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Schrift in Form


intro Die Ausstellung »Schrift in Form« zeigt 38 Schriften von Designerinnen und Designern aus 16 Ländern. Sie präsentieren jeweils eine ihrer Schriften mit dem entsprechenden Zeichensatz sowie Anwendungsbeispiele. Dazu gehört insbesondere eine Komposition des Satzes »Schrift wächst nicht auf Bäumen«. Denn Schriften sind kein Naturprodukt, das man nach einer gewissen Reifedauer ernten kann, sondern das Ergebnis harter und geduldiger Arbeit. Die Ausstellung zeigt die Bandbreite aktueller Schriftgestaltung von Schreibschriften mit Zierbuchstaben über Textschriften bis hin zu experimentelleren Designs. Der Facettenreichtum und die Qualität dieser Schriftdesigns zeigt anschaulich, dass heute zu Recht immer noch neue Schriften entstehen und die Traditionslinien von Paul Renner, Rudolf Koch, Jan Tschichold, Adrian Frutiger, Hermann Zapf und anderen aufgegriffen, fortgeführt und weiterentwickelt werden. Im Zuge der Konzeption der Ausstellungen wurden die Typedesigner gefragt, welches Essen, welches Getränk und welche Musik ihrer Meinung am besten zu ihrer Schrift passen würde. Zugegebenermaßen eine ungewöhnliche Frage, aber die Antworten ermöglichen jenen Betrachtern, die nicht tagein, tagaus mit Schriften arbeiten, eine andere Betrachtungsweise der Ästhetik und Wirkung der Exponate. Bei aller Subjektivität der Antworten verstärken sie die Einsicht, dass nicht alle Schriften gleich aussehen, sondern Gesamtwirkung und Details der 38 ausgestellten Beispiele unterschiedlich und eigen sind. Teilweise wurden auch andere Informationen zu den Schriften zusammengefasst. Zusätzlich werden die Kontaktadressen (K) der Designer und der Vertrieb (V) aufgeführt, sowie – wenn nötig – Erläuterungen zu den Anwendungsbeispielen (A).


eins national von Kris Sowersby, Neuseeland Die National wurde 2008 vom international renommierten Type Directors Club of New York ausgezeichnet. Sie ist die erste neuseeländische Schrift, die diese Auszeichnung erhalten hat. Zusätzlich wurde sie als ­Favorit der Jury ausgewählt. K: www.klim.co.nz   V: www.vllg.com

zwei history von Peter Bil’ak, Niederlande Ein Essen mit 21 Gängen, das Gerichte aus ganz Europa beinhaltet. Ein Wein, der zum Reifen 500 Jahre benötigt. Die Goldberg-Variationen von J. S. Bach, gespielt von allen Interpreten. K: www.typotheque.com

drei florin titling von Paul van der Laan, Niederlande Diese Schrift mit dem illustren Namen Florin Titling ist von nobler Herkunft. Seine Familie gehört der alten europäischen Aristokratie an und hat niederländische, englische und deutsche Wurzeln. Jedoch ist Florin Titling ein etwas eigenartiges Mitglied seiner Familie. Er hat einen extravaganten Charakter, manche nennen ihn dekadent. Im Gegensatz zu seinen schwermütigen Brüdern ist er jemand, der das ­Leben leicht nimmt. Er gibt das Geld gerne mit vollen Händen aus, er ist ein Frauenheld, den man häufig in der nächtlichen Atmosphäre der Ballsäle des 18. Jahrhunderts sieht, wo er an altem Portwein nippt und Zigarren raucht. K: www.type-invaders.com

vier kaa von Daniel Janssen, Hamburg Gericht: Apfel Getränk: Absinth Musik: Jimi Hendrix A: Fashionize – The Art of Fashion Illustration K: www.bfgjanssen.de   V: www.t26.com

fünf suzuki von Ralph du Carrois, Berlin Als Speise wäre wohl Sushi der wenn überhaupt mögliche, angebrachte Vergleich. Die Suzuki ist eine stark in der Tradition (Gothic) verhaftete Schrift. Ist mit »scharfer Klinge« exakt geschnitten und immer frisch. Ohne überflüssige Details oder Zutaten kommt ihre Spannung aus ihrer Form selbst. Wie Sushi mit Wasabi und Soja-Soße wird sie durch Farbe und Layout gewürzt. Ein Getränk mit einer Schrift zu verbinden ist mir schon fast zu verspielt. Am ehesten noch Whisky, schottischer, Single Malt, 16 Jahre alt. Oder aber Karottensaft. Sorgt für gute Augen und macht schlau. Musik, oder gar eine Musikart mit Schrift, speziell der Suzuki, in Verbindung zu bringen halte ich für verwirrender als gewinnbringend. ­Musik ist wie Schrift Produkt aus Tradition, Erfahrung und Kreativität. Beide transportieren etwas, das vom Adressaten jeweils anders, individuell interpretiert werden wird. Der Kontext, in dem sowohl Musik als auch Schrift auftreten, macht einen Großteil dieser Interpretation aus. K: www.carrois.com


sechs olga von Christina Bee, Hamburg Ein Dorf auf dem Land, die Zeit ist einige Jahre stehen geblieben. Vielleicht befindet man sich irgendwo in den weiten Steppen Russlands, oder auch in den Westkarpaten, vielleicht auch ganz in der Nähe wie zum Beispiel in einem ländlichen Dorf in den 50ern. Hier gibt es noch die starken Großmütter und Tanten mit Kopftuch und Kittelschürze, die auf dem Feld die Kartoffelernte einholen. Das Essen findet nach getaner Arbeit statt. Man sitzt in der warmen Stube, ist geschafft vom Tag und freut sich nun auf das wohltuende Abendessen. Man ist nicht alleine, die Familie ist versammelt und auch ein paar Bekannte. Es wird geredet und gelacht. Und dann kommt sie. Die Großmutter, die Haare zum Dutt gebunden, die Wangen glühen von der Arbeit in der Küche. In ihren starken Armen hält sie den dampfenden, großen Topf mit dem Abendessen. Einfache Hausmannskost, deftig, wohlschmeckend, sättigend und nach solch einem harten Tag genau das Richtige. Stimmengewirr, Gelächter und Tellerklappern, das ist die dazugehörige Begleitmusik. Olga ist in etwa so wie die Großmutter; stark und freundlich ist sie, stolz zeigt sie ihre Ecken und Kanten, denn diese sind Teil ihres besonderen Lebens. Sie hat viele Gechichten zu erzählen, wenn sie will. Aber sie kann auch anders. Gerne bleibt sie im Hintergrund und tut das, was sie gut kann: ihre Arbeit gewissenhaft und selbstbewusst erledigen. K: www.krizbi.de

sieben stanley von Pieter van Rosmalen, Niederlande Obwohl Stanley eine kräftige Schablonenschrift ist, möchte er nicht angesprüht werden. Er bevorzugt es, auf der gleichen Maschine gedruckt zu werden wie Zeitungen, denn er mag den Lärm, den diese Maschine macht. K: www.cakelab.nl

acht mayo von Peter Bruhn, Schweden Als ich dabei war, die Schriften Ketchupa und Mustardo fertigzustellen, habe ich ein bisschen mit einzelnen Teilen der Buchstaben gespielt – plötzlich hatte ich die Grundlage für eine neue Schrift. Ich hatte auch an ein paar Pfeilen und anderen Symbolen gearbeitet, die ich nicht im Zeichensatz der anderen Schriften unterbringen konnte. Ich entschied mich dafür, sie in der Mayo zu verwenden und die Bandbreite der Symbole zu erweitern. Aufgrund der Integration der Umrandungen kann man sagen, dass die Mayo halb Textschrift und halb Symbolschrift ist. K/V: www.fountain.nu

neun ff chambers von Verena Gerlach, Berlin Chambers Sans basiert auf der Fusion strenger geometrischer GroteskAußenformen mit lebendigen traditionellen Antiqua-Innenformen. Das Experiment, komplett gegensätzliche typografische Konturen harmonisch zu vereinen, bildete den frühen Ansatz der Schrift. Ausgangspunkt war eine wunderschöne, handgestochene Antiqua, die Verena Gerlach in


einem antiken naturwissenschaftlichen Buch über Flöhe gefunden hatte, erschienen 1686. (Quelle: Fontblog) K: www.fraugerlach.de   V: www.fontshop.de

zehn siruca von Fabrizio Schiavi, Italien Siruca ist eine Auftragsarbeit im Rahmen eines Architektenwettbewerbs für Entwurf und Bau des Al Hamra Complex in Kuwait, der sich neben dem Al Hamra Tower befindet, einem der höchsten Wolkenkratzer der Welt. Sie wurde als Schablonenschrift zur kostengünstigen Beschilderung entwickelt und enthält auch viele Piktogramme. Man kann sie nicht nur traditionell als Schablone für den Druck, sondern auch für hinterleuchtete (Neon-)Schilder verwenden. K: www.fsd.it

elf vista sans und vista slab von Xavier Dupré, Belgien Vista ist ein indisches Thali, ein Gericht, das aus mehreren besteht: ­Gemüsecurries, Daal, Raita etc. Es enthält verschiedene Geschmacksrichtungen mit vielen Gewürzen und ein bisschen Chili. Sehr lecker und originell, man kann es jeden Tag essen! Vista ist eine Piña Colada, ein Cocktail verschiedener exotischer ­Geschmacksrichtungen – Ananas, Rum, Kokosnuss – und ist so lecker, dass man nicht mehr damit aufhören kann, wenn man ihn einmal probiert hat! Vista ist eine Zusammenstellung von DJ Stephane Pompougnac ­»Costes«. Auf den ersten Blick »easy listening«, aber wenn man es ein paar Mal gehört hat, schätzt man die Mischung der ganzen Stilrichtungen aus dem Norden und Süden. A: Plakat »Rendez-vous aux jardins« V: www.emigre.com

zwölf ff fago von Ole Schäfer, Berlin Fago ist eine Schrift für Unternehmen (Corporate Design). Sie vereint jahrelange Erfahrung, die Ole Schäfer in verschiedenen CI-Projekten bei ­MetaDesign gesammelt hatte. Die Großfamilie deckt alle typografischen Herausforderungen ab, die im unternehmensweiten Einsatz gefragt sind: sie bietet drei Breiten (Normal, Condensed, Extended) in je fünf Strichstärken, wobei alle wichtigen Formen wie Kursive und Kapitälchen enthalten sind. Eine Mono­ spaced für Korrespondenzen rundet Fago ab. (Quelle: www.100besteschriften.de) K: www.primetype.com   V: www.fontshop.de

dreizehn berto original von Christophe Badani, Frankreich Die Schrift, Berto Original, wurde von mir 2000 entworfen. Die Schrift ist eine Neuauflage einer bestehenden von Joseph Bertocchio (1907–1978), besser bekannt unter seinem Pseudonym Berto, der seit den 1950ern in Marseilles als Lithograf tätig war. Er arbeitete mit Seysaud, Picasso, Raffaelli und Jean Giono zusammen, die ihn aufgrund seiner Arbeit und seiner Großzügigkeit schätzten.


Die Schrift selbst ist eine Mischung aus einer Unziale und hebräischen Buchstaben. Sie erinnert an dekorative Schriften, die in den 1920ern und 1930ern in Frankreich verwendet wurden. Ihre Linien sind kalligrafisch, jedoch sehr strukturiert. Ich habe sie in einem fiktiven Layout für spanische Musik verwendet. K/V: www.typophage.com

vierzehn newsletter von Ingo Krepinsky, Bremen Diese Schriftfamilie, die von 2002 bis 2007 entwickelt wurde, ist von Schriften wie der OCR-B, der DIN und von Erik Spiekermann beeinflusst. Die Newsletter ist keine richtige Monospace-Schrift, wird aber leicht als solche erkannt – auch wenn an diesen Schriften oft ihre mangelnde Ästhetik kritisiert wird. Die Newsletter macht eine computerartigen Eindruck, ist aber lesbarer und ästhetischer als richtige MonospacedSchriften. A: William S. Burroughs, Tagebuch eines Rückzugs, Hörbuch, Edition Galerie Vevais K: www.typonauten.de   V: www.myfonts.com

fünfzehn texteron von Stefan Claudius, Essen Die Texteron ist ein Mischling, eine Schrift, die sich zwischen alle Stühle setzt und versucht, sich dabei trotzdem wohl zu fühlen. Stellen Sie sich einen Cocktail aus Himbeersirup und Vodka vor. Oder gebackenen Schafskäse mit Preiselbeermarmelade, oder TUC Kekse mit Erdbeer­ crème. Auf der einen Seite harte Kanten, auf der anderen sanfte Rundungen. Im Zusammenspiel eine delikate Mischung. Texteron ist schriftgeschichtlich der gelebte Postmodernismus – weder dem humanistischen Prinzip der offenen und dynamischen Formen folgend, noch dem steifen klassizistischen der starken Kontraste. A: Fiktives CD-Cover inklusive Booklet für Tom Liwa K: www.cape-arcona.com

sechszehn estilo von Dino dos Santos, Portugal Ich würde sagen, dass die Estilo klingt wie »I’m a fool to want you« von Billy Holiday. Ich sehe sie immer als Liebeslied. Sie riecht und schmeckt wie ein Glas außergewöhnlicher und weicher Rotwein, den man langsam trinkt. Eine großzügige Mischung französischer Küche mit portugiesischen Anklängen, nicht zu scharf, aber mit vielen Gewürzen. A: Courrier Internacional, Zeitschrift aus Portugal K: www.dstype.com   V: www.typetrust.com

siebzehn agilita von Jürgen Weltin, München Menüabfolge Gebratene Gänseleber auf Linsen aus Le Puy Lachsterrine mit Blattsalaten & Meaux-Senf-Vinaigrette Karottensuppe mit Sauerampfercrème Entenbrust mit Holunder-Rotweinsauce, Kartoffelflan & Mangold Tarte Tatin & gefüllte Zwetschgen mit Mandelparfait


Getränke Bodmaner Königsweingarten Riesling Kastelberg Grand Cru, Guy Wach, Andlau Château Biston-Brillette, Moulis-en-Médoc Saint-Émilion Grand Cru Classé Lagavulin Single Islay Malt Whisky Talisker Single Malt Whisky Ardbeg Single Islay Malt Whisky Musik con agilità = mit Behendigkeit: David Bowie, Talking Heads, Heaven 17, Marvin Gaye, Prince, Johnny Cash, Neil Young, The Who, The Shadows, The Animals, Van Halen, Michael Brecker, Bill Frisell, Pat Metheny, Miles Davis, Herbie Hancock, Dino Saluzzi, Béla Bartók, Bohuslav Martinu, Jean Sibelius K: www.typematters.de   V: www.linotype.de

achtzehn ff maiola von Veronika Burian, usa Maiola ist eine zeitgenössische Schrift, die von frühem tschechischen Schriftdesign inspiriert ist. Sie ist sich ihres historischen Erbes bewusst und beinhaltet Merkmale dieses alten Stils sowie kalligrafische Bezüge, die in der Kursiven besonders deutlich werden. Nichtsdestotrotz versucht sie durch ihre Persönlichkeit eine angenehme Atmosphäre auf der Seite zu schaffen, ohne den Leser zu sehr anzuschreien. Sie kann mit ihren expressiven Tendenzen gut umgehen und so erweitert sie ihre Einsatzmöglichkeiten, bei denen Lesbarkeit sehr wichtig ist. Kleine Unregelmäßigkeiten der Buchstabenformen steigern zusätzlich die Dynamik und Lebendigkeit der Schrift. A: »We want you to love type«, Ausstellungskatalog über tschechische und slowakische Schriftgestaltung, Herausgeberin: Johanna Bil’ak K: www.type-together.com   V: www.fontshop.de

neunzehn kingfisher von Jeremy Tankard, Großbritannien Ich denke, spanische Tapas würden gut zu Kingfisher passen. Die Individualität jedes kleinen Gerichtes ähnelt der Berücksichtigung jeder einzelnen Buchstabenform. Als Getränk würde ein Gewürztraminer passen, da er etwas »blumig« ist. Vielleicht nicht in Begleitung der Tapas. Musik müsste »Dead Can Dance« mit ihren östlichen Anklängen sein, ein bisschen wie Maurisch. Oder Karl Jenkins oder Ennio Morricone (ohne besonderen Grund). Das Besondere hier ist, dass die menschliche Stimme als Instrument genutzt wird. A: Feathers & Lime, The Caseroom Press, März 2006. Design: Philippa Wood In diesem Buch sind die Werke zeitgenössischer deutschsprachiger Dichter (Thomas Brasch, Rudolf Bussmann, Christine Marendon, Arne Rautenberg und ­ Tina Stroheker) versammelt und ins Englische übersetzt. K/V: www.typography.net


zwanzig frankrühlya von Oded Ezer, Israel Trüffelschokolade Rotwein Klassische Musik Es fing alles an, als meine Mutter, eine Malerin, mich darum bat, ihr ein Logo zu gestalten. Ich nahm eine sehr bekannte hebräische Schrift ­namens Frank-Rühl als Ausgangspunkt und schnitt die unteren Teile der Buchstaben ab. Das Ergebnis war, obwohl es sehr reduziert war, erstaunlich lesbar. Dann dachte ich über die Möglichkeit nach, die abgeschnittenen unteren Teile mit etwas zu ersetzen, das wie Antennen aussieht. Heraus kam das Poster, das das hebräische Wort für Typografie zeigt, und das ich extra für einen Wettbewerb in China gemacht habe. Das Thema des Wettbewerbs war natürlich »Typografie«. Das Lustige ist, dass das Poster es noch nicht mal durch die erste Jury geschafft hat, später aber eine meiner bekanntesten Arbeiten und auch das Logo meiner Designfirma wurde. Ich entwickelte den Schriftzug zu einem ganzen Zeichensatz weiter. Und ich experimentierte auch mit der Grundstruktur der Buchstaben und suchte dabei nach einem eher organischen Aussehen. Es dauerte ein Jahr, bis ich die ganze Schrift fertiggestellt hatte und ein weiteres Jahr, bis ich sie gut genug fand, um sie zu verkaufen. K/V: www.ezerdesign.com

einundzwanzig palatino arabic von Nadine Chahine/Hermann Zapf, Bad Homburg Palatin0 Arabic ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen der libanesischen Designerin Nadine Chahine und Prof. Hermann Zapf. Das Design basiert auf der Schrift Al-Ahram, die Zapf 1956 entwarf, wurde aber überarbeitet und modifiziert, damit es besser zur Schriftfamilie der Palatino nova passt. Die Stilrichtung ist Naskh, zeigt aber einen starken Einfluss der Thuluth-Richtung. Das wird an den geschwungenen Enden und den breiten Zeichenformen besonders deutlich. Die Schrift hat 1091 Glyphen und beinhaltet eine große Zahl zusätzlicher Ligaturen und stilistischen Alternativen, ebenso wie den grundlegenden lateinischen Zeichensatz der Palatino nova. Sie unterstützt Arabisch, Persisch und Urdu und enthält auch Tabellen- und Mediävalziffern für die jeweiligen Sprachen. K: www.arabictype.com   V: www.linotype.de

zweiundzwanzig borges von Alejandro Lo Celso, Mexiko/Argentinien Die Borges ist eine klassische Schrift, die sich gut für langes Lesen eignet. Man kann sagen, dass es eine typische »Sofa-Schrift« ist. Man kann sich hinsetzen, entspannen und Spaß daran haben, sein Lieblingsbuch zu lesen oder einen neuen Krimi oder einen Artikel aus der Lieblingszeitschrift. Dazu kann man ein Glas guten Rotwein trinken. Es sollte ein alter sein, mit einer leicht holzigen Note. Als Argentinier würde ich natürlich einen Malbec empfehlen, aber ein Rioja aus Spanien ist genau so passend. Als Gericht scheint mir ein griechischer Salat geeignet, frisch und kühlend


und immer passend. Als Musik würde ich zu zeitgenössischen Klassikern wie Béla Bartók oder Debussy tendieren. Die Borges hat einen klassischen Aufbau, mit dem sie für langes, intensives Lesen gut geeignet ist. Aber sie unterscheidet sich in ihrer unprätentiösen Anmutung von alten Schriften. Die Großbuchstaben sind eher niedrig, verglichen mit der Höhe der Kleinbuchstaben, und die Buchstaben haben nur einen geringen Unterschied in der Strichstärke. Daher ist der Gesamteindruck ruhig und demokratisch. Die Kursive hat einen großzügigeren, gefälligen Rhythmus, aber der Kontrast zum Normal­ schnitt ist wiederum zurückhaltend und ruhig. Mit diesen Eigenschaften kann sie die modernen Ansprüche besser erfüllen. A: Zeitschrift »Prostitution et Société« , Ausgabe Nr. 150 (Januar 2006) Designerin: Paule Palacios Dalens, Paris K: www.pampatype.com   V: www.veer.com

dreiundzwanzig ptl skopex gothic/skopex serif von Andrea Tinnes, Berlin PTL Skopex ist eine umfangreiche Schriftfamilie mit 2 unterschiedlichen Stilarten, Gothic und Serif, die sich beliebig miteinander kombinieren lassen. Damit bietet die PTL Skopex ein großes Spektrum an typografischen Ausdrucksmöglichkeiten. Die PTL Skopex Gothic ist eine zeitgenössische Serifenlose mit vertikaler Ausrichtung und vielen verspielten Details. Ihre charakteristischen Merkmale sind die schrägen Strichendungen der Ober- und Unterlängen sowie die leicht gerundeten Formen der Buchstaben R, K, k, und y. Ihre durchweg schlanke Proportion bewirkt, daß die PTL Skopex sehr platzsparend eingesetzt werden kann. Der Name Skopex bezieht sich sowohl auf das griechische Verb »skopein« (betrachten, schauen, beobachten, untersuchen) als auch auf das englische Wort »scope« (Umfang, Spielraum, Weite, Bereich). A. Corporate Design für das Minneapolis College of Art and Design K: www.typecuts.com   V: www.primetype.com

vierundzwanzig caput von Natascha Dell, Aachen Die (Farm) Caput ist eine zeitgemäße serifenlose mit einer leichten Tendenz zur »square-sans« (wie z. B. Camingo, Klavika, Sanuk). Die Schrift steht in Displaygrößen aufrecht und klar, läuft im Fließtext aber absolut dynamisch (lesbar). Die Schriftfamilie ist mit Titling- und alternativen Formvarianten einiger Glyphen ausgestattet. Die Caput erscheint im September 2008 und kommt erst einmal mit acht Schnitten (regular, bold, die entsprechenden italics und vier dazugehörige SmallCaps-Schnitte). Einsatzgebiete: Corporate-, Informations-, Editorialdesign. K/V: www.fontfarm.de

fünfundzwanzig relato sans von Eduardo Manso, Spanien Die Relato Sans ist eine humanistische Schrift mit modernen Formen. Sie wurde allgemein für den Einsatz in Texten geschaffen. Mit ihrer großen Anzahl an Schnitten ist sie auch für umfangreiche Projekte sehr gut ­geeignet.


Der Kontrast der Schnitte wurde so gewählt, dass man sie gut paarweise verwenden kann, indem man Light und Semibold, Regular und Bold sowie Medium und Black kombiniert. K: www.emtype.net   V: www.myfonts.com

sechsundzwanzig ff utility von Lukas Schneider, Frankfurt Der Stil der FF Utility spiegelt Lukas Schneiders Vorliebe für rationale, konstruierte Schriften wie die Eurostile oder DIN wider. Die Kurvenstruktur mit der Superellipse verleiht seiner Schrift das typisch technische Aussehen, aber auch einen leicht humanistischen Touch. Dieser wurde dadurch erreicht, indem er mit handschriftlichen Anklängen aus der Konstruktion ausbrach. Der Auslauf des »e« zum Beispiel bricht aus dem Raster aus und verschafft der Buchstabenform somit eine gewisse Dynamik. Durch das Öffnen der Endstriche können die Buchstaben gewissermaßen atmen, was auch ihre Lesbarkeit verbessert. Die Schriftfamilie besteht aus fünf Schnitten von Light bis Black und hat auch alternative Formen bei »a« und »g«. (Quelle: Yves Peters, Fontshop Belgien/Niederlande) K: www.snider-inc.de   V: www.fontshop.de

siebenundzwanzig herb von Tim Ahrens, Großbritannien Gericht: Am besten irgendwas mit Kräutern. Oder auch etwas Süßes. Vielleicht Schokolade edelherb? Getränk: Ich würde eher einen herben Rotwein empfehlen. Musik: Die Schrift ist ja so eine Art Girlie-Fraktur. Vielleicht lässt sich ­Beyoncé für ihr nächstes Album-Cover überzeugen? K: www.justanotherfoundry.com

achtundzwanzig amira von Cyrus Highsmith, usa Die Schnittmenge zwischen Kalligrafie und serifenlosen Schriften ist sehr gering. Auf der einen Seite gibt es die Optima von Hermann Zapf, eine Serifenlose mit kalligrafischen Zügen, auf der anderen Seite die ­Lydian von Warren Chapell, eine klassische kalligrafische Schrift ohne Serifen. Cyrus Highsmiths Entwicklung ist die Amira, die Einflüsse aus beiden Richtungen hat. Ihre Buchstaben haben sowohl Ecken als auch Lebendigkeit, sie scheint dem Leser vertraut zu sein und überrascht ihn doch mit ihrem Rhythmus und ihrem Grauwert. K/V: www.fontbureau.com

neunundzwanzig xtra sans von Jarno Lukkarila, Finnland Xtra Sans ist eine Kombination verschiedener kalligrafischer Elemente – vielleicht würde eine gehobene Fusionsküche so schmecken. Man trinkt einen guten Sambuca und Espresso, während man frischen NewWave-Bands zuhört. K/V: www.jarnolukkarila.com

dreißig fakir von Underware, Niederlande/Finnland Weihenstephaner, weil es die älteste Brauerei ist und sie exzellentes ­Bier machen. Bratwurst, weil sie der Klassiker aller Zeiten ist.


Orange Sunshine, weil das die lauteste Band Hollands ist, weil sie gerade ein Lied für die Fakir geschrieben haben und weil sie einfach Vorreiter sind. K/V: www.underware.nl

einunddreißig burgues von Alejandro Paul, Argentinien Burgues Script ist eine Hommage an den US-amerikanischen Kalligrafen Louis Madarasz (1859–1910), dessen Kunstfertigkeit seit über 100 Jahren Kalligrafen inspiriert. Auf seiner Kalligrafie basiert auch die Burgues. Ich musste jedoch viele Buchstaben ändern, um eine digitale, fließende und flexible Kalligrafie zu erhalten, die dem Anwender viele Möglichkeiten bietet. Ich habe viele Ligaturen und Zierbuchstaben geschaffen, ebenso verschnörkelte Buchstaben, die man am Anfang oder Ende eines Wortes einsetzen kann. All dies wurde durch OpenType miteinander verbunden und sorgfältig getestet, um modernen Design- und Programmansprüchen zu genügen. Mit der Burgues, das spanische Wort für Bourgeois, hat man einen Teil der Arbeit des »fähigsten Kalligrafen, den die Welt jemals hatte« zur ­eigenen Verfügung. A: Foto eines Artikels im New York Times Sunday Magazine (Design: NYT) und Auszug aus einem Katalog der Firma Veer (Designer: Sheldon Popiel, Art Director bei Veer) K: www.sudtipos.com   V: www.veer.com

zweiunddreißig fabiol von Robert Strauch, Augsburg Robert Strauchs Schrift »Fabiol« ist eine Renaissance-Antiqua mit vier Schnitten, die sich an den Schriften des 15. und 16. Jahrhunderts orientiert. Durch geringe Strichstärkenkontraste hat sie einen ruhigen, gleichmäßigen Grauwert. Ein Extra sind die vielen Ornamente, aus denen sich auch Muster bilden lassen. A: »Fabio, die Etrusker, das toskanische Erzgebirge und eine Eselzucht«, Edition Suter-Pongratz, Basel K/V: www.lazydogs.de

dreiunddreißig bangkokean von Anuthin Wongsunkakon, Thailand Die Schrift hatte ich ursprünglich 1997 gemeinsam mit meinem ersten Versuch einer Semi-Serif namens Metamorphosis entworfen. Das Design wurde jedoch zuerst nicht vollständig entwickelt; dies geschah erst vor ein paar Jahren, als unser Designbüro sich dafür entschied, den Normalschnitt für ein lokales Projekt hier in Bangkok zu vervollständigen. Jetzt wird die Bangkokean zu einer Familie ausgebaut, mit der man wirklich arbeiten kann, und wird bei TypeTrust vertrieben werden. Sie ist eine traditionelle Serifenschrift mit einem schmalen Grundstrich und einem eher technischen Charakter. Die Bangkokean entspricht damit dem Bild Bangkoks, wo man Wat (einen alten buddhistischen Tempel) neben einem futuristischen Hochhaus finden kann. K: www.anuthin.com   V: www.typetrust.com

vierunddreißig ff profile pro von Martin Wenzel, Berlin So schmeckt FF Profile: als entrée würde ich die Light servieren, passend zum Tomatensalat mit roten Zwiebeln und frischer Minze. Dann die Bold,


sie passt hervorragend zu Vermicelli mit Garnelen vom Grill. Anschließend würde ich die Regular oder Medium mit frischem Obst auftischen – das macht nicht so voll. Zum Hauptgericht empfehle ich übrigens einen trockenen Weißwein oder Sekt mit dezenter fruchtiger Note – entspricht Light Italic. Um das Lesen bzw. Betrachten eines mit der FF Profile abgesetzten Textes in ein audiovisuelles Erlebnis zu verwandeln, kann man idealerweise folgende Musik dazu auflegen: Ryuichi Sakamotos »Aisheteru, Aishetenai«, Fujiya & Miyagi mit »Cassettesingle« oder das positive, rhythmische »L’heroine Au Bain« von Olivier Libaux. A: Gemüse und Kräuter von A–Z, Ulmer Verlag K: www.martinplus.de   V: www.fontshop.de

fünfunddreißig variable von Matt Desmond, usa Die Variable ist eine Groteskschrift mit gleichmäßigen Strichstärken, die in einer Vielzahl von typografischen Designs eingesetzt werden kann. Zum Beispiel ist der UltraLight-Schnitt gut für den Satz in großen Größen wie zum Beispiel in Magazinen geeignet oder allgemein überall dort, wo man sehr feine Linien haben will. In Black erinnert sie an holzschnitt­ artige Buchstaben. Sie ist für Print- und Nonprintmedien gleichermaßen geeignet. K: www.madtype.net   V: www.myfonts.com

sechsunddreißig martel von Dan Reynolds, Großbritannien/Deutschland Ich bin die Schrift Martel und ich habe eine Geschichte zu erzählen. Wissen Sie, ich war nicht immer eine Schrift. Vor hunderten von Jahren war ich eine Person – Charles Martel, Herrscher der Franken und Großvater Charlemagnes. Die Deutschen nennen meinen Enkel »Karl der Große«, aber damals hatten wir Franken unsere eigene Sprache, die wenig mit dem modernen Französisch, Englisch oder Deutsch gemein hat. Natürlich konnten einige von uns auch Latein lesen und sprechen. Wie dem auch sei, wie alle guten Menschen wurde ich nach meinem Tod als etwas anderes wiedergeboren – im meinem Fall als eine Schrift. Nachdem ich zum ersten Mal im heutigen Belgien geboren wurde, begann mein zweites Leben ganz in der Nähe ... entweder in Nordfrankreich, in Wallonien oder vielleicht im südlichen Flandern. Es war während der Spätrenaissance, und ich sehe ein bisschen aus wie alle Antiquaschriften aus der Zeit zwischen 1500 und 1600. Ich war nicht so erfolgreich wie einige meiner Cousins und ich geriet wieder in Vergessenheit. Mein nächstes Leben begann einige Zeit später – in Indien! Stellen Sie sich vor, wie überrascht ich war, als ich mich von Nordfrankreich nach Nordindien versetzt fand. Meine Güte, haben diese zwei Orte ein unterschiedliches Klima! In meinem neuen Leben als kalligrafisch beeinflusste Devanagari-Schrift machte ich mich schnell an die Arbeit und lernte Sanskrit, Hindi, Marathi, Nepali und viele andere Sprachen und Dialekte. Die letzte Wiedergeburt fand dann in Südengland statt, in einer kleinen Stadt namens Reading. Jetzt bin ich wirklich eine tolle Schrift. Ich kann fast alles! Ich kann Texte in jeder europäischen Sprache setzen, die auf den lateinischen Zeichen basiert, zum Beispiel Englisch, Französisch,


Deutsch oder sogar Ungarisch, Rumänisch oder Türkisch. Und was noch besser ist, ich arbeite auch gerne mit all den Sprachen, die ich in meinem vergangenen Leben in Indien gelernt habe. Wenn ich doch nur meinen Job als Herrscher der Franken wieder beanspruchen könnte. Ich habe gehört, dass der derzeitige französische Präsident nicht so beliebt ist ... vielleicht wird in Paris bald eine Stelle frei? Welches Essen ich mag? Ganz einfach, Pommes Frites mit scharfem, würzigen indischen Curry. Diese beiden Gerichte sind eine exzellente Kombination. Dazu trinke ich gerne Schöfferhofer Weizen – das einzige Bier, das nach einem Schriftgießer, Schriftdesigner und Drucker benannt ist. Was die Musik anbetrifft, so höre ich gerne fränkische Kriegsballaden und andere Sagen, bei denen die Musik so richtig loslegt. Wenn Sie das nicht auf Ihrem iPod haben sollten, tut es zur Not auch irgendein Rolling-Stones-Lied mit einer Sitar. K: www.typeoff.de

siebenunddreißig sharp von Nick und Adam Hayes, usa Essen: Thailändisch – exotisch, leicht gewürzt und sehr lecker. Getränk: Ein Litschi-Mojito – weich, kühl, mit Biss und einem Schuss ­Internationalität. Musik: Latino Funk – modern, vielseitig und inspirierend. K/V: www.identikalshop.com

achtunddreißig sable von Ken Barber, usa Die Schrift Studio Lettering Sable gehört zu einer Gruppe von insgesamt drei ähnlichen Schriften, die alle ihre Wurzeln in Werbeschriften aus der Mitte des 20. Jahrhunderts haben. Sable berücksichtigt Buchstabenformen, die in verschiedenen Kulturen/Sprachen üblich sind. Daher werden bestimmte Buchstabenformen und diakritische Zeichen je nach Sprache unterschiedlich dargestellt. Die ungefalzten und ungeschnittenen Druckbögen des Schriftmusterbuches für die Studio Lettering Schriften funktionieren auch als Poster. Auf einem Druckbogen sieht man ein cooles Überdrucken-Ergebnis. Entwürfe und Beispielabbildungen der Schrift gibt es in dem Hardcoverbuch. Das Et-Zeichen aus massivem Metall basiert auf dem fetten Schnitt der Sable und kann als Buchstütze verwendet werden. K/V: www.houseind.com


Klingspor Museum Offenbach HerrnstraĂ&#x;e 80 63061 Offenbach am Main www.klingspor-museum.de Design: TYPOSITION. Schrift: Vista Sans

Schrift in Form ­ Ausstellungskatalog  

Erläuterungen der Exponate für die Ausstellung »Schrift in Form« im Klingspor Museum in Offenbach September 2008

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