turi2 edition #15 – Menschen, Medien und Marken in Bewegung

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»Ich finde diese Obsession mit dem Kopftuch, diesen Kulturkampf, in unserem Land schlimm« Video-Tipp: Sawsan Chebli im Videofragebogen über Bewegung unter turi2.de/koepfe

in Diskussionen immer verteidigt hat. Trotz der Ungerechtigkeiten, die wir – und besonders er – immer wieder erlebt haben. Mein Vater war sehr dankbar, in Deutschland sein zu dürfen. Dein Vater ist mittlerweile verstorben. Wie stand er zu deiner politischen Karriere? Mein Vater war sehr stolz auf mich. Wir hatten eine sehr enge Verbindung. Immer hat er zu meiner Mutter, die oft besorgt und streng war, gesagt, dass sie locker lassen soll, ich würde schon alles gut machen, meinen Weg gehen. Wie ist das mit deiner Mutter? Sie konnte mit meinem Politikstudium nie etwas anfangen. Heute ist auch sie stolz, sie hat aber vor allem Angst um mich, wegen der permanenten Bedrohungen von rechts. Deine Mutter und dich unterscheidet unter anderem das Kopftuch: Wieso trägst du es als muslimische Frau nicht? Weil ich es nicht möchte. Weil es für mich wichtigere Dinge im Islam gibt. Ich möchte, dass Frauen frei entscheiden können, ob sie es tragen oder nicht. Ich finde diese Obsession

mit dem Kopftuch in unserem Land schlimm. Es gibt einen Kulturkampf um das Kopftuch. Meine Mutter trägt eins, die Mehrheit meiner Schwestern tragen eins, und alle erleben heute mehr als jemals zuvor Hass und Hetze – nur weil sie ein Kopftuch tragen. Sie werden bespuckt, ihnen wird das Tuch vom Kopf gerissen. Das ist schrecklich. Ist Deutschland bereit für eine Staatssekretärin mit Kopftuch? Nein. Wir brauchen gar nicht so weit gehen. Mir berichten Frauen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt trotz exzellenter Qualifikation den Job nicht bekommen. Da soll dann eine Staatssekretärin ein Kopftuch tragen? Ich beobachte da sogar eine Rückwärtsentwicklung und einen wachsenden antimuslimischen Rassismus. Bestimmte Stereotype und antimuslimische Ressentiments, die man sonst aus dem rechten Lager kennt, sind auch in der Mitte der Gesellschaft stark verankert. Das macht mir große Sorgen. Bist du heute stolz auf das, was du geschafft hast? Ich weiß zumindest, dass ich hart gearbeitet habe,

um hier zu sein und dass es kein gewöhnlicher, selbstverständlicher Weg ist. Ich zahle dafür auch einen hohen Preis mit all der Hetze, dem Hass und den Drohungen, die ich erlebe. Musstest du wegen deiner Herkunft mehr als andere geben? Das müssen wir alle, die wir nicht aus Akademikerfamilien kommen und einen Migrationshintergrund haben. Ich musste zeigen, dass ich als Flüchtlingskind aufs Gymnasium gehöre, dass ein Studium auch für mich eine Option ist und als Frau in der Politik ging es dann später ähnlich weiter. Immer müssen wir einen Tacken mehr geben, um weiter zu kommen. Gefällt es dir, dass du eine AufsteigerinnenStory mitbringst? Ich bin dankbar, da zu sein, wo ich bin. Gleichzeitig verbinde ich damit eine Verantwortung, weil viele junge Menschen genau schauen, was ich tue und wie ich Dinge tue, aber auch wie mit mir umgegangen wird. Ich erhalte immer wieder Zuschriften, in denen mir junge Frauen, aber auch Männer, sagen, dass ich für sie Vorbild bin und sie

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