turi2 edition #14 Social Media

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auch irgendwie die Magie dieses Moments aus. Etwas Entlarvendes muss also nicht immer negativ sein. Aber wäre die Kamera fünfmal so groß gewesen und hätte einen „Tagesschau“-Schriftzug getragen, hätte er das anders gesagt. Hat sich das Verhältnis zwischen Journalistinnen und Politikerinnen durch Social Media gewandelt? Was sich gewandelt hat, ist die Deutungshoheit. Die hatten Journalistinnen sehr lange und haben sie als sehr selbstverständlich angenommen. Jetzt, wo alle durch die Weite von Social Media Zugriff haben auf ganz viele Inhalte, merken Journalistinnen, dass das, was sie für Erfolg gehalten haben, auch einem Mangel an Alternativen geschuldet war. Und dann kann jede auch noch selbst eigene Inhalte erstellen. Genau. Niemand muss mehr stumm zuschauen, wie er angegriffen wird von einem Medium. Sondern kann sagen: Das ist falsch. Das sind ganz viele Journalistinnen nicht gewohnt. Und das macht sie auch richtig wütend. Ich habe das selbst erlebt: Ich war gerade erst ein paar Wochen im Willy-Brandt-

Haus, da schrieb der Politik-Redakteur einer eher konservativ ausgerichteten Zeitung über mich als „die Social-Media-Expertin aus dem Boulevard“, die im SPD-Wahlkampf komplett gescheitert sei. Da habe ich dann bei Twitter geantwortet: Also erstens habe ich einen Namen. Zweitens bin ich ausgebildete Journalistin und mein letzter Arbeitgeber war Spiegel Online. Und drittens arbeite ich erst seit sechs Wochen bei der SPD. Und dann? Mein Tweet ging viral und es gab viel Support. Als ich diesen Redakteur dann Monate später mal traf, war der so wütend! Und hat gesagt: Sie hetzen uns einen Mob auf den Hals, man darf ja gar nicht mehr schreiben, was man will. Ich musste so lachen. Doch, doch, dürfen Sie! Aber ich darf das halt auch. Also gilt: Wer die Followerinnen hat, hat heute die Macht? Nee, überhaupt nicht. Man braucht keine riesige Followerinnenschaft, um diese Umkehr der Machtverhältnisse zu demonstrieren. Das geht auch, wenn man klein anfängt. Rezo hatte gerade die ausreichende Base an

Community, um ernstgenommen zu werden. Oder Fridays for Future: Luisa Neubauer hatte auch nicht von Anfang an 100.000 Followerinnen. Unstrittig ist natürlich: Mit der Reichweite wächst die Macht. Aber das ist eine der ältesten Regeln der Welt: Zeitungen hatten auch deshalb Macht, weil sie das Monopol auf Reichweite hatten. Und das haben sie eben nicht mehr. Ist Social Media dann das Paradies für Parteien? Weil sie keinen Umweg über Journalistinnen mehr gehen müssen? Klar gibt es Parteien oder auch Machthaber, die das genau so sehen. Die AfD, die in ihrem Newsroom ihre eigenen Nachrichten macht. Oder Donald Trump, der statt Pressekonferenzen zu geben, lieber getwittert hat. So etwas zum Erfolg zu erklären, halte ich für bedenklich. Der Tatsache, dass die freie Presse eines unserer wichtigsten demokratischen Güter ist, sollte man sich als demokratische Partei verpflichtet fühlen. Das beinhaltet auch Regeln, die man einhalten muss: Dass man nicht an der Presse vorbei kommuniziert, dass es auch weiterhin Inter-

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views, Pressekonferenzen und so weiter gibt. Aber direkt brauchen würde man als Partei die klassischen Medien eigentlich nicht mehr? Durch die Algorithmen in Social Media entstehen Echokammern, Bubbles, nennen Sie es, wie Sie wollen. Bei Facebook zum Beispiel ist es für eine Partei mit ihrer offiziellen Seite sehr mühsam, da raus zu kommen. Und für genau sowas braucht man eine Presse. Die erreicht einfach immer noch einen größeren Querschnitt an Menschen, als es eine Partei mit der eigenen Kommunikation je könnte. Sie nutzen für die Kommunikation der SPD auch Telegram. Das verbinde ich ja zuerst mal mit Attila Hildmann. Wen erreichen Sie da? Wir waren vor Attila Hildmann bei Telegram, das möchte ich festhalten. Und mit dem Argument von toxischem Hass oder Hetze müssten sich alle Parteien auf der Stelle von Facebook zurückziehen. Die eigentliche Frage ist ja: Wollen wir solchen Leuten das Feld überlassen? Der Messenger ist eine sehr zeitgemäße Form der Kommunikation. Für Leute, die sich ohne viel Aufwand informieren