turi2 edition #14 Social Media

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Jens Knossalla performt in einem Musikvideo als King Knossi. Mit dem Viralhit „Alge“ schafft er es in die Charts

»Bin ich zu laut, bist du zu schwach« Jens Knossalla will unbedingt vor die Kamera. Im Fernsehen hält sich sein Erfolg in Grenzen. Auf Twitch wird er als King Knossi zum König des Internets

Fotos: Screenshots

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ig Brother will ihn nicht, damals, 2008. Andere TV-Formate schon: Als Spielshow-Kandidat fällt Jens Knossalla in Wasser und Schlamm, hechtet durch LKW-Reifen, lässt sich von Joko und Klaas veräppeln. Es folgen Mini-Rollen in Pseudo-Dokus und GZSZ. Fernsehen braucht Leute wie ihn, die Programm füllen, aus purer Begeisterung für die kurzen Momente vor der Kamera. Echten Erfolg hat Knossalla erst am Pokertisch: Er siegt bei einer Poker-CastingShow auf ProSieben, gewinnt später 37.000 US-Dollar bei der WM in Las Vegas. Für die Online-Plattform „PokerStars“ darf er wieder vor die Kamera, berichtet von Turnieren rund um die Welt. 2014 meldet sich Jens Knossalla bei Twitch an. Dort ist er heute König, King Knossi. 1,6 Millionen Menschen folgen dem Account @TheRealKnossi. Dazu kommen 1,2 Millionen bei YouTube. Im Stream trägt Knossalla eine billige Faschingskrone, sein Markenzeichen. Um Applaus bittet er sein Publikum auf die denkbar einfachste Weise: „Wenn euch das gefällt: eine Eins in den Chat.“ Erfolgreich wird er auch auf Twitch mit Glücksspiel: Er spielt live auf Online-Plattformen und filmt sich dabei. Dabei brüllt er oft, bis das Mikrofon übersteuert, fleht den Spielautomaten an, bettelt um die richtigen Symbole. In einem seiner Lieblingsspiele bringt das Bild einer Alge viel, das einer Flosse wenig Geld. „Alge, Alge, Alge“, schreit er, „scheiß Flosse.“ Es wird der Refrain seines ersten Charterfolgs werden, „Alge“ heißt der Song, den gleichnamigen Schnaps kann man im KnossiFanshop erwerben. Weiter im Songtext heißt es: „Bin

ich zu laut, bist du zu schwach.“ Das Laute, Emotionale wird zu Knossallas Markenkern. King Knossi hat oft Tränen in den Augen, vom Lachen, Schreien – oder vor Rührung und Trauer. Längst spielt er nicht mehr nur, er erzählt auch aus seinem Alltag. Dass ihm jemand Fäkalien per Post geschickt, seine Tante Krebs, seine Frau ihn verlassen hat. Und immer wieder, dass er gar nicht glauben kann, dass so viele ihm zusehen. Als Gäste holt er sich Stream-Kollegen wie Montana Black und Sascha Hellinger oder Rapper Sido vor die Kamera. Und ab und zu auch seine Mutter. Im Juli 2020 filmen sich Knossi, Hellinger und Sido drei Tage lang beim Angeln und Zelten, Gäste wie Pietro Lombardi und Andreas Bourani kommen vorbei. 72 Stunden Klassenfahrt-Feeling live, inklusive Peniswitze und Lieder am Lagerfeuer. Dem „Angelcamp“ schauen mehr als 300.000 Menschen gleichzeitig zu, deutscher Stream-Rekord. Ein paar Monate später brechen sie den selbst wieder beim „Horrorcamp“. Inzwischen hat Jens Knossalla ein Buch geschrieben, das „König des Internets“ heißt und auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste gelandet ist. Er nutzt keine Online-Spielautomaten mehr im Stream, der Vorbildfunktion wegen. Nur das Pokern gibt er nicht auf. Er streamt noch immer aus dem Zimmer unter dem Dach, zu Hause bei seinen Eltern. Er hat keinen Lamborghini in der Garage wie Streamer Montana Black, aber ein Trampolin im Garten für seinen kleinen Sohn. Und er darf eine Late-Night-Show bei RTL moderieren. Die Quoten sind schlecht.

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