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MEN KOLUMNE

KO LU M N E

DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS Sonne, Strand und Meer … Was da in der komfortablen wie stylishen Herrengarderobe nicht fehlen darf: LEINEN – SO LEICHT UND ANGENEHM. JEROEN VAN ROOIJEN über DAS Material des Sommers. TEXT JEROEN VAN ROOIJEN

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üdlich der Alpen nimmt man vieles ein bisschen lockerer, und je weiter man Richtung Äquator kommt, umso lässiger wird es. Man schaue sich den innerstädtischen Strassenverkehr an. Es herrscht Chaos allenthalben, doch irgendwie geht es. Kriegt das Auto mal eine Delle oder Schramme – was solls. Ist ja nur ein Auto! So ein paar Spuren des Alltags machen es erst individuell. Solange es fährt, ist alles gut. So fremd uns Mittel- und Nordeuropäern, die stets auf Perfektion und Makellosigkeit bedacht sind, dieser nonchalante Umgang mit den kleinen Unwägbarkeiten der Mobilität scheint, so fasziniert sind wir davon. Ein bisschen dieser Lässigkeit hätten wir heimlich auch gern, statt bei jedem Kratzer die Versicherung anzurufen und die Karosse zum Spengler zu bringen. Was hat das nun mit der Mode zu tun, um die es hier gehen sollte? Auf den ersten Blick wenig, doch unter der Oberfläche sehr wohl. Es geht um die Haltung, mit der man den Realitäten des Alltags begegnet. Es braucht eine Lässigkeit, vielleicht sogar eine Spur von Nachlässigkeit. Das gilt immer mehr auch beim Outfit. Erst die Unperfektion macht den Look authentisch. Wir müssen das diesen Sommer nun dringend einmal lernen. Denn die neuen Stoffe der Saison sind lebendig, bewegt, authentisch und in angenehmer Weise unzähmbar. Naturfasern wie Baumwolle und Leinen neigen nun ein-

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JEROEN VA N ROOIJEN schreibt seit 25 Jahren über Stil und Mode – meistens für die «Neue Zürcher Zeitung», aber auch für andere internationale Titel. Weitere Infos unter PKZ.CH/STYLINGWORKSHOP

mal dazu, ein Eigenleben zu entwickeln, gar zu knittern – zum Glück, möchte man rufen, denn erst das gekonnte Knittern macht die Sommergarderobe sexy.

LEIN EN PF LEGE – SO GEH TS! – Leinen ist zwar kochfest, sollte aber in der Regel nur mit 60 °C gewaschen werden. – Leinen nicht zu hoch drehend schleudern – die Knitter sind schwer herauszubügeln. – Feucht bügeln geht leichter, als wenn das Gewebe schon komplett trocken ist. – Leinen nicht in den Tumbler geben, sondern an der Luft trocknen lassen.

Leinen muss leben und Spuren des Alltags zeigen – so wie der Kotflügel eines alten, mitten in Casablanca parkierten Peugeot 504. Echter Lebensgenuss stellt sich erst ein, wenn man die Angst ablegt, es könnte etwas ausser Kontrolle geraten. Sommermode aus Leinen und Baumwolle lehrt uns diese Lektion: loslassen und das Leben zulassen. Erst durch den Gebrauch bekommen diese Kleidungsstücke jene individuelle Note, die sie eigen wirken lässt. Leinen hat ein einmaliges Tragegefühl – angenehm schwer, aber dennoch unbelastet. Es kühlt, wenn man dies braucht – und wärmt, wenn es kälter wird. Leinen ist pflegeleicht, belastbar, natürlich antibakteriell, flusenfrei, umweltschonend produzierbar und am Ende der Kette biologisch abbaubar. Einziger signifikanter Nachteil der vielseitig talentierten Flachsfaser ist ihre Tendenz, rasch zu knittern. Wenn man das denn überhaupt als Nachteil sehen möchte! Unentschlossene tasten sich über Mischungen an die neue Entspanntheit heran. In schlauen Kombinationen mit anderen Natur- oder auch Kunstfasern behält Leinen seine besten Qualitäten, lässt sich aber glatter verarbeiten. Ausserdem wird Leinen heute auch mit Stretchfasern kombiniert, was die Einsatzmöglichkeiten multipliziert und ganz andere Schnitte zulässt als früher, als man daraus vor allem sackförmige Kleidung fertigte. Denn etwas «bella figura» gehört schon auch dazu, bei aller Lässigkeit.

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