turi2 edition #15 – Menschen, Medien und Marken in Bewegung

Page 174

Mǎsa, Sie kamen im Alter von fünf Jahren mit Ihren Eltern aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Deutschland. Heute sind Sie 32 und leiten das Marketing der SAP in Deutschland – eine Bilderbuchkarriere. Fühlen Sie sich als Vorbild? Ich finde es schwer, sich selbst als Vorbild zu sehen. Ich glaube aber, dass das, was ich erreicht habe, anderen einen Horizont öffnet im Sinne von: Was sie geschafft hat, kann ich auch schaffen. Mobilität hat viele Facetten: geographische Veränderungsbereitschaft, geistige Beweglichkeit, sozialer Aufstieg. Sie stehen für alle drei Elemente. Am Anfang stand die Mobilität Ihrer Eltern, oder? Absolut. Meine Eltern haben 1994 zwei Koffer gepackt und sind von Belgrad nach Deutschland gereist. Sie hatten den Traum, mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Eigentlich wollten meine Eltern weiter nach S~ ao Paulo in Brasilien, wo ein Onkel von mir lebt. Aber am Ende ist es doch Deutschland geblieben – und darüber bin ich sehr glücklich. Wie war Ihre Kindheit in Deutschland? Ich erinnere mich an eine sehr schöne Kindheit im südhessischen Viernheim, gar nicht weit weg von Walldorf. Meine Eltern haben versucht, alles Negative von mir wegzuhalten. Ich habe zum Beispiel kaum mitbekommen, dass wir sieben Jahre lang nur eine Duldung erhielten, die alle drei Monate ver-

»In der ersten Klasse war ich die Allerletzte, die das Alphabet beherrscht hat. Das hat mich total gewurmt«

längert werden musste. Auch von Erzieherinnen und Lehrerinnen habe ich sehr viel Unterstützung bekommen. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt an den Bodensee: Eigentlich wollte die Klasse eine Bootsfahrt in die Schweiz unternehmen. Weil ich keinen deutschen Pass hatte, hätte ich nicht mitgedurft. Da hat die ganze Klasse entschieden, dass wir auf die Bootsfahrt verzichten. Das war ein schöner Moment der Solidarität, an den ich mich gern erinnere. Woran denken Sie heute, wenn Sie den Begriff Heimat hören? Nicht an einen Ort, sondern an ein Gefühl. Heimat ist für mich da, wo Freunde und Familie sind – das kann überall sein. Einerseits ist es schade, dass ich keinen bestimmten Ort als Heimat benennen kann. Andererseits ist es ein schönes Gefühl, dass ich mich überall zu Hause fühlen kann. Was hat Ihnen geholfen, sich heimisch zu fühlen? Ganz stark meine Eltern. Die haben darauf ge-

achtet, dass ich früh in den Kindergarten kam und schnell die Sprache gelernt habe. Die Schule, der Freundeskreis und das ganze Umfeld haben den Rest übernommen. Haben Sie auch Aus­ grenzung erfahren? Gelegentlich sind mir bewusste oder unbewusste Vorurteile begegnet. Aber wenig verglichen mit dem, was andere erlebt haben. Ich bin sehr dankbar, dass ich mich die meiste Zeit sehr inkludiert gefühlt habe. Sie sprechen sechs Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch, Kroatisch, Russisch, Serbisch. In welcher Sprache träumen Sie? Das wechselt. Meist träume ich in der Sprache des Landes, in dem ich mich längere Zeit befinde. Derzeit also deutsch. Aber wenn ich längere Zeit in Serbien bin, träume ich serbisch oder in den USA englisch. Was war der Antrieb für Ihre beeindruckende Karriere? Ein ganz starker Antrieb ist sicher meine Geschichte, meine Herkunft. Das, was meine Eltern auf sich genommen haben, um mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen, hat mich bewusst oder unbewusst motiviert, mein Potenzial auszuschöpfen und an mir zu arbeiten. Man kann die These wagen, dass Migratenkinder von ihren Eltern früh zu hören bekommen: Streng dich an, wenn du hier was werden willst. Die Erfahrung, sich erst etablieren zu müssen, wird ja weitergegeben.

174 · turi2 edition #15 · Bewegung

Ich würde es nicht verallgemeinern. Wenn du früh Vorurteile und Hürden erlebst, kommt entweder Frust auf oder ein positiver Trotz. Ich weiß noch, dass ich in der ersten Klasse die Allerletzte war, die das Alphabet beherrscht hat. Das hat mich total gewurmt. Ich habe mich dann dahinter geklemmt, ganz viel gelesen und in der vierten Klasse ein Praktikum in der Stadtbibliothek gemacht. Bei vielen Kindern von Mi­ granten, die zum Beispiel ihren Eltern Schriftstücke übersetzen oder für sie Behördengänge machen, entwickeln sich frühzeitig das Thema Reife und ein gewisser Ehrgeiz. Wie schwierig war die Integration für Ihre Eltern? Unterschiedlich. Meine Mutter hatte in Serbien Germanistik studiert, das heißt, sie konnte die Sprache. Für sie war es deutlich einfacher, sich wieder in ihrem Beruf zu etablieren. Für meinen Vater war es schwierig: Aufgrund der Sprache konnte er nicht in seinem gelernten Beruf als Spediteur arbeiten. Ich glaube, er hat dann fast alle Jobs gemacht, die man machen kann. Und dann hat natürlich die Zeit gefehlt, die Sprache perfekt zu lernen. Was hält Sie beweglich im Kopf? Was mich auf jeden Fall frisch hält im Kopf, ist Meditation. Das habe ich vor einigen Jahren für mich entdeckt. Ich versuche, es fast täglich zu praktizieren, um einfach aufmerksam durch den Tag zu gehen. Außerdem versuche ich, mir ganz viel Feedback einzuholen von den Menschen, die