschulen erhöhen

Berlin: (hib/TEP) Die zu geringe Zahl der Studienanfänger ist ein Kernproblem für den Wissenschaftsstandort Deutschland. Das sagte der Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), Jürgen Zöllner, am Mittwoch im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Die Zahl müsse dringend erhöht werden. Dies könne etwa geschehen, wenn die Losung „Geld folgt Studierenden“ umgesetzt werde. „Es soll honoriert werden, wenn Hochschulen attraktiv für Studierende sind und diese sich deshalb für eine Hochschule entscheiden“, bekräftigte Zöllner. „Wenn Hochschulen wissen, dass sie Geld für neue Studierende bekommen, dann strengen sie sich auch an.“ Die Ursache für die vergleichsweise wenigen Studenten an ostdeutschen Hochschulen sei aber nicht eine mangelnde Attraktivität der Hochschulen. Beispielsweise gebe es in Greifswald „traumhafte Rahmenbedingungen“ für Medizinstudenten, sagte Zöllner. Die Angebote würden allerdings nicht ausreichend angenommen, und man könne niemanden zwingen, an einer bestimmten Hochschule zu studieren. „Aber man kann Anreize schaffen und die Hochschulen müssen für sich werben“, plädierte Zöllner. Daneben sprach Zöllner auch die Exzellenzinitiative an. „Die Exzellenzinitiative ist ein Wettbewerbssystem und das heißt auch, dass die Exzellenz immer wieder unter Beweis gestellt werden muss.“ Darüber müssten sich die Hochschulen im Exzellenzcluster im Klaren sein. „Denn ansonsten geht es ja nicht mehr um die Exzellenz, sondern um Privilegien“, sagte Zöllner.

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Probleme bei der Umsetzung der Bologna-Reform

Berlin: Bei der Umsetzung der Bologna-Reform hat es laut Bundesregierung Probleme gegeben. Während die Ziele dieser Bildungsreform grundsätzlich als richtig angesehen würden, bestünde jedoch Korrekturbedarf bei deren Umsetzung, schreibt die Regierung. Nachgebessert werden müsse unter anderem bei der Studierbarkeit der Studiengänge, der Modularisierung, der Anerkennung von Studienleistungen bei einem Hochschulwechsel sowie beim flexiblen Übergang von Bachelorzu Masterstudiengängen. Die Bundesregierung gibt an, die Studiensituation noch in dieser Legislaturperiode verbessern zu wollen. Bei der Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen käme auch den Hochschulen eine Schlüsselrolle zu. Mit Blick auf den Bildungsstreik im Juni 2009 heißt es in der Antwort, sei die öffentliche Diskussion dringend notwendig geworden. Ausserdem hätten sich Bund und Länder geeinigt, bis 2015 die Ausgaben für Bildung und Forschung auf zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu steigern. Darüber hinaus sollten mit der Fortführung des Hochschulpaktes, der Exzellenzinitiative und des Paktes für Forschung und Innovation bis 2019 weitere 18 Milliarden Euro zusätzlich in Bildung und Forschung investiert werden. Nach Angaben der Regierung wird trotz der Finanzund Wirtschaftskrise an der Qualifizierungsinitiative festgehalten. Die Verbesserung der Bildungsqualität sei entscheidend dafür, die Krise zu überwinden, führt die Regierung zur Begründung an.


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BZÄK fordert Erhalt des Staatsexamens für Zahnmedizinstudenten

Die Kultusministerkonferenz hat in Waren an der Müritz über die Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses beraten. Dabei wurden Schwachstellen in der Umsetzung der Reform aufgegriffen. Dies nimmt die Bundeszahnärztekammer erneut zum Anlass darauf hinzuweisen, dass die seit 50 Jahren geltende Approbationsordnung für Zahnärzte nicht zuletzt im Sinne des Patientenschutzes dringend reformbedürftig ist. „Da die Anforderungen, denen sich der Zahnarzt aufgrund der Entwicklung der Gesundheitsversorgung und der Entwicklung in der zahnmedizinischen Wissenschaft stellen muss, einem stetigen Wandel unterzogen sind, ist eine Reform der zahnärztlichen Approbationsordnung dringend erforderlich“, so der Präsident der BZÄK, Dr. Peter Engel. Die Bundeszahnärztekammer betont, dass das einheitliche und hochwertige Zahnmedizinstudium mit dem Abschluss Staatsexamen erhalten bleiben muss, da der Bachelor in der Zahnmedizin keinen berufsqualifizierenden Abschluss darstellt. BZÄK-Präsident Peter Engel warnt vor der geplanten Umsetzung. Sollten daher im Rahmen der Weiterentwicklung des Bologna-Prozesses Bachelor-/Master-Studiengänge Eingang in eine neue Approbationsordnung finden, würde dies bedeuten, dass „eine qualitätsgesicherte Ausbildung im Hinblick auf eine Befähigung des Zahnarztes zur Berufsausübung nach der Approbation zunehmend in Frage gestellt wird.

Geld alleine lockt junge Mediziner nicht mehr

Eine düstere Zukunft für die medizinische Versorgung im Osten des Landes sagt „Welt online“ voraus: „Nicht einmal Geld lockt junge Ärzte in den Osten“, schreibt die Zeitung. In den nächsten acht Jahren würden 60.000 Ärzte in Deutschland in den Ruhestand gehen. Doch der Nachwuchs fehle: „Der einstige Traumjob als ‚Gott in Weiß’ ist heute für viele junge Leute nicht mehr attraktiv“, schreibt die Zeitung. Besonders im Osten habe die düstere Zukunft bereits begonnen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) versuchen, mit finanziellen Anreizen gegenzusteuern: So zahlt die KV Sachsen-Anhalt 15.000 Euro Starthilfe, wenn ein junger Mediziner eine Praxis in einem unterversorgten Gebiet übernimmt. In Brandenburg werden gar 50.000 Euro gezahlt – plus drei Euro Extraprämie je Patient und einer Mindestumsatzgarantie. Doch das reiche den jungen Medizinern nicht, schreibt die Zeitung weiter. Die viele Arbeit und Bürokratie schrecke ab, die NachwuchsMediziner wollen mehr Zeit für Hobbys und Familie. Andreas Botzlar, Vizechef des Marburger Bundes, spricht von der „Generation Y“: „Gut ausgebildet, optimistisch und selbstbewusst“ seien diese jungen Mediziner, „und haben eine ausgeprägte Erwartungshaltung“. Sie arbeiteten lieber in Teams als in Hierarchien. „Die Angehörigen der Generation Y wollen durch Job-Entertainment bei der Stange gehalten werden“, sagt Botzlar. www.facharzt.de

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Zahnärzte engagieren sich mit Hilfsaktionen weltweit

Der Klimawandel führt zu immer mehr Überschwemmungen, Wirbelstürmen, Dürren und einem höheren Meeresspiegel. Das wird noch mehr Menschen in einen reinen Kampf ums Überleben zwingen. Eine der wichtigsten Aufgaben für die Industrienationen wäre es daher neue Strategien zu entwickeln, um in den betroffenen Gebieten mit Nothilfe-Aktionen den Folgen des Klimawandels vorzubeugen. Dabei sind heute nicht die Regierungschefs dieser Welt die wichtigsten, verlässlichen und vertrauensvollen Akteure, sondern die vielen Hilfsorganisationen und Vereinigungen. Auch im zahnärztlichen Berufsstand steht die größte der zahnärztlichen Hilfsorganisationen, die „Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte (HDZ)“, mit der die Bundeszahnärztekammer einen Kooperationsvertrag hat, vor einer der bedeutendsten gesellschaftlichen Herausforderungen: die Not in der Welt zu lindern. Mit vorbildlichem sozialem Engagement setzen sich Zahnärzte persönlich und aktiv in den Notgebieten der Welt ein und förderten in den letzten 20 Jahren über 900 Hilfsprojekte mit mehr als 20 Millionen Euro. Durch die individuelle Unterstützung eines jeden Zahnarztes, wie beispielsweise bei der Zahngold-Sammelaktion, wird das Hilfswerk in die Lage versetzt, von Afrika bis Asien von Osteuropa bis Südamerika die unterschiedlichsten Projekte zu unterstützen. Im Jahr 2008 gab die Stiftung über 950.000 € für Hilfsaktionen in aller Welt aus. Ausführliche Informationen zu den einzelnen Projekten und zur Geschichte des Hilfswerks Deutsche Zahnärzte finden sich auf der Internetsite: www.hilfswerk-z.de

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Kassen geben allein 131 Millionen Euro für Werbung aus

Die Kassen benötigen immer mehr Geld für die eigene Verwaltung, berichtet „Bild online“ heute. „Die Ausgaben stiegen im Jahr 2008 auf rund 8,3 Milliarden Euro – 75 Prozent mehr als 1991! 5,3 Milliarden Euro gehen allein für die rund 140.000 Mitarbeiter drauf“, heißt es in dem Bericht. Auch andere Ausgabenposten hätten mit der Krankenversorgung direkt nichts zu tun: 569 Millionen Euro zahlen die Kassen für Pensionen, Zusatzrenten und Altersversorgung, 545 Millionen Euro für Beiträge an Krankenkassenverbände und Vereine, 131 Millionen Euro für Werbung, 77 Millionen Euro für Reisekosten, 23 Millionen Euro für Dienstwagen. „Nur 5,7 Mio. Euro wenden die Kassen fürs Personal zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen auf.“ www.zaend.de


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Efeu ist Arzneipflanze des Jahres 2010

Dem Efeu wird dieses Jahr eine besondere Ehre zuteil: Er ist zur Arzneipflanze des Jahres 2010 gewählt worden, wie der «Studienkreis Entwicklung der Arzneipflanzenkunde» an der Universität Würzburg mitteilt. Der gemeine Efeu ist eine immergrüne, mehrjährige Pflanze, die durch Haftwurzeln in der Lage ist, an Bäumen und Mauern empor zu klettern. Der Gemeine Efeu ist der einzige einheimische Wurzelkletterer in Mitteleuropa. Fehlen Mauern oder ähnliche Klimmstützen, so überwuchert der Efeu gelegentlich flächendeckend den Boden. Efeu kann ein Höchstalter von 450 Jahren erreichen. Die unscheinbaren, kleinen, gelbgrünen Blüten stehen in halbkugeligen Dolden und erscheinen in den Monaten September bis Oktober. Mit dieser späten Blütezeit ist der Efeu eine Besonderheit innerhalb der mitteleuropäischen Flora mit ihren hauptsächlich in den Frühjahrsund Sommermonaten blühenden Pflanzen. Aufgrund dieser späten Blüte ist der Efeu eine wichtige Nahrungsquelle für Bienen, Wespen und Schwebfliegen.

Quecksilberfreisetzung nach Mobiltelefonnutzung?

(Zahn online): Eine Studie einer iranischen Universität hat festgestellt, dass die elektromagnetischen Strahlen von Mobiltelefonen dazu führen können, dass sich Quecksilber in Zahnfüllungen löst und freisetzt. Die Studie, durchgeführt von der Shiraz University of Medical Sciences, berechnete bei 14 Studenten den Anteil an Quecksilber im Urin nach Nutzung eines Mobiltelefons. Die Studie sagt: Die Mikrowellenstrahlen, die von Mobiltelefonen emittiert werden, haben signifikante Auswirkungen auf die Freisetzung von Quecksilber. Der Grund warum dies passiert, scheinen die Dichtungssysteme zur Abschirmung der Strahlen zu sein, die dem Sealer der Zahnfüllungen ähnlich sind. Weitere Untersuchen seien notwendig, schreiben die Autoren, um festzustellen, ob die Quecksilberfreisetzung andere Ursachen hat.

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Hessen: Lauschangriff im Sprechzimmer

Mit der vom Landtag verabschiedeten Novellierung des Polizeigesetzes wird im Bundesland Hessen erstmals der Lauschangriff im Sprechzimmer möglich. Ärzte sind als Träger von Berufsgeheimnissen demnach nicht mehr geschützt. Wenn Polizisten Eingriffe wie Observationen oder Abhörmaßnahmen in ärztlichen Praxen für notwendig erachten, soll dies künftig möglich sein. Solche Eingriffe belasteten das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten schwer, heißt es in einer Mitteilung der Landesärztekammer dazu. Patienten könnten sich nicht mehr darauf verlassen, dass Gespräche mit ihrem Arzt - und damit Auskünfte über seine körperlichen oder seelischen Leiden - vertraulich bleiben. „Es ist mir nach wie vor völlig unverständlich, warum Ärzte und Zahnärzte - deren Berufsausübung ohne Vertrauen der Patienten undenkbar ist - verdeckten Lauschangriffen ausgesetzt werden dürfen“, sagt BZÄK-Präsident Dr. Engel.

SMS – student meets student

SMS ist ein, von den Universitäten Münster und Freiburg initiierter, nationaler Studentenaustausch. Studenten verschiedener Universitäten aus Deutschland sollen durch dieses Pilotprojekt die Chance bekommen, schon während des Studiums einen Blick über den eigenen universitären Tellerrand zu werfen. Der Einblick in den Klinikalltag anderer Zahnkliniken, deren Lehrmeinungen, Problemlösungen und Umsetzungen soll den eigenen Horizont erweitern, sowie die Möglichkeit bieten, andere Städte und natürlich viele neue Freunde kennenzulernen. Das Projekt ist als ein einwöchiger Tapetenwechsel während eines Semesters geplant, ohne Studienzeit zu verlieren oder Ferienkurse besuchen zu müssen, aber mit der Chance neue Erfahrungen und Eindrücke aus anderen Universitäten zu sammeln. Mehr Informationen dazu in den Fachschaften der Unis Münster und Freiburg.

Dental Summer 2010 - Fortbildung am Strand

Vom 30. Juni bis zum 03. Juli 2010 findet am Timmendorfer Strand ein hochwertiges Fortbildungsprogramm mit den unterschiedlichsten Themen der Zahnmedizin statt. Von Mittwoch bis Samstag könnt ihr lernen und erleben, denn neben vielen anderen Referenten garantieren Prof. Gutowski und Prof. Samy Molcho spannende Tage. Eine ganz neue Perspektive kann auch das „Shaolin Training“ mit Gerhard Conzelmann und Mönch Shi Yan Hai eröffnen. Dabei werden Techniken zur mentalen Entspannung oder optimierten Gedankenfokussierung vermittelt.

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Das Internationale Fortbildungsinstitut mbH (IFG) hat speziell für Examenssemester und Assistenten der Zahnmedizin 250 Gratisteilnahmekarten für zwei Seminartage nach Wahl reserviert. Wer sich jetzt noch eine der begehrten Karten aus diesem Kontingent sichern möchte, sollte sich beeilen. Die Registrierung ist über www.dents.de/ifg möglich, einen Nachweis über Fachsemester oder Assistenztätigkeit muss anschließend zugeschickt werden. Wer sich vorab schon für die Inhalte einzelner Seminare interessiert, kann auf dem Portal spannende Nachberichte einzelner, ausgewählter Veranstaltungen nachlesen und sich einen ersten Eindruck verschaffen, was der DentalSummer Event zu bieten hat. Wir freuen uns auf eure Teilnahme und sehen uns im Sommer am Meer. www.dents.de/ifg www.dental-summer.de

Internationale Studenten und junge Zahnärzte treffen sich in Tschechien zum Jahreskongress der International Association of Dental Students (IADS) und Young Dentists Worldwide (YDW)

Vom 17. bis 25. Juli 2010 treffen um die 300 Studenten und junge Zahnärzte aus mehr als 30 Nationen im tschechischen Brno zum alljährlichen IADS – YDW Kongress zusammen. Neben einem umfangreichen Rahmenprogramm finden hier die Generalversammlungen der beiden Organisationen sowie einige Fachvorträge und Workshops statt. Neu in diesem Jahr wird der YDW - Young Dentists Worldwide Day - sein, bei dem der Generationenaustausch zwischen jungen Zahnärzten und Studenten gelebt wird. Die Arbeit im Ausland, Alumniorganisationen, Posterpräsentationen und Hospitationsprogramme sind nur einige Themen dieses Tages. Fachlich werden in diesem Jahr Funktionstherapie, Ästhetik und Hypnose das Programm bestimmen. Das Besondere dieser Kongresse ist jedoch der interkulturelle Austausch zwischen den

Teilnehmern und vieles von dem, was abseits des offiziellen Programms geschieht. „Man muss es erleben, um es zu verstehen“, würden die meisten Teilnehmer die Atmosphäre dieser Woche beschreiben. Wer schon immer mal Lust hatte, internationale Kontakte zu jungen Kollegen zu knüpfen, sollte sich diesen Event nicht entgehen lassen. Mehr Informationen dazu auf: www.ssscr.cz/registration.php

Applied Kinesiology Kurs für Studenten im September in Berlin

Anlässlich des Weltkongresses der Applied Kinesiology (AK) Gesellschaften in Berlin findet ein kostenfreier Einführungskurs für Studenten/Innen und junge Zahnärzte/Innen am 17.9.2010 von 15:30 bis 17:30 im Ellington Hotel, Berlin statt. AK ist eine gut reproduzierbare Ergänzung im zahnmedizinischen Alltag, u.a. wenn es um Themen wie Funktionstherapie, Materialtestung, Phantomschmerzen, Störherdgeschehen und diagnostische Fragestellungen geht. Das Gute daran ist, man benötigt hierfür keine Geräte und teure Investitionen, sondern lediglich die Fähigkeit, seine Sinne zu benutzen. Wer offen für neue Ansätze in der Medizin ist, sollte sich diesen Kurs unbedingt anschauen – ein echter un-plaqued Tip! In dieser und der nächsten Ausgabe berichten wir ausführlicher über die Methode und ihre Möglichkeiten, mehr Informationen dazu unter www.daegak2010.de und Seite 104.

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Ethik für Alle! Ethik und Moral sind Begriffe, die Normen und Grundsätze des gemeinschaftlichen Lebens von Menschen in einer funktionierenden Gesellschaft beschreiben bzw. definieren sollen. Naturgemäß variierten die ethischen Grundsätze und Ansichten über die Jahrhunderte sehr stark, so dass man sagen könnte, dass beide Begriffe von der jeweiligen Zeit und Gesellschaftsform abhängig und somit keineswegs konstante philosophische Begriffe sind.

Während noch vor einigen Jahrzehnten unterschiedliche ethische Philosophien in den verschiedenen Nationalstaaten und Religionsgemeinschaften gut voneinander abgegrenzt werden konnten, scheint nicht zuletzt die Globalisierung, aber vor allem die weiterentwickelten Kommunikationsmöglichkeiten sowie die stark anwachsende internationale Mobilität diese Grenzen aufgelöst zu haben. So ist trotz aller Nationalstaatlichkeit ein Weltbewusstsein entstanden, dass die Menschen hat näher zusammen rücken lassen. Als Konsequenz dieser Entwicklung wird es zunehmend schwerer, ethische und moralische Werte im Kontext nur einer Gesellschaftsform oder eines Landes definieren zu können. Vielmehr wird eine Notwendigkeit offenbar, ein auf den gesamten Planeten und – so totalitär es klingen mag – für alle Menschen geltendes ethisches Bewusstsein zu entwickeln. Die Ethik soll Normen und Grundsätze definieren, die ein verantwortungsbewusstes Handeln der Menschen im Sinne einer funktionierenden Gesellschaft möglich macht. Dieser Anspruch findet sich praktisch in jeder zwischenmenschlicher Situation wieder, angefangen bei den einfachsten Alltagssituationen wie dem Platz in der U-Bahn, den man für Schwangere oder ältere Menschen frei macht, über das Geld, dass man Obdachlosen oder Straßenmusikanten gibt, bis hin zu den sozialen Verhaltensstrukturen eines Freundeskreises, der sich scheinbar autark durch positive und negative Erfahrungen balanciert. 14

Andererseits ist es heute kaum mehr möglich, die ethischen Missstände außerhalb unseres Alltagshorizontes nicht wahr zu nehmen, die Augen vor Terrorismus, Kriegen und Hungersnöten in der Welt verschließen oder Unrechtsstaaten und Ausbeutung im Zuge des sozialen Gefälles zwischen erster und dritter Welt ignorieren. Auch wenn die Medien im Rahmen ihrer Berichterstattung gewisse Sättigungserscheinungen für derartige Informationen hervorrufen, müsste mittlerweile auch den letzten Menschen aufgegangen sein, dass wir, unabhängig der nationalen Herkunft und der sozialen Schicht unwiderruflich miteinander verbunden sind und sich alle Systeme gegenseitig beeinflussen. Die Diskussion um die Ethik ist eine Diskussion um Werte. Auch wenn der Einwurf ethischer Bedenken oft mit dem Vorwurf einer gewissen Verallgemeinerung und Polemik einher geht, ist die Bedeutung einer Definition dieser Werte von enormer Bedeutung für das einzelne Individuum, genau wie für das Überleben einer Gesellschaft. Die Diskussion um immaterielle Werte ist heute lange nicht mehr so einfach, wie es zu Zeiten einer stärkeren nationalstaatlichen Abgrenzung war. Durch den verstärkten Informationsfluss über Menschen außerhalb des eigenen Kulturkreises ist auch der Konflikt zwischen dem eigenen Wohl und dem anderer, scheinbar weit entfernt lebender Menschen offensichtlich geworden. Allerdings scheint es bei der Menge


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Können wir uns noch als ethisch und moralisch korrekt betrachten?

dieser Informationen über Krisen und Konflikte ein Schutzreflex zu sein, derartige Themen aus dem persönlichen Alltagsleben auszublenden. Die Frage ist, ob wir damit automatisch akzeptieren, dass manche Menschen gleicher sind als andere oder eine ungleiche Verteilung des Wohlstandes und der Güter sogar ein normaler Zustand ist? Der Umgang mit dem Klimawandel ist ein anderes Beispiel für diese Situation. Einzelne Länder, die dieses Thema mit der entsprechenden Bedeutung belegen, haben auch heute noch vor allem Beispielcharakter für die anderen Staaten, die diesem globalen Problem weniger Aufmerksamkeit schenken. Doch die Möglichkeit, ein globales Problem allein aus der Initiative weniger Länder heraus zu lösen, gibt es nicht. Wie stark diese global vernetzten Themen zunehmen, wird anhand der internationalen Verknüpfung des Handels, der Wissenschaft, des Verkehrs und auch der Militärs deutlich. Der seit einigen Jahren kursierende Begriff des „ökologischen Fußabdrucks“ hinterfragt dabei nicht zuletzt auch die Sichtweise und Gewohnheiten unseres alltäglichen Konsums. So geht es dabei nicht nur um Schadstoffe oder CO2 Ausstoß, sondern vielmehr um eine Diskussion um die Notwendigkeit und Nachhaltigkeit unseres Konsums. Mittlerweile ist klar, dass wenn alle Menschen dieses Planten ein Recht auf die optimale Versorgung einklagen würden, die in der westlichen Welt als normal gilt, der Platz auf der Erde schon lange nicht mehr ausreichen würde. 6 Hektar Land wird im Durchschnitt für die Versorgung eines der ca. 500 Millionen Europäer mit Nahrung, Energie und Gütern benötigt, Amerikaner und Chinesen liegen sogar noch darüber. Doch woher kommt die arrogante Idee, unsere Welt würde über unbegrenzte Ressourcen verfügen? Wurde der christliche Leitspruch „... füllt die Erde und macht sie euch untertan.“ etwas zu ernst genommen oder gar falsch verstanden? 16

Dass der luxuriöse Zustand unseres westlichen Versorgungsgrades nur auf Kosten des Restes der Welt, vornehmlich der „Schwellen- und Entwicklungsländer“ funktioniert, erfährt nur langsam Einzug in das Bewusstsein der Menschen der Industrienationen. Können wir uns unter diesen Umständen noch als ethisch und moralisch korrekt betrachten? Selbst wenn wir in unserer unmittelbaren Umgebung auf die Einhaltung ethischer Werte und Normen achten, so verursachen wir gleichzeitig die Probleme, die in anderen Ländern einen vergleichbaren Wohlstand verhindern. Sind wir als Einzelne machtlos, diese Situation zum Positiven zu verändern, obwohl wir machtvoll genug waren, sie mit zu verursachen? Wir, die Bürger der westlichen Industrienationen, gehören zu den privilegierten Menschen, die aufgrund ihres Wohlstandes die Möglichkeit haben, hier Unterschiede zu machen und Einfluss aus zu üben. Denn es ist eine gewisse Absicherung der Grundbedürfnisse und ein Vorhandensein von Wahlmöglichkeiten von Nöten, sich überhaupt mit derartigen Gedanken auseinander setzen zu können. Abgesehen von politischen Wahlen hat sich vor allem im Alltag eine Vielfalt an Konsummöglichkeiten entwickelt, die einen bewussten Umgang mit Ressourcen für jeden einzelnen möglich machen. Auch, ohne damit Extrakosten oder Zeitverlust zu verursachen. Produkte aus regionaler Herstellung, Fairtrade und ökologisch hergestellte Güter, Energiesparkonzepte und handwerklich produzierte Waren sind keine Außenseiterdinge mehr, sondern fast überall und jederzeit zu haben, wenn man eine bewusste Entscheidung dafür fällt. Der Erfolg dieses bewussten Konsums unterliegt der gleichen Potenzierung über die Menge der teilnehmenden Menschen, wie schon bei der Verursachung der Probleme. Ethik und Moral entwickeln sich über das Bewusstsein der Menschen, etwas, das auch


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Hat der Einzelne etwa doch Macht?

Die ärztliche Konsultation als Verkaufsgespräch?

gerne mit dem „Faktor Mensch“ umschrieben wird. Dieses Bewusstsein ist direkt abhängig von Wohlstand, Sicherheit und Glück und hat geschichtlich gesehen schon oft dazu geführt, dass Menschen sich in verstärktem Maß um Ihre Umgebung kümmern und über den eigenen Horizont hinaus handeln. Die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen, sowie die zahlreichen Einzelinitiativen im Kleinen wie im Großen zeigen, dass dieses ethisch-gesellschaftliche Bewusstsein seit langer Zeit auch auf den gesamten Planeten ausgedehnt werden kann, bis heute, jeden Tag. Zeitgleich ist zu beobachten, dass wirtschaftliche und politische Unsicherheit, ungeachtet der ethischen und moralischen Errungenschaften einer Gesellschaft, den gegenteiligen Effekt auf das Bewusstsein der Menschen hat, unter Umständen auch mit sofortiger Auswirkung auf die persönlichen Werte und Notwendigkeiten. Man kommt zur Einsicht, dass die ethischen und moralischen Errungenschaften graziler sein könnten, als man gemeinhin annimmt.

sozialen Verantwortungsbewusstsein positiv beeinflussen kann. Hat der Einzelne etwa doch Macht?

Wie irrsinnig diese Situation mitunter ist wird ebenso deutlich, wenn man bedenkt, dass wir Milliarden Euro in Form von Steuergeldern für Subventionen ausgeben, die in die herkömmlich und nicht ökologisch produzierende Landwirtschaft, Braunkohleabbau oder Atomkraftwerke fliessen und die Entwicklung unseres Fußabdrucks eher verschlechtern. Wie groß kann dagegen der Einfluss unseres alltäglichen persönlichen Konsums sein, selbst wenn man bereit ist, für nachhaltig produzierte Güter etwas mehr Geld zu investieren? Nicht zuletzt hat die gegenwärtige weltweite Finanzkrise bewiesen, wie stark die wirtschaftliche Entwicklung der Länder miteinander vernetzt und wie groß der Einfluss des Konsumverhaltens der Menschen auf die Bilanz und das Schicksal der Unternehmen ist. Das bedeutet aber auch, das ein bewusstes Konsumverhalten die Unternehmen in Hinblick auf die Nachhaltigkeit ihrer Produktion oder ihrem

Der mit uns vernetzten, Ethik und Moral verlangenden Gesellschaftssysteme gibt es viele. Das kleinste davon ist das Individuum selbst, wenn man den Anspruch hat, unabhängig von anderen mit sich selbst zufrieden zu sein. Der ständige Disput des Engels links und des Teufels rechts gehört genauso dazu, wie die Kraft eines guten Gewissens und eines ausgeglichenen Lebens. Die für uns neue Situation ist, dass sich unsere Gesellschaft über Familie, Kollegen und Freunde, die Staats- und Religionsangehörigkeit hinaus, erstmalig spürbar auf den gesamten Globus erweitert hat und sich das Wissen über die Zusammenhänge vervielfacht hat. Sich diesem Einfluss und der globalen Vernetzung zu entziehen, ja wegzuschauen ist kaum mehr möglich. Im Bereich der Medizin lassen sich ähnliche ethische Problembereiche finden. Gerade indden letzten Jahren ist offenbar geworden, wie viel Wirtschaft in der medizinischen Versorgung steckt. Neben den Pharmakonzernen und privaten Krankenhausbetreibern kommen mittlerweile Medizin fremde Investoren auf den Markt, die mit Versorgungszentren, Polikliniken und Praxisaufkäufen zunehmend an Einfluss gewinnen. Und auch wenn es sich noch nicht in die universitäre Ausbildung übertragen hat, ist der Begriff des Unternehmers auch bei den freien Arzt- uns Zahnarztpraxen nicht mehr wegzudenken. Die ärztliche Konsultation als Verkaufsgespräch? Eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten zur Diagnostik und Therapie stehen einem kranken Menschen heutzutage gegenüber, der nur selten wirklich mündig ist, eine objektive Entscheidung zu treffen. Wie sollte er das auch sein, wenn wir studieren mussten, um uns zu entscheidungsfähigen Ärzten zu entwickeln? 17


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Kann man allen Patienten die Idealversorgung zukommen lassen?

Und wer, wenn nicht wir, kann den Patienten mündig machen, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen? Wer bezahlt diese Patientenschulung bzw. wie lässt sie sich mit marktwirtschaftlichen Forderungen wie Gewinnmaximierung verknüpfen? Auch in der Medizin hat dich der gesellschaftliche Einflussbereich erweitert, stehen unseren Absolventen nicht nur die europäischen Türen weit offen, dort zu arbeiten, wo man am meisten Geld verdient, oder wo die meiste Sonne scheint. Auch konkurrieren wir mittlerweile mit polnischen und ungarischen Ärzten, sowie chinesischen und malaysischen Laboren, die zu aller Empörung sogar von den deutschen Krankenkassen empfohlen werden. Würde diese Diskussion alleinig unter ökonomischen Aspekten geführt, dürfte keiner von uns mehr mit deutschen Laboren arbeiten, da es eigentlich unwirtschaftlich ist. In dieser Situation bedarf es viel ethischer und moralischer Einstellung, den Wert des Geldes, den unsere Gesellschaft ihm verliehen hat, zu vernachlässigen und sich eben weniger ökonomisch, dafür aber patientenorientiert zu entscheiden. Die Frage, wie viel wirtschaftliche Interessen sich in der medizinischen Versorgung der Menschen verstecken darf, ist angesichts dieser Aspekte allemal berechtigt. Zurück am Patientenstuhl stehen wir täglich vor kleinen Varianten dieser Problematik. Ist eine Versorgung, die wir dem Patienten vorschlagen, wirklich die sinnvollste? Muss es immer ein Implantat oder die Vollkeramik sein? Welche Aspekte werden in einer komplexen Fragestellung am meisten hervorgehoben? Kann man allen Patienten die Idealversorgung zukommen lassen? In Deutschland beantworten die Krankenkassen viele dieser Fragen, am Ende über die Festsetzung von Leistungskatalogen und den Zuschüssen, die sie den Patienten gewähren. Dass sie in dieser Form einer modernen wis18

senschaftlichen und technisch hoch entwickelten Medizin hinterherhinken, wird in all jenen Bereichen deutlich, wo Patienten Zuzahlungen leisten müssen oder überhaupt keinen Leistungsanspruch haben. In der Zahnmedizin gilt dies bei gesetzlich Versicherten leider auch für viele präventive und minimal-invasive Methoden. Die Erklärung und die Lösungsansätze für daraus entstehende Konflikte müssen die Ärzte an die Patienten vermitteln, genauso wie diese auch mit den daraus resultierenden ethischen Gewissensfragen zurecht kommen müssen. Wenn als Konsequenz dessen immer häufiger die Kritik an einer Zweiklassenmedizin geübt wird, ist auch hier die Frage zulässig, wie ethisch ist unser Solidarsystem unter den bestehenden Machtverhältnissen noch ist? Vielleicht wird aber gerade im medizinischen Bereich deutlich, dass Gesetze und Staaten zwar viele Regeln definieren können, deren Ausführung in der Realität am Ende doch von den Ärzten und (mündigen) Patienten entschieden wird. Gerade weil es hier meist um das persönliche Wohl des Patienten geht, wird offenbar, wie viel Macht der Einzelne am Ende auf die ihn umgebenden Gesellschaftssysteme haben kann. Nicht zuletzt hat die Geschichte anhand großer Köpfe wie Galileo, Einstein und vielen anderen bewiesen, wie häufig entscheidende Veränderungen in der Gesellschaft durch Einzelne verursacht worden sind. Die Augen vor den Problemen unserer Zeit zu verschließen, funktioniert nicht mehr. Sie zu lösen ist keine Aufgabe der Regierungen und Konzerne allein, sondern unmittelbar mit unserer Verantwortung als Individuum verknüpft. Diese wahrzunehmen, ist die tägliche ethische Entscheidung jedes einzelnen Menschen. Für eine funktionierende Gesellschaft! Ingmar Dobberstein www.utopia.de


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Zur ethischen Physiognomie

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der Finanzkrise Wenn die realen Aussichten nicht so trist wären, ließe sich fast begrüßen, dass Ethik nun auch in der sonst so unethischen Finanzwelt diskutiert wird. Grund genug, ein allgemeines Nachdenken über die ethischen Dimensionen der Finanzkrise zu forcieren.

Die Finanzexperten sind vor allem Angstexperten.

doch einfach: Kundenfreundlichkeit oder Serviceoptimierung sind nichts als Alibis.

Neben allen marktökonomischen Debatten der Geldexperten waren wir unterschwellig schon vor Beginn der Finanzkrise bei einer eigentlich ethischen Diskussion angekommen. Nur lagen die ethischen Überlegungen vor der Krise im Bereich des ungehörten Gemeckers. Man darf annehmen, dass ein durchschnittlicher deutscher Staatsbürger schon seit Jahrzehnten intuitiv fühlt, dass etwas nicht stimmen kann, dass es ungerecht ist, dass es einen unüberwindbaren Graben zwischen denen da und ihm gebe. „Denen da“ das sind diejenigen, die Rechnungen schicken, die zur Kasse bitten, die alle juristischen Winkel kennen und nutzen, um noch mehr Geschäfte anzubieten.

Erstaunlich eigentlich, dass auch während die Finanzkrise immer sichtbarer wurde, die nicht zu unterschätzende ethische Komponente dieser Krise noch nicht wirklich zu Tage trat. Nachdem die Regierungen

Über Jahrzehnte hat die Liga der Geldmacher ihren Markt perfektioniert, ihn dank der Globalisierung zu einem Weltmarkt ausgerichtet. Die Finanzexperten sind vor allem Angstexperten. Größte Anstrengungen

werden vollzogen, um die Bedürfnisse und Ängste der Menschen unter dem Deckmantel der Kundenfreundlichkeit genauestens auszuloten.

Just in diesem Moment telefonieren tausende Studenten für von der Wirtschaft beauftragte Meinungsforschungsinstitute, um den Kunden gläserner zu machen, neue Zielgruppen zu erschließen und wirtschaftlich nutzbare Bedürfnisse zu befriedigen oder zu wecken. Sagen wir es

Jahrzehntelang die Wirtschaft unter neoliberalistischen Maximen haben frei florieren lassen, diskutieren sie nun staatliche Reglementierungen der Finanzwelt. Der letzte Zeitpunkt an dem

dies in großem Stil diskutiert wurde, war, als sich die Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts für unterschiedliche Wirtschaftssysteme entscheiden musste, die grundlegend durch das politische und ideologische Staatsystem bedingt waren. Kurz: Kommunismus gegen Demokratie, Planwirtschaft gegen Kapitalismus. Ein guter Grund für heutige Wirtschaftsvertreter und Politiker, eine Renaissance der Angst vor der bösen Linken zu schmieden. Denn angesichts veranschlagter Maßnahmen wie einer „staatlichen Zwangsenteignung“ fühlt man sich allzu schnell an gescheiterte Wirtschaftssysteme erinnert, die ein wunderbares Feindbild für bevorstehenden Wahlkämpfe abgegeben. Auf

der anderen Seite wittern tatsächlich auch alteingesessene Marxisten ihre Renaissance, die sich angesichts des großen kapitalistischen Scheiterns ideologisch bestätigt fühlen. 21


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Es geht um nichts anderes als ein ethischeres Wirtschaftssystem. Anfangs zögerlich, aber mittlerweile immer eindringlicher wird das nicht rechnende, sondern sich besinnende Nachdenken darüber, dass der eigentlich zu diskutierende Punkt ein ethischer ist. Es geht um nichts anderes als ein ethischeres Wirtschaftssystem. Eine Wirtschaft, die auf die Menschen ausgerichtet ist und nicht auf einzelne Lobbys von Profitierenden. Das Problem: Wirtschaftlichkeit beruht in erster Linie auf verifizierbaren Zahlen. Ethik hingegen rechnet sich nicht. Marktökonomisch gesehen ist eine ethisch ausgerichtete Wirtschaft einfach nicht gewinnmaximierend genug und damit im globalen Wettbewerb zum Scheitern verurteilt. Ein Argument das

eigentlich zeigt: Wirtschaft ist unethisch. Ethik ist ein Verlustgeschäft. Wie viele Beispiele müssen angeführt werden, um das zu untermauern? Vielleicht schauen Sie mal auf der Waschanweisungen Ihrer Kleidung nach, wo diese fabriziert wurde. Vielleicht denken Sie einmal über Niedriglöhne nach. Oder über den Standortwechsel der Firma Nokia von Deutschland nach Tschechien. Oder über die automatisierte Computerstimme, wenn Sie von der Telekom eine einfache Auskunft brauchen. Oder über Herrn Ackermann. Über Managerboni. Über Kinder, die frittierten Müll essen, um zu überleben. All dies sind die wirtschaftlichen, aber unethischen Konsequenzen eines finanziellen Weltsystems. Ethik ist ein Verlustgeschäft. Es scheint fast so, als habe sich die Welt der Finanzen von der Realität abgekoppelt, um in einem eigens von ihr und für sie konzipierten System aufzugehen, in dem der Faktor Mensch eine untergeordnete Rolle spielt. Angesichts der traurig-grotesken Konsequenzen dieser Entwicklung ist es eigentlich verwunderlich, dass erst die Krise diejenigen Stimmen laut macht, die schon seit Jahren vor dem Kollaps warnen. 22

Innerhalb dieser äußert irdischen Sphäre der Finanzkrise mischten sich zunehmend „außerirdische“ Stimmen, wie zum Beispiel die des Pontifex, der im Sommer 2009 mit seiner ersten großen Sozialenzyklia Schlagzeilen machte. Diese ist nichts anderes als ein großes Plädoyer für ein ethisches Wirtschaften und die Erinnerung an nicht-materielle, sondern geistige Werte. Die Wirtschaft brauche „für ihr korrektes Funktionieren die Ethik; nicht irgendeine Ethik, sondern eine menschenfreundliche Ethik“. Es geht nicht mehr um Geld, es geht um eine individuelle geistige Einsicht. Ist die aus dem sonst jenseitigen Vatikan kommende Schelte nun ein praxisnaher Tipp oder eine in den Geschäftsräumen ungehört verhallende Warnung? Zunächst ist sie wie die meisten Botschaften des Papstes ein ideelles Konstrukt. Eine ethische Wirtschaft würde nur dann funktionieren, wenn alle am gleichen Strang ziehen. „Alle“ bedeutet die ganze Welt. Und in diesem Punkt liegt das Problem. Aus

Angst vor den roten Zahlen wird kein Betrieb beginnen, seine Geschäfte nach ethischen Maßstäben auszurichten. An die Menschen denken bedeutet Ruin. Die

Stimme des Papstes klagt ihr Lied insbesondere aus der westlich-okzidentalen Zivilisation heraus. Also aus einer Welt kommend, die sich seit Jahrhunderten des großen ideengeschichtlichen Gutes der Vernunft rühmt. Der Begriff Vernunft wird angesichts der traurigen Realität der Krise allerdings komplett ad absurdum geführt. Unvernünftig bis ins

Mark ist die Gier derjenigen, die glaubten, man könne jahrelang Gewinne machen. Grauenhaft und menschenunwürdig sind die Konsequenzen, die diese Gier hervorgebracht hat. Vielleicht bedarf es

erst des totalen Zusammenbruchs, um allerorten den himmlischen Ideen des Papstes annähernd Gehör zu verschaffen. Bis dahin ist die Sozialenzyklia der außerweltliche Wunsch nach einem weltwirtschaftlichen Paradigmenwechsel auf einer ethischen Grundlage. Ein frommer Wunsch? Vielleicht. Ein Schritt in die richtige Richtung? Mit


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Es geht nicht mehr um Geld, es geht um eine individuelle geistige Einsicht. Sicherheit! Ist die reale Umsetzung möglich? Nein. Ich erinnere an die große Brecht´sche Dramaturgie aus „Der gute Mensch von Sezuan“, in der eine Ladenbesitzerin hin und hergerissen ist zwischen der gutmütiggebenden, also ethischen Rolle und der Kalkülen, Hartherzigen, Rechnenden, die sich ihrer Mitmenschen nicht erbarmt. Brechts Konklusion: beide Konzepte scheitern kläglich. Der Hartherzigen rennt die Kundschaft davon, die Gutmütige wird von der armen Bevölkerung ausgenommen. So finden die drei Götter in Sezuan keinen guten Menschen. Jenseits der Tatsache, dass Brecht beseelt war von der kommunistischen Idee, war er vor allem eins: ein exzellenter Finanzanalytiker, der eben jene unethischen Paradoxien der Marktökonomie als ein Grundproblem menschlichen Handels zwischen Gier und Gutmütigkeit innerhalb agitatorischer Dramaturgie literarisch darstellen konnte. Die Strategien der Regierungen erscheinen wie ein unzureichendes, kurzsichtiges Strampeln. Die finanzorientierten Diskussionen darum, wie man der Krise begegnen sollte, sind äußert interessant, denn man versucht eigentlich Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Die Strategien der Regierungen erscheinen wie ein unzureichendes, kurzsichtiges Strampeln. Es scheint fast so, als denke

man mehr an das politische Überleben in der nächsten Legislaturperiode als eine wirkliche langfristige Strategie gegen ein Übel, das sich jenseits eines einzelnen Menschenlebens entwickelt hat.

Angenommen es gebe eine Art wirtschaftlichen Darwinismus, also ein Konzept des Überlebens des Stärkeren, so müsste man sich doch eingestehen, dass die in die Krise geratenen

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Es geht nicht mehr so weiter. Konzerne scheitern sollten und sogar müssen.

Wenn wir wie aus einer Vogelperspektive einen Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten 150 Jahre wagen, wäre dann nicht die jetzige Krise wahrzunehmen wie ein überfälliges reinigendes Gewitter? Ist

die Finanzkrise ein unsichtbarer, natürlicher Vorgang? Sind die Rettungsprogramme in diesem Sinne nicht kontraproduktiv? Sollte Opel, Holzmann, Quelle, Otto und Karstadt nicht in die Pleite gehen? Ist es nicht an der Zeit, dass alte Konzepte zugunsten neuer Ideen aussterben? Erleben wir dieser Tage auf

wirtschaftlichem Niveau, wie Dinosaurier aussterben? Ist es nicht natürlich, dass die

über Jahrzehnte aufgebauten Großkonzerne jetzt in letzten Todeskrämpfen zucken, aber dennoch das Sterben unvermeidbar ist? Ist die Finanzkrise ein unsichtbarer, „natürlicher“ Vorgang?

Es scheint so, als werde deren bisheriges Handeln nun im Rahmen einer geschichtlichen Notwendigkeit abgestraft, der sie kaum noch etwas entgegen stemmen können. Das, was Jedermann seit Jahrzehnten ahnt und insgeheim vielleicht sogar hoffte, eben dass es nicht so weitergehen kann, genau das passiert doch jetzt: es geht nicht mehr so weiter. Ist es populistisch zu sagen, dass

der vermeintliche Durchschnittsbürger die finanzielle Krise im privaten Rahmen schon seit Jahren sehr gut kennt, während die elfenbeinturmartigen Chefetagen sich gegenseitig überdimensionale, unverhältnismäßige Geldmengen zuschieben?

Nun aber werden die Manager mehr und mehr aus ihrer Sphäre der Unantastbarkeit herausgerissen. Das allgemeine Gemecker gewinnt an Legitimation, Rufe nach Konsequenzen werden lauter und lauter. Und auch diesmal lässt uns der fast schon tradierte deutsche Blick nach Frankreich 24

erblassen. Denn dort hat der hier nur verbal geäußerte Protest äußerst praktische Formen angenommen: Manager werden von frustrierten Arbeitern gekidnappt, Fabriken werden besetzt, die vor der Kündigung stehenden Arbeiter von Citroen und Renault drohen mit Sprengung der Industrieanlagen. Selbst im sonst so gezügelten England sympathisieren brave Anwohner einer Kleinstadt mit Punks, die das von Steuergeldern bezahlte, aber nie bewohnte Feriendomizil eines britischen Politikerpaares besetzt haben. Wo geht das alles hin? Die Aussichten auf ein allumfassendes Umdenken sind äußerst gering. Denn hier geht es nicht um ein auf

nationalstaatlicher Ebene zu bewältigendes Problem, sondern um ein exterritoriales, das heißt von allen Grenzen unabhängiges Problem. Es ist eigentlich ein absurdes Armutszeugnis, dass die Krisenbewältigung dennoch auf nationalstaatlichem Niveau agiert.

Während sich Staaten seit Jahrzehnten mehr krampfhaft als natürlich um Konsolidierung und Zusammenarbeit bemühen, reißt die Krise alle wieder zurück auf den Boden des eigenen Landes. Plötzlich ist von Gemeinschaft weniger die Rede. Jedes Land erwägt seine eigene Krisenkonfrontation. Dabei

ist zu bedenken, dass die Krise auch diejenigen Länder betrifft, die kein empfindsames, auf ethischer Vernunft basierendes Gedankengut inne haben, wie es traditionell in Europa und Nordamerika beheimatet ist. Offensichtlich werden die Strategien eines Staates wie China andere sein, als die Methoden von Großbritannien oder Island, da hier und dort andere kulturelle und geistesgeschichtliche Traditionen etabliert sind. Während die päpstliche Vision eines ethischen, auf den Menschen ausgerichteten Finanzsystems von einer globalen, einsichtigen Haltung des Menschen abhängig ist, wird stattdessen ein Fleckenteppich des Krisenmanagements entstehen, von dem wir nicht wissen, ob er dem eigentlichen Problem gewachsen ist. Eric Weigel


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WELCHE GRENZE IST NOCH NICHT ÜBERSCHRITTEN?

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WIE VERTEILT MAN REICHTUM?

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WIEVIEL GLAUBE BRAUCHT DER MENSCH?

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WER VERDIENT UNSEREN RESPEKT?

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IN WESSEN HAND LIEGT UNSERE ZUKUNFT? 31


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WIEVIEL EINSAMKEIT VERTRÄGT DER MENSCH?

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CORPORATE IDENTITY?

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IDEALE ALS MASSENWARE?

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WIE VIELE KLASSEN BRAUCHT EINE GESELLSCHAFT?

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Text / Bertram Steiner

Ethik und Monethik

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Wenn man sich mit Begriffen, wie dem der Ethik befasst, kommt man gelegentlich in die Situation, dass – je intensiver man vorgeht – man am Ende vor mehr offenen Fragestellungen steht als zuvor. Die ärztliche Ethik ist ein vermaledeites Ding. Jeder Mensch wird etwas anderes darunter verstehen. Worauf sollte man sich also beziehen? Für den Arzt – und der Zahnarzt zählt zu dieser Spezies – gilt zunächst das Genfer Gelöbnis oder auch die Genfer Deklaration : Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Ich werde meinen Lehrern die schuldige Achtung und Dankbarkeit erweisen. Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren. Ich werde mit allen meinen Kräften die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes aufrechterhalten. Meine Kolleginnen und Kollegen sollen meine Schwestern und Brüder sein.

― Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung. Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden. Dies alles verspreche ich feierlich, frei und auf meine Ehre. ―

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Wie viel kostet ein Wal?

Arztsein ist Leben im Dienst der Menschlichkeit. Nur von Geld und Honorierung steht nichts in der Genfer Deklaration. Jedenfalls nicht direkt. Mittelbar erfahren wir schon einiges darüber. Arztsein ist Leben im Dienst der Menschlichkeit. Der Beruf muss mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausgeübt werden. Manch einer mag sagen, dass sich das doch von selbst versteht. Doch immer wenn irgendwo das Wort „Gewissen“ auftaucht, wird es kompliziert. Zunächst einmal heißt gewissenhaft für den Zahnarzt, seine Tätigkeit so auszuüben, wie es einem die Lehrer beibringen wollten. Doch wirft das auch die ersten Fragen auf: Gibt es nicht verschiedene Lehrmeinungen? Welcher sollte man dann folgen? Müssen in der Praxis vielleicht Abstriche und Kompromisse gemacht werden?

Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Medikament, das AIDS tatsächlich heilen könnte Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Medikament, das AIDS tatsächlich heilen könnte (und nicht nur den Ausbruch nach HIV-Infektion verzögert). Stellen Sie sich weiter vor, dieses 40

Medikament könnte ausschließlich aus der Leber von Blauwalen hergestellt werden und ließe sich aufgrund seiner hochkomplizierten Struktur nicht künstlich synthetisieren. Zur erfolgreichen Behandlung von 500 AIDS-Kranken benötigt man eine Blauwal-Leber. 2007 gab es weltweit über 2 Millionen AIDS-Todesfälle. Wollte man allen helfen, hätten allein 2007 über 4.000 Blauwale für das Medikament gefangen und geschlachtet werden müssen. Man schätzt, dass es 10.000 bis 20.000 Blauwale gibt. Fünf Jahre – und die Blauwale wären weg. Und dann?

Der Bedarf nach medizinischen Leistungen ist per se unendlich Was soll diese extreme Fiktion? Sie soll den Zusammenhang zwischen Bedarf und Ressource und damit die Realität der Gesundheitsversorgung in unserer Welt veranschaulichen. Der Bedarf nach medizinischen Leistungen ist per se unendlich, Ressourcen sind per se endlich. Der medizinische Forschungsbedarf ist nicht endend, der daraus folgende Behandlungsbedarf unbegrenzt. Doch wie steht es um die dafür notwendigen finanziellen Ressourcen? In der Öffentlichkeit und der Fachpresse wird gelegentlich bemängelt, dass die pharmakologische


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Forschung sich zu wenig mit der Entwicklung von Medikamenten beschäftigt, die seltenen oder seltensten Krankheiten vorbeugen, sie lindern oder gar heilen (orphan drugs). Die Begründung für diese Vorwürfe liefern die kritischen Autoren gleich mit: Da auf der Welt nur wenige Menschen an diesen speziellen Leiden erkranken, ließen sich die Kosten der dafür nötigen Forschung nicht wieder erwirtschaften. Für die Pharmaindustrie würden also nicht ausreichend „Profite“ resultieren. Nun ist es sicherlich tragisch für Menschen, die an solchen sehr seltenen Krankheiten leiden, dass die Forschung sich eher auf die Beherrschung weit verbreiteter Erkrankungen konzentriert. Wenn man nicht selbst betroffen ist, scheint es einem manchmal widersinnig, dass viel Geld in die Erforschung eines modernen Betablockers mit nur geringem Zusatznutzen gegenüber dem älteren Medikament gesteckt wird. Leicht wird daraus geschlossen, dass dieses Geld besser für die Entwicklung der Therapie einer sehr seltenen Krankheit verwendet würde. Doch wer sollte in diesem Fall für die Kosten aufkommen? Und wer entscheidet, für welche dieser seltensten Krankheiten Forschung betrieben wird? Der Monethik-Vorwurf wird gerne erhoben, wenn Ärzte oder Zahnärzte ihren Patienten Leistungen anbieten, die nicht von der gesetzlichen Kran-

Monethik: Begriffsneuschöpfung, die den Gegensatz zwischen wirtschaftlichem und ethischem Verhalten herausstellen soll, fast immer diffamierend gebraucht. Die philosophische Disziplin Ethik sucht nach Antworten auf Fragen, wie in bestimmten Situationen gehandelt werden soll. Die einfachste und klassische Formulierung solcher Fragestellungen stammt von Immanuel Kant: „Was soll ich tun?“ Ihre Ergebnisse bestehen in meist zeitgemäß anwendbaren ethischen (bzw. moralischen) Normen, die festlegen, welche Handlungen unter bestimmten Bedingungen geboten, verboten oder erlaubt sind.

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Der Monethik-Vorwurf wird gerne erhoben, wenn Ärzte oder Zahnärzte ihren Patienten Leistungen anbieten, die nicht von der gesetzlichen Krankenkasse (GKV) bezahlt werden kenkasse (GKV) bezahlt werden, sogenannte „individuelle Gesundheitsleistungen“ (IGeL). Ein Beispiel: Bis zum Juli 2006 wurde die Pneumokokken-Impfung für Kinder unter zwei Jahren nicht von der GKV bezahlt. Nachdem die Ständige Impfkommission (STIKO) diese Impfung empfohlen hatte, übernehmen die meisten gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Zuvor war sie bei Säuglingen und Kleinkindern mit gesetzlicher Krankenversicherung eine Individuelle Gesundheitsleistung. Die daraus resultierende Frage stellt sich von selbst: War diese Ex-IGeL unseriös, als sie von engagierten Ärzten in ethischer und medizinischer Eigenverantwortung als Selbstzahlerleistung angeboten und erbracht wurde?

Wie viel kostet es und wer bezahlt? Die Zahnärzte werden von Patienten besucht, die ihre Pulpitis, Gingivitis und kariösen Defekte behandelt wissen möchten, Zahnersatz wünschen oder ihre Zahnstellung und Schönheit optimieren wollen. Bereits die Zahnmedizinstudenten lernen die notwendigen Fertigkeiten, um in fast allen Fällen bei gewissenhafter Anwendung des Erlernten den Wünschen der Patienten und den Erfordernissen der Erkrankung gerecht zu werden. Doch auch die zahnärztliche Arbeit ist mit Kosten verbunden. Endodontie mit Kofferdam, Mikroskop, NiTi-Feilen und modernen Wurzelfüllmaterialien kostet mehr als To42

xavit, Hedström-Feile, Guttapercha und Kontrollaufnahme. Und schon steht die gleiche lästige Frage in unserer Praxis: Wie viel kostet es und wer bezahlt? Ist es an dieser Stelle unethisch, dem Patienten die Möglichkeit der besseren Behandlung anzubieten, nur weil er die Kosten dafür selbst tragen muss? Oder ist es eher unethisch, dem Patienten die möglichen Leistungen vorzuenthalten, nur weil die GKV die Kosten dafür nicht trägt? Laut Kassenrichtlinien für endodontische Behandlungen sind die Zähne, die weder vorhandenen Zahnersatz oder die intakte Zahnreihe erhalten, noch als wichtige prothetischer Pfeiler verwendet werden können, ohnehin ein Privatvergnügen. Ist diese Sichtweise vielleicht ethischer?

Ist diese Handlungsweise in unserer Gesellschaft noch ethisch? Dieser Beispiele existieren viele im ärztlichen und zahnärztlichen Alltag. Seit geraumer Zeit ist so die Anwendbarkeit möglicher moderner Therapien im Gegensatz zu standardisierten und einfacheren Methoden eher eine Frage des Geldes als die des Patientenwunsches geworden. Aber ist diese Handlungsweise in unserer Gesellschaft noch ethisch? Unter gewissenhafter Berücksichtigung der medizinischen Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit sollte man sich vom Monethik-Vorwurf nicht beeindrucken lassen. Wir sind verpflichtet, dem Patienten immer alle medizinischen Möglichkeiten für seine Behandlung aufzuzeigen und auch über die damit verbundenen Kosten sprechen. Erst dann kann der Patient selbst sich für einen Therapieweg entscheiden. Erst dann haben wir ärztlich und ethisch gehandelt.


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Asthetische Ä Zahnheilkunde - Marketing oder Notwendigkeit? Die ästhetische Zahnheilkunde hat in der letzten Dekade ihre Bemühungen verstärkt, als wissenschaftliche Querschnitts-Disziplin wahrgenommen zu werden. Dieses Bemühen wurde mit der Aufnahme der „Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde – DGÄZ“ in die „Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde - DGZMK“ belohnt, welche gleichzeitig die Anerkennung als wissenschaftliche Fachgesellschaft bedeutet. Einerseits ist das eine große Ehre, andererseits hat es auch erhebliche Kritik hervorgerufen. „Ästhetik macht doch jede/r Zahnarzt/in – dazu braucht es keine besondere Ausbildung und eine Wissenschaft ist es schon gar nicht“.

Ganz so einfach ist es nicht, denn gute Ästhetik verlangt eine hohe Kompetenz. Angefangen von der Ästhetikanalyse, über eine exakte Planung, bis hin zur Ausführung, die wiederum Kenntnisse darüber verlangt, welche Materialien was ermöglichen. Immer verlangen solche Behandlungen auch außergewöhnliche handwerkliche Fähigkeiten der Behandler/in und Zahntechniker/in. Sicher bemüht sich jede/r Behandler/in darum, dass die Menschen mit dem Aussehen ihres Zahnersatzes zufrieden sind. Ob dieses Bemühen allerdings von Erfolg gekrönt ist, hängt von vielen Imponderabilien ab. Da ist zunächst die Frage, was mein Patient sich für seine individuelle Ästhetik wünscht. Ist das hinreichend abgefragt und sieht sich der/die Behandler/ in in der Lage, die Vorstellungen zu erfüllen und ist das ohne Einbußen bei der Funktion möglich? Welche Materialien und Techniken machen gute Ergebnisse möglich und sichern

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dabei lange Haltbarkeit? Garantieren meine therapeutischen Fähigkeiten und die handwerklichen Fähigkeiten im zahntechnischen Labor ein gutes und nachhaltiges Ergebnis? Angesichts der Vielfalt der heute

angebotenen Möglichkeiten ist ein optimales Ergebnis sicher nur durch intensive Fort- und Weiterbildung zu sichern und diese Anforderungen an ästhetisch interessierte Zahnärzte und Zahnärztinnen, sowie Zahntechniker und Zahntechnikerinnen werden in Zukunft nicht geringer werden. Gerade weil die Ästhetische Zahnheilkunde eine Querschnitts-Disziplin ist, verlangt sie Kenntnisse in fast allen Bereichen der oralen Medizin. Angesichts dieser Forderung hat die „Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde – DGÄZ“ ein strukturiertes Fortbildungsprogramm entwickelt. Drei verschiedene Abschlüsse können in aufeinander aufbauenden Veranstaltungs-Serien erworben werden:


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1. Curriculum Ästhetische Zahnheilkunde in der Akademie Praxis und Wissenschaft – APW 2. Masterstudiengang Zahnmedizinische Ästhetik und Funktion 3. Prüfung zum „Spezialisten für Ästhetische Zahnheilkunde in der DGÄZ“ Das erfolgreich abgeschlossene Curriculum berechtigt zum Ausweisen des Tätigkeitsschwerpunktes „Ästhetische Zahnheilkunde“. Es wird in Teilen für den Masterstudiengang angerechnet. Der Masterstudiengang führt zum akademischen Titel m.sc. – master of science. Den höchsten Qualifikationsnachweis leisten die Kandidaten in der Prüfung zum „Spezialisten“. Neben wissenschaftlichen Kenntnissen weisen die Prüflinge auch herausragende praktische Fähigkeiten nach. Hier wird eine seriöse Antwort auf die Frage gegeben, was denn den ausgebildeten „Ästheten“ auszeichnet. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob ästhetische Zahnheilkunde, ob ästhetische Medizin grundsätzlich ethisch vertretbar ist? Denn immer wieder wird ernst zu nehmende Kritik an unserem Fach laut. An dieser Stelle möchte ich auf die Positionen von Prof. Giovanni Majo reagieren, dem Leiter des interdisziplinären Ethik-Zentrums an der Universität Freiburg:

Die Industrie hat die Aufgabe, Umsatz und Gewinne zu generieren. Das gilt natürlich auch für die Dentalindustrie. Wenn neue Techniken und Materialien entwickelt werden, dann um damit Geld zu verdienen. Das kann aber nur gelingen, wenn die Neuentwicklungen von der Industrie beworben werden. Damit erfährt die (interessierte) Öffentlichkeit, welche Möglichkeiten moderne Medizin bietet, aber auch welche Möglichkeiten moderne ästhetische Oralmedizin bietet. Natürlich werden diese Möglichkeiten ebenso nachgefragt, wenn eine Behandlung erforderlich wird. Insbesondere bei umfassender Beratung, die alle Behandlungsalternativen erläutern muss, wird diese Nachfrage erzeugt. Ist das unmoralisch? Ist es ethisch korrekt, dem Patienten, der Behandlung braucht, weil er krank ist, ästhetisch bessere Zahnheilkunde vorzuenthalten?

Ich bin überzeugt, dass das Angebot natürlich aussehender und ästhetischer Behandlungsergebnisse Defizitgefühle nicht verstärken kann,

„Mit der Ausrichtung auf Ästhetik verstärkt die Zahnheilkunde die Defizitgefühle des modernen Menschen.“ „Mit der Orientierung auf Ästhetik schafft die Zahnmedizin von sich aus eine neue Nachfrage.“ „Mit der Ausrichtung auf Ästhetik läuft die Zahnheilkunde Gefahr, eine Ausbeutung verunsicherter Menschen vorzunehmen.“ „Die Ausrichtung der Zahnheilkunde an der Ästhetik wird eine Kultur der Oberflächlichkeit unterstützen.“ „Eine Zahnheilkunde, die sich nur noch von Marktkategorien leiten lässt, wird keine Medizin sondern nur noch Handwerk sein.“ Was führt denn zu der beklagten Ausrichtung? 46


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wenn auch das Gegenteil nicht immer erreicht werden wird. Dass eine neue Nachfrage entsteht ist Sinn einer Innovation. Verwechselt

wird hier nur das Motiv moderner Oralmedizin. Nicht die Gewinnmaximierung steht im Vordergrund, sondern das bestmögliche Ergebnis für die Menschen, deren Wunsch das ist. Kein seriöser Mediziner

wird einem Patienten „etwas verkaufen“, was er gar nicht will. Deswegen kann auch unter ethisch korrekten Bedingungen keine Ausbeutung stattfinden. Und wie verhält es sich mit der „Kultur der Oberflächlichkeit“? Wird hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt? Sicher können Behandlungswünsche einen Hinweis auf ein oberflächliches Kulturverständnis sein. Es ist aber recht unwahrscheinlich, dass auch nur ein einziges als oberflächlich zu verstehendes Individuum weniger oberflächlich wäre, wenn es keine ästhetische Oralmedizin gäbe. Mit dem letzten Kritikpunkt bin ich absolut einverstanden! Es ist aber nicht korrekt,

eine ganze Fachdisziplin in Sippenhaft zu nehmen, weil einige Vertreter des Fachs Schindluder treiben. Dass aber die Mehrheit

der Zahnärzteschaft unethisch und unseriös handelt, bestreite ich vehement! Ästhetische Zahnheilkunde wird nur sehr selten als alleinige Leistung nachgefragt. Fast immer wird ein solcher Wunsch im Zusammenhang mit einer klassisch indizierten Behandlung zur Verbesserung des Behandlungsergebnisses geäußert. In diesem Zusammenhang ist der Vorwurf unethischen Verhaltens sicher nicht gerechtfertigt! Natürlich gibt es Defizite in der ästhetischen Zahnheilkunde, wie in der Oralmedizin überhaupt:

Wir haben es in der Vergangenheit weitgehend versäumt, den wissenschaftlichen Nachweis dafür zu führen, dass orale Medizin notwendige Prävention und Therapie ist, oder mit anderen Worten, dass

wir mit „Krankheit“ umgehen. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass dies eine Selbstverständlichkeit ist. Ist es aber leider nicht. Die Versorgungsforschung hinterfragt zunehmend solche Notwendigkeiten und hat der Kieferorthopädie bereits bescheinigt, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für ihre Notwendigkeit gibt. Auch deswegen hat die „Deutsche Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde – DGÄZ“ zusammen mit der Universität Mainz und der Schmerzklinik Mainz eine wissenschaftliche Untersuchung zur Notwendigkeit der ästhetischen Zahnheilkunde auf den Weg gebracht. Es soll mit den Mitteln der Psychologie untersucht werden, ob Ästhetik-Defizite als Krankheit zu verstehen sind und ob die ästhetische Zahnheilkunde eine geeignete Therapie anbieten kann, oder ob hier die Psychotherapie besser helfen kann und muss. Wenn es möglich ist, qua-

litativ und quantitativ relevante Aussagen zu machen, wird die Diskussion um die Notwendigkeit der ästhetischen Zahnheilkunde endlich zu einem Ergebnis führen.

Wir sind sehr gespannt, wie dieses Ergebnis aussehen wird.

Dr. Hans Otto Bermann 47


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Text / Anne

Flächenobjekt? oder: Haste mal ´ne Endo? 1P

3P 4P

JEDER VON UNS KENNT DOCH DIE SITUATION: Man bestellt einen Patienten und hat trotz hehrer ethischer Einstellung von vornherein nur ein Ziel: Die Erfüllung der Punkteanforderungen oder auch Flächenzocken genannt, wenn es geht, eine Endo, aber bloß keine weitere PZR, die kostet nur wertvolle Zeit und hilft bekanntlich nicht, die Kursanforderungen zu bestehen. Dann wird befundet was das Zeug hält, bei jeder noch so kleinen Verfärbung oder gar negativen Sensibilitätsprobe leuchten die Augen, denn diese lassen das gewünschte Ziel in greifbare Nähe rücken. 48


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Was aber tun, wenn die jeweilige Patientensituation keine Füllungsflächen oder Endos hergibt? Werden wir bereits in der Uni aufgrund dieses Flächensystems verführt oder zumindest in eine bestimmte Richtung gedrängt, dem Patienten nicht immer die für ihn beste Behandlung anzubieten? Ziehen wir Fissuren vielleicht doch noch ein bisschen weiter auf als zwingend notwendig, um die eine oder andere Fläche mehr angerechnet zu bekommen? Ziehen wir im Zweifel nicht den Eckenaufbau einer tiefen Caries profunda am 37 vor, die zwar viel dringender zu behandeln wäre, aber leider nur eine Fläche ergibt und im schlechtesten Falle sogar einen ganzen Behandlungstag kostet, weil dabei die Pulpa eröffnet werden könnte? Und welche Auswirkungen hat das für unsere berufliche Zukunft? Sehen wir nach unserem Studium die Patienten noch als solche, oder sind wir auf Flächenobjekte oder Zuzahlungen als neues und wirtschaftliches Punktesystem fixiert? Alternativ könnten die studentischen Leistungen auch durch ein Punktesystem beurteilt werden, bei dem die professionelle Zahnreinigung, ebenso wie Endos und Flächen, punktuell angerechnet werden. Aber auch dieses System birgt Fallen, denn es könnte dazu verleiten, eine PZR einem dringenden Eingriff vorzuziehen, da diese weniger nervenaufreibend ist, als beispielsweise eine schwierige Füllung zu legen. Würden wir dadurch zu „zahnhartsubstanzschonenden Putzteufeln" erzogen und erlernen so das Umgehen von eventuellen Komplikationen?

Beide Bewertungsmethoden lassen uns aufgrund von Leistungs- und Zeitdruck schwierige Behandlungen scheuen. Aber gerade in dieser Lernphase unseres Lebens sollten wir uns den Herausforderungen stellen und unser Auge für die Zukunft schulen. Wir müssen während des Studiums lernen, die richtige moralische Einstellung gegenüber dem Patienten zu haben und auch dementsprechend umzusetzen. Ebenso wie heute müssen wir uns auch in Zukunft entscheiden:

Wie viel Egoismus dürfen wir uns erlauben, um wirtschaftlich und moralisch leistungsfähig zu sein? Im medizinischen Bereich ist das eine kritische Frage, denn wir sind doppelt verantwortlich – für uns selbst, aber auch – und das ist der Unterschied zu manch anderem Beruf – für das körperliche Wohlergehen Anderer. Nicht umsonst legen wir Zahnmediziner mit dem Genfer Gelöbnis eine moderne Form des hippokratischen Eids ab, der unter anderem besagt: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handels sein“.

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un-plaqued #16 ETHIK

Das Genfer Gelöbnis hat das Posterformat ca. 75 x 59,5 cm (HxB). Offsetdruck, 4farbig auf 170 g Papier, glänzend. Preis: 42,00 Euro (+ Mwst. + Versand in Rolle) Bezugsmöglichkeit: Stefan Ternes, Tel. 06742.57 68, mail: info@ternes-design.de

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un-plaqued #16 ETHIK

Scheinbehandlung Manchmal habe ich das Gefühl ich rede mit meinen Studenten über verschiedene Dinge. Ich versuche ihnen etwas von Patientenversorgung, Behandlungskonzepten und individuellen Fallplanungen zu erzählen und sie reden von Flächen. Nach jedem Semester stellen

wir im Rahmen der Kursauswertung fest, dass einige Patienten nur für einen Befund einbestellt und darüber hinaus nicht mehr kontaktiert wurden, weil sie offensichtlich nicht genug “Baustellen” im Mund haben.

DIE ANDERE EITES

... ist der heutige Kollegennachwuchs nur noch egoistisch? Vielleicht liegt es daran, dass ich realitätsfern geworden bin, oder es liegt an einem zu starren Bewertungssystem, bei dem es vor allem auf eine bestimmte Quantität von Leistungen ankommt – oder ist der heutige Kollegennachwuchs nur noch egoistisch und geifert dem Schein nach, ohne Rücksicht auf Verluste und Patienten (= Menschen mit ernstzunehmenden, therapiebedürftigen zahnmedizinischen Volkskrankheiten)? Nennen wir dieses Phänomen mal Scheinbehandlung, denn mit ärztlichem Verhalten hat dies nicht viel zu tun. Ein Anforderungsprofil mit einer Mindestanzahl an Leistungen für klinische Kurse muss es geben, denn ohne dies würde die Ausbildung ihr Ziel verfehlen. Verschiedene Bewertungssysteme werden in verschiedenen Phasen an allen Universitäten erprobt und in Laufe der Zeit immer weiterentwickelt. Dabei begünstigen sie entweder ein invasives Vorgehen, weil z.B. nach Flächen gerechnet wird, oder sie verleiten dazu, komplizierte Situationen zu vermeiden, weil es ja auch für

Zahnreinigungen und Fluoridierungen Punkte gibt. Beides ist schlecht für die Ausbildung und unethisch dem Patienten gegenüber.

Doch wie lässt sich ein solches Dilemma lösen? Zunächst sollte vom ersten Semester an eine Berufsethik vermittelt werden. Gleichzeitig

sollte die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen endlich gelebte Realität werden und eine integrierte Betreuung der Patienten ermöglichen. Parallel müsste das

Studium durch längere Behandlungszeiträume (Studienjahre) entzerrt werden. Letzteres ließe sich nur durch eine aktivere Einflussnahme der Studierenden auf ihr Studium bewerkstelligen, doch leider gehören Zahnmediziner grundsätzlich nicht gerade zu den politisch aktiven Studentengruppen. Zu häufig findet man unter ihnen die „Backen zusammen und durch“ und „nach uns die Sinnflut“ Mentalität. Doch für ein synoptisches/ integriertes/ ganzheitliches Arbeiten in den klinischen Kursen sowie Berufsethik und Moral in der Ausbildung benötigt es die Mitarbeit aller unmittelbar Beteiligten.

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un-plaqued #16 ETHIK

Neulich diskutierte ich in der WG eines Freundes mit einer Medizinstudentin über die Studienbedingungen in der Medizin und Zahnmedizin. Zu meiner Überraschung wurde ich mit einer sehr ausgeprägten Meinung zum Zahnmedizinstudium konfrontiert. Es sei sehr stressig, die Studenten würden geschliffen wie bei der Bundeswehr, keiner würde sich trauen seine Meinung zu sagen, das Erhalten von Scheinen sei an einen „Nasenfaktor“ gekoppelt und total subjektiv, überhaupt würden Studenten eigentlich wie Menschen zweiter Klasse behandelt und eigentlich immer nur heruntergeputzt.

Brauchen wir einen Ethikcode für die Lehre? “Wie kann es sein, dass so viele Studenten erzählen, dass es sehr stressige Semester gibt und dass die Scheinvergabe nicht nur vom eigenen Fleiß abhängt. Dementsprechend häufig müssen Zahnmedizinstudenten doch verunsichert sein. Die versuchen immer nur nicht aufzufallen und in der Masse mitzuschwimmen, um möglichst wenig anzuecken und das Studium überhaupt zu schaffen.“ Das war ein Brett – bin ich doch selbst mittlerweile vier Jahre als Assistent in klinischen Kursen an einer deutschen Traditionsuniversität mit Exzellenz-Stempel und versuche eigentlich genau das Gegenteil

Kostenaufwand in vorklinischen und klinischen Praktika, in denen eine Benotung von praktischer Arbeit, größtenteils an Patienten, stattfindet.

Wie bei vielen anderen Ausbildungsgängen besteht dabei die Frage, wie die Bewertung der überwiegend praktischen Tätigkeit stattzufinden hat? Denn überspitzt gesagt

ist auch eine Person ohne jegliche Vorbildung in der Lage zu behandeln, vorausgesetzt sie bekommt jeden Schritt gesagt und hält sich an die Durchführung. Deshalb ist im curricularen Aufbau des Studiums die Theorie der Praxis vorangeschaltet. Manuelle Geschicklichkeit

Die versuchen immer nur nicht aufzufallen und in der Masse mitzuschwimmen, um möglichst wenig anzuecken und das Studium überhaupt zu schaffen.” von dem Gesagten umzusetzen. Man könnte diese Diskussion jetzt mit den Worten abtun, dass sich hier eine nicht Beteiligte nur den gefilterten Frust ihrer zahnmedizinischen Kollegen wiedergibt und eigentlich gar keine Ahnung hat. Dennoch sind auch mir einige Beispiele bekannt, bei denen eine Ausbildung nicht gerade toll abläuft. Und irgendwie war ich ja auch selber mal Student. Deshalb will ich der Frage nachgehen, woher die (Vor)Urteile der allgemeinmedizinischen Kollegin kamen? Ist das Zahnmedizinstudium vielleicht genau das: ein militärisches Spiesrutenlaufen nach Nasenfaktor oder Oberweite? Mit anderen Worten: Brauchen wir einen Ethikcode für die Lehre?

Das Hauptcharakteristikum des Zahnmedizinstudiums ist der hohe Anteil praktischer Ausbildung. Neben den theoretischen Grundlagen bedeutet dies einen hohen Zeit- und

und vor allem die praktische Anwendung des theoretischen Wissens sind Eckpunkte, die in der Leistungsbewertung der klinischen Kurse berücksichtigt werden. Natürlich unterliegt vor allem die Bewertung der manuellen Geschicklichkeit vielen „weichen Faktoren“. Die Frage, wann eine Füllung suffizient ist, wird sicherlich von jedem Zahnarzt unterschiedlich beantwortet. Ähnlich schwierig zu beurteilen ist die Fähigkeit, eine umfassende Diagnostik und Behandlungsplanung durchzuführen. Gerade dies ist ein Bereich, der Qualitätsstandards erfordert, die auch abgeprüft werden müssen. Eine Benotung oder Bewertung von Leistungen ist nicht unethisch. Sie ist aus pädagogischen Gesichtspunkten sinnvoll, denn eine Benotung kann Bestätigung, Belohnung oder auch Motivation sein, um besser zu werden. Fragt man Studierende

wird immer wieder deutlich, dass alle 53


un-plaqued #16 ETHIK

ausdrücklich eine Beurteilung und Differenzierung ihrer Leistungen wünschen. Gleichzeitig, kann es aber auch eine bittere Pille sein, wenn

man die Beurteilung „nicht genügend“ erhält und nicht besteht. Dafür ist eine Benotung aber da, um Defizite aufzuzeigen und wenn notwendig gegebenenfalls auch auszusortieren. Letztenendes ist dies eine Maßnahme zur Qualitätssicherung der Zahnheilkunde. Das klingt hart, ist aber auch fair, denn nicht selten liegt eine falsche Studienwahl zu Grunde und die/ der Betroffene hätte später Probleme und wenig Freude im Beruf. Aber gerade diese Einsicht ist nicht immer präsent. Ich denke, dass bei nüchterner Betrachtung die meisten Beteiligten der gleichen Meinung sein werden. Wieso hat das Zahnmedizinstudium trotzdem dieses Militärimage? Vielleicht liegt es daran, dass im ausklingenden Zeitalter der ZVS immer noch alle Studierenden gleich zu sein scheinen. Grundgedanke der ZVS war die zentrale, unabhängige Verteilung der Studienplätze ohne finanzielle Beschränkungen, Nasenfaktor und ohne Vitamin-B-vermittelte Studienplätze von Vati. Gleichzeitig verhindert die ZVS aber, dass engagierte Studienbewerber, die nicht das beste Abitur oder die meisten Wartesemester haben einen Studienplatz bekommen. Die Mentalität des „Gleichseins“ steckt immer noch in den Köpfen der Studierenden. Es herrscht weitläufig die

Meinung, alle Kommilitonen seien gleich motiviert, gleich talentiert, gleich schnell beim Behandeln und gleich schnell beim Lernen. Und

wenn es im klinischen Kurs nicht klappt, sind häufig die Patienten oder die schwierigen CP-Füllungen schuld, denn bei allen anderen Studierenden und ihren Patienten sind die Situationen ja nie so schwer. Ein weiterer zugegebener Maßen subjektiver Eindruck ist, dass immer mehr Studierende mit einer Einstellung in die Kurse gehen, die in die Richtung geht: ich muss clever sein, ich muss auch mal ein bisschen mogeln, damit ich den Schein bekomme. Mit normalen Mitteln schaffe ich es sowieso nicht. Das ist bedenklich, denn es lenkt von der eigentlichen Aufgabe des richtigen Erlernens einer Behandlung ab. In der Folge wird nicht kritisch befundet, diagnostiziert und behandelt oder auch die Planungen der Kursassistenten hinterfragt. Es wird schlichtweg nicht selber gedacht und Verantwortung übernommen. Es wird nach dem Motto gehandelt: „ich funktioniere nur und tue nur das was man mir sagt, dann bin ich nicht verantwortlich und kann deshalb auch keinen Ärger kriegen“ – traurig. Der Ton macht Musik

Dieses abgedroschene Sprichwort passt auch in diesem Zusammenhang. Nehmen wir den Alltag in einem klinischen Behandlungskurs im neunten Semester einer traditionsreichen deutschen Fakultät. Auffallend ist, wie oft

Studierende in einem Modus laufen, der auf „ich muss funktionieren“ gestellt ist. Im Semester werden unliebsame Indikationen vermieden, lieber

schicke ich den Patienten mit der CP nach Hause und sage dem Assistenten, dass er nicht mehr kommen konnte, als die Füllung selber zu legen, eine Endo durchzuführen, eventuell „nur“ zwei Flächen zu machen und einen Behandlungstag „zu verlieren“. Dies ist leider eine gängige Meinung. 52


un-plaqued #16 ETHIK

Eine Benotung oder Bewertung von Leistungen ist nicht unethisch.

Die Mentalität des „Gleichseins“ steckt immer noch in den Köpfen der Studierenden.

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un-plaqued #16 ETHIK

Die Frage ist, woher diese Angst kommt? Eine ehrliche Meinung sagt niemand, der noch seinen Schein will. Erst im „inoffiziellen“ Gespräch abends beim Bier oder außerhalb des Kurses wird klar, dass die blanke Angst irgendwo im Laufe des Studiums entstanden ist. Das größte Problem scheint

zu sein, dass nicht ausreichend erklärt wird, weshalb praktische Leistungen nicht in Ordnung sind. Dies führt dann zum Gefühl der Willkür und die Betroffenen fangen an, sich nur nach dem Willen des Assistenten zu richten. In der Folge geht es nicht mehr um das kritische, selbstständige Lernen und darum, Verantwortung übernehmen, sondern sich nur noch darum sich nach den Testaten und Anforderungen zu richten. Sehen so mündige Zahnärzte aus? Es darf gar nicht dazu kommen, daß Angst herrscht. Was ist also die Lösung des Ganzen? In erster Linie darf es gar nicht dazu kommen, dass Angst herrscht. Nach meiner Meinung kommen an dieser Stelle der Ton und die Musik ins Spiel. Kritik muss sinnvoll, aber auch konstruktiv geäußert werden. Die Vermittlung von Kritik und die Erklärung, weshalb Leistungen gut oder schlecht sind, sind wichtige Bestandteile der praktischen Lehre. Gleichzeitig stehen Studierende in dieser Beziehung in einer „Holpflicht“ dieser Kritik sowie der eigenen Verantwortung, sich dieser auch anzunehmen. Des Weiteren müssen sie sich theoretisch weiterentwickeln, um mit sich selber kritisch sein zu können. Allein dadurch lassen sich viele Fehler vermeiden und der fachliche Austausch zwischen Student und Assistent findet auf einem höheren Niveau statt. Somit ist die theoretische Ausbildung eine wichtige Stellschraube, denn diese Grundlagen sind das Rüstzeug für die Praxis. Ein Grundproblem

des Zahnmedizinstudiums ist, dass es sehr verschult ist. Es werden Vorlesungen und Seminare besucht und Klausuren geschrieben. Wissen wird aber selten 56

vernetzt und in komplexen, realitätsnahen Fällen abgefragt oder angewandt.

Nur wenige Universitäten bieten Problem Based Learning an und nur selten sind Hausarbeiten oder Fallpräsentationen in der Studienordnung verankert. Diese Situation ist für das selbständige Denken der Studierenden wenig förderlich. Eine weitere Stellschraube ist die menschliche Komponente der Patientenführung. Der Patient muss

nach allen ethischen und moralischen Grundsätzen der Medizin behandelt werden. Denn wer heute nur auf die Testatkarte schielt, wird später genauso auf die eigene Geldbörse schielen. Würde das

zu falschen Indikationsstellungen führen, ist eine moralisch ethisch korrekte Behandlung in großer Gefahr. Aus diesem Grund sollte Medizinethik als Bestandteil der Ausbildung in den Curricula unbedingt zu finden sein. Eine gute Berufsethik reflektiert das eigene Handeln, den Umgang mit Kollegen (Kommilitonen) und Patienten. Das kleine Fazit ist, dass der menschliche Umgang in einem klinischen Kurs der Hauptfaktor für eine positive Lernatmosphäre ist. Dieser wird maßgeblich durch das Engagement der Studierenden und Kursassistenten bestimmt. Ein Verständnis für die Probleme im Ablauf des gesamten Zahnmedizinstudiums bei den Lehrenden ohne absolute Orientierung auf das eigene Fach ist hilfreich. Gleichzeitig kann der Lernwille und das Verständnis für synoptisches Behandeln, ohne den permanenten Blick der Studierenden auf ihre Testatkarte, erwartet werden. Auch gibt es Organisationsformen des Studiums (Bsp. Integrierte Kurse, POL), die das Engagement der Studenten fördern können. Dennoch wird der Erfolg unter dem Strich immer an den Menschen und ihrer Zusammenarbeit liegen – an ihrer Motivation, ihrer Philosophie, ihrem Fachwissen und ihren zwischenmenschlichen Qualitäten. Hans Christian Lux


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un-plaqued #16 UN-P ∕ 16 - ETHIK Laboratorium

difficile

Text / Christoph

PANIK IM STUDIUM

oder die Normalität psychosomatischer Probleme 58


un-plaqued #16 ETHIK

6 Uhr, der Wecker hat noch nicht geklingelt. Braucht er heute auch nicht, denn es ist der erste Tag der Semesterferien. Endlich frei, endlich ausschlafen. Trotzdem liege ich wach. Wahrscheinlich hat sich mein Körper bereits daran gewöhnt, um diese Zeit jeglicher Müdigkeit zu trotzen. Einen kurzen Augenblick denke ich an die stressigen Tage der letzten Wochen zurück und bin froh, den PHK1 (ein Nachholkurs, da nicht genügend Plätze vorhanden waren), und vier Klausuren in 3 Wochen gemeistert zu haben. Auch wenn es eine sehr kraftraubende Zeit war – Kurs von 7.30 Uhr bis 17.00 Uhr und anschließendes Lernen für die Klausuren – bin ich doch froh das vierte Semester gut gemeistert zu haben. Endlich ist alles vorbei. Heute muss ein guter Tag sein, denn schließlich habe ich Geburtstag. Mit diesem Gedanken stehe ich auf und freue mich auf die nächsten Stunden.

Es wird ein schöner und entspannter Tag, frei von jedem Stress. Ich bin glücklich, habe endlich Zeit zum durchatmen. Doch was war das? Es ging nicht! Beim Abendessen stockte mir plötzlich der Atem. Ich bekomme schlecht Luft, habe Angst zu ersticken, Puls und Blutdruck steigen – eine Panikattacke zwingt sich in mein Leben.

Ich bin glücklich, habe endlich Zeit zum durchatmen. Nicht nur an diesem Abend fand ich mich plötzlich in der Notaufnahme der Uni-Klinik wieder, ohne dass etwas gefunden wurde. Eine kleine Arzt- und Krankenhaus-Odyssee begann und niemand konnte mir genau sagen was mit mir los war – anscheinend bin ich vollkommen gesund.

Habe ich mir das alles nur eingebildet? Habe ich mir das alles nur eingebildet? In der Hoffnung auf Hilfe begebe ich mich in eine Psychotherapie. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits zu Hause einsperrt, mich nicht mehr raus getraut, meine komplette Aufmerksamkeit wie Scheinwerfer auf meinen eigenen Körper gerichtet und jedes kleine Anzeichen als weiteres Symptom für eine unerkannte Krankheit gehalten. In der Therapie wurde mir gesagt, dass die von mir gezeigten Beschwerden deutlich zu einer psychosomatischen Reaktion passten. Verwundert darüber, dass die Psyche eine solche Macht über den Körper hat, war ich anfangs noch etwas ungläubig, doch auch froh, dass mir scheinbar doch jemand helfen konnte. 59


un-plaqued #16 ETHIK

Demzufolge befinde ich mich mitten in einem Burn-out, einem psychovegetativen Erschöpfungssyndrom oder wie auch immer man diese Reaktion meines Körpers nennen kann - und das im Alter von 23 Jahren. Woche für Woche geht es mir ein wenig besser; auch wenn es immer nur kleine Schritte sind und ab und an auch welche in die andere Richtung. Ich habe gelernt damit zu leben, den Alltag zu meistern und hoffe das Ganze irgendwann vollkommen zur Vergangenheit zählen zu dürfen. Mittlerweile ist auch das darauf folgende Semester seit wenigen Tagen vorbei und ich bin froh und teilweise auch stolz, die Zeit ohne einen weiteren Rückfall überstanden zu haben - auch wenn die Symptome eigentlich nie vollkommen verschwunden sind.

P IK NIK AN PA

Sicherlich werden auch im weiteren Studium und im Berufsalltag einige Stresssituationen zu meistern sein und immer wieder wird man an seine Grenzen gelangen. Ich nehme an, dass es nicht nur mir so geht, da dieses Studium und alles was damit verbunden ist, vielen Kommilitonen einiges an Kraft abverlangt und es immer wieder Situationen gibt, in denen man nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Jedem, bei dem sich das Studium in einem körperlichen Leiden widerspiegelt, schlaflose Nächte bereitet oder auf irgendeine andere Art und Weise unangenehm wird, sollen diese Zeilen ein wenig Hoffnung machen. Sie sollen Ansporn sein und Euch auf Eurem Weg begleiten, genauso wie das Schreiben dieses Textes mir dazu verhilft, ein wenig zur Besserung beizutragen. Jedem der eine ähnliche Situation kennt oder gerade durchlebt wünsche ich für die Zukunft alles Gute und hoffe, dass es für die Anderen ein Fingerzeig dessen ist, was passieren kann, wenn man während des Studiums nicht auf seine Kräfte achtet. 60

PANIK IM STUDIUM oder die Normalität psychosomatischer Probleme


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un-plaqued #16 ETHIK

Wenn die Angst kommt... GRUNDSÄTZLICH IST ANGST EIN NATÜRLICHES GEFÜHL, WELCHES UNS VOR GEFAHREN WARNEN UND UNSEREN KÖRPER IN EINE ERHÖHTE HANDLUNGSBEREITSCHAFT SETZEN SOLL. IST DIESE FEINE WAHRNEHMUNG ZUR UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN GEFÄHRLICHEN UND HARMLOSEN SITUATIONEN BEEINTRÄCHTIGT, SPRICHT MAN IM ALLGEMEINEN VON ANGSTSTÖRUNGEN. IM GEGENSATZ ZU ANDEREN ERKRANKUNGEN IST BEI DIESER ART DER PSYCHISCHEN STÖRUNG DAS DENKEN UND HANDELN DES BETROFFENEN UNVERÄNDERT, SO DASS ES SICH UM KEINE ECHTE PSYCHIATRISCHE ERKRANKUNG HANDELT, WIE ZUM BEISPIEL IM FALLE VON PSYCHOSEN. FÜR DIE BETROFFENEN MENSCHEN SIND ANGSTSTÖRUNGEN DENNOCH SEHR BELASTEND, GERADE WEIL MAN KAUM WEISS, WIE MAN MIT IHNEN UMGEHEN SOLL. 62

Symptome der Angststörungen sind Herzflattern, Schwindel, Übelkeit, Schwitzen sowie Beklemmungsgefühle, die man in Angst- oder auch Fluchtsituationen bekommt. In Bezug auf die auslösenden Situationen unterscheidet man verschiedene Angststörungen. Treten Angst- oder Panikattacken in Menschenmengen, beim alleine sein, auf weiten Plätzen und an Supermarktkassen auf, ist die Diagnose zumeist Agoraphobie – die Platzangst, welche sich dabei allerdings weder auf zu viel oder zu wenig Platz bezieht. Da die Symptome oft mit anderen Krankheiten in Verbindung gebracht werden, liegt der Gang zum Arzt nahe. Besonders starke Panikattacken werden von den Betroffenen oft mit Herzinfarkten in Verbindung gebracht. Interessanterweise kommt es jedoch meist in Ruhephasen zu Panikattacken, während die Betroffenen beim Sport weniger bis keine Probleme haben. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre bis eine Panikstörung diagnostiziert wird, auf dem Weg dahin konsultieren die Patienten vielerlei Ärzte. Oft fürchten sie, während akuter Panikattacken zu sterben oder verrückt zu werden, wobei Panikpatienten meist ganz normale Menschen wie du und ich sind. Die Ursachen, die Angststörungen auslösen, sind bisher nur teilweise bekannt. Es gilt als sicher, dass die genetische Disposition eine Rolle bei Angststörungen spielt, darüber hinaus existiert die Hypothese, dass eine fehlerhafte Messung des Blutsauerstoffgehaltes zu Panikattacken führen kann. Die körperlichen Symptome werden hauptsächlich durch das Hyperventilieren hervorgerufen, auch wenn dies von den Betroffenen selbst kaum wahrgenommen wird. Experten geben weiterhin an, dass psychisch belastende Umstände wie Stress in Familie und Beruf Angst und Panik hervorrufen können. Oft tritt dies zeitlich verzögert ein, weswegen der diagnostische Zusammenhang schwer zu erkennen ist.


un-plaqued #16 ETHIK

Panikstörungen und Agoraphobie treten oft zusammen auf, wobei sie vor allem dann problematisch werden, wenn die Betroffenen anfangen, die Situationen zu meiden, in denen sie die Angst verspüren. Die Patienten schränken sich sozial ein und der Teufelskreis nimmt seinen Lauf. Die Angst vorm Zahnarzt zählt ebenso zu den Angststörungen und ist eine Einfache Phobie. Darüber hinaus gibt es die Generalisierte Angststörung, welche durch unbegründete Ängste gekennzeichnet ist, die den Patienten dauerhaft begleiten ohne dass eine Ursache oder ein Zusammenhang erkennbar ist. Die Behandlung von Angststörungen erfolgt in erster Linie mit Hilfe der Psychotherapie, in vielen Fällen mit Verhaltenstherapie. Der Patient lernt dabei die Reaktionen seines Körpers besser einzuschätzen und die psychischen Hintergründe zu verstehen. Ist der Patient in seinem Lebensablauf

sehr stark eingeschränkt, können Antidepressiva und andere Beruhigungsmittel helfen. Erst seit wenigen Jahren wird die Panikstörung als eigenständige Erkrankung anerkannt, obwohl bereits Hippokrates Panikattacken beschrieben hat. Diejenigen, die befürchten unter einer Angststörung zu leiden, sollten mit Freunden und einem Therapeuten darüber sprechen. Studien zufolge leiden 15 % der Menschen im Laufe ihres Lebens unter einer behandlungswürdigen Angststörung. Es ist also recht wahrscheinlich, dass jeder in seinem Umfeld Betroffene kennt. Schließlich litt sogar Goethe nachweislich unter Agoraphobie, wobei er sich selbst therapierte, indem er sich den Angst hervorrufenden Situationen stellte. Für die Betroffenen sollte gelten: mindert den Stress, vermeidet möglichst nichts und konsultiert professionelle Hilfe, damit das Leben nicht zur eigenen Falle wird.

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un-plaqued #16 ETHIK

be scheuert


un-plaqued #16 ETHIK

Die eisige Berliner Freiheit endet der:„...Winter noch fliehend Schauer körnigen Ei es…“ Frühling – das ist Symbol für Aufbruch, neue Ideen, gute Vorsätze. So im Leben, so mit einer neuen Ausgabe der UN-PLAQUED und so auch an der Uni? Nutzen wir diese Zeit, um einmal nachzusehen, ob es auch an der Hauptstädtischen Universitäts-Zahnklinik einen Frühlingsaufbruch gibt, ob endlich die zuletzt in der UN-PLAQUED geschilderten Probleme gelöst worden sind.

Eine Nachfrage bei den aktiven Berliner Kommilitonen ergab dann auch ein zum Frühlingsbild passendes Ergebnis, wenn auch eher als eine Reminiszenz an Goethes Osterspaziergang. Denn auch an der Zahnklinik sendet der „Winter noch fliehend Schauer körnigen Eises…“ Für den „vergehenden Winter“ mag in diesem Gleichnis Prof. Freesmeyer stehen, der momentan über das Pensionsalter hinaus noch für ein weiteres Jahr die Geschicke der Prothetik leitet. Das ist eine durchaus übliche Methode, die Zeit bis zum Antritt eines neuen Ordinarius zu überbrücken. Und in der Regel sieht der Verlängerte seine Hauptaufgabe in der geordneten Übergabe. Nicht so in Berlin: Hier greift der Verlängerte in seinem letzten Dienst-Semester noch einmal kräftig in die Speichen des Rades.

Allerdings nicht, um diesem neuen Schwung zu verleihen, sondern um den Karren aufzuhalten.

Aber konkret: Seit der letzten ZahnklinikFusion gibt es eine neue Studienordnung für die Klinischen Kurse. Im Vorgriff auf die neue Approbationsordnung einigte man sich auf integrierte Kurse der Zahnerhaltung, Prothetik und Parodontologie. Die Studierenden haben also ab dem 7. Semester parallel laufend an jeweils zwei Tagen der Woche Prothetik

und Zahnerhaltung/Paro. Das klingt nach Riesenstreß, ist es aber nicht, wie alle Studies bestätigten, die den Kurs bereits hinter sich brachten. Denn der große Vorteil ist, dass man nicht mehr „Kronen, Modellgüsse, Zweiflächige oder Dreiwurzelige“ behandelt, sondern Patienten mit verschiedenen Zahnproblemen, die oft genug in engem Zusammenhang stehen.

Bei denen also nach PZR und parallel zur Paro-Therapie einige Zähne rausmüssen, eine unschöne Frontzahnlücke interimistisch versorgt wird und am Ende auf zwei Teilkronen und einer Vollkrone eine komfortable (und kassengerechte) Prothese drauf kommt. Dass man diese Zusammenhänge nicht von Beginn an überblicken kann, ist schon klar. Aber eigens dafür beschäftigt die Universität ja die berühmten wissenschaftlichen Mitarbeiter. Die bekommen Geld dafür, den Studierenden nicht nur Krone, Modellguß und Zweiflächenfüllung einzutrichtern, sondern auch, um eben diesen Zusammenhang zu lehren. Sicher, für Alteingesessene mag das ein ziemlicher Umbruch in der Lehrtradition sein. Das war schon immer so. Glücklicherweise

ließen aber die Alteingesessenen oft ihren jüngeren Kollegen die Chance, den Nutzen des bisher schier Undenkbaren zu zeigen. Wäre das im Laufe der letzten 65


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Wäre das im Laufe der letzten 2.000 Jahre nicht so gewesen, würden wir heute womöglich immer noch eine Pulpitis mit Erde, Wasser, Feuer und Luft zu heilen versuchen. 2.000 Jahre nicht so gewesen, würden wir heute womöglich immer noch eine Pulpitis mit Erde, Wasser, Feuer und Luft zu heilen versuchen.

An der Berliner Zahnklinik aber ticken die Uhren mitunter anders, also beschloß Prof. Freesmeyer, in seinem letzten Semester wieder „Ordnung“ in seinen Prothetikkurs zu bringen und kippte für das 7. / 8. Semester wieder diese Integration. Ihm zur Seite der Chef der Zahnerhaltung, Prof. Kielbassa. Sie machten pünktlich zum Osterfest einen neuen Plan, der wenigstens nach außen hin den Schein wahren sollte: im 7. Semester läuft nur Kons, in den letzten beiden Semesterwochen darf dann der Vorkurs der Prothetik stattfinden (Abformkurs und Probepräparieren am Gipskopf). Im 8. Semester gibt’s zunächst dreimal wöchentlich Prothetik und einmal Kons, zum Ende des Semesters dann nur noch Prothetik. Die Begründung war schnell gefunden: Die Studierenden seien heillos überfordert, diese Änderung erfolge nur in ihrem Sinne. Man müsse in der Kons mehr Termine in rascher Folge haben, damit die Patienten schnell saniert würden, anstatt frustriert den Zahnarzt zu wechseln. Man müsse den Studierenden vor der Arbeit am Patienten ganz dringend erst mal die Zahnersatzplanung beibringen. Diese Begründungen lösten sich aber rasch in Wohlgefallen auf: Zum 1. versicherten die vermeintlich Leidtragenden sofort, sie hätten gar kein Leid an den integrierten Kursen getragen. Im Gegenteil, sie wünschten sich sogar mehr davon. 66

Zum 2. zeigt der neue Kursplan, dass die Kons im 8. Semester mit ihrem einsamen Kurstag pro Woche (und drei Studenten an einem Stuhl) Termine nur im Drei-WochenRhythmus vergeben kann. Eine wahrlich „rasche Terminfolge“. Und auch zum 3. nur Fehlanzeige, denn das Thema Zahnersatzplanung ist auch jetzt nicht vor dem Prothetikkurs, sondern erst in der Mitte des 8. Semesters dran, wenn alle Planungen längst gelaufen sein müssen. Würden die beteiligten Professoren eine wissenschaftliche Arbeit auf so wackligen Beinen einreichen, man schlüge sie ihnen hohnlachend um die Ohren. Wozu also diese Änderung, wenn es keine ernsthafte Begründung dafür gibt? Genau das fragten sich auch die Mitarbeiter aus Kons und Prothetik, die selber erst kurz vor Kursbeginn von ihrem „Glück“ erfuhren. Denen sagte

man, die Kollegen der jeweils anderen Abteilung hätten das so gewollt.

Wozu also diese Änderung, wenn es keine ernsthafte Begründung dafür gibt? Jetzt aber trat das Dekanat auf den Plan. Auch dort hatten die Studierenden protestiert, nachdem ihre Briefe an die Zahn-Professoren unbeantwortet blieben. Das Dekanat rechnete nun vor, dass diese Änderung nicht der Studienordnung entspräche und forderte deren strikte Einhaltung. Und noch mehr: Es

verlangte sogar, etwaige Änderungen mit den Beteiligten zu diskutieren und damit eine Evaluation der vergangenen Kurse zu verbinden. Das klingt vernünftig und entspräche den Gepflogenheiten einer wissenschaftlichen Einrichtung namens Universität. Und es würde die

Uni davor schützen, dass diejenigen, die den Anforderungen noch nicht gewachsen waren, am Ende des 8. Semesters anstatt zu wiederholen mal eben einen Rechtsanwalt einschalten, der dann erstens auf die Nichteinhaltung der Studienordnung und zweitens auf seine Bankverbindung verweist. Und beides wahrscheinlich erfolgreich.


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Aber, wie gesagt, an der Berliner Zahnklinik ticken die Professoren etwas anders. Ist man nicht frei in Lehre und Forschung? Also Augen zu und durch! Das Dekanat hat Forderungen? Aussitzen! Lehrkonzepte mit den Studierenden diskutieren? Absurd! Die Erfahrungen der Assistenten einholen? Das fehlte noch! Eine ernsthafte Evaluation anstellen? Ehrabschneidung! Kürzer kann man das Psychogramm der hiesigen Professorenschaft nicht zeichnen. Man macht es den beiden Professoren aber auch sehr leicht: Dem pathetischem Theaterdonner aus dem Dekanat folgte nämlich... NICHTS. Keine Nachfrage, keine Kontrolle, kein Interesse. Ob man sich dort wundert, dass die Berliner Zahnmedizin im letzten Hochschulranking auf Platz 28 abgerutscht ist? Ich glaube eher: kein Interesse, keine Nachfrage.

Lehrkonzepte mit den Studierenden diskutieren? Absurd!

Fliehend noch sandte er seiner Klinik Schauer körnigen Eises aus der Tradition der frühen 60er Jahre... Aber noch ist die Frage offen, warum diese Aktion jetzt so verbissen übers Knie gebrochen werden musste? Es scheint nur eine Antwort denkbar: Wenn Prof. Freesmeyer im Herbst 2010 in den verspäteten Ruhestand geht, wird er die Genugtuung mitnehmen können, sich am Ende doch gegen den ungeliebten integrierten Kurs durchgesetzt zu haben. Frei nach Goethe: Fliehend noch sandte er seiner Klinik Schauer körnigen Eises aus der Tradition der frühen 60er Jahre... Ein Jammer, wie die Lebensleistung eines Wissenschaftlers zum Ende seiner Laufbahn derart selbstbeschädigt wird. Ach ja - fast vergessen: Die Leser erwarten vielleicht die alljährliche Meldung, ob es nun endlich wieder ein Ordinariat für Parodontologie in Berlin gibt. Nein, keine Spur. Die Charité überlegt auch 2010 noch, ob dieses Fach für Zahnmedizinstudenten relevant sein könnte. Krysztina S.

(den vielen ungenannten Informanten aus den klinischen Semestern dankend)

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Wie schafft man gute Lehre? Interview mit Prof. Dr. Winfried Harzer, Geschäftsführender Direktor und Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie, Zentrum für ZMK an der Universität Dresden, Präsident der Association for Dental Education in Europe (ADEE)

Prof. Dr. Winfried Harzer begann seine zahnmedizinische Tätigkeit nach dem Studium in Jena und Dresden an der Klinik und Poliklinik für MKG Chirurgie in Dresden. Nach erfolgter Facharztausbildung in der Kinderstomatologie fand er Mitte der siebziger Jahre zur Kieferorthopädie und wurde 1979 Facharzt für KFO. 1987 wurde er zum Professor der Kieferorthopädie an der Medizinischen Akademie in Dresden berufen, nachdem er seine Habilitation zum Thema: “Zur Genetik der Zahngröße bleibender Zähne unter besonderer Berücksichtigung der Disproportion zur Kiefergröße (Zahnengstand)” abgeschlossen hatte. Von 1991 bis 1993 war er Prorektor der Medizinischen Akademie Dresden. Als nach der Neugründung der medizinischen Fakultät in Dresden die Zahnmedizin ausgegliedert wurde, war es seinem und dem Engagement der Studenten und Mitarbeiter zu verdanken, dass die Zahnmedizin wenige Wochen nach der Gründung doch wieder in die Fakultät aufgenommen wurde. In den kommenden Jahren etablierte er als Studiendekan der Zahnmedizin unter anderem Problemorientiertes Lernen im Studium und setzte sich kontinuierlich für eine enge Ausrichtung zur Medizin ein. Seit 2003 engagiert sich Prof. Harzer im Exekutivkomitee der Association for Dental Education in Europe (ADEE), der er seit Beginn diesen Jahres als Präsident vorsteht. In diesem Rahmen setzt er sich seit Jahren für eine Harmonisierung der zahnmedizinischen Ausbildung in Europa ein, weswegen nicht zuletzt Dresden zu den wenigen deutschen zahnmedizinischen Fakultäten gehört, die ihren Studenten anerkannte Auslandssemester an internationalen Partneruniversitäten ermöglicht. Sein beispielhaftes Engagement für die Lehre an der eigenen Fakultät, sowie im nationalen und internationalem Rahmen ist sicherlich ein Grund dafür, dass die zahnmedizinische Ausbildung in Dresden seit Jahren zu den Besten in Deutschland gekürt wird. UN-PLAQUED traf Prof. Harzer in Dresden, um den Hintergründen für dieses, heute eher seltene Engagement eines Hochschullehrers auf die Spur zu gehen. 68


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UN-P: Herr Prof. Dr. Harzer, seit Januar 2010 stehen Sie der Organisation für die zahnmedizinische Ausbildung in Europa vor, welche in Deutschland sicherlich noch mehr Bedeutung bekommen könnte. Welche Bedeutung hat die Association for Dental Education in Europe (ADEE) und wie sind Sie dazu gekommen sich dort zu engagieren? Prof. Harzer: Ich bin 1995 das erste Mal bei der ADEE gewesen, in der Zeit als Prof. Albrecht Studiendekan der Medizinischen Fakultät hier in Dresden war. Er wollte gerne etwas Besonderes machen, denn die Medizinische Fakultät stand zwei Jahre zuvor auf der Kippe, die Zahnmedizin ist dann gerade noch herüber gerettet worden. Er hat das Harvard - Problemorientierte Lernen - Programm (POL) gestartet und ich sollte mir auf europäischer Ebene Informationen dazu einholen. 1996 war ich dann das erste Mal beim ADEE- Meeting in Utrecht und habe erste Kontakte geknüpft, die dann auch für die Studenten wichtig geworden sind. Seit dem

haben wir in Dresden beispielsweise mehrere Erasmus- Projekte etabliert, arbeiten mit mehreren Austauschuniversitäten zusammen, bei denen den Studenten ihre Leistungen voll angerechnet werden.

Der eigentliche Durchbruch bei der ADEE kam, als Prof. Darry Shanley, der Dekan des TrinityColleges in Dublin, Irland, sich damals bei der EU um ein Netzwerkprogramm beworben hat, das DENTED. Das war im Jahr 1999 und ich war von Anfang an bei diesem Projekt aktiv dabei. Das Programm bestand aus Besuchen unterschiedlicher Zahnkliniken in Europa, die von fünf internationalen Gutachtern besucht wurden. Ich war unter anderem in Oslo, Helsinki und Sarajewo, auch Dresden selbst wurde begutachtet. Da die Universität auch eine eigene Einschätzung abgeben musste, war das sehr hilfreich, sich selbst bewerten zu können. Das

hat viele Erfahrungen mit sich gebracht, wir haben uns im Spiegel gesehen und mit anderen Universitäten vergleichen können und besonders als Gutachter konnte man gut einschätzen, wo die Stärken und Schwächen der eigenen Fakultät liegen.

Daraus ist dann das Grundsatzpapier „Profile and Competences of an European Dentist (PCD)“ entstanden, welches lange von den deutschen Hochschullehrern abgelehnt worden ist, also vor allem in der VHZMK nicht unumstritten war. 2005 wurde dann das Wissenschaftsgutachten des Deutschen Wissenschaftsrates erstellt, wobei hier auch internationale Gutachter involviert waren. Prof. Plasschaert aus Nijmegen in Holland hatte dabei das ADEE Projekt so hoch gelobt, dass ich es dann für den Wissenschaftsrat ins Deutsche übersetzt habe. Da das Urteil des Wissenschaftsrates einen sehr hohen Stellenwert hat, stieg anschließend auch die Wichtigkeit dieses Projektes für die VHZMK. So hat dann auch die ADEE in Deutschland an Bedeutung gewonnen und mittlerweile sind bis auf eine Ausnahme alle Universitäten aus Deutschland Mitglied, auch wenn sie nicht alle aktiv an den Kongressen teilnehmen. 2003 habe ich den ADEE- Kongress nach Dresden geholt, leider waren damals nur wenige deutsche Teilnehmer dabei. Gerade das DENTED - Projekt der ADEE hilft dabei, die verschiedenen europäischen Länder besser zusammen wachsen zu lassen und ist damit beispielgebend für die Ausbildung in Europa. Inzwischen gibt

es ein überarbeitetes PCD – Papier, an dem deutsche Hochschullehrer maßgeblich beteiligt waren.

UN-P: Wie würden Sie die deutsche zahnmedizinische Ausbildung im europäischen Vergleich einschätzen? Wo stehen wir heute und wo geht der Weg hin? Prof. Harzer: Die Ausbildung in Deutschland ist, da die neue Approbationsordnung leider seit mehr als 10 Jahren auf sich warten lässt, nach wie vor sehr heterogen. Wir haben dabei meist zu viel propädeutischen Unterricht, die Überlast der Prothetik ist bei uns sehr deutlich. Wir lehren 1500 Stunden Propädeu-

tik während andere Länder nur um die 700 Stunden darin unterrichten und das dürfte eigentlich reichen. Der zweite auf-

fällige Punkt ist, dass der praktische Studien71


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anteil in Europa teilweise in einem Abarbeiten der zu erbringenden Patientenbehandlungen besteht und der Einfluss des Generationswandels kaum Beachtung findet. Das trifft natürlich in den nördlicheren Ländern wie bei uns und auch in Skandinavien mehr zu, als in den südlicheren Ländern. Dem sollte auch die neue Approbationsordnung Rechnung tragen, damit sich moderne Lehrkonzepte auch an anderen Universitäten durchsetzen. Man kann nicht immer nur nach Buchstaben und Gesetz gehen, die alte Approbationsordnung ist ja nur eine Prüfungsordnung, mit der man viel mehr machen kann. Was wir in Dresden gemacht

haben, ist eben aufwendiger, aber wir haben glücklicherweise für die Einführung des POL Personal aus anderen Bereichen umlenken können, was leider nicht in jeder Uni so möglich ist. Es gehört aber auch

viel Enthusiasmus und Goodwill zu solchen Veränderungen dazu. Auch die Studenten wirken durch die Evaluierung auf die Lehre ein. Davon ist unter anderem auch die Zuweisung von Sachmitteln abhängig, je nachdem ob man über oder unter dem Durchschnitt liegt. Im europäischen Vergleich sind sicher einige Universitäten besser als unsere Hochschulen. Im Vergleich mit südlicheren Unis sind wir definitiv besser, in den skandinavischen Ländern gibt es weiterhin sehr gute Hochschulen – Finnland, Norwegen usw. müssen hier genannt werden. Ich würde uns in der oberen Mitte platzieren, aber wir könnten definitiv mehr machen. Wir haben mehr Potential, was wir auch nutzen sollten. UN-P: Wie weit ist der Bologna- Prozess in Deutschland bereits umgesetzt und wie weit ist dies in der Zahnmedizin überhaupt möglich? Prof. Harzer: Gerade die Diskussion um Bologna, womit man das Studium in Bachelor und Master „zerhacken“ will, ist schwierig, obwohl ich den Bologna- Prozess gerade am Anfang sehr produktiv fand. Aber das, was daraus gemacht worden ist, ist ganz schlecht. Ursprünglich war Bologna so orientiert, dass sich das Studium nach dem Konsumenten, also dem 72

zukünftigen Arbeitgeber und dessen Berufsanforderungen, richtet. Zum Beispiel bei Chemie und Geschichte hat man Befragungen angestellt und daran die Inhalte des Bachelors und Masters ausgerichtet. Dabei rausgekommen ist, dass fast alle bis zum Master studieren, weil der Bachelor nicht wirklich berufsfähig ist. Das Lehramtsstudium ist dabei ein gutes Beispiel. Auch wird das Bachelorstudium so zu einer Konkurrenz zur Fachhochschule, die ja ganz anders aufgebaut ist. Das Studium willkürlich irgendwo zu zerteilen, wie beispielsweise in Holland, wo das Zahnmedizinstudium in Bachelor und Master aufgeteilt ist und dann auf halbem Weg als so etwas wie ein Dental Hygienist rauskommt, ist keine Lösung und erst recht keine Verbesserung. Ich würde kein Studium für Leute machen, die sich nicht entscheiden können. Die Bachelor werden ja in ihrem Studium so voll gestopft, gerade damit sie danach überhaupt etwas können. Jeder Hochschullehrer, der sich für Hochschulpolitik interessiert, würde ihnen sagen dass so etwas sehr gefährlich ist. Der Weg der Schweiz wurde durch den dortigen Ärztemangel vorgezeichnet, immerhin kommen hier 40 Prozent der Ärzte aus dem Ausland. Inzwischen hat sich der BolognaProzess fast selbst überholt. Die ADEE möchte eine Konvergenz erreichen, um beispielsweise Mobilität auf unterschiedlichen Ebenen zu ermöglichen. Man sollte den Bologna- Prozess aber auch nicht nur anhand der Studienteilung, sondern auch an der Mobilität und dem Wissenstransfer von Kenntnissen und Fähigkeiten definieren. Denn schlussendlich soll sich der Standard des Wissens heben. Die Orientierung an den Anforderungen ist aber definitiv gescheitert. Man hätte länger austesten müssen bevor die Beschlüsse kamen. UN-P: In der Schweiz wurde ein Kompromiss zwischen Bologna-Prozess und einem examensbasiertem Studiengang Zahnmedizin gefunden. Was halten Sie von diesem Modell und wäre dies auf Deutschland anwendbar? Prof. Harzer: Das Modell kommt von den


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Ärzten und ist aufgrund des hohen Anteils an Ausländern unter den Berufstätigen eingeführt worden. Sie haben das Studium in Bachelor und Master zerteilt, aber es steht nirgends was der Bachelor eigentlich kann und darf. Der Bachelor ist ein Abschluss, mit dem sie nichts anfangen können, ob sie jemand damit anstellt, ist dann noch etwas anderes. Man müsste wissen, was der Berufsabschluss des Schweizer Bachelor bedeutet, denn würde dabei eine Zahnmedizinische Fachangestellte heraus kommen, halte ich diese Maßnahme für Ressourcenverschwendung. Wenn, dann muss man wirklich eine Möglichkeit haben, sich beispielsweise wissenschaftlich weiterzuentwickeln. Ein Bachelor wäre unter Umständen eine Zahnarzthelferin ohne Praxis, die aber mehr theoretisches Wissen hat. Das Ziel von Seiten der

ADEE ist es, den Qualitätsstandard europaweit anzuheben und zu sichern. Die erhöhte Mobilität der Zahnärzte, die von Berufsverbänden als bedenklich für die Sicherung der eigenen Arbeitsplätze eingeschätzt wird, darf m. E. nicht das Primat haben.

UN-P: Was macht heutzutage einen guten Hochschullehrer und eine gute Lehre aus? Prof. Harzer: Ein guter Hochschullehrer sollte mental immer mit den Studenten im Dialog stehen, er sollte wissen, ob die Studenten verstanden haben, was er ihnen vermittelt hat. Er sollte sie Fragen stellen lassen und auch umgekehrt die Studenten in der Vorlesung befragen. Dies sollte generell so gestaltet sein, dass der Student immer folgen und verstehen kann, damit auch etwas haften bleiben kann. Das hängt nicht allein von der Präsentation mit vielen Bildern, sondern auch von der Ausdrucksweise, und dem gesprochenen Wort ab. Gute Lehrer sollten sich auch von dem Alten, lieb gewordenen, trennen und sich Neuem öffnen. Ich stelle alle meine Vorlesungen ins Netz, meine Studenten können alles nachlesen,

natürlich aus Datenschutz- Gründen ohne Patientenbilder. Das ist eine Herausforderung für einen Hochschullehrer, seine Vorlesungen ins Netz zu stellen und trotzdem noch Studenten 73


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in der Vorlesung sitzen haben zu wollen. Aber so können die Studenten das nachholen was vielleicht nicht hängen geblieben ist. Schließlich werden auch Testate geschrieben um das Wissen dann zu prüfen, Anwesenheitskontrollen gibt es bei mir allerdings nicht. Ein guter

Hochschullehrer sollte immer kommunikativ und offen sein, wissenschaftliche Interessen der Studenten wecken und fördern. Leistungsfähige Studenten werden

immer von mir gefördert, und können schon in den ersten klinischen Semestern eine zumeist experimentelle Dissertation bearbeiten, damit sie vielleicht später eine Hochschulkarriere starten. Ein großes Manko ist heutzutage, dass die Hochschullehrer keine Didaktik gelehrt bekommen. Jetzt gibt es ja den neuen „Master of Medical Education“, durch den man heute wieder als Lehrer ausgebildet wird. Schließlich ist das eine Fähigkeit, die man ebenso erlernen muss. Das fängt bei den Schriftgrößen und Lesbarkeiten auf den Powerpointfolien an, aber es geht ja auch darum, wie man etwas vermittelt und wie man die Studenten motiviert. Das didaktische Können sollte auch mal ein Kriterium sein, welches für die Besetzung der Professorenstellen mit bewertet wird. Wenn man habilitiert, muss man schließlich auch seine Lehrbefähigung nachweisen. In Dresden muss man für die Habilitation auch POL- Tutor sein. UN-P: Unabhängig vom Bologna Prozess benötigt eine moderne Lehre neue Lehransätze wie das Problemorientierte Lernen (POL), welches Sie selbst in Dresden eingeführt haben. Warum sind so viele Universitäten in Deutschland diesbezüglich veraltet und schwerfällig?

Prof. Harzer: Ich stand zu Beginn der POL-Einführung unter sehr starker Kritik, sowohl von den Studenten als auch von meinen Kollegen, denn die Studenten müssen aktiv am Unterricht teilnehmen und dem Lehrenden wird ein Teil „seiner Vorlesung“ weggenommen und durch Tutorien ersetzt. Das Lernen im funktionellen Kontext, also am konkreten Patientenfall, hilft 74

die Inhalte zu verinnerlichen und bleibt besser haften. Wir beginnen immer jedes achte und neunte Semester mit zwei Wochen POL, in denen wir komplexe Fälle bearbeiten. Im letzten Studienjahr haben wir einen parallel laufenden POL- Kurs. Dabei werden komplexe Pati-

entenfälle bearbeitet, wie beispielsweise den multimorbiden oder den Patienten mit psychosomatischer Anamnese und Diagnostik. So ist das Studieren natürlich auch anstrengender, allerdings auch spanneneder und dadurch gerechtfertigt, dass die Patienten immer älter werden und schwieriger zu behandeln sind.

Der Zahnarzt wird heute deutlich invasiver in seiner Arbeit, er geht aus der Kavität heraus inseriert Implantate, transplantiert Gewebe und muss sich mehr mit interdisziplinär zu behandelnden Krankheiten beschäftigen, weswegen es wichtig ist, mehr medizinisches Wissen zu haben. Wir sind Mediziner und müssen Mediziner bleiben. Gerade deshalb sehe ich das Bachelor- System skeptisch. POL ist eben aufwendig und durchaus auch ein Imageverlust für den Professor. Man denkt immer „ich bin Professor, ich muss Vorlesungen halten“, aber wenn man POL durchführt, muss man Vorlesungen abbauen.

Es müssen bestimmte Lernziele aus der Vorlesung in das POL übertragen werden, die Vorlesung wird zurück gedrängt und der Professor wechselt von seiner Frontalposition in die leitende und anleitende. In der Medizin gab es hier in Dresden

teilweise auch totales POL, das war allerdings zu viel, so dass wir in der Zahnmedizin POL immer als Hybrid durchgeführt haben. Wir haben auch OSCEs (Objective structured clinical examination) eingeführt, mussten dies aber aus Personalmangel dann leider wieder bleiben lassen. Bei dieser Methode werden Schauspielerpatienten eingesetzt. Beispielsweise kommt ein Patient mit einer Frontzahnlücke, der dann hinsichtlich der möglichen Therapievarianten beraten werden muss. Dafür hat der Student zehn Minuten Zeit, dann wird gewechselt zu verschiedenen Stationen. Der Patient weiß,


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was er zu erwarten und zu antworten hat und der Tutor beobachtet dies. UN-P: Was für Kompetenzen sollten die Studenten in Zukunft mitbringen und wie sehen Sie die Chancen der jungen deutschen Zahnärzte auf dem europäischen Arbeitsmarkt? Prof. Harzer: Studenten sollten Allgemeinwissen mitbringen. Wir in Dresden haben diesbezüglich Auswahlgespräche und dort lernt man die Studenten kennen. Die sind vielleicht nicht unbedingt besser, aber motivierter. Es kommt ja immer die dreifache Zahl an Bewerbern im Vergleich zu den noch vorhandenen Plätzen zum Auswahlgespräch. Die Studenten sollten z.B. etwas über die Historie und Kultur der Stadt wissen, in der sie studieren, da kommt wieder die Allgemeinbildung zum Tragen. Die jungen Zahnärzte haben sicher gute Chance auf dem europäischen Arbeitsmarkt. UN-P: Welchen Einfluss können die Studenten selbst für eine Verbesserung der Lehre ausüben und was sollten sie im Falle einer schlechten Ausbildung tun? Prof. Harzer: Wir haben eine Studienkommission, die paritätisch besetzt ist, aber das ist ja von Bundesland zu Bundesland verschieden. Alle Studienjahre sind darin vertreten. Dort können dann alle Probleme angebracht werden. Wir in Dresden haben zum Glück ja nicht das Problem der Studiengebühren. Wir haben dafür gegenwärtig ein Problem mit der Zahl der Behandlungsstühle, forciert durch die Einklageverfahren. Leider haben wir in Dresden keine eigene Fachschaft für die Zahnmediziner, die sind hier sehr in die Medizin integriert. Studenten sollten mit den Hochschullehrern zusammenarbeiten und diese sollten stets ein offenes Ohr haben. Das funktioniert gut in der Studienkommission. Die

findet alle vier bis sechs Wochen statt und die in der Zwischenzeit aufgetretenen Probleme werden so regelmäßig besprochen. Außerdem hat die Zahnmedizin oft einen schweren Stand in der Medizinischen Fakultät, besonders bei

der Mittelvergabe. Deshalb sollten die Zahnmedizinstudenten auch im Fakultätsrat aktiv mitwirken. UN-P: Was sind Ihre persönlichen Ziele für Ihre Amtszeit im ADEE? Prof. Harzer: Gerade mit Brüssel möchte ich in Zukunft besser zusammen arbeiten. Das Ganze sollte etwas offener gestaltet werden. Die ADEE möchte gerne stärker in die Diskussionen um die Studiengestaltung einsteigen und mit dem CED (Council of European Dentists) näher ins Gespräch kommen. Das wiederum ist die Vereinigung

der Berufsverbände auf europäischer Ebene, die ein Büro in Brüssel haben und mit denen gemeinsam an der Ausbildung gearbeitet werden sollte. Man sollte nichtnebeneinander, sondern mehr miteinander arbeiten, wir wollen die Mobilität und Qualität fördern und nicht die Grenzen dicht halten. Wenn wir Standards schaffen, sind wir dabei, dass Zahnmedizin in Europa auf gleicher Basis stattfindet, in der Ausbildung und der Berufstätigkeit. Zur Lösung dieses schwierigen Problems möchte ich als ADEE- Präsident gerne meinen Teil beitragen. Wenn wir eine gute Basis schaffen, muss das in Zukunft kein Problem mehr sein.

Wir bedanken uns für das ausführliche und angenehme Interview. Das Interview führten Juliane Gnoth und Ingmar Dobberstein 75


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Text / Dr. Imke Kaschke

Menschen mit Behinderung in Deutschland oder das Recht aller auf eine bessere Zahn-und Mundgesundheit

Das Recht der Menschen! Braile Blindenschrift

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist seit dem 26. März 2009 auch für Deutschland verbindlich. Sie stellt einen Meilenstein in der Behindertenpolitik dar, indem sie den Menschenrechtsansatz einführt, das Recht auf Selbstbestimmung, Partizipation und umfassenden Diskriminierungsschutz für Menschen mit Behinderungen formuliert sowie eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft fordert.

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In Deutschland leben ca. 6,6 Mill. Menschen mit Behinderungen (Statistisches Bundesamt, 2003). Wo und wie schnell kann ein Patient mit zahnärztlich relevanter Behinderung die ihm zustehende Behandlung erhalten, wenn man berücksichtigt, dass diese Behandlung - durch einen höheren Zeitaufwand, - durch kleinere Behandlungsintervalle, - einen deutlich höheren Personalaufwand, - oft notwendige medikamentöse Vorbehandlung, - oftmalige Behandlung in Allgemeinanästhesie und Sedation (ca. 40 von hundert Behandlungen müssen in Allgemeinanästhesie erfolgen.) - besondere Planungsgrundsätze, die nicht immer mit den Vorgaben der gesetzlichen Krankenkassen vereinbar sind und - die Problematik der Finanzierung zahnärztlicher Prophylaxe


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X Menschenehin B it m derung inDeutsch land X

(wird bei Erwachsenen nicht durch die gesetzlichen Krankenkassen bezahlt) (nach Holthaus 2001) gekennzeichnet ist? Obwohl mit Hilfe strukturierter Prophylaxeprogramme der Mundgesundheitszustand für große Teile der Bevölkerung in Deutschland verbessert werden konnte (DMS IV, 2006), profitieren Menschen mit Behinderungen nicht in gleichem Maße von dieser Entwicklung. Die epidemiologische Datenlage weist insbeson-

DAMIT GEHÖREN MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN NACH WIE VOR ZUR HOCHRISIKOGRUPPE FÜR KARIESUND PARODONTALERKRANKUNGEN.

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dere auf die Notwendigkeit der Verbesserung im Präventionsbereich hin. Denn obgleich sich mittlerweile bei Menschen mit Behinderungen eine der Restbevölkerung entsprechende Kariesprävalenz feststellen lässt, sind der Mundhygiene- und damit auch der Parodontalzustand, ebenso wie der Sanierungsgrad immer noch deutlich schlechter (Curzon und Toumba, 1998; Cichon und Donay, 2004; Kaschke et al., 2004). Damit gehören Menschen mit Behinderungen nach wie vor zur Hochrisikogruppe für Karies- und Parodontalerkrankungen. Neben eingeschränkter individueller häuslicher Mundhygiene und möglichen allgemeinmedizinischen Problemen ist die Ursache dafür oft auch eine unzureichende zahnmedizinische präventive Betreuung. Weitere Ursachen für den schlechten Mundpflegezustand können neben mangelndem Verständnis für die Notwendigkeit der täglichen Zahnpflege und mangelnder Kooperativität auch Beeinträchtigungen infolge gestörten Husten- oder Schluckreflexes sein. Erschwerend kommt

hinzu, dass viele Menschen mit Behinderungen sich nicht verbal äußern können und Emotionen, Ängste und Schmerzen nicht entsprechend ausdrücken können.

ZUR VERBESSERUNG DER MUNDGESUNDHEIT DIESER BEVÖLKERUNGSGRUPPE BEDARF ES DER ZUSAMMENARBEIT ALLER AN DER BETREUUNG BETEILIGTER, VOR ALLEM DER EINBEZIEHUNG UND ANLEITUNG DER ANGEHÖRIGEN UND BETREUER. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es keine eigene gesetzliche Regelung zur Sicherstellung der zahnärztlichen Versorgung geistig und/oder körperlich behinderter Per-

Gegenüberstellung epidemiologischer Daten verschiedener Mundgesundheitsstudien

DMF/T DT

MT

FT

QHI PBI Grad 1 MW

Sanierungs- grad

DMS III 19 9 9

16,1

0,5

4,2

11,7

55,0%

0,9±0,9 92,5%

DMS IV 2006

14,5

0,5

2,4

11,7

MGS 2004

12,2

1,0

6,0

5,2

22,0%

1,6±1,0 80,4%

Cichon & Donay 2004

16,2

4,3

6,9

5,0

95,6%

53,8%

D = decayed / M = missing / F = filled, T = teeth / QHI = Quigley-Hein-Mundhygieneindex / PBI = Papillenblutungsindex

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sonen. Nach Cichon und Donay (2004) ist die jetzige Form der zahnärztlichen Versorgung behinderter Patienten nicht ausreichend, um eine nachhaltige, dauerhafte Verbesserung der Mundgesundheit bis auf das Niveau der Restbevölkerung zu erreichen. Leider wird dies auch durch die Ergebnisse der Mundgesundheitsstudie (MGS 2004) in Berliner Wohneinrichtungen bei 92 Behinderten in der Altersklasse der 35–44jährigen (Kaschke et al. 2004) und durch die Gegenüberstellung der analogen Daten der Dritten und Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS III 1999, DMS IV 2006) bestätigt (Tabelle). Zur Verbesserung der Mundgesundheit dieser Bevölkerungsgruppe bedarf es der Zusammenarbeit aller an der Betreuung Beteiligter, vor allem der Einbeziehung und Anleitung der Angehörigen und Betreuer. Allerdings werden in den entsprechenden Ausbildungsgängen nicht obligat erforderliches Fachwissen und spezifische Fähigkeiten vermittelt. Auch während des Zahnmedizinstudiums in Deutschland werden mit Ausnahme der Privatuniversität Witten-Herdecke keine obligaten Ausbildungsinhalte oder Praktika für diesen Bereich angeboten. Zahnärzte und Mitarbeiter sehen sich vielfach bei der Versorgung sowie im Umgang mit dieser besonderen Klientel überfordert. Auch wenn sich zunehmend mehr niedergelassene Kollegen/Innen an der zahnmedizinischen Betreuung von Menschen mit Behinderungen beteiligen, sind jedoch viele von ihnen nicht auf die besonderen Bedürfnisse und Befindlichkeiten dieser Patientengruppe, wie zum Beispiel eine Behandlung unter Vollnarkose, eingerichtet. Daraus resultieren nicht nur lange Wartezeiten oder die erfolglose Suchen nach einer geeigneten Praxis. Nicht selten wird der Mehraufwand aufwändiger Sanierungsmaßnahmen bei Patienten mit Behinderungen quartalsweise verschoben oder abgelehnt, da dieser nicht zeitgemäß

SO HAT NICHT EINMAL DAS GMG DIE EIGENE ERKLÄRTE ABSICHT, MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN UND CHRONISCHEN KRANKHEITEN BESSER ALS BISHER BEDARFSGERECHT UND NACHTEILS AUSGLEICHEND DER LEISTUNGEN DES GESUNDHEITSWESENS TEILHAFTIG WERDEN ZU LASSEN, WIRKSAM UMGESETZT. honoriert werden. Denn die zahnärztliche Behandlung von Patienten mit Behinderungen verursacht zwar höhere Kosten, diese werden aber nicht durch höhere Honorare ausgeglichen. Neben Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen stellen heute zunehmend auch Patienten mit schweren Allgemeinerkrankungen, wie multipler Sklerose, Chorea Huntington 79


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X Menschenmit Behin derung inDeutsch land X

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oder wachkomatöse Patienten und Demenzerkrankte eine Herausforderung für eine adäquate zahnmedizinische Betreuung dar.

VOR ALLEM NEHME DIE GESELLSCHAFT MENSCHEN MIT BEHINDERUNG NOCH NICHT ALS GLEICHBERECHTIGTE BÜRGER WAHR. Der § 2 a SGB V zielt darauf, die Belange chronisch kranker und behinderter Menschen in der medizinischen Versorgung besonders zu beachten und individuelle Besonderheiten des Patienten bei den Leistungen zu berücksichtigen. Dagegen nehmen die mit dem GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) in das SGB V eingeführten finanziellen Belastungen (Zuzahlungen) und erheblichen Leistungsausschlüsse jedoch nur marginal (beispielsweise Chronikerregelung, bestimmte Ausnahmen für Kinder) auf die individuellen Besonderheiten der Versicherten Rücksicht. Damit hat der in das SGB V aufgenommene § 2 a SGB V vorerst nur deklaratorischen Charakter. So hat nicht einmal das GMG die eigene erklärte Absicht, Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten besser als bisher bedarfsgerecht und Nachteils ausgleichend der Leistungen des Gesundheitswesens teilhaftig werden zu lassen, wirksam umgesetzt. (siehe Ausführungen Prof. Dr. med. Michael Seidel, Leitender Arzt, Geschäftsführer der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, Stiftungsbereich Behindertenhilfe, Dtsch Arztebl 2005; 102: A 1654–1657 [Heft 23]) Die BZÄK mahnte in einer Stellungnahme zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3.12.2008 an, tragfähige gesundheitspolitische Konzepte für die zahnmedizinische Versorgung von Menschen mit

Behinderungen zu schaffen. „Nach wie vor sind die präventiven und versorgungspolitischen Herausforderungen der zahnmedizinischen Versorgung dieser Patientengruppe durch entsprechend notwendige Rahmenbedingungen nicht gelöst“, erklärt BZÄK-Vizepräsident Dr. Dietmar Oesterreich. „Die demografischen Veränderungen und die damit steigende Zahl von Menschen mit Behinderungen verschärfen den Handlungsdruck in unserer Gesellschaft.“ Auf entsprechende, teils mehrere Jahre alte Forderungen des zahnärztlichen Berufsstandes, sowie der Wissenschaft hätten Politik und Krankenkassen bislang jedoch nicht reagiert.

DRINGEND NÖTIGE LÖSUNGSANSÄTZE KÖNNEN IM BESTEHENDEN SYSTEM DER GESETZLICHEN KRANKENVERSICHERUNG, MIT REGELLEISTUNGSVOLUMINA, HONORARVERTEILUNGSMASSSTÄBEN UND GEDECKELTEN GESAMTVERGÜTUNGEN NICHT GEFUNDEN WERDEN. Im Mai 2009 weist auch der Deutsche Ärztetag explizit auf die vielfältigen Mängel in der medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung hin. Vor allem nehme die Gesellschaft Menschen mit Behinderung noch nicht als gleichberechtigte Bürger wahr. Der behinderungsbedingte Versorgungsmehrbedarf sei nicht ausreichend finanziell gedeckt und nicht im bedarfsgerechten Umfang sichergestellt. Im April dieses Jahres fand auf Einladung der Mitglieder des Bundestages (MdB) Dr. Hans Georg Faust (Stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit) und Zahnarzt Dr. Rolf Koschorrek (Mitglied im Ausschuss 81


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X Menschenmit Behin derung inDeutsch land X

für Gesundheit) sowie der Bundeszahnärztekammer ein parlamentarischer Abend zum Thema „Die Mundgesundheit von Menschen mit Behinderungen“ statt. Fazit des Abends war die einhellige Einsicht aller, in dieser Thematik weiter im Gespräch bleiben zu müssen und die gegenseitige Versicherung der Bereitschaft dazu. Dringend nötige Lösungsansätze können im bestehenden System der Gesetzlichen Krankenversicherung, mit Regelleistungsvolumina, Honorarverteilungsmaßstäben und gedeckelten Gesamtvergütungen nicht gefunden werden. Wenn die bisherigen Projekte in der Zahnmedizin Modellcharakter überwinden sollen, dann erfordert der bisherige persönlich ideelle und materielle Einsatz dringend bundesweite Gesetzesinitiativen zur Erfolgssicherung. Die interdisziplinäre Aus- und Weiterbildung der Ärzte und Zahnärzte, als auch des Fach- und Pflegepersonals muss dabei überarbeitet werden, sowie die regionale Klärung erfolgen, ob zentrale oder de82

zentrale Strukturen diesen Sektor besser versorgen können. Um dem grundgesetzlichen Auftrag, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf (Artikel 3 Abs. 3 GG) Geltung zu verschaffen, ist das medizinische Versorgungssystem so weiter zu entwickeln, dass Menschen mit geistiger und Mehrfachbehinderung eine gleichwertige medizinische Versorgung wie der übrigen Bevölkerung garantiert wird. Gegenwärtig finden auf allen verantwortlichen Ebenen Gespräche statt, die die berechtigte Hoffnung bestärken, im Interesse unserer Mitmenschen mit Behinderungen gesetzliche Regelungen zur Verbesserung ihrer Zahn- und Mundgesundheit zu finden. Dr. Imke Kaschke MPH 2. Vorsitzende AG Behindertenbehandlung im BDO Manager Healthy Athletes Special Olympics Deutschland e.V. imke.kaschke@specialolympics.de


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Text / Marcus Stoetzer

Die Fregatte Karlsruhe vor der ostafrikanischen Küste

Mission Zahnmedizin

- Operieren bei Windstärke 8 Die Bundeswehr beschäftigt derzeit ungefähr 400 zahnärztliche Sanitätsoffiziere. Diese Sanitätsoffiziere sind in den Standortsanitätszentren, Bundeswehrkrankenhäusern, Sanitätskommandos und im Sanitätsamt tätig und damit für ca. 250.000 Soldaten und Mitarbeiter des Militärdienstes verantwortlich. Ihre Hauptaufgabe ist die Sicherung und Wiederherstellung der Einsatzverwendungsfähigkeit (Einsatzfähigkeit) der Soldaten. Darüber hinaus gehört die Begutachtung im Rahmen der Einstellung neuer Soldaten und Wehrpflichtiger, sowie die Befundung und Begutachtung im Rahmen von Tauglichkeitsuntersuchungen zu ihrem Aufgabenfeld. Zusätzlich werden einige von Ihnen mit speziellen Kenntnissen auf den Gebiet der forensischen Zahnmedizin im Rahmen von großen Unglücken zur Identifizierung der Toten herangezogen, wie es zuletzt bei der Tsunamikatastrophe der Fall war. 84


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Im Rahmen vieler Auslandseinsätze nehmen die Zahnärzte an diversen Missionen der ISAF, KFOR, SFOR usw. teil. Auch die Marine greift regelmäßig auf die Bundeswehrzahnärzte zurück, wenn ein Einsatz der Schiffe ansteht und eine zügige Versorgung der Patienten nicht sichergestellt werden kann.

der Behandlungsliege befestigt und umfasst eine Multifunktionsspritze und die Anschlüsse für ein Winkelstück und zwei Turbinen. Die Geschwindigkeit wird auch an Bord über einen Fußschalter geregelt. Ein separater Wassertank mit einem Fassungsvolumen von 1, 5 Liter garantiert die suffiziente Kühlung.

Für die zahnmedizinische Behandlung an Bord steht nur der Behandlungsraum des Schiffsarztes zur Verfügung, den man sich gemeinsam teilen muss. Die Platzverhältnisse der Schiffe lassen es nicht zu, einen eigenen Behandlungsplatz für den Zahnarzt zu integrieren. Für die Versorgung der zahnmedizinischen Patienten an Bord hat die Marine in Zusammenarbeit mit der Firma KaVo eine spezielle Behandlungseinheit entwickelt, die auf diese engen Bordgegebenheiten abgestimmt ist und sich modular an den vorhandenen medizinischen Untersuchungstisch anschließen lässt.

Trotz der guten Ausstattung gestaltet sich die Behandlung der Patienten schwierig, da das Schiff einerseits nicht immer ruhig im Wasser liegt und andererseits die Behandlungsliege nur eine liegende Position des Patienten zulässt.

Trotz der guten Ausstattung gestaltet sich die Behandlung der Patienten schwierig, da das Schiff einerseits nicht immer ruhig im Wasser liegt und andererseits die Behandlungsliege nur eine liegende Position des Patienten zulässt. Dabei handelt es sich um zwei separate Module, die jeweils links und rechts der Behandlungsliege befestigt werden. Modul eins umfasst den großen und kleinen Sauger, welche an einer externen Absauganlage mit einem Fassungsvolumen von 5 Litern befestigt sind. Das zweite Modul ist das Arztelement. Dieses wird ebenfalls an

Aufgrund der gesteigerten Zahl der Piratenüberfälle auf Hochseeschiffe wurde auch die deutsche Beteiligung an entsprechenden Schutzmaßnahmen diskutiert. Am 10. Dezember hat dann das Bundeskabinett beschlossen, dass eine deutsche Beteiligung an der EU - Mission ATALANTA stattfinden soll, welche am 19. Dezember endgültig vom Bundestag legitimiert wurde. Hauptkomponente der deutschen Beteiligung sollte die Fregatte Karlsruhe sein, die sich zu dieser Zeit bereits im Seegebiet befand. In der Nacht vom 19. zum 20. Dezember wechselte diese bereits in die Mission ATALANTA. Insgesamt wurde das Mandat auf 1400 deutsche Soldaten festgelegt, was jedoch keine absolute Zahl ist. Man möchte sich allerdings die Möglichkeit offen halten, schnell weitere Schiffe zeitlich begrenzt in die Mission zu übertragen. Zeitgleich sollen seitens der truppenstellenden Nationen jeweils mindestens drei Kriegsschiffe, ein Unterstützungsschiff sowie drei Seefernaufklärer der Operation ATALANTA unterstellt werden. An Bord der Fregatte Karlsruhe befand sich als zusätzliche medizinische Komponente eine Facharztgruppe bestehend aus einem Chirurgen, einem Anästhesisten und einem Zahnarzt. Auch hier war die Wiederherstellung und Erhaltung der Ein85


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Ein Blick ins Lazarett mit der Behandlungseinheit und Arztelement

satzfähigkeit die Hauptaufgabe dieser Ärzte, da eine suffiziente Versorgung nicht immer durch die ostafrikanischen Küstenländer sichergestellt werden kann. Neben dem allgemeinen Behandlungsaufkommen wie Kontrolluntersuchungen und kariösen Läsionen, musste auch eine chirurgische Intervention bei einem Patienten mit einer chronisch granulierenden Entzündung im Bereich der Oberkieferfrontzähne durchgeführt werden. Hier wurde an Bord unter Lokalanästhesie der entzündete Bereich dargestellt, das Granulationsgewebe entfernt, eine Osteoplastik durchgeführt und dann durch einen primären Wundverschluss wieder verschlossen. Grundsätzlich hat man an Bord fast die gleichen Möglichkeiten wie im Heimatland. Limitiert 86

wird man vor allem durch das Fehlen eines Röntgengerätes. Dadurch ist es zum Beispiel nicht

An Bord wird viel Geschick und Improvisation vorausgesetzt


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sen, dass alle Soldaten zahnärztlich untersucht und bei Bedarf auch behandelt werden, bevor sie in den Einsatz gehen. Das heißt, der Alltag an Bord ähnelt oftmals der Notfallbehandlung in den Praxen. Die Situation der Piraten, die größtenteils ehemalige Fischer sind, gestaltet sich so prekär, dass ihnen mittlerweile alle Mittel der Gewalt recht sind, um an ihr Ziel zu kommen. Welches Ausmaß das annehmen kann, wurde uns am 25. Dezember vor Augen geführt. Die Piraten wollten den panamaischen Stückgutfrachter einer ägyptischen Reederei kapern und verletzten dabei ein Besatzungsmitglied durch Schüsse. Dieser wurde dann an Bord der Fregatte Karlsruhe operativ versorgt und am nächsten Tag in ein Krankenhaus in den Oman ausgeflogen. In solchen Fällen ist auch der Zahnarzt fest in die Rettungskette eingebunden und leistet Hilfe und Assistenz in der Operation. Kommt es zu einen oder mehreren Verletzten an Bord, so wird immer als Team entschieden und behandelt. Für den Fall, dass es mehrere Verletzte gibt, wird der Zahnarzt zusammen mit den Chirurgen, den Anästhesisten und dem Schiffsarzt bei der Versorgung der Verletzten auf einem der Verbandplätze eingesetzt. Er stellt dann eine wichtige Komponente innerhalb der medizinischen Crew des Schiffes dar.

möglich, eine Endo definitiv aufzubereiten und abzufüllen. Durch die oftmals große Entfernung nach Deutschland ist ein Zugriff auf Dentallabore ebenso nicht möglich. So wird an Bord viel Geschick und Improvisation vorausgesetzt und die Lösung komplexer Fälle erfordert oftmals einige Umwege. Man darf allerdings nicht verges-

Abschließend kann man sagen, dass die Aufgabe des Zahnarztes an Bord einer seegehenden Einheit mannigfaltig ist und mehr als nur die normale Zahnmedizin umfasst. Zahnärzte stellen eine wichtige Komponente in der Bundeswehr, sowohl an Bord als auch an Land dar. Sie garantieren der Truppe eine suffiziente Behandlung, die im Ergebnis einer Behandlung im Heimatland nicht nachsteht. 87


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Kinder – Ja! Doch wann? Ich bin weiblich, Ende zwanzig und angestellte Zahnärztin. Meine biologische Uhr tickt, wenn auch noch ganz leise. Finanziell bin ich gerade aus dem Gröbsten raus, so dass neuerdings hin und wieder die Frage in mir hochkommt, wann es eigentlich die richtige Zeit ist, um Kinder zu bekommen? Große Karrierepläne habe ich erstmal nicht und im Bezug auf eine Praxisgründung bin ich noch unentschlossen. Prinzipiell denke ich, dass man nicht erst Mitte 30 anfangen sollte, über einen Kinderwunsch nachzudenken – aber das ist natürlich jedem selbst überlassen. Nicht selten trifft man Frauen, die bis 40 so intensiv mit ihrer Karriere beschäftigt sind, dass sie plötzlich das Gefühl 88

haben, etwas in ihrem Leben verpasst zu haben. Und eigentlich ist es der Anspruch unserer modernen und alternden Gesellschaft, dass Familie und Karriere zusammen funktionieren können. Dass es klappt, beweisen viele beispielhafte Frauen. Für Zahnärztinnen kann diese Herausforderung manchmal etwas komplizierter sein, vor allem in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt.


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Würde ich während meines Angestelltenverhältnisses schwanger werden, wäre dies der einfachste Weg, da ich die Pflicht hätte, meine Schwangerschaft umgehend meinem Chef und der Zahnärztekammer zu melden. Sofern man keine alternativen Aufgaben in der Praxis erledigen kann, würde man in diesem Fall mit sofortiger Wirkung von der Arbeit am Patienten befreit werden. Im Normalfall heißt das: Man muss nach Hause gehen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, da die Risiken, durch Infektionen oder Materialien, wie Monomere und Amalgam, einen Schaden beim Ungeborenen hervorzurufen zu hoch sind.

Die Gesundheit von Mutter und Kind wird in unserem Staat hoch gehalten und geschützt, zumindest bei Angestellten. Gleiches gilt übrigens auch für schwangere zahnmedizinische Fachangestellte, die ebenso unmittelbar nach Bekanntwerden nicht mehr am Patienten beschäftigt werden dürfen, um eventuelle Spätfolgen für das ungeborene Kind auszuschließen. Für Praxisinhaber und Arbeitgeber kann die überraschende Schwangerschaft der Assistenzärztin oder Helferinnen dagegen schnell in eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit oder auch zum finanziellen Engpass führen. Fragen nach dem Kinderwunsch im Zuge des Einstellungsgesprächs müssen aber nicht beantwortet werden, wenn man nicht will. Auf der anderen Seite muss es jeder mit seinem Gewissen vereinbaren, ob man den Kinderwunsch verschweigt und Chef und Patienten gewissermaßen kurzfristig im Stich lässt. Am Ende lassen sich Schwangerschaften ja auch nur bedingt planen, so dass zumindest die Ankündigung des Kinderwunsches für einen fairen Umgang mit den Kollegen spricht und der Praxis eine gewisse Vorbereitungszeit lässt.

Die Gesundheit von Mutter und Kind wird in unserem Staat hoch gehalten und geschützt, zumindest bei Angestellten. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn man selbst die Praxisinhaberin ist. Wird man als Selbstständige plötzlich schwanger, ist der Schutz von Mutter und Kind offensichtlich zweitrangig, denn hier ist jede Frau je nach Familienhintergrund auf sich allein gestellt.

In der Realität bedeutet dies, dass die meisten selbstständigen Zahnärztinnen solange weiter arbeiten, wie sie nur können. Kein Staat und keine Versicherung interessiert sich dafür, ob Risiken für Mutter und Kind aufgrund von physischer oder chemischer Belastungen in der Praxis bestehen, geschweige denn, dass die Versorgung der Patienten weiter gewährleistet ist. In der Realität bedeutet dies, dass die meisten selbstständigen Zahnärztinnen solange weiter arbeiten, wie sie nur können. Wenn man dennoch beispielsweise bettlägerig wird oder es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt, muss man sich etwas einfallen lassen, um die Praxis am Laufen zu halten. Wenn das Kind dann geboren wurde, heißt es ebenso so schnell wie möglich wieder am Patienten zu sein, um wirtschaftlich nicht in schlechte Gewässer zu kommen. Im Durchschnitt machen sich Männer und Frauen in der Zahnmedizin um das dreißigste Lebensjahr selbstständig, so dass aus weiblicher Sicht nicht viele Jahre übrig bleiben, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen. Die „biologische Breite“ der Frau ist vielleicht doch nicht mit jeglicher Karriereplanung vereinbar. Ein Glück dabei ist, dass man als Zahnärztin im Gegensatz zu einigen anderen Berufen auch in Teilzeit arbeiten kann, so lange die Kinder klein sind, auch wenn sich dieses Procedere gleichzeitig wenig förderlich auf die Karriere auswirkt. Mit Sicher89


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Kinder – Ja! Doch wann? heit ist dies ein Grund, warum Frauen in Freiberufen selten in leitenden Stellen in der Standespolitik, den Universitäten oder auch Polikliniken zu finden sind. Auch wenn unser Beruf nicht völlig ungeeignet für eine Kinderplanung ist, entspricht der Umgang des Staates mit Schwangerschaften bei Freiberuflern in keiner Weise dem, was nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung, aber auch der grundsätzlichen Ethik eines modernen Staates für Angestellte gilt. Gerade in Deutschland ist an dieser Stelle die Frage berechtigt, ob wir uns diese Ungleichbehandlung wirklich leisten müssen? Da auch im Zahnmedizinstudium keine guten Vorraussetzungen für eine Schwangerschaft 90 52

bestehen, bleibt die Frage nach dem besten Zeitpunkt unbeantwortet. Im Falle eines klaren Kinderwunsches scheint die Zeit als Angestellte zwischen Studium und Selbstständigkeit am ehesten geeignet, diesen zu erfüllen. Da Kinder aber nur begrenzt planbar sind und zumeist auch noch den richtigen Partner benötigen, kann man allen anderen Frauen, die Kinder während des Studiums oder der Tätigkeit in eigener Praxis bekommen, nur allergrößten Respekt aussprechen. Es bleibt zu hoffen, dass sich Staat und Versicherungen in Zukunft ihrer Verantwortung gegenüber allen Bürgern ihres Landes bewusst werden, da schließlich jedes Leben, auch das der Freiberufler und ihrer Kinder schützenswert ist.


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Das Bauchzahngefühl Es ist Montag morgen und ich sitze schlecht gelaunt vor einem Häufchen Medikamente und meinem Terminkalender, der seit Wochen voll mit Arztterminen ist. Heute Zahnarzt, Mittwoch Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Freitag Osteopathie. Wie eine Rentnerin oder Hypochonderin komme ich mir vor, die Frequenz meiner Arztbesuche kommt dem mittlerweile auch ziemlich nahe.

Ich bin wütend und ängstlich zugleich. Wütend auf eine falsche, nicht ganzheitliche ärztliche Behandlung, auf meinen Gesundheitszustand und die Auswirkungen auf meine Arbeit. Ängstlich, weil sich immer wieder das Gefühl einschleicht, dass es nicht besser wird. Und darüber, eine Belastung für Freunde und Familie zu sein, „weil man ja immer etwas hat“. Ich habe buchstäblich die Nase voll, nachts immer wieder mit Schmerzen im Bett wach zu liegen. Dies soll keine Revolverstory über zahnärztliche Fehlbehandlungen werden, kein Rachefeldzug gegen meinen Zahnarzt und auch kein Plädoyer für sinnloses Zähne ziehen, obwohl ich schon oft mit der Vorstellung gespielt habe, mir eine Schnur um den Zahn zu binden und die Tür einfach zu zuhauen, in der Hoffnung, dass dann alles vorbei ist. Es ist eher eine Bestandsaufnahme, eine Innensicht meiner momentanen gesundheitlichen Lebenswelt. Und es ist auch ein stückweit Überwindung, andere daran teilhaben zu lassen. Was war passiert?

Die Chronologie meiner endlosen Arztbesuche würde Jeden langweilen, obwohl sie einerseits Ausdruck einer nicht ganzheitlich ausgerichteten Zahnmedizin und andererseits meiner Hilflosigkeit und Resignation sind. Die ewig lang verbrachte Zeit in Wartezimmern, die ständig wechselnden Diagnosen: Bissveränderung (durch eine Schiene), Visusverschiebung, Nasennebenhöhlen- und Kiefernhöhlenentzündung, Hals- WirbelsäulenBlockierungen, Tinitus und entzündete Wurzelkanäle an zwei oberen Backenzähnen. Alles scheint irgendwie zusammenzuhängen, da die Probleme innerhalb der letzten 8 Wochen komprimiert, aber auch über die Jahre verteilt auftraten. Das zerrt an den Nerven und an der Kraft.

Ich bin Laie und für mich haben die einzelnen Diagnosen und Therapievorschläge immer eine Erleichterung versprochen, weil ich mir Besserung erhoffte. Und Ernüchterung, wenn diese einfach nicht eintrat. Stress, weil ich nicht richtig wusste was ich tun kann, damit es besser wird und wann die Kette der Symptome endlich mal ein Ende hat. Natürlich kenne ich das Phänomen der Psychosomatik, aber für mich schien die Sache seit Jahren recht schlicht zu sein: Der Zahn, er muss raus! 92


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Ich habe schon oft mit der Vorstellung gespielt, mir eine Schnur um den Zahn zu binden und die T端r einfach zu zuhauen.

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Er stört und drückt seit 12 Jahren, puckert regelmäßig und die Wange ist häufig heiß. Und ganz ehrlich, es nervt! Ich hatte mich zwischenzeitlich schon richtig daran gewöhnt, wenn es zweimal im Jahr zu einem Schub

bis die Ursache ausgemacht zu sein schien: Der Zahn. Und plötzlich hieß es: “Wenn die Kiefernhöhlenentzündung weg ist, dann muss der Zahn raus.“ Eine Entscheidung, die mir

mein Körper schon seit Jahren mitgeteilt hat und deren Beachtung und Akzeptanz

Der Zahn, er muss raus! „...wenn es um die Zähne geht, dann geht es an die Substanz“

der Beschwerden kam. Manchmal war es ein Schnupfen, manchmal nur ein Druckgefühl am Zahn, die ich mit den Worten: „Das wird schon“ mein Bauchgefühl den Störenfried ignorieren ließ. Wie hatten schon eine Beziehung, der Zahn und ich. So ein on-off Ding. Im Frühjahr und Winter habe ich Schluss gemacht und im Herbst und Sommer waren wir wieder zusammen. Aber zusammengepasst haben wir schon lange nicht mehr. Der Sarkasmus hat mich schon über manche Situation gerettet, aber irgendwann war Schluss. Da konnte und wollte ich nicht mehr. Seit 12 Jahren die Xte Wurzelkanalbehandlung bei meinem Zahnarzt und immer mit den Worten: „Zahnerhalt ist wichtig. Du musst durchhalten. Krieg dein Immunsystem in den Griff.“ Ja schön, ja aber für was und wofür durchhalten? Ich kämpfe ja nicht gegen einen Zahn, den ich schon lange nicht mehr will und er mich auch nicht. Wie oft antwortete ich: „Das Scheißding muss raus“ und wie oft bin ich danach mit einem Antibiotikum widerwillig wieder nach Hause gegangen. Vielleicht bin ich jetzt ein wenig dankbar, dass sich alle Symptome nun auf einmal gezeigt haben, auch wenn es Wochen gedauert hat 94

mir eine Menge Schmerzen erspart hätte.

Ich bin bestimmt keine Esoterikerin, aber hilfreich begleitet und Kraft gegeben haben mir meine Heilpraktikerin und meine Osteopathin. Nicht, weil sie immer richtig lagen und es Wunder der Besserung gab, sondern weil sie viel gelindert und vor allem mich und Bauchgefühl respektiert haben. Sie wussten, was sie mir in einer Behandlung zumuten können und was nicht, wie ich reagiere, weil sie zuhörten und nachfragten und akzeptierten, wenn ich etwas nicht wollte. Denn wer kennt mich denn besser, als ich mich selbst. Dieser Respekt führte zu großem Vertrauen, welches ich zur Zahnmedizin einfach nicht mehr habe. Momentan will ich nicht mal mehr den Mund aufmachen. Und wie sagte neulich ein Arzt zu meiner Nasennebenhöhlenentzündung: „Du hast die Nase voll.“ Und wie. Ich sage nicht, dass der Patient immer Recht hat und alles besser weiß und ich respektiere medizinische Fachkenntnisse, die ich nicht besitze, aber ich wünschte mir ein besseres Erkennen von Auswirkungen einer Behandlung und ein wenig Vertrauen in das Bauchgefühl der Patienten. Denn nicht umsonst sagt man, „wenn es um die Zähne geht, dann geht es an die Substanz“. Flora


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Text / Christian Leonhardt

Ohne Angst beim Zahnarzt - Hypnose in der Zahnmedizin

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„Die letzte Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen, von Appetit beim Frühstück konnte nicht die Rede sein. Bereits auf der Fahrt zum Zahnarzt verspüre ich ein Engegefühl in der Brust. Dort angekommen, betrete ich die Tür, in meiner linken Hand der Bestellzettel, völlig aufgeweicht von meiner schwitzigen, nassen Hand. Sofort dringt der beißende Praxisgeruch in die Nase, das laute hochfrequente Kreischen der Turbine schmerzt schon von weitem in den Ohren und lässt nichts Gutes erahnen. Im Wartezimmer scheint die Zeit einfach nicht vergehen zu wollen. Die Lektüre lenkt mich nur kurz von dem flauen Gefühl in meiner Magengegend ab. In Gedanken verloren überlege ich, was eine plausible Ausrede sein könnte, damit ich doch wieder gehen kann. Ich versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der letzte Besuch ohne Probleme ablief. Doch der pochende Puls an meiner Stirn stimmt mich anders. Nachdem mein Name aufgerufen wurde und die Helferin mich auf der Schwelle des Wartezimmers begrüßt bemerke ich meine weich gewordenen Knie. Entschlossen nehme ich all meinen Mut zusammen, versuche mich zu beherrschen und lege mich schließlich heroisch auf den Behandlungsstuhl…“. So und leider nur selten anders könnte man die Gefühle beschreiben, mit denen Angstpatienten eine Zahnarztpraxis betreten. Auch wenn ihnen mit der Behandlung geholfen werden soll, verbinden viele Menschen äußerst negative Erfahrungen mit unserem Beruf, was nicht selten zur Verweigerung beim Zahnarzt führen kann.

Nicht selten entstehen heutzutage schwerwiegende Behandlungsfälle nur, weil der Patient aus Angst die regelmäßigen Untersuchungen beim Zahnarzt nicht durchführen lässt.

Dabei basieren Zahnbeschwerden und -probleme auf konkreten Ursachen – einige sind genetisch bedingt, andere durch mangelnde Hygiene verschuldet. Gemeinsam ist allen aber, dass sie relativ leicht behoben werden können – wenn die Schwierigkeiten rechtzeitig behandelt und die Ursachen erkannt werden. Nicht selten entstehen heutzutage schwerwiegende Behandlungsfälle nur, weil der Patient aus Angst die regelmäßigen Untersuchungen beim Zahnarzt nicht durchführen lässt. Erlösend kann für Menschen in dieser Situation das Mittel der Hypnose sein. Auf eine einfache Art und Weise ermöglicht diese Pa97


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Für wirkliche Phobiker ist ein Zahnarztbesuch reine Utopie. tienten eine schmerzfreie und angenehme Zahnbehandlung. Für wirkliche Phobiker ist ein Zahnarztbesuch reine Utopie. Viele von ihnen waren mehr als 20 Jahre nicht beim Zahnarzt, zum Teil mit erheblichen Folgen. An den Universitäten schenkt man dem Thema Hypnose allerdings nur wenig Beachtung, denn die heutige Schulmedizin findet bisher wenig Messbares an subjektiven Empfindungen. Andererseits kann sie auch zum Reizwort werden, denn Showhypnosen im Fernsehen wirken oft beängstigend, lächerlich und entwürdigend und verleihen der Hypnose den Beigeschmack der Willenlosigkeit. Aus diesem Grund haben viele Menschen eine berechtigte Skepsis vor der ersten Behandlung unter Hypnose. Doch ist es nicht unsere Pflicht, als angehende (Zahn-)Ärzte, das Wohl des Patienten als oberste Maxime zu betrachten? Wer, wenn nicht wir, ist primär für die Sicherheit und den Schutz des Patienten verantwortlich? Und wie oft werden die Ängste der Patienten dennoch verharmlost? Ausgelöst werden derartige Angstreaktionen meist durch vorangegangene negative Erfahrungen mit der (zahn-)ärztlichen Tätigkeit, die durch Vorstellungsbilder mittelalterlicher Horrorszenarien geradezu verstärkt werden. Selten wird dabei die tatsächlich zu erwartende Situation richtig eingeschätzt, denn oft genügen die individuellen Phantasien, um selbst die sanfteste Behandlung zu einer Stresssituation werden zu lassen. Doch auch ohne entsprechende Ängste ist der Zustand während der Behandlung einfach unan98

„Hoffentlich tut´s nicht weh“ genehm: mit weit geöffnetem Mund dazuliegen und einem fremden Menschen ausgeliefert zu sein, der so nah kommt, dass man seinen Atem hören und spüren kann. Aus diesem Grund ist der Zahnarztberuf immer einem gewissen Abwehrverhalten der Patienten ausgesetzt. Der Gedanke „Hoffentlich tut´s nicht weh“, verkrampfte Arme, Hände und Beine, zu-


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sammengekniffene Augen, ein verspannter Brustkorb, das erleichterte Ausatmen und Entspannen beim Wechsel des Bohrers oder am Ende der Behandlung sind Zeichen hierfür. Dies sind alles nonverbale Zeichen des Patienten, die dem Zahnarzt sagen wollen: „Hoffentlich ist diese Tortur bald vorbei, ich halt es hier nicht mehr aus!“ Solche Abwehrsignale kann der Zahnarzt vielleicht in Gedanken ausblenden und mit Pro-

fessionalität an der Arbeit ausgleichen. Doch unbewusst wird er die Haltung des Patienten widerspiegeln – je höher der Patient die Schultern zieht, desto höher wird dies der Zahnarzt tun, woraufhin der Patient die Schultern noch weiter anspannt. Es ist ein anhaltender Kreislauf, der Patient versteift sich, der Zahnarzt tut es ihm unbewusst gleich. Ein Ringkampf entwickelt sich und die gedachte Tortur im Kopf des Patienten und die daraus resultierende körperliche Haltung in Form von Ge99


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Er befindet sich in einem Zustand der körperlichen Ruhe, aber geistigen Wachheit. Mehrere Studien beweisen, dass sich die meisten Patienten mit und ohne Behandlungsangst wünschen, die unangenehmen Empfindungen auf ein Minimum zu reduzieren oder sogar komplett auszuschalten, um dem Zahnarztbesuch damit den letzten Schrecken zu nehmen. In der heutigen Zeit muss das keine Wunschvorstellung mehr sein! Das Zahnmedizinstudium in Deutschland bietet nur ansatzweise Ausbildungsinhalte für zwischenmenschliche Kommunikation, körpersprachliche und psychologische Aspekte an. Nach dem Studium ist eigentlich jeder mit seiner Menschenkenntnis auf sich gestellt und man versucht, so gut es geht, die mehr oder weniger grossen Probleme des Alltags zu lösen – Größtenteils unbewusst und unter großen Schwierigkeiten.

Das Zahnmedizinstudium in Deutschland bietet nur ansatzweise Ausbildungsinhalte für zwischenmenschliche Kommunikation, körpersprachliche und psychologische Aspekte an. sten und Mimik wird zur Tortur für den Zahnarzt. Tagtägliche Wiederholungen solcher Situationen können zum Dauerstress für Körper und Geist werden - spätestens nach einigen Jahren Berufsalltag werden sich erste Muskelschmerzen und -verspannungen bemerkbar machen. Um dies zu verhindern und vorzubeugen muss man als Zahnarzt lernen, die verbalen sowie nonverbalen Ausdrucksweisen des Patienten zu verstehen. 100

Aus diesen Gründen ist es so wichtig, mit Hilfe der Hypnose und deren Techniken, die für den Patienten unangenehmen Empfindungen auf ein Minimum zu reduzieren und die Behandlung selbst so angenehm wie möglich zu gestalten. Was ist eigentlich Hypnose und was ist Trance? Unter Hypnose versteht man im Allgemeinen den Vorgang, in einen Trancezustand zu gelangen. Diese Hypnose kann durch einen Hypnotiseur, dem Zahnarzt zum Beispiel, oder auch durch die betreffende Person selbst stattfinden (Selbsthypnose). In Trance richtet der Patient seine Aufmerksamkeit von der äußeren Umgebung nach Innen. Er befindet sich in einem Zustand der körperlichen Ruhe, aber geistigen Wachheit. Man ist trotz Trance in der Lage, sich willentlich zu bewegen.


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Personen, welche sich in Trance befinden, sind an verschiedenen Trancephänomenen zu erkennen: 1 - Zeitverzerrung (die Person hat keinen direkten Bezug mehr zur Zeit) 2 - Veränderte Körperwahrnehmungen (die Person verspürt äußere Reize in verminderter Form Form: Analgesie, Anästhesie) 3 - Katalepsie (eine Körperstarre oder die Starre einzelner Körperteile - in der Zahnmedizin empfiehlt sich dabei die Handkatalepsie) 4 - Ideomotorische Bewegungen: eine Bewegung, die rein durch das Denken an die Bewegung ausgelöst wird 5 - Vegetative Veränderungen: Verlangsamung des Pulses; Muskelentspannung; verlangsamte und tiefere Atemzüge Wie erkenne ich, ob sich der Patient in Trance befindet und ich mit der Behandlung beginnen kann? Dazu eignen sich bereits die einfachsten Trancephänomene. Durch geeignete Suggestionen kann der Behandelnde den Patienten dazu bringen, noch tiefer in die Trance zu gehen und damit Empfindungen von außen noch mehr auszublenden.

„Sieh auf den Punkt. Deine Augen werden schwer, sehr schwer, du wirst ganz müde…“ Für wen eignet sich Hypnose? Dass Hypnose nur bei einfältigen und leichtgläubigen Menschen anwendbar ist, ist ein Irrtum, denn genau das Gegenteil ist der Fall: Menschen mit Selbstvertrauen, Konzentrationsfähigkeit und Phantasie können eine hypnotische Trance leichter und intensiver erleben. Man geht davon aus, dass 80% der Bevölkerung gut, 10% sogar sehr gut und nur 10% Prozent der Bevölkerung eher schlecht hypnotisierbar sind.

Wie funktioniert Hypnose? Grundsätzlich muss man zwischen der Klassischen und der Modernen Hypnose nach Milton Erickson unterscheiden. Die Klassische Hypnose beinhaltet direkte Suggestionen: „Sieh auf den Punkt. Deine Augen werden schwer, sehr schwer, du wirst ganz müde…“ ist ein Beispiel dafür. Die direkten Suggestionen werden aber nicht von jedem angenommen, da sie die Gedankenfreiheit stärker unterdrücken und damit Widerstände auslösen. Die Moderne Hypnose hingegen lässt dem Patienten freie Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Phantasie. Er versinkt in den eigenen Erinnerungen und Suggestionen werden an dieser Leitschiene gegeben. Somit ist nur indirekt eine Lenkung der Wahrnehmung möglich. Durch eine ruhige Atmosphäre, geschaffen durch Trancemusik, eingehende Stimmlage und eine ruhige Position wird zu allererst ein Yes-Set (dauerhafte Ja-Sage Haltung) welches den Rapport (enge, persönliche Verbindung) aufbaut. Ein Beispiel: „Heute ist schönes Wetter. Die Sonne scheint. Und wir müssen uns hier der Behandlung ihrer Zähne widmen. Es gäbe auch schönere Dinge bei diesem Wetter.“ Dies sind Dinge, die der Patient mit „Ja“ beantworten würde. Die Fragen sollten meist rhetorisch gestellt sein, damit der Patient mehr und mehr in die Passivität bewegt wird und von selbst gar nicht mehr antworten will. Nach dem Schaffen eines Yes-Sets wird eine Situation hergestellt, indem man den Patient zuerst in verbaler und nonverbaler Weise begleitet (Pacing = P), jedoch mit der Zeit zunehmend führt (Leading). Ein Beispiel: „Noch sind sie vielleicht etwas aufgeregt (P), ihre Atmung ist noch schneller als Sie es gewohnt sind (P), Sie fühlen, wie ihr gesamter Körper auf dem Behandlungsstuhl Platz nimmt“ 101


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(P)…noch 2-3 mal pacen, dann folgt das Leading: „Sie spüren aber auch, wie sich ihr Körper mehr und mehr beruhigt, ihre Atmung entspannter, ruhiger und tiefer wird und sich ihr Puls allmählich verlangsamt.“ Daran schließt sich wieder Pacing an usw.. Dieser Wechsel von Pacing und Leading geht ein paar mal hin und her, aber mit der Zeit wird das Verhältnis von ursprünglich 5:1 (Pacing-Leading) in das Verhältnis von 1:5 umgewandelt.

Auf welchen Sinneskanälen nimmst Du die Welt wahr?

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Nach Durchführung der ersten Schritte folgt die Tranceinduktion. Die Induktion ist der Prozess des Hineinführens in die Trance durch gezielte Suggestionen. Ein Beispiel wäre die 3-Worte-Induktion, in welcher sich der Patient bereits vor der Behandlung an eine schöne Erinnerung zurückbesinnt und diese dann nur mit drei Stichwörtern beschreibt. Diese könnten beispielsweise sein: „Sonne, Sand und Wasser“. Durch diese beschreibt der Patient seinen derzeitigen Ruheort, indem er sich, ohne unser Zutun an etwas Schönes erinnert. Die Aufgabe des Zahnarztes ist es nun, den Patienten während der Behandlung an diesen Ruheort zu binden, die Erlebnisse dort mehr und mehr ins Bewusstsein treten zu lassen und ihn an der Leitschiene dieser 3 Worte tiefer in die Trance gehen


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zu lassen. „Je mehr Sie spüren, desto tiefer können Sie ihr Erlebtes gehen.“ Für eine erfolgreiche Hypnose ist es wichtig, sich in dem vom Patienten bevorzugten, und ihm angenehmen Sinneskanal zu bewegen. Von Vorteil ist, hier eine VAKOG-Analyse anhand der Augenbewegungen bei Denkprozessen im Vorfeld der Hypnose durchzuführen, indem man den Patienten zum Beispiel danach fragt, wie dieser die Stadt „Vladivostok“ oder einen anderen schwierigen Begriff buchstabieren würde. Dabei kontrolliert man explizit die Augenbewegungen des Patienten: schaut er nach oben, ist der Patient eher ein visueller (V) Typ, er sieht die aneinander gereihten Buchstaben vor sich und verarbeitet Informationen eher über Bilder. Schaut er nach vorn und wird es sogar leise vor sich hersagen bzw. mit der inneren Stimme buchstabieren, ist er somit verstärkt ein auditiver (A) Typ. Schaut er nach unten, ist es meistens ein kinästhetischer (K) Typ und schreibt das Wort in Gedanken. Zusätzlich kann man den Patienten neben dem visuellen, auditiven und kinästhetischen Sinneskanal auch nach dem olfaktorischen (O) und gustatorischen (G) Kanal befragen.

ser Sinnesebene innerhalb der 3 Worte Induktion zu verwenden. Der Fokus auf die wichtige und angenehme Erinnerung wird für den Patienten dadurch noch besser in Trance wahrnehmbar. Da das Thema Hypnose nicht nur interessant sondern auch sehr komplex ist, wird dieser Artikel in der nächsten Ausgabe fortgesetzt. Bis dahin kann man ohne Probleme versuchen, die eigene Wahrnehmung für die Körpersprache zu schärfen. Und vor allem: Auf welchen Sinneskanälen nimmst Du die Welt wahr? Viel Spaß.

Christian Leonhardt Julius-Maximilians-Universität Würzburg Pleicherwall 2 D-97070 Würzburg Fon: +49.931.30 51 18 53 leonhardt_c@klinik.ini-wuerzburg.de www.unterwegsgegenkrebs.de www.gemeinsamlebenschenken.de www.arbeitskreis-hypnose.de

Für die letzten beiden reichen die Augenbewegungen allerdings nicht aus. Hier würde man den Patienten nach seinem ganz alltäglichen Ablauf fragen, zum Beispiel über den Zeitraum vom Aufstehen bis zum Verlassen des Hauses. Dort beobachtet man, welche Verben, Begriffe und Wahrnehmungen am häufigsten mitgeteilt und verwendet werden. Daraus lässt sich ableiten, inwieweit sich der Patient in einem besonderen Sinneskanal befindet. Hat man die individuellen Wahrnehmungs- und Sinneskanäle erkannt, sollte man diese unbedingt nutzen und sich darauf konzentrieren, Empfindungen die103


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APPLIED KINESIOLOGY AK Patienten mit diffusen Krankheitsbildern, mit unklaren, zum Teil seit Jahren chronisch bestehenden und therapieresistenten Beschwerden nehmen in den letzten Jahren immer mehr zu. Die schulmedizinische Diagnostik stößt trotz aller Fortschritte der Medizin häufig an ihre Grenzen. Die Auswirkungen von Noxen und Toxinen auf verschiedene Bereiche des menschlichen Körpers sind sehr vielfältig und mit der „modernen technischen Medizin“ nur schwer zu erfassen. Auf der Suche nach ergänzender Diagnostik werden neben Inspektion, Palpation, Röntgen, Laboruntersuchungen etc. verstärkt auch bioenergetische Untersuchungen eingesetzt. Vom Arzt wird heute verlangt, Krankheiten der Patienten und deren Ursachen nicht mehr als rein monocausal und isoliert zu betrachten. Das Wissen der Quantenphysik, dass Alles mit Allem in Verbindung steht und sich gegenseitig beeinflusst, sollte zukünftig auch die moderne Medizin berücksichtigen. „Krankheitsbilder der Moderne“!

Millionen von Menschen in Europa leiden an sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Diabetes, Rheuma, Osteoporose, Magen-, Darm-, Herz-, Schilddrüsenerkrankungen oder Parodontitis etc. Die Hochleistungsmedizin beschäftigt sich mit der Linderung der Symptome und Minderung der Komplikation dieser Erkrankungen, nicht aber mit der Ursachenforschung. Gerade jüngere Patienten sind immer öfter davon betroffen. Sehr oft zeigen viele dieser Patienten mit chronischen Erkrankungen kein klares Krankheitsbild, das sich schulmedizinisch einordnen lässt. Die Ursachen dieser Erkrankungen sind multifaktoriell und beeinflussen die Grundregulation (Matrix) im Bindegewebe. 104


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EINE UNTERSUCHUNGSMETHODE, DIE DIE ZAHNÄRZTLICHE DIAGNOSTIK GANZHEITLICH ERWEITERT

Dr. Margit A. Riedl-Hohenberger Dr. Rudolf Meierhöfer Dr. Ulrich Angermaier

Warum werden diese Erkrankungen häufiger?

Die moderne Medizin trägt hier leider auch ihren Teil bei, denn Eingriffe in die biologische Integrität der Menschen sind beinahe zur täglichen Routine geworden.

Es ist unbestritten, dass die Entzündung, das heißt die Aktivierung unseres Immunsystems den Schlüssel nahezu aller systemischen Erkrankungen darstellt, entweder direkt oder indirekt über eine negative Beeinflussung der Immunfunktion oder biochemischer Prozesse. Die Genetik allein erklärt den rasanten Anstieg entzündlicher Erkrankungen nicht. Man weiß heute, dass eine Vielzahl individueller Trigger- und Kofaktoren als Auslöser chronisch entzündlicher Krankheiten bedeutsam sind. In unserer modernen Gesellschaft müssen wir uns immer häufiger mit immer komplexeren Fremdstoffen auseinandersetzen, die in der Summe den Entzündungsauslöser darstellen und somit auf Basis genetischer Prädispositionen und biochemischer Veränderungen die „Volkskrankheiten“ bedingen. Die moderne Medizin trägt hier leider auch ihren Teil bei, denn Eingriffe in die biologische Integrität der Menschen sind beinahe zur täglichen Routine geworden. Gemeint sind Fremdmaterialien im Bereich der Zahnmedizin, Orthopädie oder Chirurgie, medikamentöse und hormonelle Therapien, immunstimulierende oder immunsuppressive Behandlungen. Jedes Eingreifen in den Organismus hat Auswirkungen auf den gesamten Körper. Die Spezialisierung in der Medizin bedingt leider auch, dass Nebenwirkungen und Folgeerkrankungen oft nicht erkannt werden, wenn diese nicht in unmittelbarem Zusammenhang zum spezifischen Organsystem der eigenen Disziplin stehen. Diese Entwicklungen bleiben auch für die moderne ZahnMedizin nicht folgenlos. Gerade der Kopf und die Mundhöhle sind eingebettet in ein System von energetischen Bahnen. Hier beginnen und enden Meridianpaare; R. Voll und J. Gleditsch haben in ihren Forschungsar105


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beiten eindrucksvoll nachgewiesen, in welch energiegeladenem Bereich Zahnärzte arbeiten. Für viele dieser bioenergetischen Diagnosemethoden bedarf es elektronischer Messapparaturen. Die Applied Kinesiology hingegen bietet die Möglichkeit, den Grundzustand und die Reaktionen des Körpers auf die unterschiedlichsten Reize ohne Geräteeinsatz zu untersuchen. Was ist Applied Kinesiology (AK) ?

Applied Kinesiology ist eine primär diagnostische Methode, die in ihrer Anwendung zusammen mit allen zusätzlich erhobenen schulmedizinischen Befunden die Diagnostik absichern und verfeinern, aber auch das daraus resultierende Therapiespektrum erweitern kann. Die ersten medizinischen Veröffentlichungen über AK erfolgten durch den amerikanischen Chiropraktiker Dr. George J. Goodheart im Jahre 1964. Er beobachtete, dass Muskeln, die er mit standardisierten Muskelverfahren nach Kendall und Kendall überprüfte, in Sekundenschnelle ihre Stärke änderten, wenn Reize verschiedenster Art sowohl lokal im Testmuskelbereich als auch peripher am Körper gesetzt wurden. Dabei veränderte sich die Testmuskelreaktion reproduzierbar je nach gesetztem Reiz von schwach nach stark wie auch umgekehrt. Goodheart verband in seiner Genialität sein umfangreiches Wissen aus Diätetik, Phythotherapie, Akupunktur und Konstitutionstherapie mit seiner langen chiropraktischen Erfahrung und den aus den Muskeltests gewonnenen Ergebnissen zur Applied Kinesiology. Dies ergab für ihn die Verpflichtung, jedes gesundheitliche Problem unter ganzheitlichen Gesichtspunkten zu sehen. Das Resultat dieser Betrachtung ist die „Triad of Health“. HOMÖOPATHIE

ORTHOMOLEKULARE MEDIZIN

PSYCHOTHERAPEUTISCHE VERFAHREN

KLINISCHE ÖKOLOGIE PHYTOTHERAPIE BACHBLÜTEN ERNÄHRUNG ALLOPATHIE FARBTHERAPIE CHIROTHERAPIE

HERD- STÖRFELDLEHRE

AKUPUNKTUR KRANIOSAKRALE & VISZERALE OSTEOPATHIE

KIEFERORTHOPÄDIE

PHYSIOTHERAPIE

TRIAD OF HEALTH. Hier sind die Struktur des Körpers, das biochemische Milieu und die Psyche zu einem dynamischen System verbunden. Bei jeder Erkrankung ergeben sich unter Berücksichtigung aller drei Seiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, je nach Testergebnis, sinnvolle Therapieansätze. Dabei steht der Einsatz der AK immer auf der Grundlage aller notwendigen medizinischen Untersuchungen wie Inspektion, Palpation, bildgebenden Verfahren oder Laboruntersuchungen.

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Kinesiologievarianten

Wie bei allen guten Innovationen entwickelten sich neben der Applied Kinesiology alle möglichen „kinesiologischen“ Abwandlungen, speziell im Laienbereich. Zu erwähnen seien hier die „Touch for Health“ – Bewegung, „Behavioral Kinesiology“, Neuralkinesiologie oder die Edukinestetik und viele mehr. Viele dieser Methoden führen notwendige schulmedizinische Voruntersuchungen gar nicht oder nur sehr oberflächlich durch, auf saubere standardisierte Muskeltestungen wird dabei häufig kein Wert gelegt. Die Applied Kinesiology nach George Goodheart grenzt sich hier klar von diesen Laienbewegungen ab. Der Muskeltest in der Applied Kinesiology

Das Allerwichtigste in der AK ist, wie bereits oben erwähnt, ein korrekt durchgeführter Muskeltest. Dabei wird der Muskel in die standardisierte Testposition gebracht. Der Testvorgang besteht darin, den Muskel mit maximaler Kontraktion gegen einen breiten Handkontakt des Behandlers ohne Schmerz zu drücken. Dieser Test erfolgt isometrisch. Wenn der Patient sein Kraftmaximum erreicht hat, erhöht der Behandler seinen Gegendruck geringfügig für ca. 2-3 Sekunden. Wichtig dabei ist eine gleichmäßige, nicht zu schnelle Kraftzunahme, damit zusätzlich Muskelfasern rekrutiert werden können. Alle Kraftvorteile sollten während des Tests beim Patienten liegen. KRAFT

P MAX

Δp

a)

Das Erkennen von pmax und die gefühlvolle Testdurchführung ist die Kunst des Untersuchers Die Reaktion des Patienten (a) oder (b) ist der eigentliche entscheidende Schritt des AK-Muskeltests! Bei einem ordnungsgemäß durchgeführten Test ergeben sich drei mögliche Muskelreaktionen: 1. Der Muskel ist hyporeaktiv, d.h. der Patient kann den Testmuskel nicht entsprechend rekrutieren, um dem Gegendruck des Behandlers standzuhalten. 2. Der Muskel kann dem ansteigenden Testdruck des Untersuchers ausreichend Widerstand leisten. Auf sedierende, d.h. schwächende Maßnahmen wie die Annäherung der Spindelzellen im Muskelbauch, die Auflage eines starken Magneten auf den Muskelbauch oder die Stimulierung des Sedierungspunktes des Meridians, dem der Muskel zugeordnet ist, reagiert der Muskel vorübergehend mit einer Hyporeaktion. Diesen Muskel bezeichnet man als normoreaktiv. 3. Der Muskel ist im Test stark, reagiert aber auf die unter 2. beschriebenen sedierenden Maßnahmen nicht und bleibt stark. Dies bezeichnet man in der AK als Hyperreaktion. Diese drei Muskelreaktionen sind vergleichbar mit den von Hans Seyle definierten Stressstadien Schock, Alarmreaktion mit nachfolgender Adaptation und Erschöpfung. pmax

= subjektives Kraftmaximum des Patienten

= Druck des Patienten

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= Druck des Untersuchers

Δp

= 2-3-4% zusätzlicher Druck des Untersuchers,

= der Muskel des Patienten bleibt stark, d.h. er kann den

Δp

a)

b)

b)

langsam ansteigend kleinen Extradruck des Untersuchers, Δp richtig beantworten („locking in“). = plötzliches „Zusammenbrechen“ des Muskels, d.h. Δp kann nicht richtig beantwortet werden.

ZEIT

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GAS - General Adaption Syndrom

Zu Beginn eines Stresses (Schock) fällt kurz die körperliche Leistungsbereitschaft ab, um dann durch Cortisol- und Adrenalinausschüttung wieder anzusteigen (Alarmphase). Bei Weiterbestehenden des Stresses – durchaus über Monate und Jahre – kommt es zur Adaptation (= Stadium der Resistenz) auf deutlich erhöhtem Niveau. Dies ist eine sinnvolle Reaktion, da der Organismus so sehr leistungsfähig ist und auch über längere Zeit bleiben kann. Wirkt der Stress aber zu lange ein, so kommt es zum Stadium der Erschöpfung, aus dem eine Rückführung in das Stadium der Resistenz nur schwer möglich ist; auf jeden Fall bedarf es einer längeren Ruhephase und möglichst umfassender therapeutischer Anstrengungen samt einer Änderung der Lebensführung des Patienten („Life Style Modification). Viele Patienten klagen heute über typische stressassoziierte Symptome. Die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem sind heute nicht mehr strittig. Nach der Erstuntersuchung, die dem Therapeuten Hinweise auf den Kraftzustand des Testmuskels gibt, wird je nach klinischer Fragestellung der Patient einem strukturellen, chemischen oder mentalen Testreiz ausgesetzt (Triad of Health). Die AK bezeichnet diese Provokation als Challenge. Es wird dabei, Bezug nehmend auf das Stresskonzept nach Selye, geprüft, welche Auswirkungen ein Reiz auf die Muskelreaktion hat und damit für den Patienten relevant ist und abgeklärt werden muss. Die einfache Berührung einer zu überprüfenden Körperstelle (z.B. Narbe, beherdeter Zahn, Gelenk, Wirbel etc.) bezeichnet man als Therapielokalisation (TL). Diese stellt eine Sonderform des Challenge dar, quasi einen Berührungschallenge. Jede Veränderung des normoreaktiven

Muskels hin zur Hyporeaktion oder Hyperreaktion signalisiert dem Behandler, dass die getestete Substanz, das berührte Areal, die strukturelle Veränderung oder auch der gedachte psychische Stress eine Belastung für den Testmuskel und damit für den Patienten darstellt. Die neuen Erkenntnisse der Neurophysiologie, aber besonders der Quantenphysik

und der Chaostheorie geben heute die Möglichkeit, wissenschaftliche Grundlagen und Erklärungsmodelle über das Funktionieren dieser Form der Diagnosefindung durch Muskeltestung darzulegen. GAS (General Adaption Syndrom) nach Seyle

REAKTIONSLAGE

ZEIT SCHOCK

ALARMPHASE

ADAPTIONSPHASE

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ERSCHÖPFUNGSPHASE


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Der Muskeltest am Beispiel des M. Rectus femoris Von allen im AK Test eingesetzten Muskeln muss der Therapeut über Anatomie, nervale Versorgung, Testposition, Organzugehörigkeit und Nährstoffverbindungen Bescheid wissen.

Mit Ausnahmen von spezifischen orthopädischen Problemen, v.a. am Knie und Becken, testet man in der AK von den vier Teilen des M. Quadriceps normalerweise nur den M. Rectus femoris, der deshalb hier auch als einziger besprochen wird. Der Muskeltest erfolgt meist in Rückenlage. Das Bein wird in eine Position von 90° Beugung im Kniegelenk und ebenfalls 90° Beugung im Hüftgelenk gebracht. Der Untersucher drückt am distalen Oberschenkel in Richtung gerader Extension. Rotation oder Winkelveränderungen im Knie sollten vermieden werden. Dieser Muskel ist organ- und meridianbezogen dem Dünndarm zugeordnet. Anatomie M. Rectus Femoris

Beachte:

Eine bilaterale, teilweise extreme Schwäche des Rectus femoris beidseits, häufig ohne jeglichen gravierenden Befund an der Wirbelsäule, findet man häufig bei dünndarmbezogenen Allergien und Dysbiosen, insbesondere auch bei Candidose! Bei diesen Patientengruppen ist auch der umgekehrte Befund häufig anzutreffen: Beidseitige Hyperreaktion des Rectus femoris als Folge einer allergischen Reaktion des Dünndarms! Der Rectus femoris ist deshalb der ideale Indikatormuskel zur Untersuchung dieses Problembereichs! Die einseitige Hyporeaktion des Rectus femoris ist oft assoziiert mit dem häufigen Subluxationsbefund am SIG, wobei das Ilium durch fehlende Stabilisierung des Rectus Femoris nach posterior abkippt. Anwendung der Applied Kinesiology in der Zahnmedizin

Kaum eine andere Berufsgruppe bringt dauerhaft so viele unterschiedliche Materialien in den Körper ein wie wir Zahnärzte. Jede ärztliche Fachrichtung hat mit Krankheitsbildern zu tun, die ihre Ursachen in unverträglichen zahnmedizinischen Werkstoffen haben. Auf Grund der immer mehr zunehmenden Materialunverträglichkeiten bzw. Sensibilisierungen Testvorgang Rectus Femoris

M. rectus femoris

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Zusammenfassung

Neben der hier aufgezeigten Möglichkeit der Materialtestung mit AK, bestehen viele weitere Einsatzmöglichkeiten in der Zahnmedizin. Von der Materialtestung bei der ZE Herstellung über die Verifizierung von Laboruntersuchungen bis hin zur Abklärung von Infektionen und Herden (Endodontologie, Parodontologie) sowie CMD Problemen können viele zusätzliche Erkenntnisse über das Reaktionsverhalten des Patienten mit Hilfe der AK offenbart werden. Überprüfung der Normoreaktion mit Stimulierung des Sedierungspunktes

auf Zahnwerkstoffe, sollte es für den verantwortungsvoll tätigen Zahnarzt conditio sine qua non sein, bereits im Vorfeld gezielt abzuklären, ob pathologische Reaktionen auf das neu einzubringende oder bereits inkorporierte Zahnersatzmaterial zu erwarten sind, um dem Patienten unliebsame Folgen durch immunologische Abwehrreaktionen zu ersparen. Es muss bedacht werden, dass jedes unverträgliche Material einen Trigger für chronische Entzündungen darstellen kann, da es Wechselwirkungen mit dem Organismus, aber auch mit allen sich bereits im Körper befindlichen Fremdmaterialien eingeht. Dadurch können entzünd-

liche Reize ausgelöst oder bereits bestehende Erkrankungen beschleunigt und verstärkt werden.

Mit der AK haben wir eine schnelle, einfache und reproduzierbare Möglichkeit uns der Materialfrage sowohl präventiv als auch kurativ zu nähern. Zusätzlich können die Ergebnisse auf diese Weise sehr gezielt und damit kostensparend durch entsprechende Laboruntersuchungen schulmedizinisch untermauert werden.

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Darüber hinaus entsteht fachübergreifend durch eine gemeinsame Untersuchungstechnik auch eine gleiche Sprache und somit eine erfolgreiche interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohl unserer Patienten.

Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Anwendung der AK in der Praxis ist eine umfassende Ausbildung in der streng klassischen Methode der Muskeltestung, das Erlernen der im Körper zusammenwirkenden Systeme, das Wissen um ganzheitliche medizinische Zusammenhänge sowie ein Überblick über Naturheilverfahren. Techniken der Manuellen Medizin sowie der craniosacralen Therapie lassen sich ideal in die AK integrieren und sind deshalb wichtige Bausteine im Rahmen der Ausbildung. Der gezielte Einsatz verschiedener Diagnoseverfahren, sowie die Interpretation der Ergebnisse und deren klinische Umsetzung erfordern einen engen Dialog zwischen Zahnarzt, Ärzten anderer Fachrichtungen unter anderem auch Umweltmedizinern, Dental- und Diagnostiklabor. Zukünftig sollte, für eine optimale Behandlung unserer Patienten, eine intensive interdisziplinäre Kommunikation selbstverständlich sein. Dadurch ließen sich einerseits bei der diagnostischen Abklärung Wiederholungsuntersuchungen vermeiden und andererseits therapeutische Wege abstimmen und damit intensivieren.


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Fortsetzung folgt... in der Herbstausgabe der UN-PLAQUED, unter anderem mit speziellen Testungen im zahnmedizinischen Bereich, Zusammenhängen zur Parodontologie, Endodontologie und Funktionsdiagnostik. (Literaturliste auf Anfrage in der Redaktion erhältlich)

IM RAHMEN DES INTERNATIONALEN KONGRESSES DER AK GESELLSCHAFTEN (ICAK) WIRD EIN KOSTENFREIER EINFÜHRUNGSKURS FÜR STUDENTEN IN BERLIN STATTFINDEN:

17. SEPTEMBER 2010 15:30 - 17:30 IM ELLINGTON HOTEL IN BERLIN ANMELDUNG UNTER:

www.daegak2010.de Internationale Ärztliche Dachorganisation für Applied Kinesiology IMAK www.imak.co.at Deutsche Ärztegesellschaft für Applied Kinesiology DÄGAK www.daegak.de International College of Applied Kinesiology-Österreich ICAK-A www.icak.at

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Die Geheimnisse des Parodontiums oder die neuen Erkenntnisse zum marginalen Knochenabbau Wenn es darum geht, Geheimnisse zu l체ften, ist im Allgemeinen mit einer spannenden Atmosph채re zu rechnen. So auch bei der Abschlussveranstaltung der gleichnamigen Deutschlandtour von Astra Tech in Hamburg zu den neuesten Ergebnissen der aktuellen Implantatforschung.

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Obwohl es bereits die sechste Veranstaltung dieser Art war – und das „Geheimnis“ natürlich nicht mehr ganz so geheim erschien –, war im Saal mit den mehr als 200 Zuhörern ein äußerst gespanntes Publikum zu beobachten. Denn Astra Tech hatte diese Abschlussveranstaltung zum Anlass genommen, vier renommierte Referenten mit internationalem Hintergrund einzuladen. So konnte man, neben Professor Schliephake, dem zukünftigen Präsidenten der DGZMK und Abteilungsleiter der MKG in Göttingen, und Dr. Steveling, dem langjährigen Oberarzt der Kopfklinik der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, vor allem Professor Albrektsson aus Göteborg sowie Professor Lyndon Cooper aus North Carolina hören. Alle vier Koryphäen auf ihrem Gebiet konzentrierten sich an diesem Tag auf die aktuellen Forschungsergebnisse zum marginalen Knochenverlust bei Implantaten. Dieses seit langem diskutierte Thema wurde dabei allerdings anders betrachtet, als die gängigen Lehrmeinungen es bisher vermitteln: Es wurde weniger Aufmerksamkeit auf mögliche bakterielle Ursachen oder mechanische Belastungswerte gelegt, sondern Studien präsentiert, die den direkten Zusammenhang einer erfolgreichen Implantation mit dem marginalen Knochenabbau zeigen.

Alle Referenten vertraten ein Konzept, welches die biologischen Voraussetzungen und Reaktionsweisen der Patienten in den

Ein Konzept, welches die biologischen Voraussetzungen und das Reaktionsvermögen der Patienten in den Vordergrund stellt. Vordergrund stellt. Professor Albrektsson, der bereits 1986 die bis heute grundlegenden Kriterien für ein erfolgreiches Implantat postulierte, konnte in einer Vielzahl neuerer Studien belegen, dass mit dem richtigen Implantatsystem, aber vor allem mit der korrekten chirurgischen Vorgehensweise und genauen Berücksichtigung der biologischen Kriterien des Patienten weit bessere Ergebnisse möglich sind, als noch vor 25 Jahren. Der damals postulierte, marginale Knochenverlust von 1,5 mm in fünf Jahren als Erfolgskriterium der Implantation sei durch neuere Implantatsysteme wie das von Astra Tech auf bis zu 0,3 mm reduzierbar. Wie auch die

anderen Referenten bewiesen, ist dieser marginale Knochenverlust lange kein hinzunehmender und unabänderbarer Zustand mehr, dem Patient und Zahnarzt ausgeliefert sind.

Dr. Steveling (Gernsheim) präsentierte einige Fälle aus regelmäßigen Recalls der letzten 16 Jahre, bei denen nach initialem Knochenverlust ein deutliches Knochenwachstum mit nachfolgender Osseointegration sichtbar wurde. Auch andere Dogmen wurden seitens der Referenten hinterfragt, so zum Beispiel die Therapie der Periimplantitis oder auch die dreimonatige Einheilzeit der Implantate vor 113


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Hier bilden die biologischen Grundlagen den Anfang aller Entwicklungen. Belastung. Professor Schliephake führte dabei schlüssig aus, dass eine Sofortbelastung zwar nur unter bestimmten Kriterien und optimalen Bedingungen bei der Implantation durchgeführt werden sollte, dann aber ebenso gute Erfolge zeige wie bei längerer Einheilzeit. Interessanterweise sei dabei zu beobachten, dass neben einem initialen Knochenverlust nach Implantation unter funktioneller Belastung ein Knochenwachstum am Implantathals zu beobachten sei, sofern man die biologischen Prozesse kenne und beachte. Eine ähnliche Ansicht vertrat auch Professor Cooper, der sich zwar vorrangig um die klinische Betrachtung der ästhetischen Aspekte der Implantologie kümmerte, aber anhand der Gegenüberstellung dreier verschiedener Vorgehensweisen bei Einzelfrontzahnimplantaten zeigte, dass unter Beachtung der biologischen Voraussetzungen sowohl die Sofortimplantation in die Extraktionsalveole, als auch die Implantation nach Knochenaufbau oder in die ausgeheilte Extraktionsalveole gleichartig gute und hochästhetische Ergebnisse erzielen können. Bei derzeit ca. 350 verschiedenen Implantatsystemen auf dem deutschen Markt erscheine, so die Referenten, eine Auswahl denkbar schwierig. Es existiere mittlerweile aber eine sehr große Anzahl von Studien, bei der die Bedeutung der Oberflächengestaltung und des Designs an der Implantat-Abutment-Verbindung ganz klar belegt sei. Dem Implantat-System 114

von Astra Tech wurde von allen Referenten ein durchweg visionäres und hervorragendes Konzept bescheinigt, das im Laufe der letzten fast 25 Jahre Innovationen wie die konische Implantat-Abutment-Verbindung (Conical Seal Design™), das Mikrogewinde am Implantathals (MicroThread™), die Fluorid-modifizierte, mikroraue Implantatoberfläche (OsseoSpeed™) sowie die optimierte Schleimhautbildung an der Implantat-Abutment-Schnittstelle (Connective Contour™) hervorgebracht habe. Neuere Entwicklungen gingen, dabei waren sich die Referenten einig, verstärkt auf die optimierte Gestaltung des Abutments ein, was von Astra Tech bereits mit Atlantis™, der CAD/CAMbasierten Herstellung patientenindividueller Abutments, umgesetzt wird. Auch hier bildeten die biologischen Grundlagen den Anfang aller Entwicklungen. Auf die Frage, was man in den nächsten Jahren von der Implantologie erwarten könne, antwortete Professor Albrektsson, dass es sicherlich noch einige technische Entwicklungen im Sinne der Materialien und Oberflächengestaltung geben werde, bevor wir in einigen Jahrzehnten mit Stammzellen und Zahnkeimen arbeiten werden. Bis dahin sollte unsere Aufmerk-

samkeit aber vor allem der Übung des chirurgischen Geschicks und der konsequenten Umsetzung der biologischen Erkenntnisse der Implantologie gelten.


www.dentapress.de

Die Internetzeitung der Zahnmedizin


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Neue Studie:

Frühgeburtsrisiko abhängig vom Behandlungserfolg der Parodontalbehandlung Eine im März 2010 auf der Jahrestagung der International Association for Dental Research (IADR) in Washington, D.C. vorgestellte prospektive Studie1 der Arbeitsgruppe um Marjorie Jeffcoat von der Universität von Pennsylvania hat erstmals das Frühgeburtenrisiko von Schwangeren mit Parodontitis und dem jeweiligen PABehandlungserfolg verknüpft. PD Dr. Dr. Christiane Gleissner, Universität Mainz, berichtete auf Anfrage des Dentista Club, über die eindrucksvollen Ergebnisse dieser Studie, die einen Zusammenhang von Frühgeburtrisiko und dem Erfolg einer PATherapie nahe legen. Insgesamt wurden 872 Frauen untersucht, bei 160 Frauen wurde eine Parodontalerkrankung diagnostiziert und mit Scaling sowie Wurzelglättung behandelt. Nach der PAR-Behandlung wurde bei einer erneuten Untersuchung das Behandlungsergebnis als „erfolgreich“ oder „nicht erfolgreich“ klassifiziert. Bei den

parodontalgesunden Frauen kam es in 7,2 Prozent der Fälle zu einer Geburt vor der 35. Schwangerschaftswoche, dagegen in 23,4 Prozent bei Frauen mit Parodontalerkrankungen.

Überraschend deutlich waren die Ergebnisse, wenn nach dem Therapieerfolg differenziert wurde, so Dr. Dr. Gleissner: „Bei den Frauen mit erfolgreich behandelter Parodontitis entbanden 45 termingerecht; in 4 Fällen kam es 116

zu einer Frühgeburt. Bei den 111 der insgesamt 160 Frauen, die auf die PAR-Therapie schlecht oder nicht ansprachen, endeten 69 Schwangerschaften mit einer Frühgeburt, nur 42 dieser Schwangeren entbanden termingerecht. Wenngleich die Details dieser Untersuchung noch nicht publiziert sind, zeigen diese Daten doch, dass eine frühzeitige umfassende parodontale Betreuung in der Schwangerschaft das Risiko einer Frühgeburt deutlich senken kann.“ Aktuelle Studien rufen zu einer noch intensiveren Prophylaxe bei Schwangeren auf Orale Mikroorganismen in der Gebärmutter

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Studie eines Wissenschaftlerteams aus Ohio2): Entgegen der gängigen Auffassung, intrauterine Infektionen, die zu Frühgeburten führen (können), seien die Folge aufsteigender Infektionen des unteren Genitaltraktes, entdeckte man hier mit verfeinerten Meßmethoden üblicherweise orale Bakterienarten bei intrauterinen Infektionen. Die Autoren gingen im Tierversuch der Hypothese nach, dass intrauterine Infektionen auch durch die hämatogene Translokation oraler Mikroorganismen von der Mundhöhle zur Gebärmutter verursacht werden können.


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Dazu wurde trächtigen Mäusen eine geringe Menge Speichel oder mit subgingivaler Plaque von Parodontitispatienten versetzte Kochsalzlösung in eine Schwanzvene injiziert. 24 Stunden nach der Injektion wurde die Plazenta entnommen und untersucht. Dabei wurden in den Plazenten der mit Speichelbakterien infizierten Mäuse vor allem Mischinfektionen durch Neisseria spp., Streptococcus spp., und Veillonella spp. nachgewiesen. Ähnliche Ergebnisse fanden sich bei den Plazenten der mit subgingivalen Bakterien infizierten Mäuse: hier wurden vor allem Mischinfektionen durch Neisseria spp., Aggregatibacter segnis und Streptococcus spp. nachgewiesen. Alle in den Plazenten nachweisbaren Mikroorganismen konnten auch im infektiösen Agens nachgewiesen werden. Dr. Dr. Gleissner: „Desweiteren zeigte der Vergleich mit dem Infektionsmaterial eine Anreicherung bestimmter Bakterienarten in der Plazenta, z.B. für A. segnis oder Peptostreptococcus stomatis, die im Ausgangsmaterial nur in sehr geringer Zahl, in der Plazenta aber in hoher Zahl gefunden wurden. Die Forscher

Pressekontakt: Birgit Dohlus dental relations 030.30 82 46 82 info@zahndienst.de

werten dies als Beleg dafür, dass die Mundhöhle eine wesentliche Quelle intrauteriner Infektionen darstellt, der in der bisherigen Ursachenforschung nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Außerdem fordern sie die

konsequente Reduzierung bakterieller Beläge in der Mundhöhle, um die Möglichkeit einer hämatogenen Plazentainfektion durch orale Mikroorganismen zu minimieren.“

1) Quelle: Jeffcoat, M., Parry, S., Sammel, M., Macones, G. (2010) Risk of preterm birth is reduced with successful periodontal treatment. AADR Annual Meeting, Washington, DC, March 3-6, 2010, Abstr. # 690, unter http://iadr.confex.com/iadr/2010dc/webprogram/Paper127734.html 2) Quelle: Fardini, Y., Chung, P., Dumm, R., Joshi, N., Han Y.W. (2010) Transmission of diverse oral bacteria to murine placenta: evidence for the oral microbiome as a potential source of intrauterine infection. Infection and Immunity, Apr. 2010: 1789 - 1796.

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Text / Alexandra David

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Was also kann und sollte man zum Schutz des Nachbarzahnes tun? Ein klassischer und durchaus praktikabler Weg ist die Matrize. Um den Nachbarzahn geschwungen

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Und Recht hatten Sie. Ein jungfräulicher Nachbarzahn hat das Recht auf Unversehrtheit und doch lauern die Gefahren überall: als Erstes natürlich bei der Präparation. Einem rotierenden Diamanten ist es egal, ob der Zahn kariös ist oder nicht, denn er frisst alles, was ihm vor die Schneide kommt. Schließlich gibt es keine Warnsignale, wie etwa bei einer Einparkhilfe (das wäre doch mal eine Erfindung!). Die nächste Gefahr lauert in der Säure-Ätz-Technik, denn auch der Phosphorsäure ist es egal, wo sie eindringt und ihr schönes milchiges Ätzmuster hinterlässt. Der unschuldige Nachbarzahn aber wäre geschwächt.

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Im Studium gab es für das Touchieren des Nachbarzahnes bei einer Präparation (Berlin Zahnklinik Süd - in den guten alten Zeiten), einen gefürchteten roten Punkt in die Kursakte – bei drei roten Punkten durfte man sein Köfferchen nehmen. Denn, so sagte man uns, das Verletzten eines nicht behandlungsbedürftigen Zahnes entspricht dem Tatbestand einer Körperverletzung.

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Das Verletzten eines nicht behandlungsbedürftigen Zahnes entspricht dem Tatbestand einer Körperverletzung

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Der Nachbarzahn ist eine sehr gefährdete Spezies. Er steht meistens im Weg.

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Vom Schutz und Frust des Nachbarzahnes


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und am besten mit einen Holzkeil auf Distanz gebracht, kann fast gar nichts passieren – schlimmstenfalls wird ein Matrizenband geopfert. Mittlerweile sind spezielle Mini-Matrizen (z.B. FenderWedge) mit bereits integriertem Keil auf dem Markt, die für das Anlegen nur etwa 2 Sekunden Zeit beanspruchen. Eine andere Möglichkeit ist, bei der Präparation eine Schmelzlamelle in Höhe des Aproximalkontaktes stehen zu lassen und diese erst ganz am Schluss zu brechen – wenn die Gefahr vorüber ist. Der Säurewirkung wiederum kann man mit Kofferdam und Matrize begegnen – was beim Legen von Composite ja sowieso gemacht werden sollte. Wie man sieht gibt es einige Möglichkeiten, den guten Nachbarzahn in seinem Ausgangszustand zu bewahren. Lang lebe der Nachbarzahn!

Lang lebe der Nachbarzahn! Doch hier kommt mein ABER! Hat das wirklich IMMER die höchste Priorität? Ein Beispiel: Die Zähne in einer Zahnreihe stehen krumm und schief, sind rotiert und gekippt und überlagern sich praktisch gegenseitig (klassischer Satz: „Zu meiner Zeit gab´s noch keine Kieferorthopäden!“). Wenn ich meinen Präparationszahn so beschleife, dass ich keinenfalls den Nachbarzahn berühre, würde ich bei meinem Präparationszahn garantiert in der Pulpa landen. Stellt sich die Frage: Soll ich die Pulpa zugunsten des Nachbarzahnes opfern oder lieber ein bisschen Schmelz des Nachbarzahnes wegnehmen, um die Vitalität meines Präparationszahnes erhalten? Ein anderes Beispiel: Prothetische Versorgungen und das Einschleifen der Antagonisten. Soll man auch hier die Pulpa zugunsten des Antagonisten opfern, obwohl dieser vielleicht

Im Einzelfall sollte man deshalb das Gesamtkonzept im Auge behalten und flexibel reagieren – um so viele Zähne zu erhalten, wie es irgend möglich ist schon devital und überkront ist? Ist das sinnvoll? Bei Brücken und Prothesen ist dies durch die BEMA-Pos.89 geregelt: “Beseitigung grober Artikulations-/ Okklusionsstörungen vor Brücken und Protheseneingliederung“. Dies gilt allerdings nicht für Einzelkronen. Warum nicht? Soll man hier bei Platzmangel erstmal eine präprothetische Endo machen? Oder besser doch etwas Einschleifen und die Oberfläche des Antagonisten nachfolgend im Sinne einer Versiegelung schützen? Da Ausnahmen bekanntlich immer die Regel bestätigen, plädiere ich klar zum maximal möglichen Schutz der Nachbarzähne und Antagonisten – ihre Unversehrtheit steht an erster Stelle! Nichts ist schöner und wunderbarer anzusehen, als ein gesunder Zahn! Nicht selten kann jedoch mit Hilfe kleinerer Korrekturen und Schmelzopfer die Hygienisierung, Funktion und häufig auch Prognose des Zahnersatzes deutlich verbessert werden. Ganz im Sinne einer „Restitutio ad integrum“ des gesamten oralen Systems. Für viele Patientensituationen können bestehende Regeln nur bis zu einem bestimmten Punkt angewendet werden, ab da werden individuelle Entscheidungen benötigt. Im Einzelfall sollte man deshalb das Gesamtkonzept im Auge behalten und flexibel reagieren – um so viele Zähne zu erhalten, wie es irgend möglich ist. Deswegen: Seid mutig und gebraucht Euren gesunden Menschenverstand.

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Aspartam der bittersüSSe Tod?

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Der Süßstoff Aspartam stand bis Mitte der 70er Jahre auf der CIAListe als potentielles Mittel zur biochemischen Kriegführung. Heute wird die Monsanto-Substanz in Getränke verklappt. Ursache für Krankheit, Siechtum, Tod. Sokrates konnte seinen todbringenden Schirlingsbecher bewusst wählen. Heute wählt der Todesüchtige eher ein Glas Methanol oder Formalin. Aber es geht sogar unbemerkt und moderater mit Coke-Light oder Orbit ohne Zucker. In beiden steckt eine bittersüße Wahrheit: das gefährliche Lebensmittel-Langzeitgift Aspartam. Aspartam entlädt seine heimtückische Kraft wie eine Zeitbombe. Hier eine kleine Auswahl der möglichen Leiden: Alzheimer, Arthritis, Asthma, Epilepsie, Gehirntumoren, Multiple Sklerose ähnliche Symptome, Parkinson, Depressionen, Hautwucherungen, Blindheit, Depressionen, beschädigtes Kurzzeitgedächtnis oder verminderte Intelligenz, aber auch Herzrythmusstörungen, chronischer Husten, Durchblutungsstörungen, Haarausfall, Migräne und Tinnitus.

Insgesamt gibt es 92 gut dokumentierte Symptome durch eine Aspartamvergiftung – vom Koma bis zum Tod.

Der süße Killer Aspartam nennt sich chemisch L-Aspartyl-L-Phenyl-Alanin-Methylester oder lapidar E 951 - ein Zuckerersatzstoff mit der 200-fachen Süßkraft des Zuckers. Aspartam

ist weltweit in über 90 Ländern in mehr als 9000 Produkten enthalten. Wieder einmal

haben der Chemiegigant Monsanto und seine Tochterfirma Kelco dabei ihre TotengräberFinger im Spiel; allerdings ist jetzt das Patent zum „biologisch langsamen Erkalten“ ausgelaufen. Die Crux beim „Aspartam-Genuß“ ist, dass es im Organismus wieder in seine Grundsubstanzen Asparaginsäure (40%), Phenylalanin (50%) sowie Methanol (10%) zerfällt: Phenylalanin ist für Menschen, die unter der angeborenen Stoffwechselkrankheit PKU (Phenylketonurie, Inzidenz 1:8000) leiden, sehr gefährlich. Durch einen Mangel an dem entsprechendem körpereigenen Abbau-Enzym, der Phenylalanin in Tyrosin umwandelt, akkumuliert sich Phenylalanin im Körper; es wird in Phenylbrenztraubensäure umgewandelt. Die Folgen: verkümmertes Wachstum und Schwachsinn.

Deshalb müssen Lebensmittel mit Aspartam den Hinweis „Enthält Phenylalanin“ aufweisen. 121


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Zudem verursacht ein erhöhter Phenylalaningehalt im Blut einen verringerten Serotoninspiegel im Gehirn, der zu emotionellen Störungen, wie etwa Depressionen führen kann. Die zweite Grundsubstanz Aspartamsäure ist noch gefährlicher. Man stellte fest, dass hohe Mengen Aspartamsäure schwere chronische neurologische Störungen verursacht. Gewöhnlich verhindert die Blut-Hirn-Schranke einen erhöhten Aspartam-Spiegel im Gehirn. Diese natürliche Barriere ist jedoch im Kindesalter noch nicht voll entwickelt. Außerdem ist die Sperre durch extremen Gebrauch von Aspartam überfordert. Das Gift beginnt langsam die Neuronen zu schädigen. Bereits mehr als 75% der Gehirnzellen werden geschädigt, bevor sich klinische Krankheitssymptome zeigen, z.B. hormonelle Probleme, Verlust des Hörvermögens, Epilepsie, Alzheimer, Parkinson, Hypoglykämie u.a.m. Die Pharmazeuti-

schen Hersteller um Monsanto sowie die offiziellen Behörden der meisten Länder schweigen sich darüber aus oder zeigen

Forschungsergebnisse, die genau das Gegenteil behaupten. Die dritte Substanz im Aspartam ist Methanol, chemisch Methylalkohol, und mindestens genauso gefährlich. Schon geringe Mengen Methanol über einen größeren Zeitraum eingenommen, sammeln sich im Körper und schädi122

gen alle Nerven, ganz besonders die sehr empfindlichen Sehnerven und Gehirnzellen.

Aus Aspartam wird Methanol freigesetzt, wenn es über 28,5°C erwärmt wird. Man vermutet sogar, dass das Golfkriegs-Syndrom, mit dem viele US-Soldaten nach Hause kamen, auf überhitzt gelagerte Coke-Light-Dosen beruht. In riesigen Men-

gen sollten diese den Soldaten den Aufenthalt in der Wüste erträglich machen. Übrigens baut der Körper Methanol durchaus ab, nämlich zu Formaldehyd (Formalin, chem. Methanal) und Ameisensäure (chem. Methansäure). Formalin ist ein tödliches Nervengift. Der Körper speichert es und kann es nicht abbauen. Die gerin-

gen Mengen Formalin, die z.B. Ihre Möbel abgeben, sind winzig im Vergleich zu den Mengen beim Dauerkonsum von Aspartam.

Die Giftigkeit von Formaldehyd entspricht der von Zyanid und Arsen. Beide sind tödlich. Achten Sie auf folgende Symptome: Muskelschmerzen (Fibromyalgie), Krämpfe, Gefühllosigkeit der Gliedern, Schwindel, Kopfschmerzen, Ohrensausen, Gelenkschmerzen, Depressionen, Panikattacken, verwaschene Sprache, unscharfes Sehen, Gedächtnisschwund. Die tägliche tolerierbare Menge von Methanol beträgt 7,8 mg/l. Ein Liter mit Aspartam des gesüssten Getränks enthält etwa 56 mg Methanol.


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„Vieltrinker“ kommen so auf eine Tagesdosis von 250 mg, die 32-fache Menge des empfohlenen Grenzwertes! Symptome einer MethanolVergiftung sind: Kopfschmerzen, Ohrensausen, Übelkeit, Beschwerden des Verdauungstraktes, Müdigkeit, Schwindel, Gedächtnislücken, Taubheit und reißende Schmerzen in den Extremitäten, Verhaltensstörungen und Neuritis. Die bekanntesten Symptome sind verschwommenes Sehen, fortschreitende Einengung des Gesichtsfeldes, Zerstörung der Netzhaut bis zur Blindheit. Formaldehyd ist krebserregend. Diketeropiperazin (DKP) ist ein anderes Beiprodukt, das beim Erwärmen und beim Abbau von Aspartam entsteht und mit der Entstehung von Gehirntumoren in Verbindung gebracht wird. In Tierstudien fand man, dass Tiere Gehirnkrebs entwickelten, wenn man sie mit Aspartam fütterte. Ja, und diese Meldung erreicht nicht die Gazetten der Tageszeitung. Eines der Grundprobleme ist, dass die meisten Menschen keinen Kausalzusammenhang zwischen ihren Beschwerden und ihrem lang andauernden AspartamKonsum erkennen. Die Freigabe von As-

partam als Nahrungsmittelzusatz und Zuckerersatz durch die US-Gesundheitsbehörde FDA ist ein Beispiel für die Verflechtung der Chemie-Riesen wie Monsanto mit den Regierungsbehörden. Dazu gehört auch die pseudowissenschaftliche Überflutung mit bewusst falschen Informationen. Es gibt stichhaltige Beweise, dass man Labortests fälschte, Tumore von Versuchstieren entfernte und offizielle Behörden bewusst falsch informierte. Und aufgepasst: Aspartam stand bis Mitte der 70er Jahre auf einer CIA-Liste als potentielles Mittel zur Biochemischen Kriegführung. Im Rahmen einer internationalen Umweltkonferenz erfuhr die Fachwelt über die Aspartam-Krankheiten, wie die sich epidemieartig ausbreitende Multiple Sklerose. Einige Wis-

senschaftler waren der Ansicht, dass der stetig steigende Gebrauch des Süßstoffs Aspartam der Auslöser sei. Dies verursache

eine Übersäuerung, eine Azidose im Stoffwechsel; die Methanol-Vergiftung. Sie imitiert die

Symptome einer Multiple Sklerose, die zu einer falschen Diagnose der MS führt, obwohl es sich um Symptome einer Methanol-Vergiftung handelt. MS verläuft chronisch und schubweise. So stellte z.B. eine Krankenschwester fest, dass bei sechs ihrer Kolleginnen – alle Fans des Cola-Light Genusses – plötzlich die Diagnose Multiple Sklerose gestellt wurde. Dazu kann ich berichten, dass es in meinem Bekanntenkreis einer Pseudo-MS-Geschädigten besser geht, seitdem sie ihren Konsum von Cola-Light abrupt einstellte. Der Aspartam-Hersteller Monsanto finanziert die Amerikanische Diabetesgesellschaft.

Eine Methanolbelastung führt zu rasch auftretenden Vergiftungserscheinungen, die zur Erblindung und zum Tod führen können. Die Krankheit Lupus erythematodes breitet sich vor allem unter Cola- und Pepsi-Light-Fans aus. Stoppen z.B. Lupuskranke die Zufuhr von Aspartam, verschwinden die Symptome meist, indessen sind die Krankheitsfolgen nicht umkehrbar. Bei der Markteinführung von Aspartam, gab es Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress. Zu Beginn fand man Aspartam in etwa 100 Produkten. Heute, nach Ablauf des Patents, kann jeder Aspartam herstellen und verkaufen. Aspartam verändert den Stoffwechsel der Gehirnzellen. Es wurde ursprünglich auch als Mastmittel entwickelt, weil es das Sättigungszentrum im Gehirn außer Funktion setzt. Aspartam ist also kein Diätprodukt, im

Gegenteil: es fördert die Fettablagerung, denn das Formaldehyd wird in den Fettzellen gespeichert. Diabetiker mit einem kranken Augenhintergrund, einer sogenannten Retinopathie, sollten ihren Aspartam-Konsum gründlich überprüfen. Häufig ist es nicht der Diabetes, sondern das Aspartam, dass den Augenhintergrund schädigen kann. 123


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Der Aspartam-Hersteller Monsanto finanziert die Amerikanische Diabetesgesellschaft. Die New York Times legte bereits 1996 offen, wie diese Gesellschaft Geld von der Lebensmittelindustrie entgegen nimmt und dafür deren Produkte fördert. Viele Jahre hat der Busenfreund von Monsanto, die amerikanische Gesundheitsbehörde, den Gebrauch und Verkauf des natürlichen Süsssungsmittel Stevia verhindert, um Monsanto, die gerade Aspartam vermarkteten, finanziell zu schützen. Trinken Sie im Zweifelsfall lieber Wasser. 75% aller Menschen sind chronisch dehydriert. Wassermangel ist ein Auslöser für Tagesmüdigkeit. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass acht bis zehn Gläser Wasser pro Tag Rücken- und Gelenkbeschwerden bei bis zu 80% der Leidenden erleichtern. Schon 2% Flüssigkeitsverlust des Körpers können ein gestörtes Kurzzeitgedächtnis und Schwierigkeiten bei den Grundrechenarten auslösen. Bei einigen gelingt das also auch ohne Aspartamgenuss. Fünf Glas

Wasser pro Tag reduzieren das Risiko von Dickdarmkrebs um 45%, das Risiko für Brustkrebs um 79%, und man hat ein um 50% geringeres Risiko, Blasenkrebs zu bekommen. Trinken Sie also genügend Wasser.

Einige Randnotizen zum Thema Coke:

In vielen Staaten der USA führen Straßenpatrouillen Coke mit, um nach einem HighwayUnfall das Blut besser von der Straße entfernen zu können. LKW-Fahrer in USA benutzen schon seit vielen Jahren Coke, um die Motoren ihrer Trucks zu reinigen. Übrigens: Die Tankwagen, die das sirupartige Cola-Konzentrat transportieren, müssen mit einer Gefahrgut-Plakette für hochkorrosive Materialien gekennzeichnet sein. Oder als Haushaltstip: Um eine eingerostete Schraube zu lösen, brauchen Sie nur für einige Minuten einen Cola getränkten Lappen auf die rostige Schraube zu legen. Cola hilft, Fettrückstände zu lösen oder sie können damit auch den Straßenschmutz von der Windschutzscheibe beseitigen. Das „Wunderreinigungsmittel“ Coke enthält außerdem auch Phosphorsäure mit einem ph-Wert von 2,8. Phosphorsäure vermindert die Einlagerung von Calcium in den Knochen. Die Knochendichte verringert sich im dem Maße wie wir zu Cola & Co greifen und trägt eindeutig zum Anstieg der Osteoporose bei.

Text: Hans Jörg Müllenmeister

TRINKT COKE - UNTERSTÜTZT DIE ÄRZTE!

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2010 dent al challenge Fo r s chung für die Zukunf t

Ziel: Förderung junger Nachwuchswissenschaftler, Forum zur Präsentation von Studien- und Forschungsergebnissen Teilnehmer: Junge Wissenschaftler (mit Studienabschluss 2005 oder später) und Studenten aus dem deutschsprachigen Raum Voraussetzung: Beteiligung eines VOCO-Präparats an der eingereichten Studie, keine öffentliche Präsentation der Untersuchungsergebnisse vor dem 31. Mai 2010 Einzureichende Unterlagen: Projekt-Beschreibung (ca. 1 Seite DIN A4), Lebenslauf mit Lichtbild des Teilnehmers /der Teilnehmerin Bewertung: Einladung der besten Einsendungen nach Cuxhaven zum Finale der VOCO Dental Challenge Sep./Okt. 2010, 10-minütiger Kurzvortrag der Forschungsergebnisse anläßlich der VOCO Dental Challenge in Cuxhaven, Bewertung durch drei unabhängige habilitierte Wissenschaftler Preise: 1. Platz: 6.000,- €*, 2. Platz: 4.000,- €*, 3. Platz: 2.000,- €*, jeweils zzgl. Publikationszuschuss in Höhe von 2.000,- € (*50 % des Preisgeldes für den Vortragenden, 50 % für die Arbeitsgruppe) Anmeldung: Bis 31. Mai 2010 VOCO GmbH · Dr. Martin Danebrock · Postfach 767 · 27457 Cuxhaven Tel. (0 47 21) 719 - 209 · Fax (0 47 21) 719 - 219 m.danebrock@voco.de · www.voco.de

VOCO GmbH · Postfach 767 · 27457 Cuxhaven · Tel. +49 (4721) 719-0 · www.voco.de


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Wie kommt der Kunststoff in die Tube?

Rund 100 Zahnmedizinstudenten des Frankfurter „Carolinum“ blickten im Januar bei Heraeus in Wehrheim hinter die Kulissen der aufwändigen Produktion von Zahnfüllungsmaterialien, Haftvermittlern und Prothesenkunststoffen. Am Firmensitz in Hanau staunten die Gäste, in wie vielen Feldern der Technologiekonzern auch jenseits des dentalen Alltags präsent ist.

„Wenn ich nach dem Studium für die Zahnarztpraxis Material einkaufe, will ich genau wissen, wofür ich mein Geld ausgebe.“ „Wenn ich nach dem Studium für die Zahnarztpraxis Material einkaufe, will ich genau wissen, wofür ich mein Geld ausgebe“, erklärte Eva Kestner (23), Studentin im 5. Semester, ihre Neugier auf die Herstellung der Dentalprodukte. Sie und ihre Kommilitonen nutzten die Chance, das Gelernte kurz vor dem Physikum noch einmal hautnah zu erleben und zu vertiefen. Einmal jährlich gewährt Heraeus Studenten des Frankfurter Carolinum (Zentrum für Zahn-, Mundund Kieferheilkunde der Goethe-Universität) Einblicke in die Produktion. 30 Kilometer nördlich von 126


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Frankfurt stellen 290 Mitarbeiter neben Medizinprodukten wie dem Hüftgelenkzement Palacos über 500 Pulver, Pasten und Flüssigkeiten für dentale Anwendungen her. Sorgfältige Verarbeitung abgestimmter Rohstoffe

Dabei hat die Reinheit der Dentalprodukte in der Produktion oberste Priorität. Mit Haube und Kittel folgten die Studenten dem Produktionsleiter durch die Pastenproduktion. Hier werden Glaspartikel fein gemahlen, die Zahnfüllungen besonders abriebfest und glänzend machen. Eine Keramikwalze schließt Farbpigmente für die zahnfarbenen Signum Verblendkomposite und die Füllungsmaterialien Venus Diamond und Charisma auf. Unter Gelblicht füllen Mitarbeiter die lichtempfindlichen Pasten aus 600 g-Gebinden in die kleinen 4 g-Kartuschen, die die Studenten aus der Uni kennen. Die Rohstoffe, die in Wehrheim in abgestimmter Zusammensetzung zu Haftvermittlern, Prothesenkunststoffen oder Füllungsmaterialien verarbeitet werden, bezieht Heraeus aus aller Welt. Im größten Mischer mit einem Fassungsvermögen von 1,4 Tonnen wird die Flüssigkeit für den Prothesenkunststoff PALA Xpress gemischt – aus Methylmethacrylat, Initiatoren, Vernetzern und Stabilisatoren. „Wer mir im Physikum die vollständige Formel aufsagen kann, bekommt eine 1“, versprach Dozentin Dr. Steffani Janko. Sie betreut am Frankfurter Carolinum die besonders praxisnahe Ausbildung der Zahnmedizinstudenten – auch im zahntechnischen Bereich. Zahntechnik und Zahnmedizin zum Anfassen

Am Hauptsitz von Heraeus in Hanau konnten die angehenden Zahnärzte ihre zahntechnischen Kenntnisse auch im Legierungsbereich vertiefen. Zahntechniker Heinz Schebela erläuterte anhand von Beispielen typische Fehler beim Vergießen von Dentallegierungen und wie man diese vermeidet. Zahntechnik und Zahnmedizin zum Anfassen erlebten die Besucher im Richard-Küch-Forum, zum Beispiel beim Kräftemessen am Kaukraftsimulator. In der

Ausstellung erfuhren die Besucher anschaulich, in welchen Feldern der Technologiekonzern außerhalb der Dentalwelt aktiv ist. Katalysatoren, Photovoltaik, Glasfasern sind nur einige Beispiele für Hightech von Heraeus. „Wir hätten nicht gedacht, dass Heraeus überall im Alltag so präsent ist“, staunten die Studenten. „Für unsere Studenten war es sehr spannend zu sehen, wie der Kunststoff in die Tube kommt und wie aufwändig die Pulverherstellung ist“, so das Fazit von Dr. Janko. „Mit den Materialien von Heraeus haben wir am Carolinum positive Erfahrungen gemacht, so dass wir gern und guten Gewissens mit den Studenten hierher fahren.“ Heraeus will die Offenheit gegenüber den Studenten auch künftig pflegen, wie Ekkehard Jagdmann, Opinion Leader Manager bei Heraeus, betont: „Vertrauen und Nähe zu den Zahnärzten sind uns sehr wichtig – das gilt schon vor dem Examen. Deshalb heißen wir das Carolinum gerne wieder willkommen.“

Pressekontakt: Heraeus Kulzer GmbH Bianca Laubach Public Relations Prosthetics Tel.: +49.6181.35 30 84 Fax: +49.6181.35 30 64 Grüner Weg 11 D-63450 Hanau www.heraeus-dental.com bianca.laubach@heraeus.com 127


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Abrechnung – Dr. G. Brodmann Daisy Akademie + Verlag GmbH, Heidelberg - Leipzig Wer heute „Zahnarzt“ werden möchte, muss einiges auf dem Kasten haben. Feinmotorisches Geschick, eine gute sensorische Wahrnehmung, Geduld im Umgang mit Patienten und die Bereitschaft zu hochkonzentriertem Arbeiten und lebenslangem Lernen sind Grundvoraussetzungen für die Ausübung des Berufs. Gleichzeitig ist auch unternehmerisches Denken und Handeln gefragt, denn selbst ein exzellenter Studienabschluss ist heute kein Garant mehr für den Erfolg im Berufsleben. Hier wird vor allem eines gefordert: hochqualifiziertes Arbeiten unter steigendem Zeit- und Kostendruck.

Kein Geld zu verschenken

Beim „Traumberuf Zahnarzt“ klaffen vielversprechendes Image und realer Daseinskampf inzwischen weit auseinander. Betriebswirtschaftliches Know-how und gute Kenntnisse der Honorierungs- und Abrechnungssysteme sind unerlässlich, um auch die wirtschaftlichen Herausforderungen erfolgreich meistern zu können. Der Start in die eigene Praxis ist für junge Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner nicht leicht. Schon lange besteht in Großstädten und Ballungszentren eine zunehmende Wettbewerbssituation. Die Versorgungsdichte hat vielerorts so sehr zugenommen, dass es oft schwer ist, überhaupt eine Praxis am Wunschstandort zu eröffnen. Wer zu den Glücklichen zählt, die sich dennoch niederlassen, auf den kommen Finanzierungskosten in Höhe von durchschnittlich 350.000 Euro aufwärts zu. Diese stattliche Summe im Laufe

der Lebensarbeitszeit abzutragen, ist in der Regel nur möglich, wenn die Praxis auch ausreichend Gewinn macht. Aber wann macht eine Praxis Gewinn? Und wie muss ich meine Leistungen be- und abrechnen, damit sich meine Arbeit überhaupt lohnt? Was steckt hinter den Begriffen GOZ, GOÄ, HOZ, BEL, BEB und welche Rolle spielt der Bema? 128

Professionelles Honorar- und Abrechnungsmanagement wird im Rahmen der universitären Ausbildung nicht vermittelt. Insofern sind

junge Zahnärzte mit den Inhalten und Feinheiten der Thematik in aller Regel wenig vertraut. Genau durch diese Problematik

wird in der Praxis bares Geld verschenkt. Sich fundierte Kenntnisse in der Abrechnung anzueignen, sollte keine lästige Pflicht, sondern muss fester Bestandteil des persönlichen Fortbildungsplans sein. Wer nur darauf setzt, dass später einmal die zuständige Verwaltungsmitarbeiterin alles richtig macht, riskiert Verluste. Reibungsverluste, also letztendlich Einnahmeverluste, entstehen sehr häufig an der Schnittstelle von Behandlungszimmer und Praxisverwaltung: Leistungen werden oft gar nicht erst als abrechenbar erkannt und demzufolge auch nicht dokumentiert, d.h. insofern auch nicht abgerechnet. Im Verlauf eines Jahres können sich solche „Nachlässigkeiten“ zu einem stattlichen Posten summieren. Pole-Position oder Boxengasse?

Seit Jahren liegt das Finanzierungsvolumen der Zahnärzte im oberen Bereich, 2006/2007 sogar an der Spitze aller Facharztgruppen. In der Einkommensskala sind Zahnärzte langfris-


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Pflicht oder K端r?


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tig gesehen jedoch stark abgerutscht. Während sich das Zahnarzt- Allein der Realwerteinkommen 1980 noch im oberen Bereich der Facharztein- verlust des Honorars kommen bewegte, lagen Zahnärzte 1997 noch im Mittelfeld beläuft sich auf etwa 60 und sie finden sich ab 1999 in den unteren Bereichen der Ein- Prozent. kommensskala. Bei den Einkommen selbst sind große Spannweiten zu beobachten. Das verfügbare Einkommen im Jahr 2007 für einen verheirateten Zahnarzt mit zwei Kindern lag im Bundesdurchschnitt bei 56.990 Euro. Gleichzeitig ist die Liquidität der Praxen langfristig geschwunden. Dieser Liquiditätsschwund geht zu Lasten der Behandlungsqualität und somit zu Lasten der Patienten. Konkret bedeutet dies: es fehlen finanzielle Mittel für innovative Behandlungsmethoden und die notwendige Qualifizierung. Rückblick: Es war einmal…

das Jahr 1988 – die Geburtsstunde einer neuen Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ). Heute, mehr als 21 Jahre später, gilt diese Gebührenordnung unverändert weiter – fachlich veraltet und betriebswirtschaftlich vollkommen obsolet. Allein der Realwertverlust des Honorars beläuft sich auf etwa 60 Prozent. Über 20 Jahre erfolgte keine Anpassung der GOZ, mehrere Versuche der Zahnärzteschaft bezüglich einer ausgleichenden Novellierung sind an der Politik gescheitert. Ein neuer Anlauf wurde erst kürzlich wieder gestartet, doch auch diesmal ist der Ausgang mehr als ungewiss. Neben den Vergütungsstrukturen im vertragszahnärztlichen Bereich (Bema), die sich weitgehend außerhalb eines betriebswirtschaftlich stimmigen Rahmens abspielen, erfährt die GOZ für die Abrechnungs- und Einnahmeseite der zahnärztlichen Praxen eine zunehmende Bedeutung. Wurden im Jahr 2000 noch

etwa 40 Prozent aller Einnahmen über die GOZ abgerechnet, so sind es im Jahr 2007 bereits über 50 Prozent – Tendenz weiter steigend.

Zukunftsfähige Berufsausübung und erfolgreiche Praxisführung

basieren im Wesentlichen auf drei Voraussetzungen: zahnmedizinisch fachlicher Kompetenz, betriebswirtschaftlich stimmigen Honoraren und der Realisierung des Honoraranspruchs im Rahmen der geltenden Gesetze und Verordnungen. Eine zunehmende Herausforderung für das gesamte Team besteht darin, eine präventionsorientierte und qualitativ hochwertige Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde mit einer leistungsorientierten Honorierung in Einklang zu bringen. Die Abrechnung der Leistungen muss korrekt dokumentiert und detailliert aufgeschlüsselt sein, damit sie für den Patienten transparent und gegenüber den Kostenträgern vertretbar ist. Bei der Frage nach Strategien, mit denen Zahnärzte versuchen, sich den veränderten Anforderungen zu stellen, steht die Fortbildung zu abrechnungstechnischen Themen bei 58,2 Prozent aller Zahnärzte inzwischen ganz weit oben. Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage – Abrechnung, Kür oder Pflicht? – lässt sich somit klar beantworten: Abrechnung ist gleichermaßen Pflicht und Kür. 130

Literaturtipp: Dr. Wolfgang Micheelis / IDZ, Barbara Bergmann-Krauss / ZZQ und Prof. Dr. Elmar Reich / Biberach: „Rollenverständnisse von Zahnärztinnen und Zahnärzten in Deutschland zur eigenen Berufsausübung – Ergebnisse einer bundesweiten Befragungsstudie“, IDZ-Information Nr. 1/10, 26. Februar 2010


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Mehr Sicherheit bei der Existenzgründung Im modernen zahnmedizinischen Alltag sind gut funktionierende Netzwerke mit Kollegen und Spezialisten nicht mehr weg zu denken. Auch im wirtschaftlichen Bereich des Unternehmens Zahnarztpraxis bietet es sich an, auf kompetente Netzwerke zurückzugreifen, da auch hier längst nicht mehr alles von einer Person bewältigt werden kann.

Gerade auf dem Gebiet der Abrechnung sind Zahnmedizinische Verwaltungsassistentinnen, die sich ausschließlich mit der Erstellung von HKP´s und der Abrechnung erbrachter Leistungen beschäftigen, für viele Praxen unverzichtbar geworden. Wer auch im Bereich Rechnungs- und Mahnwesen etwas weniger Sorgen haben möchte und Wert auf planbare und sichere Liquidität legt, arbeitet heutzutage mit Abrechnungsdienstleistern zusammen. Zu deren klassischen Leistungen gehören neben der administrativen Entlastung auch die Vorfinanzierung, Ausfallschutz, ein Erstattungsservice und Patiententeilzahlungsangebote. Unter dem Namen „Start@bfs“ bietet der zahnärztliche Abrechnungsdienstleister BFS health finance darüber hinaus ein speziell auf die Wünsche und Bedürfnisse von zahnärztlichen Existenzgründern ausgerichtetes Leistungspaket an. Zusätzlich zu den klassischen Leistungen enthält dieses Existenzgründerpaket folgende wichtige Leistungsbausteine: Abrechnungscoaching

Auf Wunsch überprüft die BFS die ersten zehn Honorarabrechnungen auf Vollständigkeit und Plausibilität. Die Abrechnungsspezialisten der BFS sind stets auf dem neuesten Stand der Gebührenordnung und erkennen so gezielt ungenutzte Abrechnungspotentiale und gegebenenfalls Korrekturbedarf. Durch diesen Service

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erhält der Existenzgründer kompetente Unterstützung in der rechtssicheren und leistungsgerechten Rechnungserstellung sowie aktuelle Informationen rund um die Abrechnung. Kostenlose Fortbildungen

Die Existenzgründer können mit einer Begleitperson ein Jahr lang und bundesweit an den zahlreichen BFS-Fortbildungen (u.a. zu den Themen GOZ-Abrechnung, Praxismarketing u.v.m.) kostenfrei teilnehmen. BFS-Patientenbefragung

Wie sind die Patienten auf die Praxis aufmerksam geworden? Wie wichtig sind den Patienten z. B. die Öffnungszeiten der Praxis oder die Gestaltung der Praxisräume? Und wie zufrieden sind sie mit diesen Punkten in ihrer Praxis? Auf diese und weitere Fragen erhalten Existenzgründer durch die BFS-Patientenbefragung Antworten und können dementsprechend reagieren. Damit ist die Befragung nicht nur ein wichtiges Instrument für das nach §135a SGB V gesetzlich vorgeschriebene praxisinterne Qualitätsmanagement, sondern auch wesentliche Informationsquelle für die richtige Positionierung der Praxis. Vom Fragebogen bis zum Kugelschreiber stellt die BFS alles Erforderliche für die Patientenbefragung zur Verfügung, wertet die ausgefüllten Fragenbögen aus und erstellt daraus einen ausführlichen Ergebnisbericht mit übersichtlichen Grafiken.


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Fortbildung Netzwerk Umsatz Finanzierung BFS-Geoanalyse

Durch die BFS-Geoanalyse können sich Existenzgründer ein Bild davon machen, woher ihre Patienten und Umsätze kommen und so ungenutzte Potentiale erkennen. BFS wertet die Umsatzdaten der Praxis geographisch aus und stellt diese Informationen zusammen mit weiteren Informationen auf digitalen Landkarten dar. Die BFS-Geoanalyse liefert exakte Antworten auf u.a. folgende Fragen: In welchen Stadtteilen und Regionen macht die Praxis den stärksten Umsatz? Wo liegen kaufkraftstärkere Gebiete? Aus welchen Gebieten kommen bisher nur wenige Patienten?

Verträge

Stundenlohn Versicherung Steuerberater

Die Kondition für die spezielle Leistungskombination des Existenzgründerpaketes „Start@ bfs“ beträgt in den ersten zwölf Monaten der Zusammenarbeit lediglich 2,49% (zzgl. MwSt.).

Abrechnung

Die BFS greift nicht nur auf ihre eigene langjährige Erfahrung zurück, sondern nutzt darüber hinaus auch die umfassende Expertise eines starken Partnernetzwerkes. Im Mittelpunkt des Angebots stehen die administrative Entlastung der Zahnärzte, die Sicherung des Liquiditätsflusses und ein professionelles Risikomanagement. Die Kunden können die von ihnen gewünschten Leistungen individuell auswählen und auf diese Weise eine zu Ihrer Praxis und den Patienten passende Lösung zusammenstellen.

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Text + Bild / Domenica Kastl

Green Hills in the sun Famulieren in Kenia 134


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Ich habe mich in Kenia verliebt. Damals arbeitete ich in Nairobi als Lehrerin an einer Elementary School im Slum Kawangware, wo die Kinder der Ärmsten der Armen zur Schule gingen. Seitdem hatte ich mir vorgenommen, noch einmal für eine längere Zeit dorthin zurück zu gehen. Ursprünglich war es mein Plan, ein ganzes Semester auszusetzen, um drei Monate in Kenia Famulatur zu machen und drei Monate wieder an der Schule bei den Kids zu unterrichten. Ich entschied mich später allerdings für die lieber-schnell-das-Studium-beenden-Variante, wollte aber dennoch nicht auf die Famulatur verzichten und außerdem meine kenianischen Freunde wieder sehen. So musste ich mein Vor-

haben dann in die Semesterferien quetschen, so dass anstelle der ursprünglich geplanten drei Monate Famulatur und Schularbeit jeweils nur drei Wochen Zeit zur Verfügung standen.

Es gibt dort alles, was Afrika an Parasiten und Krankheiten zu bieten hat. Die Famulatur habe ich über den Verein Arztund Zahnarzthilfe Kenya e.V. (AZK, www.zahnarzthilfe-kenya.de) organisiert. Der Verein hat verschiedene Zahnarztstationen über ganz Kenia verteilt aufgebaut und betreut diese kontinuierlich. Dort arbeiten das ganze Jahr hauptsächlich (frisch) approbierte Zahnärzte und hin und wieder auch Studenten. Meinen Recherchen nach ist die dies einzige Organisation, über die eine Famulatur in Kenia möglich ist und da ich nur drei Wochen famulieren wollte, stand mir ohnehin keine finanzielle Unterstützung des DAAD zu. Ich musste mich lediglich um einen Flug kümmern, bei der AZK in den Dienstplan eintragen lassen, mir eine Auslands-Unfallversicherung besorgen und natürlich Sachspenden sammeln. Als Famulaturziele in Kenia gab es Nyabondo, Nakuru und Kasarani/Nairobi zur Auswahl. Ursprünglich wollte ich nach Kasarani, da ich bereits vom vorherigen Jahr eine Gastfamilie in Nairobi hatte und dort auch hätte leben können. Allerdings wurde in der Zeit von Ende Februar bis Mitte März meine Hilfe eher in Nyabondo benötigt, so dass ich mir die Weiterreise von Nairobi nach Nyabondo organisierte und mich auf drei Wochen Zähneziehen in einem der schönsten Teile des Landes freute. Nyabondo liegt zwischen Kisumu und Kisii in der Nähe des Lake Victoria, mitten in den immergrünen Hügeln von Westkenia, auf knapp 2000 135


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Das Kloster

Extraktion

Kakamega Rainforest

unser G채stehaus

Sister Lawrencia und Silja

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Mit einer AIDS-Rate von 25% liegt das Gebiet um Nyabondo im nationalen Vergleich mit Abstand an der Spitze. Metern über dem Meeresspiegel, unmittelbar am Äquator. Es gibt dort alles, was Afrika an Parasiten und Krankheiten zu bieten hat. Die Malariamücken beherbergen die tödlichste der drei Malariavarianten, im Lake Victoria wimmelt es nur so von Würmern, die einem unter die Haut und in die Augen kriechen und die man dann erst Monate später zufällig bemerkt weil sie irgendwo heraus gekrochen kommen. Gelbfieber, Tuberkulose und auch HIV sind in dieser Region ein großes Thema, denn mit einer AIDS-Rate von 25% liegt das Gebiet um Nyabondo im nationalen Vergleich mit Abstand an der Spitze. Mit Hepatitis-, Tollwut-, Typhus- und Gelbfieberimpfschutz sowie einer ordentlichen Ladung Malarone und Durchfallmedikamenten sowie einem extra Koffer voller Sachspenden trat ich am 28. Februar die lange Reise in das Herz Ostafrikas an. Nach einem herzlichen Empfang in meiner Gastfamilie und einem leckeren afrikanischen Essen mit frisch gepresstem Mangosaft fuhr mich der Gastvater am nächsten Tag persönlich von Nairobi nach Nyabondo, wo ich die kommenden drei Wochen im Nyabondo Hospital, genauer gesagt im Kloster der Franciscan Sisters of St. Joseph, dem Franziskanerinnen-Orden, der das Krankenhaus dort verwaltet, verbringen sollte. Schon die Fahrt war sehr authentisch, denn man kommt hautnah mit den „dancing roads“ Kenias in Berührung – Straßen oder gar Autobahnen, wie man sie in Europa kennt, existieren hier nicht. Wenn schon Nairobis Straßen teilweise solche Schlaglöcher haben, dass Europäer höchstens in einem Traktor oder Jeep darauf fahren würden, kann man von den Straßen irgendwo in der Pam-

pa in den Bergen von Westkenia nichts besseres erwarten. Nach sechs Stunden Autofahrt, wovon die letzte Stunde buchstäblich über Stock und Stein, teilweise metertiefe Schlaglöcher, bergab bergauf ging, kamen wir in Nyabondo an, wo wir sogleich von Sister Lawrencia herzlich empfangen wurde. Sie ist eine der acht Klosterschwestern im Konvent und zuständig für die Dental Unit im Nyabondo Hospital. Die Begrüßung durch die deutschen Zahnärztinnen, die gerade vor Ort waren, fiel allerdings weitaus weniger herzlich aus: „Was, ihr habt einen ganzen Koffer voller Sachspenden mitgebracht? Den könnt ihr gleich wieder mitnehmen, das können wir hier jetzt echt nicht gebrauchen, wir haben alles! Die haben hier gerade erst eine neue Einheit bekommen…“ Na toll - für 100 Euro hatten wir Übergepäck bezahlt und uns abgemüht und das sollte der Dank dafür sein!?

In unseren Wasserkübeln brüteten gerne ein paar Moskitos und giftige Tausendfüßler bevölkerten regelmäßig unsere Zimmer. Unser erster Abend war gleichzeitig der letzte Abend einer der deutschen Zahnärztinnen und traditionell wird am Abend vor der Abreise eines Gastes immer gemeinsam mit den Nonnen im Kloster gespeist. Also versammelten sich alle zum „supper“ im „Convent“ und wir lernten erstmalig unsere Kollegen für die nächsten drei Wochen kennen. Das Essen im Kloster war köstlich und alle Klosterschwestern waren herzlich und gastfreundlich. Die anderen Deutschen erschienen uns anfangs etwas verschlossen und steif, was vielleicht auch daran lag, dass die Hälfte von ihnen nicht wirklich gut Englisch sprach.

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Untergebracht waren wir im Guesthouse des Klosters, welches sehr sauber, aber eben einfach war. Fließendes Wasser gab es übrigens in ganz Nyabondo nicht. Zum Duschen bekamen wir jeden Abend einen Eimer warmes Wasser hingestellt und darüber hinaus hatten wir immer ein paar Eimer kaltes Brunnenwasser im Badezimmer stehen. In unseren Wasserkübeln brüteten gerne ein paar Moskitos und giftige Tausendfüßler bevölkerten regelmäßig unsere Zimmer.

Material und Instrumente waren ausreichend vorhanden, auch wenn man manchmal erst danach suchen oder es in Stand setzen musste. Die Dental Unit des Nyabondo Hospitals war wirklich in bestem Zustand - so gut hätten wir es nie erwartet. Es gab einen nagelneuen Behandlungsstuhl mitsamt allen Anschlüssen für Winkelstücke, Sauger, Lichthärter und dergleichen, der erst eine Woche zuvor eingebaut wurde und deshalb er auch noch nicht funktionierte. Man konnte zwar schon Patienten darauf platzieren, musste diese dann trotzdem per Hand behandeln. Das lokale Stromnetz war dem Strombedarf des Stuhles nicht ganz gewachsen und ein Techniker musste sich erst einige Tage eingehend damit auseinandersetzen und neue Steckdosen einbauen und alles an das Stromaggregat anbinden, bevor man den Stuhl tatsächlich in Betrieb nehmen konnte. Neben dem neuen Behandlungsstuhl gab es auch noch einen älteren, der eher aus der Vorkriegszeit zu sein schien, aber dennoch für die anstehenden Behandlungen, die zu 98% Extraktionen bedeuteten, mehr als ausreichend war. Auch Material und Instrumente waren ausreichend vorhanden, auch wenn man manchmal erst danach suchen oder es in Stand setzen musste.

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Am ersten Behandlungstag lernten wir nicht nur unsere Kollegen sondern auch das tropische Klima kennen – nach ein paar Stunden Zähne ziehen und assistieren bei 30°C ohne Klimaanlage und noch dazu auf 2000 Metern Höhe wollte mein Kreislauf mal ne kleine Pause einlegen und ich musste mich erstmal setzen und etwas trinken, da ich plötzlich „etwas blass um die Nase“ wurde. Allerdings kam das nur dieses eine Mal vor, denn man gewöhnt sich erstaunlich schnell an Hitze und Höhe. Unser täglicher Sonnenschein waren die kenianischen Ordensschwestern Esther und Sister Lawrencia. Esther, eine ausgebildete Krankenschwester, die erst kurz zuvor von einer deutschen Zahnärztin zur zahnärztlichen Assistentin umgeschult wurde, strahlte permanent vor Heiterkeit und guter Laune. Nicht nur konnte sie all die ängstlichen Patienten wahlweise auf Suaheli, Luo, der dort am häufigsten verbreiteten Stammessprache, oder Englisch beruhigen, sie war auch jederzeit bereit, unsere Kenntnisse in diesen Sprachen aufzubessern. Sister Lawrencia ist die Sanftmut und Ruhe in Person. Mit einer engelsgleichen Stimme war sie immer lächelnd stets um das Wohl ihrer deutschen Gäste bemüht – auch wenn es oft stressig war und Sister Lawrencia einigen der Deutschen nicht schnell genug sein konnte. Dreimal in der Woche fuhr die ganze Dental Unit Truppe mit der mobilen Einheit raus, um in den umliegenden Dörfern Patienten zu behandeln. Diese Tagestrips gehörten definitiv zu den prägenden Erfahrungen. Wir fuhren frühmorgens los und erreichten nach ein bis vier Stunden unser Ziel – meist ein kleines Dorf, ein anderes Franziskaner-Kloster oder eine Schule. Dort warteten bereits jede Menge Patienten, die irgendwie über den Buschfunk oder Handy von uns erfahren hatten.


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Auf Mobile - Behandeln unterm Baum

Osteotomie in der Pampa

Prophylaxe am Baum

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Lake Nakuru

Sehr prägend deshalb, weil diese Orte und ihre Menschen einfach urtümlich afrikanisch sind. In Kendu Bay zum Beispiel, direkt am Viktoriasee, bauten wir unsere mobile Einheit mitten im Grünen auf einer Wiese zwischen einer Kirche und einer Schule auf und behandelten den ganzen Tag Patienten auf Plastikstühlen, inklusive Osteotomie und allem anderen was nötig wurde. Ziemlich schockierend fanden wir dagegen die Taubstummenschule in der Nähe von Kisumu, wo wir die 300 Kinder aller Klassen erst einmal befundeten und dann diejenigen, die eine Behandlung am Nötigsten hatten, vor Ort versorgten. Schockierend deshalb, da uns die Schule eher wie ein Gefängnis vorkam. Die Lehrer erschienen uns reichlich grob, besonders als sie uns ihre Klasse der sowohl Tauben als auch Blinden vorstellten. Die Kinder waren extrem verschreckt, machten sich in die Hosen, schrien und kreischten und machten vor allem den Mund nicht auf. Die sogenannten „Betreuer“ wollten sie dennoch mit aller Gewalt 140

behandelt haben – was natürlich nicht möglich war. Man muss sich das mal vorstellen, man sieht und hört nichts, weiß überhaupt nicht, was um einen herum passiert und dann will einer mit einem kalten Metallspiegel im Mund rumfuchteln – so etwas bedarf einer professionellen zahnmedizinischen Behandlung, unter Umständen auch unter Vollnarkose. Viel Spaß hatten wir bei der Behandlung einiger Klassen einer Jungenschule in Asumbi. Während die beiden Zahnärztinnen in der dortigen Dental Unit an der Einheit Füllungen legten und Extraktionen durchführten, hatten wir draußen im Garten unter ein paar Bäumen unsere „youth friendly“ Einheit aufgebaut. Die bestand aus zwei Plastikstühlen, einem Tisch für unsere Instrumente und mein mp3-Player mit mobilen Boxen, mit dessen Hilfe wir den ganzen Tag zu Hip Hop und Reggae behandelten. Die Jungs waren hellauf begeistert und unsere Rücken schmerzten ganz fürchterlich nach einem Tag Arbeit in gebückter Haltung.


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Graffiti in Nairobi

Lake Nakuru

Die Behandlungen „zu Hause“ in Nyabondo waren etwas unspektakulärer, dafür aber auch entspannter. Da wir zu unseren zwei deutschen Kolleginnen einfach nicht richtig den Draht fanden, freundeten wir uns mit den Nonnen und den auf dem Krankenhausgelände herumtollenden Kindern an. Wir spielten Ball und Fangen mit den Kindern, saßen an den Wochenenden stundenlang mit ihnen auf der Terrasse und malten oder ließen uns von den Kids Lieder auf Suaheli beibringen.

Alles in allem kann man sagen, dass die Famulatur wirklich toll gewesen wäre, wenn die Chemie zwischen uns und unseren „Vorgesetzten“ besser gestimmt hätte. So war sie zwar auch toll, aber nicht so sehr wegen der zahnmedizinischen Komponente, sondern wegen der unglaublichen Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Sympathie der Kenianer.

Natürlich hatten wir zwischendurch auch immer wieder Freizeit, in der wir zusammen mit den deutschen Humanmedizinern, die ebenfalls in Nyabondo waren, Ausflüge nach Kisumu (zum Internet-Checken und Supermarkt-Shoppen) oder auch in den Lake Nakuru National Park unternahmen. Der Lake Nakuru ist vor allem für seine zahlreichen rosa Flamingos berühmt, die aus der Ferne aussehen wie ein rosa Band, das sich um den See legt. Ein großartiges Erlebnis war unser Tagesausflug in den Kakamega National Forest, das letzte Stückchen Regenwald in Ostafrika. Unser Führer führte uns ein paar Stunden durch das dichte Grün und die Lianen-umschlungenen riesigen Bäume des Urwaldes, wo sich jede Menge Affen, Vögel und andere Tiere aufhalten.

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Natürlich war dieser Kenia-Aufenthalt insgesamt unvergesslich, da wir nach der dreiwöchigen Famulatur noch drei Wochen in Nairobi verbrachten, wo wir mit den unglaublich süßen Kindern an der Schule des Love Community Children Centers in Kawangware arbeiteten, uns mit kenianischen Freunden auf Märkten, in Bars oder im Swimmingpool vergnügten, unserer Gastmutter beim Kochen des typisch kenianischen Ugali oder Chapati halfen, mit Graffiti-Künstlern aus Nairobi in South C zum Wall Painting trafen oder auf den unzähligen Massai Markets stundenlang handelten, um mit Tüten voller Schnäppchen nach Hause zu gehen. Zum Abschluss unserer Reise fuhren wir an die Küste, um noch ein paar Tage die wunderschönen Sandstrände des indischen Ozeans zu genießen – in Tiwi, einem Natur belassenen Paradies mit Kokospalmen, Muscheln und wenigen Touristen. Danke Kenia, es war eine wunderbare und abwechslungsreiche Zeit.


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YDW d n a S IAD

ld r o W l a u n n A s s e r g n o C l a t Den

16th - 22nd July 2010 Brno - Czech Republic

International

Association of Dental Studen ts - www.iads -web.org Young Dentis ts Worldwide - www.ydw .org Czech Denta l Student As sociation - ww w.ssscr.cz

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Gesunde Z채hne f체r Gambia

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Erfahrungen sammeln und gemeinnützig tätig sein – in Westafrika ist dies ab 2010 möglich. In Gambia, einem der kleinsten und ärmsten Länder Afrikas, wird ab Frühjahr 2010 eine kleine Dentalklinik neu eingerichtet.

Alle dafür notwendigen Materialien und Verbrauchsgüter (von der Behandlungseinheit über Röntgen und Steri bis zur Zange) stammen aus Sachspenden deutscher Zahnärzte und Dentalfirmen. Wir, das ist der im Jahr 2009 gegründete Verein ÄRZTE HELFEN e.V., streben an, ab März 2010 einen kontinuierlichen Ärztetransfer zu organisieren. Neben erfahrenen Fachärzten und lokal ausgebildeten Assistenten ist auch jede fachliche studentische Hilfe willkommen. Die Initiative zu diesem Projekt entsprang einer Wohltätigkeitsrallye von Dresden über Dakar nach Banjul, der Hauptstadt von Gambia. Die Autos dieses Low-Budget-Abenteuers wurden vor Ort versteigert und die Erlöse flossen in Schulen und Krankenhäuser. Besonders die zahnärztliche Versorgung im Land ist erschreckend unzureichend bzw. teilweise gar nicht vorhanden. Deshalb hat ÄRZTE HELFEN e.V. es sich zum Ziel gesetzt, hier Abhilfe zu schaffen. So ging um die Jahreswende ein Container mit den Materialien für die Zahnstation auf die Reise zur Partnerklinik nach Serrekunda. Anfang 2010 haben zwei Techniker alles vorbereitet und seit März sind die ersten Ärzte vor Ort, um mit grundlegenden Behandlungen zu beginnen. Für Studenten der Zahnmedizin bestehen hier gute Möglichkeiten, erfahrene Ärzte während der Zeit der Transfers (September bis Mai) tage- oder wochenweise zu begleiten. Neben der ärztlichen Tätigkeit, bietet der Aufenthalt eine gleichsam ungewöhnliche und intensive Art, eine fremde Kultur hautnah zu erleben. Nutzt die Chance auf eine ganz besondere Erfahrung und engagiert Euch!

Helfen Sie mit!

Mehr Informationen unter ÄRZTE HELFEN e.V. www.aerztehelfen.de info@aerztehelfen.de +49.30.39 20 24 49

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1. ALUMNI Nacht der Zahnmedizin - feierte 15 Jahre UN-PLAQUED Magazine und 1 Jahr BdZA Seit geraumer Zeit kreist ein neuer Begriff durch die deutschen Lande: ALUMNI und die damit verbundene Alumnikultur ist Bestandteil einer neuen Initiative von jungen Zahnärzten in Deutschland, die Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit unter Zahnmedizinern, aber auch mit ihren Universitäten zu fördern.

Seit 2007 veröffentlicht der UN-PLAQUED :MULTIMEDIA Verlag bereits das ALUMNI Magazin (www.alumni-magazin.de) als Online Plattform für junge Zahnärzte/Innen, spätestens seit Januar 2009 hat der BdZA (Bundesverband der zahnmedizinischen Alumni in Deutschland) das Thema der postgradualen Netzwerkbildung mit verstärkter Aufmerksamkeit in der Zahnärzteschaft bekannt gemacht.

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Am 15.1.2010 wurden als Ergebnis der Bemühungen des vorangegangenen Jahres, Deutschlands junge Zahnmediziner nun endlich zur ersten ALUMNI Nacht der Zahnmedizin nach Berlin eingeladen. BdZA und der UN-PLAQUED Verlag nahmen den 24. Berliner Zahnärztetag zum Anlass, auf der 1000 qm großen Fläche der alten Münzprägeanstalt “Münze” im Herzen von Berlin eine Veranstaltung zu gestalten, die ihresgleichen erst noch finden muss. Wer bis dato schon die Partys des Berliner Verlages kannte, wusste ungefähr, dass mit einem spannenden und abendfüllenden Programm gerechnet werden konnte, doch selbst unsere langjährigen Fans sollten noch einmal überrascht werden, denn die ALUMNI Nacht wurde die bisher größte und beste Party.


Dank der tollen Zusammenarbeit mit dem BdZA und der Eventagentur CumLaude, sowie den vier exklusiven Sponsoren der Veranstaltung (APO Bank, EOS Health AG, 3M Espe, Quintessenz Verlag) konnten wir schließlich weit über 500 Gästen einen unvergesslichen Abend mit der Live Band “IMMER ANDERS” sowie den DJ Teams der Band MIA. und den Berlinern KRSNSKATE bereiten. Ein separater Raum würdigte das Engagement vieler junger Zahnmediziner um ihre eigene Ausbildung in Form einer großen Ausstellung mit Beiträgen aus 15 Jahren UN-PLAQUED Magazin.

Die Lounge wurde seitens der vier großzügigen Sponsoren gestaltet und bat neben Live Portraits des Berliner Künstlers Steffen Seeger vor allem die Möglichkeit, ganz ungezwungen mit Insidern des zahnmedizinischen Geschehens in Kontakt zu kommen. Dies wurde außerdem durch die Anwesenheit zahlreicher Pressevertreter, einiger Vorstandsmitglieder der Berliner Zahnärztekammer und einiger Berufsverbände abgerundet und kreierte damit ein angenehm durchmischtes Publikum von jungen Zahnmedizinern, etablierten Kollegen, Studenten und Wirtschaftsvertretern allen Alters. Die Party, die trotz der bitterlichen Kälte dieser Januartage bis in die frühen Morgenstunden ging, wurde gerade von den Absolventen der verschiedenen Jahrgänge begeistert aufgenommen,

weil man endlich einen willkommenen Anlass geboten bekam, alte Kommilitonen, Kollegen und Freunde auf einem Haufen wieder zu treffen. Dieser ungezwungene Austausch führt nicht selten dazu, dass sich zu aller Beteiligten Vorteil Gemeinschaften und Netzwerke bilden, die neue Ideen und Motivation hervorbringen. Diese Hilfe zur Selbsthilfe, die Unterstützung der eigenen Berufsgruppe aus der Kollegenschaft heraus, aufbauend auf dem Miteinander, dass bereits seit dem Studium erfolgreich praktiziert wurde

– das ist die ALUMNI Idee.

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Buchrezensionen Prüfungswissen Physikum Thieme 2009 Preis: 59,95 € ISBN: 9783131452214

Das Physikum ist die „Klippe“ im Medizinstudium. Um dieses umfassende Wissen während der 1. Ärztliche Prüfung parat zu haben, bieten sich kompakte Lehrbücher wie das Buch „Prüfungswissen Physikum“ von Thieme an. Inhaltlich wurden alle IMPP-relevanten Inhalte aufgenommen und stichpunktartig dargestellt, so dass ein effektives Lernen in kürzester Zeit möglich ist. Durch Verzicht auf Wiederholungen spart der Studierende kostbare Zeit. 943 verschiedene Abbildungen veranschaulichen und verdeutlichen die Themen des Gegenstandkataloges. Praxisrelevante Bezüge erleichtern das Lernen und machen Lust auf den klinischen Alltag. Meiner Meinung nach ist das Buch sehr angenehm zum Lernen. Besonders, wenn man schon früher mit den Kurzlehrbüchern von Thieme gearbeitet hat, fällt es einem leicht, sich in dem Buch zurechtzufinden. Die Gliederung mit den seitlichen Registern ist sehr studentenfreundlich. Insgesamt ist das Buch gut zu lesen obgleich es inhaltlich an manchen Stellen allerdings etwas kurz gehalten ist. Der integrierte Lernplaner gibt dem Lernenden einen guten Überblick über den zeitlichen Aufwand der einzelnen Themen. Das Buch ist aus meiner Sicht eine gute Vorbereitung fürs Physikum und ohne Einschränkung weiter zu empfehlen.

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Fachwortschatz Zahnmedizin Englisch- Deutsch Ingrid & Michael Friedbichler Thieme; 3. überarb. Auflage 2008 Preis: 49,95 € ISBN: 978-3-13-124943-2

Do you speak English? Im Gegensatz zu anderen Studiengängen studieren wir Zahnmediziner immer noch nur auf Deutsch dabei sind wir umgeben von Anglizismen- von hidden Caries bis Crown- Down- Technic. Plötzlich steht man dann vor der Doktorarbeit und soll englische Texte lesen und verstehen. Auch im Ausland möchten vielleicht einige Studenten Praktika machen oder später dort arbeiten. Fortbildungen werden auch häufig auf Englisch angeboten. Fachenglischkurse sind an den Universitäten leider noch an der Minderzahl. Ein Wörterbuch hilft in diesem Fall nur bedingt weiter. Daher gibt es vom ThiemeVerlag das Buch „Fachwortschatz Zahnmedizin“ welches nach dem System „Key Words in Context“ funktioniert. 50 Kapitel, die in 6 große Themen geordnet sind, werden allgemeine medizinische Begriffe und Wörter der unterschiedlichen zahnmedizinischen Gebiete bearbeitet. In jedem Modul finden sich um die 200 verschiedene Wörter oder Ausdrücke, wobei diese untereinander vernetzt sind soweit sie miteinander in Zusammenhang stehen. Es finden sich Synonyme, Antonyme und verwandte Ausdrücke, die ein themenbezogenes Erlernen vereinfachen und auf diese Weise auch den Wortschatz erweitern. Begriffe werden in einfachem Englisch erklärt und bei Bedarf durch Abbildungen ergänzt. Begriffe lassen sich leicht finden und der Aufbau ermutigt zum Weiterlesen. Geeignet ist das vorliegende Buch für viele Bereiche. Für junge Wissenschaftler ist es sicher ein unverzichtbarer Begleiter bei dem Erschließen wissenschaftlicher Texte und ein grundlegender Fachwortschatz ist sicher in allen Bereichen der Zahnheilkunde von Vorteil.


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Neuer Dentista-Ratgeber Schwangerschaft – was ist wann zu beachten? Die Publikation (A5) kann per adressiertem und frankiertem (1,45 €) Rückumschlag/A5 bestellt werden: Dentista-Büro Birgit Dohlus Christstr. 29 a, 14059 Berlin Selbstkostenpreis 5 € Mitglieder: 3,50 €

Zusammen mit der Medizin-Rechtlerin Dr. Maike Erbsen, Stuttgart und Zahnärztinnen aus dem Mitgliederkreis hat der Dentista Club jetzt einen Übersichtsratgeber zum Thema „Schwangerschaft“ herausgebracht: Juristisches und Praktisches für Zahnärztinnen in Studium, Assistenz und Praxis. In der 16-Seiten-Broschüre finden sich allgemeine Informationen über gesetzliche Grundlagen rund um den Mutterschutz, Hinweise auf die besonderen Schutzvorschriften für Zahnärztinnen – auch für Zahnmedizin-Studentinnen – und eine Kurzübersicht, welche Tätigkeiten „erlaubt“ sind. Ergänzt wird das Angebot durch Tipps und Kontakte zum Thema Elterngeld, auch für Selbständige, und eine kleine Übersicht zum Thema Kinderbetreuung mit Link-Empfehlungen. Nicht zuletzt finden sich empfehlenswerte Gedanken zum Thema Versorgungswerk und Versicherungen und zum Thema Praxisvertretung – insbesondere in diesem Bereich haben sich die Club-Zahnärztinnen mit ihren eigenen Erfahrungen eingebracht. Die Informationen sind auch für Arbeitgeber hilfreich sowie für alle diejenigen werdenden oder bereits beruflich tätigen Zahnärztinnen, die sich fragen, wann der beste Zeitpunkt für eine Schwangerschaft ist. 151


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Ich ergebe mich ein weiteres Mal in diese wohltuende Naivität, versuche nett zu lächeln und einen angemessen vernünftigen Abstand zu dieser Verführung zu finden.

„Ich will nur mal schnell anprobieren.“

Folge

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Ethik als ganz „lebenspraktische“ Philosophie oder „Ich will das Kleid egal, was es kostet.“ Ich stehe in diesem gut klimatisiertem, mit loungiger Musik unterlegtem Verkaufsraum einer großen, deutschlandweiten Klamottenkette - lasse meine Finger über die Stoffe gleiten, betrachte all diese verführerischen Sommerkleider und versuche mich Meter für Meter von bösen Kaufzwängen zu lösen, mit dem Zaubersatz einer funktionierenden finanziellen Situation: „Ich will doch nur mal schauen.“ 152

Mein Rückenmark verkrampft sich, denn plötzlich sehe ich ein Wahnsinnskleid - genau meine Farbe, genau mein Schnitt, und dann kommt er, der Satz einer nicht funktionierenden finanziellen Situation: „Ich will nur mal schnell anprobieren.“ Und irgendwie ergebe ich mich, ich verfalle in eine Denkstarre. Ich vergesse alle deutlichen Anzeichen des Wahnsinns und lasse mich ab sofort einfach nur noch treiben. In der Hoffnung, es würde nicht passen oder schlecht sitzen, mache ich mich auf den Weg zur Umkleide. Zum „Glück“ liegt diese immer ganz hinten in diesen Tempeln der höllischen Verführung und somit muss ich nun durchs gesamte Geschäft. Unterwegs sprechen die verschiedensten Oberteile, Hosen, Tops und Schuhe mit mir. Sie sprechen mich persönlich an und fordern mich zum anschauen, anfassen und anprobieren auf. Sie sind alle sehr nett zu mir. Ich habe das Gefühl, ich habe meinen Verstand vorne an der Eingangstür bei diesem Security Mann im schwarzen Anzug abgegeben, begleitet von dem Satz: „Bitteschön, der Herr, machen Sie damit, was Sie wollen.“ Mein Wahnsinnskleid und ich und all meine anderen neuen Freunde, wir stehen nun in der kleinen Schlange vor der Umkleide. Ich frage mich, ob man mir und meinem Girokonto noch diese letzte Chance gibt? Sollte ich hier stehen und mich besinnen? Zur Ruhe kommen, nachdenken und mit erhobenen Hauptes all meine Schätze an diese Kleiderstange für ungewollte Kleidung hängen. (Das ist die Kleiderstange, an der dann


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die Sachen hängen, die man sich selbstbewusst in Größe 34 über den Arm gehängt hat und in Größe 40 an der Kasse bezahlt.) Es geht recht schleppend voran, wobei sich an meiner Entscheidung nichts ändert. Ich versuche mir vorzustellen, was die Frauen da drin wohl so lange treiben? Sie kommen teilweise nur mit einer Hose aus der Kabine und sehen dabei auch noch unglücklich aus. Vielleicht haben sie ja versucht, sich in die Stretchjeans hinein zu meditieren? Neulich hatte ich zwei junge Frauen nebenan in der Kabine, die sich darüber unterhielten, dass man heute ja nicht mehr alles so „eng“ sieht. Ich musste lächeln.

Warum stehen Frauen nicht zu ihrer wahren Kleidergröße? Warum müssen junge übergewichtige Mädchen bauchfreie Stretchoberteile tragen? Und warum kann ich nicht an bunt beleuchteten Klamottengeschäften einfach vorbei gehen? Nach all den unbeantworteten Fragen kann ich nun endlich in meine Umkleidekabine. Es liegen diese handballgroßen Staubflocken auf der Erde, gepaart mit Haaren und weißen und blauen Fusseln. Ich könnte mich fragen warum, konzentriere mich aber nur auf meinen wunderschönen Klamottenberg. Ich probiere alles an, es geht ganz schnell, passt, perfekt – doch plötzlich sehe ich ganz unglücklich aus. Ich muss mich entscheiden und das tut weh. Ich verlasse die Kabine, hänge aber nichts auf die Kleiderstange der ungewollten, armen Seelen. Ich nehme alles wieder mit in den Verkaufsraum, stelle mich in eine Ecke, halte alle

Teile nochmal hoch und komme mir vor wie ein Inquisitor. Wie soll ich mich nur entscheiden? Das eine würde dazu passen, das andere dazu, aber ich kann mir eigentlich in diesem Monat gar nichts mehr leisten.

Wie soll ich mich nur entscheiden? Dabei geht es gar nicht um eine Entscheidung, denn diese würde ganz klar ausfallen. (Ich würde depressiv und schrecklich unbefriedigt sofort das Geschäft verlassen.) Es geht eher um einen Kompromiss mit mir und meinem Gewissen. Warum ist das manchmal nur so schwer? Warum ergibt man sich der Verführung, obwohl die Vernunft siegen müsste. All die Repressalien sind mir doch bewusst - ich handle bewusst, aber ich handle nicht vernünftig. Oder einfacher mit Kant´s Worten: Was soll ich tun? Das große Ziel menschlichen Handelns, das Ziel, welches auch ich verfolge, ist glücklich zu sein! Und ich empfinde heute mein Glück in diesem fantastischen Sommerkleid. Gibt es nicht auch das kleine Glück? Das Glück eines neuen Sommerkleides? Es ist meine ganz persönliche Subjektivierung des Glücksbegriffs und dieses kostete mich heute 49,90 Euro. In Anbetracht der Umstände fast eigentlich vertretbar, fast doch schon wieder vernünftig (andere Kleider sind viel teurer). Irgendwie.

„Ich will das Kleid - egal, was es kostet.“ Eines ist klar: Richtiges Handeln bedarf einer zusätzlichen Motivation oder sogar eines Zwangs. (z.B. Mein Bankberater bringt mich vors Gericht und sperrt mich hinter Gittern oder der Gerichtsvollzieher nimmt mir alle Schuhe weg.) Das 153


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Ethik als ganz „lebenspraktische“ Philosophie oder „Ich will das Kleid egal, was es kostet.“

Problem erklärt sich daraus, dass die Vernunft einerseits und mein Eigeninteresse an der neuen Fashion-Sommer-Saison 2010 andererseits oft einen herzzerreißenden Gegensatz bilden. Somit geht es meinem Gewissen bescheiden, meinem Konto schlecht, doch mein Tag ist erstmal gerettet. Ich denke an laue Sommernächte, kühle Drinks und schöne Männer – und die CassandraMichelle in ihrem neuen Kleid ist mittendrin. Ich nehme voller Reue mein kleines, unschuldiges Kleid – hänge all die anderen Klamotten zurück, gehe zur Kasse, bezahle mit Bauchschmerzen, verlasse das Geschäft (ohne nach links und rechts zu blicken!), öffne kurz nochmal die Tüte, schaue hinein und denke: „Wir zwei werden sehr viel Spaß zusammen haben.“

„Liebe Gemeinde, ich bitte euch, gebt euch hin! Ergebt euch der Verführung, handelt jedoch nie ohne Gewissen – nehmt es mit, lasst es nicht allein. Sperrt es nicht weg, sondern stellt euch der Aufgabe. Die Rechnung bezahlt ihr immer. Sucht das Glück, lebt das Glück: Sommerkleider, 27 Grad Celsius im Schatten, die Bahn in letzter Sekunde noch bekommen, 3 kaufen nur 2 bezahlen, der Besuch von besten Freunden, das letzte Stück Sacher Torte, Gewitter mitten in der Nacht, Feiertage, Spülmaschinen, gesundes Zahnfleisch, ... Entscheidet vernünftig unvernünftig.“ Eure Cassandra-Michelle Wenn Ihr hierzu etwas beitragen wollt: cassandra@un-plaqued.com

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KURSBUCH

P

„Endo 20/10“ Synergien in der Endodontie, Parodontologie und Implantologie

Referenten: Dr. Clemens Bargholz ZA Thomas Clauder ZA Holger Dennhardt Dr. Josef Diemer Prof. Dr. Alexander Gutowski Dr. Jörg Weiler

I h re en Sie ll e t s e s c h ü re Bitte b n g s b ro u d il b t r 99 33 freie Fo 3 - 77 kosten 0 5 4 0 unter:

Fr., 12. und Sa., 13. November 2010 Düsseldorf – MARITIM Airport Hotel

02|2010 IFG Internationale Fortbildungsgesellschaft mbH Wohldstraße 22 23669 Timmendorfer Strand

Tel (04503) 779933 Fax (04503) 779944

info@ifg-hl.de www.ifg-hl.de


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Miezes Music Box SOder UND

TRACK meines lebens !

PART

5 Musik liebhaber minus Ethik ist gleich Rohling 156

Würde ich alle meine gebrannten CDs übereinander stapeln und dazu noch jedes illegal erworbene Stück Musik brennen und zu diesem Stapel addieren, stände mir ein Haufen in der Größe eines Kleinkindes gegenüber. Dieses imaginäre Kind anstarrend denke ich: „Mein Gott, bist du groß geworden! Wie konnte das passieren?“ Obwohl ich weiß, was hinter der Arbeit eines Künstler steckt, versuche ich mich zu rechtfertigen, mir den Stapel kleiner zu denken – und gerate dabei in Themenbereiche, die sowohl Musiker, als auch ihre Industrie zur Zeit intensiv beschäftigen. Seit Jahren hält sich der Mythos, dass eine verkaufte CD dem Künstler nichts bringt. Dass nur die bösen Plattenfirmen daran verdienen. Das ist eindimensionaler Schwachsinn! Jeder Künstler hat ein Konto. Und auch wenn ein großer Gewinnanteil aus den CD-Verkäufen bei den Plattenfirmen landet, entsteht doch durch jedes legal erworbene Lied ein Plus auf diesem Künstlerkonto. Kopierte, gebrannte oder illegal gezogene Musik erzeugt dementsprechend ein Minus. Die Tragweite dieser Plus-Minus Rechnung ist dabei jedoch nicht ausschließlich finanziell. Jedes Plus ist ein Argument für


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die Plattenfirma, um den Künstler weiterhin auf seinem Weg zu unterstützen. In gleicher Weise ist es für den Künstler ein Signal zum Weitermachen, ein Votum, das sagt: „Macht weiter, ich möchte mehr davon !“ Viele Musiker benötigen die Unterstützung ihrer Plattenfirma. Denn was man gerne vergisst, ist, dass jedes Instrument kostet, jedes Kabel, jedes Mikrofon, jedes Studio, jeder Mitarbeiter. Alles kostet! Hierbei ignoriere ich einfach mal, dass ein Mensch vielleicht auch essen und schlafen muss, oder hin und wieder mal mit dem Bus fährt.

Was ist Musik wert? Ungezählte Stunden, Tage oder Monate verbringt ein Musiker mit einer Melodie, einem Text oder einem Arrangement. Jedes Stück Musik ist ein Unikat. Meist steckt alles Herzblut darin. Ein Aufwand der nur möglich ist, wenn man sich voll und ganz darauf einlässt und sich die nötige Zeit für Kreativität und Produktion nehmen kann. Und sind die Momente, die Musik uns verschaffen kann, nicht manchmal unbezahlbar? Warum wollen wir dann am besten so wenig wie möglich dafür bezahlen? Oder am liebsten gar nichts? Ich frage mich: Was ist Musik wert? Was wird sich verändern, wenn Musik ausschließlich über das Internet vertrieben wird? Unterschiede in der Qualität sind das eine, der Verzicht auf Booklets zum Durchblättern das andere. OK – dann druckt man sich die CD-Ausstattung eben selbst aus.

Doch wovon lebt man dann als Künstler? Einige können von Konzerten leben, aber was machen alle anderen? Würde jemand für sie spenden?

Was darf im Alltag wie viel kosten? Oder sie könnten durch Werbung auf der eigenen Website Geld verdienen, natürlich quantitativ abhängig von den Klicks pro Tag. Wie könnte ein fairer Deal aussehen, besonders für neue, junge und unbekannte Musiker? Mal anders gefragt: Wofür geben wir unser Geld eigentlich aus? Was darf im Alltag wie viel kosten? Beispiel Billigflieger: Am liebsten würden wir so günstig wie möglich fliegen, aber vom Himmel fallen wollen wir deswegen noch lange nicht. Pilot, Crew, Reparaturen und Treibstoff – das alles kostet. Niemand will es finanzieren und doch soll alles funktionieren. Oder nehmen wir die Zahnmedizin: Man erhält eine maßgeschneiderte, handgefertigte Arbeit, weil man sich irgendwann nicht richtig um seine Zähne gekümmert hat und diese soll natürlich für viele Jahre halten, sich gut anfühlen und dabei auch gut aussehen. Und doch sind nur wenige Menschen bereit, auch Geld in ihre (Zahn)-Gesundheit zu investieren. Bei diesen Beispielen haben wir es vielleicht noch mit nachvollziehbaren Werten 157


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Miezes Music Box

TIP! Kunst ist mehr als Handwerk. Kunst ist Emotion, Reaktion, Irritation, Faszination und noch so vieles mehr. Auch wenn sich in Zukunft die Medien, mit denen wir Kunst empfangen und auf denen wir Musik hören, immer wieder ändern werden – die Frage nach dem „Was“ und „Wie viel" davon ist uns der Inhalt wert, wird bleiben. Gehen wir also in die Verhandlung! Ich eröffne mit dem Album: „Vom Feuer der Gaben“ von der Gruppe KLEZ.E*.

Kunst ist mehr als Handwerk zu tun. Aber wie lässt sich der Wert eines Liedes, eines Buches, eines Bildes, eines Filmes oder einer Performance bestimmen? Was ist Kunst wert?

Ursprünglich wurde mir dieses als gebrannte CD geschenkt. Eine Platte die stürmischer, düsterer und beunruhigender nicht sein könnte. Eine Platte die mich veranlasste, mir dasselbe Modell in zweifacher Ausführung noch einmal legal zuzulegen. Davon ist eine für mich und eine zum Verschenken. Beide sind zum unterstützen und anfeuern – mit beiden sage ich: „Macht weiter so!“ Ich zahle herzlich gerne auf dieses Künstlerkonto ein. Das Herzrasen und die Gedankenfeuerwerke, die diese Platte in mir auslösen, sind fuckingunbezahlbar!

Mit freundlichen Grüssen Mieze Katz *gesprochen: kliess. ie. Anspieltip Lied Nr. 8

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IMPRESSUM un-plaqued #16 ethik Erscheinung Sommer 2010 / deutschlandweit Format DIN A5 (210 x 148) Bezugspreis 5 Euro Herausgeber Ingmar Dobberstein Verlag un-plaqued:multimedia Verlagsgesellschaft mbH Oranienburger Str. 91 D - 10178 Berlin UN-P REDAKTION Chefredakteur Ingmar Dobberstein | i_dee@un-plaqued.com Assistenz der CR Hanna Buttenberg | hanna@worldoptimizer.com Politik Eric Weigel | eric@un-plaqued.com Wirtschaft Jan-Philipp Schmidt | jp.schmidt@bdza.de Hochschule Art Timmermeister | art.timmermeister@zahniportal.de International Juliane Gnoth | juliane@un-plaqued.com Wissenschaft Hans-Christian Lux | h-c-l@alumni-magazine.com Fortbildung Anke Bräuning | ankebraeuning@gmx.de Fashion Anna Grodecki | anna@un-plaqued.com Musik Mieze Katz | mieze@un-plaqued.com Redaktionsassistenz Max Buttenberg | mbuttenberg@gmx.net Bildredaktion Anna K. Olthoff | annako@un-plaqued.com Eike Wendland | icke@graphicenvironment.com Illustrationen Steffen Seeger | info@steffenseeger.com Fotografie Anna K. Olthoff | Franziska Taffelt | Ingmar Dobberstein| Melissa Hostetler | Britt Salewski, Ärzteverlag, (S.148-151) Schlussredaktion Anna Grodecki | Dr. Roland Schmidt Gestaltung Eike Wendland | www.graphicenvironment.com Marc Laubinger | www.themoke.com Druck Königsdruck Alt Reinickendorf 28 13407 Berlin

Anzeigen Ingmar Dobberstein | i_dee@un-plaqued.com +49.170.559 23 05 Leif Timmermeister| leif@un-plaqued.com +49.173.999 03 32 Bank Konto Nr. 113 582 100 Blz 100 701 24 Deutsche Bank Berlin Kontakt info@un-plaqued.com un-plaqued virtuell www.un-plaqued.com www.alumni-magazin.de Unser Dank gilt allen wachen Geistern, die ihren Alltag mit bewussten Sinnen wahrnehmen, Fragen stellen, wenn Antworten gewünscht sind und Aussagen treffen, wenn Ruhe erbeten wurde. Und denen, die nach ihrer Überzeugung handeln, die hinschauen, wenn Unrecht passiert und die sich einmischen, wenn die Gesellschaft Engagement benötigt. Ohne diese Einzelpersonen wäre die Welt heute eine andere. Einer für alle, alle für einen! Ganz besonderer Dank geht an die Fränzi, für ihre, wenn auch manchmal widerwillige Geduld, Leif und Phili für ihre grenzenlose Motivation und den festen Glauben, Marc für seine langjährige gute Arbeit, Adriane, die Mieze, Judith, Marcus, Susi von dp, Christian L., Hacri, Felicé, Anna K.O., Mythos, Hr. Ternes, Christoph, Schwalbe, Julka, Daphne, Anne V., Oma Erni, Krysztina, Eike, Janne & Birgit, die Dobbersteine und die Freunde und Familien. Die in den Artikeln und Mitteilungen ausgedrückten Meinungen sind die der Autoren und nicht unbedingt die der Redakteure oder des Herausgebers. Redakteure und Herausgeber lehnen jede Verantwortung oder Haftung für den Inhalt ab und geben keinerlei Garantie, Gewährleistung oder Empfehlung für die Produkte, für die in dieser Zeitschrift geworben wird, oder für die Behauptungen, die von den Herstellern derartiger Produkte oder Dienstleistungen gemacht werden. Eine Haftung für Folgen aus unrichtigen oder fehlerhaften Darstellungen wird in jedem Falle ausgeschlossen. Die im Magazin veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung oder Verwertung der Texte und Bilder sind mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ohne Einwilligung des Verlages strafbar. © un-plaqued:multimedia 2010

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UN-PLAQUED 16 Ethik  

Die 16. Ausgabe der un-plaqued wirft unter anderem einen Blick auf das Zusammenspiel von Ethik und Geld und beschäftigt sich mit ethischen P...

UN-PLAQUED 16 Ethik  

Die 16. Ausgabe der un-plaqued wirft unter anderem einen Blick auf das Zusammenspiel von Ethik und Geld und beschäftigt sich mit ethischen P...

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