turi2 edition #13: Agenda 2021

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Video-Infrastruktur von den US-Techkonzernen abgekoppelt und halten auch unsere Daten in unserem eigenen System. Aber: Wir brauchen Allianzen. Die Ad Alliance war genau das Richtige zum Anfang, genauso D-Force, unser Joint-Venture mit ProSiebenSat.1. Das treiben wir voran, auch über Deutschland hinaus. Wir müssen als Europäer unsere Kräfte bündeln, um eigenständige, für Partner offene Infrastrukturen anzubieten. Am Ende wollen die Werbekunden Kontakte kaufen – egal ob bei Facebook, YouTube oder bei uns – und da sind Reichweite und Werbewirksamkeit die wichtigsten Argumente. Es kommt also auf die Größe an? Ja. Und auf Vielfalt. Wir müssen in die Breite und in die Tiefe gehen, wobei Breite für möglichst vielfältige Medien und Zielgruppen steht und Tiefe für die Menge an Kontakten. Inzwischen vermarktet die Ad Alliance so unterschiedliche Print-Titel wie „Spiegel“, „stern“ und „Bild“. Ist die Lage so ernst, dass Sie sich mit jedem verbünden? Im Gegenteil: Wir haben in den vergangenen Jahren viele Gespräche mit möglichen Partnern geführt und überlegen sehr genau, wer in die Ad Alliance hineinpasst. Bevor wir über Größe, Qualität und saubere Umfelder sprechen, geht es uns ums Mindset. Wir sehen uns als Gemeinschaft von Überzeugungstätern, die an einem Strang ziehen.

Und: Niemand muss dabeibleiben. Wer feststellen sollte, dass die Ad Alliance nichts für ihn ist, kann auch wieder ausscheiden – natürlich im Rahmen der Verträge. Publizistisch liegen zwischen „Bild“ und „Spiegel“ Welten. Genau. Und diese Vielfalt der Mediennutzung vermarkten wir. Auf der Content-Seite bilden „Bild“ und „Spiegel“ zwei Pole. Der Blick auf den Markt und die Vermarktung ist aber ganz ähnlich. Wir haben einmal pro Monat eine Konferenz mit den verschiedenen Auftraggebern der Ad Alliance. Da kommen alle Probleme auf den Tisch und es wird auch mal kontrovers diskutiert. Aber am Ende würden Sie sich wundern, wie wenig Diskrepanzen es gibt und wie gut wir uns verstehen. Wer kommt als nächstes? Burda? ProSiebenSat.1? Aktuell steht nichts vor der Tür. Das hätte auch wettbewerbsrechtliche Grenzen. Ich denke, im Moment haben wir eine gute Größe. Die von Ad Alliance vermarkteten Plattformen erreichen 99 Prozent der Bevölkerung – im Monat. Klar ist das erstmal eine theoretische Größe, aber die Zahl zeigt, wo wir stehen. Die eigentliche Challenge für so einen großen Vermarkter wie uns ist es, auch in den Nischen gut aufgestellt zu sein. Wir haben Kunden, die investieren zweistellige Millionen-Beträge pro Jahr in Werbung und welche, die geben 10.000 Euro aus. Da eine gute Balance hinzubekommen, ist uns sehr wichtig.

Sie haben 750 Mitarbeiter*innen in der Ad Alliance, wie können die im Home-Office zusammenspielen? Das braucht viel Verständnis und Flexibilität. Gerade im ersten Lockdown war klar: Wo die ganze Familie zu Hause war und die Wohnung nicht dafür ausgelegt ist, in Ruhe arbeiten zu können, braucht das mehr Zeit und mehr Akzeptanz. Im Lockdown vor Weihnachten haben wir aber gemerkt, dass sich das eingegroovt hat. Unsere Überzeugung ist, dass es nie wieder so kommen wird, wie es vor Corona war, wir werden immer weiter in eine flexible Arbeitswelt kommen. Dahin waren wir schon vor der Krise auf dem Weg, aber die Pandemie hat es um Lichtjahre beschleunigt. Sie waren lange Handballbundesliga-Schiedsrichter, da kann man es nie allen recht machen. Hilft die Erfahrung? Ja, in gewisser Weise schon. Wie sehr bei mir beides, also das Hobby als Schiedsrichter und der Job bei RTL, zusammenhingen und ineinander verzahnt waren, habe ich aber erst rückblickend gemerkt. Als Handballschiedsrichter muss ich auch Team-Spieler sein. Ich muss mich blind und zu 100 Prozent auf meinen Co-Schiedsrichter verlassen können. Man hat in der Halle ja keine Freunde, alle wollen dich beeinflussen, es herrscht ein enormer Druck.

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Genau wie im MediaGeschäft? Ein bisschen. Auch hier muss ich mich blind auf die Kolleginnen und Kollegen verlassen können. Ich muss Verantwortung delegieren – und die Kunden wollen natürlich auch immer was von Dir, am liebsten Rabatte. Wie geht man richtig mit Fehlentscheidungen um? Beim Handball kommt es drauf an, wann man den Fehler bemerkt. Manchmal sieht man erst hinterher in der VideoAnalyse, dass man daneben gelegen hat. Wenn man im laufenden Spiel eine Fehlentscheidung trifft, heißt es dennoch, konsequent zu bleiben, ohne sich aufzuspielen. Im Einzelgespräch mit einem Spieler habe ich dann aber schon mal gesagt: „Sorry, ich lag daneben, kann es aber nicht mehr ändern.“ Und das versteht der dann auch. Und im Job? Klar, auch da trifft man mal eine Fehlentscheidung oder es geht mal etwas schief. Da kann – und muss – man intern auch in größerer Runde drüber sprechen. Was wünschen Sie sich für das Jahr 2021? Wichtig ist, dass wir möglichst alle gesund durch die nächsten ­Monate kommen. Ich hoffe, dass uns der Impfstoff dabei hilft, schrittweise wieder zurück zur Normalität zu kommen. Und beruflich: Dass sich die Märkte schnell wieder erholen.