turi2 edition #13: Agenda 2021

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»Online-Werbung ist die nächste Blase, die demnächst platzt. So wie Over-Tourismus oder Over-Konsum«

Matthias Horx 1955 in Düsseldorf geboren, die Kindheit in Kiel, die Jugend in Frankfurt verbracht, seit 1999 in Wien beheimatet. Dazwischen liegen ein Studium der Soziologie, die Arbeit als Journalist bei „Tempo“, „Zeit“ und „Merian“, eine Karriere als Bestsellerautor. Er gründet erst das Trendbüro mit Peter Wippermann, danach das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt und Wien. Horx ist mit der Publizistin Oona Strathern-Horx verheiratet und hat zwei Söhne, die im Family-Business bereits mitarbeiten

Auch im alten Normal wussten wir, dass es so nicht weitergehen kann. Brauchen wir das neue Normal? Normal ist das, was wir als gewohnt empfinden. Aber in der Gewöhnung liegt auch Gefahr. In der Krise wurde sichtbar, dass schon im alten Normal das Unnormale lag: immer weiter, immer schneller, immer hektischer. Die Krise hat zum Bruch mit dem Gewohnten geführt, zu einer brutalen, aber auch lehrreichen Unterbrechung der Routinen. Mehr als die Hälfte der Deutschen sagen, dass sie in der Corona-Zeit Erfahrungen gemacht haben, die sie auch in Zukunft nicht missen wollen. Das neue Normal könnte also auch eine größere Offenheit für das Neue, das wirklich Andere bedeuten.

Wie sieht Ihr Masterplan für das Leben nach Corona aus? Masterpläne sind für den Papierkorb. Ein Teil der Gesellschaft wird versuchen, so schnell wie möglich da weiterzumachen, wo er aufgehört hat: in der Steigerungslogik, die aber auch zunehmend Enttäuschungen, Ängste und Konflikte schürt. Ein gar nicht so kleiner Teil erlebt jedoch einen SelbstWandel, eine Veränderung des Mindset. Das gilt auch für Unternehmen. Die Corona-Krise hat ja einerseits einen gewaltigen Vertrauens-Verlust erzeugt. Andererseits auch einen enormen VertrauensBedarf. Wir brauchen ein neues Vertrauens-Design für das Verhältnis zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Schafft Corona das, was kein Klimaschützer bewirken konnte - die ökologische Wende? Es gibt zumindest einen erstaunlichen Schub in diese Richtung. Denn die Corona-Krise konfrontiert uns existentiell mit unseren Abhängigkeiten: Wie ist unser Verhältnis zur Natur? Wie ist unser gesellschaftliches Verhältnis? Aber auch: Wie wollen wir leben? Was sind unsere Werte? Die Parole, mit der wir gegen Corona auftreten, „Flattening the Curve“, gilt auch für die eigentlich drohende Katastrophe unseres Jahrhunderts: die Erderhitzung durch CO2. Corona bot uns eine Vision, eine Anthropau-

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se: Auf einmal sind die Kanäle Venedigs glasklar, Tiere wandern wieder in Gebiete ein, die sie vorher gemieden haben. Das ist ein schönes Versprechen auf die Zukunft. Also weniger Konsum? Ich glaube nicht, dass die ökologische Wende durch Verzicht- und Versagungsstrategien funktionieren wird. Es geht eher um ein Loslassen: Wir merken plötzlich, dass die vielen Business-Reisen gar nicht so toll und nötig waren. Und dass es schön ist, Zeit fürs Lesen und die Familie zu haben. Ein großer Teil der Bevölkerung wertschätzt diese postmateriellen Erfahrungen. Die postfossile Wende gelingt, wenn wir uns aus der Warte einer höheren Lebensqualität für das Bessere entscheiden. Wir nennen das die „Blaue Ökologie“, im Gegensatz zur „Grünen Ökologie“, die eher auf Schuld und Vorwürfen basiert. Eine Ökologie, die Technologie, menschliche Bedürfnisse und intelligente, adaptive Systeme neu zusammenbringt. Hat Covid-19 die Kraft, Megatrends zu ändern? Allerdings. Ein Beispiel: Seit zehn Jahren verzeichnen wir einen Nationalismus-Trend, die Suche nach Heimat, den Wunsch nach Verwurzelung. Das ist der Gegentrend zum Megatrend Globalisierung. Was zunächst wie ein Paradox anmutet.