turi2 edition #14 Social Media

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Network Guide: Clubhouse

Warum wir alle einen Clubraum brauchen Peter Turi, Gründer von turi2, über seinen Drang ins Clubhouse und die Zukunft des Journalismus als Community-Journalismus

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äre es nicht schöner, am Sonntagmorgen auszuschlafen, am Mittwochabend die Füße hochzulegen und in der Mittagspause spazieren zu gehen? Haben wir nicht alle schon genug zu tun – warum jetzt jeden Sonntag ein „Clubfrühstück“, regelmäßig ein „Chefinnengespräch“ am Mittwoch und gelegentlich ein „Clubsandwich“ in der Mittagspause? Warum in einer Medienwelt, die von allem schon zu viel hat – zu viele Newsletter, zu viele Podcasts, zu viele Interviews und zu viele Konferenzen – jetzt auch noch Clubhouse? Solche Fragen stellen mir Freunde, Mitarbeiterinnen und Kolleginnen, als turi2 im Februar beginnt, in hoher Frequenz im Clubhouse zu talken. Und irgendwann ich mir selbst – zumal Signale der Überforderung mich aus vielen Richtungen erreichen, die Teilnehmerinnenzahlen von anfangs 700 sinken auf durchschnittlich 100. Trotzdem glaube ich an die Idee, dass Clubhouse oder andere Audio-Apps helfen können, einen akustischen Diskus­sionsraum einzurichten, die eigene Community zu Wort kommen zu lassen. Denn die Zukunft des Journalismus wird der Community-Journalismus sein – davon bin ich überzeugt. Was bedeutet Community-Journalismus? Es bedeutet, dass ich zusammen mit der Community nach Wahrheit

suche und weder Wadenbeißer noch Welterklärer sein muss. Ich stelle die Ohren auf Lauschen und bemühe mich, die Kommunikation meiner Community zu organisieren. Ich will nicht mein eigenes Weltbild durchsetzen, sondern versuche, ein fortlaufendes Gespräch zu organisieren und die Argumente der anderen zu verstehen und ihre Ideen zu integrieren. Niemand will im Jahr 2021 von mir die Welt erklärt bekommen. Noch nicht mal meine Frau. Als ich ihr kürzlich ein allzu ausführliches Feedback zu einem Interview gab, fiel sogar das böse Wort „Mansplaining“ – ein alter, weißer Mann erklärt einer Frau ungefragt die Welt. In meiner Jugend üblich, heutzutage eine Todsünde. Der gute, alte Journalismus, wie ich ihn in den 80ern gelernt und in den 90ern praktiziert habe und der zum Anfang des 21. Jahrhunderts noch leidlich funktioniert hat, ist mit Blick aufs Jahr 2030 kein Zukunftsmodell. Die digitale Disruption durch Handy, Facebook, YouTube, Twitter, TikTok, Podcast, Audio-Live-Gespräche und all das, was noch kommen wird, geht stets in eine Richtung: Der Raum für umfassende, digitale, kostenlose Kommunikation wird größer. Der Raum für bezahlte Belehrung kleiner. Das Gute an Social Media ist, dass alle senden können. Das Schlechte an Social Media: Alle tun’s. Keiner hat mehr Zeit zuzuhören, keiner interessiert sich für deine Meinung oder Welterklärung – es sei denn, du heißt Sascha Lobo und drehst deine Lautstärke in Sachen Frisur und Welterklärung bis zum Anschlag auf. Aber: Wir alle brauchen Ordnung im InformationsOverload, wir schätzen perfekten Service und wir lieben es, eine Bühne für uns selbst zu finden. Das größte kommunikative Bedürfnis von uns Menschen ist ja nicht, belehrt zu werden, sondern gehört zu werden, Teil einer Community zu sein. Die größte Wertschätzung lassen wir als Journalistinnen einem Menschen zukommen, wenn wir ihn nach seiner Meinung fragen, in ein spannendes Gespräch einbinden, ihm eine Bühne bauen. Und ihn Teil eines Programms werden lassen, das er selbst schätzt. Darauf konzentrieren wir uns bei turi2 – und Clubhouse, Zoom, YouTube oder was da sonst noch kommt, sind willkommene Werkzeuge. Sie helfen uns beim Suchen nach der Zukunft des Journalismus und der Medien. Auf diesem Weg unterwegs zu sein, ist eine Freude, für die sich das Aufstehen am Sonntagmorgen lohnt.

Community live: Die Liste der aktuellen Clubraum

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