turi2 edition #14 Social Media

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Eine ungeheure Kränkung für einen Alphajournalisten wie Sie, wenn er nicht mehr das ist, was Kurt Tucholsky den „Billetknipser an der Schranke der Öffentlichkeit“ genannt hat. Social Media ist gerade für Journalisten eine Herausforderung. Ich finde es spannend, in einer Welt zu leben, in der jede Person, jeder Politiker, jede Marke, jede Firma selbst Publisher sein kann. Diesen Paradigmenwechsel mitzugestalten mit all den Erfahrungen, die ich in Jahrzehnten in einem klassischen Medienunternehmen erworben habe, das hat mich gereizt. Sie wollen mit fast 57 und als Boomer des Jahrgangs 1964 der Welt Social Media erklären? Sie sind doch auch nicht beim Kassettenrecorder stehengeblieben, obwohl Sie mit ihm groß geworden sind. Als Journalist habe ich mich immer schon für das Neue interessiert. Bei „Bild“ war das ein zentrales Thema: Welche neuen Kommunikationswege entstehen, welche neuen Geschäftsmodelle sind möglich? Bei meinem Ausscheiden 2017 war die „Bild“ keine reine Straßenverkaufszeitung mehr, sondern ein digitaler Champion. Von daher war der Weg von „Bild“ zu Social Media nicht weit. Wenn Sie den Medienwandel so perfekt kapiert haben: Warum haben Sie nicht wie Gabor Steingart ein

eigenes, neues Medium gegründet? Warum jetzt dieser Eunuchen-Job als Berater? Was haben Sie an meiner Job-Description auszusetzen? Rückblickend: Es hätte tatsächlich eine Reihe von anderen möglichen Projekten geben können, aber ich fand es spannend, Auftrags-Kommunikation mit einer journalistischen Herangehensweise neu zu denken. Nach 31 Jahren bei einem Konzern wollte ich einfach auch mal was anderes machen. Da draußen findet eine Revolution statt und ich kann sie mitgestalten – super! Davon sind Sie, lieber Peter Turi, doch auch nicht frei. Wieso? Also Ihre Begeisterung für die Audio-App Clubhouse zeigt es doch klar: Da ist ein neues Kommunikations-Tool und wir wollen beide wissen: Wie kann ich das einsetzen? Wie kann ich daraus ein Geschäftsmodell machen? Welche Dienstleistungen werden gebraucht? Ich frage und beantworte für meine Kunden halt zusätzlich noch Fragen wie: Wie führe ich einen Konzern in Zeiten von Social Media? Wenn ich 150.000 Mitarbeiter habe, die ich nicht täglich sehen oder sprechen kann. Wie kann ich durch Kommunikation Nähe herstellen, Hierarchien überwinden, Begeisterung herstellen? Das sind doch spannende Herausforderungen. Wieviele der 30 Dax-Konzerne sind Ihre Kunden?

»Ich bin der Herr meines Narrativs, ich kann selbst entscheiden, was ich zeige und was ich nicht zeige«

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