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체ber.morgen

www.uebermorgen.at | Jahr 2, Ausgabe 8 | Fr 28.5.2010 | Kostenlos

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die kritisch-unabh채ngige Studierenden-Zeitung

SEX - gewalt - Tiere S. 14

S.12

Foto: privat

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über.inhalt

Foto: Name der Redaktion Bekannt

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Was kostet die Welt? Diese Frage können wir euch immer noch nicht beantworten. Dafür wissen wir aber genauestens darüber Bescheid, was unsere Zeitung kostet: Sie kostet Geduld, viele Stunden intensives Diskutieren, Schreiben, Layouten, Austeilen. Sie kostet Telefonieren, Anheuern, Raum suchen, Laptops ständig ein- und auspacken und den Kaffee mit den Freund_innen absagen. Und sie kostet Geld, damit sie gedruckt werden und auch über.mor­gen noch erscheinen kann: Und zwar in einer Auflage, die garantiert, dass auch ihr eines unserer begehrten Exemplare in die Hände bekommt. – Aber das wisst ihr ja mittlerweile alles schon.

über.inhalt

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Was kostet die Welt?

über.ich

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Liebe Leserinnen, liebe Leser

über.thema

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Kaufen wir Produkte oder Frauen und Werte? Werbung in High Heels und Nagellack

über.kurioses

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Leider keine Satire!

über.bildung

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Lehramt - Her mit der Fakultät!

über.denken

Impressum In Kürze

Unser Abo Wenn Studierende das Rektorat besuchen Von Budgetkürzungen und universitären Bauplänen

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Die Herzlichkeit der Universitäten. Interview mit Franz Schuh

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Wege aus der Krise. 5. Österreichisches Sozialfrorum Putzfrauen-Stasi: Moral im 21. Jahrhundert

über.politik

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Mitten ins Herz Europas

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„Nie Wieder“ ist zu wenig. 65. Befreiungsfeier des KZ Ebensee

Ein Hurra auf die Koalition. Großbritannien nach der Parlamentswahl

Hochschuldialog am Ende

über.kitsch&kultur

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Schlampe brennt: Das Leben ist ein Verhurungsprozess. *Die camera obscura in der Schottentor-Passage*

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Die letzte Seite: PERFEKT WORLD. Ein Close-Up des Künstlerkollektivs Geschichten aus dem Audimax: Eine von Vielen

Wir geizen in dieser Ausgabe mit unseren Tipps, wie ihr die über.morgen, nachdem ihr sie gelesen habt, sinnvoll verwenden könnt.

über.graus

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Die Sendung mit dem Graus: Geo-Apps

Stattdessen präsentieren wir euch den Gewinner des Fotowettbewerbs! Unter den Hunderten von Einsendungen wurde das abgedruckte Foto ausgewählt.

über.reste

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Unser Lieblingsplatz

„Man fragt mich, ob ich bin. Ich sage Nein: Ich sei.“ Hund der Woche Unser Sudoku Sudereck

Geschickt hat der Darsteller alle Öffnungen seines Kopfes dazu verwendet, die über.morgen in sich aufzunehmen, um eine „One Minute Sculpture“ nach Erwin Wurm zu kreieren. Dieses Vorgehen soll seine besondere Wertschätzung unserer Zeitung gegenüber zum Ausdruck bringen, hat uns der Gewinner versichert, der lieber anonym bleiben möchte. Die Redaktion gratuliert und dankt für eure Spenden! Hier und jetzt, anonym aber herzlich. [red]

spenden@uebermorgen.at Konto: 00074753235 | BLZ: 60000 (PSK) Zweck: über.morgen Alle Einlagen gehen ausschießlich zugunsten des Vereins (Druckkosten).

Impressum Medieninhaber & Herausgeber: Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. 1170 Wien. Taubergasse 35/15. Tel.: +43664 558 77 84, Homepage: http://www. uebermorgen.at; Redaktion: Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. 1170 Wien. Taubergasse 35/15; Redaktionelle Leitung: Anna Renner, Clara Gallistl; Herstellerin: Druckerei Fiona, www.fiona.or.at; Herstellungs- und Erscheinungsort: Wien; Layout: jaae, axt; Alle Rechte, auch die Übernahme von Beiträgen nach §44 Abs. 1 Urheberrechtsgesetz: © Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen. Dem Ehrenkodex der österreichischen Presse verpflichtet.


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über.ich

Liebe Leserinnen, liebe leser jeder weiß: Sex sells. Diese Werbestrategie macht sich diesen Monat auch die über.morgen zunutze. Denn, allen Leserbriefen wütender Gender-Aktivist_innen zum Trotz, wird sie so schnell vergriffen sein, wie keine vorher.

gestellt, hier behauptet ein millionenschwerer Niki Lauda, er hätte nichts zu verschenken. Ist das eine Gesellschaft, in der wir leben wollen? Ich geb mir die Kugel. Oder doch

Die Werbung ist ein mächtiges Mittel, um Menschen zu zeigen, was sie schön finden, was erstrebenswert ist, was sie gerne hätten, sogar was sie plötzlich brauchen.

ein knackiges Ferrero Rocher? Aber nein, ich, euer aller über.ich, werde die Hoffnung auf eine verantwortungsvolle Werbung für ein mündiges Publikum nicht aufgeben: Impossible is nothing! Just do it! Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar, doch sie muss gefördert werden. Deshalb, liebe Leser_Innen, holt euch das über.morgen-Abo. Die zarteste Versuchung, seit es Zeitungen gibt. Ich tue es auch - weil ich es mir wert bin. In diesem Sinne: Sei doch nicht blöd, Mann - und Frau!

Und sie sagt viel aus über die Mentalität der Gesellschaft, in der sie verbreitet wird. Reden wir darüber – was wird momentan transportiert? Geiz ist geil! Ich hab ja nichts zu verschenken! Hier wird Geiz über Qualität und faire Herstellungsbedingungen

Euer Hausverstand alias über.ich

Grafik: Durex

Flashmob: “Hat die Regierung einen an der Waffel?”

Foto: Martin Juen

Um eine Antwort auf die neuesten Regierungspläne im Bildungsbereich zu geben (Budgetkürzungen, Knock-out Prüfungen in der Orientierungsphase etc.), fand am 20. Mai im Audimax ein Flashmob statt. An die 50 Student_Innen kamen mit Waffeleisen, Teig und Seifenblasen ins Audimax, um Waffeln zu verteilen und symbolisch die “Bildungsblase” platzen zu lassen.

Nachbereitungstreffen zur WKR-Ball-Demo

Foto: Daniel Weber

Am 29. Mai um 18 Uhr findet in der Wipplingerstraße 23 im Zwischenstock des Stiegenabgangs ein Nachbereitungstreffen bezüglich der WKR-Ball-Demo statt. In den letzten Wochen haben viele Einspruch gegen die Strafverfügungen erhoben, jetzt müssen weitere rechtliche Schritte geplant und ein gemeinsames Vorgehen diskutiert werden.

Aktivismus 2.0 - Aktionstag am 9. Juni

Grafik: Flyer Aktivismus 2.0

Am 9. Juni 2010 findet ein Unsereuni-Unibrennt-Aktionstag statt. Wer mitmachen will, tritt entweder der Facebookgruppe “unibrennt-Aktivismus” bei, oder schreibt eine Mail an maximum.auditorium@gmail.com. Kreative Ideen bezüglich Aktionen sind jederzeit willkommen!

Vinzi-Fanzone bei FuSSball-Weltmeisterschaft WM-Schauen für einen guten Zweck in der Vinzi-Fanzone: Es wird ein kleines public viewing für ca. 150 Leute am JohannNepomuk-Berger-Platz geben. Der Erlös dieser Fanzone, unter anderem des VinziWürstelstands, der Bewohner_innen aus dem Vinzibett beschäftigt, kommt der Vinzensgemeinschaft zugute, die sich in Graz und Wien obdachlosen Personen annimmt.

Foto: jaae

Benefiz-Turnier: Ute-Bock-Cup am 6. Juni Der Ute-Bock-Cup findet dieses Jahr am Sonntag, 6. Juni 2010 ab 12:00 am Wiener Sport-Club Platz statt. Das Ziel ist es einerseits wieder Geld zu sammeln, andererseits aber auch auf die untragbaren Zustände und die fließbandmäßigen Abschiebungen von Flüchtlingen hinzuweisen.

Grafik: Flyer Ute Book Cup 2010

Ars Electronica: the ubiquitous #unibrennt cloud Die “Unibrennt”-Bewegung hat den Ehrenpreis Ars Electronica in der Kategorie „Digital Communities“ gewonnen. In dieser Kategorie geht es um Innovation im menschlichen Zusammenleben, es geht um die Überwindung kultureller Konflikte, um Fragen kultureller Diversität und die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks.

Grafik: aec.at

IN KÜRZE IN KÜRZE IN KÜRZE IN KÜRZE


über.thema

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Kaufen wir Produkte oder Frauen und Werte?

Sex sells. Das ist klar. Aber wenige von uns denken weiter darüber nach. Welcher Sex verkauft sich da eigentlich gut? Welches Bild macht die Werbeindustrie aus der „schönsten Nebensache der Welt“? Und: Was ist mit der Liebe passiert? Die sollte sich doch eigentlich mindestens genauso gut verkaufen lassen. nes (ebenfalls Dolce&Gabbana). Ungleich öfter steht fest: Die Frau der Werbebilder ist leicht erregbar. Meistens reichen schon einfache Gegenstände wie Hygieneartikel, Nahrungsmittel, Kleidung, Accessoirs. Die immer sinnliche Frau erlebt durch einfache Berührung des zu bewerbenden Gegenstandes Extase. Aber auch die Berührung einer anderen Frau oder eines Mannes kann sie zum Orgasmus bringen.

Foto: tOM fORD

Zum einen ist die bildliche Darstellung des Geschlechtsverkehrs ein Erreger. Doch wer oft erregt wird, stumpft auch ab und so müssen sich die Werbefirmen immer stimulierendere Bilder einfallen lassen. Dabei geht es seit der ersten komplett nackten Person (überraschend! eine Frau) in der Werbung der 70er nicht mehr um ein simples Wertraut-sich-mehr-zu-zeigen. Die Werbefotografie wird immer pornographischer. Und das zum einen durch den immer stärker gezeigten Konnex zwischen Sex und Gewalt (siehe die über-ästhetisierten Vergewaltigungsszenen bei Dolce&Gabbana). Zum anderen streckt die Werbung ihre Hand nach Fetischist_innen aus. Da findet sich seltener die weibliche Dominierung des Man-

Männern hingegen scheint die Lust durch einfache Berühung nicht zu zu stehen. Wenn sie etwas (oder jemanden) berühren, wollen sie etwas damit tun. Oft wollen sie eine Frau zu sich ziehen, sie festhalten oder in eine bestimmte Richtung drücken. Männer haben es überhaupt schwer. Die meiste Werbung wendet sich primär an Frauen und Frauen sind auch die meisten menschlichen Werbeträger_innen. Doch sind Männer gemeinsam mit Frauen abgebildet, findet sich noch oft die traditionelle Ordnung, die den Mann als Überlegenen zeigt. Wer steht höher im Bild? Wer nimmt mehr Platz im Bild ein? Wer trägt wieviel Kleidung am Körper? Wer sieht wen an? Wer zeigt wo‘s lang geht?

Der Appell geht nicht gegen böse Männer, die Frauen unterdrücken; er geht nicht an dumme Frauen, die sich unterdrücken lassen. Der Appell geht an DICH: Schau dir Werbung, die Menschen zeigt, genauer an! Überleg dir mal: - Was passiert hier? In welche Geschichte ge-

hört die Momentaufnahme dieser Werbung? - Was stellt der Mann in dieser Werbung dar? Und was die Frau? - Welcher Wert wird hier mit dem Produkt verkauft? Eine Veränderung, die in der Werbung stattgefunden hat, ist die weg von Liebe-Romantik-Beziehung hin zu kurzem, schnellem, hartem Single-Sex. Die Familien- oder Ehepaardarstellungen sind immer weniger geworden. Die Oh-Mann-fick-mich-Bilder dafür immer mehr. Werbung ist immer Produkt der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Werbefuzzis sind auch nicht weltfremde Sexisten, sie wissen nur ziemlich gut, was sich verkauft. Welche Aussage man also über die Ängste und Hoffnungen einer Gesellschaft treffen kann, die statt Liebe Sex und statt gemeinsamer Zukunft kurze Augenblicke verkauft, darf man offen lassen. Aber der nächste „Gay-chic“-Boy und die nächste „Ein-Gegenstand-berührt-mich“Orgasmus-Frau darf - auch zum Denken anregen. [cgal]

„Gay chic“ bezieht sich auf vorwiegend heterosexuelle Männer, die in Verhalten und Aussehen mit homosexuellen Klischees spielen. Foto: bUDWEISER


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über.thema?

Werbung in High Heels und Nagellack Aktuell wirbt BIPA mit einem Frauenbild, das mehr als vorbelastet ist. Vor pinkem Hintergrund säuselt eine Stimme mit erotisierendem Unterton:

will. Eines ist klar, Bipa will Nagellack verkaufen. Bipa will Nagellack an die unabhängige, selbstbewusste, starke Frau „von heute“ verkaufen, die neben Arbeit und Kindererziehung auch noch ihr Umfeld mit fabelhaftem Aussehen bezaubert. Mit diesem Fernsehspot wird ein auf den ersten Blick „positiv bewertetes“ Frauenbild suggeriert, mit dem frau sich gerne identifiziert.

Wir Frauen sind ja so wehrlos – bis unser Nagellack trocken ist Lange haben Frauen für Gleichberechtigung gekämpft, und dieser Kampf ist trotz zahlreicher Bemühungen noch nicht ausgestanden. Damit eng verbunden ist eine konstruierte Rollenstruktur, die sich gewandelt hat, aber noch immer nicht vollständig abgestreift werden konnte. Das „Heimchen“ am Herd trägt nun High Heels, Negligé und Nagellack. Die Frau untersteht nicht mehr ihrem Ehemann, sondern der gesamten Gesellschaft, die von ihr verlangt so zu sein, wie man sie sehen

Doch schon bei einem kleinen Maß an Reflexionsfähigkeit zeigt sich, was sich in Wahrheit dahinter verbirgt: Frau steht mit beiden Beinen fest im Leben und weiß sich selbst zu helfen. Aber eben erst, wenn der Nagellack trocken ist. Das soll heißen: Zuerst kommt die Schönheit, dann der Rest, ein Vorurteil, das sich schon lange hält.

Foto: bipa

Unser ABO I n

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S a c h e

Die über.morgen kannst du jetzt auch abonnieren! Werde Fördermitglied im „Verein zur Förderung studentischer Eigeninitiativen“ und du bekommst alle neuen Ausgaben österreichweit frei Haus zugeschickt. Fördermitglied werden ist einfach, das Onlineformular findest du auf unserer Homepage. Ab einer Spende von nur €20 bist du für ein halbes Jahr, ab €35 ein ganzes Jahr dabei. Nach Abschicken des Formulars bekommst du ein E-Mail mit unseren Kontodaten. Sobald die Spende eingangen ist, beginnt deine Mitgliedschaft und damit auch dein Abonnement. Alle Infos findest du unter abo.uebermorgen.at. [red]

Diese Zurückdrängung in ein Klischee ist ein Anzeichen des versteckten Antifeminismus. Die Frau wird reduziert auf ihre Körperlichkeit und auf ihr Aussehen. Eine offene Benachteiligung von Frauen ist nicht akzeptabel, auf unterschwelliger Basis ist sie mit der Zurückdrängung in ein Klischee umso häufiger anzutreffen, und die Werbeindustrie lebt davon. Sex und Erotik stehen über Stärke und

Foto: WEDEDE; PIXELIO.DE

Ein kurzer Blick in die aktuelle Werbe- und Medienlandschaft lässt es sofort erkennen: Sex sells und Gender gives up. Plakate und Werbespots schreien einem das nur so entgegen und geben einer Veränderung des klischeebehafteten Frauenbildes keine Chance.

Unabhängigkeit. Die von heute ist nicht die vollkommene Ablehnung der Frau, sondern ihre Beschränkung auf die ihr zugeschriebene Rolle des „schönen“ Geschlechts. Kein Wunder, dass sich dieses Bild nicht verändert, wenn Frauen von den Medien tagtäglich unterstellt wird, sich nur für Oberflächlichkeiten zu interessieren und damit völlig auf ihren Körper reduziert werden. Vielleicht sollte sich auch die Werbung mit Gender-Studies auseinandersetzen, anstatt bloß mit Sex zu überfluten. [shells]


über.kurioses

6 „Das Plakat habe nichts mit Rassismus zu tun, sondern hat einen rein landwirtschaftlichen Zusammenhang, betont Nußbaumer.“ (zitiert nach salzburg24.at)

Leider

„Lisa und Jasmin haben sich zwei Ferkel geschnappt. Grunzend vor Glück kuscheln sich die Tiere an die weichen Frauen, das Fotoshooting für den Jungbauernkalender 2011 beginnt.“ (zitiert nach welt.de)

keine satire!

„Es gibt in diesem Land nur linke Parteien. Wir sind die einzige Mitte-rechts-Partei. Und mit Rand hat das nichts zu tun.“ (Strache im Profil-Interview)

Wenn StudierenDE das Rektorat BESUCHEN Nach der Schließung der selbstverwalteten „Befreiten Aula“ am Universitätscampus durch das Büro für Raum- und Ressourcenmanagement der Universität Wien besetzten etwa 50 Studierende das Rektorat. Über Twitter und Facebook wurde mobilisiert und, als die Polizei den Zugang absperrte, war die Zahl der Besetzer_innen auf etwa 80 angewachsen. Viele mehr warteten hinter den Polizist_innen. Die Universitätsleitung forderte umgehend eine Räumung durch die Polizei an, die sich jedoch mehrmals verzögerte. Die Polizei hatte ihr Megafon vergessen.

Foto: jaae

Diese tolle Aussicht hatten am Montag, 10. Mai, Studierende, die den Bildungsprotest in das Rektorat der Universität Wien trugen.

Nach Verlesung des Räumungsbescheids durch Behördenvertreter Erich Zwettler verließen die Studierenden das Rektorat friedlich. Gemeinsam mit denen, die es nicht ins Rektorat geschafft hatten, zogen sie durch die Universität ins Audimax. Eine Publizistikvorlesung wurde noch abgewartet, bevor ein Plenum mit etwa 250 Menschen stattfand. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei die Universität schon abgeriegelt. Als der Behördenvertreter erneut einen Räumungsbescheid verlas, zogen die Studierenden weiter in die Akademie der bildenden Künste. [jaae]


über.bildung

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Lehramt - Her mit der Fakultät Grafik: Axt

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„Die Zeit des Handelns ist gekommen, wir brauchen keine weiteren Studien, wir brauchen keine Expertenkommissionen, wir brauchen Umsetzungspläne, und vor allem das klare Ja des Handelns und den Willen, es zu tun.“ Claudia Schmied, Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur (onlineStandard vom 1. März 2010)

Das obige Zitat mag stutzig machen; die Ministerin sagte das just, als wir auf den Endbericht der ExpertInnenkommission „LehrerInnenausbildung NEU“ warteten. Doch sie hat recht: Dass in Österreich die Reformen von Schule und Lehrer_innenausbildung immer noch auf sich warten lassen, liegt nicht daran, dass man nicht wüsste, was getan werden muss. Inzwischen wurden die Ergebnisse der erwähnten Arbeitsgruppe veröffentlicht und schon seit Herbst 2009 liegt der „Nationale Bildungsbericht“ vor, der aufzeigt, wo Probleme im österreichischen Bildungssystem liegen und der als Grundlage für kommende Reformen dienen sollte.

ebenso ausführlich behandelt. Es gibt aber noch einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen den zwei Papieren: Der Bildungsbericht wurde mit dem Ziel verfasst, aufzuzeigen, was getan werden müsste, um in Österreich ein Bildungssystem aufzubauen, das dem 21. Jahrhundert gerecht wird. Die ExpertInnenkommission „LehrerInnenausbildung NEU“ sollte dagegen erarbeiten, was im Augenblick unter den gegebenen Umständen realistisch erschien, und erhielt deshalb von ministerieller Seite vielfach Auflagen und Einschränkungen, was das Ergebnis ihrer Arbeit anging: So durfte beispielsweise die Aufteilung der LehrerInnenausbildung auf Universitäten und pädagogische Hochschulen nicht angetastet werden.

Der Bericht beschäftigt sich im Gegensatz zu dem der Expert_innenkommission nicht nur mit der Ausbildung zu pädagogischen Berufen, dieses Thema wird aber mindestens

Nun führt aber genau diese paradoxe Spaltung in eine Bildungseinrichtung für AHSLehrer_innen und eine andere für Volks- und Hauptschul-Lehrer_innen zu unterschied-

lichen Gehältern und zu ständigen Scharmützeln zwischen deren Gewerkschaften, was wiederum ein Hindernis für eine positive Entwicklung darstellt. Eine Diskussion ohne Tabus könnte auch eine grundlegende Problematik lösen: Weder die Unis (für die das Lehramt kein Hauptanliegen darstellt), noch die pädagogischen Hochschulen (denen Forschungstradition und politische Unabhängigkeit fehlen) sind derzeit wirklich gut im Ausbilden von Lehrer_innen. Es gilt, die Alternative einer starken Institution - eine „Fakultät Lehramt“ oder eine im Umfeld der Uni angesiedelte „School of Education“ wie sie in Klagenfurt geplant ist - anzudenken. Der nationale Bildungsbericht 2009 ist auf www.bifie.at unter „Themen“ verfügbar, den Endbericht der ExpertInnenkommission „LehrerInnenausbildung NEU“ befindet sich auf www.bmukk.gv.at unter „Topthemen“. [simk, sts]

von Budgetkürzungen und universitären bauplänen Die Universitäten müssen ab 2012 mit weniger Budget auskommen, teilte Wissenschaftsministerin Beatrix Karl der Öffentlichkeit mit und löste damit heftige Kritik aus. Der Vorsitzende der Universitätskonferenz Hans Sünkel wirft der Bundesregierung vor, mit dem Rücken zur Zukunft zu stehen: „Was das für die Universitäten im Allgemeinen und für die TU Graz im Besonderen hieße - und ich bediene mich ganz bewusst des Konjunktivs, in der Hoffnung, dass diese Situation nicht eintritt - das wäre klarerweise eine Reduktion unserer Leistungsportfolios innerhalb der österreichischen Universitäten und für die TU Graz bedeutet dies erhebliche, tiefe Einschnitte in unsere zukünftigen Maßnahmen.“ Auch Thomas Wallerberger, stellvertretender Vorsitzender der ÖH, zeigt sich schockiert: „Die Universitäten sind bereits chronisch unterfinanziert - weitere Kürzungen werden katastrophale Auswirkungen auf die Zukunft Österreichs haben.“

Baupläne der Universitäten – Bitte warten? Die Universität Wien und die Wirtschaftsuniversität planen den Bau von zwei neuen Gebäuden für ihre Studierenden. Nach dem Bekanntwerden der Sparpläne von Ministerin Karl stellt sich die Frage der Finanzierbarkeit. Der Standort der Universität Wien soll nach einem Bericht der Tageszeitung „Der Standard“ mit Studienjahr 2013/14 fertiggestellt werden. Im ehemaligen Sitz der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) an der Roßauer Lände sollen die Institute der Wirtschaftswissenschaften und der Mathematik eine neue Heimat finden. Neue Hörsäle und Arbeitsplätze, in unmittelbarer Nähe zu den anderen Standorten,

bringen bessere Arbeitsbedingungen für Wissenschafter_innen und Studierende, hieß es in einer Aussendung der Universität Wien. Mit der Realisierung des Projekts Roßauer Lände 3 sind ab 2013 sämtliche Großstandorte der Universität Wien in den Innenbezirken angesiedelt. „Am neuen Standort entsteht ein weiteres Zentrum der Universität Wien, das wichtige Impulse in Forschung und Lehre bringen wird“, so Georg Winckler, Rektor der Universität Wien. Birgit, eine Publizistikstudentin, zeigt sich über die Pläne der Uni verwundert. Sie befürchtet, eine gewisse Abhängigkeit der Uni Wien von der Raiffeisen-Banken-Gruppe, welche die Projekte mit 40 Millionen Euro unterstützt. [sl]


über.bildung

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Die Herzlichkeit der Universitäten Interview mit Schriftsteller Franz Schuh Franz Schuh, Essayist, Philosoph, Lektor an der Universität für angewandte Kunst, spricht vom Kampf für freie Bildung, der fehlenden Herzlichkeit zu den Universitäten und über die Notwendigkeit heiter zu bleiben. Das Interview führte Clara Gallistl.

Die Frage nach den Studienbedingungen, die früher besser waren.

Wir haben haargenau die Universitäten, die wir verdienen; die in ihren Erscheinungsformen den Zeitläufen entsprechen. Das heißt jetzt aber nicht Fatalismus. Man muss - gerade was Universitäten betrifft - ihre klassischen Ideale mit den Erfordernissen des Augenblicks verbinden.

Foto: Gloria Gammer

Ich halte es für einen Fehler die Situation der Universitäten einzuschätzen nach früher/besser und heute/schlechter oder umgekehrt. Gerade was die Universitäten betrifft, muss man auch einen Sinn für so genannte Realitäten haben. Es gibt einen Realismus, der meint:

Arbeitet man allein nach den Notwendigkeiten des Augenblicks, so wird einiges von der geistigen Substanz, die traditionell überkommen ist, zerstört. Pocht man dagegen nur auf Traditionen, wird man starr und sektiererisch. Es ist eine Neigung der Bildungspolitik, diese Balance weder zusammenzubringen, noch irgendeine Vorstellung davon zu haben.

Es gibt kein Selektionsverfahren, das nicht mehr an geistigen Ressourcen und Fähigkeiten, die oft erst im späteren Verlauf des Studiums auftreten, zerstört, als man gewinnen kann, wenn man frühe, harte Selektionen trifft.

Das ist teilweise auch der politische Jammer, dass politische Funktionäre Wissenschaftsminister werden, die hauptsächlich wissen, wie man politischer Funktionär wird und als solcher Wissenschaftsminister, aber kaum eine herzliche Beziehung zur Universität haben.

Natürlich ist es von einer fatalen Wichtigkeit, dass auch die Öffentlichkeit begreift, dass Bildung nicht allein die Sache der Gebildeten, sondern eine Angelegenheit der Allgemeinheit ist. Bildung ist, so sehr es den Einzelnen nützt, gleichzeitig für das Kollektiv von Relevanz. Alle in einer Gesellschaft sind klug beraten, wenn sie für die Bildung kämpfen. Auch, wenn sie selber aus diesem Kampf nicht direkt etwas gewinnen können.

Die Frage nach einer positiven Zukunftsvision. Ich gehöre einer Generation an, die das Glück hatte, Studien absolvieren zu können, die nicht verschult waren. Ich hatte in fortgeschrittenem Semester die Zeit, mich ein Jahr lang mit einer Seminararbeit über den Philosophen Fichte zu beschäftigen. Das gehörte zu einem Rhythmus, den die universitäre Gemeinde manchen zugestanden hat. Nach einem Jahr war ich also ein Gelehrter für Fichte. Die Freiheit, sich gegen Rhythmisierungen oder Verschnellerungen der Art zu entscheiden, die nicht von der geistigen Substanz des zu Erfahrendem abhängen, halte ich für das absolut Wichtigste. Dafür muss man kämpfen, wie man - meiner Meinung nach - auch für den freien Hochschulzugang kämpfen muss.

Also beide Punkte, die ich als positive Vision habe, betreffen die sogenannte Freiheit.

In Österreich kommt noch hinzu, dass bestimmte Traditionen der Geistfeindlichkeit nicht nur triumphieren, sondern den, der sie benutzt auch ziemlich berühmt und bedeutend machen können. An der Geistfeindlichkeit ändert das freilich nichts. Da müssten Prozesse sein - und auch von der Universität ausgehen -, die diese Geistfeindlichkeit stärker konfrontieren.

Die Frage nach einer negativen Zukunftsvision. Die Negativ-Visionen von einer Universität haben mit Phänomenen zu tun, die man bereits beobachten kann. Dass der Professorentitel - ich rede weniger von Österreich, sondern mehr von Deutschland und ande-

ren Ländern - etwas ist, womit man in den Medien bessere Geschäfte macht und Karrieren vorbereitet, die mit der Universität nichts zu tun haben. Der Universitätsprofessor bedeutet ihnen gar nichts außer einem Punkt im Lebenslauf, mit dem man sich in den Medien präsentieren kann.

Die Frage nach dem Druck auf den Schultern der Studierenden. Ich finde, dass Studenten unter relativ geringer Sorge studieren können sollten. Früher war das möglich, da nur Angehörige von Klassen studieren konnten, in denen die ökonomische Sicherheit gewährleistet war. Aber die Unbesorgtheit gehört zur Fährigkeit die Welt theoretisch zu distanzieren, um aus dieser Distanz heraus aufzuarbeiten. Wenn dieses Unbesorgte - für das Individuum oder für das Kollektiv - nicht möglich ist, ist ein wesentlicher Gedanke des Universitären am Ende. Dieser Gedanke ist eine gewisse Heiterkeit bei gleichzeitiger Disziplin den Stoff aufzuarbeiten. Das ist eine heitere Ernsthaftigkeit, die nötig ist, damit einem die Welt nicht so auf die Pelle rückt, dass man nicht aus der Distanz zu ihr etwas lernen könnte. Wenn ich mich sofort voller Angst in den zukünftigen Beruf flüchte, während ich noch in der Vorlesung sitze, ist der Gedanke der heiteren Ernsthaftigkeit, die doch wesentlich für die Universität ist, am Ende. [cgal]


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über.denken

Wege aus der Krise 5. Österreichisches Sozialforum

Das Austrian Social Forum (ASF) fand heuer vom 13. bis 16. Mai in Leoben statt. Das Forum versteht sich als eine VernetzungsPlattform kritischer Organisationen. K

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“Entsprechend der Charta von Porto Alegre, wo 2001 das erste Weltsozialforum abgehalten wurde, halten wir fest: Das ASF gehört allen, die an ihm teilnehmen. Alle Menschen, die auf eine Alternative zu Neoliberalismus, Zerstörung der Umwelt, Krieg, Sexismus und Rassismus hinarbeiten, sind zu seiner Mitgestaltung eingeladen, sofern sie sich in den Prinzipien des Prozesses, insbesondere der Akzeptanz unterschiedlicher Standpunkte, internationale Solidarität und Gewaltfreiheit wiederfinden.” Die Themen waren Ökologie, Arbeitslosigkeit, die Krise und Alternativen. Wegen der sich zum Teil überschneidenden Veranstaltungen fiel die Wahl oft schwer. Insbesondere da die Art der Veranstaltung (OpenSpace, Workshop, Verschränkungsforen etc.) oft nicht ersichtlich war. Persönlich habe ich einige Veranstaltungen

zum Teil als unverständlich, aber auch zu frontal, zu schnell, zu geschlossen und tendenziell und zu wenig kritisch wahrgenommen.

von z.B. Attac und Pax Christi, fast gar nichts hab ich leider vom Arbeitslosennetzwerk “Amsel” gehört.

Im Großen und Ganzen war mensch aber sehr bemüht: Gerade alternative Denk- und Lebensweisen und Vereine wurden sehr interessant präsentiert, und die Organisation z.B. der Schlafmöglichkeiten war durchdacht.

Wirklich ärgerlich fand ich die unkritische Hinnahme der einseitig national-palästinensischen Argumentationslinie von vornehmlich Frauen rund um die AIK und die unzeitgemäße und unkritische Präsentation umstrittener historischer Persönlichkeiten (Mao, Lenin, etc.) an einigen Büchertischen.

Auffällig war die unerwartet geringe Teilnehmerzahl (<250), vor allem die geringe Beteiligung junger Menschen. Einige Gruppen (KP, GBÖ,…) und Personen, die untereinander gut bekannt waren, bildeten eine Art inneren Kern, von dem man sich teilweise ausgeschlossen vorkam. Auch das komplette Fehlen einiger Gruppen (Grundrisse, Autonome,…) und die überaus schwache Beteiligung der Studierenden (aus der Bewegung, Unbewegte hatte ich ohnehin nicht erwartet), fiel unangenehm auf.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass das ASF ein durchaus ansprechender Rahmen für ambitionierten Austausch linker Bewegungen sein könnte, wenn die Bekanntheit und damit die Teilnehmerzahl, und vor allem auch die Heterogenität, steigen würden. Weitere Informationen zum Sozialforum unter: www.sozialforum-asf.at [es]

Unerwartet unaufdringlich war die Präsenz

Putzfrauen-stasi: Moral im 21. Jahrhundert K o m m e n t a r Die Putzfrau steht in meinem Zimmer und schreit. Der Grund dafür ist, dass sich ein Mann in meinem Zimmer befindet – mein Freund. Er blickt die Putzfrau verwundert an. Es ist zwölf Uhr mittags. Tagsüber sind Besuche in dem Mädchenheim, in welchem ich wohne, erlaubt. Hinter der Putzfrau taucht der Hausmeister auf, und erklärt unglücklich, dass die Putzfrau ihm erklärt hätte, er solle mich überwachen, da immer ein Mann bei mir übernachte. Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Bis vor Kurzem war im Student_innenheim der Akademikerhilfe alles Friede, Freude, Eierkuchen. 2010 wechselte der Heimleiter. Mit dem Vorstandswechsel veränderten sich die

Dinge. Die Putzfrauen, die schon lange im Heim gearbeitet hatten, wirkten plötzlich völlig verängstigt. Ich war Stocksprecherin und somit die Ansprechperson für die Putzfrau bei uns im Stock. Sie erzählte mir, dass sie in ein anderes Heim versetzt werden würde. Neue Putzfrauen sollten ins Heim kommen, die den Auftrag von der Heimverwaltung hatten, die Heimbewohnerinnen zu beobachten. Männerbesuch sollte dem Vorstand gemeldet werden, so wie in der guten alten Zeit anno 1938. Die alten Putzfrauen gingen, die Neuen kamen. Der Hausmeister flehte mich an, meinen Freund nicht mehr bei mir übernachten zu lassen. Denn wenn die neuen Putzfrauen meldeten, dass Männer im Heim übernachteten, könnte er seine Stelle verlieren.

Die Akademikerhilfe versuchte schon seit Jahren, den Vater von vier Kindern los zu werden. Offenbar hatte das Intrigenspiel neue Dimensionen erreicht. Langsam wurde die Stimmung im Heim angespannter. Es war nicht mehr erlaubt, die vollen Mülleimer auf den Gang zu stellen. Eine Bewohnerin im vierten Stock hatte Streit mit der Putzfrau, weil ihr Freund bei ihr übernachtete. Die Putzfrau meinte, sie wolle am Morgen keine Männer sehen.Die betroffene Bewohnerin hatte bereits einen Abschluss in Medizin und machte ihren Turnus als Ärztin. Doch sie wurde behandelt wie eine dreizehnjährige Internatsschülerin. Da ich nun Stocksprecherin war, hoffte ich durch Freundlichkeit Probleme mit ihr vermeiden zu kön-

nen. Bis schließlich die Putzfrau auch in meinem Zimmer stand. Ich befinde mich im 21. Jahrhundert in der Situation, dass eine Organisation versucht meine Sexualität zu kontrollieren, nur weil ich eine Frau bin. Das Verhalten der Akademikerhilfe ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte. Der Artikel 12 besagt: „Niemand darf Eingriffen in sein Privatleben ausgesetzt werden (…)“, und Artikel 2: „Die in der Menschenrechtserklärung verkündeten Rechte gelten für alle ungeachtet (…) des Geschlechts(…)“. Wie ist es möglich, dass eine Organisation, die Studentenheime verwaltet, so handelt? [af]


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über.politik

Mitten ins Herz Europas Warum Polen seine „Opferrolle“ nicht los wird, wie das Land dieser Tage zwischen dem Unglück in Smolensk und der Flut seinen Weg finden muss und was Österreich damit zu tun hat - ein Lagebericht aus Krakau.

Als 96 Menschen, darunter der polnische Präsident und viele der höchsten Regierungsmitglieder, beim Flugzeugabsturz im russischen Smolensk zu Tode kommen, wiederholt sich auf eine Weise mit grausamer Ironie jenes Ereignis, dem die besagten Passagiere bei der Staatsfeier für Katyn 1940 gedenken wollten: Die so genannte „inteligencja“ wird mit einem Schlag ausgelöscht. Für das nur langsam wachsende Selbstwertgefühl Polens, das einst 150 Jahre lang von der Landkarte verschwunden war, ist dies vernichtend. „Wir werden nach wie vor als zweitklassi-

Grafik: axt

„...die geographische Mitte Europas liegt nur wenige Kilometer von Warschau entfernt“, schreibt Radek Knapp über die Hauptstadt Polens. Was wie ein Segen klingt, nämlich sich als „Herz Europas“ rühmen zu können, stellte sich in der Geschichte als Fluch dar. Man muss nur an die verheerenden Folgen der Einkesselung von den Supermächten Hitlers und Stalins denken. Der Fluch scheint noch immer über dem Land an der Weichsel zu hängen. Diesmal sind die Ursachen für das Leid schicksalhafter Natur, gewinnen aber mehr und mehr an realpolitischer Relevanz.

ges europäisches Land behandelt“, schreibt eine Krakauer Lokalzeitung, denn sämtliche geladene Regierungschefs aus dem Ausland erscheinen nicht zum Begräbnis des Präsidentenehepaares. Innerhalb Europas ist diese Tatsache nicht nur auf den vulkanbedingt blockierten Luftraum zu schieben. Die Kontroverse zwischen Bevölkerung und politischen (sowie kirchlichen!) Entscheidungsträgern rund um die Bestattung des umstrittenen Konservativen Lech Kaczynski in einem Ehrengrab der Krakauer Königsgruft wird in internationalen Medien hochstilisiert. Bei einem Flashmob am hiesigen Marktplatz versammeln sich schlappe 20 Personen um

gegen diese Unternehmung zu demonstrieren. Selbst von Seiten der Studierenden, deren Großteil eigentlich nicht zur Wählerschaft Kaczynskis nationalkonservativer Partei PIS zählt, verstummt die Kritik und respektvolle Trauerstimmung macht sich breit. „Mein Vater war in den 1980er Jahren mit Lech Kaczynski im Gefängnis“, erzählt der Geschichtsstudent Bartek. „Sie waren beide in der Solidarnosc, und Kaczynski hat für dieses Land wahrscheinlich mehr erreicht, bevor er Präsident wurde. Vielleicht sogar genau so viel wie Lech Walesa.“ Als ob der Unglücksschlag nicht genug wäre, setzt der pausenlose Regen der letzten Woche Südpolen unter Wasser. Mit bitterem Beigeschmack stellt man fest, dass selbst die Gedenkstätte Auschwitz nicht von den Überschwemmungen verschont geblieben ist. Es scheint wie eine weitere Bestätigung, dass Polen seinen Opferstatus nicht loswerden kann. Mit österreichischem Hintergrund ist das „nationale Einheitsgefühl“ unter den schwarzen Fahnen in Verbindung mit katholischem Selbstverständnis, das den jüngsten Ereignissen in Polen entgegengebracht wird, eine so befremdende wie spannende Erfahrung. [sowe]

Ein Hurra auf die KoalitioN Grossbritannien nach der ParlamentsWAHL So, die Wahl in Großbritannien ist vorbei. Und das Ergebnis? Die erste Koalitionsregierung seit dem Zweiten Weltkrieg. Ist es nun gut oder schlecht ausgegangen? Im Moment schwer zu sagen. Viele freuen sich, dass Gordon Brown weg ist. Labour war seit 13 Jahren an der Macht und, so wie mit allem, hat man die Nase von ihnen voll gehabt. Gewiss sind auch viele Labour-Stammwähler_innen extrem enttäuscht gewesen. Bis Tony Blair war Labour mehr oder weniger eine sozialistische Partei mit einer Klausel in ihrem Manifest, die Labour dazu verpflichtete, wichtige Betriebe zu verstaatlichen. Tony Blair hat diese Klausel abgeschafft und Labour in eine Partei umgeformt, die auch für die Mittelschicht wählbar war. Diese und andere ähnliche Maßnahmen haben die Stammwähler_innen zunehmend von der Partei entfremdet. Schließlich sah man die

Politiker_innen als korrupt an und von den Problemen der Mehrheit distanziert. Aber sind die Conservatives und Liberal Democrats (Lib-dems) etwas Besseres? Die Conservatives wahrscheinlich nicht. Obwohl David Cameron, der Conservative-Parteichef, die Partei endlich vom Schatten Thatchers befreit hat, ist es immer noch schwierig zu glauben, dass sie für einen sozialen und gerechten Staat eintritt. Aber für Großbritannien schaut es wirtschaftsmäßig ziemlich schlecht aus, also muss man hier ehrlich sein: Jede Partei hätte harte Maßnahmen treffen müssen. Warum dann also nicht die Conservatives, die sowieso nicht dafür bekannt sind, sich für einen supersozialen Staat zu interessieren? Und die Lib-Dems? Sie sind, wie man in Großbritannien zu sagen pflegt, „eine unbekannte Quantität“. Die Lib-Dems sind seit

90 Jahren nicht in eine Regierung gekommen und ohnehin die kleine Partei in dieser Regierung. Was sie also bewegen werden können, ist noch immer unklar. Ein Lichtblick ist die Regierungsbeteiligung der Lib-Dems jedoch allemal, denn sie haben im Koalitionsabkommen mit den Conservatives versprochen, keine biometrischen Reisepässe einzuführen, die Überwachungstätigkeiten des Staates zu regulieren und andere Maßnahmen der staatlichen Kontrolle, welche die LabourRegierung seit dem 11. September eingeführt hat, abzuschaffen. Der interessante Punkt ist aber, wie Großbritannien mit einer Koalitionsregierung umgehen wird, denn man ist es hier gewohnt starke Regierungen zu haben. Das Wahlergebnis könnte sich also als ein größerer Schock erweisen, als man bis dato erwartet hat. [holt]


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über.politik

„Nie Wieder“ ist zu wenig 65. Befreiungsfeier des KZ Ebensee maßliche jugendliche Neonazis eine Störaktion unternommen, die international für Aufsehen sorgte. Dabei hatten die Jugendlichen Teilnehmer der Feier mit Softguns beschossen, die rechte Hand gehoben und Nazi-Parolen gerufen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu diesen Ereignissen sind bis dato nicht abgeschlossen. Foto:mahu

Am 8. Mai fand in Ebensee die 65. internationale Befreiungsfeier des KZ Ebensee statt. Rund 2.500 Teilnehmer hatten sich zu den Feierlichkeiten auf der KZ-Gedenkstätte eingefunden. Im KZ Ebensee, einem Außenlager des KZ Mauthausen, waren zwischen 1943 und 1945 rund 8.500 Menschen ermordet worden. Am 6. Mai 1945 hatten amerikanische Truppen das Lager schließlich befreit. Bei der vorjährigen Gedenkfeier hatten mut-

Kulturministerin Claudia Schmied entschuldigte sich gleich zu Beginn ihrer Rede „als Person und als Bundesministerin“ für diese Vorkommnisse bei den Teilnehmern der Veranstaltung. Sie wies darauf hin, dass man sich intensiv um pädagogische und faktische Maßnahmen bemühe, um solche Übergriffe für die Zukunft auszuschließen. „Alle Erinnerung ist Gegenwart“, zitierte sie den deutschen Lyriker Novalis. „Wir dürfen das Grauen unserer Zeit nicht vergessen“, mahnte Schmied weiters und warnte auch ausdrücklich vor einer zunehmenden Verrohung der Sprache. In der Nazi-Zeit sei stets von DEN Juden gesprochen worden, heute trete dasselbe Phänomen bei DEN Ausländern

auf. Der Widerstand gegen rechtsextreme Ansichten müsse einsetzen, bevor diese im Land salonfähig würden, oder gar die Mehrheit fänden. Ein schlichtes „Nie wieder“ sei zu wenig: „Jetzt müssen wir uns wehren“, betonte die Ministerin die Notwendigkeit von Zivilcourage. Es gebe heute keine Ausrede, nicht gegen das Unrecht aufzutreten, so Schmidt weiter. „Kampf dem Faschismus, Fluch dem Faschismus!“, zitierte sie zum Schluss ihres Referats aus der Arbeiterzeitung von 1945. Der Ebenseer Bürgermeister Herwart Loidl entschuldigte sich ebenfalls für „die verurteilenswerten Vorkommnisse“ durch „irregeleitete Jugendliche“ im Vorjahr. Loidl plädierte an die Justiz, die „unerträgliche Verschleppungstaktik“ aufzugeben, und hier endlich Klarheit zu schaffen. Die diesjährige Befreiungsfeier ist laut Polizei ohne Störaktionen vonstatten gegangen. [mahu]

Das ENDE DES HochschulDialogs K OMMENTA R „Hochschuldialog, der“: Antwort der Politik auf die österreichweiten Bildungsproteste des vergangenen Winters. Fünf Arbeitsforen, dutzende Teilnehmer_innen aus Politik, Wirtschaft und Universitäten. Stundenlange Kennenlernspiele, noch längere Diskussionen. Viel Konflikt, aber auch mancher Konsens. Eine Ministerin, die macht, was sie will. Die Rektoren sind ausgestiegen. Die AG Mittwoch der Protestbewegung ist ausgestiegen. Die Bundesvertretung der ÖH ist ausgestiegen. FLÖ, GRAS, VSSTÖ, KSV, KSV-Lili sind ausgestiegen. Der Hochschuldialog leidet an akutem Mitgliederschwund. „Mittendrin, statt nicht dabei. Ein breiter Schulterschluss in

S t i m m e n

Bildung, Wissenschaft und Forschung ist notwendig, um die Lehr- und Forschungsbedingungen an Österreichs Hochschulen zu optimieren“, schreibt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl am 19. Mai in einer bezahlten Anzeige in einer Gratiszeitung. „Die Erarbeitung klarer Empfehlungen für die Politik findet unter transparenten Spielregeln statt und ist für alle Akteure stets gestalt-, einseh- und nachvollziehbar.“

macht, welche Rolle der Hochschuldialog in ihrer Agenda einnimmt. Da sind ihre Aussagen und Handlungen, die gefundenen Konsense aus den Arbeitsforen grundlegend widersprechen. Da wird im Parlament ein Zwischenbericht vorgelegt, auf den die Arbeitsforen selbst keinerlei Einfluss haben. Da steigt die überwiegende Mehrheit der Studierenden aus dem Dialog aus und sie bejubelt ihn in bezahlten Anzeigen.

Die Ausgestiegenen sehen das anders. Von einem „Alibidialog“ (ÖH), „parteipolitischem Kalkül“ (AG Mittwoch) und „ignorantem Vorgehen“ (GRAS) wird da geschrieben. Grundtenor: Der Dialog war zwar konstruktiv, bringt aber nichts, wenn er von der Ministerin nicht ernst genommen wird.

Der Hochschuldialog konnte die schlimmsten Befürchtungen seiner größten Kritiker_innen vollauf erfüllen. Der Grund dafür waren weder strukturelle Mängel, noch mangelnde Verbindlichkeit, sondern eine Ministerin, die es nicht schafft, ihre ideologischen Scheuklappen abzulegen und die österreichische Bildungspolitik geradewegs ge-

Karl hat zunehmend deutlich ge-

d e s

H o c hs c h u l d i a l o g s

gen die Wand fährt. Aus Sicht der Studierenden ist der Hochschuldialog vorbei. Man kann nur hoffen, dass die völlige Enttäuschung aller in diesen gesetzten Hoffnungen möglichst viele Menschen zurück auf die Straße treibt. Ansonsten hat der Hochschuldialog seine Rolle in der Agenda der Wissenschaftsministerin erfüllt. „Hochschuldialog, der“: Ministerielle Beschäftigungstherapie für nörgelnde Berufsdemonstrant_ innen und unangenehm-kritische Freie-Bildungs-Fetischist_innen. [jaae]

V E R S TUMMEN


über.kitsch&kultur

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Schlampe brennt: Das Leben ist ein Verhurungsprozess Eine Lesung weit weg vom Konventionellen ist „Schlampe brennt“. Visualisiert und akustisch untermalt lasen Stefan Lotter und Ildiko Csamay am 26. Mai ihr modernes Märchen im Lokativ. Stefan Lotter & Ildiko Csamay erzählen mit ihrem modernen Märchen „Schlampe brennt“ eine Geschichte von zwei Menschen, welche sich nicht mit ihrem Scheitern in der Welt abfinden können und daraufhin ein Haus abseits der Gesellschaft besetzen, um dort einen Weg der Befreiung zu finden. FOTO: privat

„Wir haben kein Geld. Wir haben aus voller Absicht keine Chancen. Außer die, die wir eigenhändig begraben haben. Wir haben keine Lust, noch länger von Gott ignoriert oder der Gesellschaft in den Arsch gefickt zu werden“, beschreibt der Hauptprotagonist seine Einstellung zur Welt, seine Lebensphilosophie.

Die Idee zu diesem Stück entstand im Laufe der Audimax-Besetzung. Die beiden Autor_innen können sich zwar mit den Zielen identifizieren, jedoch missfiel ihnen der sich abzeichnende Verlust des Temperaments. Die Bewegung wurde ihnen zu zahm - sie hatte das Feuer verloren. Daraufhin beschlossen Stefan Lotter und Ildiko Csamay, sich mit der Unzufriedenheit in dieser Welt literarisch auseinanderzusetzen. Die Geschichte erinnert nur noch schemenhaft an die des Audimaxismus, die einzige

*Die camera obscura in der Schottentor-Passage*

Die Straßenbahnen queren nur. Nachdem sie stillgestanden haben um Verwischtes in sich aufzunehmen lassen sie die Endstationen hinter sich (Verwischt sind dort Menschen und Bekannte die zwischen Schirmen, Lacken, Regenfällen ihre Wege nach sich ziehn). Die Straßenbahnen queren nur vor grauen Säulen, die ihr graues Glas nur halb verschlingt. Die Straßenbahnen queren nur um blasse Gräserflächen bei denen buntes Efeu grellem Neon überhängt. Und im Halbstock der Kulisse tönt aus dem Radius einer Glocke die zwischen hohen, fahlen Speichen hängt: der Lärm, vor violettem Himmel, von dem es so laut runterpisst. [cgal]

Gemeinsamkeit ist das Werkzeug der Besetzung. Auch machen die Autor_innen klar, dass mit Schlampe keineswegs eine bestimmte Person gemeint ist, sondern jede_r Einzelne von uns, mit der vollzogenen Anbiederung an die Gesellschaft. Das anfängliche Feuer und die darauf folgende Resignation der Audimax-Bewegung sind in „Schlampe brennt“ aber deutlich zu spüren.

„Wir sind da, wo oben ist. Wir sind zwischen den Orten. Zwischen zwei Toden. Die Mitte von irgendwas. Der Glanz dieser Tage. Ekstatische Wildkatzen. Wir sind: drei Farben: Grau.“

Ildiko Csamay beschreibt ihr Stück als Bekenntnis zur Verrücktheit. Sie sieht darin eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zwängen durch zwei Menschen, die auf alles scheißen, aber bald von der Tatsache eingeholt werden, dass die Wahrheit sehr viel Kraft hat. Die beiden Hauptfiguren scheitern daran, sich abzufinden, und beginnen zu experimentieren. Am Ende kommt der große Knall und die beiden finden die Erkenntnis. Den Titel der Lesung erklärt Stefan Lotter folgendermaßen: „Sicher haben wir uns mit dem Titel an die Uni-brennt-Bewegung angelehnt, wollen aber dezidiert sagen, dass es sich bei der Schlampe nicht um Karl (Anm.: Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung) handelt, sondern so ziemlich jeden. Denn man muss so sein, um an der Gesellschaft anzunabeln.“ Das Schlampe-Sein sehen die beiden aber auch in einem positiven Licht, denn: „Man muss in der Scheiße schwimmen, um sie verändern zu können!“ Es sind noch weitere Aufführungen der weltenphilosophischen Lesung „Schlampe brennt“ geplant. Wann und wo steht noch nicht fest, wird aber noch via Facebook bekannt gegeben. [sud]


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über.kitsch&kultur

Die letzte Seite: Perfekt World Ein Close-up des Künstlerkollektivs Jeder kennt sie: PERFEKT WORLD, das zeitgenössische Künstlerkollektiv. Gleichgültig, was man von ihnen hält, ob man sie mag oder nicht, sie sind ebenso wie Superman, die Beatles oder McDonald‘s zur Alltagskultur geworden und das Wissen um ihre Existenz gehört praktisch zur Allgemeinbildung, selbst wenn man in ihnen nur ein Beispiel für die zu beklagende kulturelle Verflachung unserer Zeit sieht. losschleife reproduzieren. Oftmals verbergen die Vier ihre wahre Existenz hinter der Maske der unbeugsamen Kunst oder einer anderen geänderten Erscheinungsform. Im wirklichen Leben sind sie nämlich gar nicht besonders erfolgreiche Durchschnittstypen, die sich nicht selten mit den Anfechtungen des Alltags herumplagen müssen.

Es liegt höchstwahrscheinlich daran, dass die selbst ernannten Universal Warriors nicht mehr im Verborgenen, sondern im Gegenteil höchst auffällig und grell agieren. Sie sind für ihre oft recht grenzwertigen Ansätze intergalaktisch bekannt geworden und erschließen stetig neues Terrain.

Der unbestreitbare Erfolg jedoch, den PERFEKT WORLD beim Publikum errungen hat, ist auf die Verschmelzung aller künstlerischen Traditionen zurückzuführen und dient der Wegbereitung einer kunstimmanenten Supernova. Der Mythos des Phönix aus der Asche wurde vielleicht auch deshalb ein wichtiges Thema ihrer Arbeiten und geht in die von ihnen geprägte Begrifflichkeit des zeitgenössischen Eklektizismus über.

Am Kunstmarkt hat sich aufgrund der großen Nachfrage und der damit verbundenen Vermarktungsstrategien ergeben, dass sie dazu neigen, sich appropriativer Methoden zu bedienen, und ihre Ergüsse mit stets wiederkehrenden Grundmotiven in einer End-

E IN E

VON

Foto: Perfekt world

Die Frage drängt sich in diesem Zusammenhang allerdings auf, wie es geschehen konnte, dass sich ein paar vermessene College-Boys, die hauptsächlich im Underground-Trash der Graffitikultur und in neuerer Zeit zunehmend auch in der Kunstwelt ihr Unwesen treiben, so nachhaltig ins Bewusstsein eines großen Teiles der Menschheit drängen konnten.

Die Künstler selbst zu ihrer Arbeit: „Wir sehen uns in einer Tradition, die von Hieronymus Bosch über Walt Disney bis hin zur kommerziellen Performancekunst einer Paris Hilton reicht.“ [PERFEKT WORLD]

Die 2007 in Wien gegründete Künstlergruppe PERFEKT*WORLD setzt sich aus Sebastian Schager, Axel Just, Lukas Ipsmiller und Benjamin Fillitz zusammen. Ihre Arbeit reicht von Trash, Minimal Art, Malerei und Installation bis hin zu Selbstinszenierung und Performativem. www.perfektworld.net

VI E L E N

Karin erzählt heute wie sie zur Audimaxistin wurde und schreit den ganzen Frust einfach raus. Wessen Bildung ist es, für die wir kämpfen? Unsere Bildung!

Ich studiere schon sehr lange. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie die Bildung, die frei sein sollte, in eine Zwangsjacke gesteckt wurde. Durch endlose Voraussetzungsketten wird das Studium jedes berufstätigen Studierenden endlos in die Länge gezogen. Aber nur der schnelle Studierende ist ein „guter“ Studierender.

Wessen Uni ist es, für die wir kämpfen? Unsere Uni!

Die freien Wahlfächer wurden ihrer Freiheit beraubt. Sie wurden in Module und Erweiterungscurricula gestopft oder gar gestrichen. Wissen wurde zur Ware, welche in die Studierenden hineingestopft wird, damit er oder sie alles bei einem Multiple Choice Test wieder ausspucken kann. Wissen wird genormt, der Zweckrationalität, der wirtschaftlichen Verwertbarkeit unterworfen. Das freie

Foto: Martin Juen

Das ist die Geschichte, wie ich „eine von vielen“ Audimaxist_innen wurde.

Geschichten aus dem Audimax Denken wird zu Grabe getragen. Fuck Bologna!!! Der Frust, dass meine Bildung nun nicht mehr frei war, hatte sich tief in meine Seele hineingefressen. Da saß ich nun, im besetzten Audimax und war nicht mehr alleine.

Ich war eine von vielen, die auf die Straße gingen und schrie: “Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Ich war eine von vielen, die durch gelebte Basisdemokratie erlebte, was Mitbestimmung heißt, und wie befreiend es ist, wieder eine Stimme zu haben. Ich bin eine von vielen, und werde es immer sein. Audimax ist überall. Wessen Zukunft ist es, für die wir kämpfen? Unsere Zukunft! [km]


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über.graus

Die Sendung mit dem Graus „Man fragt mich, ob ich bin.

Ich sage Nein: Ich sei.“

HEUTE: Geo-Apps

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Alicia Allgäuer und Thomas Schmidinger haben im Verein AlltagVerlag einen Lyrikband herausgebracht, der von Suche, Sehnsucht und Heimat spricht. Schon das einleitende Zitat stellt fest, warum die Autorinnen und Autoren die Gedicht-Form für ihre Texte verwendet haben. Das Gedicht zwingt zu wenigen Worten. Migration - dem eigenen Körper die Heimat nehmen - beschreibt sich oft besser mit wenigen Worten.

Kennt ihr nicht? Erklär ich euch! Geo-Apps sind Programme, die ich auf mein iPhone raufladen kann. Und Dank GPS und Internet zeigt mir dieses Programm dann allerhand Locations in meiner Umgebung an: Die nächstgelegene Schnapsbar zum Beispiel oder das Nagelstudio. Oder ich kann mir die Orte anzeigen lassen, an denen die über.morgen aufliegt. Klingt praktisch, ist es auch. Mit Hilfe von GPS kann das Programm mitzählen, wie oft ich welche Orte besucht habe. Das ist wichtig. Weil, wenn ich öfter als alle anderen Geo-Apps-Nutzer in meiner bevorzugten Schnapsbar am Saufen war, dann verleiht mir das Programm den Titel „Bürgermeister“. Und vom Wirt bekomm ich bei jedem Besuch einen Gratis-Schnaps. Meine Bekannten können nun ihrerseits versuchen, noch mehr Geld als ich zu meinem Stamm-Branntweiner zu tragen, um mir dadurch den Titel (und den Gratis-Schnaps) streitig zu machen. Aber dieses Programm bietet weitere Nutzungsmöglichkeiten: Da es mir anzeigt, wo sich diverse Menschen gerade aufhalten, kann man den Leuten ganz einfach aus dem Weg gehen. Der Schwiegermutter zum Beispiel, oder dem H.C. Strache samstagabends im Tanzcafe, oder der Polizei, wenn ich nach dem Besuch beim Branntweiner mit dem Fahrrad nach Hause fahre. Wäre eine tolle Sache, so einfach ist das dann aber doch nicht. Denn ich kann nur diejenigen orten, die mir ihre Standortdaten zur Ortung freigeschalten haben. Bekannte im Normalfall also. Und weder H. C. Strache noch die Polizei zählen zu meinem Bekanntenkreis. Die Schwiegermutter schon. Und dafür gibt’s dann eine spezielle Funktion: Ich kann aus der Liste der Bekannten aussuchen, wer auf seinem iPhone meinen Standort angezeigt bekommt, und wer nicht. Man sieht, die Entwickler haben sich was gedacht dabei. Und so helfen Geo-Apps dem User unliebsame Sozialkontakte zu vermeiden. Für Gewerbetreibende ist es eine tolle Werbeplattform, und wer es zulässt, kann sein Leben mehr öffentlich und weniger privat verbringen – aber das ist eine andere Geschichte. Euer Graus.

[masc]

Die Heimatsprache ist diejenige, in der ein Text lebt, funktioniert. So sucht sich der Text die Sprache, die zu ihm passt. Im Gedichtband migrieren die unterschiedlichen Sprachen der Dichter und Dichterinnen ins Deutsche. Diese Gleichzeitigkeit ist durch den Doppeldruck (Original und Übersetzung stehen sich spiegelbildlich gegenüber) visualisiert.

Foto: Verein Alltag Verlag

Foto: sup, tas

Es geht um Liebe, es geht um Verlust, es geht um Sehnsucht und: um den Diskurs.Wie spricht man über die fremde, ferne Heimat? Wie über das, was man nicht versteht?

Die Übersetzung ermöglicht Verständnis, zeigt aber auch dessen Grenze auf. Ich kann nur die Übersetzung verstehen, nicht das Original. Näher kann ich der Ursprungserfahrung nicht kommen. Hier geht es um den Versuch, Migranten und Migrantinnen zu verstehen, indem man übersetzt, was sie in ihrer Heimatsprache ausdrücken. Die Vielsprachigkeit determiniert Lyrik@Migration. Die Melodie arabischer Gedichte, ein spanischer Text, der die Meeresbrandung im Original noch besser als im Deutschen imitiert. In den Kurzvorstellungen der Autorinnen und Autoren erfährt man nicht nur über Lebensreisen, die ein (vielleicht) vorläufiges Ende in Österreich gefunden haben, es entwickelt sich auch ein Gefühl für die Verschiedenartigkeit der Sprachen. Wussten Sie, dass Tschetschenisch zunächst mit arabischen, dann mit lateinischen, seit 1938 in einer Adaption kyrillischer und jetzt eigentlich wieder mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben wird? „Man fragt mich, ob ich bin“ ist kein gewöhnlicher Gedichte-Band. Er führt lustvoll und sinnlich in das Thema Migration ein, ohne politisch-aktionäre Forderungen vor sich zu stellen. Die Frage nach dem Umgang unserer Öffentlichkeit und Exekutive mit Menschen, die aus ihrer Heimat in ein anderes Land (freiwillig oder unfreiwillig) gegangen sind - diese Frage bleibt, mit fahlem Geschmack. In aller Asyl- und Migrationspolitik geht es um Menschen. Menschen, die wunderschöne Gedichte schreiben können. „Man fragt mich, ob ich bin“ Lyrik@Migration von Alicia Allgäuer und Thomas Schmidinger (Hg.) ISBN: 978-3-902282-25-5 Wr. Neustadt, 2009

[cgal]


15 ! tire

Für Redaktionstreffen, oder auch einfach so, treffen wir uns gerade am liebsten in der Pizzeria Mario. Das kleine, gemütliche Lokal mit authentisch-italienischer Atmosphäre ist in der Esterhazygasse 25, nahe der Mariahilfer Straße, gelegen. Und das Beste daran: Es gibt große, superleckere Steinofenpizzen zwischen 2,80 und 6,90 Euro! Ein Angebot, das man nicht abschlagen kann... Interesse geweckt? Hier gibt’s mehr Infos: www.pizzeria-vesuvio-da-mario.at

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der Woche

Heute mal eine Suchmeldung. Gesucht ist der räudige Köter 2% des BIP. Eigentlich sollte er im Laufe der nächsten Jahre bei der tertiären Bildung eintreffen, ist aber kürzlich spurlos verschwunden. Laut einigen Quellen wurde er entführt und eingefroren! Wer weiß was? Helfen Sie uns, ihn zu finden! Ihre über.morgen-Tier-Redaktion.

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UNSER Zahlenrätsel

Foto: jaae

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Schwirigkeitsgrad: Mittel

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Erasmus, das klingt nach neuen Erfahrungen, einem aufregenden Semester im Ausland, nach neuen Menschen und nach... Bürokratie. Die Anweisungen klingen zunächst noch recht einfach: Anmeldung mittels UNET-Account, Bewerbung bei dem/der Koordinator_In der Studienrichtung, verschiedenste Anträge ausfüllen und bis zu einem gewissen Zeitpunkt wieder abgeben. Ganz einfach? Nach vierstündiger Wartezeit vor der Tür der Studienprogrammleitung und gefühlten 200 zu Fuß zurückgelegten Kilometern von einem Büro zum nächsten ist man da anderer Meinung. Das Bewerbungsverfahren scheint eine Art psychologischer Test auf die Stressresistenz der Bewerber darzustellen und erinnert stark an Asterix im „Haus, das Verrückte macht“. Denn, lasst es euch gesagt sein: Selbst wenn ihr nervlich einigermaßen unbeschadet aus den Bewerbungsphasen A, B, C und D herauskommt... ihr könnt euch sicher sein, es wird so schnell nicht enden. [arr]

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UNSER Lieblingsplatz

über.reste



8/2010: Sex - Gewalt - Tiere