turi2 edition #14 Social Media

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Lässige Relevanz: In Hoodie und Basecap zerstört Rezo die Krawattenträger der CDU

Zerstörer der alten Welt Rezos Wut-Video zur CDU sorgt 2019 dafür, dass Politik und Presse YouTube ernstnehmen. Heute steht er als Synonym für die Macht der neuen Medienmacherinnen

Fotos: Screenshots

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ach 18 Sekunden das erste Fuck. „Fuck, ist das heftig“, sagt Rezo. Er meint die CDU, über die er gleich 55 Minuten lang sprechen wird. Aber der Satz trifft auch, was das YouTube-Video auslösen wird, das Rezo am 18. Mai 2019 hochlädt, sieben Tage vor der Europawahl. Als Rezo sein „Fuck“ in die Kamera sagt, kennt ihn außerhalb von YouTube kaum jemand. Er macht vor der Kamera Musik und vor allem viel Quatsch. „Die Zerstörung der CDU“ ist das dritte ernsthafte Video auf dem Kanal „Rezo ja lol ey“. Er erklärt hektisch, gestikulierend, emotional – aber für jeden verständlich. Seine Quellen sind als Google-Doc für alle zugänglich. Nach fünf Tagen hat das Video fünf Millionen Aufrufe, nach sechs ist es in der „Tagesschau“, nach sieben sprechen Medien und Politikerinnen vom „Rezo-Effekt“, wenn es um die Wahlschlappe der Union geht. Als Rezo die CDU (und nebenbei auch CSU, SPD und AfD) zerstört, herrscht in der Politik erstmal verblüffte Stille. Da ist plötzlich jemand, der nicht brav die Kanzlerin interviewt, sondern schimpft und wettert – und das mit Quellenangabe. Und die Leute hören zu, obwohl dieser jemand blaue Haare hat. Rezo stellt auf den Kopf, was viele geglaubt haben über YouTube und dessen Nutzerinnen zu wissen: Ja, deren Aufmerksamkeit reicht länger als zehn Minuten. Nein, die interessieren sich nicht nur für Schminke und flache Witze. Und: Man kann Videos machen, die „Helium Challenge mit Wasserbestrafung“ heißen und 14 Tage später eines, über das ganz Deutschland redet.

Auf die Stille folgt erst Kleinreden, dann Angriff: Rezo halte sich nicht an das journalistische Gebot der Ausgewogenheit, es fänden sich Fehler in den 13 Seiten Quellenverzeichnis. Und er verdient sogar Geld mit seinen Videos, Unverschämtheit. Dann kommen die Peinlichkeiten: Annegret Kramp-Karrenbauer denkt öffentlich über „Regeln mit Blick auf das Thema Meinungsmache“ im Digitalen nach. Philipp Amthor dreht ein Antwort-Video, darf das aber nicht veröffentlichen. Eine eigene YouTube-Reihe der CSU wird ein Lacherfolg. Und Rezo? Der kann sich im folgenden Jahr vor Interviewanfragen kaum retten, bekommt Morddrohungen, eine Kolumne auf Zeit Online, den Nannen-Preis. Und listet kurz darauf in „Die Zerstörung der Presse“ Beispiele für schlampigen Journalismus auf. Zu beobachten sind in den Medien dieselben Reaktionen wie ein Jahr zuvor in der Politik: Empörung – Journalistenpreise für einen YouTuber? Kleinreden – so viel wie Rezo behauptet, machen wir gar nicht falsch! Und natürlich: Angriff – der verdient noch immer Geld! Wer diese Reflexe überwunden hat und sich Rezos Videos in Ruhe anschaut, sieht: Begeisterung für Politik, Leidenschaft für transparenten, freien Journalismus. Impulse zum Bessermachen. Mit seinen Videos hat Rezo nichts weiter zerstört als die alte Sicht auf die Welt, die sich einteilen lässt in Journalistinnen und Spaßmacherei, in relevant und irrelevant, in offline und online. Er selbst ist inzwischen eine etablierte Stimme im öffentlichen Diskurs. Und streamt in letzter Zeit viel drüben, bei Twitch.

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