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Das Studentenmagazin der Uni Rostock

07 BAUBESICHTIGUNG HAUPTGEBÄUDE 19 SELBSTVERSUCH MENSA 22 AUF SOCKEN ZUR UNI – STUDIEREN IM EIS 24 STRESSFAKTOR STUDIUM 32 MOSAIK DES LEBENS 39 MINITIMER KATZENPOSTER IM INTERVIEW

heulermagazin.de

98 02-2012


IMPRESSUM Parkstraße 6, 18057 Rostock Telefon: 0381 498 5608 Telefax: 0381 498 5603 www.heulermagazin.de Nr. 98 | Juni 2012 Herausgeber Studierendenschaft der Universität Rostock Redaktionsleitung Gesa Römer (V. i. S. d. P.) Alfonso Maestro redaktion@heulermagazin.de Geschäftsführung Henning Wüstemann gf@heulermagazin.de

02 /12 STARTSCHUSS

VOLK DER VERÄRGERTEN VÖGEL

Ressortleitung Gesa Römer (Uni) Stefanie Krauß (Leben) – vakant – (Politik) Alfonso Maestro (Kultur) Layout Michael Schultz mschultz@filterfreak.net Korrektorat Christoph Treskow Mitarbeit: Andreas Doneith, Gesa Römer Redaktionelle Mitarbeit Maximilian Berthold, Steffen Dürre, Hannes Falke, Björn Giesecke, Carsten Gramatzki, Yvonne Hein, Anna Hermann, Stephan Holtz, Steffanie Krauß, Karolin Müller, Tracy Sawallich, Sarah Schüler, Michael Schultz, Marei Stade, Marcus Sümnick, Karina Trautmann, Christoph Treskow, Jana Marie Wichert, Henning Wüstemann, Theresia Ziegs, Pascal Zurek Druck Ostseedruck Rostock GmbH Koppelweg 2, 18107 Rostock Auflage / Erscheinungsweise 4.000 / vierteljährlich Titelfoto Marcus Sümnick Redaktionsschluss für das Heft 98 war am 15. Mai 2012. Der nächste heuler erscheint voraussichtlich im Oktober 2012. Es gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 01/2012.

Auf unserem aktuellen Cover findet sich jeder von uns wieder, der auch nur ein Atom Verantwortungsbewusstsein besitzt; und zwar in Gestalt einer schlecht kalibrierten Life-Work-Balance. Es ist das Stillleben eines Besinnungsaugenblicks inmitten des Arbeitsmarsches, der nur auf deinem Po stattfindet. Ein Status Quo, der genauso schlimm ist wie die Lieder der gleichnamigen Band. Ein Umstand, den die eloquenten Hampelmänner von Deichkind mit der Phrase »Arbeit nervt« bezeichnen. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass uns genau in jenem Augenblick die Prokrastination (oder Aufschieberei) erwischt, wenn wir den Sinn hinter unserer Arbeit nicht mehr sehen – und uns in einer Geste der Idiotie in eine stundenlange »Angry Birds«Session manövrieren. Nicht umsonst klingt jenes Wörtchen »Prokrastination« nach Prostatadiagnose: Es ist genauso schlimm. Und weil selbst der Europameistertitel im Ranking von »Angry Birds« niemanden wirklich komplett erfüllt, haben wir den Sinnverlust zum Titelthema unserer aktuellen Ausgabe erhoben. Ab jetzt macht sogar weiterlesen irgendwie keinen Sinn mehr … Oh, Moment, das Telefon klingelt … So, wo waren wir? Ach ja: Stress. Körperlich, emotional und psychisch gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Stressfaktoren. Aber eben auch den Eustress, positiver Stress, eine Erfindung der Cockney-Gemeinschaft: »Oi, Oi, Oi.« Und jetzt die Abschlussworte für dieses Semester. Wieder haben wir im ehrenamtlichen Schweiße unseres Angesichts (1. Mos. 3, 19) ein Heft zusammengestellt, das die ganze Familie schockieren wird. Wie der junge Steve Martin haben wir Witze ohne Pointe riskiert, Fotos ohne Genehmigung geschossen, Wasser aus der Flasche getrunken und Blicke aus dem Fenster gewagt. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen! — Gesa und Alfonso Web

redaktion@heulermagazin.de online@heulermagazin.de

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02/12 INHALTSVERZEICHNIS

UNI 4

07

Neues altes Hauptgebäude

10

Studium Optimum

11

Revolte der Doktoranden

12

Sportliche Uni-Fakten

14

Rabenmutter?

16

Technik als Gesundmacher

17

Achilles Verse

26

Operation Kormoran Über eine Bio-Abschlussarbeit

POLITIK

Es ist nicht alles Gold, was glänzt …

35

Der Sonntag ist politikfrei!

36

Die Freunde Israels

Wird Günther Jauch arbeitslos?

Interview mit der DIG-Hochschulgruppe

KULTUR

Wettbewerb zur Verbesserung der Studienbedingungen

Bald keine Lehre mehr von angehenden Doktoren?

Zahlen aus dem Hochschulsport

Studieren mit Kind

Was die Wissenschaft alles im Körper unterbringt

Rettet den Spowi

LEBEN

19

Salz im Salat

22

Auf Socken zum Seminar

24

Stress!

03

Impressum

29

Glauben ohne Glaube

31

Politische Bildung

32

Mosaik des Lebens

34

Explosive Verszeilen

Minitimer Katzenposter

42

Rostocks Stadttheater

42

Kino im Kino

43

Pro / Contra

44

We met on a plane

45

Rostocker Schule

Interview mit Rostocks Newcomern am Indie-Himmel

Vision oder Realität?

Alternativ oder spirituell?

Ein trauriges Jubiläum / Termine

Was wir uns schon immer gefragt haben

Günter Grass

Selbstversuch als Mensa-Mitarbeiter

und bewaffnet durch den Schnee

Und seine Bewältigung

39

Wo wohnt nun eigentlich das LiWu?

Werbeslogans theatralisieren das Leben

Junge Menschen erobern den Film

34

Da wächst kein Grass mehr

46

Geschmackspolizei

Ein Kommentar

50

Postskriptum Comic

51

Rätsel


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Foto: Marcus S端mnick


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UNI FOTO: MARCUS SÜMNICK

IMMER IN BEWEGUNG! Stillstand ist Rückstand, Bewegung ist Fortschritt und die tut natürlich gut. Vielleicht nehmen deswegen jedes Semester rund 5.500 Studenten das Angebot des Hochschulsports dankend an. Bewegung der etwas anderen Art gibt es in der Uni: Die Sanierung des Hauptgebäudes ist schon weit fortgeschritten, während die Doktoranden der Philosophischen Fakultät mit ihrem Anliegen, die unbezahlte Lehre zu verbieten, noch am Startblock stehen. GESA, Ressortleiterin


ES IST NICHT ALLES GOLD, WAS GLÄNZT ABER ES GLÄNZT SCHON GANZ PRÄCHTIG IM NEUEN ALTEN HAUPTGEBÄUDE DER UNIVERSITÄT. WAS SICH SEIT UNSEREM LETZTEN BESUCH VOR ZWEI JAHREN ALLES GETAN HAT UND WANN WIEDER IM HAUPTGEBÄUDE GELEHRT WIRD, ERFUHREN WIR VON PETER SPIELMANN, DEM VERANTWORTLICHEN FÜR DIE PROJEKTPLANUNG UND -KOORDINIERUNG.

Geplant war die Renovierung des Hauptgebäudes schon seit vielen Jahren. Bereits in den 90ern wurden die Außenfassaden restauriert, die Grundsanierung im Inneren jedoch aus Kostengründen vorerst verschoben. Seit September 2009 wird dies nun nachgeholt. Warum aber war die Außenfassade lange Zeit eingerüstet, wenn doch bisher nur innen saniert worden ist? Grund dafür ist der sowohl prunkvollste als auch aufwendigste Raum des Prestigegebäudes: die Aula. Schon vor den Sanierungsarbeiten fanden hier vor allem Veranstaltungen statt, die die Alma Mater nach außen präsentieren sollten. Nach einer umfangreichen Restaurierung der vielen Wandgemälde, Stuckelemente und der unzähligen Vergoldungen erstrahlt auch dieser Raum in neuem Glanz. Durch das neue Oberlicht – dafür die Außengerüste – wirkt der Raum noch heller und pompöser als vor der Sanierung. Zwar gab es dieses Oberlicht bereits seit dem Bau im Jahr 1870, es war aber in den letzten Jahrzehnten durch eine eingebaute Zwischendecke, die von der letzten Restaurierung in den späten 1970ern stammt, nicht mehr sichtbar. Restaurateur Lange bessert mit seinem Team vor allem Schäden aus, die zum Teil durch die Klimabedingungen entstanden sind. Durch die feuchtwarme Luft blätterte die Farbe von Gemälden und Gipsfiguren. Damit solcherlei Schäden in Zukunft nicht wieder auftreten, wurde im Rahmen der Restaurationsarbeiten eine komplexe Belüftungsanlage eingebaut. Den größten Teil der Zeit jedoch nimmt die Oberflächenreinigung der vielen feinen Figuren und Dekorationen ein, damit Goldenes wieder nach Gold aussieht – wenngleich es natürlich keines ist. Die Golddekorationen bestehen aus dünn ausgeschlagenen Metallen oder mehreren Farbschichten basierend auf einer Ölfarbe. Einige Änderungen der letzten Restauration werden sogar wieder rückgängig gemacht: So entdeckten die Restaurateure beispielsweise unter einigen Farbschichten ältere Versionen von Schriften oder Gemälden. Diese sollen nun wieder für alle sichtbar werden. In Zukunft wird das Hauptgebäude stärker als zuvor in drei Bereiche unterteilt sein: Im rechten Flügel wird es neben einigen Büros auch Platz für das Universitätsarchiv geben. Der Mittelteil beherbergt die repräsentativen Räume – von der Empfangshalle über die Aula bis hin zu den Zimmern von Rektorat und Konzil. Das sogenannte Neue Museum auf der linken Seite des Gebäudes soll für die Lehre genutzt werden. Hier befinden sich neben neuen Büros für die Pressestelle acht neue Seminarräume sowie zwei Hörsäle. Immer wieder müssen wir während unserer Tour durch das Gebäude nachfragen, wo wir uns nun befinden – es ist nicht leicht, auf dieser Baustelle

die Orientierung zu behalten. Freuen wird sich so mancher Student über die neue Treppe von der Eingangshalle zu den Seminarräumen, denn der lange Weg durch die Katakomben gehört fortan der Vergangenheit an. Und auch der Seiteneingang wirkt nun deutlich einladender. Früher gab es hier einen dunklen, muffigen Gang. Nun findet man eine kleine Version der Eingangshalle. Eine Bank soll es noch geben und um die Ecke auch einen Raum zum Sitzen, Quatschen und Arbeiten. Zusätzlich wird ein weiterer Eingang entstehen, der über den Hinterhof zu erreichen ist. Die alten Gemäuer zählen zusammen mit dem Schweriner Schloss zu den »bedeutendsten Bauwerken in MecklenburgVorpommern«, so ist es auf den Internetseiten des Betriebs für Bau und Liegenschaften MV zu lesen. Eine ganze Stange Geld lässt sich das Land den Umbau des Hauptgebäudes daher kosten. Rund 14,6 Millionen Euro waren für die Sanierung eingeplant, dazu noch eine weitere halbe Million für die Innenausstattung – und tatsächlich reicht das Geld aus, sollten keine Überraschungen mehr eintreten. Das Gebäude wird natürlich nicht nur den Studenten zugänglich gemacht werden: Um auch der Öffentlichkeit mehr zu zeigen als »nur« die Außenfassade, ist ein Raum geplant, der ein wenig von der Geschichte des Gebäudes erzählt. In ihm sollen Empfänge stattfinden und Touristengruppen, die an Stadtführungen teilnehmen, durch ihn geschleust werden – sicherlich auch etwas, was sich jeder Rostocker Student einmal antun sollte. Dort ausgestellt wird unter anderem der ursprüngliche Tresor der Universität – oder doch nicht? Denn zu sehen sind nur die Türen des Tresors und dahinter befindet sich »ein Geheimnis, welches jeder Besucher selbst entdecken soll«, so Spielmann. Wir halten nach unserem Besuch also fest: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber das ist auch nicht immer nötig. Das jetztige Aussehen des ehrwürdigen Hauptgebäudes wirkt beeindruckender als noch vor drei Jahren und die Konzepte zur Nutzung sind offenbar gut durchdacht. Anders als bei vielen anderen Prestigegebäuden liegt die Fertigstellung der Renovierung relativ dicht am Zeitplan. Ursprünglich sollte das Gebäude im Herbst 2012 wieder zur Nutzung zur Verfügung stehen. Geplant ist die offizielle Übergabe nun für Mai 2013 – mit nur einem Dreivierteljahr Verspätung. Studenten können bereits ab dem nächsten Sommersemester wieder in den Hörsälen des Hauptgebäudes Platz nehmen. Im Vergleich zur alten Ausstattung kann der Sitzkomfort es dann hoffentlich auch wieder mit der Wiese vor dem Gebäude aufnehmen. Text

GESA RÖMER

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Im Prunkstück des Hauptgebäudes, der Aula, gibt es für die Restaurateure rund um Michael Lange viele Feinarbeiten zu erledigen. Die gesamten Oberflächen müssen gereinigt werden. Besonders im oberen Teil der Aula werden außerdem viele Schäden ausgebessert.

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Größer als zuvor wird es werden: das neue Rektorenzimmer. Ab sofort wird der Rektor auch seine eigene Tür zum Flur haben. Früher konnte der oberste Würdenträger der Universität nur über das Zimmer seiner Sekretärin »mal eben verschwinden«.

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Je tiefer man gräbt, desto mehr findet man. Auch in der Aula konnten unter mehreren Farbschichten ältere Versionen der Beschriftungen gefunden werden. In Zukunft

um einen Komplex wie das Hauptgebäude zeitgemäß zu vernetzen. Von hier aus laufen die roten Kabel durch das ganze Haus, damit am Ende in allen Büros Telefon- und Internetanschlüsse verfügbar sind.

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Zwei dieser Netzwerkräume bedarf es,

sollen nun wieder die älteren Schriftarten und Platzierungen genutzt werden.


Fotos (7): Marcus Sümnick

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Viel hat sich in den alten Hörsälen nicht verändert; heller sollen sie werden, die Bestuhlung bequemer. Ob es traditionelle Tafeln oder fortschrittliche Whiteboards geben soll, wird derzeit mit Vertretern der Philosophischen und Theologischen Fakultät diskutiert.

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Einen ersten Blick in die Eingangshalle konnten interessierte Rostocker bereits während der Langen Nacht der Wissenschaften wagen. Die Übergabe des Gebäudes an die Universität soll im März 2013 erfolgen.

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Über eine neue Kunststeintreppe werden die Studenten an dieser Stelle zukünftig zu ihren Seminaren gelangen. Vorbei ist die Zeit der langen Umwege bis zur eisernen Treppe in der Mitte des linken Flügels.


ZEIT FÜR VERBESSERUNGEN AN UNSERER UNIVERSITÄT GIBT ES VIELES, WAS ZU VERBESSERN ODER ZUMINDEST ZU VERÄNDERN WÄRE. DAS IST NICHTS NEUES. NEU IST ALLERDINGS, DASS AUCH WIR STUDENTEN JETZT DIE CHANCE BEKOMMEN, DARÜBER ZU ENTSCHEIDEN, WAS VERBESSERT WERDEN SOLL.

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Leserbrief

ANNA HERMANN

Der von der Universität Rostock ausgelobte Wettbewerb »Studium Optimum« soll genau dies ermöglichen. Das Ziel ist die Sicherung und Verbesserung der Qualität von Studium, Lehre und Weiterbildung. Dafür können von Studierenden, Lehrenden, Mitarbeitern und Dienstleistern Projektideen eingereicht werden. Für die Umsetzung liegen insgesamt 2,8 Millionen Euro bereit, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Projekts »QualitätsDialog« zur Verfügung gestellt wurden. Innerhalb zweier Antragsrunden wird durch sechs unabhängige Gutachter aus dem Hochschulbereich über die besten Projektideen entschieden. Die erste Antragsrunde endete am 16. Mai, die zweite läuft dann bis zum 4. Dezember 2012. Bisher wurden insgesamt 78 Projekte aus allen Fakultäten und zentralen Einrichtungen – wie der Universitätsbibliothek, dem Sprachenzentrum sowie der Seniorenakademie – eingereicht. Die meisten Anträge gingen dabei von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen und der Philosophischen Fakultät ein. Jene Projektvorhaben, die in dieser ersten Runde abgelehnt werden, haben dann nach entsprechenden Überarbeitungen neben neuen Projektideen noch einmal bis Dezember die Chance, am Wettbewerb teilzunehmen. Eine Quotierung des Geldes auf die einzelnen Fakultäten beziehungsweise Einrichtungen ist nicht vorgesehen, das heißt, die besten Projekte gewinnen – unabhängig von ihren Antragstellern und Umsetzungsbereichen. Jedoch sollen laut Ausschreibung insbesondere die

Bachelor- und Masterstudiengänge im Bereich der Verbesserung der curricularen Struktur, ihrer Praxisanteile sowie der Lehr- und Prüfungsformate angesprochen werden. Anna Mirja Winger, Qualitätsbeauftragte an der Philosophischen Fakultät, erklärt dies folgendermaßen: »Durch die Studienreform haben sich die Studiengänge in den vergangenen Jahren grundlegend verändert und nun – nach einigen Jahren des Lehrens und Lernens in der modularisierten zweistufigen Studienstruktur – liegen Erfahrungswerte vor, die Korrekturen anzeigen oder auch umgekehrt eine gute Praxis bestätigen können.« Der Wettbewerb »Studium Optimum« habe auch zum Ziel, Erfahrungswerte in Projekte münden zu lassen und so die Studiensituation zu verbessern. Dabei können laut Ausschreibung aber beispielsweise keine Beschäftigungspositionen oder Renovierungsmaßnahmen gefördert werden. Welche Projektvorhaben aus der ersten Antragsrunde dann wirklich umgesetzt werden, wird auf einer Gutachtersitzung Mitte Juli entschieden. »Nun geht es in den nächsten Wochen und Monaten darum, das nächste Ziel zu realisieren: mit den besten Ideen des Wettbewerbs ganz konkret an der Sicherung und Verbesserung von guten Studienmöglichkeiten und -bedingungen an unserer Universität zu arbeiten und damit das Lehren und Lernen weiter zu stärken«, fasst Prof. Stefan Göbel, Prorektor für Studium, Lehre und Evaluation, das weitere Vorgehen innerhalb des Wettbewerbs zusammen. Wir dürfen also gespannt sein!

WARUM, WENSIERSKI?

Grafik: Steffen Dürre

Text

Als ich den Aufruf zum Wettbewerb »Studium Optimum« der Philosophischen Fakultät (PHF) las, fühlte ich mich, gelinde gesagt, ziemlich verarscht. Die Fakultät bekommt zwei Millionen Euro in die Hand, um die Studienbedingungen zu verbessern. Wie wär’s denn, wenn das Dekanat in seinem Elfenbeinturm mal damit anfinge, sich an geltende Studienund Prüfungsordnungen zu halten?! Mal ehrlich: Die gravierendsten Probleme der Studierenden an der PHF sind ganz ohne Geld zu lösen. Man könnte sogar Geld SPAREN, wenn man Seine Durchlaucht von Wensierski endlich absetzen würde! Die Steine auf dem Weg der Studierenden bestehen größtenteils aus vom Dekan geförderter Arroganz und der Ahnungslosigkeit der Lehrenden, immer frei nach dem Motto: »Wir wissen schon, was gut für euch ist. IHR seid in drei Jahren wieder weg, WIR sitzen schon seit Jahrzehnten hier!« Es ist ja nicht so, als würden sich die studentischen Vertreter in Senat, Konzil und Co. nicht schon seit Jahren und mit Nachdruck für die Belange der Studierenden einsetzen. Die Probleme sind der Fakultätsleitung bekannt: Nach wie vor werden Anwesenheitskontrollen durchgeführt, willkürlich »Prüfungsvorleistungen« verlangt – und das Zulassungssystem für begehrte Kurse ist das reinste Chaos, um nur mal einige Beispiele zu nennen. Dagegen helfen weder zehn Millionen Euro für den sogenannten QualitätsDialog, 14 Qualitätsbeauftragte, die nicht den geringsten Handlungsspielraum haben, noch Wettbewerbe, bei denen vor allem die Lehrenden ihre Wünsche einreichen. Mein Tipp, liebe PHF: Versuch doch mal, deine Studierenden auf Augenhöhe zu betrachten und ihre Probleme und Argumente nicht mit einem verächtlichen Schnaufen vom Tisch zu fegen. Diszipliniere deine Dozenten, die unverhohlen mit dem Wiedersehen im Staatsexamen drohen, wenn Widerspruch kommt, und mach was aus den alljährlichen Evaluationen.


STELL DIR VOR, DU WILLST DEINEN DOKTORTITEL MACHEN UND SOLLST PRO SEMESTER EIN SEMINAR INKLUSIVE VOR- UND NACHBEREITUNG UND 20 HAUSARBEITEN GEBEN – UND WIRST DAFÜR NICHT BEZAHLT: EIN PROBLEM, DAS VIELE DOKTORANDEN KENNEN. ABER AUCH EIN ANGEBOT, DAS MAN NICHT AUSSCHLAGEN KANN?

Eigentlich geht es nur um die Vertretung eines Professors. Einige Doktoranden werden gefragt, ob sie aufkommende Lücken schließen wollen. Daniel Münzner ist einer von ihnen. »Mir wurde ein unbezahlter Lehrauftrag angeboten«, erklärt er. Es wäre ganz einfach für ihn gewesen: Er hätte auf dem entsprechenden Vordruck nur ein Kreuzchen machen müssen. Durch das Ankreuzen erklärt man, dass man ohne Besoldung zu lehren bereit ist. Doch Daniel Münzner lehnt das ab und nimmt sich vor, gegen die Praxis unbezahlter Lehraufträge vorzugehen. Dank Daniels Engagement wird auf der Vollversammlung der Doktoranden der Philosophischen Fakultät ein Antrag zum Verbot unbezahlter Lehre thematisiert und positiv über ihn entschieden. Während – trotz Vollversammlung – noch nicht alle Doktoranden der PHF von diesem Antrag wissen, schließt sich auch der StudentINNenrat der Forderung nach einem Verbot an. Das Verfahren ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der Uni Rostock. Bundesweit werden Doktoranden für unbezahlte Lehraufträge verpflichtet. Die Lehre an der Hochschule bietet zunächst viele Vorteile: sei es für den Lebenslauf, die wissenschaftliche Karriere oder um als Privatdozent seine Universitätsmitgliedschaft zu behalten. Dennoch streben die Doktoranden ein generelles Verbot der unbezahlten Lehre an, denn das vollwertige Eingehen auf Studenten während der Veranstaltungen sowie eine ausführliche Vorund Nachbereitung werden verlangt, wenn man einen Lehrauftrag annimmt. Die Eigenständigkeit für Tutorien und Praktika wird unbezahlten Lehrenden oft abgesprochen. Doch für diese individuelle Betreuung bei der Grundlagenschaffung verlangen die Doktoranden jetzt Geld. Einen unbezahlten Lehrauftrag aus Gründen

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Daniel Münzner lehnt es ab, Seminare ohne Entlohnung zu geben.

der Realisierbarkeit einer Promotion anzunehmen, rückt gegebenfalls eigene Forschungs-/Doktorandenprojekte in den Vordergrund und verwehrt dem erwartungsvollen Studenten die ihm durch Dozenten in der Lehre entgegenzubringende Aufmerksamkeit. Immer wieder werden Praktikanten, die ebenfalls nicht bezahlt werden, als Argument herangezogen. Aber bei ebendieser Art der Anstellung kann man nur hoffen, dass sie – die Praktikanten – mit der Vermittlung von Fertigkeiten entlohnt werden. Das heißt: Auch hier braucht es mindestens eine gute Betreuung, wenn schon keine Besoldung in Sicht ist. Das stärkste Argument gegen ein Verbot scheint zu sein, dass das wackelige Lehrinstrument Hochschule nur noch mithilfe der Doktoranden aufrechterhalten werden könne, die ohne Lohn arbeiten. Aber wenn das so ist, dann wurde durch den Verzicht auf Vergütung ein Beitrag zur Unterfinanzierung der Bildung geleistet, in dem Bund und Länder nun annehmen können, dass Eigenmotivation Antrieb genug sei. Motivation ist lobenswert, keine Frage, aber sie darf nicht die Begründung sein, weniger beziehungsweise kein Geld zu erhalten. Denn ein motivierter Wissenschaftler ist »Gold wert«, meinen auch die Philosophen mit ihrem Anliegen. Rostock könnte indes Vorreiter sein. Der erste Schritt zum gemeinsamen Standard ist mit dem Antrag zum Verbot unbezahlter Lehraufträge getan. Herr Prof. Hastedt vom Institut für Philosophie sieht das als »richtigen Einstieg«, bemerkt aber auch, dass es jeweils individuelle Situationen und Geschichten seien, die hinter jedem Lehrauftrag stünden. So würden Studierende oder Doktoranden, die Vermittlungskompetenz erlernen oder ein hochschuldidaktisches Zertifikat erwerben wollten, durchaus etwas lernen. Auch gebe es bezahlte Doktoranden, die beispielsweise von Drittmitteln begünstigt seien. Um die Doktoranden in ihren Forderungen zu unterstützen, kann jeder Einzelne etwas tun: einfach das Templiner Manifest online unterschreiben. Gefordert wird eine Reform von Personalstruktur und Berufswegen in Hochschule und Forschung. Unter anderem wird hier die schlechte oder mangelnde Bezahlung thematisiert und als Mittel gegen die Praktik des »Mindeststandards im Hinblick auf Bezahlung, Vertragsdauer und Verlängerungsoption« gesehen. Währenddessen wird der Antrag durch die einzelnen Gremien und Institutionen wandern und dann am Ende, so hofft Daniel Münzner, mit entsprechenden Gesetzesänderungen einhergehen. Text

JANA MARIE WICHERT

Web

www.templiner-manifest.de

Foto: Pascal Zurek

MIT DER REVOLUTION DURCH DIE INSTITUTIONEN

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1001 UNIFAKTEN 12

WISSENSWERTES RUND UM DIE UNI. IN DIESER AUSGABE: DER HOCHSCHULSPORT (HSP). MIT FREUNDLICHER UNTERSTÜTZUNG VON STEVEN OKLITZ, DEM BEAUFTRAGTEN FÜR ÖFFENTLICHKEITSARBEIT BEIM HSP.

Text

GESA RÖMER

NEBEN DEN KURSGEBÜHREN FINANZIERT SICH DER HSP NOCH DURCH LANDESMITTEL UND UNTERSTÜTZUNG VON DER UNIVERSITÄT ROSTOCK.

1992 WURDE DER HOCHSCHULSPORT IN DAS LANDESHOCHSCHULGESETZ VERANKERT UND SOMIT GESETZLICH LEGITIMIERT.

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SPORTARTEN WERDEN ANGEBOTEN.

DIE MEISTEN

PLÄTZE BIETET DER BEACHVOLLEYBALL-KURS (425).

DIE WENIGSTEN

PLÄTZE STEHEN BEIM REITEN ZUR VERFÜGUNG (10).

7.563

PLÄTZE WURDEN IN DIESEM SOMMERSEMESTER BEREITGESTELLT – EIN REKORD. IM DURCHSCHNITT SIND ES PRO SEMESTER RUND 5.900 PLÄTZE.

1,47 KURSE

BELEGEN 3.683 VERSCHIEDENE PERSONEN IM SCHNITT.

120.000 €

KURSGEBÜHREN WURDEN IM SOMMERSEMESTER 2012 EINGENOMMEN.

340

KURSE WERDEN AKTUELL ANGEBOTEN.

4.437

LEUTE HABEN SICH BEREITS ZWEI STUNDEN NACH EINSCHREIBEBEGINN FÜR DIE KURSE DES AKTUELLEN SOMMERSEMESTERS ANGEMELDET.


113 %

STUDENTEN UND ALUMNI SCHREIBEN SICH AM MEISTEN FÜR STANDARD- UND LATEINKURSE EIN, MITARBEITER FÜR YOGA.

AUSLASTUNG HAT DER KURS »FIT VON KOPF BIS FUSS«, SPITZENWERT AN DER UNI ROSTOCK.

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EIGENE SPORTSTÄTTEN STEHEN ZUR VERFÜGUNG: die Wassersportanlage, die Unisporthalle (Justus-von-Liebig-Weg), die Universitätssportanlage »Am Waldessaum«, die Sporthalle Ulmenstraße und der Kraftraum in der Albert-Einstein-Straße.

83 KURSE IM WASSER- UND WASSERFAHRSPORT BILDEN DIE GRÖSSTE SPARTE. DER ENTSPANNUNGSSPORT IST MIT 16 ANGEBOTEN DER KLEINSTE BEREICH.

BEI DEN FRAUEN IST »STANDARD- UND LATEINAMERIKANISCHE TÄNZE« DER RENNER (209), WÄHREND »BEACHSOCCER« NUR VON ZWEI FRAUEN BELEGT WIRD.

3.207

FRAUEN UND

2.235 MÄNNER

sind in Hochschulsportkursen eingeschrieben.

EIN EINZIGER

MANN IST IM KURS »JONGLIEREN« EINGETRAGEN.

406

LEUTE BESUCHEN DIE KURSE ZU STANDARD- UND LATEINAMERIKANISCHEN TÄNZEN, damit sind das die meistbesuchten Kurse.

72

KURSE FINDEN AM DIENSTAG STATT,

55

KURSE AM FREITAG.

AUF DIE FRAGE, WELCHE SPORTART NOCH ANGEBOTEN WERDEN SOLLTE, ANTWORTEN DIE MEISTEN MIT BALLETT UND PARCOURS.

10 SPARTEN GIBT ES BEIM HOCHSCHULSPORT: BEACHSPORT, ENTSPANNUNGSSPORT, KAMPFSPORT, METRISCHER SPORT, SPIELSPORT, SPORTARTENUNGEBUNDENER KONDITIONSSPORT, SPORTLICH DETERMINIERTE KLEINKUNST, PFERDESPORT, RHYTHMISCH-KOMPOSITORISCHER SPORT UND WASSERSPORT.

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ALMA MATER, DIE RABENMUTTER? Andere Erfahrungen hat die Sonderpädagogik-Studentin Layla Liebe gemacht. Sie habe bis jetzt kaum Unterstützung von Professoren erhalten, sagt sie. Da ihr Mann in Süddeutschland arbeitet, erzieht sie ihre zweieinhalb Jahre alte Tochter Johanna quasi allein. Bei vielen Veranstaltungen darf Layla – wie alle anderen – aber nur zweimal im Semester fehlen, sonst muss sie sie wiederholen. Das sei mit Kind jedoch kaum machbar. Ausnahmeregelungen gebe es selten, klagt Layla. Auch der Stundenplan sei nicht familienfreundlich. »Für mich ist es fast nur möglich, Vorlesungen und Seminare am Vormittag oder frühen Nachmittag zu besuchen, wenn Johanna im Kindergarten ist. Aber stattdessen wird die Teilnahme ausgelost.« Dann müssen Laylas Schwiegereltern einspringen, um auf Johanna aufzuKristine und Julius studieren Physik im neunten Semester. Sie gehören passen. Ein Ausweg, so schlägt Layla vor, wäre, dass Dozenten ihre Vorlesungen zu den fünf Prozent der Studierenden in Deutschland, die ein Kind haben. Viele auf Video aufnehmen und die Studierenden sie sich online anschauen können. schrecken vor der Doppelbelastung zurück. Mit dem Kind verändert sich alles. Diese Möglichkeiten gibt es an der Uni Rostock schon, aber kaum einer macht Der Alltag, die Finanzen, man selbst. Als ich Kristine frage, ob Kinder und Karridavon Gebrauch. Auch von staatlicher Seite ist die Unterstützung gering. Durch ere vereinbar seien, lacht sie. »Häufig werden das nur die Mutter gefragt.« Aber das Kind entstünden zusätzliche Kosten, die mit dem Elterngeld im ersten Jahr auch immer mehr Väter bleiben für eine Weile mit dem Kind zu Hause. Luise ist kaum zu decken seien. Und der BAföG-Zuschlag von 113 Euro pro Monat für das jetzt siebeneinhalb Monate alt und Kristine war das erste halbe Jahr zuhause. erste Kind und 85 Euro für jedes weitere sei ebenfalls zu wenig, meint Kristine. Der Nun hat sich ihr Freund ein Urlaubssemester genommen. »Die Karriere verzögert Kitaplatz kann durch das BAföG-Amt finanziert werden, aber nur, wenn der Partner nicht verdient und man verheiratet ist. »Eine Weile habe ich Lateinnachhilfe gegeben, um das Geld für ein Kindermädchen zu verdienen«, ärgert sich Layla. »Und weil ich viele Veranstaltungen an verschiedenen Orten habe, brauche ich auch ein Auto, um Johanna vor Kindergartenschluss abzuholen.« Im Gespräch mit den jungen Eltern wird immer wieder Wismar erwähnt. Die dortige Uni setze sich erfolgreich für familienfreundliches Studieren ein. Hier könne sich Rostock noch einige Scheiben abschneiden, sagen sie. Jene Angebote, die junge Eltern ansprechen, sind selten von der Uni selbst gemacht. So gab es eine Weihnachtsfeier vom Studentenwerk und dem AStA, es gibt das Eltern-Kind-Zimmer in Bibliotheken sowie kostenloses Essen für Kinder in der Mama Layla gab Lateinnnachhilfe. Mensa. Nur wenige Ideen, zum Beispiel die Wickelräume in der Wismarschen Straße oder das Eltern< Kristine und Julius haben sich mit der Kind-Zimmer in der Ulmenstraße, stammen von der verzögerten Karriere arrangiert. Uni. Es ist makaber, dass das Grüne Ungeheuer in der Parkstraße, wo junge Eltern ihr Urlaubssemester beantragen, nicht einmal einen kinderwagenfreundlichen Zugang hat. sich«, sagt Julius, aber er glaubt nicht, dass sie verhindert werde. Ihre Eltern Kristine erzählt, dass sie immer wieder Uni-E-Mails bekomme, in denen Eltern unterstützen sie, da es in Rostock keinen hochschuleigenen Kindergarten gibt, gefragt werden, was verbessert werden könnte, doch letztendlich tue sich nichts. der eine Betreuung zu flexibleren Zeiten und für Wochenendseminare anbietet. Trotzdem glaubt sie, dass das Studium ein guter Zeitpunkt sei, um Kinder zu Die zwei Kindergärten, mit denen die Uni eine Kooperation eingegangen ist, bekommen, da man sich die Verpflichtungen als Student selbst einteilen und den können auch keine flexible Betreuung leisten. Weg zurück ins Studium einfacher finden könne als später ins Berufsleben. »Und Nimmt man sich ein Urlaubssemester für die Betreuung des Kindes, darf man auch als Alleinerziehende ist studieren möglich«, ist Layla überzeugt. »Wer sollte keine Prüfungen ablegen. Ohne Urlaubssemester wiederum studiert man länger Kinder bekommen, wenn nicht Studenten? Es wird geklagt, dass in Deutschland und bekommt möglicherweise kein BAföG mehr. Kristine wünscht sich, dass es zu wenig Kinder geboren werden, aber es wird auch nichts dort getan, wo sich Zwischenregelungen in Rostock gäbe. Eine Art Teilzeitstudium, das es ermögetwas machen lässt«, erklärt sie. Seit sie ein Kind hat, sei sie belastbarer. Sie habe lichen würde, auch im Urlaubssemester Prüfungen abzulegen, und den Druck gelernt, sich besser zu organisieren und ihre Zeit besser zu nutzen. »Ich genieße nehmen könnte, in der Regelstudienzeit fertig zu werden. Skripte helfen Kristine, jede Stunde mehr, man kann also ein schönes Studentenleben mit Kind haben.« sich zu Hause auf Veranstaltungen vorzubereiten. »Wenn ich Bescheid gesagt habe, dass ich vielleicht manchmal nicht da sein werde, dann haben die DozenText ten und Professoren stets verständnisvoll und freundlich reagiert.« THERESIA ZIEGS

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Fotos (2): Marcus Sümnick

ULMENCAMPUS. DIE SONNE SCHEINT, ES IST WARM. ICH TREFFE MICH MIT KRISTINE KARSTENS, IHREM FREUND JULIUS RAPP UND DER KLEINEN LUISE. KRISTINE TRÄGT IHRE TOCHTER IM TRAGETUCH AUF DEM RÜCKEN. WIR SUCHEN UNS EIN RUHIGES PLÄTZCHEN MIT EIN PAAR BÄNKEN UNTER BLÜHENDEN BÄUMEN.


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IMPLANTATE – TECHNIK ALS GESUNDMACHER

DR.-ING. NIELS GRABOW UND DIPL.-ING. LENA SCHMITT sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Biomedizinische Technik (Direktor: Prof. Klaus-Peter Schmitz) der Universitätsmedizin Rostock.

abbaubaren Biomaterialien. Angrenzende Fragestellungen ergeben sich auf technologischen Gebieten, beispielsweise bei der Entwicklung von geeigneten Implantatfertigungs- und Beschichtungsverfahren sowie von Verfahren zur Testung neuer Implantatkonstruktionen. So ist es notwendig, die Funktionsfähigkeit von Implantaten sowohl für die Zulassung als Medizinprodukt als auch bereits entwicklungsbegleitend zu testen und zu optimieren. Zum Beispiel werden bei Patienten Gefäßstents aus dem superelastischen Werkstoff Nitinol in verengte Oberschenkelarterien implantiert, wo sie neben der dynamischen Belastung durch den Puls auch den Bewegungen des Beins beim Gehen, Laufen, Treppensteigen, Hinsetzen und Aufstehen ausgesetzt sind. Deshalb müssen diese Stents eine beschleunigte dynamische Dauerfestigkeitsprüfung durch eine mehrachsige Belastung, bestehend aus axialer Stauchung, Torsion und Biegung, absolvieren, die eine zehnjährige Beanspruchung des Stents im Patienten simuliert, um so die Produktsicherheit zu gewährleisten. Hierfür werden am Institut Prüfstände und Testverfahren entwickelt, welche diese Belastungen, denen Gefäßstents im Laufe ihres Lebens ausgesetzt sind, nachbilden. Ein weiteres Forschungsprojekt des Instituts beschäftigt sich mit der Entwicklung im Körper abbaubarer Gefäßstents mit Medikamentenbeschichtung. Solche temporären Stents hätten eine Reihe von Vorteilen gegenüber den bislang im klinischen Alltag verwendeten, die dauerhaft im Organismus der Patienten verbleiben. Herausforderungen bei der Entwicklung dieser Implantate ergeben sich insbesondere aus den speziellen Werkstoffeigenschaften abbaubarer Polymermaterialien, die sich grundlegend von den Eigenschaften der bisher für

Biomechanik – entscheidend für die Funktionsfähigkeit von Implantaten. Hier illustriert am Beispiel eines numerischen Modells eines Zahns mit Stiftkernaufbau; rot gefärbt sind hochbeanspruchte Zonen in den Implantatstrukturen.

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Das Gesundheitswesen wird immer stärker durch die biomedizinische Technik geprägt. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt schafft ständig neue Möglichkeiten für Diagnostik und Therapie. Beispiele für die enorme Entwicklung der Technik und der Medizin sind zahlreiche innovative Implantate in Orthopädie und Kardiologie sowie die verschiedenen bildgebenden Verfahren wie Röntgen- und Magnetresonanztomographie. Insbesondere innovative Implantate können maßgeblich zur Steigerung des Therapieerfolges und damit zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten beitragen. So werden beispielsweise allein in Deutschland pro Jahr aktuell etwa 500.000 künstliche Augenlinsen und 250.000 Gefäßstents implantiert. Aufgabe von Ingenieuren ist es dabei, diese technischen Systeme gemeinsam mit Naturwissenschaftlern und Medizinern in interdisziplinären Teams zu entwickeln. Am Institut für Biomedizinische Technik der Universität Rostock arbeiten in der Arbeitsgruppe für Angewandte Biomechanik und Implantattechnologie derzeit neun Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker in unterschiedlichen Forschungsprojekten an der Entwicklung und Testung neuer Implantatsysteme. Im Kern dieser Arbeiten stehen experimentelle und numerische biomechanische Untersuchungen zur Auslegung von Implantatkonstruktionen vor dem Hintergrund der Beanspruchung durch den Organismus sowie die konstruktive Optimierung unter Berücksichtigung der mechanischen Werkstoffeigenschaften der zu verwendenden, zum Teil im Organismus

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WISSENSCHAFTSSERIE

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GEFÄSSSTENT, KUNSTLINSE, HERZKLAPPE & CO. – PATIENTEN PROFITIEREN VOM EINSATZ DER TECHNIK IN DER MEDIZIN. AM ROSTOCKER INSTITUT FÜR BIOMEDIZINISCHE TECHNIK WERDEN NEUE KONZEPTE FÜR INNOVATIVE IMPLANTATE WIE Z. B. ABBAUBARE UND BESCHICHTETE GEFÄSSSTENTS ENTWICKELT UND GETESTET. VON DR.-ING. NIELS GRABOW UND DIPL.-ING. LENA SCHMITT

Abbaubarer Gefäßstent


ACHIL LES VE RSE 17

Grafiken: Dipl.-Ing. Stefan Siewert

RETTET DEN SPOWI!

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Darstellung einer Kunstlinse

Gefäßstents verwendeten Metalllegierungen unterscheiden. Mithilfe numerischer Modelle wird daher zunächst das mechanische Verhalten neuer Stententwürfe am Computer simuliert, bevor Prototypen dieser Stents anschließend durch Laserschneidverfahren aus Miniaturkunststoffröhrchen gefertigt und im Labor getestet werden. Gemeinsam mit medizinischen Partnern und Industriekooperationen ist es das Ziel, die Einführung dieser Technologie im klinischen Alltag voranzutreiben. Eingebettet ist das Forschungsprojekt in das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über fünf Jahre mit 14 Millionen Euro geförderte Verbundprojekt »REMEDIS – Höhere Lebensqualität durch neuartige Mikroimplantate« (Sprecherin: Prof. Dr. Katrin Sternberg, Web: remedis.med. uni-rostock.de), und zwar im Rahmen des BMBF-Programms »Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern«. An der Universität Rostock werden seit dem Jahr 1991 Ingenieure auf dem Gebiet der biomedizinischen Technik ausgebildet. Der gleichnamige interdisziplinäre Bachelor- und Master-Studiengang bietet den Studierenden, nicht zuletzt durch die enge Verbindung von Forschung, industrieller Praxis und Lehre, hervorragende Möglichkeiten zur beruflichen Qualifizierung in diesem Hochtechnologiebereich.

Ich wage mal zu behaupten, dass in der heutigen Gesellschaft jeder Sport treibt. Von A wie Aerobic bis Z wie Zumba ist für jeden was dabei. Auch das Kartenspiel Bridge hat Einzug ins Programm gehalten. Um Sportarten zu vermitteln, braucht man Sportlehrer. Der moderne gute Sportlehrer aber ist eine gefährdete Spezies. Der Spowi von heute ist nicht mehr der Spowi von früher. Früher fand der Sportstudent ein sehr großes Sportangebot vor und konnte mehr Zeit und Schweiß in die Sportart investieren, um diese später besser zu vermitteln. Gerade in Sportarten wie Turnen oder Schwimmen muss viel Zeit in die Schulung der Techniken investiert werden. Neben der Kürzung des Sportangebotes wird nun auch die Dauer der Kurse gekürzt. Die Anatomie des ganzen menschlichen Körpers soll nur noch in der Hälfte der Hälfte eines Semesters, also in einem Viertel des Semesters, vermittelt werden – unmöglich! Auch das Zusammenfassen von ursprünglich drei Semestern Sportpraxiskurs auf teilweise nur noch ein Semester ist da kein Fortschritt. Der Freiraum der Spezies Spowi wird auf ein Minimum reduziert. Sofern man nicht an eine elektronische VIP-Karte rankommt, bleibt man von den Sportstätten ausgeschlossen. Denn diese sind nun so sicher wie Fort Knox, bloß ohne Gold, doch wozu dann die verschärften Sicherheitsmaßnahmen? Wo soll der Sportlehrer jetzt trainieren, vielleicht vor der Halle? Der gute Sportlehrer der Zukunft ist somit eine gefährdete Spezies. Solltet ihr also noch einen finden, dann schnappt ihn euch und behütet ihn! Oder ihr bekommt einen, der mit euren Kindern nur noch Bridge spielen kann.

DIE ACHILLES VERSE MÜSSEN NICHT DIE MEINUNG DER REDAKTION WIDERSPIEGELN. SCHILDERT UNS EUER PROBLEM UND WIR VERÖFFENTLICHEN ES – AUCH ANONYM. Web

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LEBEN ILLUSTRATION: BJÖRN GIESECKE

STRESSESSEN STATT DAUERSTUDIEREN Der »ewige Student« war einmal. Zügig wird man von BAföG- und Prüfungsamt durchs Studium gedrängelt. Aber auch neben dem Studium gibt es einiges Stresspotenzial. Alles rund um unser Titelthema und Anregungen zur Entspannung von alltäglichen Strapazen findet ihr hier. Außerdem könnt ihr lesen, was so alles hinter den Kulissen unserer Mensa passiert. Also, lasst euch nicht stressen, sondern genießt die folgenden Seiten. STEFFIE, Ressortleiterin


SALZ IM SALAT VIELE STUDENTEN SCHIMPFEN SCHON ÜBER EINE 7:30-UHR-VORLESUNG, QUÄLEN SICH DANN NOCH DURCH DIE EINE ODER ANDERE VERANSTALTUNG UND LANDEN SPÄTESTENS GEGEN 13 UHR IN EINER UNSERER MEHRFACH AUSGEZEICHNETEN MENSEN. DAMIT DORT FRISCHE SALATE UND EINE AUSWAHL AN WARMEN SPEISEN FÜR SIE BEREITLIEGEN, BEGINNT DER ARBEITSTAG VIELER MENSA-MITARBEITER BEREITS MORGENS UM 7 UHR. AM FREITAG NACH HIMMELFAHRT WAR ICH EINER VON IHNEN.

einem auf den gefühlten drei Quadratmetern in den großen badewannenartigen Pfannen Schnitzel bra6 Uhr morgens. Der Wecker klinten und das Gemüse in Spezialöfen gelt. Ich verfluche mich. Abwechselnd dampfgaren. Auch die Umstellung dafür, dass ich für diesen Freitag zugeder Tische und Stühle hänge mit den sagt habe und dafür, dass der Herrenbeengten Räumlichkeiten zusammen. tag auch für Frauen bedeutet, dass sie »So passen 124 statt nur 96 Gäste spät ins Bett kommen. Nach knapp drei gleichzeitig in die Mensa«, erklärt mir Stunden Schlaf habe ich einen ganzen Bösener. Dass die Stühle unbequem Tag in der Mensa vor mir – und amseien, ärgert ihn genauso wie mich, bitioniert, wie alle Studenten so sind, als ich das erste Mal auf ihnen sitzen will ich hinterher auch noch zu meiner musste. Absicht war das ganz sicher »richtigen« Arbeit, um das nötige Kleinnicht. Aber sie erfüllen ihren Zweck: geld zu verdienen. »Vor der Umstuhlung mussten wir Erstaunlich pünktlich schließe ich mehrmals täglich die Essensausgamein Rad an der Mensa an und mabe unterbrechen, weil wir keine Sitzche mich auf die Suche nach Michael plätze mehr hatten. Das passiert uns Bösener, dem Küchenleiter der Kleinen nun nur noch höchstens einmal am Mensa Ulme. Bei der frühmorgendTag«, so Bösener. lichen Führung durch den BackstageMittlerweile vollends wach darf bereich werde ich etwas wacher. Es ich mich um die Salate kümmern. wird keine besonders lange Führung, Ich dachte immer, dass zumindest Redakteurin Gesa Römer versuchte sich einen denn die Kleine Mensa macht hinter einige der Salate einfach aus groTag lang selbst als Mensa-Mitarbeiterin. den Kulissen ihrem Namen alle Ehre. ßen Eimern geschüttet, ein bisschen Ich erfahre, dass die Mensa eigentlich nur als Interimslösung genett angerichtet und serviert werden. Spätestens nachdem ich dacht war. Im Oktober 2008 wurde sie zunächst für fünf Jahfür 500 Mann Gurken schälen durfte, weiß ich, dass das nicht re in einer umgebauten alten Baracke eröffnet, die zuletzt als so ist. Alles wird frisch gekocht, das meiste selbst zubereitet. Für Abstellraum benutzt wurde. Geplant waren unter anderem ein den Geschmack der Salate bin heute ich verantwortlich – nur Serviceareal im angrenzenden Altbau der Poliklinik und ein Wirtbeim Thunfischsalat zeigt sich mein Chef gnädig und probiert ihn schaftskomplex mit einer (größeren) Produktionsmensa. Beides selbst. »Was fehlt noch?«, werde ich gefragt. »Ein bisschen Salz fehlt immer noch. Gleichzeitig kommen jedoch, unter anderem vielleicht?« und schon landet eine ganze Schippe des weißen durch den Neubau des Arno-Esch-Hörsaals, immer mehr StudieGoldes in meinem Gurken-Dill-Salat: »Ja, jetzt passt es.« rende an den Standort Ulmenstraße. »Mit etwa 1000–1200 EsDamit in allen Mensen die Gerichte einigermaßen gleich sen täglich sind wir an der Grenze des für uns Machbaren«, klagt schmecken und die Kosten für die Essen sich in einem studentiBösener. Gerne würde er noch mehr Studierenden Mahlzeiten schen Rahmen bewegen, werden natürlich auch Fertigprodukte servieren, die Wartezeiten minimieren und die Auswahl vergröverwendet – so werden die Schnitzel beispielweise bereits fertig ßern. Spätestens in der Küche und bei der Essensausgabe merke paniert geliefert. Die Marinade für die Steaks allerdings wird in ich, warum das nicht geht. Obwohl an diesem Brückentag nur jeder Mensa selbst zubereitet. »Man schmeckt eben einfach, ob knapp halb so viel gekocht wird, die Cafeteria ganz geschlossen fertig gekauft oder frisch gekocht wird«, lacht Bösener, selbst und somit auch nur die Hälfte des Personals anwesend ist, steht ausgebildeter Meisterkoch. Das Grundrezept für die Marinaden man sich im Küchenbereich schnell mal auf den Füßen. Am Ende werde in der Küchenleiterrunde besprochen. »Jeder Koch würzt des Tages kann ich mir kaum vorstellen, wie zwei Köche statt nur dann aber noch mit seiner eigenen Note«, erfahre ich von Roland GESA RÖMER

Foto: Pascal Zurek

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Fotos: Marcus Sümnick (2) und Pascal Zurek (2)

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Lange, der heute allein für die Essen verantwortlich ist. Ein Blick auf die Gewürzauswahl bestätigt das. Hier stehen Gewürze, die ich nur recht selten gesehen habe und die selbst im exquisit ausgestatteten Gewürzregal meines Mitbewohners nicht zu finden sind. Schnell vergeht die Zeit, plötzlich ist es 11 Uhr und meine Kommilitonen stehen bereits Schlange. Einige erkennen mich, andere bemerken zumindest, dass es wohl »neues Mensapersonal« gibt. Ein Essen nach dem anderen landet auf den vorgewärmten, manchmal ziemlich heißen Tellern. Schnell fällt mir auf, dass man als Gast in der Mensa – ja, auch ich – so einiges besser lassen sollte: direkt vor der Theke lauthals mit Freunden quatschen zum Beispiel. Die Zeit sollte man lieber nutzen, um sich sein Menü zusammenzustellen. Das verhindert gleich zwei Probleme: erstens, dass man hinter der Theke nicht mehr versteht, was vor der Theke von einem gewünscht wird, und zweitens, dass man auf die Frage, was es denn sein darf, immer noch keine Antwort weiß. Stattdessen werde ich in Zukunft immer die richtige Reihenfolge Beilage, Hauptgericht, Gemüse, Soße einhalten, um das Auffüllen des Essens zu erleichtern, auch lassen sich die gewünschten Zutaten so besser merken. Verboten gehört auch der Satz: »Das Gleiche, bitte.« Das ist nett formuliert, doch fehlt einem in der Hektik die Zeit, auch noch den Teller des Vormannes zu inspizieren – erst recht, wenn er von einem Kollegen zusammengestellt wurde. Dann lieber gleich normal bestellen und es kann nichts mehr schiefgehen. Spätestens in der Schlange vor der Kasse hat man dann auch genügend Zeit, sein Geld oder seine Mensa-Card aus dem Abgrund der Taschen hervorzukramen – und kann damit unnötig lange Wartezeiten für andere vermeiden. Immer flotter geht die Menüreihenfolge vonstatten, immer schwerer wird der linke Arm, der immerzu den vollen Teller tragen muss. »Darf es noch ein bisschen Gemüse sein oder die Pfeffersoße dazu?« Nur 333 Essen sind es heute, knapp ein Drittel von dem, was an einem normalen Freitag über den Tresen wandert. Und mit einmal steht mein Fotograf vor mir und ich merke, dass sich der Arbeitstag für mich dem Ende neigt. Als ich um 13:30 Uhr dann endlich selbst mit meinem Tagestipp, den ich gefühlte 200-mal auf irgendwelche Teller geschaufelt habe, im Außenbereich sitze, bin ich erstaunt, dass ich nun über sechs Stunden gearbeitet habe. Von Müdigkeit keine Spur. Wohlwissend, dass meine Kollegen heute noch bis 14 Uhr Essen verteilen, anschließend auch die Reste sauber machen müssen und mein Chef zusammen mit Anke Broßeit, der netten Dame von der Kasse, freiwillig noch ein paar Blümchen im Außenbereich pflanzen will, genieße ich mein Essen. Ich freue mich, dass ich nicht am Montag gekommen bin: Da werden 550 Eier von glücklichen Hühnern per Hand geschält, denn am Dienstag soll es Senfeier geben, und die fertig gelieferten »schmecken eben einfach nicht«, versichert Bösener. Schnell merke ich dann doch meine Erschöpfung und noch schneller stirbt der Plan, selbst noch arbeiten zu gehen. Schließlich kommt am Abend eine Freundin zum Kochen vorbei …

Beliebte Mahlzeit, auch in der Mensa Kleine Ulme: Steak Strindberg

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Koch Roland Lange an der »Bratwanne«.

NEBENVERDIENST IN DER MENSA Wer sich hin und wieder etwas dazuverdienen möchte, kann das auch bei der Mensa tun. Immer öfter werden neben der regulären Essensausgabe andere universitäre Veranstaltungen oder der Bildungsminister bekocht. Hierfür werden für 8 Euro Stundenlohn fortlaufend Servicekräfte gesucht.

Web

tinyurl.com/8ybvqje

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Ab 11 Uhr stehen Studenten draußen Schlange, während drinnen die Mitarbeiter ins Schwitzen geraten.


KEINE ANZEIGE

NEU! UNMÄNNLICH, UNGLAUBLICH.

Dranbleiben.

twitter.com/heulsusin


AUF SOCKEN ZUM SEMINAR 22

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Ohne Gewehr darf aus Sicherheitsgr端nden niemand ins Eis.


AUSLANDSSEMESTER GELTEN SEIT JEHER ALS MÖGLICHKEIT, JENSEITS DER ALMA MATER NEUE ARBEITS- UND DENKWEISEN ZU ERLERNEN. BELIEBT FÜR AUSLANDSSEMESTER SIND ETWA SPANIEN ODER FRANKREICH, WEIL SIE IM VERGLEICH MIT DEUTSCHLAND EINE ANGENEHME, SONNENREICHE ZEIT VERMUTEN LASSEN. IM GEGENSATZ DAZU VERSPRICHT EIN STUDIUM IN DER ARKTIS IM SOMMER ZWAR GENAUSO VIEL SONNE, ABER NUR EINEN BRUCHTEIL DER WÄRME. WARUM ES TROTZDEM SEHR REIZVOLL SEIN KANN, AUF EINER INSEL NÖRDLICH DES POLARKREISES ZU STUDIEREN, ERFAHRT IHR HIER.

MAXIMILIAN BERTHOLD

Student vor Antritt des Studiums einen vom UNIS abgehaltenen Sicherheits- und Überlebenskurs für die Arktis besuchen. Dabei werden das Verhalten in der freien Natur, der Umgang mit der Waffe und mit Überlebensanzügen und -ausrüstung geübt. Es ist verboten, sich außerhalb der Ortschaften ohne Waffe zu bewegen. Daneben bietet das Leben in der Arktis noch diverse andere Überraschungen und Herausforderungen. So musste mir erst einmal bewusst werden, was es überhaupt bedeutet, keine Nacht mehr zu haben. Ab Mitte April herrscht auf Spitzbergen der Polarsommer. Dabei geht die Sonne für die nächsten vier Monate nicht mehr unter. Von Ende Oktober bis Februar herrscht dann Polarnacht, in deren Genuss ich jedoch nicht mehr kommen werde. Am Anfang fühlt man sich wie gerädert und das Gefühl kommt einem Jetlag sehr ähnlich. Die Temperaturen sind mit durchschnittlich -7º C im April und gerade einmal durchschnittlich 6º C im Juli mit derzeitigen deutschen Verhältnissen kaum zu vergleichen. Auch das Leben in der Ortschaft Longyearbyen ist eine komplett andere Erfahrung. Zum einen ist die Größe des Ortes mit 1.800 Einwohnern sehr überschaubar, zum anderen sind die Norweger hier ein sehr fröhliches und aufgeschlossenes Völkchen. Sogar mit seinen Professoren duzt man sich, was für mich erst mal eine ziemliche Umstellung war. Aufgrund der Geschichte als Bergbausiedlung hat sich auch der Brauch entwickelt, dass eine jede Person im Hauseingang ihre Schuhe auszieht. Egal Kein seltener Anblick auf Expeob Krankenhaus, Wohnheim oder Schule, überall ditionen rund um Spitzbergen ist es gang und gäbe, Socken oder Hauslatschen zu tragen. Selbiges gilt natürlich auch für die Universität. Es ist ein sehr entspanntes Gefühl, in der Vorlesung oder dem Seminar mit Socken zu sitzen, was aufgrund der Tatsache, dass der größte Teil der Uni mit Holz ausgekleidet ist, dem Ganzen einen noch gemütlicheren Eindruck vermittelt. Ein einziger verständlicher Wermutstropfen ist, dass alle Lebensmittel sehr teuer sind, da alles und jeder Rohstoff mit dem Schiff angeliefert werden muss. Auch kann es passieren, dass bei einem längeren Ausbleiben des Versorgungsschiffes einige frische Lebensmittel knapper werden. Das Semester und mein Aufenthalt hier oben werden Ende Juli leider auch schon wieder vorbei sein, doch schon die Eindrücke und Erfahrungen, die ich bis jetzt gewinnen und sammeln durfte, sind mit nichts zu vergleichen und unvergesslich.

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»You are flying to Spitsbergen?«, fragte mich die Passkontrolle am Tromsøer Flughafen. »Yes«, darauf meine kurze Antwort. »Then a lot of fun and have a nice stay.« Daraufhin öffneten sich die Türen für den letzten Wartesaal zwischen dem kontinentalen Europa und einer kleinen Inselgruppe weit im Norden. Das besagte Archipel trägt den Namen Spitzbergen und befindet sich zwischen dem Nordatlantik und dem Arktischen Ozean. Die Inseln stehen seit dem Spitzbergenvertrag von 1920 unter norwegischer Verwaltung. Der Verwaltungssitz und gleichzeitig auch größter Ort ist Longyearbyen, benannt nach dem US-Amerikaner John Longyear, der 1906 die erste permanente Bergbausiedlung gründete. Weitere Ortschaften sind der internationale Forschungsstandort Ny-Ålesund, die Bergbausiedlung Sveagruva und die russische Kolonie Barentsburg. Insgesamt leben je nach Jahreszeit 2.500–2.700 Einwohner permanent auf Spitzbergen. Longyearbyen selbst liegt nur 1.300 km entfernt vom Nordpol und hat sich nach dem Ende der Bergbau-Ära zu einem Zentrum für Polarforschung entwickelt. Das ortsansässige University Centre in Svalbard (UNIS) kann als Außenstelle der norwegischen Universitäten von Oslo, Bergen und Tromsø angesehen werden. Für Bachelor- und Masterstudenten sowie für Doktoranden bietet das UNIS in den Fachrichtungen Arktische Geologie, Geophysik, Technologie und Biologie insgesamt 45 Kurse an. Kurssprache ist dabei Englisch. Im Jahr 2011 haben 459 Studenten aus 31 verschiedenen Ländern am UNIS studiert. Laut Hochschulregelung sollen dabei mindestens 50 % der Kursteilnehmer aus Norwegen stammen, was immer noch ausreichend Platz für ausländische Studenten bietet. Das eigentlich Wunderbare an der hiesigen Ausbildung ist, dass man aufgrund der Lage in der Arktis seinen Forschungs- und Lehrschwerpunkt direkt vor der Tür hat. Die Lehre besteht zu gleichen Teilen aus Vorlesungen, Exkursionen und Praktika. Ich hatte mich für drei Masterkurse in Arctic Biology angemeldet. Dabei kann ich mir, nach Absprache mit der Fakultät und dem Studienbüro, auch alles anrechnen lassen, weil UNIS-Kurse am European Credit Transfer System (ECTS) teilnehmen. Gleich in der zweiten Vorlesungswoche unternahmen wir eine siebentägige Forschungsausfahrt mit der »Helmer Hanssen« in die Packeiszone des Arktischen Ozeans. Dabei mussten wir bei den Arbeiten auf dem Schiff und im Eis nicht nur auf widrige Wetterbedingungen gefasst sein, sondern auch mit neugierigen Besuchern dieses Lebensraumes rechnen: Gleich zweimal trafen wir auf Eisbären. Der zweite Artgenosse war dabei sehr jung und daher äußerst neugierig. Er kam bis neben das Schiff und beschnupperte in aller Ruhe die für ihn wohl ungewohnten Fährten im Schnee. Gerade auf Spitzbergen ist es besonders wichtig, sich des Eisbären bewusst zu sein. Er stellt die Spitze der Nahrungskette im arktischen Ökosystem dar und bei Begegnungen mit ihm sollte immer äußerste Vorsicht geboten sein. Nicht ohne Grund muss (!) jeder

Web

www.unis.no

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Fotos (2): Maximilian Berthold

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»ICH BIN IM STRESS!« ALS ANTWORT AUF DIE FRAGE NACH DEM WOHLBEFINDEN EINES STUDIERENDEN IST DIESER SATZ NICHT UNGEWÖHNLICH. IM SEMESTER BEDEUTEN BEVORSTEHENDE PRÜFUNGEN, AUSZUARBEITENDE REFERATE UND HAUSAUFGABEN SOWIE UNZÄHLIGE PFLICHTLEKTÜREN OFTMALS STRESS PUR. IN DEN »SEMESTERFERIEN« KOMMEN DANN NOCH PRAKTIKA UND HAUSARBEITEN DAZU, ABER AUCH BEZIEHUNGSPROBLEME, ZUKUNFTSÄNGSTE, SELBST EIN ÜBERANGEBOT AN FREIZEITAKTIVITÄTEN KANN STRESSREAKTIONEN AUSLÖSEN.

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Macht Stress krank? Die Fachliteratur nennt zunächst den positiven »Eustress«, der subjektiv meist als leistungssteigernd und motivierend angesehen wird. Schnellerer Herzschlag und höhere Atemtätigkeit sowie eine erhöhte Muskelspannung signalisieren Handlungsbereitschaft – jedem von uns aus Prüfungszeiten bekannt. Doch ein sogenannter »Disstress« beziehungsweise Dauerstress kann schwere gesundheitliche Folgen haben. Der Körper ist dabei sozusagen dauerhaft in Handlungsbereitschaft versetzt, die dafür bereitgestellte Energie aber wird nicht verbraucht und kann zu funktionellen Symptomen oder Organerkrankungen führen. Oftmals ist es ein Kreislauf: In Stresssituationen nehmen wir uns weniger Zeit für Entspannung und Ruhepausen, wir essen hastiger, betäuben uns mit übermäßigem Rauchen, Alkoholgenuss und Aufputschmitteln (Kaffee und Co.), was oftmals nur neuen Stress hervorruft. Gerade der Wissenserwerb im Selbststudium ist für viele ein stressiges Unterfangen. Das Organisieren und Planen einer Hausarbeit oder das Lernen für eine Prüfung wird gern bis auf den letztmöglichen Zeitpunkt herausgeschoben. Während das für einige vielleicht noch motivierend sein kann, führt das Scheitern daran für andere zu Unsicherheiten und Angst vor den kommenden Studienanforderungen. Zum Glück gibt es kleine Hilfen, die einiges erleichtern können. Das Studentenwerk bietet gelegentlich in Kooperation mit dem Careers Service Workshops wie »Wissenschaftliches Schreiben« oder »Stressbewältigung« an. Aber auch eine psychologische Beratung oder ein Gespräch mit Anke Wichmann von der Sozialberatung kann schon erste Hilfestellungen bei Problemen mit Stress bieten. Immer wieder kommen Studierende mit Schwierigkeiten bezüglich Leistungsdruck und Anpassungsschwierigkeiten im Studium zu ihr. Sie sieht das Problem vor allem in der individualisierten Gesellschaft, die immer mehr von den heutigen Studierenden fordert. Schnell und effektiv sollen sie Wissen erwerben und ihre Anpassungsfähigkeit entwickeln. Um dem Arbeitsmarkt früher und jünger zur Verfügung zu stehen, wurden die Bachelorstudiengänge eingeführt; viele andere Studiengänge werden nach diesem Vorbild umgestaltet. Der strenge Studienplan und damit verbunden die wenige Zeit für wichtige Ruhephasen und die eigentliche Bildung des Studierenden wirken auf viele belastend. Bildungsgleichheit ist oft nur theoretisch vorhanden, denn praktisch müssen immer mehr Studierende ihren Lebensunterhalt durch Nebenjobs finanzieren. Während sich die einen also am Wochenende entspannen oder ganz auf das Studium konzentrieren können, sind die anderen mit Geldverdienen beschäftigt. Wer kein BAföG bekommt, kann zwar einen Studienkredit aufnehmen, allerdings setzt dieser die Studierenden mit einer höheren Schuldensumme unter Druck. Nach Frau Wichmann sei die sogenannte Work-Life-Balance des Einzelnen aber am wichtigsten. Spannung müsse mit Entspannung verbunden werden. Und manchmal sei es vielleicht

besser, das Studium noch einmal zu wechseln, als den Rest unmotiviert durchzuziehen und dann am Ende vielleicht doch zu scheitern. Denn heutzutage gebe es sowieso fast keine »ungebrochenen« Lebensläufe mehr. Doch wie schafft man sich seine persönliche Work-Life-Balance? Sport als Ausgleich wird oft an erster Stelle empfohlen. Sport setzt Endorphine – körpereigene Glückshormone – frei. Zeitsparend ist und bleibt immer noch das Joggen. Morgens im Park die Vöglein zwitschern zu hören, kann nur fröhlich stimmen und bei richtiger Anwendung werden Endorphine, einem Verliebtheitsgefühl ähnlich, ausgeschüttet. Wer lieber in der Gruppe sportelt, dem bietet die warme Jahreszeit nun Gelegenheit zu vielen Aktivitäten: Fahrradtouren nach Gehlsdorf oder Warnemünde mit anschließendem Picknick, Paintball spielen in Fresendorf oder Beachvolleyball bieten zugleich körperliche Ertüchtigung und jede Menge Spaß. Und auch unser Hochschulsportangebot kann sich sehen lassen: Von der Golfstunde über Kampfsport bis zu Tanzkursen sollte da für jedermann etwas dabei sein. Selbst die Rostocker Fitnesscenter sind mittlerweile auf den sportwilligen Studenten aufmerksam geworden. Studentenrabatte und Sauna- und Massageangebote locken und versprechen zusätzliche Entspannung. Entspannung pur unter Anleitung bekommt man in zahlreichen darauf spezialisierten Einrichtungen: Von autogenem Training bis Yoga ist für jeden zu jeder Tageszeit etwas dabei. Viele Yoga-Übungen kann man übrigens auch zwischendurch innerhalb weniger Minuten machen, und weil man so die nötige Energie schnell zurückbekommt, kann man z. B. auf Aufputschmittel wie Kaffee verzichten. Unser Tipp: »Yoga für dich und überall. 60 unglaublich nützliche Übungen« beim Goldmann Verlag für 7,95 Euro. Erholsam schlafen ist ebenfalls eine Grundvoraussetzung, um täglich fit für den Uni-Alltag zu sein. Die Fachliteratur empfiehlt, täglich zur gleichen Zeit schlafen zu gehen und aufzustehen, um die »innere Uhr« nicht aus den Rhythmus zu bringen. So sollte man also auch verfahren, wenn man mal etwas länger ausschlafen könnte, denn in der zusätzlichen Zeit kann man vielleicht andere wichtige Dinge erledigen oder einfach ausgelassen frühstücken. To-do-Listen werden immer beliebter; sie können bei der Strukturierung größerer Aufgaben helfen und dabei an wichtige Dinge erinnern. Aber Vorsicht: Sich zu viel vorzunehmen, was letztlich gar nicht zu schaffen ist, demotiviert und verursacht wieder Stress. Da hilft vielleicht diese Methode: Ein griechisches Sprichwort besagt, dass man sich jeden Tag eine Sache vornehmen sollte, die man nicht tut. Also, erfolgreich etwas nicht zu tun – das nenne ich mal eine Motivation der anderen Art, die doch jedem gelingen sollte! Text

STEFFIE KRAUß, TRACY SAWALLICH


Fotos (8): Gesa Römer

»Es ist immer gut, sich vor Augen zu halten, was man schon alles geschafft hat – dann kann einen nichts mehr schocken.« Andrea stresst vor allem, dass man allen gerecht werden muss, sei es in der Uni oder der Familie. »Hier muss man einfach ein

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gesundes Gleichgewicht finden.« Andrea (27), Medizin

Immer gute Noten bekommen zu

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»Ich habe Neurodermitis und bin

»Im Moment gibt es gesundheitliche

Allergiker, und da merke ich Stress

wollen, ist für Nadine der größte

Probleme in der Familie. Uni stresst

immer sehr schnell. Deswegen lege

Stress. »Man muss gut organisiert

immer – das ist klar! Gleich halte ich

ich alles in meinem Stundenplan so

sein«, sagt sie, »dann ist es kein

ein Referat, das ist natürlich auch

aus, dass es gar nicht erst stressig

negativer Stress. Außerdem kann

Stress. Um den wieder abzubauen,

wird.« Marcus (24), Lehramt

man sich seine Zeit in unserem

höre ich Musik und lese sehr gern«.

Studiengang sehr gut einteilen.«

Liv (22), Lehramt

Nadine (25) und Anne (24),

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Bildungswissenschaften

ES IST BERGFEST! DAS SOMMERSEMESTER IST ZUR HÄLFTE GESCHAFFT UND ES WIRD AUF DIE FERIEN – ODER DOCH EHER DIE NÄCHSTE PRÜFUNGSPERIODE? – HINGEARBEITET. JETZT, WO DIE SONNE ALLE NACH DRAUßEN LOCKT, WAREN WIR UNTERWEGS, UM EUCH ZU FRAGEN, WAS DERZEIT IM LEBEN AM MEISTEN STRESST – UND WIE IHR DAMIT UMGEHT.

Umfrage

JULIA SCHUBERTH

»Stress ist für mich das Gefühl der Überarbeitung und vor allem, der Stoffmenge nicht gerecht zu werden. Man setzt sich selber unter einen hohen Leistungsdruck. Mir hilft es dann, sich bewusst zu werden,

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dass man eben nicht alles wissen

»Eigentlich habe ich nicht viel Stress.

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»Das Stressige am Studieren ist,

kann.« Mirjam (25), Medizin

»Großartig durchs Studium ge-

dass man selber komplett dafür

Wenn aber doch, dann lege ich mich

stresst bin ich nicht. Was stresst,

verantwortlich ist. Wie ein Selbst-

eine Viertelstunde aufs Sofa und

ist, wenn man das Studium mit

ständiger. Man hat eben immer etwas

mache gar nichts. Seit Neuestem

Nebenjob und Ehrenamt verbinden

zu tun und somit keinen geregelten

mache ich auch Sport – das ent-

muss. Dann ist das schon schwierig.

Feierabend.« Erik (26), Verwaltungs-

spannt ebenfalls.« Stephan (25),

Um dann zu entspannen, rauche

ökonom

Sozialwissenschaften

ich eben.« Philip (21), Wirtschaftswissenschaften


OPERATION KORMORAN »DU SCHREIBST ALSO DEINE BACHELORARBEIT ÜBER KORMORANE. AH, SPANNEND. DAS SIND DOCH DIESE SCHWARZEN VÖGEL, DIE DEN FISCHERN DEN FISCH WEGFRESSEN. SEHEN DIE NICHT AUS WIE KRANICHE?« SO HÖRT ES SICH MANCHMAL AN, WENN EIN NICHTBIOLOGE VON CHRISTINAS ABSCHLUSSTHEMA »UNTERSUCHUNGEN ZUM VERHALTEN VON KORMORANEN IN DER BRUTZEIT« HÖRT. DAS FORDERT SIE HERAUS, IHRE BEGEISTERUNG FÜR TIERE UND DAS FORSCHEN IM FREIEN AUF IHR GEGENÜBER ZU ÜBERTRAGEN. ZUSAMMEN MIT IHREN KOMMILITONINNEN LAURA UND ANNEKATRIN FÄHRT SIE ZWEIMAL IN DER WOCHE MIT IHREM ALTEN VW-BUS RAUS AUFS LAND – IN DAS FÜNFSEELENDORF NIEDERHOF.

heuler: Was macht ihr da eigentlich in der Pampa? Christina: Wir stellen unser Tarnzelt am Rand des Rapsfeldes auf, packen unsere Klappstühle und Ferngläser aus und hoffen, dass der Bauer nicht vorbeikommt. Beim letzten Mal haben wir das Zelt nicht gleich aufgebaut bekommen, da hat uns dann Youtube weitergeholfen.

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Habt ihr ein bestimmtes Gebiet, in dem ihr euch bewegt? Wir beobachten dort zwei Kolonien: Eine liegt in einem Naturschutzgebiet im Wald und die andere auf Bäumen inmitten des Rapsfeldes. Wir wechseln den Standort jedes Mal, damit wir die Gewohnheiten der Vögel zum Schluss vergleichen können. Als wir mit unseren Untersuchungen begonnen haben, mussten wir uns ein bisschen an sie ranpirschen. Sie dachten wohl, wir würden ihre Eier klauen. Nach welchen Kriterien habt ihr die zu beobachtenden Nester ausgesucht? Es war schwierig. Wir haben abgestorbene Bäume ausgesucht, damit die Nester nicht mit Blättern zuwachsen und die Sicht auf die Vögel nicht verwehrt wird. Die Bäume sterben durch den ätzenden Kot der Vögel mit der Zeit ab. Glaub mir, da willst du nicht drunterstehen. Für mich sehen die Tiere auf den Bildern alle ziemlich gleich aus. Wie könnt ihr sie unterscheiden? Die jüngeren Kormorane haben ein weißes Bauchgefieder. Sie sind jünger als drei Jahre, und noch nicht geschlechtsreif. Die ganz jungen Vögel dagegen kann man aus der Entfernung mit ihrem schwarzbraunen Daunenkleid kaum von den Eltern unterscheiden, außer durch ihre Größe. Ein Elterntier ist etwa so groß wie eine Gans. Wenn sie ihre Flügel zum Trocknen spreizen, sehen sie manchmal aus wie Batman.

Ich stelle mir das sehr idyllisch vor. Wenn ihr dort den ganzen Tag auf dem Feld sitzt, genießt ihr bestimmt die Ruhe um euch? Da ist gar nichts ruhig. Im Gegenteil – es ist richtig laut! Die Altvögel begrüßen sich ständig und die Küken schreien nach Futter. Es ist nicht so ruhig und einfach, wie alle immer denken. Wir sind donnerstags von Mittag an bis zum Sonnenuntergang dort. Es ist anstrengend, die ganze Zeit durch ein Fernglas zu schauen. Aber die wunderschönen Sonnenuntergänge sind wirklich sehr idyllisch. Wie dokumentiert ihr das Verhalten der Tiere? Wir fotografieren und schreiben detaillierte Protokolle. Dabei haben sich schon eigene Codes entwickelt: »A verdeckt« steht zum Beispiel für »Ich sehe den Ast, aber der Vogel ist verdeckt«. »PF« heißt »Pflege«, also wenn sie sich putzen. »BW« steht für »Brutwechsel«, das heißt, die Eltern wechseln sich ab. Bei uns gibt es sogar einen »alleinerziehenden« Vogel. Wenn die Küken schon etwas größer sind, lassen die Eltern sie allerdings öfter allein. Sie sind irgendwann genervt von ihren schreienden Babys. Ich möchte ehrlich gesagt auch keine Kormoranmama sein. Man könnte meinen, du hast dich schon lange mit diesen Tieren beschäftigt. War das der Grund, deine Bachelorarbeit darüber zu schreiben? Eigentlich nicht. Ich wollte gerne ein Thema bearbeiten, bei dem ich im Freien forschen kann und nicht Tag für Tag in einem dunklen Labor sitzen muss. Konntet ihr schon erste Tendenzen im Verhalten der Kormorane feststellen? Das kann man nicht so einfach beantworten. Heute früh um sieben zum Beispiel sind alle Elternvögel auf einmal angekommen und haben ihre Jungen gefüttert. Die Eltern schlafen definitiv mehr, seitdem die Jungen da sind. Aber genau kann ich die Frage erst beantworten, wenn wir unsere Daten auswerten.

Illustration: Marei Stade

Viel Erfolg mit deiner Bachelorarbeit und danke für das Gespräch. Interview

SARAH SCHÜLER


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POLITIK ILLUSTRATION: MICHAEL SCHULTZ

(K)EIN GRUND ZUM HEULEN! Wir feiern mit euch in diesem Heft Naturhochzeiten und fragen uns, ob das was mit Religion zu tun hat. Fast gleichzeitig bringt ein kleines Gedicht zwei Länder in Aufruhr. Dabei ist politische Lyrik doch eigentlich tot, oder nicht? Damals in Lichtenhagen gab es keine Lyrik – aber Flugblätter. So hat jeder was einzubringen: du dich vielleicht als Ressortleiter für Politik? Melde dich: redaktion@heulermagazin.de. GESA, kommissarische Ressortleiterin


GLAUBEN OHNE GLAUBE EIN INTERDISZIPLINÄRES PROJEKT VON SOZIOLOGEN, THEOLOGEN UND RELIGIONSWISSENSCHAFTLERN UNTERSUCHT DIE FESTKULTUR RUND UM SYMBOLISCHE ORTE IN MECKLENBURGVORPOMMERN – UND ENTDECKT DABEI WOMÖGLICH EIN NEUES MILIEU.

Text

YVONNE HEIN

Dass die Kirche in den neuen Bundesländern eher als religiöse Praktik gelten darf und was nur als Show für das eine untergeordnete Rolle spielt, ist nichts Neues. Doch dies Fest dient«, gibt Schröder zu bedenken. Noch ist nicht klar, wie ist kein Grund, symbolische Orte wie Kirchen, Klöster, histori- man diese neue Spiritualität bewerten soll, da die Forschung sche Gutshäuser, Schlösser und Burgen nicht trotzdem auf eine dazu nicht abgeschlossen ist. Viel spannender noch ist, dass die Wissenschaftler bei ihgewisse Art zu verehren. Marlen Schröder, Dr. Arnaud Liszka und Thomas Käckenmeister sind wissenschaftliche Projektmit- rer Forschung auf Menschen und Lebensgemeinschaften arbeiter der Universität Rostock und forschen gemeinsam mit gestoßen sind, die sich für ein alternatives Leben auf dem drei Professoren und drei Hilfswissenschaftlern an dem Projekt Lande entschieden haben, sogenannte Kulturkreative. »Es »Religionshybride – Kirchbauvereine, Gutshausvereine und war eher eine zufällige Entdeckung neben der eigentlichen alternative Gemeinschaften in Mecklenburg-Vorpommern«. Forschung«, erzählt Käckenmeister. Das Forschungsteam des Dabei steht nicht nur der Glaube im Mittelpunkt, sondern »Religionshybride«-Projektes vermutet nun, dass die Kulturauch die Entwicklung und Pflege von Traditionen an diesen kreativen ein eigenes und auch neues Milieu im ländlichen symbolischen Orten und inwiefern zum Beispiel die Kirchen als Raum bilden könnten. Ein Milieu ist nach Stefan Hradil, einem bedeutenden ProfesGebäuden eine neue Bedeutung bekommen, an Bedeutung gewonnen haben. Es ist überraschend, wie viele Menschen sich sor der Sozialstrukturanalyse, eine »Gruppe Gleichgesinnter [...], die gemeinsame Werthaltungen und mit der Pflege dieser Orte beschäftigen: Insgesamt 220 KirchenbauverNaturhochzeiten werden Mentalitäten aufweisen und auch die Art gemeinsam haben, ihre Beziehuneine, 80 Gutshausvereine und 30 als Alternative zu einer gen zu Mitmenschen einzurichten und Gemeinschaftsprojekte in MV konnten mithilfe der Feldforschung ermittelt kirchlichen Hochzeit und ihre Umwelt in ähnlicher Weise zu sehen und zu gestalten«. Eine klare und werden, 15 davon stehen im näheren als naturreligiöse allgemeingültige Definition zu »alterFokus. Das Engagement der Mennativem Leben« gibt es jedoch nicht. schen ist zunächst meist rein kulturell Zeremonien gefeiert. Grob kann man sagen, dass all jene motiviert und nicht religiös. Erst wenn sie es selbst als annähernd religiös ansehen, neigen sie dazu, alternativ leben, die sich bewusst und sichtbar in ihrer Lebenssich als »spirituell« statt »religiös« zu bezeichnen, auch wenn weise vom »Mainstream« abheben. Die Wissenschaftler haben sie in Kirchenbauvereinen tätig sind. Doch die Vermischung durch eigene Recherchen die alternativen Lebensgemeinschafdes kulturellen Anliegens und der häufig doch vorhandenen ten anhand bestimmter Merkmale charakterisiert. Nicht alle Religiosität gilt es zu untersuchen – deshalb auch der Titel des der 30 Gemeinschaftsprojekte stimmen hundertprozentig mit ihrer Definition überein, was sie aber für die Forschung nicht Projektes: »Religionshybride«. Feldforschung ist der Hauptbestandteil der Forschung, das weniger interessant macht. Die meisten Kulturkreativen leben im urbanen Umfeld, die heißt, man nimmt an Mittelaltermärkten, Kloster-, Schloss- und Burgfesten teil, an Gong-Meditationen, Yogakursen und Heil- in MV lebenden haben sich bewusst in die Natur zurückgekräuterseminaren und der einen oder anderen Vereinssitzung. zogen, um sich dort auf ihre eigene Art selbst zu verwirkliSo werden auf dem Yoga-Festival auf Schloss Daschow auch chen. Sie streben nach einer ökologischen und nachhaltigen Naturhochzeiten als Alternative zu einer kirchlichen Hochzeit Lebensweise und leben in größeren Gemeinschaften. Sie und als naturreligiöse Zeremonien gefeiert. Doch den Beginn stehen Fremdem und Exotischem oft aufgeschlossen gegeneiner religiösen Handlung festzumachen, bereitet mitunter Pro- über und kontrastieren mit der sonst meist eher konservativ bleme: »Es ist nicht immer einfach zu unterscheiden, was nun eingestellten Bevölkerung auf dem Lande. Die Kulturkreativen

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30

Foto: Dr. Arnaud Liszka

wie möglich zu leben. Hierzu baut man unter anderem auf die Verwendung alternativer Energie wie Solarenergie. Ob man nun langfristig von einem eigenen Milieu ausgehen kann, ist noch ungewiss. Zwar lassen sich erste Milieuindizien erkennen, wie eine Vernetzung untereinander und ein dauerhaftes und stabiles Zugehörigkeitsgefühl durch gleiche Haltungen und Interessen. Aber noch sind die Kulturkreativen zu unerforscht, um ohne Weiteres behaupten zu können, es handle sich um ein eigenständiges Milieu. Doch ob nun Milieu oder nicht: Spannend ist die Forschung zu den alternativen Lebensstilen und neuen Glaubenspraktiken auf jeden Fall. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft läuft das Projekt »Religionshybride« noch bis 2013. Und eins steht schon fest: Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind religiöser, als man denkt. Naturreligiöse Zeremonie in Daschow

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gehören zur Kerngruppe der LOHAS (Lifestyle Of Health And Sustainability): den LOVOS (Lifestyle Of Voluntary Simplicity). Während die LOHAS bewusst und mit einem ökologischen Hintergedanken konsumieren, reduzieren die LOVOS ihren Konsum auf das Notwendigste und legen auf einen sehr einfachen Lebensstil Wert. Die LOHAS sind eher in der Stadt anzusiedeln, die LOVOS auf dem Land. Diese Einteilung ist an sich nicht neu, für den ländlichen Raum in MV ist sie aber noch weitestgehend unerforscht. Spiritualität und ein Bewusstsein für Gesundheit und Lebensweise spielen eine bedeutende Rolle bei den Kulturkreativen, denn Verbundenheit mit der Natur und Religion sind oft miteinander verknüpft. Die Lebensgemeinschaft in Klein Jasedow und der Lebenspark Tollense sind zwei Orte, wo sich Kulturkreative niedergelassen haben. Die Gemeinschaft und kollektive Interessen stehen im Mittelpunkt. Die ökologische Orientierung und die bewusste Lebensweise drücken sich aus, indem man sich mit Lebensmitteln aus dem eigenen Anbau versorgt und versucht, sich gegenseitig im Alltagsleben zu unterstützen und so nachhaltig


Foto: adultcrash.tumblr.com

POLITISCHE BILDUNG EIN TRAURIGES JUBILÄUM Vor knapp zwanzig Jahren stand Lichtenhagen in Flammen und viele Anwohner klatschten Beifall. Sie erfreuten sich an den schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Vom 22. bis 25. August 1992 kam es damals immer wieder zu Angriffen auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und das danebenliegende Ausländerwohnheim im mittlerweile berühmt-berüchtigten Sonnenblumenhaus. Die Gewalt steigerte sich kontinuierlich: Am ersten Tag wurden 200 randalierende Jugendliche und Erwachsene von 1.000 Zuschauern umjubelt. Am dritten Tag, am Montag, dem 24. August, waren es bereits knapp 1.000 gewalttätige Steine-, Molotowcocktails- und Raketenwerfer, die von einem Pulk von über 3.000 Schaulustigen geschützt wurden. Als Konsequenz wurde die ZAst evakuiert. Gleichzeitig wurde der Eingangsbereich des angrenzenden Ausländerwohnheims aufgebrochen, mit Benzin getränkt und angezündet, während sich mehr als 100 Vietnamesen im Haus befanden. Die Polizei versäumte es, die Feuerwehr zu verständigen, welche erst durch einen Anwohner alarmiert wurde. Doch die Feuerwehr konnte nicht löschen, da sie durch die Meute an Jubelnden handlungsunfähig war. Es dauert einige Zeit, bis der Weg durch Wasserwerfer freigeräumt werden konnte. Die Ausschreitungen kamen nicht überraschend. Im Vorfeld wurden Flugblätter von der DVU verteilt, auf denen zur Kundgebung vor der ZAst aufgerufen wird. Anonyme Anrufe mit massiven Drohungen gingen bei der Presse ein. Es gründeten sich zwei Initiativen: »Rostock bleibt deutsch« und die »Interessengemeinschaft Lichtenhagen«. Beide verlangten die Räumung der Aufnahmestelle und setzten der Landesregierung Ultimaten bis zu eben diesem Wochenende im August. Danach sollte selbst »für Ordnung gesorgt« werden. Während der Übergriffe waren zuständige Stellen völlig unterbesetzt. Die Hundertschaften der Polizei kamen aus Hamburg, die Löschfahrzeuge aus Schwerin. Es fehlte an Fahrern für die Löschfahrzeuge, an Polizei und an der Koordinierung des Einsatzes. Politische Konsequenzen hatte das Ereignis für unseren Artikel 16a des Grundgesetzes, das Asylrecht. Noch im Dezember 1992 nahm der Bundestag eine Grundgesetzänderung vor, wodurch der Zugang zum politischen Asyl stark erschwert werden sollte. Denn die Politik sah Handlungsbedarf, so wie beispielsweise der damalige Ministerpräsident von MV Berndt Seite, der damals meinte: »Die Vorfälle der vergangenen Tage machen deutlich, dass eine Ergänzung des Asylrechts dringend erforderlich ist, weil die Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert wird.« Text

JANA MARIE WICHERT

Zwei »Demonstranten« in Rostock-Lichtenhagen im August 1992

TERMINE LESUNG UND GESPRÄCH MIT JOACHIM JAHNS Joachim Jahns, geboren 1955 und Verleger des Dingsda-Verlages, stellt sein Buch »Erwin Strittmatter und die SS« mit dem Rücktitel »Günter Grass und die Waffen-SS« vor. Erwin Strittmatter, einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR, und Günter Grass, Nobelpreisträger für Literatur, sind zwei facettenreiche Schriftsteller. Doch welche Geschichte tragen sie mit sich? War Erwin Strittmatter in der SS und meldete sich Günter Grass freiwillig zur Waffen-SS?

!

5. Juli 2012, 20.00 Uhr, Literaturhaus Rostock, Peter-Weiss-Haus; kostenfreier Eintritt

GRAFFITIFILM »BOMB IT« MIT ANSCHLIESSENDER DISKUSSION Ist das Kunst oder kann das weg? Muss Kunst gesellschaftlich akzeptiert werden? Der Wandel von radikaler und urbaner Coolness als Gegenstand der Museen – wie konnte es so weit kommen? Ist das der Anfang oder das Ende des Graffiti? Ein Dokumentarfilm über die wohl subversivste und umstrittenste Kunstform. !

10. Juli 2012, 20:00 Uhr, Bildungskeller; kostenfreier Eintritt

»BIS ZUM ANSCHLAG« Einen Einblick in die Ausschreitungen liefert ein SPIEGEL-TV-Beitrag vom August 1992: Web

www.youtube.com/watch?v=zhNoRWPrj9g

Eine Theatervorstellung der Freien Theater Jugend thematisiert die Geschehnisse des August 1992 in Lichtenhagen. !

24. und 25. Juli 2012, 22. bis 24. August 2012, Peter-Weiss-Haus; Eintritt: 5 Euro ermäßigt

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Wie konnte Walt Disney bloß so stark an diese unsympathische Maus glauben?

Leben in NRW lauter Umweltexperten?

Gibt es Tabletten gegen Inflation? Willst du einen Mann mit Bollerwagen?

Willst du eine Frau mit Bollerwagen?

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Was hältst du von der Europäischen Mark? Warum ist die Blaue Banane krumm?

Kommt noch was von Jerry Seinfeld?

Wollte Lana del Rey nur spielen?

Werden auch hübsche Lehrer durch Apps ersetzt?

Wann ist Spargelzeit?

Sind wir schon da? Ist Ice Cube schon da?

Sind diese Rucksackkondome nicht auch bei Regen uncool?

Geht die Titanic II (die kommt wirklich!) unter?

Wieso ist der Kühlschrank sonntags leer, wo doch Meg Ryan und vielleicht auch »Cool Runnings« läuft?

Zum Griechen oder zum Spanier?

Ist Fernet wie Jägermeister?

Warum bezeichneten sich Rapper vor zehn Jahren als »Mongos«?

Ist Barbara Salesch echt eine echte Richterin? Echt?

Wenn ich mir gerade dumme Fragen für Studenten ausdenke – wer schreibt dann meine Bachelorarbeit?

Sind jetzt alle politischen Kommentatoren Dichter?

Wo ist der große Unterschied zwischen Nic Cage und einer Aubergine?

Wo ist Malcolms Vater?

Wie intelligent kann eine Zahnspange sein?

Gibt es im Ausland wirklich mehr Ausländer als Deutsche?

Wozu eigentlich Politik studieren?

Wo macht Christian jetzt Urlaub? Und wer tanzt mit dem Wulff?

Warum tragen dicke Frauen immer kleine Rucksäcke?

Public Viewing oder Rudelgucken?

Kann man sich die Prüfungskommission schöntrinken?


Wann genau sagt man »Ich liebe dich« und wenn ja, wie viele?

Wenn Obama angeblich Obonga war, war Methling ein Meth-ling?

Jetzt, wo es sie noch gibt, willst du nicht endlich einen Röhrenfernseher zerschmeißen?

Ist Buttersäure eigentlich vegan? Und ein Brecheisen?

Zieht Sarkozy jetzt nach Elba? Und bei Napoleon ein?

Kriegt Rostock wirklich noch Lehrer hin?

Wieso kommt die Bahn immer zu früh, wenn man selbst zu spät ist?

Wann lässt Dieter Bohlen endlich Deutschland in Frieden?

Warum sieht es gut aus, Tom Waits zu mögen? Magst du Tom Waits?

Liebte Robin Batman?

Warum tragen die Grünen so viel Grau?

Ist es ungerecht, dass Krebs vom Rauchen, aber auch vom Aufhören kommt?

Freimaurer oder Illuminaten?

Wenn nackt Autofahren legal ist, ist nackt Fahrradfahren es bald auch?

MOSAIK DES LEBENS FRAGEN ÜBER FRAGEN, WIR SIND RATLOS. HUNDERTE MILLIONEN EURO HAT DER HEULER AN EXPERTENBÜROS ÜBERWIESEN – VERGEBENS. WIR GLAUBEN, NUR UNSERE LESER SIND IMSTANDE, DIE H-FRAGEN UND DAMIT ALLE KAUSALITÄTEN DIESER WELT ZU ENTSCHLÜSSELN. Text

Was hat der Papst unter seinem Hut?

Ist Käfighaltung leider geil?

Geht Arabischer Frühling auch im Herbst?

Heiratsantrag bei Twitter oder Facebook?

33 Geht »Good Governance«?

ALFONSO MAESTRO KARINA TRAUTMANN

Ist Robben an allem schuld? Oder nur an tight-fit? Wo bleibt Leos Oscar?

Vermisst du schon deinen alten Jobs?

Wer ist Oxfam?

Wann hören die Sch***fragen auf?

Wird Hansa 2031 endlich Meister?

Wo kommt das ganze Wasser her?

Wenigstens Landesmeister?

Wie viele Omas mit Arschgeweih gibt es wohl schon, wenn die Uni Rostock dich exmatrikuliert?


WENN LITERATUR UND POLITIK SICH ÜBERSCHNEIDEN – WAS GESAGT WERDEN SOLLTE ÜBER »WAS GESAGT WERDEN MUSS« UND VON EINER AUFGEGANGENEN STRATEGIE.

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Die hysterischen Reaktionen der Medien auf Grass‘ berüchtigtes Gedicht waren überraschend – und auch vorhersehbar. Bei einer distanzierten Annäherung kann man zunächst anmerken, dass es sich hierbei um keine lyrische Glanztat handelt, die ästhetischen Ansprüchen genügen soll. Dass Lyrik allerdings nicht immer nur schön sein muss, zeigen schon Textzeugnisse aus dem Hochmittelalter (man denke an die politische Sangspruchdichtung Walthers von der Vogelweide). Was überhaupt erst zu den hitzigen Diskussionen führen konnte, war offensichtlich das Unwissen über die eigentlich selbstverständlich scheinende Trennung von konstruierten Literaturinstanzen und dem Verfasser als Individuum. »Was gesagt werden muss« nährt sich wie so viele Gedichte notwendigerweise von überspitzten, verallgemeinernden Darstellungen, doch im Grunde sagt es nichts Überraschendes, sondern spricht oft Gedachtes aus und stellt es unverbindlich zur Disposition: Der Weltfrieden könne durch Atomwaffen und deren Nutzung gefährdet werden. Ohne Zweifel sind Israel und der Iran politisch gesehen seit Längerem ein Krisengebiet, in dem sich wirtschaftliche und religiöse Konflikte vermengen. Die Annahme und Befürchtung des lyrischen Ichs, dass bei einer ernsthaften Eskalation auf Atomwaffen kaum verzichtet werden würde, dürfte also berechtigt sein. Das Verhalten der Medien ist in gewisser Hinsicht nachvollziehbar: Einmal ist da die Nähe zu deutschen Tabuthemen und der eigenen Vergangenheitsbewältigung, zum anderen die Person des Günter Grass, dessen eigene kontroverse Jugend der Öffentlichkeit ein Dorn im Auge ist. Dass von rechter Seite Beifall kam,

hat die Kontroverse weiter befeuert. Allerdings überrascht die Unprofessionalität der Gedichtinterpretationen vieler Kritiker wie Befürworter, die anscheinend nicht in der Lage sind, den Text sauber von Grass zu trennen und die damit einem Gedicht indirekt mehr Aufsehen verschafft haben, als es – gemessen an ästhetischen Gesichtspunkten – verdient hat. Die Aussagen des Gedichts ohne Weiteres auf die Ansichten eines Schriftstellers zu übertragen, ist indes ein Anfängerfehler, der meinungsbildenden Journalisten keinesfalls unterlaufen sollte. Dabei sind all diese Reaktionen keineswegs durch Zufall entstanden, sondern waren höchstwahrscheinlich einkalkuliert. Immerhin musste es auch starke »Verbündete«, die Medien, geben – und zwar nicht irgendwelche, sondern international als seriös angesehene Blätter –, die bereit waren, das Gedicht unter ihrer Obhut zu veröffentlichen. Warum aber ein Gedicht und kein einfacher Kommentar? Es lässt sich vermuten, dass die in Verse gebrochenen Aussagen primär Aufmerksamkeit generieren sollten. Das wirft die Frage auf, wie politisch korrekt politische Literatur, die trotz allem unter dem Schutz schöngeistiger Lizenzen steht, eigentlich sein muss. Außerdem ist ungewiss, inwiefern der (politischen) Lyrik, die sonst kaum noch Leser findet, mit diesem Gedicht geschadet oder geholfen wurde. Jedenfalls zeugen unmäßige Reaktionen wie das Einreiseverbot Israels von fehlender Cleverness auf dem Parkett der politischen Literatur. Text

Kommentar

DA WÄCHST KEIN GRASS MEHR Der Frage, ob und wie sehr Lyrik politisch sein müsse und sein kann, wie es in Grass‘ Fall leider eher hintergründig diskutiert wurde, könnte ebenso mit der Frage, ob Literatur oder gar Kochrezepte politisch sein müssten, entgegnet werden. Schöngeistige Literatur ist nun aber – auch als Dachfirma für jegliche Genres gemeint – entgegen ihrer oft angestrengten Bemühungen, überzeugende Verweise auf die Realität zu machen, immer Fiktion. Dass Grass seine Rollen als politischer Akteur und Schriftsteller nicht klar scheiden kann, erklärt sich aus seinem Verständnis von literarischem Engagement. Dass dies aber weder Garant für erstklassige Literatur noch erstklassige Politik ist, dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass das eine mit dem anderen nicht zwangsläufig etwas zu tun haben muss. Die Spanne zwischen L’art pour l’art und götzendienlicher oder politikkritischer Texte ist groß. Grass legt ein enjambementwütiges Weltverbesserungspamphlet vor, das leider kein überlebensfähiges literarisch-politisches Zwitterwesen ist, aber immerhin: ein Regungsherd für Aufregung. »DSDS« auf hohem Niveau? Das, zusammengenommen mit sarahkuttneresken Negerpuppendebatten und martinwalserschen Rückzugsbekundungen aus dem »Reizklima des Rechthabenmüssens« (DIE ZEIT), ergibt eine tolle wirre Literaturbetriebsrummelmusik, die damit – wie auch in der zeitgenössischen Politik – prächtig bunte Schießbudenatmosphäre aufkommen lässt. Es wird fleißig Blech getrommelt! — Steffen Dürre (Herausgeber der Weisz auf Schwarz)

TRACY SAWALLICH CHRISTOPH TRESKOW

Foto: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann – Grafik: Michael Schultz

EXPLOSIVE VERSZEILEN


Illustration: Hannes Falke

AM SIEBTEN TAG SOLLST DU RUHEN MAN STELLE SICH DAS EINMAL VOR: AM SONNTAGABEND LÄUFT DER FERNSEHER UND GÜNTHER JAUCHS SHOW IST GÄSTELOS. WEDER JÜRGEN TRITTIN NOCH GREGOR GYSI DEBATTIEREN. WARUM? EINE NEUE REGELUNG IST EINGETRETEN: DER SONNTAG IST POLITIKFREI. KEINE PARTEITAGE, KEINE WAHLEN, KEIN JAUCH.

Noch ist es fiktiv. Doch seit ein paar Monaten fordern deutsche Politiker geregelte Freizeit in Form eins politikfreien Sonntags. Die Befürworterin Manuela Schwesig (SPD), Sozialministerin von MV, argumentiert: »Es ist fatal, dass wir auch noch Parteitage und wichtige Sitzungen auf Sonntage legen.« Auch Andrea Nahles, SPD-Generalsekretärin, erklärt, dass sich die Parteien auf einen festgelegten Wochentag einigen sollten, an dem im Normalfall alles ruht, was mit Politik zu tun hat. Familienfreundlichere, geregeltere Arbeitszeiten würden die Politik bestimmt auch für junge, kluge Köpfe attraktiv machen. Und solche brauchen wir dringend. Dass man ihnen etwas Freizeit gönnt, bedeutet ja nicht, dass ihre Leistung nachsichtiger bewertet wird. Dagegen ermöglicht man ihnen, am Wochenende Kraft für jene Aufgaben zu schöpfen, die sie ab Montag wieder erwarten. Übermüdet lassen sich schwerlich kluge Entscheidungen treffen. Und die Politiker haben nicht nur Verantwortung, sondern werden auch als Vorbilder wahrgenommen. Wie können sie das sein, wenn sie keine Zeit für ihre Familien, ihre Hobbys und für sich selbst haben? Aber was machen dann diejenigen, die die Politik ehrenamtlich betreiben? Viele Lokalpolitiker üben nebenher einen anderen Beruf aus und können sich nur am Wochenende politisch engagieren. Kann also wirklich jeder

Sonntag frei sein? Die Forderung der Politiker ist sicher hoch und müsste noch konkretisiert werden. Aber die Idee dahinter ist eindeutig. Die Wochenzeitung »Die Zeit« bezeichnete die Idee etwas hochtrabend als »Angriff auf den Kapitalismus«. Doch es kommt nicht von ungefähr, dass es in vielen Religionen einen Tag gibt, an dem nicht gearbeitet werden soll. Nur weil wir kaum noch religiös sind, heißt das nicht, dass weise Grundsätze, die aus jahrhundertealten Erfahrungen entstanden sind, über den Haufen geworfen werden sollten. Wie genau Regelungen für einen politikfreien Sonntag aussehen könnten, steht nicht fest. Vorschläge gibt es viele, aber auf freiwilliger Basis wird sich so ein Tag nicht durchsetzen. Kein Politiker will schließlich als Faulpelz dastehen und eine Sitzung am Sonntag absagen, weil er sich gerade um seine Familie kümmert. Ein freier Wochentag würde Politiker jedoch entlasten, auch wenn er erst mal nur Berufspolitiker betrifft. Sie wären Vorbilder dafür, dass niemand, der auf seine Psychohygiene achtet, automatisch ein Nichtstuer ist – und Günther Jauch kann beruhigt sein: Seine Show würde wohl kaum durch eine solche Regelung gekippt werden.

Text

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DIE FREUNDE ISRAELS Foto: privat

AN DER UNIVERSITÄT GIBT ES SEIT ANFANG DES JAHRES DIE BUNDESWEIT EINZIGE HOCHSCHULGRUPPE DER DEUTSCHISRAELISCHEN GESELLSCHAFT (DIG). SIE WILL STUDIERENDEN EIN POSITIVES BILD VOM JÜDISCHEN STAAT ISRAEL VERMITTELN. DER HEULER SPRACH MIT DANIEL LEON SCHIKORA, DEM SPRECHER DER HOCHSCHULGRUPPE.

Interview

MICHAEL SCHULTZ

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< Daniel Leon Schikora ist Gründungsmitglied und Sprecher der Deutsch-Israelischen Hochschulgruppe Rostock.

heuler: Die DIG-Hochschulgruppe macht es sich in ihrer Satzung zur Aufgabe, »die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in allen Fragen des öffentlichen und kulturellen Lebens zu vertiefen«. Steht sie Israel kritiklos gegenüber? Schikora: Eine in dieser Satzung enthaltene konkrete, gerade für unsere Hochschulgruppe im Zentrum stehende Zielsetzung besteht darin, der deutschen Öffentlichkeit Informationen über Geschichte, Kultur und Gegenwart des Staates Israel, über Ursachen, Wirkungen und Folgen des Nahostkonfliktes und über Friedensinitiativen im Nahen Osten nahezubringen und diese zur Diskussion zu stellen. Mit Blick auf diesen Anspruch – und im Hinblick auf die Aktivität der Deutsch-Israelischen Gesellschaft seit ihrer Gründung 1966 – wäre die Vorstellung abwegig, unsere Freundschaftsgesellschaft stehe allen gesellschaftlichen Erscheinungen in Israel kritiklos gegenüber. Was unterscheidet ihre Arbeit denn von anderen Freundschaftsgesellschaften? Die DIG wird – im Unterschied z. B. zur Deutsch-Britischen Gesellschaft – zwangsläufig nicht nur als eine kulturelle, sondern auch als eine dezidiert politische Vereinigung wahrgenommen. Tatsächlich sieht die DIG-Hochschulgruppe einen ihrer Themenschwerpunkte im Bereich der politischen Bildung: Es geht uns um die öffentliche Auseinandersetzung mit bestimmten, den Nahostkonflikt und Israel betreffenden Vorurteilen und Stereotypen, die in der deutschen Öffentlichkeit weitverbreitet sind, was den freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Völkern zuwiderläuft.

Web

http://tinyurl.com/d6tvbpr

Das klingt zunächst sehr neutral. Wie bewertet die Hochschulgruppe denn Israels Palästina-Politik? Zwei Aktivisten – drei Meinungen. Dieses Prinzip kommt nicht nur in der gesamten DIG, die bundesweit mehrere Tausend Mitglieder umfasst, zur Geltung, sondern selbst in


unserer noch relativ kleinen Hochschulgruppe. Meiner Überzeugung nach kann ein dauerhafter Frieden nur erreicht werden unter den Bedingungen der gegenseitigen Anerkennung Israels einerseits und eines zu gründenden palästinensischen Staates andererseits.

theoretisch-methodischen Fundus seiner Disziplin! Es wäre daher tatsächlich von Übel, wenn eine Hochschulgruppe sich dazu hinreißen ließe, aus »politischen Gründen« darauf zu verzichten, Potenziale – und auch Grenzen – wissenschaftlicher Kommunikation kritisch zu reflektieren.

Woran scheitert dieser Anspruch aus Ihrer Sicht? Derzeit fehlt der Regierung Israels auf palästinensischer Seite ein (institutioneller) Gesprächspartner, der bereit und in der Lage wäre, denjenigen Kräften wirkungsvoll entgegenzutreten, die nach wie vor offen die Auslöschung des jüdischen Staates propagieren. Ungeachtet der viel kritisierten Einbeziehung auch rechtskonservativer Kräfte in israelische Regierungen sehe ich als Grundkonstante der vergangenen Jahrzehnte die folgende fundamentale politisch-kulturelle Bruchlinie zwischen Israel und Palästina: Ein demokratisch-verfassungsstaatlich organisiertes Gemeinwesen, das als jüdische Republik auch 1,5 Millionen nichtjüdische Araber – ein Siebtel der israelischen Bevölkerung – staatsbürgerlich integriert hat, steht einer Gesellschaft (oder, mit dem Westjordanland und dem Gazastreifen, zwei) gegenüber, deren Repräsentanten es durchweg für völlig legitim halten, als eine Vorbedingung für einen Frieden den Abbau aller jüdischen Siedlungen im Westjordanland zu fordern. Im Klartext: Das Territorium des von ihnen angestrebten souveränen Staates soll »judenfrei« sein.

Mit sieben Mitgliedern ist die Hochschulgruppe vergleichsweise klein. Ist es möglicherweise schwer, andere für ihren klaren proisraelischen Kurs zu begeistern? Unter Studierenden der Politikwissenschaft und der Theologie stieß die Gründung unserer Gruppe teilweise auf ein sehr reges Interesse. Dabei wurde auf der einen Seite erfreut zur Kenntnis genommen, dass wir das hochschulpolitische Spektrum um eine parteiunabhängige Gruppe erweitert haben und dass diese Gruppe – in Anbetracht des Interesses vieler Studierender an Israel und dem Nahostkonflikt – eine gravierende thematische »Lücke«

Sie ergreifen eindeutig Partei für Israel. Können Sie das als Politikwissenschaftler rechtfertigen? Wie bewerten Ihre Kollegen diesen Schritt? Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Die DIG-Hochschulgruppe ist interdisziplinär ausgerichtet, was sich bereits heute darin niederschlägt, dass sich unter unseren Mitgliedern neben Studierenden der Politikwissenschaft auch Angehörige anderer Disziplinen, etwa der Theologie, befinden. Unabhängig von meiner Disziplin bin ich als Bürger natürlich nicht an ein Neutralitätsgebot gebunden, das sich aus dem Gegenstand meines Faches ergäbe. Dies gilt für jeden politisch relevanten Bereich: Als Bürger habe ich z. B. nie Neutralität gewahrt und werde niemals Neutralität wahren zwischen der Verteidigung des bürgerlichen Rechtsstaates und Bestrebungen, seine Institutionen auszuhöhlen. Wer wie unsere Hochschulgruppe im wissenschaftspolitischen Raum auftritt, muss sich allerdings der Gefahr der Instrumentalisierung von Wissenschaft für genuin politische Zwecke bewusst bleiben. Trotzdem würde es dem gesellschaftlichkulturellen Anspruch von Wissenschaften Hohn sprechen, wenn ein Politikwissenschaftler – oder ein Theologe –, unter Berufung auf die Trennung von Politik und Wissenschaft, sozusagen als »NurPolitiker« handeln würde, unter Missachtung des

»Meiner Überzeugung nach kann ein dauerhafter Friede nur erreicht werden unter den Bedingungen der gegenseitigen Anerkennung Israels einerseits und eines zu gründenden palästinensischen Staates andererseits.« geschlossen hat. Auf der anderen Seite teilten uns Kommilitonen mit, sie ständen unserem Anliegen skeptisch oder ablehnend gegenüber. In diesem Zusammenhang fiel auf, dass es so manchem Kommilitonen der Politikwissenschaft schwerfiel zu verstehen, dass es sich bei der Gründung einer der deutsch-israelischen Freundschaft verpflichteten Hochschulgruppe nicht um eine parteipolitisch motivierte Angelegenheit handelt. So wurde unsere Gruppe anfangs ernsthaft sogar als eine Art Konkurrenz zu den bestehenden parteigebundenen Gruppen eingestuft. In der Theologischen Fakultät wurde die Gründung der Hochschulgruppe sogar in der Professorenschaft ausdrücklich begrüßt. Richtig. Und DIG-Präsident Reinhold Robbe unterstrich im Zusammenhang mit der Gründung der Rostocker DIG-Hochschulgruppe – der ersten in der Republik –, das Potenzial weiterer israelsolidarischer Hochschulgruppen sei groß. Er verwies auf Notwendigkeit und Aktualität »klarer Zeichen nicht zuletzt angesichts von Boykottaufrufen gegen israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler«.

Sie beziehen klar Stellung für Israel. Müssen die Mitglieder Anfeindungen aus dem rechten Lager befürchten? In Rostock wurden wir in einem Fall von neonazistischer Seite direkt angefeindet. Als die DIGHochschulgruppe die Neuauflage der Kampagne für eine Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße in Rostock-Toitenwinkel verurteilte – aus unserer Sicht ein infamer geschichtspolitischer Angriff auf die öffentliche Erinnerung an einen jüdischen Antifaschisten –, berichtete die »Ostsee-Zeitung« relativ ausführlich über unsere Stellungnahme. Daraufhin wurden wir in einem in der Online-Ausgabe der OZ veröffentlichten Leserbrief eines Neonazis (oder eines Kabarettisten) beschuldigt, durch unsere Parteinahme für die Ilja-Ehrenburg-Straße den Antisemitismus zu fördern. Ihr Ansinnen, für Israel zu begeistern, könnte auch unter gemäßigten Bürgern zu einem Imageproblem werden. Wer sich heute in Deutschland öffentlich für die deutsch-israelische Freundschaft und für eine Vertiefung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern einsetzt, muss mit scharfer Kritik und auch mit Anfeindungen rechnen, die keineswegs nur von Neofaschisten ausgehen. In einem politischen Klima, in dem es sich der Vorsitzende einer staatstragenden deutschen Partei leisten kann, gegen Israel unbegründet den Apartheid-Vorwurf zu erheben, ohne am nächsten Tag zum Rücktritt gezwungen zu werden, wundert es nicht, dass die Israel-Solidarität vielfach als eine Art RassistenLobby verortet wird. Demgegenüber geht das »Palästinensertuch« als Accessoire des Antifaschismus und des Antirassismus durch. Wir lesen überraschend oft Pressemitteilungen von Ihnen. Arbeitet die Hochschulgruppe auch darüber hinaus? Wir hatten uns zum Zeitpunkt unserer Gründung vorgenommen – abgesehen von unserer monatlichen Stammtischrunde –, im zeitlichen Rahmen des Sommersemesters mehrere Vortragsveranstaltungen durchzuführen. Unsere erste Vortragsveranstaltung mit Dr. Tilman Tarach am 15. Mai auf dem Campus zum Thema »Feindbild Israel – Antisemitische Stereotype im Nahostkonflikt« wurde von knapp 50 Studierenden besucht. Am 3. Juli werden wir in einem ähnlichen Rahmen einen Vortragsabend mit dem Publizisten Justus Wertmüller zum Thema: »Ist die ‚Israel-Solidarität‘ gescheitert?« ausrichten. Darüber hinaus planen wir derzeit eine Israelreise, ein Projekt, für das sich auch eine hochschulgruppenübergreifende Zusammenarbeit anböte. Vielen Dank für das Gespräch.

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KULTUR FOTO: MICHAEL SCHULTZ

TROMMELWIRBEL ... Was haben Edison, Goya und Beethoven gemeinsam, abgesehen von ihrer Hypakusis? Was ist eine Hypotenuse? Wie hat Stephen King 50 Bestseller geschrieben? Und etwas anderes: Ist reich sein unverantwortlich? All das und vieles mehr wird nicht in diesem Heft behandelt, weil es uns überhaupt nicht interessiert hat! Ach, lieber heuler-Leser, Willkür ist wie ein Haarschnitt: Man weiß nie, was man bekommt. Meistens ist es schlechter. Spaß macht der Kulturteil trotzdem! ALFONSO, Ressortleiter


MINITOMTE MADSENPOSTER MINITIMER KATZENPOSTER STEHEN FÜR GUTE ROSTOCKER MUSIK. ERST IM MÄRZ GEWANNEN DIE FÜNF DEN CHESTERFIELD / F6-MUSIC-VORAUSSCHEID. SIEGEN SIE NUN AUCH IN DEN LETZTEN RUNDEN, WINKT IHNEN SOGAR EIN PLATTENVERTRAG BEI EMI MUSIC. DER HEULER SPRACH MIT STEPHAN, THOMAS, FLORIAN, ARNE UND HANNES ÜBER ELEFANTEN, SCHUBLADEN UND IHRE INSPIRATION.

Interview

MAREI STADE

heuler: Wo kommt ihr an diesem sonnigen Abend gerade her? Stephan: Vom Einkaufsladen. Also Supermarkt. Arne: Ich habe mich gerade tatsächlich frisch aus dem Bett gepellt. Rockstarleben? Arne: Mittagsschlaf. Thomas: Ich war beim wöchentlichen Thrombozyten-Aderlass, habe zu Hause etwas eingeschmissen und bin dann hergefahren. Mit »eingeschmissen« meine ich natürlich etwas zu essen. Aderlass – ihr seid prototypische arme Musiker? A: Sozusagen. Bei Thomas ist es tatsächlich die Haupteinnahmequelle, seinen Körper in Form von Blut und Thrombozyten zu verkaufen. Ansonsten sind wir klassische Studenten. Ich studiere Geschichte und Sozialwissenschaften auf Lehramt. S: Ich Sonderpädagogik und darstellendes Spiel. T: Maschinenbau. A: Die anderen beiden sind BWLer und Politikstudenten. Also seht ihr eure Zukunft eher im nichtmusikalischen Bereich? T: Es wäre wohl unangemessen, in unserer Situation zu sagen: Wir machen jetzt nur noch Musik und hoffen, dass wir damit den Rest unseres Lebens Geld verdienen können. A: Aber wir würden schon gern. Den Wunschtraum Musik haben wir wohl alle. Aber davon, dass das klappt, kann man ja nicht ausgehen und muss sich deshalb ein sicheres Standbein erarbeiten. S: Wenn wir uns für Festivals bewerben, sehen wir auch, dass es sehr viele sehr gute Bands gibt. Die Plattenfirmen und Labels haben da genug Auswahl. Das ist eine Lotterie, in der wir nicht unbedingt gewinnen.

Was gibt es denn inzwischen Neues? A: Ganz aktuell ist unsere neue EP, die wir am 16. Juni veröffentlichen. Und dazu unser erstes Musikvideo, das wir vor einem Monat gedreht haben. Im Sommer dann erste Festivalgigs, am 26. Juli das Helene Beach Festival in Frankfurt/Oder, am 2. Juni Open Air in Potsdam. S: Richtig freuen tun wir uns auf unsere zweite Tour, die bis nach Weimar geht. Das wird anstrengend, aber auch sehr schön. Das Video haben wir an einem Wochenende gedreht, und zwar in einem Kino in Güstrow, in einer Werkstatt, auf einem Elefantenhof und in Wismar, dann noch nachts in Berlin und nach drei Stunden Schlaf ein paar Morgenstimmungsszenen über den Dächern von Berlin. Im Video sind wir unterschiedliche Charaktere, die durch Arne verbunden werden. A: Denn ich bin Kfz-Mechaniker mit einer Leidenschaft für Amateurfilme und suche und finde interessante Menschen in den anderen Jungs. Thomas ist z. B. ein Schornsteinfeger mit Passion für die Malerei, ein unentdeckter Künstler. T: Eigentlich habe ich das aufgegeben, aber durch die Eindrücke über den Dächern von Berlin fange ich wieder an zu malen. Dieser Wendepunkt ist bei jedem Charakter wiederzufinden. S: Auch beim abgefuckten Zirkusdirektor (ich), der morgens restalkoholisiert aus seinem Wohnwagen steigt und sich dann wieder normal alkoholisiert und dessen Show nicht mehr läuft, weil keiner mehr in die Manege kommt. Aber dann findet Arne mich nach einem Absturz und ich kriege das Ruder herumgerissen und der Zirkus läuft wieder. Ich durfte sogar auf einem Elefanten reiten. A: Auf dem Rüssel. Das Ganze wurde von zwei Freunden von uns, Andreas Hieronymus und Stephan Buske, in Szene gesetzt und gedreht. Beide kennen wir schon ewig und sie haben auch bereits Videos für Beta Test und Sun of a Gun gemacht und mehrere Preise gewonnen. Ist der Plot von euch? S: Arne und ich haben zwar während eines Kreativwochenendes in Wismar ein Konzept entwickelt, das ließ sich aber aus logistischen Gründen nicht umsetzen – Statisten, Kostüme, historische Fahrzeuge. Es wurde daher verworfen und durch ein neues von

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Wie muss man sich so einen Filmdreh vorstellen, läuft da die ganze Zeit eure eigene Musik im Hintergrund? T: Fast gar nicht. An welcher Stelle des Songs man sich gerade befand, wusste man als Schauspieler beim Dreh gar nicht. Wir konnten auch nicht sagen: Das sieht cool aus, da würden wir gerne drehen, weil die beiden, Andi und Stephan, schon aus Erfahrung wissen, an welchen Ort man zu welcher Tageszeit muss. Wir haben hauptsächlich herumgestanden und gemacht, was sie gesagt haben. Es gab auch Szenen, in denen Textzeilen von den Lippen abgefilmt wurden. Und um das eindrucksvoller zu gestalten, sollte das im echten Video in Zeitlupe sein, das heißt, es musste in doppelter Geschwindigkeit eingesprochen werden. Also wurde eine Aufnahme von Arnes Gesang auf die doppelte Geschwindigkeit gepitcht, um eine Vorstellung zu haben, wie schnell man seine Lippen bewegen muss, was für großes Gelächter sorgte. S: Das war die erste Szene 6 Uhr morgens in Güstrow, wir alle hatten nur zwei Stunden geschlafen. Ich stehe vor der Kamera und soll mit leerem Blick aus dem Wohnwagen steigen. Meine Zeile ist »so sehr versunken«, was ich in Micky-MausGeschwindigkeit singen musste, während die anderen im Hintergrund sich alle beeierten. T: So schlumpfmäßig kann man sich das vorstellen. A: Das ist der einzige Moment mit Musik, weil es eben kein Performance-Video ist. Reine Story ohne Instrumente. Welche Kooperationen mit anderen Künstlern gibt es denn neben diesem Filmprojekt? A: In den letzten drei Jahren haben wir ein relativ

gutes Netzwerk aufgebaut, was befreundete Bands und Künstler angeht. Bei Konzerten ist es generell sehr wichtig, sich mit Bands gut zu stellen. Mit Sun of a Gun teilen wir uns den Proberaum, mit Beta Test haben wir schon oft zusammen gespielt und durch die Touren lernen wir auch neue Leute kennen. Wir helfen uns untereinander, z. B. beim Finden von Konzerten. Es gibt schon einige Bands, mit denen man gerne zusammenarbeitet, wo es musikalisch und menschlich passt. Das Erstlingswerk der Minitimer aus dem Jahr 2011 wird noch im Juni durch die neue EP ersetzt.

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Andi ersetzt, mit dem wir gut leben können. So ist es ein Episodenfilm statt einer Lebensgeschichte geworden. Und die Elefanten? A: Das war eine Idee von Stephan und Andi, die einen Elefantenhof in Parchim kannten und den Dreh dort organisiert haben. S: Es war eine ganz normale Vorführung mit Publikum, das aber vorher darüber informiert wurde, dass wir zwischendurch kurz drehen. Es musste alles sehr schnell abgedreht werden und ich konnte zwei bis drei Minuten lang auf die Bühne, wo mich der Elefant durch die Gegend getragen hat. Danach durften wir noch im leeren Zelt sowie am Elefantengehege drehen und dann fing es an zu regnen, was perfekt war für die Stimmung, die wir brauchten. Überall waren die Leute sehr freundlich und hilfsbereit. Einmal musste ein Auto verschoben werden, weil es nicht in der Sonne stand, als wir für die Aufnahme mit dem Kfz-Mechaniker Licht brauchten. Der Chef des Kfz-Werkes kam mit einem Gabelstapler, hat für uns den alten Wartburg in die Sonne geschoben und das Ding dabei völlig demoliert.

Web

tinyurl.com/btgeb9s

Es ist also weniger Konkurrenz oder Wettbewerb mit anderen Bands? A: Konkurrenz ist für das Musikmachen eher schädlich. Natürlich gibt es Bands, die man persönlich nicht leiden kann oder deren Musik man nicht mag. Wir arbeiten letztendlich mit den Leuten zusammen, die wir mögen, und da gönnt man auch dem anderen etwas. Ich freue mich, wenn es für die anderen klappt, so wie auch umgekehrt. Alle unterstützen sich. Wir wollen Spaß haben und das geht ohne Konkurrenz am besten. T: Die meisten Bands in Rostock sehen das genauso. Bisher gab es noch nie Feindseligkeiten hinter der Bühne. Alle gehen respektvoll und freundschaftlich miteinander um. In welche Schublade würdet ihr denn eure Musik einsortieren? S: Deutschsprachiger Indie-Pop! Und ihr tut eure Musik auch gerne in die Schublade? Es gibt ja viele Bands, die sagen: Wir machen aber unterschwellig auch noch ein bisschen Jazz!

S: Man erfindet ja nichts neu heute. Man kann höchstens Sachen, die es schon mal gab, innovativ kombinieren. Deswegen gibt es immer zumindest eine große Schublade mit der groben Richtung. Da habe ich nichts gegen. T: Und gerade bei Popmusik ist es gar nicht notwendig, sich so in Szene zu setzen. Wir haben ja die Gitarre nicht neu erfunden. Das Schlagzeug auch nicht. Es ist also nichts, was sich unglaublich abhebt von etwas, was es schon einmal gab. Bei uns überzeugt das Gesamtkonzept. A: Das Wichtigste: Unsere Songs dauern im Schnitt vier Minuten, sind zu 99 % im Viervierteltakt gehalten und folgen der eingängigen Popstruktur von Strophe, Refrain, Strophe, Refrain … S: … Mittelteil, Refrain, Refrain, Ende. Ist das gewollt und achtet ihr auch bewusst darauf, dass dieses Muster eingehalten wird? S: Teils. Es kann schon sein, dass die nächsten Aufnahmen auch experimenteller werden. Vielleicht langweilen wir uns irgendwann mit der Musik, die wir jetzt machen. Wäre auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Im Moment sind wir sehr nah an der Popstruktur dran. T: Pop ist inzwischen für uns nicht mehr so negativ belegt wie früher. A: Bei uns stehen die Gitarren im Vordergrund und wir haben damit unseren Stil gefunden. Wenn wir feststellen: Da fehlt noch etwas, was wir mit drei Gitarren nicht ausfüllen können, dann kann das auch gerne eine Trompete, ein Klavier oder ein Synthesizer sein. Entsteht eure Musik hier im Proberaum durch Improvisation oder bringt jemand einen fertigen Text mit, den er gern vertont haben möchte? A: Mittlerweile unterschiedlich. Früher haben Stephan oder ich einen fast fertigen Song mitgebracht und die übrigen Instrumente wurden dazu arrangiert. Auf der neuen EP sind zwei Songs gemeinsam im Proberaum entstanden. Das hat gut funktioniert und das werden wir wohl weiterverfolgen. Wie würdet ihr diese musikalische Entwicklung beschreiben? A: Die neue EP ist lauter, ausgefeilter, weniger seicht und geht mehr nach vorn. Die letzte war doch relativ ruhig und die Texte etwas einseitig. T: Liebe. A: Auch. Sehr beziehungsorientiert. Es gibt ja gefühlsmäßig immer etwas zu verarbeiten. Aber irgendwann ist auch mal alles gesagt. Dann gibt es neue Themen. S: Auch durch das Live-Spielen gab es eine Entwicklung, wir sind dadurch als Band zusammengewachsen. Live gut zu spielen, ist uns sehr wichtig.


Ihr habt also über die Musik zusammengefunden? A: Auf jeden Fall. S: Wir alle haben uns auch nur zufällig kennengelernt. Und hätte ich Arne nicht zufällig in der Mensa wiedergetroffen, wäre es nicht zu MTKP gekommen. Da bin ich ganz froh, dass es sich so ergeben hat. Dann haben wir uns auch privat getroffen, um etwas zu unternehmen, zu feiern etc., das hat auch dazu beigetragen. A: Aber die Musik war der verbindende Faktor. Ihr seid also keine Zweckband, sondern auch befreundet? A: Anfangs gab es Berührungsängste, aber inzwischen treffen wir uns auch völlig abgekoppelt von der Musik, um in den Urlaub zu fahren etc. Meistens sitzen wir aber hier im Proberaum oder planen und träumen. Gibt es den Wunsch, mal etwas komplett anderes zu machen? A: Mit der Band nicht unbedingt; sich sonst anderweitig auszuprobieren, ist natürlich immer schön, z. B. akustische Musik. Bei Sun of a Gun, wo wir auch noch spielen, machen wir ja schon etwas anderes. Das kommt ursprünglich aus dem Hip-Hop und ist jetzt etwas poppiger geworden. S: MTKP wird aber im groben Stil MTKP bleiben. A: So lange wie möglich. T: Das ist ja das Gute, dass man nicht sagen kann, was man in zehn Jahren macht. Solange wir damit glücklich sind, ist das in Ordnung. Auch wenn wir am Ende nur noch mit fünf Triangeln Free Jazz machen. Gibt es Musiker, mit denen ihr auf keinen Fall auf die Bühne wollen würdet? S: Revolverheld. Silbermond. Alles, was aus Castingshows herausspringt. Schlager. Produzierte deutsche Popmusik. Wir selbst wollen Mainstream auf jeden Fall vermeiden. Das ist eine lieblose, seelenlose Maschinerie. Wie würdet ihr eure Musik mit einem Wort beschreiben? S: Raue Kuscheldecke. Zwei Worte. T: Unaufgesetzt. Wir spielen keine Rolle und verkleiden uns nicht. A: Authentisch. Straßenmusik. Wir beschränken uns auf die Grundpfeiler der Rock- und Popmusik. Ohne Schnörkel.

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Die Minitimer (von links) – Thomas, Hannes, Stephan, Arne und Florian

Handygeräusch. A: Hannes (Schlagzeug) hat sich gerade entschuldigt, dass er später kommt. Einzelverhöre findet er immer sehr angenehm. T: Er ist soziophob. A: Und sehr schweigsam. Inzwischen hat er auch keine Angst mehr vor uns. Hannes ist später zur Band dazugekommen. In der ersten Probe hat er nichts gesagt außer »Hallo« und »Tschüss«. T: Inzwischen ist er aber sehr aufgetaut. A: Genau. Die zwei Jahre mit uns haben ihn mürbegemacht. Habt ihr Lampenfieber vor Konzerten? A: Haben wir alle und ist auch sehr wichtig. Stephan ist immer sehr konzentriert, Thomas bekommt einen wirren Blick, ich bin sehr sehr aufgeregt und wache zwei bis drei Tage vorher mit Herzklopfen nachts auf. S: Arne trägt die Hauptlast als unser Frontmann, er muss charismatisch sein und trotzdem gut spielen und die Texte rüberbringen. Daher ist er vorher nicht zu gebrauchen. Aber das holt er nach dem Konzert alles nach. A: Den Partyabend nach der Show nehmen wir auch sehr ernst. Auftritt Hannes. H: Hallo. A: Das ist Hannes. S: Wir haben gerade über dich gesprochen. H: Ich bin interview-scheu. Ich möchte nichts sagen. Was hilft gegen Lampenfieber? S: Vor dem Auftritt völlig andere Musik hören. Über etwas anderes reden. Essen. Bier. A: Andere Konzerte angucken. Was inspiriert euch? A: Meistens kommt eine Idee, wenn man gerade gar keine Zeit hat. S: Arne nimmt auch jeden Tag die Gitarre, das mache ich überhaupt nicht. Ich kann auch nicht behaupten, dass mich Mußestunden überfallen. T: Mir fällt oft etwas ein, wenn ich umherlaufe. Ich habe eine Klavier-App, um Melodien zu speichern. S: Wir sind keine typische Jamband, improvisieren ist für uns eher ermüdend. Unsere ruhigen Stücke kann man mit Jammen nicht so richtig hinkriegen. Das haben wir ein- bis zweimal ausprobiert und das ist nicht so unseres. Uns liegt mehr das Arrangieren und Schreiben zu zweit oder zu dritt, das Vorbereiten im stillen Kämmerlein und dann das Mitbringen. T: Jeder denkt songdienlich für sich über seinen Part im Stück nach und alles fügt sich zu einem stimmigen Song zusammen. Das ist das Gesamtpaket. Das macht uns aus.

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Foto: Marei Stade

T: Anfangs gab es aber sehr viele Baustellen in der Band. Wir kannten uns nicht richtig und wussten nicht: Wie kann ich Zweifel an etwas richtig anbringen? Inzwischen können wir über alles reden und uns so besser auf uns selbst konzentrieren. Im Ernstfall wird demokratisch abgestimmt. Deshalb ist unsere Musik jetzt besser als vor eineinhalb Jahren.


VISION EINES STADTTHEATERS ES IST EIN EWIGES HIN UND HER: DIE GEPLANTE WIEDERERÖFFNUNG DES GROSSEN HAUSES ZUM 1. JUNI WIRD AUF SEPTEMBER VERSCHOBEN, DAS SOMMERTHEATER FINDET DIESES JAHR NUR IN DER ABGESPECKTEN VARIANTE STATT. DER GEPLANTE NEUBAU FÜHRT ZU REGELMÄSSIGEN DISKUSSIONEN. WIR HABEN MIT ANDREA FONK, ZUSTÄNDIG FÜR ÖFFENTLICHKEITSARBEIT, UND JÖRG HÜCKLER, SCHAUSPIELDIREKTOR AM VOLKSTHEATER ROSTOCK, GESPROCHEN.

Wirklich gut klingen die neuesten Entwicklungen im Theaterbetrieb nicht: Nach der Schließung des Großen Hauses im Februar des letzten Jahres sind die Baumaßnahmen immer noch nicht abgeschlossen. Das Theaterzelt wurde abgebaut und die in den letzten Monaten dafür aufgewendeten Kosten lassen die Anmietung der Halle 207 für die Sommerbespielung wohl nicht mehr zu, wodurch Zuschauereinbußen zu erwarten sind. Die Wiederaufname der erfolgreichen »West Side Story« wurde auf September verschoben und das Schauspiel muss mit seiner Sommerproduktion »Spuk unterm Riesenrad« von der Halle 207 nun in das viel kleinere Theater im Stadthafen umziehen, wo nur ungefähr die Hälfte der Besucher Platz findet. Ein reger Personalwechsel lässt ebenfalls Raum für Spekulationen: Sechs Schauspieler haben freiwillig ihren Vertrag auslaufen lassen, ebenso der Schauspieldirektor Jörg Hückler, der darin das einzige Mittel sieht, sich nicht durch fehlende Kompromissbereitschaft seitens der Theaterleitung weiter im Kampf um das Haus gesundheitlich aufreiben zu lassen. Der Intendant Peter Leonard wird ebenfalls 2014 gehen. Das klingt alles irgendwie nach Aufgabe. Doch warum dauern die Umbauarbeiten des Großen Hauses so lange? Jörg Hückler zufolge werde nicht zu wenig gearbeitet, sondern man habe sich verkalkuliert. Als das Volkstheater noch unter der Obhut der Stadt stand, wurde jahrzehntelang nicht viel an der Bausubstanz getan. Mit dem Übertritt in die GmbH kamen plötzlich neue Brandschutzbestimmungen zur Anwendung. Noch vor 20 Jahren seien Brandsituationen völlig anders

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bewertet worden, so Hückler. Nachdem sämtliche Räume des Hauses mit Sprenkleranlagen ausgestattet worden waren, war plötzlich fraglich, was bei gleichzeitigem Brand und Stromausfall passieren würde. Um auch diesem Sonderfall vorzubeugen, muss also noch nachgerüstet werden. Durch eine Sondergenehmigung durften zunächst die Büroarbeiten wieder aufgenommen werden. Aber ab August müsse dann wieder geprobt werden, das sei fest eingeplant, so Jörg Hückler. Zusätzlich wird auch der Foyerbereich mit neuer Farbe und Lampen optisch aufgewertet. Eine ständige Diskussion: der Theaterneubau. Das ortsunabhängige Konzept des Geschäftsführers Stefan Rosinski wurde bereits der Bürgerschaft und der Öffentlichkeit vorgelegt. Andrea Fonk und Jörg Hückler sind voller Hoffnung, dass mit dem Konzept endlich bestimmte Automatismen in Gang gesetzt werden, auch wenn die veranschlagten 56 Millionen Euro vielleicht nicht durchsetzbar sind. Rosinskis »Vision eines Stadttheaters« soll das Theater für die Stadt offener, den Menschen zugewandt machen. Weiterhin ist ein Vierspartenhaus mit zwei Sälen geplant, wobei der größte Saal rund 800 Besuchern Platz bieten soll; dazwischen wären die Gewerke wie Maske und Kostüm verortet. Es sollen mehr Premieren stattfinden, wobei der Fokus aber auf dem Musiktheater liege. Nach dieser Konzeptlegung ist nun schnelles Handeln erforderlich. Denn da die Brandschutzmaßnahmen nur bis 2018 genehmigt sind, müsse ein Neubau bis dahin stehen, sonst gäbe es auch kein Theater mehr, sagt Hückler. Text

STEFFIE KRAUß

DAS KINO IM KINO DAS LICHTSPIELTHEATER WUNDERVOLL (LIWU) HAT SEINEN STANDORT GEWECHSELT UND VERFÜGT NUN SEIT ANFANG MAI ÜBER EINE NEUE ADRESSE. DAS EHEMALIGE METROPOL-THEATER IM BARNSTORFER WEG 4 IST VORÜBERGEHEND DAS NEUE ZUHAUSE FÜR DAS ETWAS ANDERE KINO. Anette Kellner, Geschäftsführerin des LiWu, klatscht in die Hände. Es schallt. »Wir benötigen dringend eine Baufirma, die uns den Raum mit Dämmwolle verkleidet, damit die Akustik stimmt«, sagt sie und schaut sich den großen Raum an. Nach zwei Jahren Filmerei in der Maßmannstraße heißt es nun für das LiWu umziehen, Grund: Der Mietvertrag wurde von der Geschäftsleitung nicht verlängert. Auf die Frage, wann das Kino wieder eröffnet, ist ein Achselzucken die Antwort. Trotz der baulichen Maßnahmen und Verschönerungen, die an den Räumlichkeiten noch vorgenommen werden müssen, sehen Anette Kellner und ihr Team zuversichtlich in eine neue Zukunft ihres Kult-Kinos. Für die Findung des jetzigen Standortes wurden

Vor- und Nachteile abgewogen. Mit der neuen Adresse knüpft das LiWu an eine alte Tradition an, denn schon Jahre zuvor existierte an gleicher Stelle ein Kino, das noch heute für viele Rostocker unter dem Namen Metropol bekannt ist. Wegen der damit verbundenen schönen Erinnerungen befürwortet Anette Kellner diesen Standort. Für das Stammpublikum und neue Besucher des Kinos wird das LiWu den gewohnten Charme sowie seine Vielfalt an Filmen, ob in originaler oder in deutscher Sprache, beibehalten – abseits vom bekannten Mainstream und immer ein bisschen individuell. Wie lange das LiWu und seine Mitarbeiter das Metropol bewohnen werden, hängt von den baulichen Arbeiten an der Frieda 23 in der Friedrich-

straße ab, dem eigentlich beabsichtigten Wohnsitz des Kinos. Ein genaues Datum gibt es noch nicht – vielleicht Ende 2013 oder Anfang 2014. Das Einzige, was gesagt werden kann, ist, so Anette Kellner: »Wir ziehen dann um, wenn die Frieda fertig ist.« Klingt logisch. Text

KAROLIN MÜLLER


PRO Text

STEFFIE KRAUß

Im Zeitalter der überwiegend sinnlosen Fernseh- und Kinobeschallung suchen einige das Besondere in der kunstvollen Auseinandersetzung mit Stoffen auf dem Theater. Theater lebt wie ein Konzert von den spürbaren Emotionen auf der Bühne. Nicht die Nahaufnahme einer Kamera transportiert uns diese, sondern einzig und allein der Darsteller vor uns. Aber gerade das macht den Reiz dieser Kunstform doch aus. Es ist sicher fragwürdig, ob an unserem Stadttheater mit wenig Mitteln immer hohe Kunst hervorgebracht werden kann. Und ein Theaterstück, das alle begeistert, gibt es selten. Oft muss man sich entscheiden: Mehr Zuschauer durch bekannte Stücke und »Gassenhauer« ins Theater locken oder die hohe Kunst reproduzieren, die vielleicht nur wenige interessiert? Gerechtfertigt muss beides sein. Gerade für Schüler und Studenten ist Theater wichtig. Die Aufführung auf der Bühne macht den Zugang zu unpopulären Klassikern wie dem »Schimmelreiter« manchmal erst möglich. Ein anschließendes Gespräch mit Schauspielern, Dramaturgen und Regisseuren bietet außerdem die einmalige Gelegenheit, sich einem Stück auf eine andere Weise zu nähern. Deshalb ist eine Stadt ohne Theater für mich nicht lebenswert!

THEATER BRETTER, DIE DIE WELT BEDEUTEN, ODER ÜBERTEUERTER SCHLAFPLATZ?

CONTRA Text

Illustration:

cke

Björn Giese

HENNING WÜSTEMANN

Jenes Stadttheater Stadttheater, das sich hauptsächlich dem Rezipieren klassischer Werke widmet und mit der Außenwelt am besten nichts zu tun haben will, hat sich überlebt. Es entstammt einer Elitekultur, die in unserer demokratischen Gesellschaft keinen Platz mehr hat. In Rostock gibt es eine Vielfalt an freien Kulturstätten, die mit innovativen Ideen kulturelle Öffentlichkeit schaffen. Sei es das Peter-Weiss-Haus, die Frieda 23 oder die in diesem Heft vorgestellte Rostocker Schule. Alle kämpfen sie um finanzielle Mittel und die Öffentlichkeit, die sie zum Überleben brauchen. Knapp 1,5 Millionen Euro hat das Volkstheater im letzten Jahr bekommen, mehr als für den gesamten Rest des Kulturetats ausgegeben wurde. Wird das seiner Bedeutung für die Stadt gerecht? Warum gibt es keine Onlinemediathek, keine vernünftige Zusammenarbeit mit der Uni, mit der HMT, mit der freien Theaterlandschaft? Will das Theater überleben, muss es sich neu erfinden, sich wiederfinden, eingebunden in einem Netzwerk kultureller Institutionen und Ideen. Es kann Innovationen aufnehmen und Synergien schaffen. Dazu muss es aber zu den Menschen gehen und darf sich nicht länger im Elfenbeinturm sitzend wie selbstverständlich von der Stadtgesellschaft alimentieren lassen.

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Grafik: Björn Giesecke

WE MET ON A PLANE

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WERBESLOGANS THEATRALISIEREN UNSER LEBEN, OHNE UNS ZU KENNEN. EINE WEITVERBREITETE WERBEFLOSKEL, SO ENERGISCH WIE SCHICKSALHAFT, HAT ES INZWISCHEN GESCHAFFT, NOCH MEHR ALS SATURNS GEILHEIT ZU NERVEN. ES IST YOU.

Es war eine dieser Dreierreihen, ich am Fenster und am Gang mit Eastwood-Miene und Pingos. Ich (A, ein octogénaire de den ganzen Flug über einige Male zum am Fenster) würlen, wo unsere Jacken und Einwegkopfhörer leeren Platz B schielagen, und von da aus unter ungemeiner mentaler Kraftaufbringung weiter zu Platz C (dem Opa), in der Erwartung, dass mir etwas Gesprächszündendes einfallen möge. Aber nichts. Viele Stunden später stieß ich in dem Buch, das ich gerade las, auf eine Nebenfigur fortgeschrittenen Alters, und dann – ich hatte es endlich – in der Absicht, die glaziale Entfernung dieser drei von Lufthansa designierten Buchstaben zu durchstoßen und ein neues, unbeflecktes Gespräch mit dem Unbekannten anzufangen: »Entschuldigen Sie bitte? Was ist ein ‚Glaukom‘?« Aber nein, irgendwas sagte mir, dass das nicht der richtige Weg war, das Gespräch anzugehen, und ich fragte dann also doch nicht. Auf dem freien Platz zwischen uns hätte eigentlich – wenn man Sonntag16-Uhr-Ausstrahlungen mit Meg Ryan in der Hauptrolle etwas Wahrheit zuspricht – die Liebe meines Lebens gesessen, hellbrünett mit Kussmund; wir hätten uns im Flug ineinander verliebt und ein paar Familien gegründet. Oh ja, ganz sicher. Weil es aber nicht so kam, hatte ich genügend Zeit, um über E nachzudenken und mc² und über das Schicksal der Menschheit. Aber auch (und weitaus einfacher für mich) über Profanitäten wie Lufthansas neuen Werbespruch »Nonstop you«. Dr. Herbert von Matz-Fuller von der Presse- und Medienarbeit erklärt letztere Hälfte des Werbespruchs folgendermaßen: Die Kampagne mache ein Versprechen »für alle erlebbar«. »Erlebbar«, auch so ein inflationär gebrauchtes metaphysisches Schwergeschütz. Und doch: Geniale Lösung, 28 Millionen Euro für ein Personalpronomen zu investieren, das laut Mannheimer Fachliteratur von der Sprachgemeinschaft dazu entwickelt wurde, »(un)bekannte Personen, Individuen, Träger eines einheitlichen, bewussten Ichs« anzusprechen. Und weil das englische Wort gleich den Plural mit einschließt, sind auch Schizophrene mit mehrheitlichem Ich eingebunden und

können zusammen was erleben. Wieso geben sie dieses Geld nicht aus, um mich mit dem brünetten Model zu verkuppeln? Ich wäre dann ein zufriedener you-Kunde, würde auch nichts hinterfragen. Man muss sich – Tatsache – heutzutage schon öfter von irgendwem youzen lassen: »Clooney, Obama and YOU« (Die Demokraten). »Meet YOU there« (Sheraton). »Bleib, wie DU bist« (Targo Bank). Einige Kunden – und wahre Verfechter der Neuen Akkuratesse – schlagen in einem Forum die Optimierung des Spruchs auf »Nonstop f*** you« vor. Ich verstehe das; ich will auch nur fliegen und keinen psychologischen Stresstest machen. Und warum eigentlich »nonstop«? Ich brauche doch auch mal eine Pause von mir. Mein Lösungsvorschlag ist so einfach wie verblüffend: Ehrlichkeit. So wie einst vom »Süddeutsche«-Ökonom Karl-Heinz Büschemann nicht ohne Pathos gefordert: »Mehr Ehrlichkeit wagen.« Es gibt doch aktuell zwei Lager in der Werbebranche. Ich bezeichne sie hier als YOU und GEIL. Die weniger ehrlichen Menschen ersterer Gruppe, etwa Lufthansa und Clooney (als Fan sage ich »Sorry, George«), kennen mich doch noch gar nicht. Dafür aber ihre Produkte. Folglich können sie mir versichern, wie gut es um ihre Produkte steht. Das glaube ich ihnen eher, als wenn sie mir etwas über mich erzählen. Warum nicht etwas wie »Lufthansa: Fliegen. Aber geil«, oder »Obamas geile Spendengala«, geile Gala ist doch werbereif, oder? Zumal eine einfache Alliteration – und damit immer noch besser als (Kunden-)Alteration wie mit diesem schnöden you-Gewäsch. DU, lieber heuler-Leser, und ich, wir spinnen das jetzt weiter. »Lufthansa: Geiles Flugzeug«. Und los geht’s! Was man den Unternehmen im Jahr 2012 auf keinen Fall vorwerfen kann, ist, dass sie sich nicht um einen kümmern würden. Ich glaube fest an das halbvolle Glas und den guten Menschen. Sie wollen alle nur mein Bestes. Aber ich glaube, das bleibt auf meinem Konto. My Konto. Text

ALFONSO MAESTRO


ROSTOCKER SCHULE FERNAB DER VIEL DISKUTIERTEN HOCHKULTUR MIT THEATER UND PHILHARMONIE HAT SICH ROSTOCK IN DEN LETZTEN JAHREN ZU EINEM VERITABLEN KULTURELLEN HOTSPOT ENTWICKELT. ZU DEN NEWCOMERN DER ROSTOCKER KULTURSZENE GEHÖRT DIE ROSTOCKER SCHULE. DER HEULER SPRACH MIT ANDREAS EHRIG, EINEM REGISSEUR UND MITBEGRÜNDER DER ROSTOCKER SCHULE, UM DEM ALLES UND NICHTSSAGENDEN LABEL AUF DEN GRUND ZU GEHEN.

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Die Rostocker Schule produktiv, Filmplakate von Andreas Ehrig

Schon seit mehreren Jahren gab es in Rostock unter dem Namen »8bar Filmproduktion« ein Netzwerk Rostocker Filmemacher, die mit wenigen Mitteln größere und kleinere Filmprojekte realisierten. Seit 2008 arbeiteten sie mit der Hochschule für Musik und Theater (HMT) und dem Institut für Neue Medien (ifnm) zusammen, um mit angehenden Schauspielern Kurzfilme zu drehen und sich vor und hinter der Kamera auszuprobieren. Nach dreijähriger Filmspielarbeit an der HMT wollte man die gesammelten Erfahrungen in einer festen Zusammenarbeit weiterentwickeln und so wurde im Jahre 2011 die Rostocker Schule als Freie Filmschule Rostocks gegründet. Der Name »Rostocker Schule« wurde dabei ursprünglich von dem Regisseur und Autor Jens Becker geprägt, der als Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam tätig ist und den Rostocker Filmen einen eigenen Charakter zusprach. Dieser Begriff

wurde von den Rostocker Filmemachern dankbar aufgegriffen und seit 2011 als Label verwendet. Was ist die Rostocker Schule, was will sie und was kann sie? Ist sie, wie von Jens Becker geprägt, Ausdruck eines eigenen filmischen Stils und Charakters, ist sie eine spezifische filmische Produktionsweise oder einfach eine Zusammenarbeit von jungen Filmemachern? Offenkundig sind zunächst die praktischen Aspekte. Wo bisher jeder für sich gewerkelt hatte, sollte die Rostocker Schule als Plattform wirken, um den jungen Rostocker Filmemachern eine Bühne zu bieten und gemeinsam die schwierige Aufgabe der Finanzierung von anspruchsvollen Filmprojekten in einer strukturschwachen Region wie MecklenburgVorpommern anzugehen. Es ging also darum, aus der Zusammenarbeit der freien kreativen Szene mit der HMT und dem ifnm Synergien zu schaffen, gemeinsam Ressourcen zu nutzen und mit dem eigenen Label Mittel bei der kulturellen Filmförderung MV zu beantragen, um damit die eigenen hohen technischen Ansprüche und den kreativen Ehrgeiz tatsächlich auch in Filme ummünzen zu können. Es hieß jetzt nach den Sternen greifen, womit sich ein prägendes Merkmal der Rostocker Schule herauskristallisierte: die Herangehensweise im Charakter des Independent-Films, mit viel Euphorie und wenig Mitteln Filme mit hoher technischer Qualität zu schaffen. Eine kulturelle Strömung mit überregionaler Ausstrahlungskraft – das ist der selbstbewusste, fast schon größenwahnsinnige Habitus der Rostocker Schule. Dabei gibt es auch Ansätze zu einem gemeinsamen Stil. Aus der Zusammenarbeit mit den Schauspielern der HMT heraus sind sehr charakterfokussierte Filme mit einem starken visuellen Stil entstanden. Keineswegs gibt es aber eine thematische Einschränkung, und auch von politischem Film kann man nicht sprechen. So entstehen im nächsten Drehzeitraum vom 22. Juli bis 13. August vier Kurzfilme sehr unterschiedlicher Couleur: »Eden« – ein postapokalyptischer Science-FictionFilm, »Jasmin« – ein Freundschaftsdrama, »Alle Wege führen nach Rom« – ein Film über das Gehen und Bleiben im Nordosten Deutschlands, »Verbrecher« – eine Einbrecher-Beziehungsgeschichte. Was wird nun aus dem Pflänzchen Rostocker Schule? Soll daraus eine unabhängige Filmschule wie die »filmArche« in Berlin werden? Ist die Ausbildung das zentrale Anliegen oder das Filmemachen selbst? Wie will man sich vermarkten und bekannt machen? Es gibt dazu unterschiedliche Ansätze und Intentionen der einzelnen Beteiligten. Man diskutiert darüber, man streitet, man probiert. Wir werden das Ergebnis in ein paar Jahren sehen. Wir werden sehen, ob die Rostocker Schule ihren hohen Ansprüchen gerecht wird, wir werden sehen, ob Rostock zu einem Zentrum des kreativen Independent- und Genrefilms in Deutschland wird. Die Ergebnisse der diesjährigen Dreharbeiten werden nächstes Frühjahr wieder in einer Premiere in der HMT zu bestaunen sein, und wenn alles gut läuft auch auf nationalen und internationalen Filmfestivals. Text

HENNING WÜSTEMANN

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Text

MICHAEL SCHULTZ

AN DER MEDIEN THEKE

»Haben Sie schon mal geklatscht?« (»Klanggeste, bei der die Handflächen zusammengeschlagen werden«; Wikipedia). Klatschen kommt in den besten Familien vor. Keiner weiß das besser als der rastlose Rentnerhomie Florian S. , mit dem sich zum Wochenende die selige Lämmerherde im ZDF-Fernsehgarten auf besudelten Bierbänken regelmäßig ins Rhythmusdelirium klatscht (1–2–3–4), weil die echten Enkel lieber mit Leben als mit Sterben zu tun haben wollen. Faktencheck: Alte Leute dürfen das! Schließlich hat es da auch in ihrer Kindheit regelmäßig ohne Rhythmus geklatscht (Wange, Hintern). Faktencheck, die zweite: Die antiautoritäre Hipster-Gesellschaft darf es nicht! Klar, der intellektuelle Pöbel verlernt jegliches Taktgefühl im universitären Raum, wo klatschen als parasitärer Ungehorsam gilt . Oder als geil – »Haben Sie schon mal geklatscht?« (»Geschlechtsverkehr vollziehen, Sex haben«; Duden/Neues Wörterbuch der Szenesprachen). Das kann aber keine Entschuldigung dafür sein (NEIN!), konsequent falsch »durch ein rhythmisches Klatschen den Takt bei Musikstücken oder einem Tanz« (Wikipedia) anzugeben. Zwei Zahlen für euch: 2–4. Und aus.

»KLATSCHEN KOMMT IN DEN BESTEN FAMILIEN VOR«

GESCHMACKS POLIZEI

46 Foto: pandoraicons.deviantart.com


HANNES FALKE

Die Schlangen machen dem Fennek das Leben schwer, der sich damit konfrontiert sieht, seine heiß geliebte Wüste verlassen zu müssen. Doch ihm fällt das Halsband des Schamanen ein, welches seine einzige Rettung zu sein scheint, und er begibt sich auf einen schrägen Roadtrip, um es zu finden. Der von Lewis Trondheim erdachte und vom Zeichner Yoann zum Leben erweckte Wüstenfuchs steht am Anfang seiner Reise auf dem Bau seiner Familie und muss mit ansehen und -hören, wie zuerst eine Hyäne und dann die von ihm so verhassten Schlangen seine Mutter heimsuchen. Allerdings ist diese Frau Fuchs genug um die »kriechenden Exkremente« aus ihrer Höhle zu vertreiben. Leider kommt ihr Sohn nicht mehr dazu, seine Mutter nach dem Halsband des Schamanen zu fragen, da ein Adler sich den Fennek schnappt und ihn unweigerlich in sein Abenteuer trägt. Auf seiner Reise knüpft er Kontakte zu Vertretern der heimischen Fauna, ganz im Sinne Moglis aus dem Dschungelbuch, und begegnet den skurrilsten Gestalten dieses Lebensraumes, einem Schuppentier mit Superkräften, einem aus Häufchen wahrsagenden Papageien und seinen beiden zukünftigen Wegbegleitern: einem verplanten Erdferkel, welches an Dorie aus »Findet Nemo« erinnert, und einem fast blinden Gibbon mit Hang zum Philosophieren. Das Trio fragt, frisst und flucht sich durch die in Aquarell gehaltene Szenerie bis zum Schamanen. Die wohlüberlegte Wahl der Farben gibt dem Comic eine zugleich warme, der Wüste entsprechende als auch kühle, die abgebrühten Kommentare der Protagonisten unterstreichende Note. Das Cartoonhafte bleibt dabei keineswegs auf der sandigen Strecke. Schon gar nicht bei der fratzenhaften Darstellung des Erdferkels und dem am Ende nerdig bebrillten Gibbon. Neben den Gläsern für den Affen und Verbandsmaterial für das schlimm zugerichtet auftauchende Erdferkel gibt es für den Fennek vom Schamanen dann tatsächlich eine Lösung für sein Problem mit den »hirnlosen Würsten«. Wie genau er es in den Griff bekommt, warum das Erdferkel auf einmal Mullbinden und Pflaster benötigt und wie ein Diamant im Maul eines Nilpferds die Freunde weiterbringt, erfahren jene, die dem Fennek auf seiner Fährte folgen.

Text

Kriechende Exkremente und hirnlose Würste

LEWIS TRONDHEIM: »FENNEK«

GRAPHIC NOVEL

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Fennek Lewis Trondheim (Autor), Yoann (Zeichner) 12,00 Euro Reprodukt Verlag

Grafiken: Yoann


STEFFIE KRAUß

Nächste Vorstellungen: 22. bis 24. Juni 2012 (20 Uhr), 21. Juli (20 Uhr), Theater im Stadthafen

Das moderne, von Rot dominierte Bühnenbild passt zu den ebenso auffälligen Kostümierungen und überzeichneten Charakteren. Zentrale Themen sind Verwechslung und Chaos: Jack und Charley, zwei befreundete Studenten, sind in zwei Mädchen verliebt, denen sie ihre Liebe gestehen wollen, da diese zeitnah die Stadt verlassen müssen. Eine Party soll den beiden die erhoffte Gelegenheit bieten, bei der Charleys Tante – Donna Lucia d’Alvadorez – die Anstandsdame geben soll. Als diese jedoch ihren Besuch absagt, muss der ewige Student und Freund Lord Fancourt Babberley (Peer Roggendorf) die Tante mimen, was wirklich amüsant ist. Viele Verwicklungen und Gags sind vorhersehbar, aber einige Highlights wie die zahlreichen Songs mit Schlagercharakter lohnen den Besuch. Es werden alle komödiantischen Register gezogen und natürlich darf auch ein Fast-Nackter (Tim Ehlert) nicht fehlen. Ein heiterer Abend, der keinen hohen Anspruch verspricht. Dennoch überzeugen die Schauspieler auch in einem »Gassenhauer« von ihrem Handwerk und hinterlassen so einen überwiegend erheiternden Eindruck.

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HARUKI MURAKAMI: »1Q84«

»CHARLYS TANTE« (26. MAI 2012)

CHRISTOPH TRESKOW

»1Q84«, Murakami. Murakami, Haruki? Ist das nicht der hochgradig belesene Japaner, der diese seltsamen Buchtitel zu verantworten hat? Der die Federn der Rezensenten abwechselnd zu Schwärmerei und zur Verkündigung ihrer Ignoranz anregt? Ja, und er ist zurück mit einem kurzen, nicht weniger kryptischen Titel, bestehend aus drei Büchern, die in Deutschland zweibändig erschienen sind. Während einige noch einen orwellschen Bezug vermuten werden, bemerkt man nach wenigen Hundert Seiten, dass dieses Buch anders anders ist. Ja, Murakami und seine Schöpfungen haben uns noch etwas zu erzählen, obwohl einige Begebenheiten auch nach dem zweiten Durchgang dunkel bleiben. Plakativ wurde ihm aber die Leistung zuerkannt, das »Romeo und Julia« dieses noch jungen Jahrtausends geschaffen zu haben. Ob ihm das wohl gelungen ist? Gott oder wem auch immer sei Dank

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Parallele Katzenwelten und der Sinn des Liebens

ROMAN

THEATER

48 1Q84 Haruki Murakami 32,00 Euro Dumont Buchverlag

nicht! An reißerischen Verlagsdeklarationen zu scheitern, hat sich immerhin als eine von Murakamis Qualitäten erwiesen. Ganz sachte, quasi im Vorbeigehen, schafft es »1Q84« immer wieder, ganz unaufdringliche Existenzfragen aufzuwerfen, ohne dabei die gewisse Abgedrehtheit zu verlieren oder in kleinkörniger Sophisterei zu versumpfen. Bisherige Murakami-Leser und Katzenfreunde (was ja fast zusammenzudenken ist) können erfreut aufatmen, denn auch die beliebten Vierbeiner tauchen wieder auf. Wer nun mehr über die Trilogie wissen möchte, informiere sich im inflationären Internet – oder lese einfach die Bücher. Empfehlung ist hiermit ausgesprochen!

Foto: Dorit Gätjen


HENNING WÜSTEMANN

Foto: americanidol-blog.com

Was treibt vier junge Menschen im zerrütteten Amerika der Finanzkrise dazu, ein kaputtes altes Haus in einem heruntergekommenen Viertel von Brooklyn zu besetzen? Da ist Big Nathan, der Idealist und Antreiber der Hausbesetzung: »Er ist der Großmeister der Empörung, der Champion der Unzufriedenheit, der militante Entlarver des zeitgenössischen Lebens, der davon träumt, aus den Ruinen einer gescheiterten Welt eine neue Realität zu formen.« Miles Heller mit dem Gefühl, in die Diaspora zu gehen, tatsächlich aber aus der Diaspora wieder heimkommend: »Er sieht das als sechsmonatige Gefängnisstrafe ohne Abzug wegen guter Führung.« Ellen Brice, die sich Auswege aus sich selbst erhofft: »Ohne jeden Zweifel war es richtig, hier einzuziehen, und sie bereut es keine Sekunde, dass

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Amerika und seine inneren Dämonen

PAUL AUSTER: »SUNSET PARK«

ROMAN

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CARSTEN GRAMATZKI

Santi White, besser bekannt als Santigold (ehemals Santogold), hatte damals mit ihrer ersten Singleauskopplung »L.E.S. Artistes« des grandiosen Debütalbums »Santogold« (2008) beim internationalen Musikmarkt einen gut platzierten Fuß in der Tür, um alsbald die Musikwelt durch ihren unverwechselbaren Genreclash zu beleben und im Munde zahlreicher Virtuosen von sich reden zu machen. Nun ist sie zurück im Ohr und die Erwartungen sind groß. »Disparate Youth«, der akustische Vorgeschmack des neuen Albums »Master of My Make-Believe« (2012)

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Ein »I« so rund dem »O«?

SANTIGOLD: »MASTER OF MY MAKE-BELIEVE«

CD

Master Of My Make-Believe Santigold 13,99 Euro Warner Music

klingt vielversprechend. Nahtlos reiht sich der Song inmitten vorangegangener Stücke ein, scheint zugleich überraschend frisch und neu. Nach einem dieser wenigen Highlights stellt sich jedoch schnell Ernüchterung ein. Die für ihren Facettenreichtum bekannte Santi entpuppt sich als ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Diskrepanz ihrer Emotionen ist zu groß, die Stücke sind dadurch zu verschieden und die Übergänge dementsprechend radikal, wodurch es nicht gelingt, das Bild einer in sich stimmigen LP zu kreieren. Vielmehr ähnelt sie einem unausgereiften Mixtape, das beladen mit hitverdächtigen Tracks die Liebe zum Detail vermissen lässt und so leider als mittelmäßig zu deklarieren ist. Sofern du allerdings auf einen Longplayer, den man am Stück durchhören soll, verzichten kannst und einem bunten, energiegeladenen Mixtape, das das Tanzbein zucken lässt, nicht abgeneigt bist, dann greif zu, dreh den Bass bis zum Anschlag und lass es krachen.

Sunset Park Paul Auster Erscheint in deutscher Übersetzung am 20. Juli 2012 19,95 Euro Rowohlt

sie die kleine Wohnung in der President Street in Park Slope verlassen hat. Das Wagnis, das sie gemeinsam unternommen haben, verleiht ihr Flügel.« Und Alice Bergstrom, die einfach irgendwo unterkommen muss: »Sie war bereit, diese Bedingung auf sich zu nehmen, weil sie keine andere Wahl zu haben glaubte. Sie hatte ihre Wohnung verloren, und wie kann man eine neue Wohnung mieten, wenn man kein Geld hat, sie zu bezahlen?« Es ist ein Wagnis, keine Revolution. Zusammengewürfelt durch schiere Notwendigkeit lebt jeder seinen eigenen Traum, seine eigenen Sorgen und Hoffnungen. Zusammengehalten durch Einsamkeit und Freundschaft, durch das vage Gefühl, das Richtige zu tun, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Paul Auster schreibt eine Gesellschaftskritik ohne Pathos, schreibt sich in seine Figuren hinein, beleuchtet sie aus allen Perspektiven, ohne zu moralisieren oder zu psychologisieren. Der neueste Roman von Paul Auster ist eine fesselnde Symphonie des Lebens, die den Umständen und Erschütterungen der Zeit trotzt, lebensnah und persönlich ist, der Realismus in seiner besten Form.


02/12 DAS LETZTE

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POST SKRIP TUM Treffen sich ’ne Oma und ’n Schwarzer … Text

STEPHAN HOLTZ

Es sind das erste Mal 24° C dieses Jahr. Temperaturen, bei denen in der Straßenbahn die Metallstangen langsam zu schmelzen beginnen. Ich stehe, damit der Schweiß in geordneten Bahnen nach unten abfließen kann. Neben mir sitzt eine Oma. Ihr Alter liegt irgendwo zwischen 70 und 115. Ein vermeintlich afrikanischstämmiger Mann … Also ein dunkelpigmentierter Mensch … Na, ein Schwarzer eben betritt die Bahn. Und was für einer. Ein Hüne. Und ebendieser Frechdachs besitzt auch noch die Dreistigkeit, ebendieser Oma mit voller Wucht gegen das Knie zu stupsen. So heftig, dass er es selbst nicht einmal bemerkt hat. »Haben Sie das gesehen? Was erlaubt der sich, dieser … dieser … N…aseweis!«, erzählt wortlos das Gesicht der Dame, das nunmehr ein Geysir ist, der jeden Moment losprusten wird. Gleich bricht er aus, der alte Krieg zwischen weißer Oma und schwarzem Riesen. »Tekken« hätte keine besseren Gegner ersinnen können, denke ich noch. Doch falsch gedacht. In diesem Moment blickt der Mann in das Antlitz der Frau und erkennt sofort, dass er sie wohl berührt haben muss. Das ehrlichste und breiteste Grinsen kommt über sein Gesicht und mit sympathischem Akzent sagt er: »Escuse me.« Alle Wut fällt binnen Sekunden von der Oma ab. Wie traurig, dass die Menschen immer so schlecht voneinander denken; wie schön, dass kleine Gesten so deeskalieren können. Ich freue mich über den Gedanken, dass der Nächste, der zusteigt, die beiden ganz anders wahrnehmen wird, jetzt, wo sie sich angeregt über das Wetter unterhalten. Über Gesten, versteht sich.

TIEF IN DER MATERIE Comic

HANNES FALKE


»Ich ess Blumen« Welcher hungrige Künstler macht hier ein Picknick und wie heißt sein Sandwich? Sende die Lösung bis zum 31. Juli 2012 an redaktion@ heulermagazin.de und erbeute mit etwas Glück eine CD von Minitimer Katzenposter mit passendem MTKP-Beutel!

RÄTSEL! VON MAREI STADE

1. War mal Gras. 2. Das findet Peter lustig. 3. 2 cl Curaçao + 12 cl O-Saft. 4. Statt Sonnenbaden (5° N, 8° O). 5. Bringt Gras mit Rasur zur Räson. 6. Robbt rasend gern über Seegras. 7. Grassiert seit 1956 in der deutschen Literatur und findet Griechenlandpolitik grässlich. 8. Wirkungsort scheuen Scheusals in olfaktorischem Aroma-Roman. 9. Windbedingte Nasenplage. 10. Bison-Bruder.

Rätselrasen Die markierten Buchstaben ergeben richtig sortiert die Hälfte des Lösungswortes: Feiertag, an dem nicht nur die Bäume gerne ausschlagen. Schicke das hinterlegte Lösungswort bis zum 31. Juli 2012 an redaktion@ heulermagazin.de. Wir verlosen fünf Kästen Rostocker Pils. Viel Glück!

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heuler 98  

Ausgabe 98 des StudentInnenmagazins der Universität Rostock.

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