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VON xENIJA WAGNER

schöne neue welt (nach einem besuch im altenheim) Flüsterzischender Sauerstoff, Der sich aus metallenen Flaschen (in Reih und Glied wie Kurzstreckenraketen) Durch durchsichtige Plastikschläuche In alte, welke Lungen schlängelt. Profan geschmückte Sterbehallen, In die man mühevoll Leben pumpt. Mit bunten Blumenbildern, Kätzchenfotos, Mit aggressiver Naturschönheitspropaganda Will man das Grauen der Vergänglichkeit vertreiben. Und schwere Schwäche hält im Körper Einzug, So siegessicher, dass der abgestumpfte Geist, Mit tauben Fingern noch nach Namen, Gesichtern — wie nach kleinen Silberschlüsseln — tastend, Statt Widerstand ihr Hilfe leistet. Wenn die Augen das Zimmer abgetastet haben, Wenn das Radio nur noch die Ohren wund plappert, Dann bleibt nur noch das heimlich müde Warten Auf Sonntagsbesuch der hastig netten Familie Und auf den zweiten, den versöhnlichen Tod.

xENIJA WAGNER, *1990 IN BERLIN, IST NACH EINER MIT REISEN ÜBER DEN ERDBALL VERBRACHTEN KINDHEIT IN HEIDELBERG SESSHAFT GEWORDEN, WO SIE MEDIZIN STUDIERT. BISHER VERÖFFENTLICHUNG EINER KURZGESCHICHTE IN EL VAU NR. 6, 2010.


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