turi2 edition #14 Social Media

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»Historisch gesehen ist Social Media gerade mal fünf Minuten alt. Wir müssen alle noch lernen, wie wir damit leben und umgehen«

Sie wissen doch, dass wir über unsere Kunden nicht sprechen. Sie sollen nur sagen, wieviele der 30 DaxUnternehmen bei Storymachine Kunde sind. Einige. Andere Frage: Wie konnte Ihre Agentur so schnell wachsen – auf jetzt 100 Leute? Offensichtlich machen wir keinen so schlechten Job. Die Kunden kommen häufig über Empfehlun-

gen von Bestandskunden. Wenn wir vor drei Jahren in die Kommunikationsabteilung eines DaxUnternehmens kamen, saßen da zwischen 70 und 140 Leute. Und ganz stolz hieß es dann: Social Media machen wir auch – die beiden Halbtags-Kräfte sitzen da hinten. Das hat die Realität der Mediennutzung in keiner Weise widergespiegelt. Zwei Zahlen dazu: Die Gesamtauflage aller deutschen Tageszeitungen ist innerhalb von 20 Jahren von 25

Millionen auf unter 14 Millionen gesunken – und inzwischen sind über 40 Millionen Deutsche auf Social Media unterwegs. Sie bringen also den Unternehmen bei, wie sie ihre PR wunderbar ohne Ihre Ex-Kolleginnen von „Bild“ organisieren können. Wir erklären, was gute CEO-Kommunikation ausmacht. Also: Was mache ich in Social Media? Was nicht? Was ist der Unterschied zwischen privaten Inhalten und Inhalten, die den Blick auf meine Persönlichkeit erlauben? Das ist eine faszinierende Aufgabe. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass wir das an einer Reihe von Stellen nicht ganz so schlecht gemacht haben. Nichts ist eben erfolgreicher als der Erfolg. Woran messen Sie Erfolg? Mit 100 Mitarbeiterinnen müssen Sie 10 Millionen Umsatz machen, damit Sie im unteren Pro-KopfMittelfeld der Agenturen liegen. Wir messen unseren Erfolg an der Kundenzufriedenheit. Welchen Tagessatz rufen Sie eigentlich auf für so eine Chef-Beratung? Ich schicke Ihnen gerne ein Angebot zu. Aber ich gehe davon aus, dass Peter Turi meinen Rat gar nicht braucht. Grundsätzlich gilt es, darauf zu achten, nicht zu billig zu sein. Wenn Rat nichts kostet, hören die Menschen meist nicht zu. Sie selbst sind nicht operativ tätig, sagen Sie. Hat das damit zu tun, dass Sie sich gesagt haben: Der alte Mann will jetzt

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mal ein Mehr an Freiheit genießen? Ich war 31 Jahre im Konzern, 16 Jahre an der Spitze von „Bild“. Das hohe Maß an Fürsorge, das ein Konzern seinem Chefredakteur entgegenbringt, bedeutet auch Gitterstäbe im goldenen Käfig. Ich habe mir ein Stück Lebensqualität zurückgeholt, indem ich selbst entscheide, was ich tue, wann und für wen. Ein Mehr an Freiheit mit Meerblick. Sie twittern ja oft den schönen Blick auf die Ostsee von Ihrem Haus auf Usedom. Auch wenn ich auf Usedom bin: Ich schaue deutlich mehr auf den Bildschirm als aufs Meer. Aber klar: Ein Mehr an Freiheit ist da, aber kein Meer an Freizeit. Dafür arbeite ich zu gern. Ich habe ja noch ein paar Herzensprojekte wie den Komponisten Engelbert Humperdinck und den Freundeskreis Yad Vaschem. Und dass ich Uber berate, ist ja bekannt. Sie haben ein Mehr an Freiheit – und ein Weniger an Bedeutung. Früher haben Sie Bundespräsidenten gestürzt, heute müssen Sie sich ärgern, weil der Virologe Hendrik Streeck sagt, es sei ein Fehler gewesen, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Alles hat seine Zeit und alles hat seinen Preis. Die Zeit bei „Bild“ war großartig. Wer sich aber über einen Titel oder eine Rolle definiert, über die geliehene Macht also, der hat im Leben schon verloren. Das hat schon meine Frau nie zugelassen. Übrigens habe ich keine Bundespräsidenten gestürzt. Wer stürzt,