turi2 edition #15 – Menschen, Medien und Marken in Bewegung

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»Wer Größeres gewinnen will, muss bereit sein, Dinge zu opfern« die ist den Menschen nach wie vor sehr wichtig. Die Menschen wollen sich nicht um ihr sauer Erspartes sorgen müssen. Wir als Bank bieten einen Einlagensicherungsfonds und unterliegen der Bankenaufsicht. Mit großem Interesse blicken wir auch auf die neuen Player der Branche: Fintechs sind für uns Innovationstreiber und wichtige Kollaborationspartner. Wir haben vor einiger Zeit neue innovative Services getestet und darüber diskutiert, unter welcher Brand wir sie anbieten. Mein Argument war: Ein neues Feature genießt mit dem Label der ING schneller Akzeptanz. Die Tests haben das bestätigt. N26 packt das Banking direkt in eine einzige App. Laufen Sie als ING der Entwicklung bald hinterher? Ganz und gar nicht. Unsere „Banking to go“-App wird immer mehr zum zentralen Kontaktmedium mit unseren Kundinnen und Kunden. Wir waren bei technischen Neuerungen schon immer vorne dabei: Als wir in Deutschland starteten, waren wir zunächst der Angreifer am Markt und sind rasant zu einer beachtlichen Größe herangewachsen. Irgendwann haben wir uns gefragt: Wie können

wir wieder flexibler und schneller werden? Als Konsequenz unserer Überlegungen haben wir 2018 die Transformation zur Agilität gestartet. Ganz bewusst und aus dem Momentum der Stärke heraus. Was heißt das konkret? Wir haben die ganze Organisation einmal auf links gedreht und Senior Manager haben sich wieder auf neu geschnittene Positionen beworben. Wir wollten wissen: Wer möchte die neue Ausrichtung wirklich mitgestalten? Kritische Stimmen im Unternehmen sind gut, aber wenn man ein neues Ziel anvisiert, braucht es Zugpferde, die motiviert nach vorne gehen. Wie war die Resonanz? Eine Transformation in diesem Ausmaß hatten wir noch nicht erlebt. Da gab es sicher auch Reibungspunkte. Es ist ja auch nicht leicht, wenn die Aufgaben sich ändern, wenn das Team wechselt, wenn die oder der Vorgesetzte plötzlich ein anderer ist und von mir erwartet wird, dass ich mehr Verantwortung übernehme und autonomer agiere. In der Rückschau hat sich der Schritt für uns alle gelohnt. Warum haben Sie sich wieder neu beworben? Für mich war das überhaupt keine Frage. Ich habe diese Marke 20 Jahre lang begleitet und finde sie nach wie vor spannend. Sie ist mein Baby.

Mein Mann sagt immer: „Du hast ING auf der Stirn stehen.“ Irrtum. Ich trage sie im Herzen. Wie kommen die Mitarbeiterinnen in der neuen Arbeitswelt klar? Ich denke größtenteils sehr gut, auch wenn sich spätestens seit Corona die Rahmenbedingungen geändert haben. Die Zusammenarbeit an Whiteboards und die CoCreation, die wir schon vor Corona genutzt haben, erfordern eine ganz andere Bereitschaft, sich auf Prozesse einzulassen und auch auf komplett andere räumliche Gegebenheiten. Unser neues Arbeiten wird nach einer Rückkehr zur Normalität so aussehen: Wir werden noch mehr freie Flächen anbieten, wo sich bunt gemischte Teams treffen können, um zu brainstormen und Dinge gemeinsam zu entwickeln. Zugleich werden wir neue Rückzugsmöglichkeiten schaffen, in denen man mal in Ruhe über Dinge nachdenken kann. Und jetzt gibt’s das mobile Arbeiten noch on top. Hat die Agilität auch damit zu tun, dass die ING eine holländische Bank ist? Ich muss gestehen, dass unser Horizont eine Zeit lang teils eher eng gefasst war und wir vor allem aus Deutschland heraus agiert haben, um irgendwann festzustellen: „Huch, wir sind ja Teil eines Konzerns.“ Die Holländer denken sicherlich

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manchmal, die Deutschen könnten gelegentlich ein bisschen euphorischer sein und ihre Bedenken etwas zurückstellen. Und wir denken manchmal: Hm, da haben sie aber das oder jenes nicht berücksichtigt. Unterm Strich profitieren wir aber von dieser Mischung der Mentalitäten. Vor 20 Jahren war die ING Diba ein Pionier als erste Direktbank in Deutschland. Warum haben Sie sich 2019 vom Zusatz DiBa verabschiedet? Wir sind Teil eines globalen Unternehmens. Und als wir über den deutschen Tellerrand geschaut haben, haben wir festgestellt, dass von Land zu Land die Problembeschreibungen die gleichen sind. Aber wie wir kommuniziert haben, war von Land zu Land ganz unterschiedlich: Spanien mit Kürbissen, Tschechien mit Eichhörnchen, die Türkei mit animierten Löwen, Australien mit Testimonials, wir mit Dirk Nowitzki. Die Frage stand im Raum: Wie können wir uns von Firmen, die ihre Experience länderübergreifend ausrollen, etwas abgucken? Die Folge dieser Überlegungen war schließlich, dass wir uns vom Zusatz „Diba“ verabschiedet haben. Wer Größeres gewinnen will, muss bereit sein, Dinge zu opfern. Viele haben den Slogan „Diba, Diba, Du“ noch im Ohr. Zerstören Sie mit