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Dein Begleitheft zur Krise, 5 Euro

Snob Night Fever


MITTENDRIN WOHNEN VinziRast-MITTENDRIN ist ein neu eröffnetes Hausprojekt, in dem Studierende und ehemals obdachlose Menschen die Möglichkeit haben gemeinsam zu wohnen, zu leben und zu arbeiten. Das schöne Haus mit Dachterrasse, Werkstätten, Veranstaltungsräumen und Lokal liegt zentral an der Währinger Straße, 5 Minuten von der Hauptuni. Es bietet auf 3 Stockwerken Platz für 10 WGs mit je 2-3 Zimmern. Wir wünschen uns von den BewohnerInnen Offenheit für Menschen, Toleranz, Gemeinschaftssinn, soziales Engagement, Mitarbeit und Eigeninitiative. Was bei uns möglich ist: Raum für Ideen und Mitgestaltungsmöglichkeit der Räume. Die Erfahrung mit Menschen zusammen zu leben, die die Welt aus einer anderen Perspektive kennengelernt haben. Die Möglichkeit wissenschaftliche Forschung zu betreiben. Hast Du Interesse Teil dieses einzigartigen, partizipativen Projekts zu werden? Oder hast noch Fragen? Ja, dann melde dich bei uns! Wir freuen uns. vinzirastmittendrin@gmail.com Karin Stanger und Gregor Kollwinger für VinziRast-MITTENDRIN

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Editorial ////////////////////

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Wie legen wir das an? Redaktionssitzung, Café Merkur, 18. Februar 2013, 21:30 Uhr

Markus, hoch motiviert: Leute, was schreiben wir im Editorial? Matthias: Viel wichtiger ist: Wer schreibt das Editorial? Jakob: Wie legen wir das überhaupt an? Als Kommentar mit aktuellem Bezug, oder als Text, der die ganze Ausgabe kurz umreißt ... Karin: Das ist ja fad. Wer bitte liest denn so was? Clara: Kein Mensch. Niki: Wo s’ recht haben, haben s’ recht ... Die Kellnerin bringt die Getränke: Und das Bier? Jakob: Geh bitte! Kein Alk während der Redsitzung ... Niki: Meines! Jakob: Okay. Noch einmal: Wie legen wir das an? David, bestimmt: Ist doch egal, worüber wir da schreiben, wir sind ja das Begleitheft zur Krise. Da kann quasi alles drin stehen. Karin: Also ich wär für einen politischen Kommentar. Über den Pferdefleisch-Skandal und ungekennzeichnete Lebensmittel. Dario: Nein, das soll schon inhaltlich zur Ausgabe passen. Wie wär’s mit der Asylkrise? Da haben wir den Sonntagbauer. Chris: Und vom Asyl gehen wir zur Stenzel – zur Politikkrise. Dario: Und dann nahtlos weiter nach Kärnten. Das ist sowieso eine einzige Krise. Clara: Viel zu plakativ! Ich bin für einen kreativen Text, der unser neues Magazin vorstellt. Karin: Nicht schon wieder! Das öde Relaunch-Thema hatten wir schon zweimal! Das glaubt uns doch keiner mehr ... Markus: Auf jeden Fall rein sollte unser neuer journalistischer Zugang. Wir müssen unbedingt klar machen, dass wir Trash als journalistisches Stilmittel in Zeiten der Krise als unabdingbare Pflicht am Dienst für die Meinungsfreiheit sehen. Clara: Mei’, das hast du jetzt aber schön gesagt. Markus: Der subjektive Zugang wird im deutschsprachigen Journalismus vernachlässigt. Dario: Ist doch egal. Nicht ablenken hier. Matthias: Soll auch eine Erklärung rein, warum wir ausgerechnet jetzt auf den Gedanken kommen, ein Magazin auf die Beine zu stellen? Print ist ja quasi tot ... Clara: Nein! Auf keinen Fall dürfen wir anfangen, uns für irgendetwas zu rechtfertigen!

Chris: Stimmt. Da sind wir. Bang! In your face! Das muss die Botschaft sein. Dario: Also ich bin für etwas pamphletartiges. Kurze, prägnante Sätze – bam, bam, bam! Klar verständlich, kompromisslos. Chris: Soll auch was zu unserer Geschichte rein? Matthias: Nein, da schlafen den Leuten die Füße ein. Steht doch eh alles online. Chris: Okay. Und wer schreibt das Ganze? Matthias: Naja, klassisch wär das schon ein Leitartikel des Chefredakteurs. Clara: Wer ist denn das eigentlich? Niki: Steht noch nicht fest. David: Das schnapsen wir uns später noch aus. Karin: Na der mit der besten Rechtsschutzversicherung. Dario: Das ist egal. Im Fall einer Klage haftet sowieso die gesamte Redaktion. David: Wenn das so ist: Ich erkläre hiermit mit sofortiger Wirkung meinen Austritt aus dem Herausgeberverein ... Jakob: Mit oder ohne Pseudonym? Alex betritt das Café: Servus! Hab ich was verpasst? Markus: Njet! Jakob, bestimmt: So kommen wir nicht weiter. Also: Wer schreibt das Editorial? Alex zur Kellnerin: Ein großes Bier bitte! Matthias: Ich würd irrsinnig gern da ... Jakob, genervt: Auch ein Bier trinken? Dann bestell dir halt eins! Die Kellnerin tritt an den Tisch: Sonst noch wer? Karin, ganz lieb: Markus? Wie schaut’s aus? Schreibst uns das Editorial? Markus: Wenn das so ist ... Frau Ober, mir auch ein Bier bitte! Karin: War das ein Ja? Niki: Das war ein Ja! Patrick: Sehr gut! Endlich wird’s hier produktiv! Markus, protestierend: Das war kein Ja ... Patrick: Mir auch ein Bier bitte! Der Reihe nach bestellen alle Bier. Markus zu sich selbst: Das war eine Bestellung ...

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Es war einmal vor langer Zeit in EINER weit, weit entfernten Stadt... Ganz WIEN ist von Boulevardmedien Besetzt. Ganz Wien? Ja! So, Who you gonna Call? 32 nette menschen 17 x REDAKTION

8 x Autorinnen

4 x Foto & Grafik

spenden genug, ...

2 x Chefredaktion 1 x Layout

Viele Menschen Planen... 12 Texte

13 Redsitzungen

27 interviewS

o 2.500 euro

Rund 3.000 fotos

UND ARBEITEN AM NEUEN MAGAZIN.

Um den drucker zu bezahlen.

WER Offenlegung gem. § 25 Mediengesetz | Medieninhaber: Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. Rueppgasse 2/10, 1020 Wien; Vereinsgegenstand: Der Verein, dessen Tätigkeit nicht auf Gewinn gerichtet ist, bezweckt die Aufklärung und Bildung der Öffentlichkeit und seiner Mitglieder im Speziellen, durch die Förderung und Unterstützung studentischer Eigeninitiativen; Organschaftliche Vertreter: Obmann: Dario Summer, Obmann-Stv.: Karin Stanger und Alexander Gotter; Schriftführer: Jakob Arnim-Ellissen, Schriftführer-Stv.: Matthias Hütter; Kassier: Nikolaus Karnel, Kassier-Stv.: Markus Schauta und Victor Höck. Grundlegende Ausrichtung: über.morgen ist ein freies und unabhängiges Magazin. Die Themen umfassen – dem Anspruch des Untertitels “Dein Begleitheft zur Krise” entsprechend – aktuelle und vergangene wirtschaftliche, gesellschaftliche und existenzielle Krisen. Der Fokus liegt dabei auf ausführlichen Reportagen, Interviews und Fotostrecken. Die über.morgen bietet keinen Raum für jegliche Art von Diskriminierung und steht für eine faire und kritische Auseinandersetzung mit den behandelten Themen. Impressum | Medieninhaber & Herausgeber: Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. Rueppgasse 2/10, 1020 Wien. Homepage: www.uebermorgen.at; Kontakt: redaktion@uebermorgen.at; Redaktionsanschrift: Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. Rueppgasse 2/10, 1020 Wien; Chefredaktion: Jakob Arnim-Ellissen, Markus Schauta; Layout: Patrick Detz; Redaktion: Lisa Brauneder, Clara Gallistl, Matthias Hütter, Nikolaus Karnel, David Marat, Bianca Mayer, Milena Österreicher, Dario Summer, Karin Stanger; Mitarbeit: Karina Böhm, Stefan Sonntagbauer, Herbert Springer; Lektorat: Thomas Jeide, Daniela Ristl; Foto: Christopher Glanzl, Alexander Gotter; Grafik: Julia Bauernfeind, Sarah Rothmeier; Druckerei: Friedrich VDV, Linz; Herstellungs- und Erscheinungsort: Wien; Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach §44 Abs. 1 Urheberrechtsgesetz: Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. Dem Ehrenkodex der österreichischen Presse verpflichtet.

WAS

2.7 2.750 euro

3 x Lektorat


MÄRZ 2013 Reportagen 8

Saufen unterm Hakenkreuz Ein rasanter Roadtrip zu Gedenkstätten für alkoholisierte Autofahrer, uralten Volksfesten und scheinbar unauslöschbaren Spuren einer grausigen Vergangenheit.

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Parapsychologie - Ein Versuch Parapsychologische Forschung hat in Wien eine lange Tradition. Mit einem Oberst a.D. haben wir die Grenzbereiche dieser Wissenschaft abgeschritten.

Porträt und Interview 24

The First Lady Eine alte Dame zwischen AnarchoradlerInnen und Bettelhorden. Ursula Stenzel im Porträt. Die Bezirksvorsteherin, die ihrem Bezirk ähnlicher ist, als uns lieb sein kann.

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todschick Du willst nach deinem Tod top aussehen? Herr Pollassek macht‘s möglich – ein Interview über die Arbeit des Thanatopraktikers am Wiener Zentralfriedhof.

Essay 68

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Menschen wie Misthaufen Stefan Sonntagbauer zur Lage der Asylsuchenden in Österreich.

Jakob Arnim-Ellissen Partizipation in der Krise

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Clara Gallistl Der Stolz der Familie

Snob Night Fever Hackedichte Kids im Burberry-Schal, Wodkajugend beim Bugatti-Schrotten, der Fick am Designer-Klo: ein OberschichtenSozialporno.

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Kolumnen

Sonstiges 3

Editorial

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Impressum

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Kunststrecke

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Viele Themen.

www.uebermorgen.at Viele Meinungen.


Kolumne ///////////////////

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Partizipation in der Krise Jakob Arnim-Ellissen

E

s sind schwierige Zeiten für politikverdrossene BürgerInnen. Musste man früher nur alle paar Jahre nicht wählen gehen, den einen oder anderen Sonntag Radio und Fernsehen ausgeschaltet lassen, so kann man der politischen Partizipation heute kaum noch entgehen. Beinahe täglich flattern neue Stimmzettel ins Haus. Kiloweise Information zu Volksbefragungen, von deren Themen man nicht einmal wissen wollte, dass es sie gibt. Und während man die pflichtbewusst im Altpapier entsorgt, gehen die virtuellen Postfächer in Boykottaufrufen und Petitionen unter.. Als Verweigerer politischen Engagements reicht es längst nicht mehr, der alten Nachbarin mit den Unterschriftenlisten von Amnesty International aus dem Weg zu gehen. Ihre Anliegen landen heute direkt auf den Bildschirmen der uns ständig begleitenden Mobiltelefone und Computer. Multimedial auf allen Kanälen. Der unachtsame Klick auf Facebook wird so schnell zum politischen Statement – statt wie früher bloß zum peinlichen Like beim neuesten Katzenvideo oder der Onlinefarm eines lange verschollenen ehemaligen Klassenkollegen. Und selbst wenn man alle virtuellen Aufrufe erfolgreich ignoriert, die Dauerbespielung mit Parteiplakaten ausblendet und jede Befragung konsequent verweigert, ja selbst dann hat man sich wahrscheinlich schon politisch positioniert. Denn irgendwer hat garantiert zum Boykott dieser oder jener Abstimmung aufgerufen und reklamiert die ausbleibende Beteiligung als Unterstützung für die eigene Position. Was bleibt politikverdrossenen BürgerInnen überhaupt noch? Wohl nur die selektive Partizipation. Die gezielte Teilnahme an jenen Wahlen und Abstimmungen, die garantiert nichts ändern (und an denen es in diesem Land selten zu mangeln scheint). Und natürlich die ständige Betonung: Ja, ich bin politikverdrossen. Damit man zumindest in der Statistik seinen Status behält.

E

s sind schwierige Zeiten für politikbewusste BürgerInnen. Politische Partizipation scheint einfacher zu sein als je zuvor. Ständig darf man seine Meinung kundtun, als Kreuz am Stimmzettel oder Unterschrift unter der Petition. Neue Parteien schießen wie Pilze aus dem Boden, und wer keine Parteien mag, unterstützt eben irgendwelche anderen Initiativen. Oft ohne dafür die Couch verlassen zu müssen, ein Laptop auf dem Schoß reicht völlig. Doch die Freude über so viel Beteiligung währt meist nur so lange, bis man die Fragen am Stimmzettel wirklich liest, sich Programm und Personal der neuen Parteien genauer ansieht, oder auf die Umsetzung der letzten Petition wartet. Dann setzt nämlich schnell Ernüchterung ein. Über Volksbefragungen, bei denen entweder vage Formulierungen das Ausbleiben politischer Konsequenzen garantieren, oder gleich die Themenwahl politische Beliebigkeit sicherstellt. Über Parteien, die ihre „neue“ Politik mit sinnentleerten Plakaten zelebrieren („Macht Politik statt Machtpolitik“), oder ihr politisches Personal vor allem aus dem Scherbenhaufen eines Mitbewerbers rekrutieren. Und über virtuellen Anlassaktionismus mit der Haltbarkeit eines Wahlversprechens und den Folgen eines politischen Korruptionsskandals. Und selbst, wenn man sich wirklich politisch engagiert – nicht nur pro Tag drei Petitionen unterschreibt, jede Woche ein weiteres Geschäft boykottiert, bei Volksbefragungen die vernünftigste Antwort ankreuzt und bei Wahlen das kleinste Übel wählt – ja selbst dann ändert sich nichts. Zumindest nicht zum Guten. Stattdessen wird einfach so lange gewartet, bis jeder Veränderungsdrang von selbst verschwindet. Was also bleibt politikbewussten BürgerInnen? Ja, was? Wahrscheinlich nur die Krise und die Hoffnung, dass es so einfach nicht weitergehen kann. Die dafür seit Jahren.

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Saufen unterm Hakenkreuz Markus Schauta Matthias Hütter

Z

 wei Typen, ihr Fahrer und ein Auto: Im südlichsten aller Bundesländer suchen sie nach einem mittelalterlichen Phallussymbol mit behaktem Kreuz, werden von Englein beweint, von Fäusten liebkost und von Wirtinnen und ihren Bürgermeistern versetzt. Und am Schluss lösen sie die Frage, wie man mit 160 Sachen unbemerkt die Kurve kratzt.

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TAG 1

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13:00 Uhr

 13:00 Uhr

In tödlicher Selbstüberschätzung griff sich Phaeton die Zügel des Sonnenwagens und bretterte damit über das Firmament. In der Nacht des 11. Oktober 2008 kam er von der Fahrbahn ab. Verkehrsschild, Vorgarten, Betonsockel. Phaeton überschlug sich, spuckte einen Schuh der Marke Ludwig Reiter und eine Brille von Donna Karan aus, und blieb zerfetzt auf der Straße liegen. Über Phaetons Himmelssturz war sein Geliebter untröstlich, schreibt Ovid. Auch Stefan Petzner weinte über den Abgang seines Lebensmenschen und für Kärnten fiel mit Haiders Tod die Sonne vom Himmel.

„Mit dem Hirn gegen die Großen, mit dem Herz für die Kleinen ...“ – „Auf Ewig in unseren Herzen – Danke!“ – „Jörg, du warst unser wertvollster Stern!“ – naja, wohl eher sternhagelvoll. Die Haider-Tangente. Eigentlich gar keine nennenswerte Kurve, nur ein hässliches Stück Bundesstraße. Komisch: Hunderte Grabkerzen, keine einzige brennt. Nur das orange bemalte Haus hinter der stinkenden Thujenhecke flackert in der Mittagssonne. Und diese weißen Engelchen... Da, ein kleines Kärtchen beantwortet die brennendste aller Fragen: „Wie komme ich von hier aus zum Grab?“ – „Hey, da müssen wir hin!“ – „Klar!“, antwortet Markus nach gefühlten 20 Minuten. Er studiert gerade gedankenversunken eine der zahlreichen Inschriften an der Pestsäule. Abrupt dreht er sich weg und eilt zum Auto. Ist halt als Kärntner emotional involviert. „Wie schnell, glaubst du, ist der da rein in die Kurve?“, schreit der Fahrer vom anderen Ende der gut 15 Meter langen Haiderhaltestelle. „Puh! Mir kommt vor, ich hätt mal was von 160 km/h gelesen.“ – „Geht sicher schneller. Müsst man aber ausprobieren. Ich sag immer: Trau keinem außer der eigenen Erfahrung.“ – „Naja, dazu müsst man dann aber schon schaun, wie schnell man die Kurve besoffen abfahren kann. Alles andere wär ein glatter Selbstbetrug.“ – „Gute Idee. Wolltet ihr heute Abend nicht eh einen draufmachen?“ Ich schau in das erwartungsvolle Gesicht des Fahrers, dann in eines der fahlen Haiderantlitze auf einer überdimensionierten Kerze. Genug! Schnell ins Auto.

„Sonny Soul testen“, kritzle ich in den Notizblock. Als die Beifahrertür aufschwingt, klirrt eine leere Bierflasche auf den Parkplatz in der Jörg-Haider-Gedächtniskurve. Jörg Haider, der blunzenfett einen tödlichen Unfall baute. Der politische Bankräuber, der in Kärnten ein korruptes System aufzog, dessen bizarre Politfiguren heute noch an den Hebeln der Macht sitzen. Plastikengel, Grabkerzen ohne Flamme, der Haider mit toten Augen auf Fotos hinter Glas. Am Christophorus-Bildstock ist ein Taferl angebracht. In kindlicher Handschrift steht da ein Gedicht geschrieben. „Die Seele ist ein weites Land“, lese ich, überfliege den Mittelteil, wo es um eine Marktfrau am Neuen Platz, Kraut und Würstl geht und breche bei „Landesvater mit feinstem Charakter“ ab – danke, das war’s! Ich werfe mich wieder auf den Beifahrersitz. Am Rande des Parkstreifens stehen Matthias und der Fahrer: Dr. Watson und Sherlock Holmes rekonstruieren den Unfallhergang. Als ich das Schild „Sigi′s Kneipe“ weiter vorne an der Straße entdecke, drücke ich die Hupe.

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13:30 Uhr

 13:30 Uhr

In Sigi′s Kneipe versitzen Köttmannsdorfer ihre Tagesfreizeit. Der Postler ist da und drei Kartenspieler. „Oba freilich“, sagt der Wirt, „jeden Tog kumman Besucher zua Kuavn. Busse bleiben a imma noch stehn.“ Ob die Gemeinde den Platz in Schuss halte? Da komme einmal die Woche eine Frau vorbei, die alles sauber macht. Ich bestelle eine Runde Bier. Und dann noch eine. Als nach der dritten Runde immer noch kein Bus an der Unfallstelle hält, brechen wir auf. Wir fahren die Drau entlang durchs Rosental, brettern durch Hundsdorf, auf Slowenisch Podsinja vas, wie die zweisprachige Ortstafel weiß, und erreichen Feistritz. Wir biegen ab, hinein ins Bärental. 15 Minuten später hält der Wagen knirschend auf einem Parkplatz. Von hier seien es sieben Minuten bis zu Haiders Grab, hatte auf dem Informationsblatt bei der Haider-Kurve gestanden. Der Fahrer stürmt los, ich hinterher. Die Forststraße führt an einem menschenleeren Gehöft vorbei, immer tiefer ins Bärental hinein. Ich pinkle an einen Baum, Matthias verabschiedet sich zum Pilzesuchen und als ich auf die Straße zurückkomme, sehe ich den Fahrer weit vorne um eine Kurve biegen und verschwinden. Irgendwo jammern Motorsägen. Ich greife zum Handy. Kein Empfang. Die Uhr zeigt halb vier. Wir sind seit 40 Minuten unterwegs und ich weiß jetzt, dass wir uns verlaufen haben. Am Rückweg finden wir die Abzweigung gleich hinter dem Parkplatz. Am Ende des Weges steht die Kapelle, hinter der Haiders Asche vergraben ist. Kleine Engel gaffen mich an, stehend und liegend, mit gefalteten Händen oder Geige spielend; Plastikherzen mit der Aufschrift „Jörg“ und Fotos von ihm mit „Jörg du fehlst uns“ – die Handschrift scheint überall dieselbe; eine deutsche Fahne, ein „Wahrheit-fürJörg“-Transparent und ein Gruß vom „venetischen Volk“. Der Wind bläst vertrocknete Blätter von den Bäumen und mir Friedhofsgeruch in die Nase und das Plätschern eines Urinstrahls ans Ohr.

Weit sind wir nicht gekommen. Genau genommen haben wir nur die Straßenseite gewechselt und sind dann im verraucht-bratfettigen Wirtshausdunst untergetaucht. Markus unterhält sich mit den Eingeborenen. Ich halte mich zurück und beobachte. Man könnte ja leicht auffallen, so rein sprachlich. Das Bestellintervall wurde an die schnapsenden Kartenspieler angepasst. Zwei, drei Mittagsseideln im urigen Ambiente und dann geht’s weiter ins Bärental. Und gleich vorweg: Alle Achtung, alter Haider, RIP, diese Straße auch ohne Alkohol im Blut unfallfrei zu fahren – Ralleyspaß! Der Mann hatte Eier.‛ Dann, oben im engen, kalten Tal, geht′s zu Fuß weiter. Irrwanderung entlang einer Forststraße. Ich nütze die Gelegenheit und suche Eierschwammerln, die ich wieder wegschmeiße. Wir waren vor einer halben Stunde falsch abgebogen, Weg zurück, doch links abbiegen, weiter rauf. Da. Kleine Kirche, große Grablege, Gusseisenkreuz, beweint von hunderten weißen Keramikenglein, umweht von Burschifahnen, bepflanzt mit Schlingpflanzengewuchere, beschmückt mit drei roten Plastikrosen. Erloschene Kerzen. Frage: Wie kommt eigentlich die alte Kapelle dazu? Egal. Ich schweife ab, sehe Mossad-Agenten durch das unwegsame Dickicht des Tales schleichen und das Haider-Anwesen suchen, sehe den Petzner, wie er allwöchentlich einen neuen weißen Engel am Grab niedersetzt, vielleicht eine Kerze entzündet, still verweilt und wortlos wieder geht  ... Da, Gebell! Ein älteres Pärchen kommt, posiert andächtig. Der Hund pisst gegen die Kirchenecke. Ein Gewitter zieht auf. Zurück zum Auto, ein Schluck Schnaps aus dem Flachmann des Fahrers. Hier ist er also begraben, aber wo wohnte Haider? Ungeklärt. Vielleicht hat’s der Mossadagent herausgefunden. Irgendwie aber auch egal, denn ich weiß nun: Hier sagen sich nicht mal mehr Fuchs und Hase gute Nacht.


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Seid′s extra wegen dem Jörg Haider gekommen?


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 17:00 Uhr

 17:00 Uhr

Über den Karawanken hängen schwarze Wolken. Die Reifen sirren auf dem nassen Asphalt, als wir aus dem Rosental hinaus rasen. Das Bergbaumuseum in Klagenfurt sperrt um 18:00 Uhr zu – wir müssen uns beeilen. Die Haider-Ausstellung wartet. „Seid′s extra wegen dem Jörg Haider gekommen?“ – „Ja, eh.“ – „Die Ausstellung haben wir 2010 aufgelöst.“ – „Warum, schlecht besucht?“ – „Aber nein, die besten Besucherzahlen, die wir je hatten.“ – Stirnrunzeln. – „Die Medien haben falsch berichtet.“ – „Aha.” – „Die Ausstellung war von Anfang an nur für einen kurzen Zeitraum geplant.“ – „Und jetzt?“ – „Frau Haider wollte eine Ausstellung im Bärental eröffnen. Aber dazu ist es nicht gekommen.“ – „Verkaufen Sie Bier?“ –„Nein.“ – Wir gehen.

Markus befragt den bundesdeutschen Kassier am Stolleneingang zur Haider-Ausstellung. Ich beginne an unserer Mission zu zweifeln. Wen interessiert′s? Lasst′s den Haider doch in Ruh! Vielleicht ist auch hier, in Süd-Koroska, eine österreichische Lösung das Anzustrebende und das Wunder von Kärnten geschieht wahrhaftig: Es begräbt ihn die Zeit und alles wird gut ... Glücklich ist, wer vergisst ... Oder zumindest ein bisserl verklären ... Und aus dem Bärental beim Rosental wird dereinst König Jörgens Bärengarten, und  ... Was für ein Tag. Der Markus macht das schon, quetscht die Infos raus aus dem Herrn Kassier. Aber die Ausstellung und die werte Witwe – bitte sagt′s mir: Wen interessiert′s? Alles wird gut.


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 20:30 Uhr Wiesenmarkt in St. Veit an der Glan, größtes Volksfest in Kärnten: Humtata-Musik in Bierzelten, Schnaps an Theken. Würstel braten, Stroboskope blitzen. Volksfest seit 651 Jahren. Seine Augen glänzen wie feuchte Pilze und das Hemd hängt nachlässig aus der Lederhose. Der Kerl hat sich bis unter den Scheitel mit Bier abgefüllt – so viel ist klar. Dennoch schwankt er kein bisschen, als er jetzt in die Knie geht und die Holzkugel mit einer kräftigen Bewegung auf die Bahn wirft. Drei von neun Kegeln fallen um, damit hat er die Runde gewonnen. Der gesamte Einsatz, immerhin 80 Euro, gehört ihm. Ich lehne an der Holzwand, die den Bereich der Sandkegelbahn von den Zuschauern trennt und trinke Bier. Die Bahn ist 16 Meter lang, die neun Kegel am Ende der Bahn stehen weit auseinander. Oft fällt ein Kegel um, gelegentlich zwei, drei sind selten. Wieder werfen die Kegler ihre Einsätze auf den Boden. Zehner und Zwanziger bilden einen kleinen Haufen. „Lercherlschaß“, wie mir einer der Kiebitze versichert. Um die richtig großen Summen werde im Hintergrund gespielt, dort auf der

kleinen Holztribüne am Anfang der Kegelbahn, wo sich die vielen Zuschauer drängen. Ich gehe ans andere Ende der Bahn, wo die Aufsetzerin lehnt. Nach jeder Runde stellt sie die umgefallenen Kegel auf und glättet die Sandbahn mit einem Rechen. „Schwachscheibler“, raunzt sie, als die Holzkugel zwischen den Kegeln hindurch rollt und kraftlos gegen die Holzwand schlägt. Zwei Euro, ihr Anteil vom Wettgeld, bekommt sie nach jeder Runde ausbezahlt. Früher, so erzählt sie, gab es sechs Kegelbahnen. Wegen der hohen Wettsummen, so hieß es, wurden die dann aber verboten. Tatsächlich ging es darum, dass die Veranstalter den Platz an die Gastronomie vermieten wollten – bringt einfach mehr Geld. Die Aufsetzerin dreht sich zur Seite und kotzt. Die rote Brühe, die sich da mit dem Sand vermischt, sieht aus wie Blut.


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 20:30 Uhr Der Franz, der will mit mir spielen. „Oamol, geht schon! Du bist a klassa Kerl, des siach i scho!“ Ganz ehrlich: Ich trau mich nicht, will mich vor der testosteron-, adrenalin- und alkoholgetränkten Runde nicht blamieren. Sagen tu ich schließlich zum Franz, ganz locker versteht sich: „Geh, das machst du schon alleine! So alt bist du dann auch wieder nicht!“ Zur Untermauerung meiner städtischen Coolness schiebe ich ihm zehn Euro als Einsatz hin – er solle doch ohne mich kegeln, den Gewinn könne er behalten. „Na, des geht nita. Woaßt, bei dem Kegln do is′s koa Aufhean nit!“ Ich verstehe. Alleine traut er sich nicht. Und so hat jeder auf seine Weise Angst um die Männlichkeit. Ich bestelle uns zur Beruhigung zwei Bier von der Kellnerin mit dem auffallend ausladenden Dirndl. Ausufernd trifft es vielleicht besser. „Und der, des is a festa Depp!“, meint Franz und zeigt auf einen Typen in braunem Trachtenrock, der sich gerade zu einem uralten, weißhaarigen Herrn hinunterbeugt. Der Alte gestikuliert wild, erhebt sich von der Bierzeltbank, öffnet sein Portemonnaie und reicht dem Deppen ein Bündel Zehner. „Des is sei Schwiegervota. Der gibt ihm′s Göld und er vaspült olles.“ Und wirklich: Der arme Depp tritt an,

faltet einen Zehner, wirft ihn zu Boden, spuckt sich in die Hände, reibt die Spucke ein, kickt sich die Holzkugel hoch, fängt sie aus der Luft, betastet sie, küsst sie, klopft sie auf die hölzerne Bande, visiert das Ziel an, holt aus, macht drei schnelle Schritte, lässt die Kugel fliegen, sie tappst auf, rollt dahin und – schlittert zwischen den Kegeln hindurch. Die Aufsetzerin rotzt verächtlich zu Boden. Geschmunzel, kein Gelächter der anbei Stehenden. Er hat bezahlt, also darf er sich auch in Würde ruinieren. Der Schwiegervater schreit. Der Depp zündet sich eine bizarr gekrümmte Virginia-Zigarre an und wirft den Zehner für die nächste Runde zu Boden. Ein Heidenspaß! „Und des is da größte Sauhund von do bis Texas!“, stellt mir Franz den nächsten Spieler vor. Jeans, Bermudahemd, zurückgeschlecktes, öliges Haar. Gewinnt quasi jede Runde. Profi. „Der fohrt des gonze Johr von an Volksfest zum ondan und keglt überoll. Und sunst gheart ihm a Disco in Blaibuag.“ Und wirklich: Der Sauhund zielt, scheibt und trifft, sammelt unter anderem den zweiten Zehner vom Deppen vom Boden auf und weiter geht’s mit der nächsten Runde. Auch der Depp ist wieder dabei ...


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 22:30 Uhr Okay, feiern können sie, die Kärntner. Hätte man ihnen nicht zugetraut. „Zwei Bier?”, fragt der zuvorkommende Barkeeper. „Nein, drei Bier bitte!“, schießt es aus meinem Mund, untermauert von Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, die ich dem Typen unter   22:30 Uhr die Nase halte. „Ich dachte, in Kärnten bestellt man immer nur drei Bier“, lege ich nach. Witzig finde das Neue Theke, neues Bier. Der Fahrer ist vom Arsch der kleinur ich. Trotzdem bringt er die Biere. Drei an der nen Blonden angetan, die dem besoffenen Nachbartisch eiZahl. Ich geh kurz raus. Schwummrig irgendwie alles um mich herum. Da, eine hübsche Dame, nen Alkoholtest anbietet und ruft sie zu uns herüber. „Oje, da, ein Grüppchen halbwüchsiger, junger Bureine bakku-shan“ – „Hä?“ – „Japanisch und heißt soviel schen, die nuscheln – schauen die mich an? wie Mädchen, das von hinten schön aussieht, aber nicht Lachen die über mich? Einer kommt auf mich von vorne.“ Egal, jetzt wird geblasen. Der Alkomat zeigt zu, ich spür eine geballte Faust in der rechbeim Fahrer 2,7 Promille an. Wir bestellen noch drei Bier ten Augenhöhle, greller Blitz, dann nichts, und werden verhaltensauffällig. Der Matthias braucht erst kein Schmerz, keine Burschen, keine hübmal frische Luft. Vor der Schießbude „Der goldene Schuss“ schen Damen. Hab ich das geträumt? bekommt er eine Faust ins Gesicht geknallt.


TAG 2  07:00 Uhr

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Im Aufenthaltsraum der Pension spuckt die Kaffeemaschine fauchend und gurgelnd den Mokka in meine Tasse. Eine leere Flasche Gordon′s steht am Tisch, dazu Gläser mit ausgelutschten Zitronenscheiben. Matthias sieht abgegriffen aus und was mich aus dem Spiegel anstarrt, freut mich nicht. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht sind verschwommen. In meinem Sakko finde ich meinen vollgekritzelten Notizblock: „Dobernig, des schiache Gfries“, „Buberlpartie hängt uns wie ein Zeck an den Eiern“. Ein Blick aufs Handy. Das Aufnahmegerät läuft: Sechs Stunden, 42 Minuten. Ich stoppe, drücke auf Play: „Memo an mich selbst“, hör ich mich lallen, im Hintergrund Autodrommusik, „St. Veiter zu mir im Riesenrad: Hakenkreuzturm – alter Hut – interessiert niemanden – was war, das war – mia san mia – soll Heimat nicht durch den Dreck ziehen – Ende.“ Ich leg das Handy weg und exe den brennheißen Mokka. Uns erwarten Interviews mit dem Bürgermeister der Gemeinde Kraig und dem Pächter der Burgruine, an deren Turm seit 1934 ein Hakenkreuz prangt. Mindestens vier Meter im Durchmesser. Vor zwei Jahren kam es zum Vorschein, als die Bäume um die Ruine abgeholzt wurden. Wegmachen? Unmöglich, stand in den Lokalblättern zu lesen. Um 8:30 Uhr stehen wir vor dem Gemeindeamt in Kraig und warten auf den Bürgermeister. Um 8:35 Uhr knattert ein Traktor vorbei, um 8:50 Uhr ist immer noch kein Bürgermeister zu sehen. Wir gehen ins Gasthaus Matschnigg auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Kaffee ist heiß und stark. An der Wand hängt ein Foto der Ruine Hochkraig. Ich frage die Wirtin nach dem Hakenkreuz, erfahre aber nichts Neues. Es sei schwierig das zu entfernen, weil der Turm baufällig ist. Übermalt wurde es schon einmal, aber die neue Farbe ist wieder abgeblättert.


07:00 Uhr „So wollten die Slawen unser Kärnten teilen!“ Da steht′s! Dick und tapfer. Hab ich mich doch glatt mit einem Abwehrkämpferbund-Plakat ins Bett gelegt, es mir um den Kopf gewickelt. Was tapezieren sie auch die ganze Stadt damit zu! Ist ja klar, dass sich da der eine oder andere Wiesenmarktgast eins mit nach Haus nimmt und als Sabberschutz über das Kopfkissen bettet. Den einzig sinnvollen Daseinszweck hat’s aber ausgesprochen heldenhaft erfüllt: Ein triefender Speichelfleck wellt das Papier, gerade dort, wo auf der abgebildeten Kärntenkarte das Mölltal sein müsste. Wer wird die wieder bezahlt haben, die Plakate? Der Dobernig? Ok: Tag zwei. Auf geht’s zum Herrn Bürgermeister von Kraig. Und siehe da, der lässt uns im Morgentau stehen. Wirtshaus sei Dank bleibt ein größerer Schock aus. „Und was ist mit dem Hakenkreuz auf dem Turm der Burg? Ist das noch dran?“ – echt jetzt? Hat Markus das eben die Wirtin gefragt? Zu spät um einzulenken, zu direkt die Frage. Sie verkriecht sich in der hochoffiziellen Version und schließlich hinter der Theke. Na bravo, nicht mal die Wirtin will mit uns über das dörfliche Mainsight sprechen. Keinen Sinn für ihre touristische Unique-Selling-Proposition, die Leute hier. Schade. Wird dann mal wohl Pleite gehen, das Kaff.

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11:00 Uhr

 11:00 Uhr

Wir parken vor dem Schloss Frauenstein. Mit Kamera, Stativ und einem Sechsertragerl Hirter Bier brechen wir auf. Irgendwo in den Wäldern hinter dem Schloss steht die Ruine Hochkraig. Nach 20 Minuten erreichen wir eine Wiese. Dahinter erhebt sich ein steiler, bewaldeter Hang. Ganz oben, am Rande eines Felsens, hockt eine morsche Ruine. Am mächtigen Turm ein fettes weißes Hakenkreuz. Mein Handy läutet. Es ist der Pächter. „Das Interview wird nicht stattfinden“, stellt er fest. Es gebe eine Weisung von der Gemeinde, weshalb auch der Bürgermeister nicht erschienen sei. Punkt. Ende des Gesprächs. „Und jetzt?“, fragt der Fahrer. Ich reiß ihm eine Flasche Bier auf: Saufen unterm Hakenkreuz.

Hinter dunstigen Weihern, vorbei an einem slawischen Grab aus der Völkerwanderungszeit, giftigen Pilzen und modrigen Baumstämmen, weitet sich das düstere Tal nach einer halben Stunde Fußmarsch. Ein Kahlschlag. Da, links auf einem Felssporn: Minas Morgul. Ich setze mich zu Markus auf die Bank. Wortlos drückt er mir eine Flasche Bier in die Hand. Wir lassen fassungslos die Aussicht auf uns wirken. „Die Sonne brennt mir auf eine Art und Weise auf die Birne, dass mir schlecht wird“, bricht Markus das Schweigen. Ich nicke verständnisvoll, greife in die Jackentasche und halte ihm ein Aspirin hin. Ein Pärchen spaziert den Weg herauf. Der riesige Hund prescht an uns vorüber, wie ein Pferd – ein Warg. Mir ekelt. Das Pärchen in schwarz bleibt stehen. Der Mann hebt die Hand und deutet hoch zum Turm. Der Blick der Frau folgt der Richtung, dorthin wo das Hakenkreuz prangt. Meiner aber bleibt am muskulösen Unterarm des Kerls hängen. Ein Tattoo, Worte in gotischen Lettern, runenumrankt: „Klagt nicht, kämpft!“ – Echt jetzt? Echt?

 17:23 Uhr „Noch zwei Ottakringer, bitte!“ – „Wenn ich so an den Projekteinkäufer der ÖBB denke, der für die Sitze in den Railjets verantwortlich ist, dann hab ich immer diese Samuraischwert-Fantasien ...“ – „Hä?“ – „Ratzfatz Kopf ab.“ – „Ach die ...“ – „Immer wieder ein innerer Abwehrkampf.“ – „Mhm ...“ – „Da sind sogar die Linienbusse in Südostburma komfortabler. Und außerdem verkaufen die dort im Bus Valium, damit man von der Folterei möglichst wenig mitkriegt.“ – „Sonny Soul würd’s auch tun, was für die geschundene Seele.“ – „Stadtkrämer-Style quasi ...“ – „Dafür haben′s bei den Flatscreens nicht gespart. Braucht man schon, so im Zug. Ist ja oft ein bisserl fade ...“ – „Naja, und so wissen wir wenigstens, dass wir irgendwo in der Steiermark sind und in einer Kurve liegen.“ – „Immerhin!“ – „Und das mit 160 Sachen.“ – „Ich sag′s ja. Geht doch.“ – „Schon blöd eigentlich, dass er nicht mit der Bahn gefahren ist, der Haider …“ – „Der Sturz des Phaeton. Im Niemandsland gefallen ...“ – „Man fährt wieder Bahn Baby, man fährt wieder Bahn.“ – „Aber nicht, wenn man in vorgestrigen Ansichten lebt.“ – „Nein, dann fährt man den deutschen Volkswagen.“ – „Frau Ober! Geh, bringen S′ uns bitte eine Flasche Wodka. Wissen S′, zwecks der Nostalgie ...“

Fotos: Christopher Glanzl

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The First Lady Jakob Arnim-Ellissen

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Und Wien 1, ja das macht man schon. D

 ie alternde Eleganz lang vergangener Zeiten. Die kunstvolle  Fassade, deren Putz trotz sorgsamer Pflege zu bröckeln beginnt. Die bemühte Selbstdarstellung zwischen traditionellen Werten und weltoffener Modernität. Ursula Stenzel ist die Personifizierung ihres Bezirks.


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enn sich Ursula Stenzel selbstzufrieden zurücklehnt, während sie aus der Tagespolitik einer Bezirksvorsteherin erzählt, dann entspricht einfach alles an ihr dem Klischee der betuchten alten Dame aus der Wiener Innenstadt. Geföhnte Haare, leicht übertriebenes Make-up, Seidenhalstuch – nur einen zu klein geratenen Hund sucht man vergeblich. Die 67-Jährige passt perfekt in den Bezirk, den sie seit sechs Jahren regiert. Es ist der Bezirk mit der ältesten und reichsten Bevölkerung der Stadt. Es ist der Bezirk des Steffl und der Kärntner Straße, der Staatsoper und des Burgtheaters. Es ist der Bezirk, in dem selbst Billa auf Gourmetmarkt macht. Sie wuchs hier auf, ging bei den katholischen Ursulinen in der Johannesgasse zur Schule, studierte im Universitätsgebäude am Ring. Ihr 2009 verstorbener Mann war Schauspieler im Burgtheater. Nur eine Arbeit fand sie hier nicht sofort. Vor ihrem Wechsel in die Politik arbeitete sie als Journalistin für den ORF – im Funkhaus und am Küniglberg. Zwanzig Jahre lang moderierte sie die Zeit im Bild. Als erste Frau überhaupt. 1996 bot ihr der damalige Vize- und spätere Wendekanzler Wolfgang Schüssel die Kandidatur für das Europaparlament an. Stenzel akzeptierte und leitete in den folgenden zehn Jahren die ÖVP-Delegation in Brüssel. Dann wollte sie wieder nach Hause. Das war 2005 und das Timing stimmte. Denn die ÖVP befürchtete zum ersten Mal in der Zweiten Republik eine Wahlniederlage im Ersten. Bezirksvorsteher Franz Grundwalt schwächelte vor der anstehenden Gemeinderatswahl in den Umfragen und der Wiener ÖVP-Chef Johannes Hahn bat Stenzel, das schwarze Kernland zu retten. Und Stenzel kam, schimpfte und siegte. Mit dem Selbstbewusstsein einer langjährigen Bezirksbewohnerin stürmte sie aus Brüssel nach Wien und erklärte der Öffentlichkeit, warum Veranstaltungen am Rathausplatz und StraßenkünstlerInnen in der Fußgängerzone die dringendsten Probleme im Ersten waren. Ihr fulminantes Wahlergebnis, ein Plus von über zehn Prozent, zerstörte alle Hoffnungen der SPÖ auf einen Machtwechsel. Verwundern sollte Stenzels Erfolg nicht. Sie hat eine Medienpräsenz, mit der kaum eine andere BezirkspolitikerIn mithalten kann. Das verdankt sie ihrer Bekanntheit als ZiBModeratorin, aber auch ihrem Talent für markige Sprüche. Wenn sie über organisierte Bettelei, betrunkene Jugendliche oder anarchistische Radfahrer schimpft, dann löst das zwar den einen oder anderen Proteststurm aus, bringt ihr aber eben auch Aufmerksamkeit. Und die jungen KünstlerInnen, die „Ursula Stressned“ singen, die BettelaktivistInnen und RingradfahrerInnen wohnen und wählen größtenteils sowieso nicht im Ersten.

Tatsächlich nimmt man Stenzel die engagierte Bezirkspolitikerin auch ab. Wenn sie vom Maronibrater am Stephansplatz erzählt – „ganz ein Lieber“ – den sie vom stundenlangen Getrommel der StraßenmusikantInnen erlöst hat. Wenn sie über Schulprojekte spricht, vom „Lampenkrieg“ bei der Sanierung der Fußgängerzone. Ja, manche Probleme klingen lächerlich, aber sie ist nun einmal Bezirkspolitikerin. Da kommt es oft genau auf diese Probleme an. Und dann wünscht man sich verschämt auch so eine resolute Bezirksoma. Eine, die dem Lokal an der Ecke endlich diese verfluchte Humptata-Musik abdreht. Doch dann, dann spricht sie weiter und der verschämte Wunsch löst sich in ungläubige Empörung auf. Es ist nur schwer nachvollziehbar, dass BettlerInnen und StraßenzeitungsverkäuferInnen die Innenstadt zu einem „Hürdenlauf“ machen, und nicht die nervigen TouristInnen und perückten KonzertkartenvertreterInnen. Dass politische Demonstrationen das Leben im Ersten abwürgen und nicht die ununterbrochene Blechlawine am Ring. Aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass man keine betuchte alte Dame aus dem Ersten ist. Denn Stenzel und ihr Bezirk haben nicht nur die alternde Eleganz und die langsam bröckelnde Fassade gemeinsam. Da ist auch noch diese vorgeschobene Hilfsbereitschaft des verschwundenen Großbürgertums. Deren Altbauwohnungen noch Dienstboteneingänge hatten, vor denen die BittstellerInnen mit gesenkten Häuptern warten durften. Die selbstgerechte Ignoranz eines abgeschirmten Lebens zwischen Staatsoper und Café Landtmann – „Ich weiß, dass es Armut gibt, da brauche ich nicht einen Bettler auf der Straße sehen.“ Und die egoistische Arroganz einer geborenen Oberschicht im Herzen der Stadt. Die kein Problem mit Demonstrationen hat, solange sie nicht den eigenen Nachmittagsspaziergang beeinträchtigen. Da fällt einem gleich wieder ein, warum diese resolute Oma nur im Ersten funktioniert. ---Schon lange lehnt Ursula Stenzel nicht mehr selbstzufrieden im Sessel. Auch ihr umständliches Hochdeutsch ist zwischen der grünen Radpolitik, Demonstrationen und Bettelei zusehends auf der Strecke geblieben. Auf beide Arme aufgestützt, den Hals nach vorne gestreckt, schleudert sie heraus: „Sie können mich als Klassenkämpferin oder elitär hinstellen – ich habe keine Hemmung.“ Na dann, elitär.

Fotos: Alexander Gotter & Christopher Glanzl


/// Zu ihrem Wechsel in die EU-Politik ///

Ich hätte den Schritt nicht gemacht, wenn es ein innenpolitisches Ansuchen gewesen wäre.

über.morgen: Sie waren ja eigentlich Journalistin, wie ist es zu dem Wechsel in die Politik gekommen? Ursula Stenzel: Ganz einfach, ich wurde gefragt. Ich habe das mit meinem damals noch lebenden Mann Heinrich Schweiger [österreichischer Schauspieler und Regisseur, Anm.] lang und breit erörtert. Er hat völlig frei zugestimmt, dass ich das machen kann, wenn ich das machen möchte. Ich hätte den Schritt nicht gemacht, wenn es ein innenpolitisches Ansuchen gewesen wäre. Als ich dann zurück wollte, unter anderem wegen meines Mannes, wurde an mich herangetragen, ob ich nicht in Wien 1 kandidieren möchte. Und Wien 1, ja das macht man schon. Gab es zuvor schon Kontakte zur ÖVP? Journalistische schon, wie zu jeder anderen Partei, aber ich war wirklich parteilos. Vielleicht kannte man meine Haltung von den Moderationen und so. Alles was ich gemacht habe, war ja irgendwie in der Öffentlichkeit, da konnte man mich sicher einschätzen. Der damalige Außenminister und Vizekanzler Wolfgang Schüssel hat sich offensichtlich gedacht, ich würde zur ÖVP passen.


Weil ich mich an die Vorschriften halte. Ich steige eben ab, wenn ich über den Graben fahre.

/// Zur Radfahrpolitik /// über.morgen: Fahren Sie selbst Fahrrad? Ursula Stenzel: Ich fahre Rad in der Freizeit. Ich fahre nicht mit dem Rad ins Amt. Warum? Weil ich mich an die Vorschriften halte. Ich steige eben ab, wenn ich über den Graben fahre. Deshalb gehe ich die paar Minuten von meiner Wohnung lieber zu Fuß. Und wo fahren Sie? Wenn ich Bewegung haben will, dann fahre ich so weit es mich freut. Ich fahre bis Klosterneuburg oder bis Tulln oder in den Prater. Ich habe gar nichts dagegen, dass dieses Segment eine Möglichkeit hat. Es ist schön, es ist gesund, es ist leise. Aber hier wird aus ideologischen Gründen das Rad benützt, um das Autofahren vor allem in der Inneren Stadt zu verdrängen. Das ist unreell. Man muss Radfahren ermöglichen, aber es darf nicht den Leuten das Autofahren so schwierig machen und solche Unfallgefährdungen heraufbeschwören, dass Radfahrer und Fußgänger gefährdet sind und die Autofahrer ununterbrochen in die Notlage kommen, irgendwen anzufahren, zu verletzen, nicht zu sehen. Ich sehe nicht ein, dass man alles einem kleinen Segment von Verkehrsteilnehmern unterordnet.

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/// Zu Demonstrationen in der Innenstadt /// über.morgen: Ist es nicht klar, dass Demonstrationen dort stattfinden, wo sie gesehen werden? Ursula Stenzel: Ja. Sie finden dort statt, wo sie gesehen werden und wo sie viel Unmut erregen. Was es bringt, weiß ich nicht. Ich bin nicht gegen Demonstrationen, das ist ein Verfassungsrecht. Es gibt auch viele Anliegen, wo ich sage, unbedingt, man muss demonstrieren, aber ... Wer entscheidet welche Anliegen ... Ich entscheide nicht. Ich sage nur, es ist im Ermessen der Vereinsbehörde zu sagen, wo das stattfindet. Es muss nicht immer in der Inneren Stadt sein. Die Behörden können einen Ort doch nur aus Sicherheitsgründen verbieten? Ich weiß nicht, warum? Ist der Bewohner weniger Wert als der Demonstrant? Es gibt schon bestimmte Gründe. Man müsste nicht jede Anhäufung von Demonstranten über den Ring jagen.


/// Zum Bettelverbot in Wien /// Ursula Stenzel: Jeder Bettler ist ein sozialer Aufschrei. Leider ist es aber so, dass diese Leute organisiert sind, hierher geschleust werden und Geld abliefern müssen. Das ist menschenunwürdig und es liegt in der Verantwortung der Herkunftsländer ihnen – mit Geldern der EU – wirklich zu helfen. über.morgen: Und was ist mit österreichischen Bettlern? Die würde ein generelles Bettelverbot ja auch treffen. Also schauen Sie, ich sehe nicht ein, dass man bei uns betteln muss. Das ist doch eine Bankrotterklärung der Gesellschaft. Aber dafür kann doch der Bettler nichts. Oja, ich glaube schon. Oder die, die ihn beraten. Aber es geht nicht darum, wer Schuld ist, sondern welche Möglichkeiten man ihm bietet. Ich kann auch versuchen, eine kleine Tätigkeit zu finden, die ihm Würde gibt. Wir können ihm helfen, aber ihn mit einer Bettellobby noch ermutigen auf die Straßen zu gehen, damit auch der wohlhabende Bürger sieht, dass es Armut gibt? Ich weiß, dass es Armut gibt, da brauche ich nicht einen Bettler auf der Straße sehen. Glauben Sie wirklich, dass es keine Situation für Menschen gibt, in denen das die einzige Möglichkeit ist? Ich glaube nicht, dass Betteln die einzige Möglichkeit ist. Ich glaube, bei denen wird nachgeholfen. Man sagt ihnen, es ist eine gute Möglichkeit. Ich gebe ja auch immer wieder etwas. Obwohl ich mir sage, es ist organisiert, lass es. Aber

wenn die dastehen, gibt man was. Noch ein Augustin, noch ein Augustin und noch ein Augustin. Soll das Bettelverbot auch Straßenzeitungen betreffen? Nein, aber vielleicht schaut man einmal, wer die aller vertreibt. Das kann doch nicht sein, dass ich in der Innenstadt einen Hürdenlauf durch Bettler mache. Oder finden Sie das in Ordnung? Wenn das organisierte Bettlerei ist? Ich finde das nicht in Ordnung. Vermischen Sie da jetzt ... Nein, ich vermische gar nichts. .... die Bettelei mit dem Augustin? Denn der Augustin ist ja genau .... Beides! ....  so ein Projekt, das den Menschen eine Beschäftigung und Würde geben soll. Ja, das ist eine gute Idee. Ich behaupte, weil es mir hinterbracht wird, dass viele Augustinverkäufer keine Augustinverkäufer sind, sondern auf irgendeine Weise zu diesen Zeitungen kommen. Dafür gibt es einen Ausweis. Ich kontrolliere niemanden. Faktum ist, dass Sie einen Hürdenlauf haben in der Innenstadt und ich halte das für unzumutbar, das ist ganz einfach. Sie können mich als Klassenkämpferin oder elitär hinstellen – ich habe keine Hemmung. Ja, ich bekenne mich dazu, dass ich will, dass die Innere Stadt ein lebenswerter angenehmer Raum ist.


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Snob Night Fever Eine Nacht in der Bussi-Bussi-Society

David Marat

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  arum, haben wir uns gefragt, sieht man nie die Döblinger Wodkajugend beim Bugatti-Schrotten, beim Moet & ChandonKotzen im Vorabendprogramm? Wo sind die Interviews mit den hackedichten Kids im Burberry-Schal? Wo die Reportagen über den Fick hinter den Szenen des letzten Fashion-Clubbings? Warum ist es immer nur die Unterschicht, die der Sozialporno vorführt? Ganz klar, wir sind hier auf eine Marktlücke gestoßen: Ein Sozialporno von unten als Zweitschlag im medialen Klassenkampf. Das ist neu, das ist provokant, das ist notwendig.


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Niko (24), studiert Jus „Weil wir hier unter uns sind. Die Schwarzen und die Proleten haben ja auch ihre Lokale.“


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Marie-Claire (29), Unternehmensberatung „War ja klar, dass die ihre Drinks selber zahlt. Schau sie dir nur mal an.“


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Mark, 32, selbstständiger Eventmanager „Die Weiber sollen schon zeigen, was sie haben. Weil Schiache lassen sie hier eh nicht rein.“


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er Sozialporno ist ein unterschätztes mediales Phänomen. Sendungen wie „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“ oder „Saturday Night Fever“ sind nicht nur Trash. Sie prägen die Bilder, die sich eine Gesellschaft von ihren Randgruppen macht. So haben eben solche Formate wesentlich dazu beigetragen, dass der Begriff „Hartz-IVEmpfänger“ mittlerweile synonym mit „Abschaum“ geführt wird oder die österreichische Proletariatsjugend unter generellem Alkoholismus- und Idiotieverdacht steht. Sozialpornos führen fast ausschließlich die Unterschicht vor. Tauchen wirkliche Figuren der oberen Klassen auf (wie beispielsweise in „The Bachelor“) dann dienen sie nur als Negativfolien, vor denen sich die Verhaltensweisen der weniger Privilegierten beinahe schon barbarisch ausnehmen. Das so gezeichnete Bild ist haarscharf: Bei denen „da unten“ regiert die selbstverschuldete Unmündigkeit, der vollkommene geistige Bankrott. Somit wird der Sozialporno zum Soundtrack und zum Treiber der totalen sozialen Entsolidarisierung – zum politischen Instrument. Denn wer sich so deppert aufführt wie diese Minderleister, ist an seinem Elend selber schuld, Oida!

Zurückschlagen. Der Plan: Die Oberschicht dort beobachten, wo sie unter sich ist. Dort, wo die Bonzen sich gegenseitig reinen Wein einschenken und ihrer Arroganz freien Lauf lassen. Wir wollten ihre gebleichten Zahnreihen dann vor die Kamera bekommen, wenn sie am wenigsten fotogen sind, wenn der überhebliche Blick schon vom zweiten Promille getrübt ist. Close-Ups von geschminkten Visagen, vom selbstgefälligen Grinsen verzerrt, das Ralph-Lauren-Hemd durchgeschwitzt, ein Glas Grey Goose in der Hand: Solche Bilder wollten wir. Die dümmsten Statements wollten wir von ihnen hören, sie sollten sich entlarven. Wie sie über die Welt zu ihren Füßen denken, was sie sich aus ihren Designerklamotten machen, wie sie sich das Leben so vorstellen. Die perfekte Fotostrecke: Die hässlichsten Fotos, die dreistesten Zitate, die dreckige Seite der Reichen und Schönen auf sechs Seiten. In your face.

Reinkommen. Also reihen wir uns eines kalten Jännerabends zu viert in die Warteschlange vor der Passage ein, bekannt für ihr frivoles und gleichzeitig betuchtes Publikum. Nachdem wir dem strengen Blick des Türstehers in unserem Aufzug offenbar genügen, trennen uns nur noch weitere 20 Minuten in einer Warteschlange von einer mit „Posh Club“ überschriebenen Veranstaltung. Was macht man nicht alles für den Journalismus. Das Bild, das sich uns drinnen bietet, unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht allzu sehr von einer etwas zu klein geratenen Großraumdisco. Die Musik wummert vom DJ-Pult herüber, ein „urguter House-Act“, wie uns versichert wird, einzig die in Creme gehaltene Ausstattung des Raums irritiert da ein wenig. Und ja, die Menschen: Hemden, Polos, Cocktailkleider so weit das Auge reicht. Manche mehr, manche weniger geschmackvoll gekleidet, manche mehr, manche weniger animiert im Partygeschehen. Soweit niemand, der uns sofort als bereitwilliges Opfer ins Auge sticht.

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Anfangen. Unseren ersten Anlauf starten wir bei einer jungen Blondine im kurzen Schwarzen. Die erklärt uns relativ offen, dass sie es nicht besonders schätze, wenn andere Gäste Converse oder ähnlich legere Kleidung tragen. Daher besuche sie auch lieber die Passage, schließlich seien hier „High Heels recommended“. Das geht schon in die richtige Richtung, ist aber noch nicht wirklich die Art von Arroganz, die wir uns erwartet haben. Auch der nächste Kandidat entspricht nicht ganz unseren Vorstellungen. Der ca. zwei Meter große IT-Techniker meint, er komme eigentlich ganz gern hierher, weil er die Musik mag, auch die „Mädls“ gefielen ihm hier recht gut. Über andere Clubs könne er nicht viel sagen, nur dass in manchen halt die „Kiddies“ abhängen, in anderen wieder „die Black Community“, für alle sei was dabei. Schlechtes will er offensichtlich auch nicht über diese Menschen sagen.

Wundern.

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Ratlosigkeit im Team. Kann es denn sein, dass wir nur die Falschen ansprechen? Oder will hier wirklich niemand mit seiner abgehobenen Weltsicht rausrücken? Was wir bis jetzt gehört hatten war ja ganz nett, ein wenig blasiert, ein wenig eingebildet, aber nichts, womit man die Oberschicht wirklich vorführen hätte können. Mit der Kamera im Anschlag und dem Diktiergerät in der Hand fragen wir uns also weiter durch die Menge, bis wir schlussendlich bei zwei jungen Männern ankommen. Beide das Hemd bis über den Solarplexus geöffnet, beide schon leicht schwankend. Das sind sie. Wir sprechen sie an. „Wie gefällt’s euch denn hier in der Passage?“ „Ja, Bombe!“, meint der erste, „die Musik ist nett, die Leute sind nett, wirklich nett, und es ist nicht so schmutzig wie in anderen Clubs. Die Location ist auch super!“ „Woher ist denn dein Anzug?“ Der Junge deutet der Reihe nach auf verschiedenste Kleidungsstücke: „Vom Zara, vom Zara, vom Zara, vom H&M, vom Zara...“ „Okay, was muss man denn machen, um hier eine gute Frau aufzureißen?“, wenden wir uns an den anderen. „Einfach viel Selbstbewusstsein haben. Und gut ausschaun natürlich“, lacht er. „Ja, und muss man ihnen auch viel spendieren?“, legen wir ihm beinahe schon die Worte in den Mund. „Nein, sowas machen wir nicht, das geht gar nicht!“, lacht er weiter. „Was arbeitet ihr beide eigentlich?“ „Kindergärtner“, der Erste. „Maurer bei der STRABAG“, der Zweite. Wir sehen uns an, wundern uns, bedanken uns für das Interview und gehen weiter.


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Jana (19), angehende IBWL-Studentin „Scheiße, der war Kindergärtner. Lassen die hier schon alles rein?“


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Gloria (26), PR-Agentur „Mein Kleid? Natürlich Chanel. Glaubst‘ ich stell mich an den Wühltisch?“


Scheitern. Was soll man aus dieser Nacht nun machen? Wir haben Fotos, wir haben Zitate. Wir haben mäßig teuer gekleidete Menschen, aber man muss ja nicht unbedingt die Modelabels neben dem Bild anführen, wie das in den Society-Reports gerne gemacht wird. Aber so richtig saublöd hat uns niemand ins Diktiergerät gelallt und der Snobismus hat sich in einem Ausmaß gehalten, das nur unter größter Verfremdung als eines Sozialpornos würdig hätte durchgehen können. Sind wir also gescheitert? Wir haben uns von Vorurteilen ins Feld führen lassen. Wir haben a priori gewusst, was wir über diese Menschen berichten wollten, wie wir sie darstellen wollten, bevor wir sie uns überhaupt angesehen haben. Gerade hier müssen wir uns an der eigenen Nase nehmen: Wir haben uns von der Logik des Sozialpornos verführen lassen, Menschen in Kategorien, in Stereotypen zu denken. Darüber haben wir vergessen, dass es sich dabei genauso um Menschen handelt, die in ihrem Facettenreichtum die Umrisse dieser Typen in vielen Weisen überschreiten. Oder anders formuliert: Wir hätten jedem dieser Interviewten unrecht getan, hätten wir sie in eine stereotype Form gezwängt und praktisch als Zerrbild ihrer selbst vorgeführt. Deshalb veröffentlichen wir keine Fotos aus der Passage, sondern Fotos von uns selbst, auf denen wir die Bilder darstellen, die wir von der Oberschicht hatten: überheblich, selbstverliebt, eindimensional, bizarr. Sind wir also gescheitert? Ja. Wir haben es nicht geschafft, einen Sozialporno nach allen Regeln der Kunst aufzustellen, gerade weil wir die Regeln dieser Kunst nicht einhalten wollen. Jede ATV-Reporterin, jeder BILD-Schreiberling hätte diese Leute wohl als etwas dargestellt, was sie nicht sind – er hätte das gesuchte verabscheute Oberschichtenkind wohl in einem der Interviewten gefunden. Was wir aber gefunden haben, waren Menschen, die sich eben anders als wir kleiden, manche teurer, manche nicht, die andere Musik hören, die andere Getränke trinken. Mehr nicht. Wirklich gescheitert, sind wir an der Funktionsweise des Sozialpornos. Diese besteht nicht einfach darin, dumme Menschen darzustellen, sondern Menschen dumm darzustellen – viel dümmer als sie sind. Dafür wird ein großer Aufwand betrieben, Idiotie oft bis zum einzelnen Wort inszeniert, der Kontext auf vielen Ebenen zerstört. Die auseinandergerissenen und neu zusammengesetzten Tiefpunkte eines Charakters ergeben dann mehr eine Karikatur eines Menschen als dessen wirkliches Abbild. Das mag nun alles trivial klingen, und ist dennoch die Trennlinie zwischen Journalismus und Journaille. Medialer Klassenkampf hin oder her: Ein Journalist, der die Würde des Einzelnen wahrt, wahrt auch die eigene. Und das wollen wir auch weiterhin tun. Mal abgesehen von unserer Fotostrecke. David Marat schreibt aus beruflichen Gründen unter einem Pseudonym.

Fotos: Christopher Glanzl

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Niki, Karin, Sarah, Dario, Patrick, Clara, Victor „Eigentlich wollten wir doch nur ein Magazin machen“


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todschick Die letzte Pflege für Verstorbene

Karina Böhm Markus Schauta

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op aussehen, bevor dann endgültig der Deckel drauf kommt und man sechs Fuß drunter der Ewigkeit entgegenharrt. Einen schönen Abgang – Herr Pollassek macht ihn möglich. Sein Beruf: Thanatopraktiker. Sein Gewerbe: der Tod. Ein Interview.


Sie arbeiten täglich mit Leichen. Wie kommt man zu so einem Beruf? Ich bin seit 16 Jahren bei der Bestattung Wien und über meinen Bruder dazu gekommen, der ebenfalls hier arbeitet. Zuerst war ich zehn Jahre im Abholdienst, davor Tischler. Dann habe ich andere Aufgabenbereiche übernommen: Verwaltungstätigkeiten auf Friedhöfen, Burgtheateraufbahrungen und Aufbahrungen von Kirchenoberhäuptern im Stephansdom. Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit Thanatopraktiker zu werden. Von ursprünglich 60 Ausbildungsinteressenten haben dann 45 gemeint, das ist doch nicht ihre Schiene. Aber ich habe gesagt, genau das möchte ich machen! Schließlich fiel die Wahl auf meinen Kollegen und mich. 2003 haben wir dann die Ausbildung begonnen. So viele Bewerber sind von selbst ausgestiegen. Warum Sie nicht? Ich hatte nie Berührungsängste, Abneigung oder Probleme mit der Psyche und wurde damals langsam an die Aufgaben beim Abholdienst herangeführt. Zuerst hatte ich Abholungen in Pflegeheimen, wo die Verstorbenen auf einem Bett liegen und wo es Kühlung gibt. Dort habe ich vor Ort das Ankleiden eines Verstorbenen gelernt, bis hin zum Krawattenknopf, Haare kämmen, Versargen. Da war noch kein Angehöriger dabei. Und dann hat sich das bis zu Abholungen in Wohnhäusern gesteigert, wo schließlich die Angehörigen dabei sind. Das ist für die meisten der Knackpunkt, wo sie sagen, ich kann das oder eben nicht. Viele Bewerber sind naiv und uninformiert. Die glauben,

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wir holen die Verstorbenen vom Krankenhaus in Särgen ab und bringen sie auf den Friedhof. Tatsächlich ist es aber so, dass wir eine psychologische Ausbildung und wochenlange Schulungen bekommen, wie wir mit den Angehörigen umgehen sollen. Wenn man das erste Mal in ein Wohnhaus kommt, ist man an der Front. Der Verstorbene liegt dort, war ein langjähriges Mitglied der Familie. Nun muss man ihn pietätvoll reinigen, waschen, ankleiden, versargen und zugleich den Angehörigen professionell mit Rat und Tat zur Seite stehen. Mit den Angehörigen mitweinen und selbst emotional sein, bringt niemandem etwas. Man muss eine starke Schulter bieten. Viele Menschen können das nicht und sagen schon in der Einschulung, das schaffe ich nicht. Der Abholdienst bringt die Leiche zur Bestattung, was macht der Thanatopraktiker? Thanatopraxie ist eine Dienstleistung für Menschen, die den Wunsch haben, sich noch einmal vom Verstorbenen zu verabschieden. Durch eine sogenannte kosmetische Konservierung können wir garantieren, dass sich der Verstorbene in der Zeit bis zur Beerdigung nicht negativ verändert – durch Gerüche oder Verfärbungen. Die Angehörigen können sich bedenkenlos am offenen Sarg verabschieden. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als den Verstorbenen entstellt zu sehen. So ein Bild bekommt man dann für fünf oder zehn Jahre nicht mehr aus dem Kopf. Wenn aber der Verstorbene optisch ästhetisch einwandfrei ist, dann ist er so, wie man ihn kennt: eine schlafende Person, alles ist in Ordnung, ruhig und zufrieden. Und das ist für die Trauerbewältigung sehr, sehr wichtig.


49 Man hört immer wieder vom Beruf des Leichenwäschers. Was macht der? Diesen Beruf für sich alleine gibt es bei uns gar nicht. Manchmal bekommen wir Bewerbungen, wo jemand „nur als Leichenwäscher“ arbeiten will. Die Leute glauben, da sitzt einer in einem Kammerl und wartet darauf, Leichen zu waschen. Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Vielleicht von den bösen Journalisten ... (lacht)

Je früher, umso besser. Wir haben auch schon Verstorbene behandelt, die bereits sieben, acht oder neun Tage tot waren. Wie lange nach dem Tod ist eine thanatopraktische Behandlung möglich? Je früher, umso besser. Wir haben auch schon Verstorbene behandelt, die bereits sieben, acht oder neun Tage tot waren. Da kann es aber Probleme geben, weil die Kühlung dem Körper Feuchtigkeit entzieht. Die Behandlung wird blutiger, es kann zu Koageln [Blutgerinnseln, Anm.] kommen, zu Thromben und Verschlüssen. Generell ist die Behandlung auch nach mehreren Tagen noch möglich. Es liegt in meiner Verantwortung, das zu beurteilen.

Welche Probleme kann es geben? Zum Beispiel, dass eine Extremität nicht mit der Konservierungsflüssigkeit versorgt wird. Das erkennt man sehr rasch an Volumen und Färbung, weil Farbstoffe in der Injektionslösung sind. Die Injektion selbst dauert nur 20 bis 25 Minuten. Dabei wird der Körper massiert, um die Flüssigkeit in die Finger- und Zehenspitzen zu verteilen. Normalerweise gehen die Verfärbungen dann weg, und es kommt wieder Volumen in die Hand. Wenn aber nichts passiert, gibt es in einem bestimmten Bereich eine Verstopfung, und dann nutzt es nichts, weiter zu injizieren. Also eröffnet man die Hand neu, legt einen neuen Zugang. Dazu braucht es grundlegendes Wissen über das Gefäßsystem.

Einen Mann so schminken, dass er nicht geschminkt aussieht, muss man lernen. Fehler passieren vor allem am Anfang, wenn man sich seiner Sache noch nicht sicher ist. Einen Mann so schminken, dass er nicht geschminkt aussieht, muss man lernen. Bei einer Frau ist das einfacher. Kosmetik ist learning by doing. Und dann kann es auch passieren, dass man nach mehreren Tagen kosmetisch nacharbeiten muss.


50 Merken Sie das immer rechtzeitig? Ja, denn vor der Beerdigung wird der Verstorbene von mir oder einem Kollegen noch einmal begutachtet. Und dann sehen wir sofort, ob wir Kosmetik brauchen, zum Beispiel wenn im Nasen-, Lippen-, Kinnbereich eine leichte Graufärbung hervortritt. Bei der Behandlung selbst passieren keine Fehler. Das können wir uns nicht erlauben. Unterscheidet sich die Kosmetik an toten Körpern von der an lebenden? Wir bekommen von Angehörigen immer wieder Lippenstifte und Parfums der Verstorbenen. Das Problem ist aber, dass die Kosmetika im Handel auf warme Haut reagieren und von der Pigmentierung her zu niedrig sind. Die Verstorbenenkosmetik hat eine höhere Pigmentierung, weil sie auf kalter Oberfläche deckender wirken muss. Wir verwenden deshalb dann den Lippenstift oder Lidschatten im entsprechenden Farbton aus unserer Palette. Womit werden die Toten konserviert? Die Injektionslösung wird individuell gemischt. Der Zeitpunkt des Todes ist dabei ein wichtiger Faktor. Es macht einen Unterschied, ob der Verstorbene alt, jung, dick oder dünn ist. Wichtig ist auch die Frage, wie lange er konserviert werden soll. Wir haben sehr viele Chemikalien, um die passende Injektionslösung für den Verstorbenen herzurichten. Standardlösungen gibt es keine. Man muss immer neu mischen. Jeder Verstorbene ist eine Herausforderung.

Wie lange dauert so eine Behandlung? Circa vier Stunden. Hat vorher eine Obduktion stattgefunden, kann es bis zu sechs Stunden dauern, weil dann das ganze Gefäßsystem, das ich für die Injektion nutze, nicht mehr intakt ist. Bei Schnittverletzungen und Stürzen dauert es auch länger wegen der Arbeit an Gesicht und Händen. Gesicht und Hände sind das Wichtigste!

Thanatopraxie hat für mich mit Kunst nichts zu tun.

Was können Sie bei Unfallopfern tun? Unfallopfer müssen wir im Vorfeld begutachten und entscheiden, ob eine Behandlung überhaupt möglich ist. Thanatopraxie ist nicht nur Konservierung, sondern auch Rekonstruktion nach solchen Verletzungen. Dabei werden sie mit verschiedenen Werkstoffen, Klebstoffen, Wachs und Kosmetik bis hin zum Airbrush überdeckt und kaschiert. Aber das ist eben nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Airbrush und Kosmetik - sehen Sie sich als Künstler? Da wehre ich mich dagegen. Thanatopraxie wird zwar immer als künstlerischer Beruf hingestellt, für mich hat das aber mit Kunst nichts zu tun. Ich sehe es so: Ich lasse


51 dem Verstorbenen die letzte Pflege zukommen, indem ich mich um Desinfektion, Reinigung und Konservierung kümmere. Am Ende bekleide ich ihn wieder und versarge ihn. Damit ermögliche ich den Angehörigen einen pietätvollen und ästhetischen Abschied.

Pro Jahr führen wir rund 110 bis 120 solcher Behandlungen durch. Seit 2005 waren es über 800. Was kostet die Behandlung? Eine Standardbehandlung kostet rund 500 Euro. Wenn Rekonstruktionen gemacht werden müssen oder der Verstorbene vorher obduziert worden ist, dann brauche ich mehr Zeit, und dann kostet es etwas mehr. Aber es sprengt sicher nicht das finanzielle Budget. Die Behandlung wollen dann doch viele Angehörige, die vorher dachten, es kostet zwischen 2.000 und 4.000 Euro. Leisten sich das viele Menschen? Pro Jahr führen wir rund 110 bis 120 solcher Behandlungen durch. Seit 2005 waren es insgesamt über 800. Die Auslastung ist unterschiedlich. Ich hatte schon sieben in einer Woche, dann wieder keine einzige. Bei der Bestattung

Wien können wir zwei Behandlungen gleichzeitig durchführen und über den Tag verteilt insgesamt vier. Ist Thanatopraxie eine einsame Tätigkeit? Ich arbeite meistens alleine. Während der Arbeit höre ich Radio. Es ist eine ruhige und erfüllende Tätigkeit, weil ich weiß, warum ich es tue. Einerseits, um dem Verstorbenen die letzte Pflege zukommen zu lassen und andererseits, um den Angehörigen die Möglichkeit zu geben, sich noch einmal zu verabschieden.

Denn in Österreich muss man entweder ein Bestattungsunternehmen besitzen oder beruflichen Kontakt zu Verstorbenen gehabt haben. 2003 gab es die Ausbildung in Österreich noch nicht. Wo wurden Sie ausgebildet? Ich wurde in Deutschland, Frankreich und England ausgebildet, inzwischen gibt es die Ausbildung auch in Österreich. Meistens macht sie der Bestattungsunternehmer selbst, oder der Mitarbeiter, der am längsten im Unternehmen ist. Das ist immer auch eine Zeit- und Geldfrage. Mittlerweile gibt es in Österreich rund 30 Thanatopraktiker.


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Gibt es auch Thanatopraktikerinnen? Ja, aber wenige. In Österreich muss man entweder ein Bestattungsunternehmen besitzen oder beruflichen Kontakt zu Verstorbenen gehabt haben. Den hat man üblicherweise im Abholdienst. Da man für den Abholdienst aber sehr kräftig sein muss, machen das meist nur Männer. Für die Thanatopraxie hingegen muss man nicht kräftig sein.

Man stumpft nicht ab, man wird auch nicht pietätlos, sondern einfach professioneller in seiner Tätigkeit. Stumpft man durch so viel Kontakt mit Toten ab? Nein. Man stumpft nicht ab, man wird auch nicht pietätlos, sondern einfach professioneller. Beim Abholen sind die Angehörigen oft dabei und wollen beim Bekleiden zusehen. Da gibt es absolut kein Problem. Man hat keine Geheimnisse und jeder Angehörige kann zuschauen und sehen, dass dem Verstorbenen nichts passiert. Unangenehm ist, dass nicht immer nur alte Menschen sterben, sondern auch junge und Kinder. Ich habe inzwischen sieben Kinder thanatopraktisch behandelt. Da ist man natürlich emotional befangen und es nimmt einen mit, denn man ist keine Maschine. Aber man muss sich dann sagen: Ich ermögliche den Eltern noch einmal einen einwandfreien Blick auf ihr Kind, so tragisch der ganze Vorfall ist. Gott sei Dank ist das aber nicht die Regel!

Thanatopraxie in Österreich Die Bestattung Wien bietet seit 2005 thanatopraktische Behandlungen in einem eigenen Konservierungsraum am Zentralfriedhof an. Früher wurde das auf der Gerichtsmedizin im AKH oder in der Rudolfstiftung gemacht. Je nach Bundesland gibt es spezifische Auflagen, wie so ein Raum auszuschauen und wo er sich zu befinden hat. In Wien muss der Konservierungsraum auf Friedhofsgelände stehen. Die heute angewandte und von der E.C.T.A. (European Council of Thanatopractical Associations) empfohlene Konservierungsmethode geht auf das 19.  Jahrhundert zurück. Obwohl Geräte und Konservierungsmittel weiterentwickelt wurden, ist die Grundtechnik gleich geblieben. Der Begriff kommt aus dem Griechischen. θανατος bedeutet „Tod“, πραξια, „Handwerk“.

Fotos: Christopher Glanzl


Working Hands. Kurzgeschichten vom Bau Christopher Glanzl, 2012


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Parapsychologie Ein Versuch Markus Schauta Herbert Springer

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  räkognition, Hellsehen, Mensch-Maschine-Interaktion. Die   Themen parapsychologischer Forschung sind vielfältig. Doch sind diese Studien ernst zu nehmen, oder unwissenschaftlich, wie Kritiker sagen? Wir haben einen Vortrag der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie besucht und mit einem Oberst a. D. die Grenzbereiche dieser Wissenschaft abgeschritten.

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in Projektor wirft eine grüne Kurve an die Wand. Langsam schiebt sie sich von links nach rechts, sinkt, steigt und hält sich für die nächsten fünf Minuten im oberen Bereich des Diagramms. Würde dieser Verlauf einen Aktienkurs widerspiegeln, hätten die Aktionäre Grund zur Freude. Hier, im überheizten Saal der Universität Wien bedeutet es aber, dass die Mensch-Maschine-Interaktion nicht geklappt hat. Der heutige Vortrag der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie widmet sich der Psychokinese. Gastredner Thomas Ludwig hat dazu eine Versuchsreihe an der FH Technikum Wien durchgeführt. Das Experiment war von der Frage geleitet, zu welchem Prozentsatz der Output des Zufallsgenerators mit der Intention der Testperson korreliert, die Kurve ansteigen oder sinken zu lassen. An der FH testete er allerdings einzelne Personen und nicht ganze Gruppen, wie beim Vortrag an diesem Abend. Damit hat er nicht gerechnet Kern des Experiments ist ein quantenoptischer Zufallsgenerator. Dieser erzeugt Zufallswerte, indem er einen halbdurchlässigen Spiegel mit Photonen beschießt, die entweder reflektiert werden oder hindurchgehen. Das binäre Ergebnis (0 oder 1) wird als Zufallskurve am Bildschirm des angeschlossenen Laptops dargestellt. Bei mehr Einsen als Nullen geht die Kurve nach oben, umgekehrt verläuft sie nach unten. Unberührt vom Scheitern des Versuchs unterbricht Ludwig seinen Vortrag und startet das Programm erneut. Die neue Zielvorgabe lautet, die Kurve solle sich im oberen Bereich des Diagramms halten.

Und während sich die Kurve über die Wand schiebt, spricht Ludwig von Anomalien, mittleren Zufallswerten und fehlerhaften Zufallsgeneratoren. Nach fünf Minuten ist das Experiment beendet. Abgesehen von einem kurzen Absinken gleich nach dem Start, blieb die Kurve im oberen Bereich des Diagramms. Die MenschMaschine-Interaktion scheint diesmal gelungen. Freilich, statistisch gesehen kann das auch Zufall sein. Und Ludwigs Lächeln zeigt, dass die Bedingungen hier im Hörsaal sowieso nicht optimal für sein Experiment sind. Etwa 40 Interessierte haben sich heute zum Vortrag eingefunden. Dasselbe Publikum könnte auch in einer Philosophie-Vorlesung sitzen. Vielleicht ist der Anteil Weißhaariger hier etwas höher. Einige Hände heben sich jetzt. Die Diskussion ist eröffnet. Gefragt, wie er die Ergebnisse der Versuchsreihe an der FH-Technikum einschätzt, bleibt Ludwig vorsichtig: „Sie könnten auf einen Effekt hindeuten. Damit habe ich nicht gerechnet.“ Zuhörer: „Heißt das, die Probanden konnten den Zufallsgenerator beeinflussen?“ Ludwig: „Die Chance, dass es zufällig zu Stande kam, ist sehr unwahrscheinlich.“ Die Leidenschaft des Oberst Jetzt greift Peter Mulacz zum Mikrophon. Der 67-jährige Oberst a.  D. ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften. Er ist international vernetzt, führt Laborexperimente durch, organisiert Vorträge zum Thema.

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Und er findet Worte, um jene Phänomene, die als „paranormal“ gelten, zu gliedern, zuzuordnen, fassbar zu machen – zumindest in der Theorie. Peter Mulacz hat die Parapsychologie mit der Muttermilch eingesogen, wie er von sich sagt. Eine Tante interessierte sich für parapsychologische Phänomene und gab eine Zeitschrift heraus. „Ein populärer Zugang“, wie Mulacz heute weiß. Doch die Zeitschrift prägte ihn. Die Neugierde, die sie bei ihm als Kind weckte, treibt ihn bis heute an: Sind diese Dinge wahr oder nicht, oder handelt es sich um reine Zufälle? Grundsätzlich könne man alles als Zufall ansehen, erklärt er und gesteht: Den Einwand des Kritikers, dieses oder jenes sei Zufall, könne man schwer entkräften. Andererseits: „Es spricht für die Forschung, dass wir im Prinzip beobachtete Phänomene im Labor nachstellen können.“ Im Prinzip. Das Problem: paranormale Phänomene seien meist an sehr emotionsgeladene oder lebensbedrohende Situationen geknüpft. Das, so Mulacz, zeigen Umfrageergebnisse: Mehr als die Hälfte der paranormalen Fälle werden im Kontext von Tod, Todesgefahr, oder schwerer Krankheit erlebt. Einen großen Teil machen also unangenehme oder als negativ empfundene Ereignisse aus. Nur in seltenen Fällen treten paranormale Phänomene in Zusammenhang mit neutralen oder positiven Situationen auf. Als Beispiel nennt er Verwundung oder Tod von Soldaten auf den Schlachtfeldern des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Viele Angehörige hätten von zeitnahen Visionen, Träumen, oder unspezifischen Gefühlen berichtet, durch die sie wussten: Jetzt ist etwas passiert. Wie aber können solche Aussagen überprüft werden? Eine emotionale Beziehung lasse sich im Labor herstellen, indem man nahe stehende Versuchspersonen auswählt. Nicht nachstellen ließe sich jedoch die dramatische Situation. Von ähnlichen Erlebnissen berichten auch die Zuhörer. Ein Mann träumte eines Nachmittags von einer Person. Als er später auf die Straße ging, traf er genau diese. Bei solchen Dingen müsse man kritisch sein, so Mulacz. Denn wie oft träume man von Personen, die einem später nicht über den Weg laufen? Zur Esoterik zieht er eine klare Grenze: Der Gegenstand sei in beiden Fällen derselbe. Aber die Esoteriker gingen von einer Glaubenshaltung aus. „Die Parapsychologen versuchen es wissenschaftlich, das heißt methodisch zu deuten“, so Mulacz. Wo der Esoteriker an das Wirken von höheren Mächten glaubt, fragt der Parapsychologe, welche vom Mensch verursachte Wirkung dahinter stehen könnte. Mulacz unterscheidet zwei Klassen paranormaler Phänomene. Da sind zum einen die außersinnlichen Erfahrungen, wie Telepathie, Hellsehen und Präkognition. Erfahrungen, die

außerhalb des Seh-, Hör-, Geruchs-, Tast- oder Geschmacksinns liegen. Und dann gibt es die so genannten außermotorischen Aktivitäten. Damit meint die Parapsychologie ein aktives Wirken in die Außenwelt, wie das Verrücken von Gegenständen, ohne dass eine physikalische Einwirkung zu erkennen ist. Dazu zählt auch die Psychokinese. Viele „Psychokinese-Phänomene“ wurden als Tricks enttarnt, andere jedoch nicht. Um psychokinetische Effekte zu erforschen, starteten US-Wissenschaftler 1997 PEAR (Princeton Engineering Anomalies Research). Als das Projekt 2007 eingestellt wurde, waren die Forscher davon überzeugt, dass die Effekte real sind. Die Versuche fokussierten auf die sogenannte Mikro-Psychokinese (MPK): Psychokinese-Phänomene auf einem so niedrigen Level, dass sie nur mit Hilfe statistischer Auswertungen wahrgenommen werden können. Dazu zählen Experimente zur Mensch-Maschinen-Interaktion. In dieser Tradition steht auch die Versuchsreihe von Thomas Ludwig.


Die Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften Die Gesellschaft wurde 1927 als „Österreichische Gesellschaft für Psychische Forschung“ gegründet. Bis 1938 war sie in die internationale parapsychologische Szene voll integriert, war experimentell orientiert und zahlreiche ihrer führenden Mitglieder traten mit Publikationen an die Öffentlichkeit. An diese Zeit aktiver experimenteller Forschung konnte nach dem Krieg nicht mehr angeschlossen werden. Im Sommer 2000 wurde der Sitz der Gesellschaft, der sich über 30 Jahre lang an der TU befunden hatte, ins Neue Institutsgebäude (NIG) der Universität Wien verlegt. Heute veranstaltet die Gesellschaft vor allem Vorträge und betreibt eine Bibliothek. Experimente werden nur vereinzelt durchgeführt. Die Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie ist eine außeruniversitäre Vereinigung. Da einige Universitätsprofessoren aber Mitglieder der Gesellschaft sind, besteht zumindest eine personale Verbindung zur Universität.

Ludwig: „Das ist eine Frage des Geldes.“ Zuhörer: „Wenn die Experimente nicht ausgeweitet werden, dann bleibt nur zu sagen: Es war interessant, aber jetzt belassen wir es dabei.“ Mulacz: „Je aufwändiger die Experimente, desto schwieriger sind sie zu finanzieren. Daher sollte man Realisierbares im Auge behalten und nicht nach den Sternen greifen. Durch viele Jahre Erfahrung weiß ich, was geht und was nicht.“ Sperrstunde 22:00 Uhr

Alles eine Frage des Geldes Das Publikum im NIG reagiert auf das Psychokinese-Experiment zustimmend bis skeptisch. Manche begrüßen es als Grundlagenforschung. Die beobachteten Effekte deuten sie als wichtige Erkenntnis für das Verstehen paranormaler Phänomene. Andere kritisieren den Versuchsaufbau. Zuhörer: „Man hätte viel mehr Augenmerk auf jene Probanden legen müssen, die besonders gute Ergebnisse erzielten. Warum wurden sie nicht befragt, auf welche Weise sie versuchten, auf die Maschine einzuwirken? Haben sie sich besonders konzentriert, was dachten sie sich?“ Ludwig stimmt zu: „Das wäre eine Option, die im Experiment jedoch nicht vorgesehen war.“ Viele Zuhörer schütteln den Kopf. Zuhörer: „Warum wurden bei erfolgreichen Versuchspersonen keine Gehirnstrommessungen durchgeführt?“

Mulacz und Ludwig sind bemüht, ihre Forschungen sachlich und selbstkritisch darzustellen. Der vorschnellen Zuschreibung, dieses oder jenes sei paranormal oder dem Glauben an Spuk und Geistern tritt Mulacz skeptisch bis ablehnend gegenüber – das Bemühen um einen wissenschaftlichen Zugang ist klar erkennbar. Andererseits wird allzu deutlich, dass ein knappes Budget tiefer gehender Forschung entgegensteht. Wie auch bei der Versuchsreihe zur Mensch-Maschine-Interaktion fragt sich der Hörer immer wieder, warum denn dieses oder jenes nicht überprüft wurde. Ein lauter Gong, gefolgt von einer Durchsage, unterbricht den Vortrag: „Sperrvorgang im NIG. Verlassen des Gebäudes bis spätestens 22:00 Uhr möglich.“ Auch daran macht sich das fehlende Geld bemerkbar. Ohne eigene Räumlichkeiten muss sich der parapsychologische Diskurs an die Öffnungszeiten im NIG halten. Drucke: Niklas Nemetz

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Menschen wie Misthaufen Stefan Sonntagbauer

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 ur Lage der asylsuchenden Menschen in der ruhmreichen Nation  Österreich, die was großer Söhne und Töchter ist, was durch einen gewissen wahrheitsgetreuen Hymnus belegt werden kann.


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an hat mich angehalten, mich hier zu der Situation der Asylsuchenden in Österreich zu äußern und ich hab natürlich gesagt, ja, weil ich erstens sowieso nie zu irgendwas nein sagen kann und weil ich zweitens gedacht habe, es ist eh im Endeffekt nichts leichter, als zu den Migranten was zu sagen, weil, was gibt es da schon großartig zu verstehen? – Der Staat Österreich behandelt Menschen, als wären sie keine Menschen, sondern Misthaufen, obwohl sie aber doch ganz wesentlich und unverkennbar Menschen sind und als solche auch mit den gängigen Menscheneigenschaften versehen. Gedärme, Leber, Milz, Seele, um hier nur einige Merkmale eines typischen Humanoiden zu nennen. Der österreichische Staatskörper, in dem es schon länger auf etwas unangenehme Weise divers rumort, verwechselt also, höchstwahrscheinlich aus einer stark ausgeprägten Geisteskrankheit seiner Führungs- und diverser Nebenorgane heraus, Menschen mit Misthaufen und das ist ein Faktum, das freilich keineswegs und gar nicht gutzuheißen und mit aller entschiedenster Vehemenz anzuschwärzen ist, da brauchen wir eigentlich gar nicht groß diskutieren. Dann hab ich mir gedacht, vielleicht schreib ich das sogar aus der Perspektive von so einem Asylwerber, wie der das aus seinen eigenen Asylwerberaugen heraus wahrnimmt und wie der das in seinem Asylwerbergehirn verarbeitet, das wär doch hochinteressant und die Menschen, die das dann lesen, fühlen sich, als würden sie es selber erleben und dann können sie mal sehen, wie das ist und für mich als begnadeter Autor ist das freilich auch die leichteste Übung, mich in so einen Asylwerber hineinzuversetzen, weil ich kenne aus erster Hand die Armut und den Schmerz, die was das Leben für einige ausgesuchte Organismen bereithält und in meiner langjährigen Karriere als Mukker habe ich ja bitteschön auch bereits in so mancher gegen sämtliche Menschenrechte verstoßenden Stinkbude übernachten müssen – ja, man könnte durchaus sagen, den Flüchtlingen geht es im Vergleich zu mir eigentlich eh noch gut, aber das hat hier niemanden zu interessieren, ich bin hart im Nehmen und um mich braucht man sich von daher nicht im Speziellen zu kümmern. Der letzte Satz könnte dann ungefähr so heißen: „Ich bin Mbuguwbutu Mbagwani und wenn ich auf meiner langen Reise eines gelernt habe, dann ist das, dass wir Menschen alle Brüder_innen sind unter der Sonne, die in einer Million Jahre oder was dann auch schon wieder verglühen wird und dann ist alles wieder eine ewige Dunkelheit und ein ewiges Nichts, aber doch, wir haben gelebt.“ Das klingt fürs Erste gar nicht mal schlecht und nebenher machen wir dann jedenfalls noch so Fotos mit so Asylwerbergesichtern hin, damit der Leser auch die einzelnen Schicksale entdeckt, die was hinter so einem Politikum stecken und dann muss aber auch mal wieder gut sein. Das, was davon bleibt, ist dann ein Altbekanntes, man darf hier stellvertretend für alle sprechen: Wahrlich, wir sagen uns, das ist aber einmal ganz sicher nicht unser Mist, der was da so hundserbärmlich in den Himmel rauf failt und zum hundertundeinemillionsten Mal, wir hätten auch damals beim Hitler nicht mitgemacht, wir hätten gesagt, Adolf, deine politischen Ideen gehören noch einmal in sämtlichen Punkten aufs Gründlichste überarbeitet, bevor wir bei deiner Bande dabei sein wollen und das ist noch eine starke Untertreibung, weil in Wirklichkeit hätten wir gesagt, lieber Adolf, du kannst dir dein dämliches Hakenkreuz mal reichlich in die Haare schmieren, kannst dir auch mal dein gesamtes drittes Reich gehörig in’ Arsch rein schieben und sonst noch was! Ich jedenfalls hätte es ihm genau so ins Gesicht gesagt und ich bin sicher, meine lieben Brüder und Schwestern, ihr hättet genauso gehandelt, das ist ein unbestreitbares Faktum! Dann gehen alle völlig zu Recht einen saufen, wobei die schönsten Hits der 80er abgespielt werden, man sich nach allen Regeln der Kunst in den Armen liegt und eine angenehme Wärme um die Brustgegend herum verspürt und die kommt heute nicht nur vom vielen Schnaps. Ein solches Szenario ist natürlich von Anfang an das geheime Primärziel der ganzen Operation gewesen.

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Na gut, bis hier ist das alles nicht gerade neu und noch viel weniger originell. Das Sagen und Schreiben alleine ist nun aktuell freilich nicht gerade als eine sehr heroische Verhaltensweise anzusehen, was vor allem damit zu begründen ist, dass in deren ihrer modernen Hektomatik-Welt sowieso keine Sau mehr zuhören geschweige denn sinnerfassend lesen kann. Dagegen müsste das Ganze also wieder an Körper gewinnen – man könnte beispielsweise eine Peitsche nehmen und jemandem in die Fresse hauen, wie es nach Klaus Kinski ein gewisser Herr Jesu Christum in unserer reichlich seltsamen Zeit praktizieren würde und auch ein völlig koksabhängiger und schwer ichsüchtiger Choleriker kann mal recht haben, wieso denn auch nicht. Damit gibt es allerdings gleich zwei Probleme: Erstens hat sich der durchschnittliche, europäische Mensch durch diverse Zivilisationsmaßnahmen wie politische Korrektheit, die Millionenshow mit Armin Assinger als Moderator und die diversen Maßnahmen zur Förderung der direkten Demokratie bereits zu sehr kastrieren lassen, als dass er überhaupt noch in der Lage wäre, im öffentlichen Raum mit einer Peitsche umzugehen. Und zweitens ist es ja auch so, dass angeblich sowieso keiner weiß, wem genau mans jetzt eigentlich mal gehörig polieren sollte, weil das Böse in der modernen Welt, das ist kein Mensch, sondern eine Struktur – fragen Sie dazu mal am besten irgendeinen x-beliebigen Philosophen. Mir würde da allerdings trotzdem was einfallen: Wie wär es beispielsweise mit einem gewissen H.C. Strache, einem gewissen Michael Spindelegger, einem gewissen Werner Faymann oder aber auch gerne einem gewissen Frank Stronach und zum Teil auch dem beliebten Fernsehmoderator Alfons Haider und vor denen allen noch die beknackte Tirolerin aus der überaus furchterregenden ORF-Eigenproduktion Die große Chance? An Helden, wie beispielsweise der besprochene Herr Jesu Christum einer war, hat man aber sowieso nur im Mittelalter geglaubt und das ist lange her, das haben wir längst überwunden und wir sind alle miteinander froh, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben müssen. Da war es dunkel und kalt und da war ein Menschenleben nicht viel wert – hat einer’n Keks gestohlen, ham sie ihm schon die Hand abgehackt – wahre Geschichte – und das, obwohl der Mensch doch auch essen muss, um nicht zu verhungern, das ist mittlerweile dank wissenschaftlicher Forschung erwiesen und kann nicht mehr abgeleugnet werden. Da haben wir jetzt also den Salat, was kann der Mensch noch tun, um anständig zu sein? – Es bleibt nach dem eben Gesagten nicht gerade viel über und auch das hat wieder’n Haken eingebaut. Sogar wer sich ehrenamtlich in der Wüste abschuftet, kommt nämlich doch irgendwann auch mal wieder heim und dann gibt’s nen saftigen Hackfleischbraten mit Mutterns guter Soße nach Geheimrezept und noch viele andere Segnungen der modernen Industriegesellschaft. Die dort drüben in der Wüste, womit vermutlich Afrika gemeint ist, können dagegen aber niemals heim kommen, die sind nämlich schon daheim und auf Basis allein dieser Fakten kann sich der Mensch eigentlich nicht mehr ehrenhaft verhalten, ohne zu krepieren. Damit befinden wir uns vorerst in einer klassischen Sackgasse – im Gegensatz zum rein ideellen Ergreifen der richtigen Position scheint heute die praktische Durchsetzung derselben problematischer als jemals zuvor. Solange nichts gefunden ist, muss demnach als die oberste Menschenpflicht das Suchen angesehen werden, nach neuen Formen des Protests und neuen Strategien zur Veränderung dieser, in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit doch etwas mieselsüchtigen Welt. Und, meine lieben Brüder und Schwestern, lasst uns doch bitteschön dabei niemals vergessen, was unser weiser Bruder Mbuguwbutu Mbagwani irgendwann mal gesagt hat: „Wir Menschen sind alle Brüder_innen unter der Sonne, die in einer Million Jahre oder was dann auch schon wieder verglühen wird und dann ist alles wieder eine ewige Dunkelheit und ein ewiges Nichts, aber doch, wir haben gelebt.“ – So oder so. Stefan Sonntagbauer ist Autor. Er lebt, schreibt und mukkt in Wien.

Fotos: Christopher Glanzl Sigmund-Freud-Park, 12/2012


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Ausblick ///////////////////////////////////////////////////////////////////

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Bald in der 端ber.morgen!

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Kolumne ///////////////////

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Der Stolz der Familie Clara Gallistl

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arf man stolz auf seine Familiengeschichte sein? Die meisten Jungen in meinem Umfeld sehen Entscheidungen und Verhaltensweisen ihrer nahen Verwandten mit kritischem Blick. Wieviel man über entferntere Verwandte Bescheid weiß, kann ich nicht sagen. Gesprächsthema sind die Narrativa der eigenen Familie selten. Wenn, dann erzählt man sich im Kaffeehaus “unter uns” von den psychischen Problemen der Schwester oder wie sich das Verhalten der Eltern während der Zeit der Scheidung geändert hat. Geschichten aus dem Alltag der Großeltern, der Tanten und Onkeln und Urgroßeltern sind selten. Ich weiß ganz gut über die Geschichte meiner Familie Bescheid. Das liegt wohl an der großen Anzahl meiner Verwandten. Um da einen Überblick zu behalten, müssen sich die Geschichten zirkelförmig wiederholen: Wer war nochmal Tante Y? – Das ist die, die dortunddort wohnt, mit demunddem verheiratet ist und dieunddie Kinder hat, die dasunddas dortunddort machen. So hat sich eine Tradition des Wiedererzählens etabliert, schon bevor ich auf der Welt war. Je mehr es zu erzählen gibt, desto mehr Leerstellen entstehen zwischen den Erzählmomenten, die man weiterführend erfragen kann. Erzählmomente gibt es in der Geschichte meiner Familie viele. Schon mein Urgroßvater hat im Alter von 60 Jahren begonnen, für den Fall, dass es jemanden interessiert, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Mein Großvater hat viele Briefe aufgehoben; auch Landkarten und Zugpapiere; und seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg aufgeschrieben, um es von der Seele zu haben (was nicht funktioniert hat). Er hat auch ein Stückwerk Lebenserinnerungen meiner Großmutter abgetippt. Am Abend nach dem Begräbnis meines Großvaters sind meine Verwandten müde und satt um den großen Esstisch im Haus ihrer Eltern, Schwiegereltern und Großeltern gesessen und haben über Wein und Kuchen Geschichten von früher erzählt. In dem Moment,

in dem die Runde lachend Schimpfwörter aus dem Gedächtnis gegraben hat, die sich die Kinder untereinander damals an den Kopf geworfen hatten, wurde etwas offenkundig: dass wir eine Gemeinschaft waren. Und ich: war stolz darauf. Zumindest war das der Begriff, der mir für mein Gefühl einfiel. Doch dann fragte ich mich, und kam nicht und nicht darauf, was “Stolz” eigentlich sein sollte. Ich war dankbar, in einer liebevollen Familie aufgewachsen zu sein. Froh, eine große Familie zu haben, die aus so vielen verschiedenen Menschen bestand, die – jeder für sich – ehrlich interessiert aneinander waren. Eine Großtante, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, schrieb mir Adresse und Telefonnummer auf und nahm mir das Versprechen ab, sie einmal zum Kaffee besuchen zu kommen. Ein entfernter Großonkel bot mir sofort, als ich davon erzählte, an, mir bei meinem Umzug zu helfen. Stolz ist das Gefühl, etwas Herausragendes geleistet zu haben. Die christliche Morallehre kennt Stolz als Eitelkeit, geht es den ChristInnen doch nicht um das Herausragende, sondern um Demut. Stolz bin ich auf meine Familie nicht, auch, wenn mein Großvater in den höchsten Tönen für seine Menschlichkeit, seine Wärme, seine Authentizität gelobt wird. Ich freue mich, dass ich durch ihn ein Vorbild bekommen habe. Er war klug, er war interessiert, er war kritisch, er hat geglaubt und gehofft und es war ihm wichtig, die Menschen in seinem Umfeld in ihrer Autonomie zu unterstützen. Wenn ich mit wachem Interesse die Geschichten meiner Familie verfolge, geschieht das nicht in der Suche nach Gegenständen, die mich stolz machen können. Ob meine Urgroßmutter Kaiserin oder Prostituierte war, macht für mein wohlwollendes Interesse keinen Unterschied. Dass mein Großvater in seinem Leben glücklich war und ohne Angst vor dem Tod gestorben ist, allerdings schon.


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01/2013 - Snob Night Fever