turi2 edition #13: Agenda 2021

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»Ich empfinde das Rad, das wir deutsche Unternehmensgründer insgesamt drehen, nicht als zu groß« Journalismus geht auf Deutschlandreise. Es gibt überall in Deutschland Pioniere, auch entlang von Elbe, Rhein, Oder und Inn. Und es gibt in 2021 überall eine Bundestagswahl. Kommen wir mal mental zum Landgang: Ich bewundere den Mut, mit dem Sie sich in neue Abenteuer stürzen und dabei stets das größtmögliche Rad drehen. Zugleich fürchte ich, Sie könnten dem Übermut anheimfallen. Wie unterscheiden Sie Mut, Tollkühnheit und Übermut? Ich empfinde das Rad, das wir deutsche Unternehmensgründer insgesamt drehen, nicht als zu groß. In Amerika wurden Google und Facebook erfunden – und hier? Im Medienbereich sehen wir Politico, HuffPost und Axios. Das sollte uns stimulieren und nicht ängstigen. Das Neumacher-Rad in Deutschland ist eher zu klein als zu groß. In welcher der drei Kategorien verorten Sie Ihr Handeln? Ich sage, was ich denke und versuche zu liefern, was ich verspreche. Wenn das schon tollkühn ist, dann Gute Nacht, Marie. Was wäre in Ihren Augen Übermut? Wenn ich mich als Selfmademan bezeichnen würde. Den gibt es nämlich nur als Wort, nicht aber als realexistierendes Wesen. Ich arbeite im Team mit herausragenden Journalisten, mit

wunderbaren Technikern und Marketingmenschen und einem CEO, der den Laden und seine Kasse zusammenhält. Mit Axel Springer, die 36 Prozent der Anteile halten, und unseren Leseraktionären, denen zum Ende des Jahres 10 Prozent von Media Pioneer gehören werden, haben wir leidenschaftliche Investoren an unserer Seite. Auch das ist für den gemeinsamen Erfolg eine wichtige Zutat. Sie haben Ihren Morgennewsletter mit Podcasts gepimpt und zum Canale Grande der HauptstadtBerichterstattung gemacht. Sie fangen gerade erst an, Fahrkarten zu verkaufen. Ist es Mut oder Übermut, bei 50 Mitarbeitern und tiefroten Zahlen jetzt auf 70 Köpfe zu erhöhen? Diese „tiefroten Zahlen“ sind das, was man in der Betriebswirtschaftslehre „Investition“ nennt. Wir investieren in einen neuen, unabhängigen, werbefreien Journalismus und haben für das Erreichen der Gewinnzone einen realistischen Businessplan. Ob Sie es glauben oder nicht: Trotz Covid-19 haben wir unsere Auflagen-, Erlös- und Ergebnisziele in 2020 erreicht und teilweise überschritten. Unser Bezahlmodell, das wir im Frühsommer gestartet haben, funktioniert. Das ist die Grundlage für unsere verstärkten Investitionen in 2021. Sie lieben die amerikanischste aller Business-

Philosophien: eine Marke mit Investorengeld groß machen und erst später profitabel. Hat das nicht einen entscheidenden Nachteil? Welchen? Sie müssen nach und nach Anteile abgeben, Sie sind irgendwann nicht mehr Herr im eigenen Haus. Für mich ist das altes Denken. Schon aus biologischen Gründen ist kein Gründer auf Dauer „Herr im Haus“. Jeder sollte schon deshalb über sich hinausdenken. Rudolf Augstein, das nur nebenbei, hatte zuletzt mit 25 Prozent eine starke und vernehmbare Stimme. Bis der Herr ihn rief. Wir sind alle nur Mieter. ...auf Erden, Amen! Tatsache ist: Springer hat den größten Gesellschafteranteil bei Ihren jungen Pionieren und bei Springer hat die Heuschrecke KKR das Sagen. Die werden schwarze Zahlen von Ihnen verlangen. Sie haben Ihre Freiheit gegen die Kapitänsmütze auf einem Spreeschipper eingetauscht. Vorsicht, Irrtum: die absolute und relative Mehrheit der Kapitalanteile und damit auch der Sitze im Aufsichtsrat halten der Gründer und sein Management-Team. Und: Ich habe die Freiheit des Privatmannes gegen die Freiheit eines Gründers getauscht; eines Gründers mit professionellen Partnern, mit leidenschaftlicher Mann-

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schaft, mit ehrgeizigen Zielen. Insofern handelt es sich um eine Freiheit mit Verantwortung. Wann haben Sie gespürt, dass die Zukunft der Tageszeitung der MorgenNewsletter ist und die adäquateste Form des Interviews die Ohrenzeugenschaft? Meinen Newsletter habe ich im Jahr 2010 gestartet, nachdem ich als Washington-Korrespondent des „Spiegel“ erlebt hatte, wie Barack Obama mit diesem einfachen, sehr direkten und maximal persönlichen Instrument eine Massenkommunikation gestartet hatte. Heute nennen wir intern Steingarts Morning Briefing ein pre-breakfast-medium, der heimliche Claim lautet: Mehr Tageszeitung braucht kein Mensch. Das ist übertrieben, aber die Rückmeldung, die wir von unseren Leserinnen und Lesern bekommen. Zuweilen erreichen wir mit einem einzigen Briefing eine Million Menschen pro Tag. Der Morning Briefing Podcast ist das perfekte Drive-Time-Medium für mobile Menschen. Hier erzielen wir derzeit fast 800.000 Streams pro Woche. Beide Produkte legen weiter zu. Was planen Sie an LiveEvents post corona? Der Live-Journalismus hat eine große Zukunft, weil er den bisher passiven Zuschauer in eine aktive Rolle versetzt. Er ist nicht nur Konsument, sondern auch Produzent. Er und