Issuu on Google+

AUSGABE 10

HEFT ZWEI 2011

JAHRGANG 04

UM[LAUT]

JUNGE KUNST. POLITISCHE KUNST. MINDESTENS.

35

bonn VON PAULA FÜRSTENBERG

Es ist nämlich so: 89 hat die Bonner in eine tiefe Krise gestürzt. Bis dato waren sie eine wichtige Stadt in Deutschland, Regierungssitz immerhin, hier wurde an Fäden gezogen und auf Tische gehauen. Die Stadt war voller Anzugträger, Reporter mit Videokameras wo man auch hinsah, und jede Bar hatte ein kleines Hinterzimmer mit zwei dicken Ohrensesseln aus Leder, falls zwei Politiker beim Biertrinken noch ein bisschen geheime Diplomatie betreiben wollten. Und dann fiel die Mauer, von einem Tag auf den anderen. Die Reporter musste man plötzlich mit der Lupe suchen, die waren ja in Berlin, wo sie alle dieselben Photos gemacht haben, von Trabbikolonnen vor der löchrigen Mauer, auf der Leute mit zu kurzen Jeans saßen und wahlweise Bier tranken oder sich in den Armen lagen. Und im Fernsehen sah man dieselben Leute, die mit diesem scheußlichen Dialekt erklärt haben, wie froh sie sind endlich ihre Tante Erna in Stuttgart besuchen zu können. Wochenlang dieselben Bilder. Und die Bonner wurden allmählich unruhig, weil ihr schönes Bundestagsgebäude überhaupt nicht mehr in den Zwanziguhrnachrichten zu sehen war, und weil die ARD sogar ein provisorisches Zelt auf dem Alexanderplatz eingerichtet hatte. Kohl sprach plötzlich von einig Deutschland und im Café Göttlich hatte man ihn schon seit Wochen nicht sein Feierabendbier trinken gesehen. Die dicke Kellnerin weinte jeden Tag um 17 Uhr 40, wenn ihr klar wurde, dass er heute wieder nicht auftauchen würde, denn heimlich war sie sehr verliebt in ihn. Als Hannelore Jahre später dann starb, schrieb die dicke Kellnerin ihrem Helmut einen langen

Brief, der auf mysteriöse Weise bei Gerhard landete, aber das ist eine andere Geschichte. In diesem Winter zwischen 89 und 90 schneite es in Bonn kein einziges Mal. Die Bonner scherzten, sogar der Winter hätte sie vergessen, aber so richtig lachen konnte darüber niemand. Dann zog die Regierung nach Berlin. Viele Krawattengeschäfte und Aktenkofferläden mussten schließen, auch Diktiergeräte und Druckerpatronen verkauften sich überhaupt nicht mehr, und die teuren Lofts am Rhein standen leer. Die Ohrensessel in den Hinterzimmern verstaubten, die Graffitties am alten Parlamentsgebäude wurden nicht mehr entfernt und die eingeschlagenen Scheiben nicht ersetzt. Nur die Psychotherapeuten hatten mehr Patienten denn je. Man erzählt sich, dass der Bonner Bürgermeister in diesem schneelosen Winter mehrere Zentimeter schrumpfte und seine Kleidung an ihm schlabberte wie an einem Clown. Bonn war nicht mehr Regierungssitz, Bonn war nur noch eine kleine Stadt in Deutschland, mit ihren paar tausend Einwohnern nicht der Rede Wert. Nach der Resignation kam die Wut, auf dieses Berlin, das sich 40 Jahre der Außenwelt verschlossen hatte und jetzt wichtig tat, auf den albernen Dialekt der Ossis und auf die ganze Politikerbrigade, die alle Steuergelder in verschimmelte Stadtteile der Kommunisten steckte. Als der Bürgermeister eines Morgens zur Lochzange greifen musste, damit ihm die Hose nicht runterrutschte, fasste er einen Entschluss. Er schrieb einen Brief an seine eingeschrumpfte Bonner Gemeinde und lud sie zu einer Krisensitzung ein. Außer den Psychotherapeuten kamen alle. »Was Berlin kann, können wir schon lange —«, rief er und hob die Faust, »eine Mauer bauen? Nichts leichter als das!«. Hinterher war er ein bisschen heiser, aber er lächelte zufrieden, denn die versammelten Bürger belohnten ihn mit tobendem Applaus. So entschieden die Bonner, auch eine Mauer zu bauen. Alle arbeitslosen Diktiergerätverkäufer und Krawattenhändler schufteten jeden Tag, und die anderen Bonner halfen am Wochenende und an Feiertagen mit. Die dicke Kellnerin holte ihre analoge Kamera aus dem Karton auf dem Kleiderschrank und dokumentierte den Mauerbau, um


die Bilder nachher für viel Geld an die Medien verkaufen zu können. Der Bürgermeister beerdigte in einem feierlichen Akt seine Lochzange und die Psychotherapeuten verdienten ihr Geld mit Kursen, in denen man so jubeln und vor Glück weinen lernen konnte, dass man dabei auf Photos noch gut aussah. Sobald die ersten hundert Meter Mauer gebaut waren, übte ein Regisseur mit den Bonnern, darauf zu sitzen und überglücklich zu lächeln, damit sie alle bereit waren für den großen Tag, an dem die Reporter zurück kommen und ein Zelt vor den Toren der Stadt aufschlagen würden. Es gab Workshops, in denen Transparente gemalt und Parolen ausgedacht wurden, alles für den Tag, an dem ganz Deutschland von der Bonner Mauer erfahren würde und sie mit der Revolution beginnen könnten. Die Bonner hatten endlich neuen Mut gefasst und erbauten ihre Mauer in fünf Monaten, und die dicke Kellnerin hörte eine Zeit lang auf jeden Tag um 17 Uhr 40 zu weinen. An den Mauertoren standen keine Wachen, die Bonner wussten selbst, dass sie die Stadt nicht verlassen durften, denn dann wäre ja alles umsonst gewesen. Aber sie verschlossen die Tore, damit auch keiner reinkam, und die Schlüssel versteckte der Bürgermeister in seinem Weinkeller.

PAULA FÜRSTENBERG, *1987 IN POTSDAM. SCHREIBT UND LEBT IN BERLIN. STUDIERTE AM SCHWEIZERISCHEN LITERATURINSTITUT IN BIEL. VERÖFFENTLICHUNGEN IN DIVERSEN ZEITSCHRIFTEN UND ANTHOLOGIEN, ZULETZT IN du-magazin NR. 818 UND DER ANTHOLOGIE jetzt!, AxEL DIELMANN-VERLAG, 2010.

So schlossen sich die Bonner ein. Sie setzten sich vor ihre Fernsehapparate und warteten, dass die Zwanziguhrnachrichten über die neue Mauer berichten, sie warteten auf die internationalen Stellungnahmen und die besorgten Politikergesichter in Berlin, sie warteten darauf, dass der Tatort um einige Minuten verschoben und ein Brennpunkt zur neuen Bonner Mauer gesendet wird. Aber nichts dergleichen geschah. Niemand ist nach Bonn zurückgekehrt und hat die Mauer bemerkt, niemand hat die ARD angerufen und gesagt »Fahrt nach Bonn, da haben sie eine Mauer gebaut!«. Die Bonner warteten vergeblich und begannen nicht mit der Revolution, denn wen hätte der Fall einer Mauer interessiert, von der niemand etwas wusste. Und so sitzen die Bonner noch heute in ihrer Stadt, die Transparente verstauben auf den Dachböden und die dicke Kellnerin weint wieder, jeden Tag um 17 Uhr 40.


fürstenberg