turi2 edition #15 – Menschen, Medien und Marken in Bewegung

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»Als ich in die SPD eingetreten bin, war Schröder mein Vorbild. Er ist es heute definitiv nicht mehr«

sich wünschen, dass es mehr von mir in der Politik gäbe. Das macht mich demütig und auch stolz. Wer ist dein Vorbild? Ich hatte zu unterschiedlichen Stationen in meinem Leben verschiedene Vorbilder. Als ich in die SPD eingetreten bin, war es Schröder. Er ist es heute definitiv nicht mehr. Ehrhart Körting (ehemaliger Innensenator des Landes Berlin, Anm. d. Redaktion), bei dem ich gearbeitet habe, ist für mich auch ein Vorbild. Ich habe jeden Tag der Zusammenarbeit mit ihm genossen. Ich habe viel von ihm gelernt und denke, auch er hat durch mich eine neue Perspektive erhalten. Und natürlich ist da Frank-Walter Steinmeier, der beste Chef, den man sich vorstellen kann.

Wir haben noch heute ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Du wirst für Uhren an deinem Arm oder andere Zeichen deines Aufstiegs öfter mal kritisiert: Ist Sozialneid typisch deutsch? Ich glaube schon – und es nervt. Mir bedeuten Uhren wenig und ich würde sie mir nicht kaufen. Aber ich möchte mich auch nicht rechtfertigen müssen, ein Geschenk meines Mannes zu einem besonderen Anlass zu tragen. In den USA war es lange anders. Da siehst du jemanden, der es geschafft hat und denkst: „Wow! Das will ich auch.“ Hier sagt man: „Warum trägt sie das? Woher hat sie das?“ Bei mir kommt Rassismus hinzu. Da heißt es: „Diese Migrantenfrau lebt

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auf unsere Kosten. Das sind unsere Steuergelder.“ Gibt es einen German Dream? Wenn man an die Gründer des Impfstoffs Biontech denkt, könnte man meinen, das ist der German Dream. Schaut man sich die Biografien genauer an, sieht man, wie viel Steine zum Beispiel BiontechGründer Uğur Şahin in den Weg gelegt wurden. Seine Lehrerin wollte ihn auf eine Hauptschule schicken, weil sie der Meinung war, Gastarbeiterkinder wie er gehören nicht auf ein Gymnasium. Sein Vater hat sich dagegen gewehrt. Solange wir immer wieder solche Geschichten hören, solange kann ich nicht von einem German Dream sprechen. Ich hoffe, mein Sohn erlebt es anders.