turi2 edition #14 Social Media

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stürzt über sich selber. In der Regel nicht wegen des ursprünglichen Fehlers, sondern wegen der mangelhaften Kommunikation im Anschluss. Was den Virologen angeht: Den kenne ich persönlich gar nicht. Wir haben uns nie getroffen, ich habe nie mit ihm gesprochen – und das ist auch gut so. Das wurde aber anders berichtet. Sie sehen: Recherche ist alles. Wie hat Helmut Kohl immer so schön gesagt? Der Hahn auf dem Kirchturm wird von jedem Wind angeweht. Für Clickbaiting funktioniert mein Name immer noch ganz gut.

Was machen Digitalisierung und Social Media mit unserer Gesellschaft? Meine liebe Kollegin Tanit Koch hat mal gesagt: Historisch gesehen ist Social Media gerade erst fünf Minuten alt – oder jung. Wir alle müssen noch lernen, wie wir damit leben und umgehen. Digitalisierung verändert die Gesellschaft mehr, als es die Erfindung der Dampfmaschine, die Elektrifizierung und die Automatisierung zusammen getan haben. Mit der Digitalisierung haben wir einen virtuellen Raum geschaffen, indem die physikalischen Gesetze unserer gelernten Welt nicht mehr gelten. Angela Merkel ist verlacht worden, weil sie

gesagt hat, das Internet sei Neuland. Aber sie hat komplett recht: Die Gesellschaft kennt sich in dieser neuen Welt noch nicht aus, die Menschen müssen erst lernen, sich in ihr zu bewegen. Was bedeutet das für Unternehmen? Die Geschäftsmodelle müssen völlig neu gedacht werden, zum Beispiel in der Autoindustrie. Wir Deutschen sind seit 100 Jahren die besten Autobauer der Welt. Niemand baut besser Verbrennungsmotoren und biegt das Blech schöner als wir Deutschen. Doch künftig kommt die Wertschöpfung aus der Software. Wir müssen den Wandel gestalten, statt am Rand des Spielfelds zu stehen. Kriegen wir das hin? Ich bin ein unverbesserlicher Tech-Optimist und fest davon überzeugt, dass sich am Ende nur Technologien durchsetzen werden, die das Leben besser, angenehmer und bequemer machen. Die großen Plattformen wie Google, Facebook, Airbnb oder Uber haben Informationen, Kontakte, Transport, Reisen erschwinglicher und leichter gemacht und damit unsere Lebensqualität verbessert. Was macht Ihnen Angst? Meine Sorge ist, dass sich in Deutschland eine gewisse Überheblichkeit mit einer ganzen Menge Trägheit paart. In der Ökonomie der Plattformen sind wir digitale Habenichtse. Kaum eine relevante oder große Plattform kommt aus Europa. Bei der Künstlichen Intelligenz sieht es düster aus. Wir tragen das Thema Datenschutz wie

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eine Monstranz vor uns her. Dabei gibt es einen Datenschatz, zum Beispiel im Gesundheitswesen, den wir heben sollten – zum Wohl der Lebensqualität von Millionen Menschen. Wir betreiben eine Politik der Risikominimierung, die uns nicht weit bringen wird. Was rät Kai Diekmann der Politik? Die Politik ist Ausdruck von gesellschaftlichen Strömungen und Wünschen. Das Problem sind wir selbst – wir ruhen uns zu sehr auf den Erfolgen der Vergangenheit aus. Was ist die größere Katastrophe: die Politik in der Pandemie oder die Kommunikation dieser Politik? Ich halte nichts von Politiker-Bashing in solchen Ausnahmesituationen. Wenn Helmut Kohl nach der Wiedervereinigung Fehler vorgeworfen wurden, dann pflegte er darauf zu antworten: Bei der nächsten Wiedervereinigung machen wir alles anders. Erfolgreiche Menschen lernen aus Fehlern. Und ich hoffe, dass Erfolgs-Politiker das auch tun werden. Bei der nächsten Pandemie wird alles besser? Ja. Hoffentlich... Hat Social Media Sie persönlich verändert? Würden Sie auch eisbaden, wenn keiner zuguckt? Ich gehe auch eisbaden, wenn keiner guckt – das macht aber nicht so viel Spaß. Natürlich ist Social Media immer ein Stück Inszenierung und Selbstinszenierung. Das soll es ja auch sein. Als zu meiner Zeit bei Axel