turi2 edition #13: Agenda 2021

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»Es klingt frivol, aber dem Echtzeitexperiment Corona wohnt ein journalistischer Zauber inne« Käpt’n Steingart, sagen Sie als großer Welterklärer und Metaphernschmied uns Leichtmatrosen doch bitte mal: Was war 2020 für ein seltsames Jahr? Das Leben wird nach vorne gelebt, aber nach hinten verstanden. Der Satz stammt nicht von mir, sondern von dem dänischen Philosophen ­Søren Kierkegaard. Aber er ist trotzdem wahr. Und er trifft in besonderer Weise auf dieses Pandemiejahr zu. Das heißt? In welche Fahrwasser sind wir geraten? Es gibt zur Zeit keine funktionierende Fahrrinne und die Sicht nach vorne ist getrübt. Nebel, überall Nebel. Begleitet vom Gesang der Sirenen, die auch dann Sirenen bleiben, wenn sie sich selbst „Querdenker“ nennen. Wo ist die Not am größten? Diese Pandemie spaltet in einer nie dagewesenen Weise. Der Staatsdienst dreht mächtig auf und steht dicke da. Er hat Geld, Personal und ExecutivePower. Aber überall da, wo Menschen schon vorher in prekären Arbeitsverhältnissen lebten, ist die Not zurückgekehrt. Tagelöhner, Leiharbeiter,

Geringqualifizierte und Millionen von Soloselbstständigen sind die Verlierer einer wirtschaftlichen Kontraktion, die – durch den doppelten Lockdown verschärft – zu ihrer Aussteuerung führt. Wir erleben den größten Diebstahl von Lebenschancen seit Gründung der Bundesrepublik. Was läuft schief auf der MS Deutschland? Die heimliche Verehrung von Regierung und Staatsgewalt scheint bei vielen Zeitgenossen im Gencode gespeichert. In der Krise kommt diese autoritäre Prägung durch, leider auch bei vielen Journalisten. Sie trauen sich den Gedanken, dass es anders gehen könnte als von Angela Merkel vorgegeben, gar nicht mehr zu. Jeder Lockdown wird medial wie die Erlösung gefeiert. Zuweilen könnte man meinen, Heinrich Manns „Der Untertan“ wird in der Schule gelesen und im Leben nachgespielt. Einspruch! Heinrich Manns Untertan Diederich Heßling ist ein kaisertreuer Opportunist am Ende des Wilhelmismus. Was hat das damit zu tun, dass eine Mehrheit der Deutschen den Regierungskurs in der Pandemie unterstützt?

„Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstbewusstsein, das kollektiv war.“ So beschreibt Mann den Prototypen des Wendehalses. Der deutsche Opportunismus, leider auch der Opportunismus der Medien, hat das Kaiserreich überlebt; oder wie mein zu früh verstorbener SpiegelKollege Jürgen Leinemann zu sagen pflegte: „In der Bundespressekonferenz besitzt ein jeder Kanzler die absolute Mehrheit.“ Damit beschrieb er den selben Sachverhalt, nur höflicher. Was läuft super? Die Welt kooperiert. Gott sei Dank. Über alle geografischen, politischen und religiösen Grenzen hinweg arbeiten Mediziner, Politiker und Pharmaforscher zusammen, um den Anti-Corona-Impfstoff zu entwickeln, zu produzieren und schließlich zu verteilen. Kein Populist, sondern der wissenschaftlich-technische Fortschritt wird uns retten. Viele könnten über 2020 schreiben: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Wie war’s für Sie persönlich? Ich habe das Jahr nicht nur, aber auch als beglückend empfunden. Weniger Flughafen, mehr

Denkraum. Der Familie und dem Aufbau der Firma Media Pioneer hat die Abwesenheit von Routinen gut getan. Die Rituale der gehetzten Gesellschaft vermisst doch kein Mensch. Wie wird 2021? Ich hoffe auf ein Jahr der Transformation. Die Welt von gestern verabschiedet sich. Ich freue mich auf die Welt von morgen. Meine Tür ist angelehnt. Was ist Ihr mentaler Rettungsring in schweren Zeiten? Keine Dramatisierung, bitte. Ich persönlich habe in 2020 keine Sekunde gelitten. Wir erleben eine Gesellschaft in einer historisch einmaligen Extremdrucksituation. Alles wird getestet: Unsere demokratische Verfasstheit, unsere Institutionen, unser Geldsystem, der Bildungskomplex. Es klingt frivol, aber diesem Echtzeitexperiment wohnt ein journalistischer Zauber inne. Was haben Sie 2021 vor? Wohin steuern Sie Ihren Spreekahn? Sie meinen unsere stolze Pioneer One? Die werden wir in 2021 auch quer durch Deutschland bewegen. Das Patrouillenboot eines unabhängigen

Gabor Steingart ist der große Unvollendete des deutschen Journalismus: 1962 in Berlin geboren, studiert er Politik-

wissenschaften in Marburg und Berlin, arbeitet für den „Spiegel“, scheidet im Streit, wird Chefredakteur, Herausgeber und Juniorverleger beim „Handelsblatt“, scheidet 2018 im Streit und wird 2019 Medienunternehmer mit Hilfe des SpringerVerlags. Vielleicht schafft Steingart im dritten Anlauf, Nietzsches Forderung „Werde, der du bist“ zu erfüllen: Gabor Superstar

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