turi2 edition #14 Social Media

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Lebens. Wo sonst hat man die Chance, aus dem Dorf heraus die ganze Welt kennenzulernen? Wem folgen Sie – und warum? Ich nutze Social Media auch zur Inspiration und folge auch vielen unpolitischen Accounts. Zum Beispiel einigen Läuferinnen. Das Laufen ist meine Leidenschaft, aber nicht immer fällt es mir leicht, den inneren Schweinehund zu überwinden. Mich motiviert es, wenn ich sehe, dass andere Frauen zum Beispiel einen Marathon laufen. Ich folge auch einigen Gamern, meine zweite Leidenschaft. Und als unser drittes Kind zur Welt kam, habe ich mir unter #momofthree gern angeschaut, dass es bei anderen Familien auch mal chaotisch zugeht. Gefällt Ihnen die AudioApp Clubhouse? Definitiv! Audio ist mein Ding: Als Studentin habe ich beim Radio gearbeitet. Das Medium ist schnell, ich kann nebenbei zuhören, und mit Stimme fühlt es sich einfach näher an. Für die Politik sehe ich eine Riesenchance, auf Clubhouse niederschwellig mit Menschen direkt ins Gespräch zu kommen. Ich habs spontan ausprobiert und finde es toll, dass ich ungeschminkt und schon im Schlafanzug mitdiskutieren kann. Bodo Ramelow hat sich bei Clubhouse aber tüchtig blamiert. Der eine oder andere hat Lehrgeld bezahlt, aber

daraus können wir doch alle lernen. Ich finde es schade, wenn wir stets einer offene Fehlerkultur das Wort reden – und dann in der Realität über jeden herfallen, der etwas falsch macht. Was war Ihr krassestes Learning? Als ich 2009 im Wahlkampf war, meinte mein Vater: „Man sieht dich ja gar nicht mehr. Ich weiß gar nicht was du tust, wo du bist.“ Ich bat ihn, einfach mal auf Facebook zu schauen. Mein Vater richtete sich brav einen Account ein – und schrieb mir von Stund an doch eher persönliche Nachrichten auf meine öffentliche Pinnwand. Wir konnten beide darüber lachen, haben das dann aber doch schnell umgestellt. Wie viel Angst haben Sie, als öffentliche Person einen Shitstorm auszulösen? Eines ist klar: Wer angstfrei durchs Leben gehen möchte, ist falsch auf Social Media. Social Media lebt von der Interaktion. In der Regel weiß ich sehr genau, was auf mich zukommt, wenn ich einen Post absetze. Provozierendes poste ich nur, wenn ich Zeit und Nerv habe, danach auch auf die Diskussion einzusteigen. Aber oft ergibt sich die Diskussion von allein, und ich muss gar nicht weiter mitmachen. Was war Ihr größter Fail? Der liegt ein paar Jahre zurück. Wider besseren

»Für die Politik sehe ich eine Riesenchance, auf Clubhouse niederschwellig mit Menschen direkt ins Gespräch zu kommen«

Wissens hatte ich mich öffentlich negativ über das Aussehen einer Person geäußert. Meine Oma warnte noch: „So was macht man nicht.“ Ich habe es damals trotzdem gemacht – und direkt am nächsten Tag bereut: Ich war groß in der „Bild“-Zeitung. Meine Familie zeigte kein Mitleid: „Das kommt von sowas.“ Ich habe mich bei der Person entschuldigt und meine Lehre gezogen: Heute halte ich vor jedem Post eine Sekunde inne und frage mich: Gehört sich das? Was machen Facebook, Twitter und Co mit der Politik in Deutschland? Der öffentliche Diskurs hat sich sicherlich verändert. Natürlich müssen wir sehr wachsam die Verantwortung der Plattformen und die Wirkungsweise der Algorithmen im Blick haben. Gerade aktuell sind dazu wichtige Regulierungsvorhaben auf europäischer Ebene in Verhandlung. Gleichzeitig steht hinter jedem Post ja ein Mensch, der ihn veranlasst. Die Mehrzahl der deutschen Politiker agiert besonnen. Ich sehe aber auch Posts der AfD voll Hass und Rassismus und denke: Wehret den Anfängen! Ich persönlich

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nutze die Sozialen Medien, um mich an die Menschen unmittelbar zu wenden. Ich möchte nahbar sein und bleiben. Im September wird der Bundestag gewählt. Barack Obama und später Donald Trump haben ihren Wahlkampf auf Social Media gestützt. Ist Social Media für die Politik Chance oder Gefahr? Social Media ist wie ein Messer: Ich kann mit ein und demselben Messer ein Nutella-Brot schmieren oder jemanden erstechen. Der Post von Barack Obama mit seiner Ehefrau Michelle im Arm zur Wiederwahl 2012 und der Zeile „Four more years“ hat mir Tränen der Rührung in die Augen getrieben. Tränen der Wut sind mir in die Augen geschossen, als ich zusehen musste, wie das Regierungsoberhaupt der wichtigsten Demokratie der Welt die Sozialen Medien missbraucht hat. War es richtig, dass Twitter und Facebook Trump gelöscht haben, nachdem der zum Marsch aufs Kapitol aufgerufen hatte? Ich gestehe: Für eine Sekunde habe ich auch eine Art Erleichterung gespürt. Aber zugleich wissen wir: Es kann nicht sein, dass Facebook und Co bestimmen, welche Nachrichten durchdringen, wer gehört und wer abgeschaltet wird, was zulässige und was unzulässige Meinungen sind. Das gehört in die Hand des demokratisch legitimierten Gesetzgebers.